730 Sonnenauf- und -untergänge später …

Was, schon wieder ein Blogeintrag? Nein, nicht die Langeweile ist zurückgekehrt, sondern es gibt allen Grund zum Feiern: Am 08.08.2017 sind wir genau seit 2 Jahren unterwegs, 7379 Seemeilen liegen hinter uns, 12 verschiedene Gastlandflaggen haben wir gehisst, viele Abenteuer erwarteten uns, neue liebe Menschen haben wir kennengelernt und es wird Zeit, Bilanz zu ziehen. Ich habe beschlossen, mal wieder selbst in die Tasten zu hämmern, auch wenn mein Ghostwriter Helmut einen Superjob macht, seine Beiträge mich immer wieder schmunzeln lassen und ich eigentlich lieber fotografiere.

 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie unsere Freunde uns mit Sack und Pack nach Italien brachten, wir mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Leinen loswarfen und mit Tränen in den Augen Abschied von liebgewonnen Freunden und unserem alten Leben nahmen. Was uns wohl erwartet? Als ziemliche Segelneulinge trieb uns unsere erste Nachtfahrt von Vis nach Bari die Schweißperlen auf die Stirn und anfangs blieben wir bei angesagten 15 kn Wind (4 Beaufort) vorsichtshalber im sicheren Hafen liegen. Inzwischen hoffen wir, dass der Wind mit 15 kn bläst, damit wir vorankommen und können Nachtfahrten unter sternenklarem Himmel genießen. Wie sich doch alles relativiert. Nach unserer anstrengenden Atlantiküberquerung hatte ich erst einmal die Nase voll vom Segeln und war mir sicher, keinen Ozean mehr mit unserem kleinen Boot bezwingen zu wollen. Jetzt liegt der Pazifik zum Greifen nahe, das nervige Gerolle des Atlantiks ist vergessen und ein Teil der Welt will entdeckt werden, in den wir so schnell nicht zurückkehren werden. Bis Australien würden wir es gerne schaffen, Südseeflair genießen, nachdem uns das Karibikfeeling nicht wirklich gepackt hat. So ist der Plan, aber Pläne ändern sich bekanntlich immer wieder…

Zwei Jahre (40)

Dass unser Leben an Bord eines 32 Fuß langen Schiffes mit Einschränkungen verbunden sein wird, war uns klar. Ich habe mal nachgemessen, unsere aktive Lauffläche im Boot, d.h. Fläche, auf die wir ungehindert unseren Fuß setzen können, beträgt inklusive Cockpit 3,49 m², das macht pro Person 1,16 m². Die empfohlene Auslauffläche für eine deutsche Biohenne beträgt 10 m² pro Huhn! Da fallen wir wohl eher in die Kategorie Batteriehaltung. Somit ist es nicht verwunderlich, dass unkontrolliertes Im-Weg-Rumstehen mit Gezicke und Angeraunze kommentiert wird. Trotzdem haben wir drei uns inzwischen gut arrangiert, jeder hat sein bevorzugtes Eckchen und die Stimmung an Bord ist meistens harmonisch. Was für ein Luxus, so viel Zeit mit meiner Familie verbringen zu können, fremde Länder und neue Menschen kennenzulernen und unsere tapfere Auriga ist ein richtiges Zuhause geworden.

 

Felix ist mir inzwischen über den Kopf gewachsen und ich bin mit 1,77 m die Kleinste in der Familie. Unglaublich! Er ist nicht nur körperlich gewachsen, sondern auch mental gereift und ist ein richtiger Teenager geworden. Die meisten Bootskinder, die wir treffen, sind alle viel jünger als er und wenn dann doch mal ein älteres Kind an Bord ist, heißt es noch lange nicht, dass die Chemie zwischen den beiden auch stimmt. Da sind jüngere Kinder einfach unkomplizierter. Trotzdem fühlt er sich noch wohl mit uns, genießt es auch, dass Alex und Birger da sind, mit denen wir ausgiebieg Karten spielen können und die San Blas Inseln gemeinsam erkunden werden.

 

730 Sonnenaufgänge und fast jeden Tag Sonnenschein. Traumhaft? Ich sehne mich inzwischen nach richtigem Mistwetter mit Regen, Nebel und kühlen Temperaturen. Der tägliche 20minütige Regenschauer bringt nicht wirklich Abkühlung, im Gegenteil, anschließend ist es noch dampfiger als vorher. Tropisches Klima mit konstanten 30 Grad und 80 % Luftfeuchtigkeit ist definitiv kein Wohlfühlklima für mich. Gemessen an den etlichen Litern Schweiß, die ich hier schon vergossen habe, hätte ich mich schon längst auflösen müssen. Wir Seglerfrauen in Kolumbien (alle ungefähr im gleichen Alter) sind uns einig, dass ein Verschleppen von Frauen in den Wechseljahren in tropische Gefilde schon an Tierquälerei grenzt. Uns ist doch eh schon die ganze Zeit heiß! Erstaunlicherweise scheinen die kolumbianischen Frauen damit keine Probleme zu haben. Sie sehen immer aus wie aus dem Ei gepellt und bis auf wenige Ausnahmen ist keine Spur von Schweißtropfen zu entdecken. Wie machen die das nur? Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass ich vier Jahreszeiten brauche, mir andauernder Sonnenschein auf die Nerven geht und ich auf Schweißfilm als ständigen Begleiter gut verzichten kann. Ein Hoch auf unsere Klimaanlage, ohne die es hier nicht auszuhalten wäre.

 

Erstaunlich, dass es doch fast 2 Jahre gedauert hat, bis so etwas wie Langeweile aufkam, ein Gefühl, das ich schon fast vergessen hatte nach den letzten Jahren, die vollgepackt waren mit Terminen und Verpflichtungen. Das ist der wahre Luxus auf dieser Reise, Zeit zu haben und vor allem sich seine Zeit frei einteilen zu können. Natürlich bestimmt das Wetter unseren Rhythmus der Weiterfahrt, aber das ist auch schon alles. Das süße Nichtstun verliert jedoch auch nach einiger Zeit seinen Reiz und so sucht man sich eine Beschäftigung. Der Schulunterricht mit Felix macht mir wirklich Spaß und jetzt, wo Ferien angesagt sind, habe ich angefangen zu häkeln, Mitbringsel für die Kinder auf den Inseln. Alex hat ihre Nähmaschine dabei und somit wird Stoff gekauft und unsere Winschen, der Förthmann und unser Außenborder mit Mützen versorgt. Und Alex hat noch etwas Tolles dabei: Ein Fahrrad, das sie nicht benutzt. Sie war so lieb, es aus der Backskiste herauszukramen. Jetzt kann ich endlich wieder nach Lust und Laune radeln. Das viele Herumgesitze auf dem Boot ist auch so ein Punkt, der mir zu schaffen macht. Ich war es einfach gewohnt, immer in Bewegung zu sein, mit unserer Luna Gassi zu gehen, zu radeln mit meinen Mädels Sport zu treiben und hier? Einfach zu heiß. Das Fitnessstudio gegenüber der Marina öffnet um 6 Uhr, aber auch dazu kann ich mich nicht aufraffen. Da radle ich doch lieber durch die Stadt und entdecke immer wieder neue Wände, die mit faszinierender und sehr fantasievoller Streetart bemalt sind. Eine tolle Form, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

 

Wir haben einige Segler getroffen, die schon jahrelang auf dem Boot leben oder mit „open end“ unterwegs sind und da habe ich mich immer wieder gefragt, ob das eine Lebensform wäre, die ich mir für mich vorstellen könnte. Die Antwort ist ein klares „nein“, nicht auf Dauer, gerne immer mal wieder, aber ich vermisse meine Familie, meine Freunde, unsere Tiere und einen Garten, in dem ich herumwühlen kann. Trotzdem genieße ich die unvergessliche Zeit mit meinen zwei Männern, die wir noch auf unserer Auriga verbringen werden und möchte sich nicht missen.

 

Fair winds,

eure Antje

Kleines Schiff – großes Abenteuer

Zwei Jahre (70)

Boh ey, ich weiß schon, ihr seid die Größten – aber wer macht denn hier die ganze Arbeit? Na ICH! Also finde ich es an der Zeit, dass ich auch mal zu Wort komme. Mein Name ist übrigens Auriga und dass ich in meinem Alter nochmal auf große Fahrt gehe, hatte ich eigentlich nicht gedacht. Aber erstmal zum Anfang zurück. Ich bin eine Phantom 32 vom Mittelrhein, mein Stapellauf war 1978 und heute bin ich wahrscheinlich eine der letzten meiner Art. Meine 300 Brüder und Schwestern treffe ich kaum noch, aber einer von uns soll sogar mal um die Welt gesegelt sein, hab ich jedenfalls von einem alten Schoner in irgendeinem Hafen gehört – Hut ab. An meine Kindheit kann ich mich nicht mehr richtig erinnern, dafür hatten es die letzten zehn Jahre aber in sich.

Zwei Jahre (64)

Meine letzten Besitzer hatten ja auch was ganz Besonderes mit mir vor, aber außer dem Mittelmeer habe ich nicht viel zu sehen bekommen. Und dann ging es plötzlich von Griechenland in die Lagune von Merano, ich werde aus dem Wasser gezerrt, an Land gestellt und bin nur noch ein besserer Wohnwagen! Was habe ich im ersten Winter gefroren und was soll das überhaupt? Fast ein Jahr haben die mich da stehen lassen. Hin und wieder kamen mal ein paar Fremde vorbei, sind auf mir rumgeturnt, haben den Kopf geschüttelt und mir nicht gerade Komplimente gemacht. Hey, ich habe auch Gefühle! Okay, ich bin zwar nicht groß und schon älter, aber ein bisschen Anstand kann man ja wohl erwarten! Eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden an Land zu verrotten, Klappe zu – Affe tod! Doch dann kam wieder neuer Schwung in mein Leben. Im Herbst 2013 stehen plötzlich diese beiden Nasen aus dem Allgäu vor mir, Gott was für Typen. Stellen sich nicht richtig vor und schauen mir dann gleich in die Bluse und unter den Rock – Was für eine Unverschämtheit.

Zwei Tage sind die bei mir geblieben, haben sich alles angeschaut, an mir rumgefummelt und mir sogar schöne Augen gemacht. Zum Schluss durfte ich auch mal wieder ins Wasser und mir die Beine etwas vertreten. Ich war wohl ein bisschen aus der Übung und bin gleich mal in einer Sandbank hängen geblieben – wie peinlich, aber es war trotzdem herrlich. Endlich wieder in meinem Element. Eigentlich war die beiden doch ganz sympathisch und als sie beschlossen hatten mich zu kaufen, war ich ziemlich happy und dachte jetzt geht’s hoffentlich gleich wieder ins Wasser zurück. Jaja, Pustekuchen! Die haben sich dann erstmal bis Weihnachten nicht mehr blicken lassen und dann kamen sie auch noch zu dritt zurück und haben sich bei mir häuslich eingerichtet. Baden gehen war natürlich wieder nicht drin und nach einer Woche sind sie auch wieder abgezogen, aber inzwischen mag ich die drei. Erst fünf Monate später kam der Typ wieder zu mir! Dann ging es aber ganz schnell und ich durfte ins Wasser und bin in einen Fluss bei San Giorgio di Nogaro umgezogen. In meinem neuen Hafen konnte ich zwar im Wasser bleiben, aber der Punk ging hier nicht so richtig ab. Meine Nachabarn sprachen nur italienisch und mir wurde ziemlich schnell langweilig. Als ob man so mit einem neuen Familienmitglied umgeht! Eigentlich bin ich ja nicht nachtragend, aber unseren ersten Ausflug musste ich den dreien dann doch versauen. Kaum waren wir im offenen Meer, ging mein Motor nicht mehr aus – haha, die Gesichter hättet ihr sehen sollen! Die haben zwar danach ganz schön mit mir geschimpft, dafür kamen sie anschließend aber öfter zu Besuch und haben mich wieder so richtig auf Vordermann gebracht. So ging´s dann die nächsten zwei Jahre weiter und wir haben uns dabei so richtig gut kennen- und schätzen gelernt.

Deshalb waren wir auch bis auf einen Ausflug nach Slowenien nicht so oft zusammen unterwegs und ich hatte mich schon auf einen gemütlichen Lebensabend im Süßwasser eingestellt. Aber im Frühling 2015 musste ich schon wieder umziehen und wurde in den hiesigen Yachtclub verlegt. Hier war vielleicht was los! Endlich mal wieder Landsleute treffen und schnacken. Das war ganz nach meinem Geschmack! Doch schon ein paar Tage später heben die mich wieder aus dem Wasser und stellen mich an Land. Fast vier Wochen haben die an mir rumgebastelt und lauter komisches Zeug in mich eingebaut. Ich habe eine Radarschüssel, einen Plotter und ein SSB-Radio bekommen – geht mir zwar ein bisschen auf die Hüften, sieht aber echt cool aus. Als sie dann auch noch mit einer neuen Rettungsinsel ankamen dämmerte mir, dass hier was ganz Großes läuft!

Zwei Jahre (39)

Meine weibliche Intuition hat mich dann auch nicht getäuscht. Anfang August waren plötzlich ganz schön viele Leute bei mir am Steg, die haben alle geheult wie die Schlosshunde und dann hieß es Leinen los. Wir sind dann erstmal nach Süden gefahren, waren jeden Tag in einem anderen Hafen und ich voll in meinem Element. War zwar zunächst alles nichts Neues für mich, aber ich hatte trotzdem Spaß. Und was ich für Typen getroffen habe, einfach unglaublich. Dann ging´s aber in unbekannte Gewässer. In der Straße von Messina haben wir dann unseren ersten Sturm abgewettert, das haben die aber ganz ordentlich gemacht. Richtig zusammengewachsen sind wir aber auf der Überfahrt nach Sardinien. Man hat´s da in der Nacht gekachelt, aber die drei haben trotz Seekrankheit und schlechtem Wetter gut durch und mich auf Kurs gehalten. Danach hatte ich allerdings kurz der Gefühl, das war´s jetzt! Aber die haben sich nach ein paar Tagen wieder beruhigt und wir sind dann immer weiter nach Westen gesegelt.

An der Südküste Spaniens waren dann aber nach vier Monaten ein paar Kuscheleinheiten fällig. Ich habe ein neues Vor- und Backstag und neue Isolatoren bekommen. Mein Motor wurde überholt und die Navigatioselektronik verbessert. Drei Wochen haben mich die drei nach Strich und Faden verwöhnt. Ich hab´s aber auch echt verdient – finde ich jedenfalls! Anschließend segeln wir nach Gibraltar. Diese verrückten Hühner wollen doch wohl nicht in den Atalntik, oder? Aber genau so war´s dann! Obwohl ich drei Anläufe gebraucht habe die Straße von Gibraltar in meinem Kielwasser zu lassen, haben wir schließlich den Atlantik erreicht. So viel Wasser habe ich noch nie gesehen, mein Gott ist der riesig und so herrlich erfrischend. Hier habe ich mich sofort wohl gefühlt. Bis auf die kanarischen Inseln hat mir dann die Blam III Gesellschaft geleistet. Die Süße war sogar nur 8,50 Meter lang, da bin ich mir richtig GROß vorgekommen, was für ein herrliches Gefühl.

In Las Palmas war dann aber erstmal für sechs Monate Schluss. Irgendwie war das Wetter kaputt und deshalb mussten wir auf den Herbst warten. Mittlerweile war mir auch klar, dass die mit mir über den Atlantik in die Karibik wollen. Anfangs war mir ja etwas mulmig bei dem Gedanken, aber die drei werden schon wissen was sie tun. Dafür habe ich hier die Samantha, meine neue beste Freundin kennengelernt. Wir hatten wirklich viel Spaß in Gran Canaria. Aber irgendwann trennen sich die Wege eben wieder. Ich bin mir aber sicher, ich werde die Dicke (4,25 m breit!!!) nochmal wiedersehen. Wir sind dann nach Teneriffa und die haben wieder wie wild an mir rumgemacht. Mein Hintern hat ein Komplettlifting bekommen. Die alte, hässliche Davit kam runter und eine sehr elegante Windsteueranlage und zwei Badeplattformen wurden angebaut. Untenrum haben die mich auch frisch gemacht und mir einen neuen Unterwasseranstrich verpasst. Ich bin jetzt eine richtige Hochseeyacht und kein Küstenhüpfer mehr. Alles klar, wegen mir kann es dann losgehen.

Ende November war es dann auch so weit! Vorher haben die noch Unmengen Proviant in mir verstaut. Als ich den riesigen Haufen Essen gesehen habe, dachte ich zuerst, das klappt doch nie. Aber irgendwie haben die doch alles untergebracht. Allerdings fühlte ich mich danach etwas beleibt und hing ganz schön tief im Wasser. Schon Tage vor dem Start war ich total aufgeregt. Weil wir bei einer Regatta teilnahmen, wollte ich natürlich nichts falsch machen und war voll bei der Sache. Aber noch vor dem Start war´s vorbei, beim Segel setzen macht es Ratsch und ich habe einen Riss im Großsegel, ach nee – was für eine Scheiße! Natürlich waren wir zunächst alle total fertig und enttäuscht. Aber egal, zwei Tage später sind wir dann doch aufgebrochen und eine Woche später auf den Kapverdischen Inseln angekommen. Hier wurde mein Großsegel geflickt und nach ein paar Tagen waren wir wieder unterwegs. Nächstes Ziel Bridgetown, Barbados! Man, man, man, das war vielleicht ein Törn!

Zwei Jahre (77)

Zuerst hatten wir ganz easy Bedingungen mit niedirgen Wellen und schönen Tradewinds. Nach einer Woche ging´s dann aber echt zur Sache. Eine Woche Schwerwetter. Ich hatte ganz schön zu kämpfen. So hohe Wellen habe ich noch nie gesehen und da waren auch noch Squalls mit Regen und Sturmböen und, und …. der reine Wahnsinn! Aber der Förthmann, die neue Windsteueranlage, hat mich souverän durch alle Unwetter gebracht und die drei waren auch total cool und haben mir die ganze Zeit vertraut. Vielen Dank! In Barbados waren wir dann natürlich alle unheimlich stolz auf uns und haben erstmal richtig gefeiert. Die nächsten vier Monate waren wir dann in der Karibik unterwegs. Obwohl das Wasser sehr angenehm temperiert ist, hatten wir doch mehr erwartet. Überflüssigerweise wurde ich auch noch Opfer eines Überfalls! Zuerst haben die Barbaren versucht mein Türschloss aufzubrechen und sind anschließend über eine Decksluke eingedrungen. Zum Glück wurden keine lebenswichtigen Systeme zerstört, aber wenn die nochmal kommen, dann … Anschließend waren alle froh, als wir auf den niederländischen Antillen ankamen. Unglaublich, wie viele verschiedene Fische es hier gibt und es kitzelt immer so herrlich, wenn sie an meinem Rumpf herumknabbern! Mittlerweile sind wir in Kolumbien angekommen und ich werde schon wieder verschönert – Jaaaah. Hier habe ich auch meine liebe Freundin Samantha nach acht Monaten wiedergetroffen – das war vielleicht eine Wiedersehensfreude!

Ach Kinder, wie die Zeit vergeht. Mittlerweile bin ich schon seit zwei Jahren unterwegs und es gefällt mir immer noch ziemlich gut. Ich glaube die drei wollen mit mir noch in den Pazifik, aber mir soll´s recht sein. Schließlich werde ich gut behandelt und ein Langzeittörn ist ja artgerechte Segelboot-Haltung. Ich genieße auf alle Fälle die Zeit mit den dreien und freue mich auf den nächsten Ozean und viele neue Abenteuer. Außerdem soll der Pazifik ja eher ein ruhiger Typ sein – also ganz mein Ding. Liebe Oma Inge keine Angst, ich bring dir die drei schon wieder heil nach Hause. In diesem Sinne …

Fair winds und bis bald

Eure Auriga

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Endlich eine Arbeit …

Seit wir in Santa Marta auf Reede liegen ist einiges passiert. Wir waren in Medellin, Bogota, Panama und haben den Kanal durchquert aber manchmal passiert einfach nichts! Auch nicht schlecht, mag der eine oder andere denken, aber mich macht das irgendwie unruhig. Die Hitze und unsere Hafenroutine – Frühstück, Schule, Mittagessen, Schule, Sundowner, Abendessen … zerren langsam an meinen Nerven. Ich spüre immer wieder dieses unlustvolle, unangenehme Gefühl, eine Mischung aus erzwungenem Nichtstun und monotonem Alltag, in mir aufkommen – die anonyme Langeweile! Ganz langsam nähert sie sich von hinten, lauert manchmal hinter jeder Ecke, um dann zuzuschlagen. Miststück! Andererseits behaupten einige Leute, dass sich Langeweile inmitten der totalen Spaßgesellschaft manchmal als intelligente Antwort auf ein überbordendes Angebot aus Dekadenz und Völlerei entwickelt – auch ein interessanter Standpunkt! Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass in den 85 Büchern über Weltumsegelungen, die ich gelesen habe, irgendjemand von Langeweile geschrieben hat. Alle wirken immer irgendwie furchtbar busy, ständig passieren furchtbar aufregende Dinge – das Klo ist verstopft oder die Gasflasche leer – und die Lösungen der Probleme sind immer wahnsinnig anspruchsvoll (Spülen/Auffüllen!?) und einen täglichen Blogbericht wert. Es ist teilweise unglaublich, welche Banalitäten thematisiert werden, vielleicht bin ich ja kaputt, aber mir ist trotzdem langweilig!

Refit (1)

Allerdings bin ich nicht der Einzige, der mit diesem temporären Phänomen zu kämpfen hat. Beim Sundowner finde ich in Ken ich einen Leidenskollegen. Er ist mit seiner Frau vor zwei Jahren in Thailand gestartet und teilt meine Gefühle. Geteiltes Leid ist halt eben doch nur noch halbes Leid. Aber was tun? Ich könnte natürlich mein Englisch verbessern und Vokabeln pauken, oder – ganz verrückt – spanisch lernen, aber ich bin einfach zu träge. Der tägliche Mathematikunterricht mit Felix ist schon anstrengend genug, vor allem, weil das Kind manchmal so rechenunwillig ist. Bevor mich endgültig der Reiseblues erwischt, muss also unsere arme Auriga dran glauben. Ich habe mich für ein gepflegtes „klar Schiff machen“ entschieden. Als erstes wird das Deck gesäubert. Nachdem wir ungefähr ein halbes Kilo Kohlestaub vom nahegelegenen Verladehafen abgespült haben, geht es mit der Handbürste weiter. Einen ganzen Vormittag wird geputzt und geschrubbt bis die Außentemperaturen 35°C erreicht haben, dann ist Schluss und der innere Schweinehund gewinnt wieder die Oberhand, aber der Anfang ist gemacht!

Refit (3)

Als nächstes geht es dem allgegenwärtigem Flugrost an den Kragen. „Als Flugrost bezeichnet man nach DIN 50 900, Teil 1 eine beginnende Korrosion von Eisen oder Stahl. Die Flugrost geht zurück auf feine Eisenstäube, die an der Luft rosten und sich auf Gegenständen niederschlagen. Sie entstehen beispielsweise am Bremssystem alter Eisenbahnen. Metallteile in der Umgebung der Staubquelle sehen verrostet aus, obwohl nur die Oberfläche von Roststaub bedeckt ist“. Aus Herbert Beneke: Lexikon der Korrosion und des Korrosionsschutzes. Vulkan-Verlag, Vulkan-Verlag einfach unglaublich! Zur Rostbeseitigung genügt angeblich ein einfaches Abwischen des Staubes. Lieber Herr Beneke, das glauben Sie doch selbst nicht, oder? Ohne eine gehörige Portion „Rost Remover“ und kräftigem Schrubben geht nämlich gar nix! In einem viertägigen Putzmarathon werden Reeling, Wanten, Beschläge, Geräteträger, Badeplattform, Zierleisten und andere Edelmetallteile an unserem Boot gereinigt und poliert, bis sie sich dem Blitzen in der Sonne nicht mehr verweigern können. Die körperliche Arbeit weckt alte Lebensgeister, tut mir gut und die Langeweile hat sich die letzten Tage auch nicht blicken lassen!

