Kanalpassage und zwei schwere Abschiede

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Es ist Mittwoch, der 10. Januar 2018, 15 Uhr, seit zwei Stunden sind meine beiden Süßen in der Luft und auf dem Weg nach Deutschland. Ich sitze in einem Restaurant in der Flamenco Marina Panama City, kaue gedankenverloren auf einen Stück Steak herum und bin deprimiert. Zwei Abschiede innerhalb der letzten beiden Tage sind einfach zu viel, nicht fair. Heute macht nicht mal Essen gehen Spaß – Scheißtag. Fast ein ganzes Jahr traute Einsamkeit liegt vor mir, aber ich habe es ja so gewollt! Wahrscheinlich ist das der Preis für den Pazifik. War die Entscheidung allein weiter zu segeln doch falsch? Ich bin mir gerade nicht mehr sicher! Die letzten Wochen stand alles im Zeichen der Kanalpassage, da hatte ich gar keine Zeit so richtig über die bevorstehenden Abschiede nachzudenken. Aber jetzt! Jetzt bin ich ganz alleine – schnief – meine Familie ist weg, Alex und Birger sind weg … und keiner mag micht. Allein sein ist doof! Panama ist doof! Ich will hier weg!

Drei Tage zuvor, es ist 9 Uhr, wir sind seit zwei Stunden auf den Beinen, das Wetter ist okay. Es hat zwar gerade noch geregnet, aber die Wolken scheinen sich langsam aufzulösen. Wir starten mit den letzten Vorbereitungen. Eigentlich ist zwar alles klar, aber ich kontrolliere nochmal alle wichtigen Bordsysteme. Okay, alles sieht gut aus. Jetzt heißt es mal wieder warten. Um 13 Uhr Abrechnung mit der Marina, danach kurz zur SY Nemo. Alles klar, wir laufen um 14 Uhr aus. Die letzte Stunde zieht sich wie Kaugummi. Warten, immer dieses elende Gewarte! Kurz vor 14 Uhr kommen Alex und Birger, unsere Linehandler an Bord. Die Begrüßung ist herzlich, ihr Gepäck erschreckend umfangreich – kleiner Scherz! Alles wird in unserem Kreuzfahrtschiff verstaut und dann geht es los. Panamakanal, wir kommen! Eine knappe Stunde später haben wir die „Flats“, eine spezielle Ankerzone im Puerto Cristobal erreicht, lassen den Anker fallen und funken Cristobal Signal Station an. Um 16:15 Uhr soll unser Lotse kommen. Das Wetter ist alles andere als gemütlich. Wir haben 20 Knoten Wind und reichlich Schwell. Egal, es dauert ja nur eine knappe Stunde bis unser Advisor vor Ort sein soll. Wir trinken Kaffee, essen ein paar Smörebröd und schlagen die Zeit tot …!

Kanal (3)

16:45 Uhr unser Lotse wird angliefert und entert unsere Auriga. Unglücklicherweise trifft uns im gleichen Augenblick eine Böe und unser Anker bricht im Schlamm aus. Den Advisor stört das nicht die Bohne! Im Augenwinkel sehe ich das französische Schiff hinter uns bedrohlich nahe kommen. Ohne mit der Wimper zu zucken, gibt der Lotse seine Einweisung zum Besten. Mir stehen mittlerweile die Schweißperlen auf der Stirn, der Abstand zu den Franzosen beträgt nur noch ein paar Meter! Glücklicherweise nimmt sich Birger der Sache an und lässt den Rest Kette raus, wir treiben an den Franzosen vorbei, dafür aber auf´s Ufer zu. Advisor:“ No hurry, we have time“, na super. Nach seinem Aufklärungsgespräch beschließe ich Anker auf zu gehen und wir fahren, langsam, aber unter starkrm Geschaukle Richtung erster Gatunschleuse! Noch mal Glück bzw. Birger gehabt! Die SY Nemo mit Chris und Elayne, die gemeinsam mit uns schleusen sollen, setzen sich kurz darauf in Bewegung und folgen uns. Eigentlich sollten wir zusammen mit einem 52 ft Motorboot schleusen, das Gefährt ist allerdings ein einziges riesiges Schlauchboot, das bei direktem Kontakt unschöne Streifen im Lack hinterlassen könnte, deshalb werden die SY Nemo und wir ganz nach unseren Wünschen zusammen schleusen!

Kurz vor der Schleuseneinfahrt docken wir sanft bei unseren Freunden an und vertäuen die beiden Boote zu einem stabilen Päckchen. Meine Steuerfrau Antje, hat wie immer alles im Griff! Der Einzige, der beinahe am Durchdrehen ist … ist natürlich der Kapitän! Wir fahren als Letzte in die Schleuse ein. Vor uns befindet sich ein kleiner Frachter, ein Boot der US Cost Guard, das Gummiboot und wir – sollte eigentlich alles kein Problem werden, abgesehen davon, dass es langsam dämmert und wir nie und nimmer den Gatunsee bei Tageslicht erreichen werden. In der Schleuse fliegen uns die berühmten Affenfäuste zu. Das sind dünne Hanfleinen mit einem faustgroßen Knoten am Ende, an dem wir unsere 38 Meter langen Halteleinen befestigen. Diese werden dann die Schleusenwände hochgezogen und über die riesigen Poller gelegt. Sobald wir sicher vertäut sind, schließen sich die gigantischen Schleusentore hinter uns und wir werden langsam angehoben! Das einlaufende Wasser erzeugt neben uns ganz schöne Strudel und Wirbel. Birger und ich ziehen die Leinen immer wieder nach, was ganz schön anstrengend ist und ich stehe nach fünf Minuten schon wieder im eigenen Saft. Nach 10 Minuten befinden wir uns acht Meter über dem Atlantikniveau. Ein lautes Pfeifen kündigt das Öffnen der Schleusentore an. Die Boote vor uns kommen langsam in Fahrt, wir holen die Leinen ein und machen uns auf den Weg in die zweite Schleuse. Wir haben ganz schön Gegenströmung als wir langsam die über 300 Meter zur zweiten Gatunschleuse zurücklegen. Aber wir haben Glück mit unserem Lotsen, der hat alles im Griff und Antje steuert unser kleines Böotchen souverän in die zweite Schleusenkammer!

 

Hier und in der dritten Schleuse wiederholt sich das ganze Spiel. Mittlerweile erhellen diverse Flutlichter die Szenerie, da es inzwischen stockdunkel ist. Um 18:45 Uhr öffnet sich die letzte Schleuse, wir haben den Gatunsee erreicht und befinden uns jetzt insgesamt 26 Meter über dem Atlantikniveau. Dank unseres Lotsen, meiner unschlagbaren Steuerfrau und Birgers hervorragender Leinenarbeit sind wir heil und ohne Schaden durch die Atlantikschleusen gekommen. Vielen Dank für eure hervorragende Schleusenarbeit! Dickes Doppelbussi an meine Antje und ein fettes Merci an Alex und Felix für ihre Unterstützung. Wir werfen dem Atlanik noch einen letzten Blick zu – Servus alte Fischhaut – motoren noch ein Stück gemeinsam mit der SY Nemo, lösen uns entspannt voneinander und schippern im Dunkeln zu unserer Übernachtungsboje. Die ist allerdings bei Nacht gar nicht so leicht zu finden. Eine der zwei Bojen ist bereits von einem Ausflugsboot besetzt und so kuscheln wir uns wieder an die SY Nemo und haben es für heute geschafft. Die beiden Lotsen werden von einem Pilotboot abgeholt und dann beglückwünschen sich die beiden Crews erstmal ausgiebig für die erfolgreiche Absolvierung der ersten Etappe! Das Schlimmste liegt hinter uns! Wir sitzen noch entspannt bei einer Flasche Wein mit Birger und Alex zusammen und lassen den Tag revue passieren. Allerdings sind alle ziemlich schnell bettreif und um 21 Uhr ist Schluss! Am nächsten Tag soll der Lotse um 7 Uhr eintreffen und dann geht’s weiter Richtung Pazifik – Gute Nacht!

Jaja, gute Nacht, eher nicht! Es ist brechend heiß im Boot. Alle schlafen schlecht, sind am Morgen aber trotzdem guter Laune. Wir stehen in der Morgendämmerung auf, trinken gemütlich Kaffee und warten auf den Lotsen. 7 Uhr: Kein Lotse in Sicht, 8 Uhr: Nichs tut sich, 9 Uhr: Meine Gelassenheit geht langsam gegen Null. Wir brauchen mindestens 8 Stunden bis in den Pazifik und dann nochmal eine Stunde bis zur Flamenco Marina, wenn der Lotse nicht gleich auftaucht können wir den Plan knicken, weil es um 18 Uhr dunkel wird. 10 Uhr: Chris von der SY Nemo beginnt zu angeln, wir werden den Pazifik nicht mehr bei Tageslicht erreichen und ich werde langsam sauer…! Wir rufen den Kanal Scheduler an und erkundigen uns nach den Lotsen. Die sollen angeblich bereits auf dem Weg sein. 11 Uhr: Ein Pilotboot erscheint am Horizont, nähert sich zögerlich und fünf Minuten später kommt Harold an Bord! Durch die Regenfälle in den letzten Tagen sind neben Colon auch alle zuführenden Straßen in die Stadt überflutet. Deshalb konnten die Lotsen nicht mit dem Bus geliefert werden, sondern mussten von der Pedro-Miguel-Schleuse mit dem Schiff hierher gebracht werden und für gut 30 sm braucht man halt mehr als 30 Minuten. Tja, Pech gehabt! Dafür entpuppt sich Harold als echt netter Kerl und ausgemachter Kanalprofi.

Mit über vier Stunden Verspätung legen wir von der SY Nemo ab und machen uns auf den Weg zu den pazifikseitigen Schleusen. Mindestens fünf Stunden Motorfahrt stehen uns bis zur Pedro-Miguel-Schleuse bevor. Während gestern das Wetter eher durchwachsen war, kommt nach unserem Start die Sonne raus. Sofort wird es schweineheiß! Wir wechseln uns an der Pinne ab, wobei vorallen Antje, Birger und Alex die meiste Zeit am Steuer stehen – ich weiß ja schließlich gar nicht wie das geht, ich kann nur Autopilot! Alex bespaßt Felix, während ich die meiste Zeit unter Deck verbringe und dösenderweise frische Kräfte für die nächsten Schleusen sammle. Den Gatunsee kenne ich ja schon, alles ein alter Hut in meinen Augen! Dafür gewinnen die anderen einen richtig schönen Sonnenbrand im Gesicht, während ich weiterhin ein Bleichgesicht bleibe. Auf unserer Fahrt durch den Gatunsee müssen wir zwei Pausen einlegen, da uns einmal  ein großer Gastanker und das nächste Mal ein Containerschiff der Postpanamax-Klasse entgegenkommt und die aus Sicherheitsgründen ohne Gegenverkehr fahren müssen. Unterwegs erzählt uns Harold reichlich interessante Details und Geschichten über den Kanal. Um 16 Uhr kommt die Pedro-Miguel-Schleuse in Sicht. Inzwischen haben sich die Schleusungspläne zum dritten Mal geändert. Wer, wann, mit wem ändert sich praktisch mit Minuten-Takt. Letztendlich sind wir diesmal ein Dreier-Päckchen. In der Mitte ein großer Katamaran, links die SY Nemo und rechts wir. Anders als auf der Atlantikseite schleusen wir nicht hinter den größeren Schiffen, sondern stehen ganz vorne direkt am Schleusenausgang. Nachdem unser Päckchen fest verschnürrt ist und wir sicher an den Halteleinen liegen, wird hinter uns die MS American Freedom in die Schleuse gezogen.

Wow, ein ganz schöner Riese, der da angeschwommen kommt. Links und rechts ist vielleicht gerade noch ein knapper Meter Abstand zu den Schleusenwänden. Beim Einfahren in die Schleusenkammer schiebt der Dicke ganz schön viel Wasser vor sich her. Das Wasser strömt nur so an uns vorbei, aber wir sind fest vertäut und können ganz locker sein. Nach dem obligaten Pfiff beginnt das Wasser aus der Kammer zu fließen und wir werden langsam acht Meter abgesenkt. Diesmal müssen Birger und ich die Leinen nur langsam fieren, was deutlich weniger anstrengend ist, als am Vortag. Die Schleusentore öffnenen sich und im Päckchen geht es zu den zwei Seemeilen entfernten Miraflores-Schleusen. Unsere drei Lotsen haben wirklich alles super im Griff. Es wird reichlich gescherzt und gelacht. Vor allem als dem koordinierenden Advisor auf dem Kat auffällt, dass Antje und nicht ich am Steuer steht und sie damit der Kapitän ist. Salut, you Madam, Capitan! Eine halbe Stunde später erreichen wir die beiden Miraflores-Locks, den Pazifik können wir bereits in der Ferne ausmachen. Wir schippern in die Schleusenkammer, werden vertäut und vom hier gelegenen Besucherzentrum neugierig beäugt. Wahrscheinlich ist jeder der beteilgten Segler auf hunderten Fotos verewigt. Es ist ein bisschen wie im Zoo, nur das wir diesmal die Affen sind, die Kunststücke machen. Als wir in die zweite Schleuse einfahren, beginnt die Sonne langsam zu versinken. Zum letzten Mal das gleiche Spiel. Wir werden nochmal acht Meter abgesenkt, verschwinden hinter den Schleusentoren. Ein lauter Pfiff, Blinklicher gehen über all an, die letzten beiden Schleusentore öffnen sich und wir haben es geschafft. Vor uns liegt der größte Ozean der Welt! Wir schauen nach rechts und können Japan sehen, voraus liegt Südostasien, links von uns Australien und die Antarktis– unglaublich, oder?

 

Mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt, Harold, der beste Lotse, den wir bisher kennengelernt haben, verlässt uns auf Höhe des Balboa Yachtclub. Da es inzwischen beinahe dunkel ist, beschließen wir, uns an eine Boje des Yachtclub zu legen. Harold hat telefonisch die Marina informiert und so kommt ein paar Minuten später ein Marinero angedüst und weist uns eine Boje zu. Vielen Dank Harold, super Job und klasse Service. Da könnte sich der eine oder andere Lotse echt ein Beispiel dran nehmen! Wenn ich da an unsere Kanalpassage mit der SY Jasina denke….!!! (Siehe Blogbericht: Oh, wie schön ist Panama, vom Mai 2017) Nachdem Birger und Alex unsere Auriga an der Boje festgemacht haben, fallen sich erstmal alle in die Arme! Wir sind durch, wir sind echt im Pazifik. Also so richtig im Pazifik – Hammer! Alles ist gut gegangen, nichts außer uns ist kaputt – Perfekte Kanalpassage. Liebe Alex, lieber Birger ohne Euch wäre die Kanalpassage nicht so entspannt und lustig geworden, wie sie war. Vielen, vielen Dank ihr beiden! Außerdem natürlich ein riesengroßes Lob an meine sensationelle, super coole Steuerfrau! Und natürlich, danke Felix, dass du nicht so rumgenervt hast, wie sonst! Ach ja, liebe Auriga, du warst natürlich auch ganz toll!

Glücklicherweise haben wir die ganze Nacht reichlich Wind und so können wir das Boot gut durchlüften und alle können in dieser Nacht wirklich gut schlafen. Am Montagmorgen machen wir uns nach einem guten Frühstück, ausgeschlafen zur nur sechs Seemeilen entfernten Flamenco Marina auf. Unterwegs besuchen wir noch die SY Nemo, die ganz in der Nähe ankert und vereinbaren ein Treffen in der Marina für den nächsten Morgen, schließlich steht der Abschied von Alex und Birger auf dem Programm. Gegen Mittag laufen wir in der Flamenco Marina ein. Via Funk kündigen wir uns an, aber leider nix verstehen – nur spanisch. Trotzdem werden wir nach einigen Runden im Hafen von einem Marinero abgeholt und zum Tankdock geleitet. Wir wollten zwar einen Liegeplatz, aber den Marinero scheint das nicht zu interessieren, also legen wir halt an der Tanke an. Hier bespreche ich mich mit dem nächsten Marinero. No fuel, we need a berth! Aha, okay, ach so! Der schickt mich erstmal ins Marinaoffice. Hier treffe ich auf die wahrscheinlich inkompetenteste und dümmste Angestellte der Marina. Sie spricht zwar gebrochen englisch, aber kapiert praktisch nichts. Als erstes erklärt sie mir, dass es keinne Strom in der Marina gibt. Allerdings sind alle hier liegenden Motorboot mit irgendetwas kabelartigen verbunden! Wahrscheinlich handelt es sich um Elektrizität zweifelhafter Herkunft! Nach einigem hin und her stellt sich heraus, dass die Marina sowohl über 110 Volt- als auch 220 Voltanschlüsse verfügt, aber sie haben leider keine Adapter für europäische Stecker. No Problemo, Baby! Hab ich alles an Bord!

Okay, ich soll wieder zum Steg und auf den nächsten Mitarbeiter warten, der uns unseren Liegeplatz zuweist. Eine halbe Stunde später kommt auch glatt einer vorbei und erzählt mir, ich soll nochmal ins Office kommen. Ich schlappe los, bezahle die völlig überzogene Hafengebühr von 350 US für eine Woche ohne Widerworte, wir haben schließlich Gäste, liebe Freunde an Bord! Nachdem abgerechnet ist, schaut mich die Doofbohne erwartungsschwanger an – gibt’s noch was? Ja! Ich brauche einen Liegeplatz. Where are you now? At the Fueldock. You need Fuel?. No, I need a berth! Mein Gott, kann man hohl sein, geht’s überhaupt noch! Sie geht mit mir vor´s Büro und ruft nach irgendeinem Jorge. Keiner antwortet, sie lässt mich kommentarlos stehen und geht ins Office zurück. Ich warte – mal wieder – 20 Minuten und nichts passiert. Also zurück ins Büro, natürlich muss ich mich erstmal hinten anstellen. Mittlerweile bin ich richtig sauer! Als ich schleißlich an der Reihe bin: What can I do for you? Ich bin ein wenig irritiert und äußere sehr deutlich meinen Unmut über den eher miserablen Service und möchte endlich einen Liegeplatz haben, weil es am Fueldock einfach nicht so richtig kuschelig ist. Die blöde Kuh schaut mich verständnislos an, hey man, relax…! Eher nicht, jetzt platzt mir endgültig der Kragen! Fünf Minuten später, die Atmospähre im Büro ist nach meinen Ausführungen eher etwas angespannt, taucht ein Marinero auf und gibt zu verstehen, dass er uns unseren Liegeplatz zeigen wird. Diesmal klappt auch alles und wir bekommen einen Platz nahe der Einfahrt zugewiesen. Allerdings funktioniert hier der Strom nicht! Meine Stimmung geht deutlich gegen Null. Nach einer kurzen Diskussion ist klar, wir müssen nochmal umziehen. Antje verdreht die Augen, ich kann ja auch nichts dafür, aber so ist es halt mal, das ist Panama. Wir cruisen um die Ecke, machen fest und sind endlich in der Marina angekommen.

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Am Nachmittag machen Alex, Antje, Birger und Felix nochmal einen Ausflug in die Stadt, ich bin so genervt, dass ich lieber auf dem Boot bleibe. Am Abend laden wir unsere liebgewonnenen Freunde noch zu einem Abschiedsessen ein, spielen im Restaurant wie immer eine Runde Karten und haben viel Spaß. Obwohl das unser letzter gemeinsamer Abend ist, verfällt keiner in Wehmut und wir lassen es nochmal so richtig krachen (4 Flaschen Wein, glaub ich jedenfalls!). Dienstagmorgen, es herrscht ein bisschen Katerstimmung, heißt es von der SY Samantacrew Abschied nehmen. Chris und Elayne kommen gegen 11 Uhr mit dem Dinghi und gemeinsam geleiten wir unsere Freunde zur Straße. Wir machen die letzten Fotos, im Vorfeld wurden bereits Einträge in die jeweiligen Bordbücher gemacht. Antje, Felix und ich bekommen noch ein T-Shirt geschenkt. Auf Antje´s steht: Go East, auf meinem Go West – sensationelle Idee Alex! Birger hält ein Taxi an, Umarmungen, reichlich Tränen fließen auf allen Seiten, noch eine Umarmung, dann steigen die beiden ins Taxi und sind einfach weg. Einfach so! Wir waren das letzte halbe Jahr zusammen unterwegs, kennen uns seit fast zwei Jahren, haben bei der Atlantiküberquerung der beiden mitgezittert und jetzt sind sie einfach weg! Unglaublich! Wir sind alle tief berührt. Von allen Menschen, die wir auf unserer Reise getroffen haben, seid ihr Birger und Alex, die, die uns richtig ans Herz gewachsen sind. Wir wünschen Euch eine gute und stressfreie Rückkehr nach Europa und natürlich fair winds und bis blad, ihr Lieben – eure Segelfamilie von der Auriga! Wir wenden uns spätestens Ende des Jahres wiedersehen und vielen Dank für eure unschätzbare Hilfe in jeder Hinsicht!

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Danach quatschen wir noch ein bisschen mit Chris und Elyane und verschwinden später auf unsere Auriga, weil die Abreise meiner beiden Süßen für den nächsten Tag vorbereitet werden will. Damit Antje in Ruhe packen kann, verziehen sich Felix und ich für einen kleinen Snack ins Restaurant. Drei Stunden später dürfen wir wieder auf´s Boot. Überall stehen Koffer und Taschen herum, wir begehen unser abschließendes Abschiedsessen, machen noch ein bischen Bordkino und gehen ins Bett. Morgen heißt es schon wieder Abschied nehmen und das wird sicher noch schlimmer als heute. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 7 Uhr, die beiden sollen um spätestens 11 Uhr am Flughafen sein und bei dem typischen Verkehr in Panama City kann das schon mal zwei Stunden dauern. Der Tag beginnt wie immer mit einem Kaffee, wir wuchten das Gepäck aus dem Boot drei Koffer, eine Tasche, zweimal Handgepäck und machen uns zur Straße auf – schon wieder! Nach ein paar Minuten sitzen wir im Taxi und fahren Richtung Airport Tocumen International Panama City. Wir haben Glück und brauchen nur eine dreiviertel Stunde bis zum Flughafen und sind natürlich viel zu früh dran.

Kanal (71)

Nach einigem Suchen finden wir den Check-In Schalter, selbstverständlich ist noch keiner da, aber die Waagen beim Check-In sind betriebsbereit. Die beiden dürfen insgesamt 80 kg Gepäck, verteilt auf vier Koffer mitnehmen. Wir wiegen die einzelnen Gepäckstücke und stellen fest, dass die Gewichtsverteilung nicht stimmt. Jetzt beginnt das große Umpacken! Eine halbe Stunde später sind wir fertig. Koffer 1 wiegt: 19,95 kg, Koffer 2 ebenfalls 19,95 kg, Koffer 3 20,05 kg und Tasche 4 12,5 kg – Jackpot. Die beiden können kurz darauf innerhalb von 30 Minuten problemlos einchecken. Jetzt heißt es allerdings Abschied nehmen. Wir machen es ganz kurz, weil es sonst ein echtes Drama wird. Heftige Umarmungen, jeder hat Tränen in den Augen, wir wünschen uns viel Glück für dieses Jahr, Felix soll auf seine Mama aufpassen, ich verspreche nicht zu kentern, wir haben uns alle lieb und dann verschwinde ich via Rolltreppe ins Untergeschoß. Ich bin bereits zwei Minuten später deprimiert und vermisse meine zwei Süßen …

 Kanal (8)

Es ist Mittwoch, der 10. Januar 2018, 15 Uhr, seit zwei Stunden sind meine beiden Süßen in der Luft und auf dem Weg nach Deutschland. Ich sitze in einem Restaurant in der Flamenco Marina Panama City, kaue gedankenverloren auf einen Stück Steak herum und bin deprimiert. Zwei Abschiede innerhalb der letzten beiden Tage sind einfach zu viel, nicht fair. Heute macht nicht mal Essen gehen Spaß – Scheißtag. Fast ein ganzes Jahr traute Einsamkeit liegt vor mir, aber ich habe es ja so gewollt! Wahrscheinlich ist das der Preis für den Pazifik. War die Entscheidung allein weiter zu segeln doch falsch? Ich bin mir gerade nicht mehr sicher! Die letzten Wochen stand alles im Zeichen der Kanalpassage, da hatte ich gar keine Zeit so richtig über die bevorstehenden Abschiede nachzudenken. Aber jetzt! Jetzt bin ich ganz alleine – schnief – meine Familie ist weg, Alex und Birger sind weg … und keiner mag micht. Allein sein ist doof! Panama ist doof! Ich will auch nach Hause, nach Hause …

Fair winds und bis bald,

der letzte Mohikaner von der Auriga

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Letzte Vorbereitungen und Ungeziefer im Hafen

Ungeziefer (7)

Nach dem Umbau unserer Auriga zum Tanker kann ich mich wieder dem Chinesen widmen. Zusammen mit Chris zerlegen wir an Neujahr den kompletten Motor, obwohl praktisch nichts dreckig ist, wird alles gereinigt, die neue Zündkerze eingesetzt, aber das Problem haben wir nicht gefunden. Bei der anschließenden Testfahrt mit Kapitän Felix säuft der Parsun nur zweimal ab, springt aber danach sofort widerstandslos an – Okay, man kann halt nicht alles haben. Damit kann ich meine ganze Aufmerksamkeit wieder der Kanalpassage widmen. Die Anmeldeprozedur haben wir hinter uns, jetzt müssen noch die vorgeschriebenen acht Fender sowie vier schwimmfähige 38 Meter lange Leinen organisiert werden. Ich schreibe mehrere E-Mails an verschiedene Tranistagenten und entscheide mich intuitiv für den billigsten. Interessanterweise reicht die Preisspanne der Leihgebühren von 85 USD bis 120 USD. Wir vereinbaren mit Rogelio, dass er das Zeug am nächsten Tag vorbeibringen soll. Wenn alles klappt, sind unsere Vorbereitungen für die Passage des Panamakanals damit abgeschlossen! Jetzt müssen wir nur noch 48, 24 und 4 Stunden vor unserem Termin den Transit beim Panama Canal Scheduler bestätigen und dann kann es losgehen – wir sind gespannt, aber entspannt, schließlich ist die Kanalpassage ein alter Hut für uns!