Kol1 (38)

Jetzt ist das Cockpit fällig. Die Holzauflage auf unseren Sitzbänken beginnt schon langsam zu modern und auseinanderzufallen – also weg damit. Allerdings sieht unser Cockpit jetzt ziemlich öde aus. Sollen wir doch zum äußersten greifen und es komplett renovieren? Die Frage beschäftigt mich mehrere Tage. Argumente werden abgewogen, wir diskutieren mögliche Lösungen, leider ist alles mit viel Arbeit verbunden – puh. Um den Kopf frei zu bekommen machen wir einen kurzen Ausflug und besuchen Simon Bolivars Sterbeort in Santa Marta! Wer sich in Südamerika aufhält kann ihm einfach nicht entkommen – Simon Bolivar. In keiner noch so kleinen Stadt, wo nicht eine Straße, ein Platz, eine Schule, eine Universität oder ein Flughafen nach ihm benannt oder er irgendwo im Zentrum mit einer Statue verewigt ist. Aber auch international ist er ein beliebter Namensgeber. Der 1911 entdeckte Asteroid 712, eine Zigarrenmarke, ein südamerikanischer Staat, eine Währung sowie ein venezolanischer Verdienstorden wurden nach ihm benannt, die UNESCO verlieh von 1983 bis 2004 den Simón-Bolívar-Preis, die Marine der Vereinigten Staaten nannte ihr 1964 fertiggestellte strategische Atom-U-Boot USS Simon Bolivar. Auch in Deutschland diente er als Namensgeber für Straßen und Plätze. Statuen von ihm können vor dem Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin-Tiergarten, in Bonn in einer Anlage an der Friedrich-Ebert-Allee oder auf dem Gelände der Universität Bremen bestaunt werden. Also wer war Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar Palacios y Blanco genannt „El Libertador“? Geboren wurde er am 24.07.1783 in Caracas, Neugranada; gestorben ist er am 17.12.1830 in Santa Marta, Großkolumbien.

Die nun eigentlich folgende zweiseitige Zusammenfassung der südamerikanischen Unabhängigkeitsgeschichte habe ich wieder gelöscht, weil meine Frau beim Lesen eingeschlafen ist. Auf alle Fälle war Simon Bolivar ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer und ist Nationalheld mehrerer südamerikanischer und karibischer Länder. Er führte die Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanische Kolonialherrschaft in Venezuela, Kolumbien und Ecuador an und griff auch in die Unabhängigkeitsprozesse Perus und Boliviens entscheidend ein. Letzendlich trat er nach einer gescheiterten Konferenz über den Zusammenhalt Großkolumbiens 1830 von allen seinen politischen Ämtern zurück. Bolívar entschloss sich, Exil auf den Karibischen Inseln oder in Europa zu suchen. Bevor er den Kontinent jedoch verlassen konnte, starb er am 17. Dezember 1830 in Santa Marta an einer Mischung aus Malaria, Tuberkulose und Leberzirrhose. Nach seinem Tod zerfiel Großkolumbien in die einzelnen Staaten Ecuador, Venezuela und Kolumbien. Simon Bolivar hielt sich genau elf Tage auf einer Hacienda in Santa Marta auf, bevor dort den Löffel abgab. Das ehemalige Anwesen Quinta de San Pedro Alejandrino beherbergt heute das Bolivar-Museum, den botanischen Garten, ein Ehrenmal des Befreiers sowie eine Kunstausstellung. An einem Freitagvormittag machen wir uns zusammen mit Annie von der SY Little Wing mit dem Taxi auf und erreichen nach 10 Minuten die Quinta de San Pedro Alejandrino. Nach einer kurzen Einweisung können wir uns entscheiden, ob wir das Gelände auf eigene Faust erkunden oder einer kostenlosen Führung beiwohnen wollen.

Wir entschließen uns für die Führung und erfahren von unserem mehr schlecht als recht englisch sprechenden Führer weniger als von den vielen englisch-sprachigen Erklärungstafeln. Das Bolivarmuseum ist das ehemalige Wohnhaus des Befreiers. Wir stehen also auf histroisch bedeutsamen Boden. Links von uns wurde er bekocht, rechts Klo und Badezimmer – aha – Schlaf- und Arbeitszimmer sind ähnlich spannend, dafür aber nach über 150 Jahren hundertprozentig TBC-frei, wenigstens etwas! Wir wandeln ein wenig durch den botanischen Garten, können ein paar Iguanas und tropische Vögel beobachten und erreichen schließlich das angemessen, protzige Ehrenmal Bolivars. Das ist allerdings Klasse. In einer großen Marmorhalle steht eine Skulptur des Freiheitskämpfers. Je nachdem, von welcher Seite man den Libertador betrachtet, sieht man den jungen, engagierten oder alternden Mann – sehr schöne Gesichte, möchte ich auch in meinem Mausoleum mal haben. Danach noch die Ausstellung über zeitgenössische südamerikanische Malerei besucht und schon sind zwei Stunden vorbei! Die anonyme Langweile hat also keine Chance!

Während Annie und Antje zurück zur Marina fahren, suche ich den nahegelegenen Baumarkt auf, mein zweites Zuhause für die nächsten zwei Wochen, was ich allerdings in diesem Augenblick noch nicht richtig realisiere. Ich besorge etwas Schleifpapier und eine Dose weißer Farbe für eine Probebehandlung unseres Cockpits. Zurück auf der Auiga werden die besorgten Utensilien sofort ausprobiert und es sieht echt gut aus – Scheiße, dann wird es wohl doch auf eine Komplettrenovierung rauslaufen! Am nächsten Tag geht es los. Ich bin für die nächste Woche vom Unterricht befreit und lege los. Als erstes wird alles, was möglich ist, abgeschraubt. Fangen wir doch einfach mal mit den Winschen an – Okay. Unglücklicherweise sind keine Schrauben oder ähnliche Befestigungsvorrichtungen zu sehen. Also ab ins Internet und bei Antal nach einem Manual suchen. Gibt es natürlich nicht mehr, weil die Winschen schon zu alt sind. Geht ja schon mal gut los. Also bei Youtube suchen! Nach zwanzig Minuten stoße ich auf ein Wartungsvideo – super. Ach, da muss nur ein Sicherungsring gelöst werden, dass ist ja einfach. Eine halbe Stunde später sind die Winschen abgebaut und so geht es weiter. Allerdings ist es gegen 13 Uhr bereits wieder so heiß, dass an ein Weiterarbeiten nicht zu denken ist, aber ich habe doch einiges geschafft. Die nächsten zwei Tagen geht es fröhlich so weiter, was sich mir nicht sofort ergeben will, wählt den Weg der rohen Gewalt, aber es klappt ganz gut. Da unsere Backskistendeckel angenietet sind, müssen die Nieten durchgebort werden, was zu meiner Überraschung relativ problemlos klappt oder am zunehmenden Verrottungsgrad der Nieten liegen mag. Zum Schluss reiße ich noch das Motorpanel inklusive Einbaurahmen aus dem Cockpit und dann ist es geschafft, Teil 1 der Operation Refit ist abgeschlossen.

Mittlerweile ist es Ende Juni und ich werde als Lehrer wohl noch länger ausfallen. Die gute Nachricht für Felix ist, dass der Matheunterricht erst wieder aufgenommen wird, wenn er das 13. Lebensjahr erreicht hat! Mittlerweile hoch motiviert kann es weiter gehen, aber vorher erstmal ein Kurzbesuch im Baumarkt!. Die zwanzig Blatt 360iger Schleifpapier sind ja auch auf spanisch nicht schwer zu besorgen, aber bei Primer- und Farbspray wird es schon schwieriger. Mehr oder weniger ratlos stehe ich vor dem Regal und lese mir spanische Gebrauchsanweisungen durch! Da sich:“Pintura en aerosol ideal para superficies de madera, metal, paredes, ceramica o plastico que deban restauradas, protegidas y/o decoradas. Acabado parejo y uniforme, de mayor resistencia. Alto cubrimiento, alto rendimiento, con filtro UV para mayor duration y un secamiento ultra rapido“ eigentlich ganz gut anhört und die Worte superficies plastico, restauradas, resistencia und filtro UV vorkommen entscheide ich mich spontan für die „Pintura Multisuperficie, Blanco Mate! Außerdem handelt es auch noch um eine Zwei-Komponentenfarbe, da kann ja nichts mehr schief gehen, oder? Ausgerüstet mit zwei Dosen Primer und sechs Dosen Farbe geht es zurück auf´s Schiff. Die nächsten zwei Tage wird erstmal per Hand geschliffen – ich hasse es schon nach einer Viertelstunde, überall runde Ecken (für unsere sprachanalytisch gebildeten Leser, mein Lieblingsoxymoron), es ist zum Kotzen!. Natürlich reicht das Schleifpapier nicht, war ja klar. Bevor ich wieder in den Baumarkt tigere kann ein zweiter Farbtest ja nicht schaden, schließlich habe ich ja Plastikprimer – oder so – besorgt. Ich öffne die Dose und der Sprühkopf fehlt natürlich, na super. Also kein Farbtest und doch erst in den Baumarkt, ist ja mit dem Taxi nur eine halbe Stunde einfach. Im Baumarkt erst zum Schleifpapier, danach einen Sprühkopf abmontieren und zurück zum Boot. Zu meiner persöhnlichen Motivation wird zunächst der zweite Farbtest durchgeführt – sehr schön und dann der Rest des Cockpits abgeschliffen. Antje hat die eher unglückliche Aufgabe den Einbaurahmen des Motorpanels zu schleifen und die abgebauten Kleinteile zu reinigen, aber das macht sie sehr gut!

Nach einem weiteren Tag hat es sich ausgeschliffen, dreimal gründlich das ganze Cockpit geputzt, zum Schluss alles mit Aceton entfetten und dann kann gesprüht werden. Antje und Felix werden in die klimatisierte Captainslounge der Marina verbannt und ich beginne mit dem Plastikprimer. Natürlich reichen zwei Dosen nicht und so muss ein wenig improvisiert werden. Eine Stunde in der Captainslounge abkühlen und danach die erste Farbschicht auftragen. Eigentlich sollte eine Dose für einen Quadratmeter reichen, aber offensichtlich ist die Oberfläche unseres Cockpits größer. Das größte Problem ist, dass ich bei 33°C Außentemperatur auf den frischen Farbanstrich schwitze und Farbfehler verursache. So eine Scheiße. Ich könnte schon wieder durchdrehen! Nach drei Stunden können wir unsere Auriga wieder betreten. Das erste Ergebnis ist nicht schlecht, aber durchaus verbesserungswürdig. Nach 24 Stunden kann erneut geschliffen werden, aber sicher nicht mehr mit der Hand, abgesehen von den Oxymoronen! Also wieder zum Homecenter, einen Exzenterschleifer und noch mehr Farbe besorgen. Wir finden ein handliches Schleifgerät von Markita, besorgen unterschiedliche Schleifscheiben und kaufen nochmal zwölf Dosen der 2-Komponentenfarbe. Nachdem Schleifen kann ich allerdings wegen zu viel Wind keine neue Farbschicht auftragen und habe nach einer gründlichen Cockpitreinigung eine Zwangspause. Natürlich nutze ich die Zeit für einen Ausflug in den Baumarkt, um mir noch einen vernünftigen Atemschutz zu besorgen, da meine sowieso schon malträtierten Atemwege, was sicher nicht am Rauchen liegen kann, beim ersten Sprühen doch etwas gelitten haben. Antje und Felix werden wieder vom Schiff entsorgt und ich kann mich an die Arbeit machen. Nach zwei Stunden ist die zweite Lackschicht drauf, die Dosen haben geradeso gereicht und es sieht jetzt wirklich gut aus! Jedoch läßt der Gesamteindruck nach dem Schleifen am nächsten Tag etwas nach. Mich packt jetzt der Ergeiz und ich entschließe mich für eine dritte Farbschicht. Am Vormittag geht es mal wieder ins Homecenter, hier erwartet mich allerdings ein schwerwiegendes Problem – ich habe bereits die gesamte 2-Komponentenfarbe in Blanco Mate aufgekauft – Mist. Da hilft woll nur ein anderer Hersteller. Also studiere ich wieder spanische Gebrauchsanweisungen und entscheide mich spontan für den einzigen anderen Hersteller mattweißer Farbe in Dosen.

Vorsichtshalber erstehe ich gleich alle 16 verfügbaren Dosen und ziehe wieder von dannen. Am Sonntag ist relative Windstille angesagt, die Famile wird auf einen Ausflug nach Minca abkommandiert und ich habe freie Hand. Nach der üblichen Vorbereitungs- und Vermumungsaktion geht’s los. In den nächsten drei Stunden verarbeite ich 14 Dosen Farbe, mir läuft bei 33 °C der Schweiß aus den Handschuhen, aber das Ergebnis ist wirklich ansprechend. Ich schälle mich aus meinem Schutzanzug und gehe erstmal duschen. Eine Stunde später ist die Farbe bereits trocken und muss nur noch durchhärten. Ich nutze die Zeit, räume den Müll der letzten zwei Wochen aus dem Schiff und fühle mich großartig. Nachmittags kommt die Familie zurück, das Boot ist inzwischen gut durchgelüftet und wir gehen zur Feier des Tages noch zum Essen. Am nächsten Tag führe ich die finalen Schleifarbeiten durch und genehmige mir dann einen freien Nachmittag.

Refit (22)

Da unsere alte Holzauflage entsorgt wurde, wollen wir die Sitzflächen im Cockpit mit Decksbelag bekleben. Das bedeutet mal wieder Schablonen anfertigen, auf den Decksbelag übertragen, alles ausschneiden, nachbessern und anschließend kann geklebt werden. Glücklicherweise ist der Kleber, den ich im Herbst aus Deutschland mitgebracht habe, noch 6 Wochen haltbar. Nach zwei Tagen ist alles erledigt und das Cockpit macht jetzt einen richtig guten Eindruck. Die nächsten beiden Tage werden alle abmontierten Cockpitteile nochmals gereinigt und danach mit Sikaflex ordentlich eingeklebt oder angenietet und schon ist nach einer 16-tägigen Behandlungszeit das Refit unserer Cockpits abgeschlossen. Fazit – für einen Anfänger sieht es gar nicht schlecht aus und ich habe nur 34 Dosen Farbe verbraucht.

Natürlich haben wir die letzten Wochen nicht nur am Cockpit gearbeit oder Felix unterrichtet, sondern hatten auch reichlich Sozialkontakte. Innerhalb der letzten vier Wochen hat sich eine richtige deutsche Seglergemeinschaft in Santa Marta eingefunden. Zuerst kamen Kiki und Stefan mit der SY Sawadi aus Panama. Eigentlich wollten sie noch bis Curacao weiter, haben sich aber dann entschieden, nicht 300 sm gegen Wind und Strömung zu segeln, sondern ihr Boot in Santa Marta liegen zu lassen, bevor es für ein paar Monate nach Deutschland geht. Da Stefan die letzten sieben Jahre auf den San Blas Inseln verbracht hat, ist er natürlich ein gefragter Gesprächspartner unter den Seglern. Unglücklicherweise hat er seit seiner Ankunft Probleme mit dem temporären Import seines 36 ft Bootes und so tingelt er seit Wochen zwischen Marina Büro, Customs und Port Capitaneria hin und her, ohne dass wirklich etwas passiert. Seine täglichen Berichte sind teilweise wirklich haarstrübend und zum Verzweifeln – armer Tropf. Kurz darauf trifft die SY Mango mit Isabella, Nick und ihren beiden Kindern aus Curacao ein. Die vier Thüringer sind schon fast zwei Jahre unterwegs und wollen ebensfalls bis nach Australien segeln. Vor kurzen sind sie zu den San Blas Inseln aufgebrochen. Ich denke, wir werden sie in der Shelter Bay in Panama wieder treffen und wir freuen uns darauf. Zum Schluss kamen noch Jochen und Sabine von der SY Atanga hier an. Die beidem Glücklichen sind seit 2014 mit offenem Ende unterwegs, sehr beneidenswert. So viele deutschsprachige Segler haben wir seit den kanarischen Inseln nicht mehr getroffen. Wir genießen es, bei den täglichen Sundownertreffen mal wieder richtig deutsch sprechen zu können. Da fehlt eigentlich nur noch die SY Samantha mit Alex und Birger und die sind vor einer Woche in Martinique gestartet und sollten in den nächsten Tagen hier eintreffen – wir freuen uns riesig. Leider haben die beiden es nicht mehr zu Felix Geburtstag geschafft. Ja, ja, unser Kleiner wird schon wieder ein Jahr älter und darf sich jetzt offizell als Teenager fühlen. Lieber Felix, wird sind wirklich sehr stolz auf Dich und hoffen, dass du die nächsten 18 Monate bis Australien noch durchhältst mit deinen beiden Alten.

Fair winds und bis bald,

eure Heimwerker und das Geburtstagskind von der Auriga

Oh, wie schön ist Panama!

Am Sonntagmorgen geht es endlich wieder los – Panama wir kommen. Diesmal wird es aber kein gewöhnlicher Ausflug, sondern wir haben eine Mission. Wie vor sieben Wochen versprochen, helfen wir Matthias und Regina von der SY Jasina bei der Passage des Panamakanals. Wir haben einen Gabelflug nach Panama City gebucht, weil der ca. 200 Euro pro Nase billiger ist als ein Direktflug von Santa Marta aus. Zwischenstopp ist in Medellin, wir kommen gegen Mittag an und haben erst einmal sechs Stunden Aufenthalt. Da die Stadt fast 40 Kilometer entfernt ist, rentiert sich ein Ausflug nach Medellin leider nicht wirklich und so erkunden wir die Umgebung des Flughafens ein wenig, gehen Essen und können um kurz vor 20 Uhr nach Panama City abheben. Bevor wir einchecken können, müssen wir allerdings nachweisen, dass wir auch einen Rückflug von Panama nach Kolumbien haben. Obwohl wir mit Viva Colombia hin- und zurückfliegen, will die Tante am Schalter unsere Buchungsbestätigung sehen. Mit den letzten paar Prozent Strom rufe ich den Schrieb auf dem Tablet auf, zeige ihn der Dame und bekomme dafür eine von ihr flugs ausgedruckte Buchungsbestätigung ausgehändigt!? Okay, damit sind wir für die Einreise nach Panama gerüstet. Im Duty Free Shop erstehe ich noch eine Stange Zigaretten. Die sind allerdings 1000 Pesos pro Schachtel teurer als in jedem kolumbianischen Supermarkt – sind wahrscheinlich die einzigen Zigaretten in Kolumbien, auf die Steuern bezahlt werden müssen, sehr seltsam!

Kanal (71)

Mit einer halben Stunde Verspätung erreichen wir den Flughafen Panama Pacifico International nahe Panama City. Während des Flugs haben wir die üblichen Formulare für Customs und Immigration ausgefüllt und hoffen, möglichst zügig einreisen zu können, weil unser Hotel für die Nacht nochmals eine halbe Stunde entfernt liegt. Am Boden angekommen erwartet uns allerdings erst einmal ein Klimaschock. Bei gefühlten 30°C Außentemperatur und ungefähr 780% Luftfeuchtigkeit finden wir uns in einer Waschküche wieder – pfui! Wir stehen binnen weniger Minuten im eigenen Saft. Als wir den Immigrationbereich erreichen, dürfen wir uns in eine 50 Meter lange Schlange einreihen. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir endlich dran. Die ausgefüllten Einreisepapiere und unsere Rückflugbescheinigung interessieren natürlich keinen, dafür wird jeder von uns fotografiert und unsere Fingerabdrücke werden elektronisch erfasst – da verwette ich doch meinen Kopf, dass unsere schönen biometrischen Daten auf direktem Weg in alle Datenbanken der Vereinigten Staaten wandern, schöne neue Welt! Nach einer Stunde sind dann endlich alle Formalitäten erledigt. Vor dem Flughafen warten natürlich jede Menge Taxis, wir suchen uns ein Auto mit Klimaanlage, handeln einen vernünftigen Fahrpreis aus und steuern in der Nacht unsere Bleibe, das Radisson Summit Hotel, an. Da Edmundo ganz gut englisch spricht, vereinbaren wir mit ihm, dass er uns am nächsten Morgen im Hotel abholen und danach in die Shelter Bay Marina nahe Colon bringen soll. Damit ist die Weiterreise zur SY Jasina auch schon organisiert. Glücklicherweise kommen wir noch rechtzeitig im Hotel an, das Restaurant hat noch genau fünf Minuten auf. Nach einem anstrengenden Tag fallen wir nach Salat und Clubsandwich todmüde in die herrlich großen, aber bedingt durch die hohe Luftfeuchtigkeit sehr klammen Kingsize-Betten …

 

Am nächsten Tag erwachen wir im Dschungel. Rundum das Hotel und den dazugehörigen Golfplatz befindet sich ein Naturschutzgebiet. Soweit das Auge reicht blicken wir auf undurchdringlichen Regenwald in den schönsten Grüntönen, die ich jemals gesehen habe. Untermalt wird die Szenerie durch ein morgendliches Vogelkonzert erster Güte – das ganze Spektakel ist einfach unbeschreiblich! Nach diesem sensationellen Auftakt geht es erstmal zum Frühstücken und Edmundo ist auch schon da! Offensichtlich hatte er Bedenken, wir könnten mit jemand anderen nach Colon fahren. Das Frühstücksbuffet ist ansprechend – vor allem der Milchreis mit Mandelmilch – danach schnell zusammenpacken und schon geht es weiter in die Shelter Bay Marina. Zunächst führt die Straße ca. 10 km durch den Regenwald des Naturschutzgebietes. Am liebsten würde ich alle 100 Meter anhalten und mir mit der Machete ganz Indianer Jones like einen Weg durch den Dschungel bahnen und ihn erkunden, geht aber leider nicht. Also weiter und über die Autobahn Richtung Colon. Da sich die Shelter Bay auf der anderen Seite des Kanals befindet, setzen wir mit der Fähre über. Die neue Brücke über den Kanal wird wohl erst 2018 fertiggestellt sein. Wir können allerdings schon jetzt die riesigen Pylone der zukünftigen Schrägseilbrücke bewundern. Nach drei Stunden ist es dann geschafft, wir finden uns am Rand des Dschungels im Nirgendwo wieder!

 

Das Wiedersehn mit Matthias und Regina ist sehr herzlich. Nach einer kurzen Marinaführung gehen wir zum Essen und tauschen die letzten Neuigkeiten aus. Bereits am nächsten Tag soll es durch den Panamakanal nach Panama City gehen. Trotz aller Wiedersehensfreude wirken die beiden ziemlich gestresst, da offensichtlich noch nicht alle Vorbereitungen für die Kanalpassage abgeschlossen sind. Also entschließen Antje, Felix und ich uns zu einem kleinen Spaziergang durch den angrenzenden Dschungel. Begleitet vom echt angsteinflößenden Geschrei der hiesigen Brüllaffen schleichen wir durch den Regelwald. Überall wuselt tropisches Getier durch den Wald. Wir können viele leider nur hören, entdecken aber Blattschneideameisen, vielfältige Schmetterlinge und können in den Palmenkronen sogar Gelbschulterkapuzineräffchen beobachten. Echt cool und viel besser als im Zoo! Der absolute Höhepunkt sind allerdings armdicke, baumhohe Bambusstangen! Da uns ein zusätzlicher Baum zur Stabilisierung des Vorsegels fehlt, suche ich schon lange nach einer kostengünstigen Alternative und jetzt stehe ich direkt davor – sensationell. Wenn wir im Herbst wieder in der Shelter Bay sind, werden wohl zwei oder drei der acht bis zehn Meter langen Stängel dran glauben müssen.

 

Als wir zuückkommen werden wir schon von Matthias erwartet. Er hat während unserer Abwesenheit einen kurzen Ausflug für uns organisert. Joachim, ein befreundeter deutscher Segler und Ingenieur der neuen Kanalbrücke, bringt uns mit seinem Auto zum nahe gelegenen Nationalpark, wo wir das Fort Morgan besuchen wollen. Die kurvenreiche Straße führt uns heute zum zweiten Mal durch den Dschungel. Ziel ist ein Hochplateau mit Blick über die Mündung des Rio Chagres in den Atlantik. Über diesen Fluss wird der Wasserspiegel des zum Panamakanal gehörigen Gatunsees reguliert. Wird bei Hochwasser über eine Schleuse Wasser abgelassen, kann sich schon mal eine acht Meter hohe Welle ihren Weg in den Atlantik bahnen. Kurz vor Erreichen des Forts versperrt allerdings ein umgefallener Baum die Straße und wir legen den Rest des Weges zu Fuß zurück. Während des kurzen Fußmarsches können wir einige Adler und Geier beobachten. Oben angekommen erwartet uns ein herrlicher Ausblick über die Flussmündung. Das Fort diente im 16. Jahrhundert dem walisischen Freibeuter Henry Morgan als Stützpunkt für sein räuberisches Treiben, u.a. wurde er berühmt, weil er das damalige Panama City über den Landweg plünderte und fast völlig zerstörte. Wir besichtigen die Reste des Forts und lassen uns von Joachim allerlei interessante Hintergrundinformationen geben. Anschließend gibt es noch ein Bierchen und eine Besichtigung seines Segelbootes.