Hin (37)

Am Dienstag mache ich mich morgens mal wieder, wahrscheinlich zum hundersten Mal, nach Colon auf, um noch die letzten Besorgungen zu machen. Ich brauche ein paar Schrauben und anderen Kleinkram, dafür geht mal wieder der halbe Tag drauf. Mein Gott, wie mir die Fahrt im Marinabus mittlerweile auf die Nerven geht! Ich kenne inzwischen jedes Schlagloch, jeden Buckel auf der Strecke. Vor allem die Warterei am Kanal oder vor der Fähre machen mich geradezu wahnsinnig! Ich weiß gar nicht, wie viel Zeit wir hier in Panama mit Warten verbracht haben. Andere schreiben in der Zeit eine Doktorarbeit oder gewinnen einen Krieg. Eine Stunde später steige ich an der Quatro Alto Mall aus, die kann ich auch schon nicht mehr sehen! Ich vermisse das herrlich abwechslungsreiche Santa Marta. Hier gabe es auch nach fünf Monaten immer noch was Neues zu entdecken, aber hier!? Während ich in Colon herumhänge, meine Einkäufe sind nach 20 Minuten erledigt und ich kann nun zwei Stunden auf den Bus warten, nimmt Antje unsere Fender und Leinen entgegen. Vier 38 Meter lange Leinen sind ein ganz schöner Haufen, die Fender entpuppen sich als alte Autoreifen, die immerhin mit neuen Mülltüten umwickelt sind. Mit dem ganzen Zeug auf dem Deck, sieht unsere Auriga wie eine schwimmende Müllhalde aus, aber das passt ja irgendwie zu Colon …

Ungeziefer (4)

Am Nachmittag klebe ich die Halterung für die Dieselkanister ein, danach sind Birger und ich noch voll elektrisch und führen ein paar kleinere Reparaturen durch. Felix, der seit Weihnachten Ferien hat, hängt in der Captainslounge ab und surft ausgiebig im Internet, während Antje mit Waschen beschäftigt ist. Danach schwelgen Birger und ich bei einem Glas Wein in Erinnerungen und schon ist die Sonne wieder untergegangen. Mittwochmorgen ist Ungezieferalarm an unserem Steg und ich spreche nicht von den allgegenwärtigen, kleinfingerlangen, amerikanischen Monsterkakerlaken, sondern von Jorge, dem fast drei Meter langen Marinakrokodil. Wir warten schon seit Wochen darauf, dass wir ihn endlich zu sehen bekommen. Nur einige Meter von unserem Boot entfernt hängt die Panzerechse faul auf einem Stein herum. Jetzt ist mir auch klar, warum in der Marinabroschüre ausdrücklich vor gefährlichem Getier gewarnt wird. „Dangers. Apart from the usual marina dangers you should be full aware that we are practically in the jungle. Alligators up to 9 ft, poisonous snakes, toads and frogs invade our new habitat. Keep a special eye on your inquisitive pets and children!. In the last 6 years 2 pets have died very quickly from contact with a poisonous frog …!“ Jorge macht allerdings einen ziemlich satten Eindruck und ignoriert die am Steg versammelte Seglergemeinde völlig. Kann ich aber auch verstehen, schließlich stehen nur Erwachsene herum! Nach 15 Minuten hat das Reptil aber genung, gleitet lässig ins Wasser und verschwindet unter einem Busch.

Ungeziefer (3)

Danach wird es aber wieder richtig ernst. Ich rufe die Kanalbehörde an, um unseren Termin für Freitag zu bestätigen. Okay – alles klar, wir sind zusammen mit der SY Nemo gebucht. In 48 Stunden geht’s los. Wir sollen am Donnerstag nach 18 Uhr erneut anrufen, um den Transittermin nochmals zu bestätigen. Hoffentlich wird bis dahin das Wetter wieder besser. Seit Neujahr regnet es wieder jeden Tag. Mal sind es nur ein paar Schauer, mal regnet es fast den ganzen Tag und ich dachte, die Regenzeit wäre inzwischen vorbei – die hat es sich aber offensichtlich anders überlegt! Scheiß Wetter! Außerdem ist es richtig kalt geworden. Die Durchschnittstemperaturen sind auf 24° gefallen, zwar noch keine Lange-Hosen-Temperaturen, aber nah dran. Wir nutzen das schlechte Wetter zum Putzen und Aufräumen. Unsere beiden Linehandler, Alex und Birger, sollten sich schließlich auf unserer kleinen Auriga wohlfühlen. Eigentlich hatten wir geplant, dass einer von uns während der zweitägigen Kanalpassage im Cockpit schläft, aber bei dem Sauwetter – keine Chance. Am Donnerstagvormittag fahren Antje und Felix mit dem Bus nach Colon, um unsere Nahrungsmittelvorräte aufzustocken. Neben unseren beiden Freunden muss auch noch der Kanallotse verköstigt werden. Ich nutze die Zeit um einige Umbauarbeiten im Boot durchzuführen. Im Salon wird der Tisch abgebaut und schon entsteht eine schöne Liegefläche für unsere beiden Gäste. Damit ist das Kreuzfahrtschiff MS Auriga fertig. Danach mache ich unsere Auriga kanalfein und bestücke sie mit den gelieferten Autoreifen.

Am Abend treffen wir uns mit Chris und rufen die Kanlabehörde an. Leider sind denen die Lotsen ausgegangen und unser Tranisttermin wird auf Samstag verschoben! Wir sollen uns morgen um die gleiche Zeit nochmal melden. Dafür haben wir 1000 US hingelegt? Aber was soll´s, wir können nichts machen. Dann warten wir halt noch einen Tag, macht ja nix …! Eigentlich bin ich nicht enttäuscht, weil Ablegen an einem Freitag ja sowieso Unglück bringt. Wahrscheinlich hätten wir am nächsten Tag nur die Schleusentore oder einen Frachter demoliert und dann wäre unser 800 US Deposit sicher futsch gewesen! Schlagzeile in „Panama Today“ am nächsten Tag: Frachtschiff sinkt nach Kollision mit Segelboot! Kapitän leugnet jede Beteiligung, Freitag war Schuld …, den geplanten Verabschiedungs-Sundowner verschieben wir auch gleich auf Freitag.

Ungeziefer (1)

Anderntags bestätigt sich die Unglückstherorie mal wieder zu 100%. Seit den frühen Morgenstunden regnet es in Strömen. Innerhalb von wenigen Stunden läuft unser Dinghi bis zum Rand voll, schwimmt aber glücklicherweise noch. Gegen Mittag erreichen uns dann die ersten Ausläufer eines Sturmtiefs vor der Atlantikküste Costa Ricas. Bis zum späten Nachmittag bläst uns der Wind ganz schön um die Ohren. Bei dem Sauwetter lässt sich sogar unser neues Haustier nicht blicken. Herbert ist ein ca. 6 cm großer Gecko, der wahrscheinlich bei unserem letzten Besuch auf den San Blas Inseln unbemerkt eingecheckt hat. Ich habe zwar keine Ahnung, wie er an Bord gekommen ist, aber wir haben ihn mittlerweile adoptiert und er ist in den letzten Wochen bestimmt einen ganzen Zentimeter gewachsen. Alle paar Tage können wir ihn im Cockpit beobachten, wie er herumwuselt – sehr süß! Da unsere Auriga schon seit gestern für die Kanalpassage präpariert ist, gibt es nicht besonders viel zu tun und so schlagen wir die Zeit bis zur nächsten Kontaktaufnahme mit der Kanalbehörde mehr oder weniger gut tot.

Freitag, 18 Uhr. Ich treffe mich mit Chris und wir rufen die Kanalbehörde an. Diesmal geht aber alles gut und unser Termin am Samstag steht. Wir sollem am 6. Janunar um 15:30 Uhr an einem speziellen Ankerplatz (Flats) im Hafen auf den Lotsen warten und dann heißt es bye, bye Atlantik. Du hast uns Stürme, Gewitter und haushohe Wellen geschickt. Wir hatten Angst vor dir, aber haben gelernt mit dir zu leben. Dabei kannst du auch total nett sein. Zwei Jahre haben wir gebraucht um dich niederzuringen und du warst manchmal eine ziemlich harte Nuss. Wollen mal sehn, ob dein großer Bruder weniger launisch ist, altes Miststück. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass wir uns irgendwo mal wieder treffen werden! Wenn keine wirklichen Katastrophen mehr passieren, gibt es im nächsten Blog bereits die ersten Abenteuer aus dem Pazifik …..

Fair winds und bis bald,

eure Atlantikbezwinger von der Auriga

Tanker MS Auriga

Neujahr (20)

Am Montag nach Weihnachten haben alle bis auf Felix erstmal einen dicken Kopf und wir brauchen den ganzen Tag um uns zu erholen, aber das war´s wert! Wir haben schon lange nicht mehr so viel gelacht. Am nächsten Tag ist aber Schluss mit lustig, weil unser malader Chinese (Außendbordmotor) unters Messer muss. Obwohl ich auf den San Blas Inseln einen Benzinfilter eingebaut habe, hat er uns zwei Tage später zum x-ten Mal im Stich gelassen. Was ich jetzt brauche ist professionelle Hilfe. Ich frage Chris (Maschienenbauingenieur), ob er sich des Problems annehmen könnte. Er ist Willens, kurz darauf ist der Motor an Land und wir, respektive Chris beginnt mit den ersten Tests. Der eigentliche Motor schein nicht das Problem zu sein, die Kompression stimmt, die Ventile schließen, aber irgendwie will der Motor nicht starten. Chris öffnet den Vergaser, spritzt ein bisschen Treibstoff ein und … wieder nix? Okay, vielleicht ist ja die Zündkerze defekt. Beim anschließenden Test derselben lässt sich kein Funke erzeugen. Offensichtlich liegt hier das Problem. Wir bauen den Tank aus und begutachten den Elektromagnet – sieht eigentlich alles gut aus. Dann fällt Chris auf, dass der Starter einen Unterbrecher hat, natürlich, ich habe vergessen, den Quickstopp einzustecken. Nein,nein, nein … ich werde blass und fühle mich wie ein kompletter Vollidiot! Heute ist nicht mein Tag.

Neujahr (1)

Zwanzig Minuten später ist der Motor wieder zusammengebaut, Quickstopp steckt und er springt sofort an. Ich möchte am liebsten im Boden versinken und zwar augenblicklich! Der Australier testet noch dies und das, aber irgendwie scheint es kein echtes Problem zu geben. Trotz sinkender Glaubwürdigkeit interveniere ich energisch, dass der blöde Chinese nicht richtig laufen will. Für eine weitere Untersuchung muss der Chinese ins Wasser. Kein Problem! Nach zehn Minuten hängt der Außenbordmotor am Dinghi und wir lassen ihn laufen. Nach ein paar Minuten säuft er erfreulicherweise ab. Mich überkommt ein gewisses Hochgefühl! Ich habe doch Recht! Allerdings weist mich Chris darauf hin, dass der Benzinhahn geschlossen ist. Okay, ich habe keine Ahnung von diesem Scheißmotor, werde trotz meiner Sonnenbräune rot wie eine Tomate und möchte mich am liebsten im Hafenbecken ertränken. Oh Gott, die ganze Geschichte ist mittlerweile echt peinlich! Irgendwie ist immer noch nicht mein Tag. Ich öffne den Benzinhahn, der Motor springt an und ich drehe ein, zwei Runden im Hafen. Kaum bin ich in unserer Boxengasse zurück, säuft der Motor ohne erkennbare Ursachen doch noch ab – puh! Ich habe doch Recht! Zurück an Land beratschlagen Chris und ich das weitere Vorgehen, alles natürlich in englisch. Ich verstehe zwar nur die Hälfte, aber auf alle Fälle muss eine neue Zündkerze (spark plug) her, bevor an eine weitere Reparatur zu denken ist. Okay, das krieg ich auf alle Fälle hin!

Neujahr (8)

Da ich nicht schon wieder mit dem Bus nach Colon fahren will und wir, die Samantha- und die Nemocrew sowieso am Donnerstag nach Panama City wollen, wird die Operation Chinese erstmal ins neue Jahr verschoben. Jaja, manana, manana wird langsam auch meine Lebensphilosophie! Mittwoch ist dafür unser Ferryman dran. Vor der Kanalpassage möchte ich noch einen Ölwechsel machen und den Ölfilter tauschen. Das Motoröl abzulassen ist kein Problem, schließlich ist dafür eine spezielle Pumpe am Motor angebracht. Der Ausbau des Ölfilters ist allerdings ein echtes Problem. Das Scheißding will sich einfach nicht lösen. Ich könnte zwar einen Schraubenzieher in den Filter hämmern (liebe Grüße an Sven, ich hab´s nicht vergessen) und den Filter dann lösen, aber das macht eine höllische Sauerei. Also konsultiere ich erneut Chris, in der Hoffnung er kann mir wieder helfen. Der Wahl-Aussi lässt sich nicht lange bitten, kommt mit und kann nach einigen Versuchen unter wüsten Verwünschungen den blöden Ölfilter entfernen. Vielen Dank für die erneute Hilfe! Allerdings habe ich keinen Ersatzfilter und da es noch nicht Mittag ist, beschließe ich mit dem Bus um 13 Uhr doch noch nach Colon zu fahren. Ich packe den Filter ein und klappere damit mehrere Ersatzteilläden ab. Natürlich ist wieder Mal alles äußerst schwierig. Die ersten drei Läden können mit dem begehrten Ersatzteil nicht aufwarten, im vierten werde ich dann endlich fündig. Für zwei Filter bezahle ich 10 US, die nächsten grauen Haare sind wie immer umsonst und der Bus zurück in die Marina ist auch schon weg!

Weil es jetzt sowieso schon Wurst ist und ich nur mit dem Taxi in die Marina zurück komme, fahre ich ins „Do-It Center“ (Baumarkt), um Dieselkanister zu besorgen. Leider beträgt die Tankkapazität der Auriga nur 100 Liter, damit komme ich maximal 200 Seemeilen weit. Von Panama City nach Salinas (Ecudaor) sind es aber 600 Seemeilen und um dieses Jahreszeit kann es gut sein, dass ich die ganze Strecke motoren muss und das entgegen den Südäquatorialstrom. Also brauche ich deutlich mehr Sprit an Bord. Im Do-It-Center werde ich nicht fündig, alle Kanister sind ausverkauft! Saustall! Zurück zur Quatro Alto Mall, hier kenne ich zwei Läden, die 20 Liter Kanister verkaufen. Im ersten das gleiche Spiel – alle Kanister sind weg!? Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die ganze Welt gegen mich verschworen hat. Im zweiten Laden habe ich allerdings Glück und erstehe insgesamt 11 Kanister. Die Dame hinter dem Tresen fragt zwar mindestens fünf Mal nach, aber ich bin fest entschlossen elf Kanister zu erstehen. Achselzuckend begibt sie sich ins Lager und schleppt kurz darauf die gewünschte Ware an – Irre Gringos! Mit dem Taxi geht es zurück in die Shelter Bay und ich habe für heute die Schnauze voll.

Donnerstag geht es am frühen Morgen zuerst mit dem Marinabus zum Busterminal nach Colon und anschließend mit dem Expressbus nach Panama City. Drei Stunden später steigen wir an der Albrock Mall aus. 700 Läden laden uns zum unkontrollierten Shoppig ein. Wir teilen uns in kleinen Gruppen auf und die Jagd kann beginnen. In zwei Stunden wollen wir uns spätestens wieder treffen. Lustigerweise ist das letzte Ziel jeder Gruppe natürlich der …. der Baumarkt! Jaja, ein gut sortierter Baumarkt ist für kostenbewusste Segler der Himmel auf Erden. Irgendetwas kann man immer brauchen! Neue Spanngurte, ein spzielles Werkzeug oder, oder ….! Anschließend sind alle hungrig, aber die drei Food Courts in der Albrock Mall sind dermaßen überlaufen, dass wir beschließen ins Hotel zu fahren. Während die Zimmer für die Samantha- und die Nemocrew schon bezugsfertig sind, müssen wir uns mal wieder in Geduld üben. Nach weiteren 20 Minuten habe ich keinen Bock mehr und wir verlegen uns ins Restaurant im 6. Stock für einen kleinen Snack. Eine Stunde später können wir unser Zimmer entern! Die zwei Kingsizebetten versprechen allerdings eine angenehme Nachtruhe.

Am Nachmittag machen wir uns im Taxi in die Altstadt auf. Taxifahren ist in Panama City ein besonderes Erlebnis, vor allem weil der Preis vor jeder Fahrt ausgehandelt werden muss. Normalerweils bezahlt man für eine Fahrt innerhalb der Stadt 3 bis 5 US, aber der eine oder andere dreiste Taxler verlangt schon mal 15 US für eine Fahrt. Bei den Preisverhandlungen werden alle Register gezogen. Die Fahrer verweisen gerne auf den Verkehr, Regen kann auch schon mal einen Zuschlag wert sein! Da wir zu siebt sind und immer zwei Taxis brauchen, entwicklet sich nach einigen Fahrten ein regelrechter Wettkampf, wer den besten Preis aushandeln konnte – sehr lustig. Nach dem ersten Tag steht es unentschieden! Wir schlendern ein bisschen durch die Altstadt Panamas, besuchen das französische Viertel, bewundern die spanische Kolonialarchitektur und lassen uns gemeinsam einen Sundowner über den Dächern des historischen Zentrums schmecken. Danach muss aber was Richtiges zum Essen her. Wir fragen uns zur einer Pizzeria durch, werden von einem freundlichen Panamaer ins „Coliseum“ gelotst und verbringen einen ausgesprochen netten Abend zusammen.

Neujahr (9)

Anderntags ist aber Schluss mit Sightseeing, wir sind auf Geschäftsreise und haben einiges zu erledigen. Die Mädels und Felix gehen wieder shoppen, während Birger, Chris und ich mal wieder in Sachen Ersatzteilbeschaffung unterwegs sind. Unser erstes Ziel ist die „Islamorada“, ein Laden, in dem es Seekarten und Törnführer zu kaufen gibt. Ich brauche dringend eine Übersichtskarte vom Südpazifik, sowie ein, zwei Detailkarten. Wir brechen gegen 9 Uhr auf, schnappen uns das erste Taxi und los geht’s. Der Taxler ist unglaublich gesprächig, allerdings nur auf spanisch!. Chris, auf dem Beifahrersitz, bekommt die geballte Ladung spanischer Konversation voll ab. Nach ca. fünf Minuten können wir den Ausführungen des Fahrers nicht mehr folgen. Interessant wird es aber, als wir an ein paar Nutten vorbeifahren. Daraufhin betet der Taxler alle möglichen Preise herunter. Soweit wir verstehen sind die Venezuelanerinnen am billigsten, danach kommen die Damen aus Kolumbien und, und ….! Chris, als direkter Ansprechpartner nickt immer verständnisvoll – si, si, no, si, si – während Birger und ich zunehmend das Gefühl haben unser Fahrer setzt uns jetzt gleich am nächsten Puff ab. Stattdessen fährt der Gute völlig ziellos durch die Stadt, nach drei Nachfragen findet er endlich den gesuchten Kartenladen und wir steigen mit blutenden Ohren aus – geschafft!

Nachdem wir uns durch einen riesigen Stapel von Seekarten gewühlt, ich meine Übersichtskarte gefunden habe, geht es weiter zur Flamanco Marina. Hier sollen ein paar Marineläden sein, die uns hoffentlich die begehrten Ersatzteile bescheren werden. Nach und nach klappern wir die einzelnen Geschäfte ab und werden sogar weitgehend fündig. Bisher hat sich unsere Geschäftsreise echt gelohnt. Ich schlappe noch ins Marinaoffice und erkundige mich nach den Liegeplatzgebühren. 350 US für eine Woche sind zwar kein Schnäppchen, aber noch halbwegs akzeptabel und die Marina sieht wirklich sehr gepflegt aus. Eigentlich wollten wir ja ankern, aber Alex und Birger, unsere Linehandler, werden nach der Kanalpassage noch ein, zwei Tage bei uns bleiben und wenn keiner von Bord kann, ist es einfach zu eng auf unserer Auriga. Außerdem fliegen Antje und Felix ein paar Tage später nach Deutschland zurück und das ganze Gepäck mit dem Dinghi anzulanden ist auch kein echter Spaß. Per Pedes geht’s zum nächsten Yachthafen um die Ecke. Im Nauticshop finde ich sogar eine neue Spitze für meine Harpune! Mittlerweile ist es schon Nachmittag und wir sind geschafft. Eigentlich wollten wir noch ins Discovery Center, dem größten Baumarkt Mittelamerikas, aber der liegt am anderen Ende der Stadt und wir haben absolut keinen Bock mehr.

Den restlichen Nachmittag erholen wir uns im Hotel, weil wir am Abend noch im „Os Segredos da Carne“ zum Essen wollen. Leider war keine Reservierung möglich und so versuchen Alex, Antje, Birger, Felix und ich einfach unser Glück und stehen um Punkt 18 Uhr vor der Tür. Als wir eintreten, behaupten wir einfach ganz frech eine Reservierung zu haben. Natürlich ist diese nicht zu finden, aber nach einer kurzen Diskussion schaltet sich der Chef des Hauses ein und wir bekommen doch noch den ersehnten Tisch in dem brasilianischen Fleischtempel. Wir genießen sowohl das Essen als auch den Abend in vollen Zügen und rollen drei Stunden später aus dem Restaurant. Am Samstag geht es dann wieder zurück nach Colon. Wir brechen um 8 Uhr auf, sitzen ein halbe Stunde später im Expressbus als ich bemerke, dass ich meine schöne 50 US teure Seekarte im Hotel vergessen habe – Scheiße, kann man blöd sein! Ich steige wieder aus, mit dem Taxi zurück ins Hotel, meine Karte ist glücklicherweise noch im Zimmer, zurück zum Busbahnhof und mit dem nächsten Bus nach Colon. Der Tag fängt ja schon wieder gut an! Wenigstens erwische ich noch den Marinabus und treffe die anderen in der Quatro Alto Mall wieder.

Neujahr (12)

Am Sylverstermorgen fährt mich Joachim in seinem Pickup zusammen mit meinen 14 Dieselkanistern zur Tankstelle – Merci nochmal für deine Hilfe! Die Jungs an der Tanke staunen nicht schlecht, als sie die vollbepackte Ladefläche sehen. Zum Glück müssen wir die Kanister nicht abladen, sondern können sie direkt auf der Ladefläche betanken. Eine halbe Stunde später sind alle voll und ich bezahle für 250 Liter Diesel und 20 Liter Benzin gerade mal knapp 150 US – ein echtes Schnäppchen. Jetzt kann es auf nach Ecuador gehen. Ich habe jetzt insgesamt 350 Liter Diesel und 50 Liter Benzin an Bord, damit sollte ich knapp 700 Seemeilen weit kommen. Allerdings müssen die gnazen Kanister erst einmal auf unserer Auriga verstaut werden. In unsere Cockpit-Backskisten passen maximal nur drei Kanister, die restlichen müssen auf dem Deck untergebracht werden. Mit Birgers Hilfe bringe ich ein paar stabile Harken an Deck an und kann damit die restlichen Kanister stabil befestigen. Unsere Auriga sieht jetzt allerdings wie ein Tanker aus!

Am Abend kochen wir zusammen mit unseren Freunden von der SY Samantha, spielen noch ein bisschen Karten, besorgen uns kurz vor 24 Uhr ein paar Drinks im Restaurant und dann, dann ist schon wieder ein Jahr vorbei! Völlig ungewohnt begrüßen wir das neue Jahr ohne Feuerwerk, aber dafür mit lieben Freunden. In diesem Sinne wünschen wir unseren Familien, allen Freunden und Bekannten viel Glück und ein schönes, spannendes, neues Jahr! Unser 2018 wird ganz sicher sehr aufregend!

Fair winds und bis bald,

die Drei von der Tankstelle

Voll im Stress

Stress (2)

Während wir die erste Nacht in der Shelter Bay Marina entspannt schlafen können, leistet die Klimaanlage ganze Arbeit und legt unsere Auriga trocken. Am Morgen beträgt die Luftfeuchtigkeit im Boot das erste Mal seit fünf Wochen wieder weniger als 65%. Wir genießen die neuen Umweltbedingungen und vergammeln das ganze Wochenende. Danach ist aber Schluss mit der Rumhängerei, schließlich gilt es einiges zu organisieren. Während Antje die Heimreise nach Deutschland vorbereitet, Flüge bucht und unsere Einrichtung schon mal grob sichtet, kümmere ich mich um die Kanalpassage und einen Termin auf dem Trockendoch. Das hört sich zwar nicht so dramatisch an, ist es aber, weil wir praktisch alles parallel organisieren müssen und außerdem noch die Weihnachts- und Neujahresfeiertage anstehen Alles hängt vom Rückflugdatum meiner beiden Süßen ab! Wenn Antje einen Flug gefunden hat, können wir einen Termin für die Kanalpassage festmachen. Vor dem Kanaltransit muss das Boot aus dem Wasser und braucht einen neuen Unterwasseranstrich. Dafür müssen wir aber erstmal Antifouling besorgen, usw…

Stress (3)

Nach zwei Tagen Internetrecherche findet Antje einen günstigen Flug am 10. Januar nach München, damit steht unser Zeitfenster, wir haben drei Wochen Zeit, um alles auf die Reihe zu kriegen. Da wir zusammen mit der SY Nemo durch den Panamakanal schleusen wollen, müssen wir zuerst einen Termin finden. Nach mehreren Gesprächen mit Chris und Elayne einigen wir uns auf den 05. Januar. Natürlich kann man am Panamakanal nicht so einfach vorfahren und sich in den Pazifik schleusen lassen. Ganz auf panamaische Art ist ein ausgeklügeltes Anmeldeprozedere nötig (Die Infobroschüre ist 8 Seiten lang!). Als erstes benötigen wir das Formular 4640 E, welches wir im Marinabüro bekommen. Zwei Stunden später ist der Antrag ausgefüllt und kann am Dienstagvormittag zur Panama Canal Company gefaxt werden. Drei Stunden später müssen wir die Behörde telefonisch kontaktieren, damit wir einen Termin mit dem Admeasurer ausmachen können. Jedes Schiff – egal welcher Größe – wird vor der Zulassung zur Kanalpassage inspiziert, vermessen und muss bestimmte Kriterien, wie u.a. ein Mindesttempo von 5 Knoten unter Maschinenfahrt, ein Signalhorn, ein UKW-Radio und eine verschließbare Toilette erfüllen. Wir vereinbaren mit dem Vermesser einen Termin für den nächsten Montag – das hat ja erstaunlich gut geklappt! Wir sollen allerdings am Montagmorgen um 07:30 nochmals anrufen, um den Termin zu bestätigen, okay.