 

Als wir wieder zurück auf der SY Jasina sind, haben Matthias und Regina ihre Hausaufgaben erledigt und wir können guten Gewissens an Bord kommen. Obwohl wir zu fünft auf dem 10 Meter Boot übernachten, können alle dank Klimaanlage gut und erholsam schlafen. Nach dem Frühstück werden wir nochmal von Matthias für die Kanalpassage gebrieft, die Aufgaben werden verteilt und die von der Kanalbehörde gelieferten acht Autoreifen an der Reling platziert. Um 13:30 Uhr legen wir ab und steuern den Treffpunkt mit unserem Lotsen (Advisor) in der Bucht von Colon an. Hier melden wir uns via UKW bei der Kanalbehörde und erfahren, dass unser Advisor gegen 15:45 Uhr an Bord kommen soll. Bis zu seiner Ankunft treiben wir ein wenig gelangweilt in der riesigen Bucht herum. In Blickweite befinden sich mehrere Tanker und Containerschiffe der Panamaxklasse. Diese riesigen Schiffe werden so konstruiert, dass sie gerade eben noch den Kanal passieren können und bilden eine eigene Schiffsklasse.

 

Endlich ist es 15:45 Uhr, allerdings ist noch kein Lotse in Sicht. Die bereits angspannten Nerven der beiden Hamburger werden noch eine weitere Stunde strapaziert, bis unser Advisor mit einer Stunde Verspätung endlich an Bord kommt. Nach einer kurzen Vorstellung und Erklärung des Ablaufes geht es auch schon los in Richtung erster Gatún-Schleuse. Macelin, unser Lotse, wird mit Cola und Hamburgern versorgt, da die Bereitstellung einer warmen Mahlzeit für den Lotsen während der Kanalpassage im Transitvertrag vorgeschrieben ist! Der Panama-Kanal ist einschließlich der Zufahrtswege ca. 40 Seemeilen lang. Er verläuft zwischen den Städten Colón an der Atlantik- und Balboa, einem Vorort von Panama-Stadt an der Pazifikküste. Vor dem Bau des Kanals führte die kürzeste Seeverbindung von der Ostküste zur Westküste Nordamerikas durch die Magellanstraße um Südamerika herum. Die Einsparung von 15.000 Kilometern (8.100 Seemeilen) entspricht bei einer Schiffsgeschwindigkeit von 15 Knoten einer Verkürzung der Reisezeit um rund drei Wochen. Bei unserer Durchschnittsgeschwindigkeit von fünf Knoten bedeutet das eine Zeitersparnis von gut neun bis zehn Wochen! Nach zwei Seemeilen erreichen wir die erste der insgesamt drei Gatún-Schleusen. Die Baltic Mercury, ein mittelgroßes Frachtschiff, ist bereits in die Schleuse eingefahren. Wir werden zusammen mit einem Fischerboot und einem norwegischen Katamaran zu einem soliden Päckchen verschnürt und hinter dem Frachter geparkt. Neben uns ragen die Wände der gigantischen Schleusenkammern elf Meter nach oben. Jedes Schleusenbecken hat eine Länge von 327 Metern und eine Breite von 33,5 Metern, da kommen wir uns noch ein bisschen kleiner vor als sonst. Da unser Schiffspäckchen nur auf einer Schleusenseite mit Seilen gesichert wird, haben wir als Linehandler praktisch nichts zu tun und können das anschließende Schauspiel in Ruhe genießen.

 

Nachdem alles gesichert ist, beginnen sich sich die riesigen Tore zu schließen und das Wasser kann einlaufen. Innerhalb weniger Minuten steigt der Wasserspiegel um über 8 Meter und wir befinden uns auf Höhe der Schleusenkanten – unglaublich. Danach werden die vorderen Tore geöffnet und die Baltic Mercury wird von vier Lokomotiven in die zweite Schleuse gezogen. Anschließend fährt unser Päckchen hinterher. Alle drei Boote setzen ihre Maschinen ein, um in der starken Strömung nicht aus dem Ruder zu laufen, schließlich wäre eine Kollison mit der Schleusenmauer für uns trotz reichlicher Befenderung fatal. Aber unsere Advisor hat die Situation im Griff, gibt ruhig und gezielt Anweisungen und wir erreichen sicher die nächste Schleusenkammer. Hier wiederholt sich das ganze Schauspiel erneut. Mittels der drei Gatún-Schleusen werden die Schiffe insgesamt auf 26 Meter über dem Meerespiegel angehoben und auf das Niveau des dahinterliegenden Gatún-Sees geschleust. Nach zwei Stunden öffnen sich die Tore der letzten Schleusenkammer und der erste Teil ist ohne Schäden überstanden.

 

Wir werden zu einer riesigen Boje im See gelotst, machen in der beginnenden Dämmerung fest, verabschieden uns von Macleen und lassen den ereignisreichen Tag bei einem verspäteten Sundowner ausklingen. Nach ein, zwei Sunden fällt auch bei Matthias und Regina die Anspannung langsam etwas ab! Obwohl wir ruhig liegen, haben Antje, Felix und ich eine unruhige Nacht, da es furchtbar heiß im Boot ist. Fünf Menschen heizen eben doch mehr als nur zwei. Mitten in der Nacht verholen sich meine Frau und ich ins Cockpit und können bei halbwegs erträglichen Temperaturen noch ein wenig schlafen, bevor um 05:30 Uhr die Dämmerung beginnt.

 

Nach einem schnellen Kaffee, wird um 07:30 der Lotse für die nächste Etappe angeliefert. Nach einer kurzen Begrüßung heißt es keine Zeit verlieren und wir legen fünf Minuten später ab. Der norwegische Katamaran vom Vortag, mit dem wir heute wieder schleusen sollen, ist ebenfalls schon auf dem Weg. Bis zu den Pazifikschleusen müssen ca. 30 sm zurückgelegt werden. Bei herrlichem Sonnenschein durchqueren wir den Gatunsee. Links und rechts von uns befindet sich weitgehend unberührter Regenwald. Außer einigen Adlern bekommen wir leider keine anderen Dschungelbewohner zu sehen, dabei hatte ich gehofft, eines der berüchtigten Kanal-Krokodille zu sichten. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir die Ortschaft Gambo. Dort beginnt der rund sieben Seemeilen lange Culebra Cut oder Culebra-Durchstich durch die Berge der kontinentalen Wasserscheide. Kurz vor dem Ende des Culebra-Durchstichs überquert die Puente Centenario (Jahrhundertbrücke), eine sechsspurige Schrägseilbrücke, den Kanal in 80 Metern Höhe.

Der Seeweg endet an der Pedro-Miguel-Schleuse, die den Abstieg zum Pazifik einleitet. Obwohl wir mit 6,5 Knoten über die Wasserstraße düsen, werden wir vom norwegischen Katamaran schnell abgehängt. Unser Advisor, der bis dahin noch keinen Kontakt zu seinem Kollegen auf dem Katamaran aufgenommen hat, gibt drei Seemeilen vor der Schleuse die Anweisung langsamer zu fahren, weil die Norweger angeblich bereits in der Schleuse seien und wir auf ein anderes Segelboot warten müssen. Wir sind über diese Information ein bisschen verwirrt, da sich der Katamaran laut unserem AIS noch eine Seemeile vor der Pedro-Miguel-Schleuse befindet. Offensichtlich haben wir diesmal nicht den kompetentesten Lotsen zugeteilt bekommen. Plötzlich sollen wir wieder Gas geben und kommen mit nur leichter Verspätung an der Schleuse an. Anders als bei den Atlantikschleusen, müssen hier zuerst die Kleinboote und danach die dicken Pötte in die Kammern. Aber irgendwie ist heute sowieso alles anders als gestern. Beim Vertäuen mit dem Katamaran kommt es zum nächsten Missverständnis mit den Lotsen, aber schließlich sind alle zufrieden und es kann losgehen.

Wir fahren gemeinsam langsam in die Pedro-Miguel-Schleuse ein. Von der Seite kommen die berühmten Affenfäuste angeflogen. An diesen dünnen Leinen werden unsere dicken 30 Meter langen Halteleinen befestigt, hochgezogen und anschließend über die Poler der Schleusenmauer geworfen. Mit den vier Leinen können wir unser Päckchen in der Mitte der Schleuse halten. Anschließend wird die Maersk Interoi, ein Containerschiff, von den Lokomotiven in die Schleuse gezogen und fixiert. Langsam wird das Wasser aus der Schleusenkammer abgelassen, wir lassen gleichmäßig die Leinen nach und werden um acht Meter abgesenkt. Die Schleusentore öffenen sich und im Päckchen motoren wir zu den zwei Seemeilen entfernten beiden Miraflores-Schleusen. Offensichtlich hat es der Kapitän des Katamarans eilig und düst mit uns an seiner Seite mit fünf bis sechs Knoten und ächzenden Leinen zu den nächsten Schleusen. Matthias Laune geht während dieser Aktion deutlich gegen Null. Muss ja schließlich auch nicht sein, oder? In den Miraflores-Schleusen wiederholt sich das ganze Prozedere noch zweimal. Allerdings befindet sich hier ein großes Besucherzentrum und wir werden wie die Affen im Zoo bestaunt. Und dann öffnet sich das letzte Schleusentor, die Kanalarbeiter winken uns zu und wir haben es geschafft – vor uns liegt der Pazifik! Erleichterung macht sich auf dem Boot breit, alles gut gegangen und nichts passiert.

Wir motoren noch mit dem Katamaran aus dem Fahrwasser und wollen die Boote voneinander lösen. Allerdings gibt es wieder Unstimmigkeiten mit dem Lotsen, als wir dann auch noch Gefahr laufen mit unserem Geräteträger den Windgenerator des Katamarans zu touchieren, eskaliert die Situation endgültig, aber zum Glück geht alles gut und wir tuckern gemütlich an den Hafenanlagen Balboas vorbei und unter der Puente de las Américas hindurch in den Golf von Panama. Die Amerikabrücke verläuft 61,3 m über dem Meeresspiegel, weshalb die Höhe der durchfahrenden Schiffe auf maximal 57,91m über der Wasserlinie begrenzt ist. Direkt dahinter befindet sich unser Ziel – der Balboa Jachtclub. Auf dem Weg dahin müssen wir nur noch unseren Lotsen loswerden. Nach mehrfachem Fragen lässt sich dieser endlich den Treffpunkt mit dem Lotsenschiff aus der Nase ziehen und wir sind glücklich, als er wenig später das Boot verlässt. Man kann mit den Lotsen halt Glück oder auch Pech haben, aber was soll´s, es ist geschafft. Kurz darauf erreichen wir den Jachtclub Balboa, machen an einer Mooringboje fest und lassen uns ein kühles Bier schmecken. Eine halbe Stunde später beginnt es zu regnen, da sind wir ja gerade noch rechtzeitig angekommen!

Unsere erste Nacht auf dem stillen Ozean ist allerdings ziemlich unruhig, da das Boot im Schwell der vorbeifahrenden Schiffe ganz schön durchgeschaukelt wird. Trotzdem können alle gut schlafen und nach einem langen Frühstück verlassen wir Matthias, Regina und die Jasina und ziehen nach drei Tagen in unser Hotel in Panama City um. Vielen Dank für die herzliche Aufnahme und die gute Bewirtung. Wir haben viel gelernt! Trotz der räumlichen Enge haben wir uns gut verstanden und die gemeinsamen Erlebnisse werden uns sicher lange in Erinnerung bleiben. Wir genehmigen uns noch eine Tasse Kaffee im Jactclub, WLANen ein bisschen und lassen uns danach ins Hotel fahren. Die Fahrt führt durch dreckige und heruntergekommene Viertel. Der Putz bröckelt von den Wänden, Moos- und Schimmelbewuchs wohin das Auge blickt, überall liegt Müll und Dreck herum – nicht sehr einladend! So habe ich mir Süd- bzw. Mittelamerika eigentlich immer vorgestellt. Unser Hotel ist einigermaßen in Schuss. Schnell einchecken, kurze Zimmer- und Hotelbesichtigung – nicht schlecht. Vor allem vom Dach des Hotels hat man einen herrlichen Ausblick über die Altstadt einerseits und über die Skyline des Bankenviertels mit ihren unzähligen Hochhäusern auf der anderen Seite.

Kanal1 (12)

Der Capitän will unbedingt mal wieder zum Inder und so lassen wir uns im Taxi in die Calle 51 kutschieren. Allerdings sieht das Lokal nicht besonders einladend aus, also latschen wir bis zur nächsten Kreuzung zurück und entdecken das „Os Secreto de Carne“ – ein brasilianisches Asado -jah! Wir sitzen kaum am Tisch schon kommt der erste Kellner mit einem Fleischspieß vorbei und schneidet uns eine Scheibe lecker duftendes Rumpsteak ab. Bevor wir uns versehen quellen unsere Teller von gegrilltem Hühnchen, Hühnerherzen, Rinderfilet und Spareribs über. Nach den anstrengenden letzten Tagen schlagen wir uns hemmungslos die Bäuche voll und genießen das Schlachtfest in vollen Zügen. Allerdings sind wir danach so voll, dass wir den restlichen Tag nur noch faul in unserem Hotelzimmer herumhängen können und bis zum nächsten Morgen mit Verdauen beschäftigt sind – aber es war wirklich ausgesprochen lecker!

Gut erholt wollen wir am nächsten Tag Panama City erkunden. Unser erstes Ziel ist der „Mercado de Marisco“ der Fischmarkt. Bei Sonnenschein und der allgegenwärtigen drückenden Schwüle machen wir uns auf. Allerdings wird die Markthalle gerade renoviert und der davor arrangierte Containermarkt ist siffig und wenig einladend. Schließlich erfahren wir, dass der eigentliche Fischmarkt während der Renovierungsarbeiten ein paar Ecken weiter gezogen ist. Kurze Zeit später befinden wir uns in einer deutlich appetitlicherern Markthalle. Hier werden vor allem Meeresfrüchte angeboten. Die Preise können sich wirklich sehen lassen. Langustenschwänze (ohne Kopf) werden für 6 USD das Pfund angeboten und sehen auch noch sehr gut aus. Leider haben wir in unserem Hotel keine Möglichkeit zum Kochen, sonst hätte uns sicher die eine oder andere Languste in die Innenstadt begleitet. Wir latschen durch ein heruntergekommenes Chinesenviertel und erreichen die Altstadt. Von einem zum anderen Straßenzug ändert sich plötzlich die Umgebung. Überall schön renovierte spanische Kolonialarchitektur, die Wege sind gepflastert und sauber, hin und wieder mal ein verlassenes Haus. Hier macht das Flanieren wieder Spaß! Wir wollen die Kathedrale besichtigen, die wird allerdings auch renoviert, also geht es ins Kanalmuseum. Die Ausstellung zur Entstehung des Panamakanals ist sehr ausführlich und natürlich werden die 25.000 Menschen, die während seiner Erbauung gestorben sind, nur mit einer Randnotiz erwähnt. Insgesamt ganz gut, aber nicht atemberaubend – größtes Highlight ist die Klimaanlage. Danach schlendern wir weiter durch die Altstadt, die vor ein paar Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde. Selbstverständlich besuchen wir auch einen der vielen Hutläden und erstehen für den Kapitän einen orginal in Ecuador gefertigten Panamahut, einen schönen Sonnenhut für Antje und schon neigt sich der Tag wieder dem Ende zu.

Tagsdarauf wollen wir die größte Shoppingmall Amerikas besuchen. In der Albrook Mall erwarten uns insgesamt 700 Shops. Wir brauchen fast einen ganzen Tag um einmal durch das Einkaufsparadies zu laufen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wer so viele Schuhe und Klamotten kaufen soll. Trotzdem sind alle Läden besetzt und kaum leerstehende Shops zu sehen. Vor allem Elektronik ist relativ günstig und so erstehen wir für Antje ein neues Tablet. Abwohl wir die Funktionalität im Laden überprüft haben, stürzt es später im Hotel komplett ab und lässt sich weder laden noch anschalten. Damit haben wir wenigstens für den nächsten Tag eine Aufgabe, weil uns langsam die Sehenswürdigkeiten ausgehen und der Höhepunkt der Stadt nun mal einfach der Panamakanal ist. Stadtrundfahrten werden zwar angeboten, aber bei Preisen von 120 USD aufwärts haben wir keine Lust. Da uns die hohe Luftfeuchtigkeit immer noch zu schaffen macht, vertrödeln wir viel Zeit im Hotel und hängen ein bisschen herum. Eigentlich hätten auch zwei Tage in Panama City genügt. Am Sonntag gehen wir noch mal im Stadtzentrum frühstücken und lassen uns danach von einem kleinen Panamanesen für 40 USD durch die Innenstadt führen. Wir besichtigen das französische Viertel, einige Kirchen, die interessanterweise alle mit Klimaanlage ausgestattet und dementsprechend gut gefüllt sind.

Nach einem kleinen Snack treffen wir uns mit Matthias und Regina vor dem futuristischen Biomuseum. Thema hier ist die Biodiversität in Mittelamerika. Erdgeschichtlich gesehen hat sich der Isthmus von Panama erst relativ spät geschlossen und die bis dato isolierte Tier- und Pflanzenwelt Nord- und Südamerikas sich unabhängig voneinander entwickelt. Erst mit der entstandenen Landbrücke zwischen den Kontineten kam es zu einer Durchmischung der Arten. Die Ausstellung inklusive Kino mit sechs Leinwänden ist ganz gut gemacht, rechtfertigt aber nicht den hohen Eintrittspreis von 40 USD für uns drei. Trotzdem ist es ein kurzweiliger Nachmittag mit den Hamburgern, die jetzt wieder deutlich entspannter sind. Nach einer herzlichen Verabschiedung geht es zürück ins Hotel. Vielleicht treffen wir die beiden ja in Ecuador wieder, wer weiß!

Da wir am Montag erst am Abend nach Medellin zurückfliegen, wollen wir bis dahin noch das Bankenviertel besuchen. Per pedes geht es 20 Blocks nach Süden. Die schwülheiße Luft ist mal wieder hart an der Grenze des Erträglichen. Allerdings entschädigt der beeindruckende Anblick der Hochhausschluchten doch für die Anstrengungen. So ziemlich alle bekannten und unbekannten Bankeninstitute haben sich hier verewigt. Schon interessant, was man mit Steuerhinterziehung und Geldwäsche alles finanzieren kann! Nach einem kurzen Mittagessen machen wir nochmal einen Ausflug in die Albrook Mall und spielen eine Runde Bowling, wobei wir uns köstlich amüsieren. Nach dem üblichen nachmittäglichen heftigen Regenschauer geht es mit dem Taxi zuerst ins Hotel und danach zum Flughafen. Beim Einchecken gibt es die gleichen Probleme wie beim Hinflug. Die nur spanisch-sprachige Dame von der Fluggesellschaft will unsere Situation einfach nicht verstehen, verlangt unsere Bootspapiere (die wir natürlich nicht dabei haben) und so stellen wir uns einfach blöd – nix verstehen und können doch einchecken!

Pünktlich um kurz vor 20 Uhr geht es endlich wieder nach Kolumbien. Obwohl uns die Kanalpassage wirklich fasziniert hat, sind wir von Panama und den Menschen weniger begeistert. Da sind wir doch glücklich wieder in unserer Wahlheimat Kolumbien anzukommen. Bei der Einreise erhalten wir problemlos eine weitere Aufenthaltsgenehmigung für 90 Tage und werden mit einem herzlichen „Welcome to Colombia“ empfangen. Via Shuttleservice geht es ins Hostal Hanger unweit des Flughafens und nach einem kleinen Schlummertrunk direkt ins Bett. Vor unserem Weiterflug nach Santa Marta am späten Nachmittag nutzen wir noch die Gelegenheit und statten der nahe gelegenen Geburtsstadt Pablo Escobars – Rionegro – einen Besuch ab. Mit einem Taxi aus Medellin geht es Richtung Stadtzentrum. Die Fahrt führt an sanften Berghügeln und Wiesen mit Weidevieh vorbei. Der blaue Himmel und die Schäfchenwolken erinnern uns stark an die Allgäuer Heimat.

Kanal (5)

Allerdings traut sich der Taxler nicht in die City, also werden wir auf halbem Weg an eine örtliche Taxifahrerin übergeben und zu unserem Ziel transportiert. Dass sie für die Fahrt nichts verlangt, spricht mal wieder für die kolumbianische Natur. Natürlich entlohnen wir die nette Frau entsprechend für ihren Service. Im Zentrum sind gerade umfangreiche Umbauarbeiten im Gange und so besichtigen wir zunächst die Kathedrale und schlendern danach noch durch die Einkaufsstraßen von Rionegro. Wir fühlen uns mal wieder wie Aliens! Außer uns sind weit und breit keine anderen Touristen zu sehen, wir ziehen wieder alle Blicke auf uns und kommen mit dem einem oder anderen Einheimischen ins Gespräch. Danach geht es zurück zum Flughafen und ab nach Santa Marta. Nach neun Tagen Kanalexkursion kommen wir wieder wohlbehalten in der Marina an. Schon der Anblick von unserer Auriga löst bei uns Heimatgefühle aus. Dahoam is dahoam!

Fair winds und bis bald,

eure Tigerenten von der Auriga

Bogota – die urbane Bombe

Bogota, eigentlich Bogoto D.C., Hauptstadt von Kolumbien. Als Distrito Capital eine eigene Verwaltungseinheit mit allen Rechten innerhalb des Departamento Cundinamarca, wie das Bundesland Berlin bei uns. Der autonome Bezirk Bogota wurde bereits 1955 vom damaligen Diktator Gustavo Pinilla geschaffen und 1991 durch die neue Verfassng zum jetzigen Hauptstadtdistrikt umfunktioniert. Die „urbane Bombe“ – Zitat aus unserem Reiseführer – wurde 1538 von Gonzalo de Quesada gezündet, hieß zunächst Santa Fe und entwickelte sich schnell zum politischen Machtzentrum von Neugrenada. Hier entstand auch die Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanischen Besatzer. 1819 eroberte der lateinamerikanische Volksheld Simon Bolivar die Stadt und erhob sie zur Hauptstadt von Gran Columbia. Nach Abspaltung der Schwesterstaaten Venezuela und Ecuador wurde sie zur Hauptstadt Kolumbiens. Nach Jahrzehnten der Kriminalität und Gewalt im 20. Jahrhundert erfolgte in den 90ern im Rahmen der Tranformacion die radikale Verwandlung in eine der interessantesten und sehenswertesten Städte Kolumbiens. Die schlimmsten Viertel wurden geräumt, abgerissen und neu aufgebaut. Lage: 2600 Meter über dem Meerespiegel auf einem Hochplateau mitten in den östlichen Anden, eingekeilt zwischen den 3800 Meter hohen Bergrücken der Cerros Guadalupe und Monserrate. Der Bevölkerungsmagnet kann dadurch nur noch in Nord-Süd-Richtung wachsen. Im Norden wohnen die Wohlhabenden, je weiter man nach Süden kommt desto ärmer und gewalttätiger wird die Gegend. Mittlerweile lebt jeder Fünfte Kolumbianer hier, insgesamt über 8,5 Millionen Menschen. Das Bussystem Transmilenio durchzieht die Metropole wie ein Spinnennetz. In der Umgebung Bogotas wird intensiv Landwirtschaft betrieben. Klima: Sensationell! – Durchschnittstemperatur 14 °C, aber bedingt durch die Hochlage sind mächtige dunkle Wolken, Regen und Gewitter ständige Begleiter der Einwohner.