Hin (68)

Jetzt kann ich zur Werft schlappen und einen Termin für das Trockendock ausmachen. Glücklicherweise haben die Jungs Zeit und wir können unsere Auriga am Tag nach der Inspektion herauskranen lassen. Danach haben wir drei Tage an Land, um zu streichen und am Freitag vor Weihnachten geht es wieder ins Wasser. Damit haben wir noch genug Zeit, um unser Weihnachtsfest mit der SY Samantha vorzubereiten. Jetzt muss nur noch Antifouling her und alles ist gut. Von befreundeten Seglern haben wir einen Tipp bekommen, wo wir billiges und gutes Antifouling bekommen. Allerdings bekommen wir nur eine Telefonnummer! Kein Name, keine Adresse, nur eine Telefonnummer – Okay auch egal, was soll´s. Antje ruft an und wir besprechen mit „Don“ Rudolfo unser Anliegen. Alles kein Problem, er hat zwar die gewünschte Farbe nicht mehr auf Lager, kann uns dafür aber ein Eimerchen eines anderen Produktes überlassen! Wir erkundigen uns nach dem Unterschied – nicht ganz so giftig, aber trotzdem ausgesprochen wirksam!. Wir verabreden uns am nächsten Tag vor einem Schuhgeschäft in der Shoppingmall Quatro Altos, sollen ihn um 10:15 Uhr nochmal anrufen und ihm sagen woran er uns erkennen kann! Danach schickt er einen Boten mit dem Antifouling vorbei, den wir natürlich cash bezahlen müssen und dann sind alle glücklich und zufrieden! Irgendwie hört sich das alles super illegal an und wirkt wie ein Drogendeal.

Über Nacht regnet es geradezu sintflutartig und als Antje am nächsten Tag am vereinbarten Treffpunkt ist – schwarzes T-Shirt, roter Rock als Erkennungszeichen – fällt unser Deal förmlich ins Wasser, weil die Freihandelszone überschwemmt ist und Rudolfo sein Lager, Versteck oder was auch immer, nicht erreichen kann. Okay, wir vereinbaren ein zweites konspiratives Treffen für den nächsten Tag. Gleiche Uhrzeit, gleicher Ort! Diesmal nehme ich den Bus nach Colon – rotes T-Shirt, schwarze Hose – bin pünktlich vor dem Schuhgeschäft und rufe den Paten an. Wer, wie, was? Ach so – das Antifouling, alles klar. Hast Du die 500 US in bar dabei? Okay, dann kommt der Fahrer in fünf Minuten vorbei! Zum Glück muss ich mir keine Parole für die Übergabe merken. Ich stehe also maximal unauffällig rauchend vor dem Schuhladen und warte darauf, dass gleich eine schwarze Limousine vorgefahren kommt, die verspiegelten Seitenscheiben einen Spalt heruntergelassen werden, damit ich einen Blick auf die Ware werfen kann, das Geld im weißen Umschlag wird durch den Spalt geschoben, der im halbdunklen Auto nicht erkennbare Typ zählt schnell die Kohle und mein Farbeimer wird beim Anfahren aus dem Auto geworfen – oder so ähnlich. Während ich so vor mich hin fantasiere, passiert die nächsten 15 Minuten allerdings gar nichts! Ich greife wieder zum Telefon und erkundige mich bei Rudolo. Der Fahrer wird doch nicht von der Polizei geschnappt worden sein, oder? Nein, es ist alles okay – mucho traffico – der Fahrer müsste gleich ankommen. Stimmt auch! Als ich aufgelegt habe – interessante Formulierung beim Handy, oder? – kommt ein netter Typ auf mich zu, wir gehen zu seinem Pickup, ich bezahle, bekomme die Farbe und eine ganz offizielle Rechnung. Insgesamt ziemlich unaufregend! Danach schleppe ich den Kübel, der gefühlt ca. 20 kg wiegt, zum Marinabus und fahre zurück.

Stress (13)

Über´s Wochenende sind erstmal reichlich Sozialkontakte angesagt. Wir treffen Joe und Anny von der SY Little Wing und vor allem den allseits hilfsbereiten Joachim, den wir von unserem letzten Aufenthalt bereits kennen, wieder. Außerdem werden wir leibhaftige Zeugen, wie die amerikanische Dauerliegergemeinde im Hafen die Vorweihnachtszeit begeht. Bei dem jeden Sonntag stattfindenden BBQ werden wir bereits mit lustigen Kinderspielen für Erwachsene gequält. In diesem Fall ist es ein Quiz. Ob wir mitmachen wollen oder nicht, interessiert die Veranstalterin – Blondine, wahrscheinlich Ex-Cheerleaderin, Körbchengröße D und Elchgeweih auf dem Kopf – absolut nicht! Auf einem Zettel mit unterschiedlichen Zeichnungen müssen amerikanische Weihnachtslieder erraten werden! „All Christmas songs we know!“ Voll international! Obwohl wir uns standhaft weigern mitzumachen, bekommen wir am Ende eine Tüte Kekse als Trostpreis überreicht. Amerika First and thank you very much! Im Laufe des Abends werden wir in die weiteren geplanten Veranstaltungen eingeweiht. Nächsten Mittwoch ist „White Elephantday“? Eine Woche später wird die schönste Boots-Weihnachtsdekoration prämiert. Am 24. ist Christmas Eve Buffet im Restaurant und am Christmasday eine Potluckparty – Puh, was für ein Gute-Laune-Stress.

Stress (8)

Am Montag wird es dafür wieder spannend, der Inspektionstermin liegt an. Um 07:30 Uhr rufen wir die Kanalgesellschaft an, um unseren Termin zu bestätigen. Allerdings weiß außer uns niemand von der geplanten Vermessung! Wie jetzt? Die Seniorita am Telefon ist freundlich, aber offensichtlich unwissend. Wir sollen in einer Stunde wieder anrufen – Okay! Eine Stunde später das gleiche Spiel. Antje wird mehrfach verbunden und erfährt, dass heute nichts mehr geht. Sie fragt, ob unser Boot auch an Land vermessen werden kann. Das geht natürlich nicht! Daraufhin erklärt sie unsere Situation und die Kanaldame verspricht uns, dass der Vermesser am nächsten Morgen um 08:00 Uhr auf der Matte stehen wird -na hoffentlich. Eigentlich sollte unsere Auriga um 08:30 aus dem Wasser gehoben werden. Also schlappe ich zur Werft, erkläre die Situation und verschiebe den Termin auf 10:30 Uhr! Dienstag, 08:00 Uhr, wir sind bereit! Zwei Tassen Kaffee später, 08;30 Uhr wir warten immer noch! Um 09:00 Uhr rufen wir wieder bei der Kanalgesellschaft an. Sorry, one moment, ah, the Inspector has just arrived at the Marina – okay. Fünf Minuten später steht der Vermesser vor unserem Boot und es kann losgehen.

Stress (1)

Zuerst werden Länge und Breite unseres Bootes ermittelt. Zu unserer Überraschung beträgt die gesamte Länge unseres Schiffs mittlerweile über 34 ft – offensichtlich ist unsere Auriga noch nicht ganz ausgewachsen. Danach gilt es den üblichen Formularkrieg zu bestreiten. Wir bitten den Inspektor in unseren Salon. Kaum sitzt der Gute, bekommen wir schon die ersten Hinweise. Der obligatorische Advisor für die Kanalpassage muss mit einem Frühstück, einem warmen Mittag- und Abendessen versorgt werden! Aha! „A sandwich is not a good meal“! Wir müssen Wasser in Flaschen bereitstellen, für frisches Klopapier und Handtücher sorgen – alles klar, damit wäre dieser Teil geklärt. Danach füllen wir gemeinsam mit dem Vermessr fünf unterschiedliche Formulare, die alle im wesentlichen die gleichen Schiffsangaben enthalten, aus und erhalten jeweils einen Durchschlag der Niederschriften. Alles wird unterschrieben, gegengezeichnet und am Ende erhalten wir unsere „Ship Identification Number“ 6015222. Damit ist unsere Auriga bei der Panama Canal Authority registriert. Sollte das Boot jemals wieder durch den Panamakanal schleusen, muss es nicht nochmal vermessen werden. Ja, wir sind drin! Ich denke gerade damit ist ja alles geklärt, als der Inspektor sein Tablet aus der Tasche zieht und alle Angaben nochmals elektronisch erfasst!!! Nach einer knappen Stunde, es ist kurz vor 10 Uhr, ist alles erledigt und wir in Punkto Kanalpassage einen Schritt weiter. Am nächsten Tag sollen wir die Canalfee von 1850 US in der Citibank Colon bar einzahlen und danach ab 18 Uhr den Panama Canal Scheduler kontaktieren, um einen Termin für die Kanalpassage auszumachen – Okay, manana, manana.

Stress (6)

Während Antje anschließend zur Werft geht um unseren Auskrantermin für 10:30 Uhr zu bestätigen, bereite ich das Boot vor. 30 Minuten später legen wir bei über 20 Knoten Seitenwind ab und erreichen drei Minuten später das Travelliftbecken. Obwohl an unserem Boot zwei Markierungen angebracht sind, wo die Hebegurte zu befestigen sind, schnappt sich Viktor, der Werftmeiser seine Taucherbrille, hüpft ins Wasser und bringt die Gurte eigenhändig an! Super Service, sowas haben wir noch nie erlebt! Eine viertel Stunde später schwebt unsere Auriga aus dem Becken und wird kurz am Beckenrand abgestellt. Das Unterwasserschiff sieht nicht mal so schlecht aus, schließlich haben wir es in den letzen Monaten immer wieder eigenhändig von Seepocken und anderem maritimen Getier befreit. Während der anschließenden Hochdruckreinigung löst sich auch noch weitgehend das alte Antifouling ab und eine dunkelblaue Soße fließt in den Gulli. Nachdem unser Boot fachgerecht aufgebockt ist, gehen wir erstmal ins Restaurant und genehmigen uns einen kleinen Mittagssnack. Glücklicherweise müssen wir die nächsten drei Tage nicht auf der Auriga verbringen, sondern dürfen bei unseren Freunden Alex und Birger auf der SY Samantha nächtigen! Vielen Dank ihr beiden und nochmehr Dank für die ausgesprochen köstliche Verpflegung und die Beaufsichtigung des Nachwuchses in diesen arbeitsreichen Tagen!

Am frühen Nachmittag gibt es kein Halten mehr! Antje startet den großen Putzangriff. Die komplette Inneneinrichtung wird zuerst mit Essigwasser gereinigt und danach mit Holzpflegemittel konserviert. Die Arme braucht zwei Tage für die Komplettreinigung, aber wenigstens hat sie die Klimaanlage. Ich widme mich inzwischen dem Unterwasserschiff. Zuerst wedle ich mit der Schleifmaschine über den alten Anstrich und entferne noch einige Muschel- und Seepockenreste. Danach kann gestrichen werden. Da das neue Antifouling laut Datenblatt bei über 30 °C nur wenige Stunden zum Trocknen braucht, beschließe ich unsere Auriga mit vier bis fünf Farbschichten zu versorgen. Als ich den Eimer öffne, werde ich beinahe von der chemischen Keule, die mir entgegen weht, umgehauen. Noch zwei Atemzüge davon und meine Zeugungsfähigkeit ist endgültig dahin! Offensichtlich befinden sich nicht umsonst  verschiedene Warnpiktogramme auf dem Kübel, aber wenn´s hilft! Wenigstens lässt uns Petrus nicht im Stich, denn es regnet seit zwei Tagen nicht mehr, dafür ist es aber natürlich wieder schweineheiß. Antje und ich werkeln noch bis zum Sonnenuntergang und lassen uns danach kulinarisch von Alex und Birger verwöhnen.

Am nächsten Tag ist ein Frühstart angesagt, weil ich zuerst den zweiten Anstrich aufs Boot pinseln will und danach um kurz vor 8 Uhr zusammen mit Chris zur Citibank nach Colon muss, um die Transitgebühr einzuzahlen. Ich bin um 5 Uhr auf den Beinen, schlappe im Dunklen zum Trockendock und beginne mit einer Stirnlampe ausgerüstet zu streichen. Nach zwei Stunden ist die zweite Schicht drauf und sogar noch eine schnelle Dusche drin. In Colon müssen wir aber beide erstmal Kohle besorgen, da die 1850 US Transitgebühr bar eingezahlt werden müssen. Glücklicherweise lassen sich bereits dem ersten Geldautomaten viermal 500 US mit drei verschiedenen Kreditkarten entlocken! Damit ist meine größte Sorge bereits nach fünf Minuten verblasst. Mit prall gefülltem Geldbeutel – 100 20 US-Noten – geht es via Taxi zur Citibank Colon. Nach der obligaten Durchsuchung der Wachleute vor der Bank, dürfen wir das Geldinstitut betreten. Da die Bankangestellten mit dem Vorgang vertraut sind, ist die Geschichte relativ schnell erledigt. Nur das Geldzählen dauert natürlich seine Zeit. Zwei Zettel, die uns der Vermesser ausgehändigt hat, werden gestempelt und unterschrieben, Quittung dran und wir können abdampfen. Eigentlich beträgt die Kanalgebühr ja „nur“ 1000 US, aber wir müssen ein Deposit von 850 US hinterlegen, falls wir während der Kanalpassage eines der riesigen Schleusentore beschädigen oder einen Tanker versenken! Hoffentlich versiegt unser Kohle nicht in einem dunklen panamaischen Kanal und wird auch wieder rückerstattet.

Stress (12)

Mittags bin ich wieder in der Marina zurück und kann am Nachmittag die dritte Schicht Antifouling auflegen. Antje hat inzwischen wahre Wunder im Inneren unserer Auriga vollbracht und alle Schimmelflecken aus dem Holzinterior entfernt – Super Job, meine Liebe! Am Abend trefffen wir uns wieder mit Chris und rufen nach 18 Uhr die Kanalgeschellschaft an, um unseren Transittermin auszumachen. Wir haben Glück und der 5. Januar ist noch nicht vergeben. Allerdings haben nur wir Glück! Die vormittägliche Einzahlung der SY Nemo ist aus irgendeinem Grund noch nicht im System und Chris soll sich in zwei Stunden nochmals bei der Behörde melden. Letztendlich klappt es dann aber doch und wir können zusammen im Januar durch den Panamakanal schleusen. Jetzt müssen wir nur noch die notwendigen Leinen und Fender besorgen und der Fahrt in den Pazifik steht nichts mehr im Weg, aber das kann bis nach den Feiertagen warten.

Am Donnerstagmorgen geht es mit Putzen und Streichen weiter. Leider reicht das Antifouling nur für vier Lagen, allerdings ist die Schichtdicke mittlerweile auf gut drei mm angewachsen und das sollte doch reichen. Während Antje noch bis zum Abend mit putzen beschäftigt ist, gönne ich mir einen ausgiebigen Nachmittagsschlaf. Eigentlich wollte ich noch ein Seeventil austauschen, aber ich kann das alte einfach nicht lösen. Am Freitag soll unsere Auriga wieder ins Wasser kommen. Ich wache um 5 Uhr morgens auf und das blöde Ventil lässt mir einfach keine Ruhe. Also schlappe ich noch im Dunklen zum Boot und beginne das Scheißding erneut zu bearbeiten! Trotz aller Flüche und Verwünschungen will es sich einfach nicht lockern. Das eigentliche Problem ist, dass ich nur einen 52-iger Schlüssel habe. Um kurz vor 8 Uhr gehe ich zur Werft und frage, ob ich mir einen entsprechenden Schlüssel ausleihen kann. Ein 52-iger ist zwar nicht verfügbar, dafür bekomme ich aber einen riesigen „Engländer“. Schnell zurück zum Boot und das Seeventil ergibt sich widerstandslos – Hurra! Das neue Ventil ist rasch eingebaut und kurz darauf kommen die Werftmitarbeiter und unsere kleine Auriga wird wieder ins Wasser gehievt. Um 10 Uhr können wir an unserem alten Liegeplatz festmachen, wenn alles immer so reibungslos funktionieren würde, hätte ich bestimmt ein paar graue Haare weniger.

Stress (5)

Am Nachmittag machen Antje, Birger und ich noch einen Ausflug nach Colon, um die letzten Geschenke und Einkäufe für Weihnachten zu erledigen. Mittlerweile ist auch Kenneth von der SY Felicia wieder in der Shelter Bay gelandet. Eigentlich wollte der sehr sympathische Däne mit seiner Familie nach Curacao und von dort in die Heimat zurückfliegen. Da wir uns bei unserem zweiten Besuch auf den San Blas Inseln leider verpasst haben, ist die Überraschung natürlich groß. Die Familie ist mittlerweile wieder in Dänemark und der Versuch nach Curacao zu seglen bei den zur Zeit herrschenden Christmaswinds mit bis zu 25 Knoten Wind auf die Nase und vier Meter hohen Wellen einfach zum Scheitern verurteilt. Zwischendurch hatte der Arme auch noch Motorprobleme! Also ist er zurück in die Shelter Bay Marina und wird hier sein Boot an Land stellen, bevor er Ende Dezember zu seiner Familie nach Sonderborg zurückkehrt. Selbstverständlich laden wir Kenneth zu unserem Weihnachtsessen ein. Zusammen mit Joachim, Chris und Elayne sind wir somit eine illustre, internationale, neunköpfige Gesellschaft an Heiligabend – herrlich.

Da am Samstag nichts Besonderes ansteht, beschließe ich noch schnell unseren Kleiderschrank zu renovieren. Das dafür nötige Holz habe ich schon in Santa Marta besorgt, jetzt muss es eigentlich nur noch angepasst, geschliffen und lackiert werden und dann ist der neue Kleiderschrank auch schon fertig. Natürlich habe ich mich vor drei Monaten gründlich vermessen, nichts passt und ich bin mal wieder am Fluchen ohne Ende. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und mit Birgers Stichsäge werden die einzelnen Holzteil auf Maß gebracht. Fünf Stunden später ist es vollbracht, ich bin völlig durchgeschwitzt, aber jetzt passt alles. Danach noch schnell schleifen und die erste Lackschicht drauf. Glücklichweise gibt es in der Marina eine Working-Zone, wo ich die Arbeiten erledigen kann. In der Nacht auf Weihnachten wache ich mal wieder um 3 Uhr auf und bin wach! Da ich nichts Besseres zu tun habe, beschließe ich die Holzteile zum zweiten Mal zu lackieren, warum auch nicht? Bei Sonnenaufgang ist alles fertig und am Mittag kann der neue Kleiderschrank zusammengebaut werden – Sehr schönes Weihnachtsgeschenk!

Stress (15)

Am Nachmittag bereiten wir gemeinsam mit der Samanthacrew unser Weihnachtsmenü vor:

  • Garnelen mit Knoblauch an frischem Pflücksalat

  • Gegrillter Fetakäse mit Tomaten, Zwiebeln und Rosmarin

  • Schinkenbraten mit Bier-Zwiebel-Soße und frischem Brot

  • Bratäpfel mit Vanillesoße

Um 18 Uhr treffen wir uns mit den anderen Crews und verbringen zusammen das bisher schönste Weihnachten unserer Reise. Es wird viel gelacht und genauso viel getrunken, aber alle sind happy! Das Essen war übrigens genauso lecker, wie es sich anhört …

Fair winds und bis bald,

eure Gourmets von der Auriga

San Blas Inseln – Hin und wieder zurück …

Hin (24)

Nach meiner 24-stündigen Odyssee in Panama City ziehe ich alle Register und beginne vorsichtshalber eine duale Antibiotikatherapie mit „Alles tot“ und „Hau drauf“, dazu ein Kübel Fiebersenker und natürlich was für den Magen und schon ist Besserung in Sicht. Nach drei Tagen ist das Fieber weg und ich fühle mich deutlich besser. Da die Antibiotika anschlagen, fallen wenigstens einige für Panama typische Tropenerkrankungen, wie Dengue-Fieber und die Chagas-Krankheit als Ursache aus. Gegen Tollwut und Gelbfieber bin ich geimpft, Malaria spricht auf die verabreichte Giftmischung nicht an und somit bleibt nur ein bakterieller Infekt als Ursache übrig! Bei der von mir gewählten Antibiotikakombination haben die ungebetenen Einzeller allerdings keine Chance mehr und ich bin nach einer Woche wieder auf dem Damm. Was letzlich die Ursache war bleibt zwar im Dunkel, aber egal, nur das Ergebnis zählt und wer heilt hat Recht – in diesem Fall also ich!

Bevor wir Nomolulu verlassen, werden wir noch Zeuge von Müllentsorgung auf Kuna-Art. In den nahegelegenen Mangroven legen zwei Kanus an und werfen ca. 20 große Mülltüten mitten in die ufernahe Vegetation – Shocking! Als überzeugte Mülltrenner können nur mühsam unser Entsetzen über das Schauspiel unterdrücken. Andererseits haben die hier lebenden Kunas mit Sicherheit andere Sorgen als eine umweltverträgliche Müllentsorgung nach westlichem Stil! Jetzt verstehen wir auch, warum im morgendlichen Funknetz (Panama-Net auf SSB 8137 Hz) die neu ankommenden Segler davor gewarnt werden, den Einheimischen den anfallenden Müll zu überlassen. Das Funknetz wird von einigen amerikanischen Dauerliegern betrieben und bietet immer wieder ganz gute Informationen rundum das Archipel. In der täglichen Funkrunde kann sich jeder melden, Fragen stellen oder Aufrufe tätigen. Häufig geht es um Reparaturen jeder Art, aber auch absolute Notfälle, wie die nicht mehr funktionierende Eiswürfelmaschine! werden thematisiert.

Die zwei Seemeilen bis Carti Sugdup motoren wir auf einer Backe. Eine dreiviertel Stunde später ankern wir direkt vor der bewohnten Insel. Da uns der Wind mit fast fünf Beaufort um die Nase weht und eine ziemlich unruhige See verursacht, verschieben wir unseren Ausflug auf die Insel erstmal auf den nächsten Tag – wir wollen ja trockenen Hinterns auf die Insel kommen. Am Nachmittag ist wie fast jeden Tag der obligate Regenschauer angesagt. Also verbringen wir einen gemütlichen Tag an Bord und schmeißen das Bordkino an. Nach einer gut durchgeschüttelten Nacht, hat sich das Meer am nächsten Morgen beruhigt und gibt sich mal wieder total unschuldig, das alte Miststück. Wir satteln unser Mixeddinghi (Zweitaktmotor von der Samantha und unser Beiboot), motoren ein paar Meter und können direkt am „Tante Emma Laden Deluxe“ anlegen. Das Angebot ist überraschend vielfältig. Neben den typischen Konserven, trockenen Bohnen und Reis finden wir auch reichlich frisches Obst und Gemüse sowie haufenweise Eier. Bevor wir allerdings zuschlagen, wollen wir erst noch das Dorf erkunden.

Alle bewohnten Kunadörfer sind praktisch bis auf den letzten Quadratzentimeter mit unterschiedlichen Hütten bebaut, aber hier auf Carti Sugdup ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Platz mehr. Die Wege zwischen den Behausungen sind schmal, jede zweite Hütte bietet entweder Lebesmittel, Molas oder Kinderspielzeug an, was sicher daran liegt, dass in der Hauptsaison – also in der Nicht-Regenzeit – hin und wieder Kreuzfahrtschiffe in der Nähe ankern und die Insel dann mit Touristen geflutet wird. Allerdings verkraftet die kleine Insel keine 3000 Menschen gleichzeitig, also werden die Kreuzfahrer laut unserem Guide in mehreren Schichten auf die Insel befördert. Aus diesem Grund gehören die Carti Islands auch zu den „buisiest parts of the San Blas Islands“ und sind nebenbei noch Zentrum der Molaproduktion. Molas sind typische Nähkunstwerke der Kuna-Indianer. Sie bestehen aus Stoffresten, die in zwei bis sieben Lagen miteinander vernäht werden und durch Heraustrennen und Umnähen von einzelnen Flächen ein Motiv ergeben. Die Qualität der Molas ist abhängig von der Anzahl der verwendeten Stofflagen, der Feinheit der Nähstiche und der Gleichmäßigkeit der Nähte. Die Nähkunstwerke werden auf Vorder- und Rückseite von Blusen genäht und sind Teil der typischen Tracht der Kunafrauen. Die klassischen Molas sind vor allem durch geometrische Muster gekennzeichnet, aber auch moderne dem Geschmack der Touristen angepasste Motive sind erhältlich.