Wir kommen am Dienstagmittag auf dem Flughafen „El Dorado“ an und genießen sofort die angenehmen, wenn auch jackenpflichtigen, Temperaturen von 16 °C. Obwohl es bis zur Innenstadt nur ca. 10 km sind, lassen wir uns abholen und in die Casa Platypus (Haus des Schnabeltiers) im Herzen der Altstadt kutschieren. Únsere Erwartungen an Bogota sind groß und die Besichtigungsliste lang. Nach dem Einchecken, erstmal Hostel- und Zimmerinspektion – sehr süß, WLAN-Test und dann geht’s auch schon los zum ersten Bummel durch das historische und intelektuelle Zentrum der Stadt – La Candelaria. Wir haben das Viertel gewählt, weil sich hier die meisten Sehenswürdigkeiten per Pedes erreichen lassen. Der erste Eindruck ist gut. Eigentlich haben wir einen eher siffigen Großstadtsumpf erwartet, werden aber positiv überrascht. Gegenüber von unserem Hostel befindet sich der Parque de los Periodistas mit mittig angelegter Bolivarstatue. Inoffizell wird der Platz Plaza de la Journalista genannt, ist also Klatschumschlagplatz Nummero Uno in der Stadt. Sonntags findet hier ein großer Flohmarkt statt. In den engen Gassen der Altstadt findet sich noch reichlich spanische Kolonial-Architektur. Kleine Häuschen mit vorgelagerten Holzbalkonen, schwere Türen und Eisengitter verschließen die einzelnen Anwesen. Daneben Kirchen, Museen und viele moderne Universiätsgebäude. Dazwischen unübersehbar an den Wänden schöne, teilweise auch bizarre Graffitis! Natürlich ist auch für gastronomische Kurzweil gesorgt. Da es aber erst früher Nachmittag ist, haben wir Pech und alle drei anvisierten Restaurants mit typischer kolumbianischer Küche sind geschlossen. Felix ist von der Herumlauferei genervt und wir sind nach eineinhalb Stunden Stadterkundung immer noch hungrig! Schließlich finden wir ein Resaurant – La Bruja (Die Hexe) – um die Ecke. Hinter unscheinbaren Fenstern verbirgt sich ein liebevoll eingerichteter kulinarischer Hexenkessel. Wir stärken uns mit Pollo de la Luna, mystischem Schwein und anderen Leckereien. Gesättigt und wieder guter Laune geht es ins Hostel zurück, wo wir einen gemütlichen Internetabend verbringen – schließlich müssen wir uns erst noch in der Höhe aklimatisieren!

 

Am nächsten Morgen sind wir etwas durchgefroren als wir aufwachen. Die Morgentemperaturen um die 10 °C sind für uns doch gewöhnungsbedürftig. Zum Aufwärmen geht es erstmal unter die heiße Dusche – jaaah. Eigentlich wollten wir am Vormittag die Touren für die nächsten Tage organisieren, aber unser Rezeptionist empfiehlt uns wegen des guten Wetters (der erste sonnige Morgen seit drei Wochen!!) einen Ausflug auf den Cerro de Monserrate. Mit einer Höhe von 3200 Metern ragt die Spitze des Berges aus der östlichen Bergkette hinter Bogota heraus. Auf seinem Gipfel thront das schneeweiße Santuario de Monserrate, eine Klosteranlage und Pilgerstätte aus dem 17. Jahrhundert. Außerdem soll man von da oben einen guten Blick über die Megametropole haben. Also ändern wir spontan unsere Pläne und begeben uns in luftige Höhen. Es gibt drei Möglichkeiten auf den Gipfel zu kommen: Einen Fußweg, eine Standseilbahn und eine Seilbahn. Aus Gründen der noch fehlenden Höhenanpassung – und nur aus diesem Grund – entschließen wir uns gegen den Fußweg und für die über hundert Jahre alte Standseilbahn. Außerdem würde der Fußmarsch eine Stunde dauern und es muss unter der Woche auf dem Weg nach oben mit Räubern und Wegelagerern gerechnet werden. Mit der Standseilbahn geht es 700 Höhenmeter steil nach oben. Das alte Gefährt knarzt und ächzt wenig vertrauenerweckend, aber schafft die Strecke in knapp 10 Minuten – nicht schlecht. Oben angekommen müssen wir trotz fehlender körperlicher Anstrengung in der dünnen Luft ganz schön schnaufen. Allerdings entschädigt die sensationelle Aussicht über Bogota hundert prozentig. Die Stadt scheint sich zwischen den beiden Bergketten wie Schmelzkäse auszubreiten. Trotz der Höhe können wir weder das südliche noch das nördliche Ende der wabernden Stadt erkennen – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubend. Wir schlendern den Kreuzweg zum Kloster hinauf und genießen den Blick über die Regenwälder an den Berghängen. Auf einem naheliegenden Berggipfel entdecken wir noch die überlebensgroße Statue des gefallenen Christus, die uns ein bisschen an Rio in Brasilien erinnert – nur nicht so protzig. In der Klosterkirche entzünden wir eine elektrische Kerze und begeben uns langsam wieder Richtung Standseilbahn.

Leider ist es erst früher Vormittag und das exquisite französische Gipfelrestaurant „Casa San Isidro“ hat noch geschlossen. Schon zum zweiten Mal kulinarisches Pech. So kann es natürlich nicht weitgehen – essenstechnisch gesehen. Also beschließen wir uns in die Zona G (=gastronomica), heißt wirklich so, im Norden zu verlegen. Hier befinden sich entlang der Calle 70 im Gourmetviertel alle gastronomischen Highlights der Stadt. Wir sind pünktlich zur besten Lunchzeit vor Ort und haben die Qual der Wahl. Ein Restaurant neben dem anderen, alle sehen nach lecker, lecker Essen aus. Zielsicher entscheidet sich der Kapitän für das „Criterion“, dass seit Jahren zu den 50 besten Restaurants Südamerikas gehört. Ich will euch diesmal nicht mit kulinarischen Einzelheiten langweilen, aber das 6-gängige Klassiker-Menü à la Criterion war einfach formidabel oder delicioso, wie es der Kolumbianer auszudrücken pflegt.

Während des Essens können wir beobachten, wie Falschparker hier aus dem Unterholz aufgescheucht werden. Eine Gruppe lebendiger Verkehrshütchen patroulliert mit einem Megaphon bewaffnet auf der Straße. Sobald sie einen Falschparker entdecken geht das Spektakel los. Über Megaphon wird das Kennzeichen sowie der Typ des Fahrzeugs lautstark durch die Gegend gebrüllt. Nach spätestens zwei bis drei Minuten kommt der Parksünder aus irgendeinem Loch gekrochen, spurtet zu seinem Auto und parkt es mit lautstarker Unterstützung um – sehr lustig!

Danach wollen wir wieder ins Zentrum zurück um noch das Botero-Museum zu besuchen. Allerdings will uns der Taxler aus irgendeinem Grund nicht nach Candelaria fahren. Dann nehmen wir halt den nächsten Bus, der in unsere Richtung fährt. Natürlich haben wir keine Fahrkarten und im Bus kann man nur mittels einer speziellen Nahverkehrskarte bezahlen – typisch blöde Touristen. Wir stehen etwas ratlos beim Busfahrer, als dieser die Fahrgäste auffordert für uns zu bezahlen. Ein netter junger Mann erbarmt sich schließlich und wir dürfen mitfahren. Leider kann er auf meinen 20.000 Pesos-Schein (ca. 7 Euro) nicht rausgeben, also gibt er uns einfach die Fahrt aus! Vielen Dank, wirklich sehr nett unbekannter Student! Gut gelaunt erreichen wir das Botero Museum, der Eintritt ist frei und wir können weitere Bilder und disproportionierte Skulputren des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero bewundern. Außerdem sind Teile seiner Privatsammlung ausgestellt. Wir entdecken ein, zwei Picassos, Werke von Miro, Matisse, Degas, Braque und Renoir. In den beiden Räumen hängt ein echtes Vermögen rum. Danach geht es durch das Münzmuseum zurück Richtung Ausgang. Hier bekommen wir noch drei Spezialprägungen der Münze als Souvenir überreicht – echt cool. Anschließend steht nur noch Ruhe und Fußpflege auf dem Programm. Damit ist auch der zweite Tag in Bogota schon vorbei und die nächste kühle Nacht erwartet uns!

Am dritten Tag sind wir entlich aklimatisiert – ich fühle genau wie die roten Blutkörperchen nur so aus meinem Knochenmark heraussprudeln – sodass wir die erste Tour in Angriff nehmen können. Anders als in Medellin entscheiden wir uns nicht für die Free-Walking-Tour durch die Innenstadt, sondern buchen eine vierstündige Fahrradtour durch die Stadt. Wir teffen uns vormittags mit Felipe, unserem Guide, bekommen unsere Fahrräder und nach einer kurzen Einweisung geht es schon los. Erstes Ziel ist die Plaza Bolivar, das Herz Kolumbiens. Hier treffen sich täglich tausende Menschen und noch mehr hungrige Tauben. Der Platz wird von drei Gebäuden (Parlament, Bürgermeisteramt und Justizministerium) und der Kathedrale von Bogota eingerahmt. Hier stand auch das 1985 von Guerilliakämpfern besetzte Justizministerium, das erst nach schwerem Beschuss durch Panzer des kolumbianischen Militärs wieder zurück erobert werden konnte. Das Justizministerium war danach jedoch so schwer beschädigt, dass es anschließend abgerissen werden musste. Sein heutiger Nachfolger wurde erst 1999 fertig gestellt. In der Mitte des Platzes befindet sich – wie überraschend – eine Statue von Simon Bolivar.

Bogota (43)

Danach geht es weiter Richtung Norden, wir radeln ins Finanzzentrum der Stadt. Hier haben sich alle namhafte Banken Kolumbiens mit protzigen Hochhäusern verewigt, die jetzt die Skyline von Bogota bilden. Im Lauf der Tour geht es natürlich wieder um die Transformacion in Kolumbien und speziell in Bogota, aber auch um die Unabhängigkeit von Spanien. Überall in der Stadt sind Statuen von wichtigen Persönlichkeiten des Unabhängigkeitskampfes in Südamerika aufgestellt. Wir durchqueren mehrere unterschiedliche Viertel und Parks. Machen in einer Kaffeerösterei halt, die bis zum Ende des II. Weltkrieges einem Deutschen gehört hat und genießen fabelhaften kolumbianischen Kaffee.

Während der Tour können wir immer wieder Graffitis unterschiedlicher Art bewundern und erfahren, dass diese Kunstrichtung seit 2014 legal ist und in Bogota sogar gefördert wird. Viele Kunstwerke beschäftigen sich mit politischen oder indigenen Themen. Via Rotlichtviertel geht es wieder zurück ins Zentrum. Wir bedanken uns herzlich für die wirklich empfehlenswerte Tour und haben natürlich nach vier Stunden Radeln echt Kohldampf. Glücklicherweise konnte der Kapitän während der Tour ein vielversprechendes Asadorestaurant ausmachen. Nach einem kurzen Fußmarsch lassen wir uns saftiges Rindfleisch vom Holzkohlegrill schmecken – mmmmh!

Ausreichend gestärkt können wir damit den letzten Programmpunkt des Tages angehen, das Highlight Bogotas – das Goldmuseum. Im Museo del Oro werden ca. 35000 Objekte präkolumbianischer Kunst ausgestellt. Die meisten Ausstellungsstücke sind aus Gold und spiegeln das große handwerkliche Können der Ureinwohner Kolumbiens wieder. Die Sammlung ist die größte ihrer Art auf der Welt und wirklich beeindruckend. Auf drei Etagen werden entsprechen ihrer kulturellen Herkunft Schmuck, Masken und rituelle Gegenstände ausgestellt. Vor allem die Darstellungen von Tieren sind ausgesprochen kunst- und phantasievoll ausgeführt. Bei machen Schmuckstücken stellt sich allerdings durchaus die Frage des Tragekomforts. Ein Höhepunkt der Sammlung ist das Balsa Muisca, ein kleines Floß aus Gold, das u.a. für den Mythos des sagenumwobenen El Dorado verantwortlich sein soll. Zum Schluss betreten wir einen runden, dunklen Raum. Nach und nach werden die 8000 hier ausgestellten Goldartefakte kurz illuminiert, um danach wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Der Raum symbolisiert eine heilige Lagune, in der die indigenen Urvölker goldene Opfergaben versenkt haben und soll dem Besucher den unwiderruflichen Untergang der alten Kulturen vor Augen führen. Das ganze Spektakel dauert etwa fünf Minuten und ist eine gelungene Inszenierung. Sollten wir jemals wieder ins Goldmuseum kommen, weden wir ganz sicher eine der vielen Führungen mitmachen, weil leider bei vielen Ausstellungsstücken fremdsprachige Erklärungen fehlen und die Faszination und Bedeutung der Goldarbeiten häufig im Detail liegen. Nach so viel Kunstgenuss sind wir echt am Ende und machen uns nach einem langen Tag auf den Weg in unser Schnabeltiernest.

Mit der Fahrradtour ist unser üblicher Besichtigungsmarathon eröffnet. Freitagmorgen treffen wir uns mit Edgar zur Smaragdtour, da Bogota heute der größte Umschlagplatz für die grünen Edelsteine ist. Nordöstlich von Bogota befinden sich die bedeutensten Smaragdminen der Welt. Obwohl die Konzession zum Abbau vom Staat vergeben werden, wird das ganze Geschäft von wenigen Familien kontrolliert. Bis 1991 tobte ein 30 Jahre dauernder Krieg in den unzugänglichen Bergen um die Vorherrschaft im Smaragdbuisness. Mittels paramilitärischer Gruppen bekämpften sich die einzelnen Akteure. Da der Smaragdhandel gute Möglichkeiten zur Geldwäsche bot, mischte die medelliner Kokainmafia ebenfalls kräftig in diesem Chaos mit. Schließlich entschied der spätere Smaragdzar Victor Carranza die Schlacht für sich. Bis zu seinem Tod 2013 kontrollierte er 40% des kolumbianischen Smaragdgeschäfts. Während wir gemütlich zum Smaragd-Trade-Center schlendern, erklärt uns Edgar die Strukturen des Smaragdhandels in Kolumbien. Wir besuchen eine Smaragdwerkstatt und lernen wie man echte und falsche Smaragde unterscheiden kann. Da bald Muttertag ist, bekommt Antje einen schönen, garantiert echten Smaragdanhänger spendiert. Danach geht es zum Plazoleta del Rosario nahe dem Goldmuseum, wo täglich eine Art öffentliche Smaragdbörse stattfindet. Obwohl alles legal ist, verhalten sich die Händler wie Drogendealer. Verpackt in kleine weiße Papiertütchen werden die Edelsteine auf dem ganzen Platz mehr oder weniger offen angeboten. Wir begutachten das Angebot einiger Trader und ziehen weiter zum Smaragdmuseum im 23. Stock eines nahegelegenen Hochhauses. Die Privatsammlung enthält einige der kostbarsten Smaragde der Welt und viele wunderschöne Schmuckstücke. Die Führung ist interessant, allerdings spricht unser Guide so schnell, dass wir nur die Hälfte verstehen – aber informativ war es trotzdem. Edgar bringt uns noch zu einem typisch kolumbianischen Restaurant, wir bekommen noch einige kleine Rohsmaragde als Abschiedesgeschenk und die Tour ist nach knapp drei Stunden vorbei.

Im Restaurant „Puerto de la Cathedral“ probieren wir zwei typische bogotaer Eintöpfe. Die eingedickten Suppen mit Huhn oder Schweinefleisch sowie dicken Bohnen sind ziemlich deftig und nicht so wirklich unser Ding. Als wir uns auf den Rückweg machen geht ein gradezu apokalyptischer Gewitterschauer über dem Zentrum herunter. Wir flüchten in die Kathedrale und nutzen die Zeit für eine Besichtigung des herrlichen Sakralbaues. Nach einer halben Stunde ist der Spuk wieder vorbei und via Supermarkt geht es ins Hotel zurück, weil wir heute zur Freude unseres Kindes einen lazy Nachmittag geplant haben.

Bogota (37)

 

Am letzten Besichtungstag haben wir wieder volles Programm. Wir sind früh auf den Beinen, da unser erstes Ziel die Markthallen in der Stadt sind. Mit dem Taxi geht es durch das Häusermeer von Bogota zum Paloquemao Markt. In einer riesigen Halle befinden sich in unterschiedlichen Bereichen Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse und frische Schnittblumen. In der Obstabteilung finden wir die mittlerweile bekannten Täter. Riesige Mango-, Papaya-, Passionsfrucht und Ananasberge türmen sich vor uns auf. Es riecht einfach himmlisch in diesen Hallen! Natürlich entdecken wir auch die von uns so geliebten Drachenfrüchte. Daneben sind wir von der großen Auswahl frischer Schnittblumen begeistert und überrascht. Vorallem Rosen werden in allen Farben und Variationen angeboten – schließlich ist am Sonntag Muttertag. In der Fleischabteilung entdecken wir abgezogene Schweinehäute inklusive Kopf. Haben wir auch noch nie gesehen! Wie von einem Kätzer abgezogen hängen die Häute zum Trocknen an großen Haken. Die Häute werden von den Garküchen vor Ort mit Reis und Schweinefleisch gefüllt und anschließend im Ofen gegart – sah sehr lecker aus, aber wir hatten erst gefrühstückt – Schade eigentlich. Mit dem Taxi geht es zum nächsten Markt nach San Vincente. Hier befindet sich ein kunterbunter Straßenmarkt, der sich über insgesamt 16 Straßenzüge erstreckt. Die Verkaufsstände befinden sich in den Gebäuden, auf der Straße, in Tiefgaragen. Es gibt kein noch so kleines Loch, wo nicht irgendetwas verkauft wird. Neben allerlei Krimskrams werden vor allem Klamotten jeder Art angeboten. Bei einsetzendem Regen schlendern wir durch ein paar Straßen, leiden an extremer Reizüberflutung und wollen zurück Richtung Zentrum.

Bogota (42)

Zufälligerweise entdecken wir noch in einer Seitenstraße eine kleinen kunsthandwerklichen Kunstmarkt und der Kapitän kann doch noch sein obligates Souvenir-T-Shirt erstehen. Damit haben wir an einem Vormittag alle wichtigen Märkte Bogotas kennengelernt – reife Leistung, oder? Wir kämpfen uns langsam Richtung Zentrum vor und kommen schließlich am Plaza Bolivar mit seinen unzähligen Tauben heraus. Diesmal kann ich nicht widerstehen und muss eine kleine Tüte Futtermais erstehen. Kaum wird mir der Mais überreicht, bin ich Ziel der Begierde und Landeplatz von ca. 100 Tauben. Bei dem Andrang möchte man die Körner so schnell wie möglich wieder los sein. Glücklicherweise erbarmt sich Felix und nimmt mir den halben Mais ab und so stehen wir in Taube gekleidet auf dem Platz und lassen uns aus der Hand fressen – sehr nett. Innerhalb von wenigen Minuten ist der Spuk allerdings vorbei und wir werden von den Tauben keines Blickes mehr gewürdigt – undankbares Federvieh!

Bogota (44)

Anschießend wollen wir uns noch etwas stärken bevor am Nachmittag die Graffiti-Tour los geht. Nach einer schnellen Pizza geht es zum Treffpunkt vor unserem Hotel. Nachdem 2011 ein Jugendlicher beim Sprühen eines Graffitis in den Straßen von Bogota von einem Polizisten erschossen wurde, gab es großen Unmut in der Bevölkerung. Daraufhin entschloss sich der Bürgermeister von Bogota die Wandbemalungen zu legalisieren. Inzwischen hat sich aus den ehemaligen Schmiereien eine eigene Kunstrichtung – Street Art entwicklet. Nach dieser Einführung unseres Tourguides Monika – ihres Zeichens selbst Graffitikünstlerin – wandern wir durch Candelaria und bekommen an verschiedenen Graffitis die Entstehung und Weiterentwicklung der eher jungen, modernen Kunstrichtung erklärt. Nach 60 Minuten sehr, sehr detailintensiver Erklärungen – wer, was, wieso und warum – beschließen wir die Tour zu verlassen und kehren nach einem anstrengenden Tag ins Hostel zurück.

Bogota (1)

Wir brauchen noch ein bisschen Ruhe, schließlich steht am Abend noch das obligatorische Abschiedsessen an. Leider ist das von uns vorab ausgewählte Restaurant – T-Bone – bis auf den letzten Platz gefüllt und so müssen wir uns enttäuscht nach einer Alternative umsehen. Da wir nach vier Tagen Hardcore-Sightseeing etwas fußlahm sind, entscheiden wir uns für einen Shawama-Laden um die Ecke. Obwohl heute gut gegrilltes Fleisch ausfällt, lassen wir uns Fallafel, Humus und reichlich Gemüse mit einem kräftigen Fruchtsaft schmecken – natürlich alles halal! Nach einer unruhigen Nacht mit Donner, Blitzen und Dauerregen – es tropft in mein Bett – stehen am nächsten Morgen die Abreisevorbereitungen an. Da wir nach dem Frühstück noch vier Stunden Zeit haben bis wir zum Flughafen müssen, beschließen wir noch das National Museum zu besichtigen. Neben Malereien der letzen Jahrhunderte, soll es hier eine große Ausstellung zur Geschichte der Indianer Südamerikas geben. Leider beschränkt sich diese auf drei kleine Säale. Wir schlappen noch ein bisschen durch das Museum und fahren anschließend zum Flughafen. Mit einer Stunde Verspätung wegen schwerer Gewitter geht es am Nachmittag zurück nach Santa Marta.

Bogota hat uns sehr gut gefallen, die Stadt ist für Touristen absolut sicher, die Museen sind wirklich phantastisch, gastronomisch ist alles was das Herz begehrt geboten und die Touren waren auch sehr interessant. Aber im Gegensatz zu Medellin war hier die in Kolumbien herrschende Aufbruchstimmung nicht so intensiv zu spüren – deshalb reicht es leider trotz aller Kunstschätze nicht zu einem neuen Städtetipp – Sorry Bogota!

Fair winds und bis bald,

Bogota (62)

eure Schnabeltiere von der Auriga

Was für ne sch… Hitze

Hitze, die. Feminines Substantiv – war ja klar. Plural: die Hitzen – war nicht klar. Etymologische vom althochdeutschen hizz(e)a, zu heiß. Kommt im Lexikon nach hitverdächtig. Synonyme: Glut[hitze], hohe Temperaturen, Wärme; (umgangssprachlich) Bruthitze, Bullenhitze, Irrsinnshitze; (umgangssprachlich emotional verstärkend) Affenhitze, Bombenhitze, Höllenhitze (religiös motiviert), Mordshitze, Wahnsinnshitze. Häufigste Bedeutung: sehr starke, als unangenehm empfundene Wärme, hohe Lufttemperatur. Kann aber auch Empfindung von starker Wärme im Körper, heftige Erregung, Zornesaufwallung oder Zeit der Läufigkeit, Paarungsbereitschaft bei Tieren bedeuten. Die Hitze gehört zu den häufigsten 10.000 Wörtern im Dudenkorpus und nimmt damit im Sprachgebrauch einen Mittelplatz ein. Sie gehört außerdem zum Wortschatz des Zertifikats Deutsch.

Hitze (11)

Von Hitze spricht man beispielsweise bei einer hohen Lufttemperatur, besonders in den Tropen und Wüsten, in den jeweiligen Sommermonaten jedoch auch in den Subtropen und gemäßigten Breiten. Der Begriff wird dabei ganz allgemein als Ausdruck für ungewöhnlich hohe Lufttemperaturen verwendet, meteorologisch als Hitzeanomalie bezeichnet. Besonders heiße Tage wurden in den mittleren Breiten früher durch eine Tageshöchsttemperatur von über 25°C definiert, wobei man dann von einem Sommertag sprach. Diese Bezeichnung ist jedoch – nicht zuletzt durch den gegenwärtigen Klimawandel – veraltet, und wurde durch den Begriff des Heißen Tages (Hitzetag, Tropentag >30°C) ersetzt, zunehmend findet sich auch der Wüstentag (Temperatur > 35 °C), ergänzt durch den Begriff der Tropennacht. Eine ungewöhnlich lange Phase von aufeinander folgenden heißen Tagen bezeichnet man auch als Hitzewelle…

Hitze (10)

Nachdem wir von Medellin zurück gekommen waren, erwartete uns in Santa Marta eine Gluthitze, die uns an unseren Start in Italien erinnerte. Bereits bei unserer Ankunft am Abend liegen die Temperaturen noch weit über 30 °C. Tagsüber kletterte das Thermometer im Durchschnitt auf 35°C – klassischer Wüstentag. Bei dieser Bruthitze werden Unternehmungen jeder Art zu einem Kampf gegen die Dehydrierung. Sobald wir das Boot verlassen, beginnen wir zu schwitzen. Das T-Shirt klebt wie Sicaflex am Körper und der Schweiß rinnt in Sturzbächen herunter. Kennt ihr Kniekehlen – oder Ellenbeugenschweiß? Es ist heiß, heißer … einfach nur heiß! Wir sind außerhalb des Bootes wie gelähmt. Träge schleppen wir uns alle zwei Tage zum Supermarkt, der nur ca. 200 Meter entfernt ist. In der Bullenhitze ist der Weg eine einzige Tortour. Die irrsinnig heiße Luft flimmert über der Straße, der Teerbelag wird schon weich…. wenn ich mich zu langsam bewege, bleibe ich wahrscheinlich kleben und verdörre wie eine sonnengetrocknete Tomate!