Hin (7)

Am Ende der Insel kündigt eine große Tafel überschwänglich ein Museum an. Selbstverständlich wollen wir da rein! Nach ein paar Minuten haben wir die windschiefe Hütte gefunden. Im Fenster sehen wir einige Seewasserschneckenhäuser liegen, durch die offene Tür können wir im Inneren ausgestellte Molas ausmachen. Bei einem Eintrittspreis von 5 US pro Person, entschließen wir uns spontan gegen einen Besuch des ca. 10 qm großen Museums und machen uns auf den Rückweg. Obwohl ein Drittel der Insel aus Läden besteht, ist es leider nicht möglich, frisches Backwerk zu organisieren – manana! Zurück im Supermarkt wird erstmal kräftig frische Ware eingekauft. Wir haben allerdings so viele Lebensmittel erstanden, dass Felix uns in zwei Etappen auf die Boote bringen muss! Gegen Mittag ist alles verstaut und wir können zu den Lemon Cays aufbrechen.

Die Lemon Cays bestehen aus mehreren Inseln und gehören zu den am besten touristisch erschlossenen Inselgruppen der San Blas Inseln, was bedeutet, es gibt hier ein Hotel mit Restaurant. Die einzelnen Lodges stehen auf Stelzen im Wasser und sehen wirklich hübsch aus. Allerdings wird nur der Teil der kleinen Insel gepflegt der auch benützt wird, der Rest vegetiert mehr oder weniger als Müllhalde vor sich hin. Die Einfahrt in das Archipel nicht ganz ohne! Obwohl die flachste Stelle laut Karte immerhin drei Meter beträgt, fahren wir mit äußerster Vorsicht zwischen den einzelnen Untiefen hindurch, aber alles geht gut und wir erreichen heil unseren Ankerplatz, zwischen den Inseln Tiadup, Miriadup und Nagurchirdup. Diese Inselgruppen können trotz Karte nur am Nachmittag angelaufen werden, weil man dann die Sonne im Rücken hat und dadurch bis auf den Grund sehen kann. Wenn vormittags das Licht von vorne kommt, reflektiert das Wasser so stark, dass man den Meeresboden nicht sehen kann – kleiner Tipp, falls es mal einen unserer Leser hierher verschlägt.

Da es ausnahmsweise am Nachmittag mal nicht regnet, motoren die anderen mit dem Dinghi zum Außenriff und schnorcheln ein bisschen. Ich bin immer noch auf Antibiose und bleibe deshalb mit Felix an Bord. Die Unterwasserwelt ist durchaus sehenswert und noch halbwegs intakt. Antje, Alex und Birger treffen die üblichen Bekannten unter der Oberfläche, sehen einige große Rochen durchs Wasser schweben und genießen das Bad im warmen Meer. Am späten Nachmittag bekommen wir dann noch von einer alten Kuna-Indianerin Besuch. Soweit wir verstehen, ist sie drei Stunden lang mit dem Kanu von Carti bis hierher gepaddelt, um ihre Molas an den Segler zu bringen. Wir bitten die Dame an Bord und lassen uns die Nähkunstwerke präsentieren. Die arme Frau hat vor einem Monat ihren Mann verloren und muss nun ganz alleine die 18-köpfige Familie ernähren! Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Verkaufsstrategien auf der ganzen Welt die gleichen sind! Mitleid, Armut und Not ziehen immer! Okay, wir entschließen uns zwei, wirklich schöne Molas zu kaufen, aber die Alte hat noch einen ganz anderen Trick auf Lager – Sie will einfach nicht gehen! Offensichtlich nehmen wir ihr nicht genung Ware ab und sie bleibt in den Himmel starrend einfach sitzen. Sitzstreik als Verkaufsargument, damit sind wir absolut überfordert. In Anbetracht der ausgeklügelten Verkaufsstrategie des alten Miststücks, nehmen wir ihr noch eine weitere Mola ab. Allerdings wird es bei den Preisverhandlungen jetzt echt schwierig. Die Gute kann absolut nicht rechnen. Eigentlich will sie für jede Mola 25 US haben. Wir geben ihr drei 20 US-Noten, einen Zehner und einen Fünfer. Sie legt daraufhin 20 US plus den Fünfer auf die erste Mola, danach wird es aber äußerst diffizil, weil man die restlichen Geldscheine nicht gleichmäßig auf die zwei verbleibenden Molas verteilen kann. Also beschließt die Dame einfach den Preis zu erhöhen und verlangt nun 30 US pro Mola, weil sie gesehen hat, dass wir jeweils drei Zehner und drei Zwanziger haben. Die Situation ist so absurd, dass ich schließlich aufgebe und der armen Frau – schließlich eine alleinerziehende Mutter von 18 Kindern! – insgesamt 90 US in die Hand drücke, damit sie endlich unser Boot verlässt und in ihrem Kanu abzieht, was für eine abgezockte Sozialterroristin. Immerhin kann ich sie noch zwingen, sich fotografieren zu lassen, wenigstens ein Teilerfolg für uns!

Mittlerweile sind auch Chris und Elayne von der SY Nemo, die wir in Santa Marta kennengelernt haben, auf den San Blas Inseln angekommen und liegen nur einige Seemeilen entfernt in den Eastern Hollandes Cays. Da mein Geburtstag in zwei Tagen ansteht, wollen wir uns mit den Australiern in den Central Hollandes Cays treffen und gemeinsam feiern. Allerdings macht uns das Wetter mal wieder einen Strich durch die Rechnung! Es regnet zwei Tage lang in Strömen und an eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. Aber was soll´s, warum sich die gute Laune verderben lassen! Während einer Regenpause entern wir gemeinsam mit unseren Freunden Alex und Birger an meinem Geburtstag das Restaurant und lassen uns Oktopussalat mit Knoblauch schmecken. Danach geht’s auf die SY Samantha und wir verbringen nach Kaffee und Kuchen einen fröhlichen Nachmittag mit Kartenspielen. Übrigens vielen Dank für den schönen Tag und die vielen Geschenke meine Lieben!

Was uns allerdings die Laune auf den Lemon Cays gründlich verdirbt sind die Sandfliegen. Während nach jedem Regenschauer der Strand und die Hotellodges ausgeräuchert werden, haben wir mit den restlichen Sandfliegen zu kämpfen. Die kleinen Mistviecher werden vom Wind auf unser Boot getragen und scheinen vor allem in den frühen Morgenstunden reichlich Appetit zu haben. Die nur ein bis zwei Millimeter großen, schwarzen Fliegen sind kaum zu sehen, passen durch jedes Moskitonetz und scheinen über T-Rex-artige Beißwerkzeuge zu verfügen. Jeder Biss ist eine echte Höllenqual! Wir müssen unbedingt weg und die Flucht ergreifen…

Am nächsten Tag hört es endlich auf zu regnen und wir verlagern uns in die Central Hollandes Cays. Kaum haben wir unseren Anker geworfen, kommt schon Chris als Begrüßungskomitee von der SY Nemo im Dinghi angerauscht. Ich bekomme eine Zigarre als nachträgliches Geburtstagsgeschenk und wir tauschen die neusten Informationen bei ein, zwei Bierchen aus. Die nächsten Tage statten wir uns gemeinsam mit der Samanthacrew gegenseitig Besuche hab, sofern es nicht regnet. Während wir bei unserem ersten Aufenthalt auf den San Blas Inseln wirklich Glück mit dem Wetter hatten, scheint unser zweiter Besuch unter keinem guten Stern zu stehen. Im Urlaub macht mir schlechtes Wetter ja nichts aus, aber wenn man auf einem Boot lebt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Die normlerweise in Panama vorherrschende Luftfeuchtigkeit von 85% führt dazu, dass nach spätestens zwei Wochen praktisch alles im Boot irgendwie feucht und klamm ist. Egal was man anfasst, alles ist von einer feinen Feuchtigkeitsschicht überzogen. Wenn es auch noch mehr oder weniger ständig regnet wird es schlicht und ergreifend nass im Boot. Es ist ein bisschen wie im Regen zelten und geht uns allen langsam tierisch auf die Nerven. Vor allem haben wir mittlerweile ein echtes Schimmelproblem! Wir kommen mit dem Putzen kaum noch hinterher …! Außerdem wird uns langsam langweilig, weil man bei schlechtem Wetter ziemlich wenig auf dem Boot unternehmen kann und ständig im Salon rumhängen ist auch nicht so wahnsinnig toll!

Wir verbringen drei Tage im Regen auf den Central Hollandes Cays und dann haben wir die Schnauze voll und wollen weiter – Scheiß Wetter. Also verlegen wir uns nach Yansaladup in die Nähe von Chichime. Während die SY Samantha und wir am nördlichen Rand des Archipels ankern, bleibt die SY Nemo im südlichen Teil des Archipels, da sie dort alte Bekannte getroffen haben. Während der nächsten Tage haben wir vor allem nachts immer wieder Wind bis 25 Knoten. Für die SY Samantha uns uns ist das überhaupt kein Problem, weil wir an unserem Ankerplatz ausreichend Platz zum Schwojen haben. Bei der SY Nemo sieht es allerdings ganz anders aus. Hier liegen die Boote ziemlich dicht aufeinander und so haben die beiden kaum eine ruhige Nacht, weil sie ständig gefahrlaufen, von anderen Booten gerammt zu werden – arme Tröpfe! Größtest Highlight vor Yansaladup ist unser Treffen mit Lisa. Lisa ist eigentlich ein Mann, aber wenn es in den Kunafamilien zu wenig Mädchen gibt, wird einfach ein Junge als Mädchen erzogen! Bemerkenswert daran ist allerdings, dass Lisa in unserem Cruising Guide mehrfach erwähnt wird. Irgendwie ist es schon komisch, wenn man Menschen trifft, über die in Büchern berichtet wird, zumal das in gewöhnlichen Reiseführern nicht so oft der Fall ist. Ein bestimmtes Gebäude oder Restaurant, okay, aber echte lebende Menschen – das ist doch irgendwie unheimlich!

Lisa kommt mit dem Kanu, was sonst, sie/er fährt natürlich selbst und sieht älter aus, als auf den Fotographien im Buch. Im Schlepptau hat sie natürlich die unvermeidlichen Molas! Wir bitten sie an Bord und bieten ihr eine Cola an. Wir unterhalten uns ein bisschen und nach einem gepflegten Rülpser – nicht so wahnsinnig ladylike – bekommen wir eine Auswahl ihrer Kollektion präsentiert. Natürlich können wir nicht ablehnen und nehmen ihr zwei weitere Molas ab. Damit haben wir im Laufe der Zeit insgesamt elf Molas erstanden, genug um eine kleine Ausstellung damit zu organisieren, allerdings sind wir jetzt pleite – aber was soll´s! Am Abend beschließt unsere mittlerweile aus drei Booten bestehende Flottille am nächsten Tag Richtung Shelter Bay Marina aufzubrechen. Erster Zwischenstop auf dem Weg nach Colon soll die Green Turtel Bay sein, wo eine richtige Marina und ein Restaurant uns anlocken. Am nächsten Tag legen wir einen echten Frühstart hin und verlassen gegen 07 Uhr unsere Ankerplätze und segeln gen Westen. Mit durchschnittlich 15 Knoten im Rücken erreichen wir unser Ziel am frühen Nachmittag. Leider haben wir auf der gesamten Strecke von 30 Seemeilen reichlich Schwell aus Norden und so schaukelt unsere Auriga mal wieder kräftig hin und her, was Antjes Magen gar nicht gut bekommt. Als wir nach sechs Stunden die Green Turtel Bay erreichen, drückt so viel Schwell in die Bucht, dass wir mit einer ziemlich ungemütlichen Nacht rechnen müssen. Also beschließen wir via UKW-Konferenz die wesentlich geschütztere Linton Bay anzulaufen. Okay, mal wieder Linton Bay. Wir kommen gerade noch vor Einsetzen des üblichen nachmittäglichen Regenschauers an, können uns just in time unter der Sprayhood verkriechen und Antje erholt sich langsam wieder.

Das Wetter spielt die nächsten drei Tage wieder nicht mit und wir vertreiben uns die Zeit damit, das Cockpit trocken zu starren. Um etwas Abwechslung in unseren trüben Alltag zu bringen, verabreden wir uns mit der Samantha- und der Nemocrew zum Mittagessen im Restaurant Casa X am Ufer. Kurz bevor wir aufbrechen wollen beginnt es natürlich wieder zu regnen. 90 Minuten später können wir dann mit knurrenden Mägen endlich los und lassen uns kurz darauf Snapperfilet und gegrillte Hühnchenteile schmecken. Während des Essens diskutieren wir über die weitere Wetterentwicklung. Die letzten Prognosen sind allerdings nicht so richtig prickelnd. Anscheinend zieht ein Sturm an der Küste Costa Ricas nach Süden und könnte uns in drei bis vier Tagen erwischen. Aus diesem Grund wollen wir am nächsten Tag weiter nach Portobello. Die Stadt liegt am Ende einer tief ins Festland ziehenden Bucht und war während der spanischen Kolonialherrschaft der wichigste atlantische Hafen der Spanier in Mittelamerika. Von hier wurden Gold und andere Güter nach Europa verschifft. Glücklicherweise ist die Bahia de Portobello nur ca. zehn Seemeilen entfernt, so dass wir am nächsten Tag eine Regenpause nutzen können, um uns dorthin zu verlegen. Bei Sonnenschein und brütender Hitze gehen wir anderntags um 10 Uhr Anker auf. Natürlich bekommen wir Wind und Welle auf die Nase, aber nach knapp drei Stunden entern wir den natürlichen Hafen. 30 Minuten später beginnt es wieder zu regnen, was sonst!