Die Höllenhitze, die UV-Strahlung und die salzige Luft machen unserer Auriga ebenfalls zu schaffen. Also wird unser Schiffchen hitzebeständig verpackt, ganz Christolike! Das Großsegel wird eingetütet, Sonnensegel gespannt, der Chinese mit einer Einkaufstüte verschönert und unser Dingy mit seiner Abdeckung versehen. Wir haben lustige, gestreifte Mützchen für unsere Winschen gebastelt. Am Heck wurde bis auf den Foerthmann alles abgebaut und verstaut. Der Dieseltank bis zum Anschlag gefüllt, um die Bildung von Kondenswasser zu minimieren. Unter Deck wird Platz geschaffen, geputzt und aufgeräumt. Jetzt können wir guten Gewissens noch ein paar Wochen in Santa Marta bleiben … nur die Hitze schafft uns echt!

Wegen der Mordshitze bleiben wir tagsüber solange wie möglich im gut klimatisierten Boot und kommen erst bei Sonnenuntergang wie Zombies den Niedergang hinaufgekrochen. Zum Glück befinden wir uns in einem riesigen Land mit reichlich kühlen Hochlagen, wo es einiges zu erkunden gibt. Also entwicklen wir einen neuen Plan. Wir wollen in Zukunft eine Woche ins Hochland reisen, um der Wahnsinnshitze zu entgehen, und eine Woche in Santa Marta bleiben. Um nicht mit dem Schulstoff für Felix zu weit zurückzufallen, wurde zu seiner Freude der Nachmittagsunterricht eingeführt. Nach heftigen Protesten, sinnlosen Diskussionen und mehreren Verwünschungen beginnt das neue Programm am 01. Mai – ist ja schließlich Tag der Arbeit! Mit dem neuen Konzept sind Schüler und Lehrer bis nachmittags um 16:30 Uhr aufgeräumt und wir haben jeden Grund unter Deck zu bleiben. Vormittags wird Mathematik, Französisch, Englisch und Deutsch gelehrt, während am Nachmittag Erdkunde, Biologie und Reisevorbereitungen auf dem Programm stehen. Die ersten Tage laufen ganz gut und wir werden das neue System wohl beibehalten.

Mittlerweile haben wir mal wieder mit der SY Samantha telefoniert. Alex und Birger wollen von Antigua nach Süden segeln und Ende Mai auf den ABC-Inseln sein. Wir haben beschlossen hier in Santa Marta auf die beiden zu warten und wollen danach mit Ihnen weiter Richtung Cartagena und Panama segeln. Wir freuen uns schon, wenn wir unsere Freunde aus Aachen wieder sehen werden. Matthias und Regina von der SY Jasina haben mittlerweile die Shelter Bay nahe Colon in Panama erreicht und bereiten die Kanalpassage vor. Dazu wird ihr Boot von der Kanalgesellschaft vermessen und basierend auf diesen Daten der Passagepreis berechnet. Bin gespannt wieviel sie für die Kanaldurchfahrt blechen müssen. Da das Boot der beiden ebenfalls nur knapp 10 Meter lang ist, kleines Boot – große Reise, werden wir einen aktuellen Anhaltspunkt für die Kanalkosten haben. Schließlich wollen wir Ende des Jahres auch noch durch den Kanal, Bin ja gespannt, wann sie ihren Passagetermin bekommen, da zurzeit durchaus Wartezeiten von bis zu vier Wochen drin sein können. Wir sind weiterhin entschlossen, die beiden während der Kanaldurchfahrt zu unterstützen, schließlich kann ein bisschen Übung ja nicht schaden! Da der Panamakanal auf der Pazifikseite in Panama City endet, werden wir natürlich die Gelegenheit nutzen und uns im Anschluss noch die Stadt und den Hafen ansehen.

Hitze (19)

Fast alle Freunde und Bekannten von der Odyssee bereiten sich inzwischen schon auf die Rückkehr nach Europa vor. Die meisten werden in der zweiten Maiwoche starten, da dann die Bedingungen für die Überfahrt zu den Azoren gut sind und insgesamt mit weniger Schwerwetter zu rechnen ist. Wir beneiden die vielen Crews nicht. Schon wieder Atlantik, da haben die doch auch schon alles gesehen – oder? Wir freuen uns jetzt aber erst einmal auf unsere nächste Reise in die Hauptstadt Kolumbiens nach Bogota. Die drittgrößte Stadt Südamerikas hat neben den 8,5 Millionen Einwohnern einiges zu bieten. Außerdem liegt sie 2500 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Hochplateau in den östlichen Anden und verspricht mit einer Durchschnittstemperatur von 18 °C angenehmes Sightseeingklima. Am Dienstag geht’s los.

Fair winds und bis bald,

euer Hitzeopfer von der Auriga

Medellin – Don`t mention his name!

Spricht man von Medellin, so sind die ersten Assoziationen: Pablo Escobar, das Medellin-Kartell, Kokain, Drogengelder, Mord und Guerillakrieg. Wer kann sich da schon vorstellen, dass Medellin 2014 vom Wall Sreet Journal zur innovativsten Stadt der Welt gekürt wurde, während sie Mitte der 80er Jahre noch als gefährlichster Ort auf dem Planeten galt. Damals lag die Mordrate noch bei 395/100.000 Einwohnern. Pablo Escobar und das Medellin-Kartell waren auf dem Höhepunktihrer Macht, kontrollierten die Stadt und hatte dem Staat Kolumbien den Krieg erklärt. Außerdem herrschte seit Jahrzehnten ein brutaler Bürgerkrieg in Kolumbien, in dem sich rechte und linke Guerillabewegungen gegenseitig be- und gegen den Staat kämpften. Alle vier Akteure stürzten die Stadt und das Land über viele Jahre in ein blutiges Chaos. Nachdem Rebellen in Bogota den obersten Gerichtshof stürmten und die Hälfte der obersten Richter Kolumbiens ermordeten, kam die Wende. Escobar, mittlerweile der siebt reichste Mensch der Welt, wurde zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt. Unter George Bush wurden Milliarden zur Bekämpfung des kolumbianischen Drogenhandels investiert und Escobar schließlich 1993, barfuß auf einem Dach in Medellin erschossen. 1995 hatte die Guerillabewegung FARC eine Bombe unter einer Vogelstatue des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero versteckt. Die Explosion auf dem San-Antonio-Platz mitten in Medellín während eines Musikfestivals tötete mindestens 30 Menschen und verletzte mehr als 200. Die Explosion des „Friedensvogels“ war der Höhepunkt von Terror und Gewalt in der Stadt. Botero setzte damals durch, dass seine zerfetzte Statue als Mahnmal stehenblieb. Er stellte eine unversehrte identische Statue direkt daneben und schuf damit ein neues Kunstwerk. Die Installation ist heute ein Symbol der Hoffnung in Medellin. In den nächsten Jahren führten konsequente Verhandlungen mit der größten Guerilliavereinigung FARC zu einem deutlichen Nachlassen der Gewalt in Medellin und Kolumbien. 2016 wurde ein Friedensvertrag ausgehandelt und der jetzige kolumbianische Präsident, Juan Manuel Santos, wurde dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Med (35)

Am Samstagmorgen machen wir uns zum Flughafen in Santa Marta auf und starten pünktlich um 08:00 Uhr Richtung Medellin. Obwohl der Flug nur ca. eine Stunde dauert, sind wir bei 20°C Kabinentemperatur ganz schön durchgefroren als wir ankommen. Zum Glück haben wir Jacken und lange Hosen im Gepäck. Vom Flughafen José María Córdova geht es erstmal mit dem Bus in die 30 km entfernte Stadt. Medellín liegt im Aburrá-Tal, innerhalb der Zentralanden im nordwestlichen Kolumbien, auf einer Höhe von 1538 m, wodurch das ganze Jahr über angenehme frühlingshafte Temperaturen herrschen. Die 1616 gegründete Stadt bildet heute zusammen mit den umliegenden Gemeinden die Metropolregion Medellin, ist die zweitgrößte Stadt Kolumbiens, Hauptstadt des Departameto Antioquia und Heimat von ca. 3,5 Millionen Menschen. Während der Busfahrt bekommen wir einen ersten Eindruck der Stadt, die sich wie eine Krake an den Berghängen des Aburratals ausbreitet. Vom Busterminal aus geht es mit dem Taxi zu unserem Hostel Primavera Zero ins angesagte Viertel El Poblado. Wir checken ein und machen einen ersten Rundgang durch unsere neue Kurzzeitheimat. Bei 22°C Außentemperatur können wir endlich einmal schweißfrei herumschlendern. Der erste Eindruck ist großartig. Gepflegte Straßen, Restaurants und Boutiquen wohin das Auge blickt, Bäume und riesige Bambuspflanzen spenden überall Schatten, der Verkehr ist überschaubar, wir fühlen uns wohl und sicher. Als nächstes machen wir das, was wir am besten können – Essen gehen. Wir haben allerdings die Qual der Wahl – italienisch, indisch, kolumbianisch, peruanisch, mexikanisch oder doch zum Argentinier? Wir entschließen uns schließlich für ein argentinisches Steakhaus und lassen uns eine riesige Fleischplatte ausgezeichneten Rindes schmecken – für Felix das beste Fleisch seit langem und er hat absolut recht. Danach zum Verdauen zurück ins Hostel, den Tag erst einmal in Ruhe ausklingen lassen und die geplanten Stadtführungen buchen. Wir haben ein hartes Programm vor uns: Montag Stadtführung durchs historische Zentrum (4 Stunden), Dienstag Besuch eines typischen Medelliner Barrios (3,5 Stunden) und am Mittwoch noch die Exotic Fruit Tour (3 Stunden) auf dem lokalen Markt, natürlich alles per Pedes. Da wollen die untrainierten Segler-Füßchen noch ein bisschen geschont werden.

Am nächsten Tag wollen wir uns erst einmal auf eigene Faust einen Überblick über die Stadt verschaffen. Am besten eignet sich dazu die Metro, übrigens die einzige in ganz Kolumbien, sie führt in Nord-Süd-Richtung etwa 30 km durch die Stadt, verläuft teilweise auf Stelzen und ausschließlich oberirdisch. Wir wollen von Poblado nach Norden zur Metrostation Acevodo. Hier verbindet eine Seilbahn (Metrocable) die höhergelegenen, armen und schwer zugänglichen Barrios (Viertel) mit der Innenstadt. Als wir die Metrostation betreten fallen uns zwei Dinge sofort auf: Es ist unheimlich sauber. Keine Graffities an den Wänden, niemand isst oder trinkt auf dem Bahnsteig. Auf jedem Bahnsteig befinden sich zwei Polizisten und eine Putzfrau. Außerdem werden wir beobachtet, bestaunt. Mensch am Bahnsteig drehen sich nach uns um, ein freundliches „Buenos dias“ hier und dort, irgendwie ein komisches Gefühl. Außer uns sieht man nicht viele andere Touristen. In der Metro das gleiche Bild, man könnte vom Boden essen, keine Schmierereien, keine Kaugummis auf den Sitzen und wir ziehen wieder alle Blicke auf uns. Später werden wir erfahren, dass die Metro eine ganz besondere Bedeutung für die Medelliner hat, sie verbindet nicht nur die abgelegenen Vororte mit der City, sondern ist Symbol der „Transformacion“, des Wandels von einer Drogenhochburg zu einer modernen, lebenswerten Stadt. Die Menschen sind unheimlich stolz auf ihre Metro auf und deshalb passen sie auch auf sie auf!. In Acevodo steigen wir in die Metrocable, die Seilbahn, um und fahren die steilen Flanken des Aburratals hinauf, während sich unter uns ein Gewirr aus übereinander gebauten Ziegelhäusern erstreckt. Zwischen den Häusern finden sich schmale Gassen, Treppen und Trampelpfade, die kaum mit dem Auto zu passieren sind. Von oben gesehen ein einziges Labyrinth! Die Seilbahn verläuft so tief über den Häusern, dass wir in jeden Hinterhof, Balkon sehen können, überall trocknet Wäsche in der Sonne, Kinder spielen auf der Straße …. irgendwie ist es wie im Zoo!. Je höher wir kommen, desto mehr können wir die Ausmaße Medellins erkennen. Ein unglaublicher Ausblick! In Santo Domingo steigen wir um und fahren mit der nächsten Seilbahn in den Parque Ecotouristico Arvi. Bis zur Endstation überqueren wir reichlich renaturierten Nebelwald mit riesigen Farnen und unterschiedlichsten Bäumen – sogar Felix ist fasziniert! Früher soll die Kokain-Mafia hier ihre Leichen entsorgt haben…

Danach geht es wieder abwärts ins Stadtzentrum, wir wollen zum Plaza Botero. Der Platz wurde 2002 im Rahmen der Transformacion neugestaltet und mit insgesamt 23 Skulpuren des kolumbianischen Künstlers Fernando Betero bestückt. Der ganze Platz wirkt wie eine Freilichtmuseuum. Die disproportionierten Figuren haben einen hohen Wiedererkennungswert und werden uns sicher im Gedächtnis bleiben. Bevor es ins Museo de Antioquia geht, müssen wir uns erst einmal stärken. Nach einigem Suchen finden wir das Traditionslokal „Hacienda“ und müssen natürlich das Nationalgericht Kolumbiens probieren – die „Bandeja Paisa“. Die Bandeja Paisa (Bandeja = Platte, Paisa = Name für die Bewohner Antioquias) ist ein wirklich deftiges Gericht und war ürsprünglich ein typisches Essen der schwer arbeitenden Landbevölkerung. Auf eine Bandeja Paisa gehören: geriebenes Rindfleisch, Chorizo, Blutwurst, frittierter Schweinebauch, frittierte Banane, ein Spiegelei, rote Bohnen, Reis, Avocado und Arepa (Maisfladen). Die Kolumbianer sind stolz auf ihre Bandeja Paisa und jeder, der einmal nach Antioquia reist, muss dieses Gericht einmal probiert haben. Man bekommt es im ganzen Land, aber nur in Antioquia und Medellin schmeckt es wie es schmecken muss. Mit einem Stein im Magen geht es ins Museo de Antioquia, das im ehemaligen Palacio Municipal untergebracht ist und eines der wichtigsten Museen des Landes darstellt. Es beherbergt unterschiedliche Gemälde und Plastiken kolumbianischer Künstler, natürlich dürfen auch hier Werke von Fernando Botero nicht fehlen. Die Ausstellung ist sehr abwechslungsreich und ein echter Kulturgenuss. Nach so vielen neuen Eindrücken kehren wir erst einmal erschöpft ins Hostel zurück.

Montags beginnt dann unser Besichtigungsmarathon! Die Tour startet bereits um 08:54 Uhr, also müssen wir zum Leidwesen unseres Sohnes früh raus. Treffpunkt ist glücklicherweise unsere Metrostation El Poblado. Wir sind pünktlich, werden freundlich empfangen, in die erste Gruppe eingeteilt, finden uns unter 20 – 30jährigen Backpackern wieder und mit der Metro geht es ins Zentrum Medellins. Bevor es allerdings richtig losgeht, bekommen wir von Camillo, unserem Tourguide, noch ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg. Regel 1: You are the aliens! Wir erfahren, dass wir für die Einheimischen noch fremdartiger sind, als sie für uns. Viele haben noch nie einen Ausländer gesehen. Vor allem unsere Größe (kolumbianische Männer sind im Schnitt 170 cm und kolumbianische Frauen 155 cm groß), unser Aussehen und die fremdartige Sprache sind für viele Kolumbianer gewöhnungsbedürftig. Wir sollen uns also nicht wundern, wenn wir angestarrt oder beäugt werden. Camillo beteuert jedoch, dass die Medelliner nur neugierig und ganz harmlos sind. Regel 2: Do not mention his name, Pablo Escobar! – Wieso? Obwohl Escobar bereits über 30 Jahre tot ist, spaltet er die Medelliner Gesellschaft immer noch. Während er für die einen ein skrupelloser Möder, Verbrecher und Drogendealer war, ist er für die armen Leute eine Art Robin Hood. Er hat Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und vieles mehr für die Ärmsten der Armen gebaut und sie verehren „Il Padrone“ dafür immer noch. Ein Barrio trägt auch seinen Namen. Obwohl die Führung in Englisch ist, was wahrscheinlich 95 % der Einheimischen nicht verstehen, bleiben doch immer wieder Leute stehen und hören zu. Wenn im Rahmen der Führung also sein Name fällt, wissen die Menschen nicht, ob gut oder schlecht über ihn gesprochen wird. In der Vergangenheit führte diese Situation wohl hin und wieder zu unschönen Szenen – also, you can call him the famous guy or P.E. or so …!

Nach dieser Einführung beginnt die Führung vor dem Sitz der Provinzregierung und dem Justizpalast. Vor dem Gebäudeensemble befindet sich das 38 m hohe „Monumento a la Raza“ des Bildhauers Rodrigo Arenas Betancur, welches die Geschichte und wirtschaftliche Entwicklung Medellins darstellt. Danach geht es weiter zum Square of Lights. 15 Jahren zuvor wurde die Gegend noch von Straßengangs regiert, Mord und Todschlag standen hier auf der Tagesordnung. Im Rahmen der Transformacion wurde der Straßenzug vollständig platt gemacht, die Kriminalität aus der Innenstadt verbannt und als Symbol der Erneuerung der Square of Lights, eine monumentale Bibliothek sowie ein neues Bildungszentrum errichtet. Die Transformacion spielt auf der weiteren Führung immer wieder eine zentrale Rolle und Camillo erklärt uns anhand von Gebäuden und Plätzen die Verwandlung Medellins vom kriminellen Drogenmoloch in eine weitgehend friedliche und wirklich sehenswerte Stadt. Neben den massiven infrastrukturellen Investitionen, die zur Anbindung der Armenviertel an die City geführt haben, ist vor allem die überall sichtbare Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften die Grundlage für den Erfolg Medellins. Die Führung ist aber kein Lobgesang auf die gelungene Veränderung der Stadt, das Konzept Medellins wird mittlerweile von anderen Problemgroßstädten kopiert, sondern zeigt auch die Schattenseiten der Transformacion sowie die weiterhin bestehenden Probleme der Stadt.

Als wir an der Kirche Veracruz vorbeikommen steht das Thema Prostitution auf der Agenda. Ambitionierte Frauen bieten hier ihre Dienste für 10-15 US an, Stundenhotel inklusive. Interessanterweise findet man die Damen immer neben oder hinter den großen Kirchen. Hintergrund: Nach der begangenen Sünde sucht der kolumbianische Mann offensichtlich die schnelle Vergebung in der Kirche! Erst f…., dann beichten und alles ist wieder gut – dieser Verdrängungsmechanismus ist auch Teil der kolumbianische Seele! Danach geht es weiter über den Botero Square zum Bolivar Park. Zwischendurch stärken wir uns in der Fußgängerzone mit ein paar Empanadas (frittierte, gefüllte Maisfladen) und exotischen Fruchtsäften. Am Bolivar Park können wir wieder die Schattenseiten Medellins beobachten. Im Licht der Metropolitan Cathedral sehen wir Prostituierte, einige Freaks kiffen gemütlich ihre Joints, andere spritzen sich Heroin, dazwischen ältere Herren beim Mittagsplausch! Was für eine skurrile Mischung. Obwohl der Platz als nicht ungefährlich gilt, ist alles ganz entspannt. Wir werden bestaunt, staunen zurück und alles ist gut. Den Abschluss bilden der San-Antonio-Platz, wo 1995 das verheerende Attentat stattfand. Wir machen noch ein Gruppenfoto und verabschieden uns von Camillo. Seine unglaublich enthusiastische Führung, die vermittelte Aufbruchstimmung in Medellin und die herzliche Art der Einwohner haben uns tief beeindruckt! Nach 4,5 Stunden Stadtführung und reichlich Informationen sind wir allerdings ziemlich geschafft. Wir gehen noch ins Museo de Antioquias etwas essen und sind danch reif für´s Hostel – so viel Info muss erst einmal verdaut werden!

Am Dienstag ist erstmal ausschlafen angesagt, da unsere Tour durch das Vorstadtviertel Moravia glücklicherweise erst am Nachmittag beginnt. Während Felix und ich am Vormittag im Hostel chillen, geht Antje zum Friseur und lässt sich im Massagestuhl eine neue Frisur verpassen. Wir nehmen die Veränderung wohlwollend zur Kenntnis und ziehen nach einem leichten Mittagssnack los. Treffpunkt ist diesmal die Metrostation Caribe. Wir kommen just in time an und werden schon von unserem Guide Pablo erwartet. Während wir auf der Citytour noch beinahe 30 Leute waren, sind wir hier nur zu neunt. Nach der bereits bekannten Einführung: You are the aliens, do not mention his name, you are not in a zoo! – geht es los. Wir besuchen das Barrio Moravia. Mitte der 70er Jahre diente die Region als Müllhalde und lag am Rande der Stadt. Auf der Flucht vor den innerstaatlichen Konfliken siedelte sich hier die Landbevölkerung an. Sie bauten sich Hütten aus Müll und lebten vom Abfall der Großstadt. Alles war natürlich illegall. In den 90er Jahren wurde das Viertel legalisiert und umgestaltet. Der Müllberg wurde mit Erde bedeckt, spezielle Pflanzen zur Absorbtion der Gifte gepflanzt und ein schöner Garten angelegt, alles in Zusammenarbeit mit Biologen der Universidad de Antioquias.

Im Westen Medellins baute die Stadtverwaltung mehrere Hochhausburgen für die Einwohner. Etwa 90% der Bewohner der ehemaligen Müllhalde wurden umgesiedelt, aber ca. 10% wollten bleiben und leisteten Widerstand. Anhand dieser Menschen erklärt uns Pablo die Vor- und Nachteile der Transformacion ganz direkt. Anders als in der Tour am Vortag geht es heute wirklich ins Detail – sehr spannend. Wir schlendern an den Behausungen der „Resistance“ vorbei, kommen mit den Bewohnern ins Gespräch, alles ist unglaublich interessant, aber auch bedrückend. Danach geht es tiefer ins Barrio hinein. Wir überschreiten eine imaginäre Linie und befinden uns plötzlich nicht mehr im Umsiedlungsgebiet. Sofort verändern sich die Wohnverhältnisse und wir stehen in einem typischen Medelliner Viertel. Mit dem Beginn der Transformacion entstanden in diesen Barrios moderne Schulen, Bibliotheken und Parks. In Moravia schuf der kolumbianische Architekt Rogelio Salmona ein modernes kulturelles Begegungszentrum, das seinesgleichen sucht. Wir erfahren viel über das kolumbianisches Gesundheits- und Bildungssystem. Pablo erklärt uns verschiedene Projekte und wir besuchen eine Ausstellung über die Entstehung des Barrios. Die Bilder an den Wänden sind echt schockierend, andererseits ist die Verwandlung des Viertels wirklich beeindruckend – wow. Jetzt ist uns auch klar, warum die Transformacion ein Exportschlager Kolumbiens ist, auch wenn sich damit nicht alle Probleme einer modernen Großstadt lösen lassen! Am Ende der Tour befinden wir uns auf der Spitze des ehemaligen Müllbergs, genießen die Aussicht über Medellin, im Süden der Stadt fällt Regen, während wir im Norden im Trockenen stehen. Bei diesem Ausblick verstehen wir, warum die Widerständler diesen Ort nicht verlassen wollen. Nach einer herzlichen Verabschiedung fahren wir mit der Metro nach Poblado zurück, ab ins Hostel, duschen, umziehen und schon geht es weiter… am Abend steht ein kulinarisches Highlight an!

Med (50)

Am Vortag habe ich einen Tisch im El Cielo (der Himmel) reserviert. Laut meinen Internetrecherchen kredenzt hier der Sternekoch Juan Manuel Barrjentos exzellente Molekularküche. Schließlich müssen wir uns auf die am nächsten Tag bevorstehende Exotic Fruit Tour einstimmen. Gegen 19:00 Uhr treffen wir völlig underdressed in dem Nobelschuppen ein. Wir werden von Kellnern in Livree begrüßt, an unseren Tisch geleitet und nicht schräg angesehen!. Ohne eine Speisekarte gesehen zu haben, werden sofort drei Amuse Gueules serviert – fängt ja schon mal gut an! Danach kommt der Oberkellner um unsere Bestellung aufzunehmen. Wir haben die Wahl zwischen dem neungängigen Menü „The Trip“ und der vierzehngängigen Gourmetschlacht „The Journey“. Wir entscheiden uns – natürlich – für die kulinarische Reise. Wer kann bei einem Preis von 45 Euro pro Menü schon Nein sagen! Bevor es losgeht erwartet uns eine sehr eigenwillige Reinigungsprozedur. Wir bekommen eine Schokoladenpraline gefüllt mit Kakaobutter in die Hand gelegt, müssen diese zerdrücken und uns damit die Hände einseifen. Danach werden wir mit Erdbeersalz bestreut und alles wird mit lauwarmen Wasser aus einer Silberkaraffe abgewaschen – Gott, wie dekadent, aber ich liebe es sofort!

Nach dieser Vorbereitung gibt es endlich wieder was zu beißen. The Journey beginnt mit einer Spinatsuppe und einem Kartoffelkeks, dazu einen Cava-Sekt aus Spanien. Hört sich zwar langweilig an, aber der Keks ist die reinste Geschmacksexplosion und ziemlich spicy! Anschließend wird eine perfekt glasig gegrillte Garnele auf Kürbismousse und getrockneten Tomatenbröseln gereicht – hmmm. Der Sauvigon Blance aus Argentinen war natürlich auch durchaus trinkbar. Der Kapitän zieht sich daraufhin mal kurz zurück und legt eine frische Marlboro auf. Vor dem Lokal entdeckt er ca. 10 anzugtragende Leibwächter mit Knopf im Ohr – Okay, offensichtlich haben wir prominente Gesellschaft. Kaum wieder zuück geht es auch schon weiter: Catch of the Day (Seebarsch) mit Risotto, dazu ein wohltemperierter chilenischer Rosé. Kurze Pause, das anschwellende Bäuchlein streicheln und weiter geht’s. In einer tristen grauen Schale kommt ein Ravioli mit Hühnchenfüllung und Trüffel-Bechamelsause angeflogen, das seinesgleichen sucht. Ich will hier niemehr weg! Der Hauptgang – Schweinebauch auf Baumtomatensauce mit Biscuit-Schmetterlingen – ist zwar lecker, enttäuscht aber ein bisschen, weil einfach zu fettig. Glücklicherweise im Laufe des Abends der einzige kulinarische Rückschlag. Der dazu gereichte Malbec aus Argentinen bekommt dafür die volle Punktzahl.

Anschließend lassen wir uns eine Art Beef-Marshmallow mit Cassischutney schmecken, das wir zusammen mit dem restlichen Rotwein runterspülen – Give me more from this stuff! Das Marshmallow kennzeichnet den Übergang zum süßen Teil des Menüs, obwohl wir gerade mal zweieinhalb Stunden im Restaurant sitzen… Der Dessertmarathon beginnt natürlich mit einer Schokoladenkreation, dazu ein 20 Jahre alter Portwein – sehr lecker, so kann es weiter gehen. Endlich gibt’s Kaffee. Kaffeepflanzen werden auf dem Tisch drappiert, eine Glaskaraffe mit angeschnalltem Filter plaziert und mit einem wahnsinnig intensiv riechenden kolumbianischen Kaffee bestückt. Während der Kaffee langsam durch den Filter rinnt, wird unser Tisch eingenebelt. Die Kaffeeplantation-Hochland-Frühnebelstimmung kommt bei uns genauso gut an wie der frische Kaffee und die kleinen Baiserstückchen. Zum Schluss bekommen wir noch Mango-Macarons in einer Geschenkschachtel überreicht – wow, klasse, sensationell. Definitiv das beste Essen auf unserer gesamten Reise, alle sind restlos begeistert, auch wenn das Schwein … Hoffentlich ist Juan Manuel Barrjentos kinderlos und adoptiert mich! Vier Stunden später wackeln wir ins Hostel zurück und schlafen schmatzend ein …

Mittwochs ist wieder ein Frühstart angesagt. Weil wir aber noch wehe Füßlein haben und nicht schon wieder 20 Minuten bis zur Metrostation latschen wollen, nehmen wir uns ein Taxi bis zum Treffpunkt Minorista, dem Obst- und Gemüsemarkt. Wir quälen uns eine ¾ Stunde durch den morgenlichen Verkehr und kommen gerade noch rechtzeitig an. Nach den üblichen einleitenden Worten bekommt jeder einen Löffeln von Diana, unserer Führerin, in die Hand gedrückt und es geht los. Sobal wir den Markt betreten werden wir mal wieder von allen Seiten beäugt, aber die Menschen beißen nicht! Wir schlendern ein wenig durch den Markt und probieren immer wieder unterschiedliche Obstsorten. Interessanterweise gibt es für manche gar keinen deutschen sondern nur englische Namen. Als wir gerade einem Bauern beim Mais schälen beobachten, beginnen einige Jugendliche ganz aufgeregt zu schnattern. Auf Nachfrage unserer Führerin stellt sich heraus, dass die Jungs wirklich noch nie Touristen gesehen haben. Die vier sind ganz aus dem Häuschen! Im Rahmen der Tour kosten wir insgeamt 14 verschiedene Fruchtsorten: Guanabana (Soursop), Borojo (Borojo), Maracuja (Yello Passion Fruit), Curuba (Banana Passion Fruit), Gulupa (Passion Fruit), Granadilla (Sweet Granadilla), Tomate de Abrol (Tree Tomato), Guayaba (Guave), Lulo (Little Orange), Chontaduro (Peach Palm), Algarroba (West Indian Locust), Uchuva (Cape Gooseberry), Pitahaya (Dragon Fruit), Higo (Prickly Pear), Tamarindo (Tamarind) und Cherimoya (Custard Apple). Außerdem erfahren wir wie die Früchte im reifen Zustand aussehen bzw. sich anfühlen müssen. Obwohl wir auf unserer Reise immer wieder neue Obstsorten endeckt und probiert haben, finden sich hier doch einige bisher unbekannte auf dem Markt. Zum Abschluss darf sich jeder noch einen Milchshake mit einer Frucht seiner Wahl wünschen. Während wir die leckeren Drinks genießen, erzählt uns Diana, dass der Minorista Markt immer noch relativ schlecht besucht ist, weil es hier früher regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam und die Einheimischen den Markt deshalb immer noch meiden. Wir sind u.a. auch hier um den Menschen zu zeigen, dass ihr Obst- und Gemüsemarkt mittlerweile sicher ist und so können wir auch einen kleinen Beitrag zur Medelliner Transformacion leisten – wirklich ein sehr netter Gedanke. Nach einer herzlichen Verabschiedung wollen wir noch zum Botanischen Garten, natürlich nicht wegen der Pflanzen sondern zum Essen. Das „In situ“ wird in mehreren Reiserführern für seine Küche gelobt. Nach unserer kulinarischen Reise vom Vortag liegt die Messlatte jedoch sehr hoch. Das Essen ist natürlich lecker, aber selbstverständlich kein Vergleich. Danach geht es mit der Metro zurück ins Hostel, unsere Füße haben nach der stundenlangen Lauferei in den letzten Tagen ein wenig Ruhe verdient.

Tagsdarauf müssen wir schon wieder nach Santa Marta zurück. Am Vormittag wird gepackt, danach noch ein Kurzausflug zum Majorista, dem größten Markt in Medellin, der allerdings auf einem riesigen Gelände verteilt ist und nur wenige touristische Aspekte bietet. Als wir an der Metrostation Poblado aussteigen, spricht uns eine Metroangestellte an und meint, sie hätte uns die letzten Tage immer wieder gesehen und würde sich wirklich freuen, dass wir Medellin besuchen – sowas haben wir noch nie erlebt! Nach dem Essen geht es am Nachmittag mit dem Taxi zum Flughafen. Am späten Abend kommen wir in Santa Marta bei 36 °C an, schwitzen wieder und sind kurz danach zurück auf unserer Auriga. In den letzten fünf Tagen haben wir viel über Kolumbien im Allgemeinen und Medellin im Speziellen gelernt. Uns haben vor allem die Aufbruchstimmung in der Stadt, unsere engagierten Guides, die überall spürbare Hoffung auf Veränderung nach den Jahren der Kriminalität, aber auch die unglaubliche Herzlichkeit der Menschen sehr beeindruckt. Wir hatten jederzeit das Gefühl, als Touristen willkommen zu sein. Leider hatten wir keine Zeit mehr, die berüchtigte Communa 13 oder ein Fußballspiel zu besuchen. Außerdem hätten wir gerne noch eine Pablo Escobar Tour mitgemacht. Wegen ihrer Kontraste und der vielseitigen Möglichkeiten, die die Stadt bietet wird Medellin hiermit unser erster Städtetipp – Bienvenido a Medellín!

Med (49)

Fair winds und bis bald,

eure Aliens von der Auriga

Kolumbien – Liebe auf den ersten Blick!

Montagmorgen haben sich alle Bedenken in Luft aufgelöst. Bei Hans bezahlen wir unsere Liegegebühr, schaffen eine Übersichtskarte für die süd-westliche karibischen See an und bekommen zu unserer Überraschung noch einen echt klasse Cruising Guide für Kolumbien geschenkt, vielen Dank. Dann heißt es bye, bye Aruba, ayo ABC-Inseln! – für uns kein leichter Abschied. Bevor wir zum Ausklarierungspier umsiedeln können, melden wir uns vorschriftsmäßig bei Port Control, bekommen die Freigabe und tuckern los. Die Beamten von Custom und Immigration sind schon vor Ort und die Formalitäten können rasch erledigt werden, wie auf den anderen Inseln der ehemaligen niederländischen Antillen ist alles umsonst. Wir verlassen den Hafenkanal durch die nördliche Zufahrt, bringen den Foerthmann in Stellung, rollen unsere Genua aus und setzen Kurs 300° auf den 100 nm entfernten nördlichsten Punkt des südamerikanischen Kontinents – Punta Gallina. Bei 4-5 Bft. achterlichem Wind und bis zu 2 kn westlicher Strömung machen wir zwischen 6-7 kn Fahrt. Bei der Geschwindigkeit haben wir das Gefühl uns anschnallen zu müssen, wir düsen ganz schön und erreichen ein Rekord-Etmal von 150 nm. Am zweiten Tag lassen Wind und Strömung etwas nach, aber trotzdem erreichen wir Santa Marta am Mittwoch Nachmittag, nach nur 53 Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,7 kn! Offensichtlich wird unsere Auriga magisch von Kolumbien angezogen.

Kol1 (40)

Wir melden uns via VHF in der Marina Santa Marta an, werden kurz darauf von zwei Marineros in einem Dinghi empfangen und zu unserem Liegeplatz geleitet. Antje legt entspannt an, wir müssen uns allerdings nach 15 Minuten wieder verlegen, weil der zugewiesene Liegeplatz leider besetzt ist. Bei einer Affenhitze machen wir wieder alle Leinen klar, legen ab, fahren einmal um den Ponton herum und legen mit vielen helfenden Händen wieder an. Wir klären mit den Marineros die Stromversorgung, unser neuer Adapter kommt planmäßig zum Einsatz und wir melden uns danach in der Marina an. Seitdem wir vor über 14 Monaten Afrika / Agadir verlassen haben, haben wir heute zum ersten Mal wieder Festlandboden unter den Füßen. Im Marinabüro werden wir sehr, sehr herzlich empfangen und mit allen Einrichtungen vertraut gemacht, ein Marinaagent übernimmt für uns die Einklarierungsformalitäten. Kurz darauf besucht uns Matthias von der SY Jasina, er und seine Freundin Regina liegen mit ihrer Etap 32 seit etwa fünf Monaten hier, gibt uns ein paar Tipps und wir verabreden uns für den nächsten Abend – schöner Auftakt. Die Marina Santa Marta liegt direkt an der Strandpromenade und nur ein paar Meter vom historischen Stadtzentrum entfernt. Direkt neben den Wellenbrechern der Marina befindet sich ein langer, schöner Sandstrand. Nach einer herrlichen Dusche wollen wir natürlich noch zum Essen gehen.

Der Zugang zur Marina wird von mehreren Wachleuten und einem Soldaten mit angeschlagener MG bewacht. Mein Sicherheitsbedürfnis ist sofort aufs Höchste befriedigt, hier müssen wir uns auf alle Fälle keine Sorgen um unser Hab und Gut machen. Wir erkundigen uns nach dem nächsten Geldautomaten, heben gleichmal eine halbe Million Pesos (ca. 150 Euro) ab und fühlen uns wie Millionäre! An der Strandpromenade haben wir die Qual der Wahl. Es gibt jede Art von Restaurants und die Preise sind überschaubar … günstig … praktisch extrem billig. Wir finden auf keiner Speisekarte ein Hauptgericht für mehr als 10 Euro. Seit unserer Ankunft punktet Kolumbien schon zum dritten Mal! Nach einem gepflegten Dinner mit einer Flasche Wein und anschließendem Dessert sind wir gerade mal 120.000 Pesos los. Obwohl wenig englisch gesprochen wird, klappt die Verständigung trotzdem ganz gut und die Menschen sind unheimlich herzlich und freundlich. Ich fühle den Beginn einer großen Liebe! Nach dem Essen schlendern wir zurück, fallen todmüde in unsere Kojen und schlafen erstmal richtig aus.

Kol1 (24)

Santa Marta ist die Hauptstadt des Departamento del Magdalena und liegt im Nordosten des Landes relativ nah an der Grenze zu Venezuela. In Santa Marta leben 480.000 Menschen, im ganzen Departamento 500.000! Die Straßen sind geometrisch angelegt. In Nord-Süd-Richtung verlaufen die Carreras, die Wege von Ost nach West werden als Calle bezeichnet. Alles ist durchnummeriert, es gibt kaum Straßennamen, aber dadurch fällt die Orientierung sehr leicht. Nördlich von Santa Marta befindet sich die Sierra Nevada de Santa Marta mit den höchsten Bergen Kolumbiens, dem Pico Cristóbal Colón sowie dem Pico Simón Bolívar, die beide über 5.700 Meter hoch sind. Die Berge gehören zu den nördlichen Ausläufern der Anden (Kordillere) und sind damit das höchste Küstengebirge der Welt. Vom Meeresgrund aus gesehen sind die beiden schneebedeckten Gipfel praktisch über 10.000 Meter hoch. Santa Marta wurde am 29. Juli 1525 vom Conquistador Rodrigo de Bastidas als eine der ersten heute noch bestehenden spanischen Städte auf dem amerikanischen Festland gegründet. Ca. 16 km vom Stadtzentrum entfernt befindet sich die Quinta de San Pedro de Alejandrino, auf der am 17. Dezember 1830 der Freiheitskämpfer Simon Bolivar verstarb. Santa Marta ist eine der wichtigsten Hafenstädte im Norden Kolumbiens. Rund um die Stadt wird intensiv Landwirtschaft betrieben, es werden Palmen, Bananen und Mangobäume angepflanzt.

Am nächsten Morgen stehen um 09:00 Uhr die Einklarierungsbehörden auf der Matte – ups. Bei uns sieht es mal wieder aus….! Ein Beamter kommt an Bord um das Boot zu inspizieren. Wir müssen alle Unterlagen vorlegen, zum ersten Mal wird auch unser Gelbfieberimpfstatus überprüft, unser Bad (haha!) kontrolliert, aber alles ist okay und nach einer Viertelstunde zieht der Offizielle wieder ab, wir bekommen unsere Pässe zurück und dürfen 90 Tage in Kolumbien bleiben. Danach ist Felix gefragt, weil die nächste Bio-Schulaufgabe ansteht. Anschließend ist unser Sohn natürlich so erschöpft, dass er nicht in der Lage ist, in die Stadt mitzukommen. Mama hat mal wieder Verständnis und das Kind darf an Bord bleiben, während wir uns aufmachen. Zuerst besuchen wir aber die SY Jasina und machen unser Date für den Abend klar. Wir dürfen an Bord kommen und ich entdecke eine kleine kompakte Klimaanlage – A dream comes true! Wir erfahren, dass Klimaanlagen dieser Art überall erhältlich sind und ich habe sofort ein neues Objekt der Begierde, eine Haceb muss her! Da die beiden nächste Woche nach Panama wollen und anschließend in den Pazifik, schenken sie uns auch noch ihren Kolumbienreiseführer. Danach geht es ins Marinabüro, weil wir beschlossen haben, mindestens einen Monat hier zu bleiben, um von hier aus Kolumbien zu erkunden. Unser erstes Ziel in Santa Marta ist natürlich ein Supermarkt. Bei 32°C im Schatten latschen wir los und finden uns in einer richtigen Stadt wieder. Das Verkehrschaos tobt, es stinkt, es ist unglaublich laut, die Luft zum Schneiden, Smog pur, aber wir fühlen uns wohl. Zuerst stoßen wir auf einen Haushaltswarenladen, entdecken einen neuen Mülleimer, eine Köderbox, silikonierte Aufbewahrungsdosen, wir sind im Plastikhimmel – kaufen aber nichts, wir haben schließlich eine Mission. Die Carrera 5 ist Lateinamerika pur. Links und rechts Geschäfte aller Art, vor den Geschäften fliegende Händler und Garküchen, unbeschreiblich, endlich mal wieder Zivilisation. Wir finden den ersten Supermarkt, sondieren das Sortiment, ich entdecke eine Haceb für 110 Euro! Es gibt alles, was das Herz begehrt, die Preise treiben einem nach der Karibik die Tränen in die Augen – wir sind happy. Zigaretten kosten 1,30 Euro, 5 Liter Wasser 1,00 Euro, Grundnahrungsmittel sind etwa 60% billiger als in Europa, Bier gibt es für 0,50 Euro die Dose, Wein ist erschwinglich, Obst und Gemüse auf marokkanischem Niveau. Außerdem kann man echt billig Essen gehen. Für ein durchschnittliches Mittagessen legt man zwischen drei und fünf Euro hin! Wir besorgen ein paar Lebensmittel und fahren mit dem Taxis zur Marina zurück, dabei erfahren wir, dass man innerhalb des Stadtgebietes pro Taxifahrt nur 2 Euro bezahlt.

Am Abend treffen wir uns mit Matthias und Regina und lernen außerdem Hank und Susi kennen. Die beiden Amerikaner sind vor ein paar Wochen mit dem Boot aus Puerto Rico gekommen, waren so begeistert von Santa Marta, dass sie sich gleich um die Ecke eine Eigentumswohnung gekauft haben. Wir beschließen in die Stadt zum Essen zu gehen und verbringen einen kurzweiligen Abend in einem sehr netten Restaurant am Parque de Los Novios, dem Zentrum des Nachtlebens. Im Laufe des Abends erfahren wir viel über Kolumbien, Santa Marta und das Leben hier. Als wir das Lokal verlassen, tobt der Bär vor dem Lokal, Lebensfreude pur. Wir schlendern gemütlich zum Hafen zurück und legen uns erschöpft von so vielen neuen Eindrücken hin. Allerdings ist die Familie bereits um 02:30 wieder fit, es ist wahnsinnig warm und wir werden von einem Haufen Mücken malträtiert. Mitten in der Nacht beginnt eine wilde Jagd auf die kleinen Mistviehcher. Die erste Schlacht können wir zwar für uns entscheiden, allerdings befürchten wir eine langwierige Auseinandersetzung mit den Biestern. Wir müssen definitiv massiv aufrüsten. Obwohl am nächsten Tag Karfreitag ist, haben viele Geschäfte am Morgen geöffnet. Als erstes muss eine Klimaanlage her! Wir laufen wieder zum Supermarkt und erstehen die Haceb, die letzte, die es noch gibt. Danach geht es in die Abteilung Schädlingsbekämpfung – wir decken uns mit Mückengift, Klebefallen und Antimückenmittel ein. Wir wollen doch mal sehen, wer hier der Herr im Haus ist! Zurück an Bord wird die neue Klimaanlage natürlich sofort ausprobiert, mit der Größe einer Mikrowelle passt sie genau in den Niedergang. Wir lassen sie eine halbe Stunde laufen und unsere Kabine ist nach kurzer Zeit angenehm temperiert – sehr schön.

Abends laufen wir bei drückender Schwüle und 30°C zur Kathedrale und wollen uns die Karfreitagsprozession ansehen. Vor der Kirche herrscht Volksfeststimmung, einige Heiligenfiguren sind bereits auf Holztragen aufgestellt. Nach einer Stunde Wartezeit erscheinen sechs Würdenträger und es werden lange, lange Predigten zum Besten gegeben. Da auf dem Platz kein Lüftchen weht, wir mal wieder in unserem eigenem Saft stehen, brechen wir die Aktion Osterprozession ab und suchen uns ein gut klimatisiertes Restaurant auf dem Dach des Strandkasinos mit herrlichem Ausblick über den Hafen und lassen uns ganz unchristlich Steak und Meeresfrüchte schmecken. Wir kehren in unser wohltemperiertes Heim zurück und freuen uns auf eine ruhige Nacht. Als ich am nächsten Morgen aufwache, haben wir eine Innentemperatur von 23 °C – es ist saukalt! Antje hat sich nachts in eine Wolldecke eingerollt, dafür haben wir deutlich weniger Mückenstiche. In den nächsten Tagen werden wir ein bisschen mit den Einstellungen spielen und unser persönliches Wohlfühlklima sicher finden.

Durch die Neuanschaffung der Klimaanlage können wir seit langem wieder bei guten Bedingungen schlafen, aber tagsüber wird es trotz Windsegel unter Deck schweineheiß und unsere beiden kleinen Kabinenventilatoren bringen nur wenig Bewegung in die stehende, feuchte Luft. Nächstes Tagesziel – ein neuer Ventilator muss her. Vormittags schreibt Felix noch eine Deutschschulaufgabe, während ich die Jasina besuche. Matthias bekommt unseren alten, kaputten elektrischen Autopiloten (wir haben zwei vom gleichen Typ) und ich dafür einen aktuellen Cruising Guide für Panama. Da Matthias Schiffsingenieur ist, nutze ich die Gelegenheit und löchere ihn mit Fragen über dieses und jenes. Gleichzeitig kontrolliere ich die Bordapotheke der beiden, so wäscht eine Hand die andere – so habe ich mir das Blauwasserleben immer vorgestellt. Die beiden sind vor fünf Jahren in Hamburg gestartet und wollen innerhalb der nächsten zehn Jahre die Welt umsegeln – „Wir wüssten sonst gar nicht, was wir machen sollen“ – es gibt also genung Gesprächsstoff. Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass wir am Ostersonntag zusammen mit Matthias und Regina bei den Amerikanern zum Essen eingeladen sind, wird bestimmt interessant. Am Nachmittag sind wir im Ventilator-Jagdfieber und machen uns in die Ocean Mall auf. Am frühen Nachmittag haben die Temperaturen bereits 33°C erreicht. Glücklicherweise ist die Mall klimatisiert und wir können eine 18-Zoll Windmaschine für wenig Geld erstehen. Damit sollte der Wohlfühlfaktor auf unserer Auriga weiter deutlich steigen. Außerdem bekommt der Kapitän ein neues Tablet.

Ostersonntag beginnen wir mit einem gemütlichen, reichhaltigen Frühstück. Bis alles fertig ist darf Felix nach seinem Ostergeschenk suchen, was bei unseren Wohnverhältnissen ja eher überschaubar ist. Nach einer kurzen Suche findet er seine neuen Kopfhörer und freut sich sehr darüber. Wir vertrödeln den Vormittag, treffen uns mittags mit den beiden Hamburgern und machen uns zu Hank und Susi auf. Ihr Appartment (200 qm) befindet sich direkt am Strand im 13. Stock und bietet einen herrlichen Ausblick. Auf der einen Seite kann man über den Hafen und das Meer blicken, auf der anderen Seite sieht man Santa Marta mit den Andenausläufern im Hintergrund – Wow. Wir kochen gemeinsam und verbringen einen netten, fröhlichen Nachmittag zusammen. Obwohl am Ostermontag in Kolumbien kein Feiertag ist, sind wir lazy, das Kind hat schulfrei und wir hängen ein bisschen herum. Nachmittags schlendern Antje und ich durch die Stadt, aber die Temperaturen machen uns mal wieder zu schaffen, nach zwei Stunden sind wir durchgeschwitzt und kehren zum Schiff zurück.

Außerdem haben wir heute mit der SY Samantha telefoniert. Die beiden sind ja mittlerweile vor einer Woche in Antigua angekommen und wollen jetzt zügig nach Süden segeln. Ich bin ja gespannt, wo und wann wir uns wieder treffen werden. Die nächsten Tage ist wieder verstärkt Schul- und Bordalltag angesagt. Abends treffen wir uns mit der Jasina-Crew zum Sundowner, tauschen Programme, elektrische Seekarten, Filme und mehr aus. Festplatten wandern über die Stege, mehrere Gigabyte Daten wechseln den Besitzer. Die beiden erfahrenen Segler geben uns viele Tipps für die San Blas Inseln und leihen uns zu guter letzt auch noch ein Ankerbuch. Wir genießen die gemeinsame Zeit mit den Hamburgern sehr, leider brechen sie nach meherern Aufschüben doch Ende der Woche nach Panama auf. Allerdings ist ein Wiedersehen in den nächsten Wochen geplant. Wir haben beschlossen, die beiden als „Lineholder“ während der Passage des Panamakanals zu unterstützen. Nach einem letzten gemeinsamen Abend, heißt es dann wirklich Abschied nehmen.

Obwohl uns der Abschied diesmal wirklich schwer fällt, geht das Leben natürlich weiter und wir haben für nächste Woche Ferien anberaumt. Während unserer Inselhüpferei waren die Ausflugsziele ja meistens ziemlich überschaubar. Hier in Kolumbien müssen wir uns erst einmal gedanklich umstellen. Mit einer Fläche von 1,1 Mio km² ist Kolumbien ungefähr drei mal so groß wie Deutschland, da gibt es natürlich einiges zu entdecken. Nach vielen Gesprächen und einer ausgiebigen Recherche haben wir uns entschlossen als erstes Medellin im kolumbischen Hochland zu besuchen. Flüge und Hotel werden über´s Internet gebucht und am Samstagmorgen geht es los. Wir sind sehr gespannt, was uns in der Metropole mit 3,5 Millionen Einwohnern erwartet! Eines wissen wir aber ganz gewiss – es wird deutlich kühler sein als an der Küste!

Kol1 (16)

Fair winds und bis bald,

eure Konquistadores von der Auriga

Fake News und herrliche Unterwasserwelten in St. Vincent und den Grenadinen

Nach unserem Frühstart in Souffriere steuern wir als nächstes St. Vincent und die Grenadinen an. Der Inselstaat umfasst die Insel St. Vincent und die 32 Inseln der nördlichen Grenadinen. Kolumbus endeckte 1498 die Insel am St. Vincent-Tag und taufte sie entsprechend – echt kreativ Christoph, alter Schwede! In der Windabdeckung von St.Lucia herrschten zunächst herrliche Segelbedingungen und wir genießen die aufgehende Sonne und die morgendliche Kühle. Sobald wir die St. Lucia-St.Vincent-Passage erreichen ist es natürlich wieder vorbei mit Genusssegeln. Drei Meter Welle von der Seite, wir werden mal wieder kräftig durchgeschüttelt und sind entsprechend genervt. Nach 7 Stunden haben wir unser Ziel die Keartons Bay erreicht. Hier befindet sich ein Transocean-Stützpunkt und wir freuen uns auf eine leckeres Abendessen bei Rosi. Nachdem wir an der Mooring-Boje festliegen, können wir noch ein bisschen entspannen, weil wir erst ab 17:00 Uhr in der nahegelegenen Wallilabou Bay einklarieren können.

Da sich direkt neben unserer Mooring ein Schnorchelspot befindet beschließen wir erst einmal ins Wasser zu gehen. Das Riff ist nicht so toll, aber Antje entdeckt nahe einer Höhle zwei Rotfeuerfische und wir ziehen uns lieber wieder an Bord zurück. Um 17:00 Uhr werden wir pünktlich von einem Mitarbeiter Rosis mit dem Boot abgeholt und in die Wallilabou Bay chauffiert – auch mal ein cooler Service. Die Bucht ist nicht nur wegen des Mordes an einem deutschen Skipper vor einem Jahr bekannt, sondern vor allem weil sie als Filmkulisse für den ersten Teil von „Fluch der Karibik“ diente. Hier wurde vor einigen Jahren „Fort Royal“ aufgebaut. Laut unserem Cruising Guide gibt es hier ein kleines Museum mit Filmrequisiten zu bewundern. Das Museum entpuppt sich dann als düstere Baracke, in der einige Bilder der Hauptdarsteller an den Wänden hängen und ein Haufen alter Filmrollen in den Ecken liegt. Wahrscheinlich kann man am Boden noch einen Nasenpopel von Jonny Deep finden – der totale Reinfall! Zum Glück mussten wir keinen Eintritt zahlen. Dafür dürfen wir beim Einkalrieren kräftig löhnen, insgesamt 70 Euro für die Erlaubnis einen Monat in St. Vincent und den Grenadienen zu segeln. Ganz schön knackig, wie wir finden. Zur Abwechslung müssen wir allerdings nur ein einziges Formular im Customerbüro (ebensfalls eine ehemalige Filmkulisse) ausfüllen.

Am Abend geht es dann ins Rock Side Cafe zu Rosi. Die gebürtige Hamburgerin lebt seit ca. 20 Jahren auf St. Vincent und hat sich hier mit ihrem einheimischen Mann Orlando ein kleines Restaurant aufgebaut. Wir werden von der Eigentümerin herzlich mit einem Rumpunch begrüßt und kommen gleich ins Gespräch. Natürlich müssen wir von unserem Erlebnis in Souffriere berichten und werden ehrlich bemitleidetet, was uns wirklich gut tut. Außerdem werden wir noch mit ein paar guten Tipps bzgl. St. Vincent versorgt und Rosi organisiert uns einen Mechaniker für unseren Außenbordmotor, weil der die letzten Tage nicht so richtig will. Unser Chinese (Parsun) verweigert immer mal wieder den Dienst und geht einfach während der Fahrt aus. Blöd vor allem, wenn man sich gerade im Anfahrtskanal eines größeren Hafens befindet. Wir vereinbaren, dass sich Yellowman am nächsten Morgen unseren Chinesen ansehen soll. Anschließend sitzen wir unter Palmwedeln, beobachten die untergehende Sonne und genießen ein formidables 4-Gänge Menü. Was kann man sich nach einem langen, harten Segeltag sonst noch wünschen? Der Abend vergeht sehr kurzweilig, wir dürfen uns im Gästebuch verewigen und fallen später erschöpft in unsere Kojen. Wir schlafen allerdings sehr unruhig, weil in der Bucht viel Schwell herrscht und wir gut durchgeschüttelt werden, aber ohne ernsthafte Verletzungen am nächsten Morgen von einem Regenschauer geweckt werden. Der Himmel ist wolkenverhangen, die Temperaturen angenehm kühl und endlich mal keine Sonne zu sehen! Wir werden ein Kreuz im Kalender machen.

Pünktlich um 0800 erscheint Yellowman an unserer Auriga und wir besprechen unser Außenborderproblem. Der Chinese wird umgeladen, an Land gebracht, Felix und ich paddeln hinterher, weil wir bei der Reparatur dabei sein wollen. Obwohl der Parsun noch fabrikneu ist, ist der Vergaser schon verdreckt – 4-stroke-engines always make problems – so sieht´s nämlich aus! Yellowman erweist sich als geduldiger Lehrer und zeigt uns wie der Vergaser ausgebaut, gereinigt und wieder eingebaut wird. Alles in allem vom Schwierigkeitsgrad her überschaubar. Die nächste Reinigung werden Felix und ich sicher alleine hinbekommen. Der anschließende Testlauf verläuft zu Felix´s Zuriedenheit und wir hieven den Chinesen wieder an Bord. Dabei bemerken wir, dass sich die achterliche Mooringleine aus ihrer Verankerung gelöst hat und wir langsam seitwärts treiben. Wir fackeln nicht lange, schmeißen die Maschine an, lösen die Bugleine und dampfen ab – unser erster Notfallstart ist geglückt.

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Da unser nächstes Ziel, die Blue Lagoon Marina an der Südspitze von St. Vincent, nur 10 sm entfernt ist, motoren wir die zwei Stunden bis zur Marina und lassen die Hauptstadt Kingstown zunächst links liegen. Wie der Name schon sagt, liegt die Marina in einer Lagune und ist nur über einen relativ seichten Kanal zu erreichen, der bei Ebbe eine Wassertiefe von 5,5 ft hat, was unserem Tiefgang entspricht. Vor dem Kanal versuchen wir die Marina zu erreichen, bekommen aber leider keine Antwort. Während Antje am Ruder ist, stehe ich am Bug und sehe mit einem zunehmend mulmigen Gefühl, dass sich die unter uns befindlichen Korallenstöcke immer deutlicher am Meeresgrund abzeichnen. Plötzlich ein kurzer Ruck, ich halte den Atem an, Antje gibt Gas und wir sind in der Lagune. Glücklicherweise haben wir nur ein bisschen Sand aufgewühlt. Vor der Marina fordert uns Dockmaster Desmond auf, noch fünf Minuten zu kreisen bis eine französische Yacht ablegt und wir ihren Liegeplatz übernehmen können. Nach einem entspannten, lehrbuchmäßigen, seitlichen Anlegemanöver meiner Frau, entschuldigt sich Desmond und erklärt, dass er uns nicht hören konnte, weil sein Handfunkgerät ins Wasser gefallen ist- Okay, wir haben es auch so geschafft. Eigentlich haben wir die Marina angelaufen, weil wir mal wieder unsere Bordbatterien und elektrischen Geräte (Handys und Laptop) richtig aufladen wollten. Leider stellt sich heraus, dass die Wasser- und Stromleitungen am Pier gerade erneuert werden – also kein Strom die nächsten Tage, Mist! Dafür ist das WiFi sensationell und reicht bis zu unserem Liegeplatz.

„Unglücklicherweise“ ist die Marina an ein 5-Sterne-Hotelresort angeschlossen und wir überlegen natürlich, ob wir nicht sofort wieder ablegen sollen. Bis eine endgültige Entscheidung getroffen ist, gehen wir erst mal ins Loftrestaurant zum Essen. Hier können wir zum ersten Mal Conch (Riesen-Flügelschnecken) – eine Spezialität der Karibik – probieren, schmeckt nicht schlecht. Das Essen überzeugt und entgegen unseren Neigungen entscheiden wir fünf Tage zu bleiben! Nach dem Essen surfen wir noch ein bisschen im Internet und ich stelle fest, dass am Abend die Münchner Bayern im Championsleagueachtelfinale gegen Arsenal spielen. Da wir aber fünf Zeitzonen zurückliegen, ist bereits in einer halben Stunde Anpfiff, perfektes Timing. Ich frage unseren Kellner Andy, ob das Spiel im Fernsehen übertragen wird. Glücklicherweise entpuppt sich Andy als echter Bayernfan und wechselt sofort den Kanal. Während Antje und Felix auf´s Boot zurückgehen, hänge ich noch an der Bar rum und verfolge mit Andy das Achtelfinale – sehr lustig und gewonnen haben wir auch! Gegen Ende des Spiels komme ich mit zwei dänischen Seglern ins Gespräch und wir beschließen, den Abend mit unseren Crews in einer Kneipe um die Ecke zu verbringen. Es wird ein wirklich netter Abend. Felix kann mal wieder Billiard spielen und wird fast von der kompletten dänischen Crew herausgefordert. Wir amüsieren uns alle köstlich.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir mit Schnorcheln im nahe gelegenen Riff, das leider ziemlich veralgt ist, aber wieder herrliche Fische zu bieten hat. Wahrscheinlich ist eine Marina für ein Riff nur schwer zu verkraften. Danach laufen die Vorbereitungen für Antje´s „35“-igsten Geburtstag auf Hochtouren. Auf Wunsch des Geburtstagskindes wollen wir Kingstown besuchen. Kingstown wurde 1722 von den Franzosen gegründet, 1779 von den Briten erobert und nach der Unabhängigkeit 1975 zur Hauptstadt von St. Vincent und den Grenadinen erhoben. Am 24. Januar 1793 legte Captain William Bligh (bekannt durch die Meuterei auf der Bounty) mit der HMS Providence im Hafen der Stadt an und brachte die ersten Brotfruchtsetzlinge auf die Insel.

Wir nehmen den lokalen Sammelbus in die Hauptstadt, schlendern zuerst durch die zentrumsnahen Straßen und entdecken zufällig ein Kaufhaus, in dem wir eine neue Kaffeemaschine erstehen – was für ein Geburtstagsgeschenk für meine kaffeabhängige Frau! Richtung Hafen finden wir den Obst- und Gemüsemarkt, lernen den singenden „Eggman“ kennen und flanieren weiter zum Fischmarkt. Hier sehen wir neben den üblichen Thunfischen ziemlich riesige Mahi-Mahi oder Goldmakrelen. Ein Fischer zeigt uns netterweise wie die Leckerbissen fachgerecht gehäutet werden. Wieder was gelernt! Wir besuchen die Kathedrale, nehmen einen kleinen Mittagssnack zu uns, gehen Proviant für die nächsten Tage einkaufen und schlendern zum Busbahnhof zurück. Wir zwängen uns wie die Sardinen in den Van und mit lauter Reggae-Musik geht es zurück Richtung Marina. Obwohl wir schon zwölf Leute im Auto sind, werden unterwegs noch weitere Passagiere aufgenommen. Zum Schluss sind wir 18 Menschen im Van, eine echte Vollkontakt-Fahrt, aber es funktioniert.

Zurück im Hafen erwartet uns eine Überraschung, unsere kanadischen Freunde von der SV ELEMENT sind während unserer Abwesenheit in der Marina angekommen. Nach einem herzlichen Wiedersehen beschließen wir, uns abends an der Bar zu treffen. Vorher dürfen Felix und ich das Geburtstagskind im Loftrestaurant noch auf eine leckere Languste und ein Glas Weißwein einladen. Der restliche Abend vergeht mit Sherrie und Shaun bei reichlich Rumpunsch wie im Fluge. Während wir die letzten Neuigkeiten austauschen, verziehen sich die Kinder auf unser Boot zum Daddeln und Youtuben. Tagsdarauf treffen wir uns zum Schnorcheln und abends zum Kartenspielen („Sets and Runs“ ein Mischung aus Romme und Canasta) auf der Element. Paige und Felix sind mal wieder unzertrennlich und geben sich zwischendurch der Lizzard-Jagd hin. Sie fangen insgesamt fünf Eidechsen, Bob wird in unserem Cockpit ausgesetzt und ward anschließend nicht mehr gesehen.

Obwohl wir eigentlich am nächsten Tag die Marina verlassen wollten, beschließen wir einen lazy Sunday einzulegen und bleiben noch einen Tag. Schließlich haben wir am Vormittag Wasser und Diesel gebunkert und das ist ja wohl genug Stress an einem Tag für einen Blauwassersegler! Am Nachmittag läuft dann noch zufälligerweise die SY ALRISHA mit Brigitte und Ferry ein…. Die beiden wirken nach einem vierwöchigen Besuch von Freunden aus Österreich etwas gestresst. Wir tauschen Neuigkeiten und Zukunftspläne aus. Die beiden müssen am nächsten Tag weiter nach Norden, um ihre Freunde in Martinique zum Flughafen zu bringen, während wir weiter nach Süden zu den ersten Grenadinen-Inseln wollen. Wir werden uns bestimmt nochmal irgendwo treffen. Am Abend lesen wir im Internet von Birger und Alex von der SY SAMANTHA, dass sie nach der geglückten Kielreperatur bei ihrem zweiten Versuch den Atlantik zu überqueren schon wieder Salzwasser in der Bilge haben und deshalb erneut nach La Palma zurückgekehrt sind. Diese Pechvögel! Wir hegen ernsthafte Zweifel, ob sie es jetzt noch ein drittes Mal versuchen werden.

Am Montag geht es dann aber endgültig los. Das nächste Ziel heißt Admirality Bay und liegt auf der Gernadinen-Insel Bequia. Wir sind mal wieder zu faul zum Segeln und motoren die 15 nm mit dem obligaten Geschaukle nach Bequia. Die Insel der Wolken ist mit 18 km2 die größte Insel der Grenadinen. Seit dem 18. Jahrhundert ist der Walfang ein wichtiger Teil der lokalen Wirtschaft. Unter dem Internationalen Übereinkommen zur Regelung des Walfangs ist es den Bewohnern offiziell erlaubt, eine limitierte Anzahl Buckelwale auf traditionelle Art zu fangen. Seit 2003 dürfen vier Wale pro Jahr gefangen werden, allerdings wurde in den letzten Jahren diese Zahl nie erreicht. Seitdem der letzte Walfänger „Athneal Ollivierre“ aufgegeben hat, ist diese Tradition möglicherweise ausgestorben. Die heutigen 5000 Bewohner Bequias sind längst auf die Jagd nach Seglern und Kreuzfahrern umgestiegen.

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Da der Ankergrund in der Bay nicht so gut sein soll und auch vor den meisten Mooringbojen gewarnt wird, entscheiden wir uns mit Daffodil (Osterglocke) Marine Services Kontakt aufzunehmen und uns an eine ihrer Bojen lotsen zu lassen, was alles wunderbar klappt. Da Daffodil auch einen Wäscheservice anbietet, geben wir seinem Mitarbeiter gleich einen Packen dreckige Wäsche mit und haben den ersten Punkt unserer To-Do-Liste damit schon abgehakt. Sobald wir festgemacht haben, springe ich ins Wasser und kontrolliere unsere Osterglocken-Boje – sieht alles gut aus. In unserem Crusing Guide wird die Admirality Bay und die dazu gehörige Stadt Port Elisabeth, übrigens die einzige auf Bequia, in höchstem Maße angepriesen. Es gibt alles und alles ist total super. Erfahrungsgemäß wird wahrscheinlich nur die Hälfte stimmen. In unseren Augen neigt Chris Doyle, der Autor, sehr zu Übertreibungen. Da kann aus einem einzelnen Steg schon mal eine ausgewachsene Marina mit höchstem Standard werden oder ein Tante Emma Laden mit Gaudakäse im Sortiment zum Gourmet Shop aufsteigen. Wir werden es ja sehen, springen ins Dinghi und motoren ohne Probleme nach Port Elisabeth.

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Auf dem Weg zum Dinghidock entdecken wir die SV ELEMENT und statten ihr einen kurzen Besuch ab. Von Sherrie erfahren wir, dass am nächsten Tag bei Bequia Dive ein Tauch-Schnupperkurs stattfindet. Außerdem wollen wir morgen eine Meeresschildkrötenaufzuchtstation besuchen und wir verabreden uns für den nächsten Tag. Der erste Eindruck von Port Elisabeth ist wirklich nicht schlecht. Überall an der Waterfront sieht man bunte, gepflegte Häuser mit Shops und Rstaurants. Wir legen vor dem berühmten Gingerbread Hotel an und melden Felix und Antje erstmal für das Schnuppertauchen an, während ich versuche das Shopmaskottchen, den Papagei Charlie, anzulocken. Danach schlendern wir gemütlich in die Stadt, kaufen ein paar wenige Lebensmittel ein und gehen etwas essen. Das Preisniveau ist selbst für die Karibik schockierend, auch lokales Obst und Gemüse ist extrem teuer.

Nach einer unruhigen Nacht mit viel Schwell treffen wir uns am Vormittag mit der Element-Crew und lassen uns mit einem Taxi zum „Old Hegg Turtle Sanctuary“ am anderen Ende der Insel fahren. Brother King, der Gründer der Einrichtung, versucht hier seit über 20 Jahren die echte Karettschildkröte (engl.: Hawksbill sea turtle) zu schützen. Verletzte Tiere werden medizinisch versorgt, Jungtiere bis zu einem Alter von 5 Jahren aufgezogen und anschließend ausgewildert. In mehreren Becken verteilen sich ungefähr 50 Schildkröten unterschiedlicher Größe. Wir machen eine kurze, sehr interessante Tour mit und erfahren, dass in den letzten 12 Jahren bereits über 800 Karettschildkröten ausgewildert wurden – Hut ab, vor so viel Engagement. Während Antje und Felix am Nachmittag zum Tauchen gehen, mache ich klar Schiff und lasse meinem Ordnungswahn freien Lauf. Wir gehen früh schlafen weil wir am nächsten Tag zu den Tobago Cays aufbrechen wollen. In der Nacht entläd sich ein ziemlich heftiger Sturm mit Platzregen und einigen kräftigen Böen über der Bucht. Zum Glück hält unsere Mooring, was man von der Boje unseres Nachbarn nicht sagen kann. Morgens sehen wir, dass die deutsche Motorjacht Oceanwolf, ein 20 Meter langes Stahlschiff, nur noch zwei Meter von unserem Heck entfernt ist. Wir warten nicht lange, starten die Maschine und sind weg. Kurz darauf sehen wir, wie die Oceanwolf unsere Mooringboje touchiert – da haben wir wohl nicht zu lange gezögert!

Die 30 sm zum Marinepark Tobago Ceys motoren wir – mal wieder, weil immer noch kein Bock auf Segeln – und lassen dabei die bekannte Promi-Insel Mustique links liegen, vor allem weil hier die Gebühr für eine Mooringboje 200 EC beträgt, auch wenn man drei Tage bleiben darf. Die Insel ist Besitz der Mustique Company, einer Aktiengesellschaft, die auf der Insel zwei Hotels und 89 private Villen besitzt. Weil sie über Luxus und Abgeschiedenheit verfügt, wird sie von vielen Prominenten besucht, zum Beispiel haben Bryan Adams, Mick Jagger und Tommy Hilfiger hier eine eigene Villa. Die Tobago Cays sind eine Gruppe von fünf kleinen Inseln. Geschützt werden die Inseln Petit Bateau, Baradel, Jamesby, die etwas südöstlich abgelegene Petit Tobac und die Hauptinsel Petit Rameau durch das “Horse Shoe Reef”. Dieses große Korallenriff umgibt vier der Inseln wie ein hufeisenförmiger Schutzwall und hält die Atlantikdünung weitgehend ab. Alle fünf Inseln sind unbewohnt und bilden zusammen den Marinepark Tobago Cays. Durch unseren frühen Start in der Admirality Bay erreichen wir die Inselgruppe bereits gegen Mittag. Die Ansteuerung ist nicht ganz einfach, da eine ganze Reihe vorgelagerter Riffe zu umschiffen sind, aber unsere Steuerfrau ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen und wir gelangen sicher an unser Ziel.

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Die nächsten drei Tage schnorcheln wir wie die Wilden. Die Unterwasserwelt ist faszinierend. Obwohl wir dachten, in Souffriere schon viele Fische gesehen zu haben, stellen die Riffe in den Tobago Cays alles Bisherige in den Schatten. An den Riffhängen tummeln sich die Fische in Schwärmen. Die Wassertiefe ist nur drei Meter und wir haben bei strahlendem Sonnenschein eine sensationelle Sicht im türkisfarbenen Wasser – Ihr dürft ruhig neidisch werden! Meeresschildkröten sehen wir leider nur aus einiger Entfernung. Am ersten Abend springen Felix und ich nochmal vom Boot ins Wasser und schnorcheln zu den nahegelegenen Mangrovenwäldern an der Küste. Plötzlich sehe ich im Flachwasser einen großen Fisch, komme vorsichtig näher und sehe einen karibischen Riffhai. Die menschenfressende Bestie ist nur noch 2 Meter entfernt, dreht langsam in meine Richtung….

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wir sehen uns in die Augen, ich halte die Luft an und die riesige, 80 cm lange Fressmaschine zieht den Schwanz ein und verschwindet wieder…..haha, aber ein bisschen mulmig war mir doch!

Da die Inseln der Tobago Cays unbewohnt sind werden die Segler von sogenannten Venders oder Boatboys versorgt. Entgegen zu anderen Buchten sind die Venders hier sehr professionell. Wer keine Geschäfte machen will, wird in Ruhe gelassen – sehr sympathisch. Morgens werden die Segler mit frischem Brot versorgt und es können Bestellungen für den nächsten Tag aufgegeben werden. Außerdem organisieren sie abends am Strand Barbecues. Wir buchen bei Carlos, werden vor Sonnenuntergang abgeholt und zum gegenüberliegenden Strand gebracht. Wir sitzen unter Palmen barfuß im Sand, die Sonne versinkt langsam im Meer, jeder bekommt eine halbe Languste mit reichlich Knoblauchkartoffeln, gegrillten Bananen und Gemüse gereicht, eine gute Flasche Weißwein dazu – wir hatten schon schlechtere Tage! Hier in den Taboga Cays kommt zum ersten mal richtiges Karibikfeeling auf und die drei Tage vergehen wie im Flug. Am letzten Tag läuft natürlich noch die SV ELEMENT – ja,ja alle haben die gleichen Ziele – ein und wir verbringen noch einen gemeinsamen Abend mit Familie Schmidt, bevor sich unsere Weg vorerst trennen. Während wir als nächstes Union Island anlaufen, segelt die ELEMENT wieder nach Norden.

Union Island ist eine der südlichsten Inseln der Grenadinen und wird wegen ihrer vulkanischen Silhouette auch als Tahiti of the West Indies bezeichnet. Außerdem ist sie der südlichste Port of Clearence von St. Vincent und den Grenadienen. Da sie nur 10 sm entfernt ist und damit um die Ecke liegt, motoren wir schnell rüber. Unser Ziel ist der „Anchorage Yacht Club“ in Clifton, da wir seit dem Verlassen der Marigot Bay in St. Lucia immer noch auf der Suche nach Landstrom sind und die Anzeichen von Stromentzug bei unserem Sohn deutlich zunehmen – mir ist langweilig! Laut unserem Crusing Guide sind hier Strom und Wasser erhältlich. Die Marina entpuppt sich als wackeliger Holzsteg mit 8 Liegeplätzen. Strom und Wasser sind nur an den vordersten Liegeplätzen verfügbar und wahrscheinlich zweifelhafter Herkunft – schon wieder ein Reinfall! Wir verlegen uns an eine der vielen Mooringbojen in der Bucht, während Felix die Enttäuschung buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht.

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Am Nachmittag besuchen wir Clifton…“the main Harbour is protected by a reef that shows off its brilliant kaleidoscopic colors and patterns as you sail in. The water to the east is an expanse of brilliant green-turquoise. Ashore, the main town, Clifton is charming and colorful, with a picture-perfect market around a green…there is a excellent choice of restaurants and bars where you can sit outside and watch life in the town! The bustling small port with a cosmopolitan atmosphere is the center of yachting in the southern Grenadines.“ Naja, ich würde das nicht wirklich unterschreiben. Es gibt eine leidlich gepflegte Hauptstraße mit ausgeblichenen, bunten Häusern, der picture-perfect market besteht aus vier Holzbuden, alle Geschäfte sind natürlich Gourmetshops und -restaurants. Das Wasser am Ufer kann man getrost als hochgradig verschmutzt bezeichnen. Das Preisniveau ist noch höher als in Bequia. 1 Liter Orangensaft 5 Euro, 500 ml Ölivenöl 12 Euro, ein Glas Nutella 10 Euro, Wein unbezahlbar und dazu noch Fusel aus Spanien oder Italien. Ja, ja Chris Doyle, nicht so viel Weed rauchen und dann klappt es auch mit den Beschreibungen besser oder handelt es sich einfach nur um alternative Fakten? Wer weiß das schon! Wir steuern trotzdem eine Imbissbude an und werden wenigstens satt.

51Immerhin sind seine Informationen zu Navigation und Clearence immer richtig. Am Flughafen um die Ecke kann man auch am Wochenende ausklarieren ohne „Overtime“ zu bezahlen. Trotzdem legen wir für Custom und Immigration nochmal 35 Euro hin. Da nachmittags eine Kaltfront über die Bucht zieht verzichten die Einheimischen wenigstens auf das Kassieren der Mooringfee. Wir freuen uns, können noch ein paar waghalsige Kitesurfer beobachten und machen unsere Auriga klar bevor es am nächsten Tag auf der Suche nach Landstrom und neuen Schnorchelerlebnissen nach Grenada geht…

Fair winds und bis bald,

Euer H.H. Cousteau von der SY Auriga

Auf Dinghijagd in St. Lucia und Martinique

Nach einer Woche im Shallow Draught ging es wieder los – unser Ziel Rodney Bay St. Lucia. Nach einer eher langwierigen Ausklarierungsprozedur im Fährterminal von Bridgetown lagen wieder einmal 105 Seemeilen vor uns und somit war nach der Atlantiküberquerung gleich wieder eine Nachtfahrt angesagt. Ein völlig entspanntes und souveränes Antje-Ablege-Manöver unter der Mithilfe der Sundowner-Crew später verließen wir am frühen Nachmittag Barbados. Die Überfahrt war mal wieder etwas durchwachsen. Die ersten Seemeilen fielen definitiv in die Kategorie Genusssegeln – guter achterlicher Wind, kaum Welle und eine schöne Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 kn sowie ein kitschiger Sonnenuntergang. Sobald wir allerdings die Leeseite von Barbados passiert hatten und in die Winwardpassage kamen fühlten wir uns sofort in unsere Atlantiküberquerung zurückversetzt. Es schaukelte wieder vom Feinsten – vier Meter Welle von der Seite und natürlich der eine oder andere Squall sollten uns die Überfahrt nach St. Lucia versalzen. Aber glücklicherweise geht ja alles irgendwann mal vorbei und so erreichten wir St. Lucia nach gefühlten 48 Stunden am nächsten Tag um 1500 LT bei gleißender Hitze.

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Brav meldeten wir uns auf VHF-Kanal 9 in der Marina an, doch die ließen uns zunächst warten und danach vertrösteten sie uns freundlich – please standby. Also standeten wir by und kreisten mit unserer Auriga ein paar Mal vor der Hafeneinfahrt herum. Bei 35°C Hitze brieten wir im eigenen Saft und waren schon beinahe medium well als wir immer noch warten sollten. Also musste die Kinderkarte gespielt werden! „Marina Rodney Bay, Marina Rodney Bay this is sailing vessel Auriga, we need a berth. It is hot and we have children on bord. 3 Sekunden später tönte es aus der Funke – Okay Captain, your Dockingplace is…- geht doch und wieder was gelernt – mehr war bei dem Genuschle allerdings nicht zu verstehen, also noch mal nachfragen, aber leider bekamen wir keine Antwort mehr. Dafür meldete sich zu unserer Überraschung Sherrie von der ELEMENT und meinte sie hätte B7 verstanden und sie würden uns am Steg erwarten, um beim Anlegen zu helfen. Also los und wenig später gab es ein herzliches Wiedersehen mit der Element-Crew, die wir seit Teneriffa nicht mehr gesehen hatten. Vor allem Felix freute sich, seine Freundin und Daddelgefährtin Paige wieder zu sehen.

Nach den üblichen Einklarierungsformalitäten – diesmal mit vier Durchschlägen – und der Anmeldung in der Marina hatten wir unseren Pflichtteil erledigt. Da der Kapitän auf kürzeren Überfahrten bis 36 Stunden praktisch nichts isst, hatte ich mal wieder gehörigen Kohldampf und das indische Restaurant neben dem Marineoffice kam wie gerufen und obwohl es erst 1630 war, hatte die Küche schon geöffnet – es war einfach….köstlich! Danach noch ein Drink mit der Element-Crew am marineeigenen Pool und die Welt war wieder in Ordnung! Am nächsten Tag stand die Reparatur unseres Kurzwellenfunkgerätes an. Wie bereits auf dem Atlantik vereinbart, meldeten wir uns bei Jörg von der Firma Jachtfunk und er versprach gleich am nächsten Tag vorbei zu kommen. Ausnahmsweise hatten wir richtig Glück. Das Kurzwellenfunkgerät war nicht kaputt, sondern die Amateurfunkfrequenzen waren einfach nicht freigeschaltet und dieses Problem ließ sich mit einer einfachen Tastenkombination beheben. Doch gut gemacht Sven – großes Lob! Nach 20 Minuten und einem netten Gespräch war unser Kurzwellenfunkgerät wieder voll funktionsfähig und der erste Teil unserer „To do Liste“ erledigt.

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Also konnten wir uns in den nächsten Tagen der Dinghisuche hingeben. Innerhalb des Marinageländes gab es einen sehr gut sortierten Nauticladen und da haben wir uns auch gleich nach einem Dinghi erkundigt. Der Verkäufer war sehr hilfsbereit und zeigte uns ein paar Beiboote unterschiedlicher Hersteller, die er im Lager hatte, allerdings war das Preisniveau geradezu schockierend. Schon das günstigste Dingi kostete 3000 US Dollar, also nicht ganz unsere Preisklasse. In unserem Törnführer hatte wir jedoch gelesen, dass es in der Umgebung ein „Liferaft and Inflatable Center“ geben sollte, der auch gebrauchte Beiboote vorrätig haben sollte. Am nächsten Tag pilgerten Antje und ich bei 30 °C Hitze nach Gros Islet und fanden den Shop auch tatsächlich. Ein ziemlich alter und schrulliger Engländer empfing uns und wir konnten in einer Baracke seine Hyperlon-Dinghis bewundern, die er für geradezu astronomische Preise verkaufte. Also wieder kein Glück und nach einigen Recherchen beschlossen wir, unsere Dinghisuche in Le Marin / Martinique fortzusetzen, da sich dort das größte Marinezentrum der Winward Islands befindet! Wir hofften auf alle Fälle das Beste.

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Auf dem Rückweg zur Marina liefen wir zufällig am örtlichen Markt in Gros Islet vorbei, wo wir nach einem netten Gespräch Tamerinde-Wurzeln erstanden, während die Verkäuferin noch ihr lecker riechendes Frühstück verzehrte. Auf die Frage wo wir den so ein „lokal breakfast“ bekommen würden, führte sie uns zu einer kleinen Bretterbude am Straßenrand und wir konnten nach der Dinghienttäuschung frittierte Hühnerteile, Fishcake und Tamarindenjuice geniessen. Obwohl wir insgesamt 10 Tage in der Rodney Bay Marina verbrachten, haben wir von St. Lucia praktisch nichts gesehen. Die anvisierte Inselrundfahrt wollten wir bei einem Preis von 110 US pro Person dann doch nicht ausprobieren. Interessanterweise hätte der Preis ohne Mittagessen immer noch 108 US pro Person betragen – da gab’s wohl nur Wasser und Brot!

Während der restlichen Zeit trafen wir uns häufiger mit den Crews der ELEMENT, ALRISHA, MANADU und der CAREKA und verbrachten auch mit dem einen oder anderen Stegnachbarn ein nettes Stündchen. Vor allem Felix konnte viel Zeit mit Paige verbringen und war endlich nachmittags aufgeräumt. Außerdem hieß es mal wieder richtig Schule machen. Nach der weitgehend schulfreien Atlantikzeit galt es einiges an Stoff aufzuholen. Außerdem besuchten wir in der Nähe ein Straßenfest mit extrem lauer Musik und verschiedenen Fressständen – sehr nett. Darüber hinaus war natürlich wieder einmal ein ordentlicher Bootsputz angesagt. Unglaublich, wie viel Flugrost so ein Boot ansetzen kann. Dazu noch einige Reparaturen – das Übliche halt. Alles in allem verging die Zeit wie im Flug, vor allem da uns die Atlantiküberquerung immer noch in den Knochen steckte und wir weiterhin viel Schlaf nachholen mussten. Ach ja, einen Strandausflug haben wir natürlich auch gemacht!

Und dann gab es natürlich noch einen riesen Aufreger im Hafen als ein Hochseefischerboot einen riesigen Marlin angeschleppt hat. Das gigantische Tier wog um die 350 kg und konnte nach einem harten 2,5-stündigen Drill ins Boot gehievt werden. Wirklich unglaublich! Leider fielen keine Marlinsteaks für die Schaulustigen ab….

Mitte Januar war es dann an der Zeit, die Rodney Bay zu verlassen und Le Marin im Süden der Insel Martinique anzusteuern. Martinique ist ein französisches Überseedepatment und damit ein Stück Europa in der Karibik. Wir freuten uns auf gut sortierte Supermärkte, leckeres Essen, savoir vivre, Euronen und ein Stück europäische Kultur in der Karibik. Obwohl die Distanz nur ca. 30 sm beträgt, muss man den St. Lucia-Martinique-Channel durchqueren und hier drückt sich der ungebremste Atlantik zwischen den Inseln durch. Wir hatten mal wieder Pech! Sobald wir die Abdeckung von St. Lucia verlassen hatten begrüßte uns die wohlbekannte 3 Meter Welle von der Seite. Antje wurde mal wieder grün um die Nase und ich konnte die sechsstündige Überfahrt auch nicht richtig genießen. Dieses elende Gerolle nervt einfach tierisch und verdirbt einem den ganzen Spaß am Segeln. Dazu kommen gefühlte 33°C Außentemperatur und immer nur Sonnenschein!

Die Marina von Le Marin ist mit ca. 850 Liegeplätzen die größte der Winward Islands und befindet sich in der Cul-de-Sac, am Ende einer verwinkelten und mit Untiefen gespickten ca. 3 sm langen Bucht. Nach einer anspruchsvollen Ansteuerung mit kreuzenden Optmisten, irren Motorboot- und Dinghifahrern erreichten wir den Hafen gegen 1600 Uhr. Wir funkten die Marina wie üblich an, bekamen sofort eine Antwort und warteten auf einen Marinero, der uns unseren Anlegeplatz zeigen sollte. Doch trotz mehrfachen Funkkontaktes wollte einfach keiner kommen. Nachdem wir eine halbe Stunde im Kreis gefahren waren, beschlossen wir einfach den nächsten freien Platz zu nehmen und Antje legte mal wieder ohne jedes Problem an. Nach dieser Fahrt genehmigten wir uns erst einmal einen schönen Schluck Wein. Als wir gegen 1730 zum Einklarieren schlappten, war allerdings schon alles geschlossen – also gut, mach ma´s halt morgen! Nach einer wirklich köstlichen Pizza gingen wir erschöpft ins Bett und konnten endlich mal wieder richtig ausschlafen!

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Am nächsten Tag erwarteten wir die übliche Einklarierungsprozedur, aber zu unserer Überraschung läuft in Martinique alles via PC. Im Einklarierungsraum stehen 4 Computerterminals wo ein französisches Einklarierungsformular ausgefüllt werden will, danach speichern und drucken. Ein Marinamitarbeiter schaut alles nochmal durch, Stempel und Unterschrift drauf und alles ist erledigt – wow, so einfach war es noch nie! Danach haben wir erst einmal die nähere Umgebung erkundet und sind sofort mehreren Nauticläden mit Dinghis in der Auslage! über den Weg gelaufen. Unsere Herzen schlugen sofort höher. Sollte hier ein erschwingliches Beiboot zu erwerben sein? Die Antwort lautete Ja! Nach mehreren Beratungsgesprächen und einer eingehenden, familieninternen Beratung beim Essen haben wir ein funkelnagelneues, blaues PVC-Dinghi (3D Tender) mit festem Aluminiumboden zu einem annehmbaren Preis erstanden. Glücklicherweise befand sich der Laden direkt am Meer und so wurde das Beiboot sofort aufgepumpt und Antje und Felix weihten es mit einer Paddeltour zu unserem Liegeplatz ein.

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Am nächsten Tag wurde unser fabrikneuer Parsun 2,6 PS Außenborder mit Öl und Benzin gefüttert, nach einigen Anlassversuchen startete der Motor und es ging zur ersten Hafenrundfahrt los. ENDLICH FREI. Anschließend wurde Felix zum neuen Kapitän des „Tender to Auriga“ ernannt, worauf er wahnsinnig stolz ist und seine damit verbundenen Aufgaben (Wartung und Reinigung) auch sehr ernst nimmt. Mit unserem neuen Böötchen konnten wir endlich die ganze Bucht erkunden. Viele Restaurants oder auch der Supermarkt verfügen über Dinghistege, so dass wir nun noch weniger laufen mussten als sonst. Speziell das Mango Bay Restaurant hatte es uns angetan, hier gab es jedes Wochenende sensationelle Rippchen, die wir mehrmals genossen haben. Und das Beste ist, dass uns Felix nach einem üppigen Mahl völlig nüchtern zurückchauffieren kann!

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Entgegen zu Barbados und St. Lucia haben wir uns auf Martinique ein Auto ausgeliehen – endlich mal wieder Rechtsverkehr sowie ein gültiger Führerschein, ole EU – und die Insel erkundet. Erstes Ziel war das „Anse Cafard Slave Memorial“ ein Mahnmal, welches an eine Sklaventragöde erinnert, als 1840 ein illegaler Sklaventransporter vor der Küste zerschellte und sank. Alle 40 an Bord befindlichen Sklaven ertranken, weil sie aneinander gekettet waren. Die Gesichter der Steinskulpturen zeigen alle zum Ort des Geschehens.

Danach ging es in die Hauptstadt Fort-au-France um den Markt zu besuchen. Fort-au-France mit seinen 100.000 Einwohnern wirkt wie eine der vielen dreckigen Pariser Vororte und hat einen entsprechenden Charme – wer´s mag! Die Markthalle „Marche Couvert“ entpuppte sich allerdings als farbenfroher Ort voller Leben. Neben den üblichen Souvenirs wurde vor allem Obst und Gemüse angeboten. Die im Reiseführer angepriesene unglaubliche Vielfalt exotischer Früchte suchten wir allerdings vergeblich. Innerhalb des Marktes gab es mehrere Restaurants, die kreolische Küche zu vernünftigen Preisen anboten. Wir haben bei „Chez Maria“ gut und reichlich gegessen.

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Anschließend besuchten wir die „Bibliothèque Schœlcher“, benannt nach dem Elsässer Victor Schœlcher, der sich vehement gegen die Sklaverei einsetzte, diese 1794 auf den französischen Antillen abschaffte und dafür mit einem Ehrengrab im Pariser Phanteon gewürdigt wurde. Das Gebäude wurde anläßlich der Pariser Weltausstellung 1884 gebaut und anschließend nach Martinique verfrachtet. Heute befindet sich hier die öffentliche Bibliothek der Stadt. Eine wirklich sehenswerte Stahlkonstruktion. Am Hafen findet man das ebenfalls beeindruckende Fort St. Louis, eine riesige Wehranlage. Bis 1973 befand sich hier das Oberkommando der Marine der französischen Antillen und Guyana.

Danach ging es weiter Richtung Norden zur Kirche Sacré Coer/Balata. Die Kirche wurde 1928 erbaut und ist eine verkleinerte Kopie des gleichnamigen Gotteshauses in Paris. Wie das große Vorbild wurde sie auf einem Hügel erbaut und bietet einen herrlichen Rundblick über die Bucht vor Fort-au-France.

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Unser eigentliches Ziel aber war der Botanische Garten in Balata. Er zählt mit seiner atemberaubenden Pflanzenwelt aus der ganzen Welt zu den spektakulärsten Gärten der Karibik. Die gut angelegte Wege schlängeln sich durch zwischen Blumenbeete und Palmenhaine hin durch. Der botanische Garten enthält etwa 3.000 verschiedene tropische Pflanzenarten, die aus der ganzen Welt zusammengesammelt wurden. 300 verschiedene Palmenarten gedeihen im Garten und spenden angenehmen Schatten. Spektakulär ist jedoch der Baumwipfelpfad, der einen schönen Überblick über den Garten gewährt. Mit etwas Glück kann man auch Kolibris beobachten oder sogar fotografieren – so wie wir!

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Auf dem Rückweg zum Hafen mussten wir natürlich noch einen Abstecher zu „Carrefour“ und „Hyper U“ machen. Supermärkte wie man sie sonst nur in Frankreich findet – herrlich. Das Angebot war überwältigend. Endlich wieder Weichkäse, Schinken, Terrinen, Brot, Macarons, Wein, Rindfleisch, Wachteln und vieles, vieles mehr. Wir fühlen uns wie Gott in Frankreich, haben Preise verglichen und eine Proviantliste geschrieben.

Am nächsten Tag ging es erst einmal in das Fischerdörfchen Vauclin. An der Südspitze des Stadtstrandes befindet sich ein sehr beliebter Kitesurfer-Spot und bei gutem Wind konnten wir einige der waghalsigen Sportler beobachten. Schlendert man zurück in die Stadt erreicht man als nächstes den Fischereihafen. Hier reihen sich kleine Fischerbuden wie Perlen aneinander. Vor den Hütten wird der Tagesfang zerlegt und verkauft. Wo in der Karibik bekommt man sonst Langusten für 25 Euro/kg? Leider waren wir erst am Anfang unserer Tagestour und konnten deshalb zu Felix´s Enttäuschung keine mitnehmen – obwohl sie sehr lecker aussahen.

Wer in die Karibik reist, kommt kurz oder lang nicht an einer Rumdestillerie vorbei, deshalb war unser nächstes Ziel die Habitation Clement. Die Straße dorthin führte durch einen wunderschönen Regenwald. Ich wußte gar nicht, dass es so viele verschiedene Grüntöne gibt – grün, hellgrün, mittelgrün, dunkelgrün und natürlich noch viele andere Grüntöne. Alleine die Strecke dort hin ist schon ein Genuss. Unterwegs kamen wir noch an einem Carrefour vorbei und haben unsere Vorräte etwas aufgestockt und noch einen kleinen Happen gegessen.

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Die Destillerie Habitation Clément wurde 1887 durch den Mediziner und Politiker Homère Clément gegründet. Das Gut liegt südlich von Le François, ist umgeben von Zuckerrohrpflanzungen und wird von einem 16 Hektar großen Park mit über 300 tropischen Pflanzen umgeben. Das Herrschaftshaus liegt auf einer kleinen Anhöhe umgeben von alten Bäumen. Das Haus ist vollständig und original möbliert. Zusammen mit den Nebengebäuden und den Terrassen ergibt es ein schönes Ensemble und führt zu einem hervorragenden Eindruck über die kreolische Architektur und das frühere Leben der Gutsbesitzer. Das Anwesen wurde 1996 zum historischen Monument erklärt.

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Nach dem Zweiten Golfkrieg trafen sich hier Präsident George W. Bush sen. und Präsident François Mitterrand, um die weltpolitische Lage zu erörtern. Daneben kann man natürlich auch die eigentliche Rumerzeugung besichtigen und selbstverständlich reichlich Rum verkosten. Vor allem das Anwesen des Gründers hat uns sehr beeindruckt und so ging auch unser zweiter Ausflugstag leider viel zu schnell zu Ende.

Natürlich waren in Le Marin auch wieder reichlich „social events“ angesagt. Sherrie von der Element feierte ihren 40. Geburtstag, die CAREKA-Crew lud zu einem Odyssee-Treffen ein, wir haben den einen oder anderen Wegbegleiter aus Las Palmas und Teneriffa wieder getroffen und natürlich das Handballendspiel Norwegen – Frankreich live mitverfolgt. Leider sitzen unsere Freunde Alex und Birger von der SAMANTHA immer noch in La Palma fest, aber der Kiel ist wieder eingeklebt und der Mast steht auch schon wieder. Wir hoffen sie werden es nächste Woche packen und endlich in die Karibik aufbrechen – Ihr Lieben, wir warten!!!

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Obwohl der Karibikfunke noch nicht so richtig übergesprungen ist, hat es uns auf Martinique doch sehr gut gefallen. Aber jetzt geht es erst einmal wieder Richtung Süden. Unser nächstes Ziel ist die Marigot Bay auf St. Lucia – hier gibt es in einer herrlichen Bucht einen riesigen Luxushotelkomplex mit Marina – Capella Resort and Marina. Wer im Hafen anlegt darf auch die Hoteleinrichtungen, wie Pool, Spa oder Gym benützen! Nach dem ganzen Dinghistress haben wir auch mal ein bisschen Urlaub verdient!

Fair winds und bis bald,

Helmtrude, eure Luxusschlampe von der SY Auriga

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P.S. Dieser Bericht wurde in o.g. Resort unter äußerst widrigen Bedingungen erstellt!