Als wir in die Bahia de Portobello einschwenken, wird uns sofort klar, warum die Spanier seinerzeit diese Bucht zu ihrem wichtigsten Hafen erklärten. Wie ein Trichter verjüngt sich der Einschnitt ins Festland. Insgesamt drei Verteidigungsanlagen sicherten damals die spanische Armada vor feindlichen Überfällen. Einige traurige Reste der Festungsanlagen können wir noch am Ufer erkennen. Heute bietet sowohl der natürliche Hafen als auch die Stadt einen eher bemitleidenswerten Anblick. In der Bucht befinden sich bestimmt über zehn auf Grund gelaufene Schiffe, die hier langsam vor sich hin gammeln. Wenigstens dienen sie uns beim Einlaufen als Kennzeichnung der Flachwasserzone. Als der Regen endlich etwas nachlässt, machen sich Antje, Birger und ich in die Stadt auf, um unsere langsam zur Neige gehenden Nahrungsmittel aufzustocken. Die ehemals florierende Hafenstadt ist mittlerweile dem Verfall preisgegeben. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die sengende Hitze hinterlassen deutliche Spuren an den ziemlich baufällig wirkenden Gebäuden. Es ist so feucht, dass sogar die Dächer und Wände der Häuser nur so vor Vegetation strotzen. Im Zentrum von Portobello besuchen wir die Kirche mit dem berühmten schwarzen Christus. Nett, aber nicht wahnsinnig beeindruckend. Deutlich größeres Interesse erzeugt der Chinesenmarkt gegenüber. Wir kaufen ein paar Dinge für´s Abendessen ein und beschließen auf der Rückfahrt am nächsten Tag in die Shelter Bay Marina bei Colon aufzubrechen. Jaja, mal wieder in die Shelter Bay Marina. Interessanterweise ist sie die einzige Marina, in die wir seit unserem Start in Italien vor über zwei Jahren zum zweiten Mal einlaufen!

Am Freitagmorgen um 10 Uhr geht es los. Felix ist überglücklich, nach beinhe fünf Wochen wieder in eine richtige Marina zu kommen. Die Aussicht auf unbegrenzten Strom und Internet lassen ihn bereits am Morgen frohlocken. Auf der Fahrt zur 20 Seemeilen entfertnen Shelter Bay haben wir sogar Glück! Es regnet ausnahmsweise nicht und die normalerweise vorherrschende 1 – 1,5 Knoten starke Gegenströmung hat sich heute auf einen halben Knoten abgeschwächt. Nach vier Stunden erreichen wir die Marina, mittlerweile haben sich über uns schon wieder dunkle Gewitterwolken gebildet, aber wir schaffen es noch gerade rechtzeitig bevor sich die Himmelsschleusen öffnen. Wir checken noch schnell ein, besorgen drei Internetzugänge, das Kind ist glücklich und wir haben unsere Ruhe. Nach einer ausgiebigen Dusche geht’s mit Chris und Elanye noch ins Restaurant und danach sind wir so platt, dass alle nur noch ins Bett wollen …!

DCIM100MEDIA

Fair winds und bis bald,

eure Wetterfrösche von der Auriga

Regen, Regen, nix als Regen …. oder neulich in Panama City

Montagmorgen ist der Himmel zwar bedeckt, aber wir wollen trotzdem von Linton Bay aus weiter. Kaum eine Stunde unterwegs, befinden wir uns mal wieder in einem “isolated thunderstorm“ mit viel, wahnsinnig viel Regen, aber nur wenig Wind – war ja klar, es ist schließlich auch der 13. und keiner hat´s gemerkt. Und weil der 13. einfach Unglück bringt, verfolgt uns die Schlechtwetterfront die nächsten 30 nm bis nach Chichime. In strömendem Regen laufen wir den völlig überfüllten Ankerplatz an. Wir zählen inklusive der SY Samantha und der SY Auriga über 20 Boote. Trotzdem finden wir noch eine einigermaßen große Lücke und lassen unseren Anker in 12 Meter Tiefe fallen. Obwohl es bereits später Nachmittag ist, laufen noch zwei weitere Schiffe den gut geschützten Ankerplatz vor Chichime an und jetzt wird es wirklich langsam eng! Eine der beiden Jachten legt ein echt sportliches Ankermanöver hin. Bei voller Fahrt und Rückenwind wird der Anker einfach ins Wasser geschmissen. Die Ankerkette kratzt am Rumpf, die Winsch ächzt und die Mannschaft wartet bis sich das Boot langsam in den Wind dreht – sehr interessant, aber es scheint zu funktionieren.

Die nächsten beiden Tage und Nächte zieht ein gewaltiges Unwetter über die San Blas Inseln. Es regnet fast die ganze Zeit. Wir spannen eine Abdeckplane über unser Boot und können so wenigstens eine Decksluke fast die ganze Zeit auflassen, ohne dass unser Boot volll läuft und haben so immer eine frische Brise im Salon. Nach der ersten Nacht erwache ich zufällig im Morgengrauen und entdecke zu meinem Entsetzen, dass die benachbarte Yacht langsam aber sicher auf Tuchfühlung mit unserem Heck geht. Ich klettere auf die Badeplattform und gebe dem anderen Boot einen beherzten Schubs. Kurz darauf erscheint die italienische Besatzung, schmeißt den Motor an und bringt das Schiff wieder in Position. Im Laufe des Tages nimmt der Wind auf etwas über 20 Knoten zu und es kommt Bewegung in die Ankergemeinde. Mehrere Anker brechen aus, Boote gehen auf Kollisionskurs, Motoren werden hektisch gestartet und neue Ankerplätze gesucht. Das nachmittägliche Treiben ist auf alle Fälle sehr spannend und kurzweilig, vor allem weil auch unsere italienischen Nachbarn wieder auf Kuschelkurs mit uns gehen. Als der Wind etwas nachlässt beschließt der Nachbar-Skipper glücklicherweise einen neuen Ankerplatz für sein Boot zu suchen. Natürlich hat sich seine Kette um unsere gewickelt, aber mit vielen Fendern und einem wirklich gekonnten Manöver kann er sich befreien und liegt nach einigen Ankerversuchen in ausreichendem Abstand zu uns!

Am dritten Tag vor Chichime lässt sich endlich die Sonne wieder blicken und die Gewitterfront ist nach Osten abgezogen. Antje und ich lassen uns von Felix auf die Insel bringen und machen einen kleinen Spaziergang. Auf der Insel befinden sich mehrere mietbare Hütten und ein kleiner Kiosk. Auf gut angelegten Wegen kann man die kleine Insel erkunden. Zu unserer Überraschnung ist weit und breit kein Müll zu sehen. Überall sind Mülleimer aufgestellt, die ganze Insel ist wirklich sehr gepflegt – wir sind echt positiv überrascht! Am nächsten Tag wollen wir nochmal zusammen mit der SY Samantha die Insel besuchen, allerdings kommen uns mehrere gut genährte Langusten am Vormittag in die Quere. Während Alex, Antje und Birger die Insel besuchen, widmen sich Felix und ich den Langusten. Die fangfrischen Krustentiere werden in kochendem Wasser getötet und anschließend fachgerecht zerlegt. Am Abend werden die Leckerbissen gratiniert und mit Salat und frischem Brot verspeist – ein echtes Festmahl! Obwohl wir beim anschließenden Kartenspielen von Birger regelrecht abgezockt werden, ist es doch ein sehr kurzweiliger Abend.

Eigentlich war ja geplant am nächsten Tag auf die Lemon Cays weiter zu fahren, aber daraus wird leider nichts, weil ich seit vier Tagen unklares Fieber habe und in Panama City ein Krankenhaus aufsuchen möchte. Wir beschließen deshalb uns nach Süden auf die Carti Islands zu verlegen, weil hier die einzige Straße, die in die autonomen Kunagebiete führt, endet. Nach einer gemütlichen zweistündigen Motorfahrt sehen wir einen langen Strand mit mehreren Stegen. Von hier aus werden die San Blas Inseln mit Lebensmitteln, Treibstoff, Medizin und anderen Gütern versorgt. Wir ankern um die Ecke vor Nomolulu und machen uns am Nachmittag zu den Anlegern auf. Hier können wir ein Taxi nach Panama City für den nächsten Tag organisieren und nach gebratenem Reis mit Hühnchen im örtlichen Restaurant geht es zurück auf´s Boot. Die SY Samantha konnte sich noch nicht von Chichime losreißen und wird am nächsten Tag zu uns stoßen.

Montagmorgen bringen mich Felix und Antje um 08:00 Uhr morgens an Land und ich mache mich nach Panama City auf. Eine Stunde später sitze ich im Taxi und lasse mich ins „Centro Medical Piatilla“ in die Stadt fahren. Die Fahrt ist ein echtes Erlebnis! Zunächst geht es ca. zwei Stunden durch die unberührte Regenwaldlandschaft der San Blas Hills. Links und rechts der Straße befindet sich undurchdringlicher Dschungel. Hier sagen sich Faultier und Jaguar gute Nacht! Nach ca. 30 km erreichen wir das Ende des autonomen Kunagebietes „Kuna Yala“. Hier befindet sich mitten im Nirgendwo eine Grenzstation (Sandsackstellung) des panamaischen Militärs, die Soldaten sind schwer bewaffnet und alle werden kontrolliert. Anschließend wird die Straße langsam besser und in der Ferne ist die Skyline von Panama City langsam zu erkennen. Kurz vor Mittag setzt mich der Fahrer vor dem Krankenhaus ab. Eine Rückfahrmöglichkeit gibt es heute nicht mehr, ich soll mich bis 18 Uhr bei der Taxiagentur melden und mich am nächsten Tag vom Hotel aus abholen lassen – Okay, kein Problem. Erstmal ins Krankenhaus, danach ein Hotel organisieren und vielleicht noch ein bischen Sightseeing im Bankenviertel, so ist jedenfalls mein Plan.

Mit meinem Wörterbuch „Spanish for Cruisers“ bewaffnet betrete ich das Centro Medical und frage micht zur Notaufnahme durch. An der Rezeption stößt meine auf englisch vorgebrachte Bitte nach Behandlung nur auf Achselzucken. Aus der Ambulanz wird eine englisch sprechende Krankenschwester herausgezerrt und ich erkläre mein Anliegen. Alles kein Problem, aber erstmal zur Anmeldung. Drei Schalter später, ich habe ein Kreditkartendeposit von 300 US hinterlegt, kann ich in den Wartesaal. Glücklicherweise ist nicht gerade die Hölle los. Ein junger Mann, der kurz vor mir „eincheckte“, wird nach 20 Minuten aufgerufen – super dann ist ja vielleicht alles schnell erledigt. Zwei Stunden später, ich warte immer noch, werde ich langsam ungeduldig. Mittlerweile ist im Wartesaal ein fröhliches Kommen und Gehen, allerdings werde ich das Gefühl nicht los vergessen worden zu sein. Ich passe eine Verwaltungsangestellte ab und gebe ihr zu verstehen, dass ich bereits seit zwei Stunden auf einen Arzt warte. Sie schlappt in die Ambulanz, ein Pfleger kommt auf mich zu – No Problemo, you are the next one!

Weitere zwei Stunden später, es ist bereits 16 Uhr, kommt der junge Mann, der gleichzeitig mit mir eingetroffen ist, aus der Notaufnahme! Jetzt bin ich echt sauer, ich koche förmlich – Scheiß Laden! Kurzentschlossen entere ich die Notaufnahme und texte die erste Angestellte, die ich sehe, auf english zu und äußere deutlich meinen Unmut über die mittlerweile vierstündige Wartezeit. Die versteht natürlich nix, aber eine Kollegin kommt angesprungen und möchte den Grund meines Besuchs erfahren. Ich erkläre mein Anliegen zum achten Mal an diesem Tag. Wie denn mein Name sei. Ich sage ihn ihr – allerdings erntet sie auf Nachfrage beim Personal nur Kopfschütteln – Höppler, nie gehört! Mir entgleisen jetzt ganz offensichtlich die Gesichtszüge und ich strafe die anwesenden Ärzte und Schwestern mit dem maximal möglichen bösen Blick! Nach einer kurzen Diskussion lasse ich mich erneut vertrösten. Oh, sorry, no problemo, you are the next one!

Um 17:30 Uhr, ich warte immer noch, bin aber mittlerweile im Zugzwang. Ich brauche ein Hotel, sonst komme ich am nächsten Tag nicht zurück nach Carti. Völlig entnervt verlasse ich die Klinik ohne Behandlung – vielen Dank liebes Centro Medical Piatilla für deine professionelle Hilfe, dann mach ich´s halt doch selber – und checke im Hotel gegenüber ein. Der Rezeptionist ist so freundlich, für mich die Taxiagentur anzurufen und meine Abholung am nächsten Tag um 05 Uhr in der Früh klar zu machen. Wenigstens etwas! Völlig untypisch für mich habe ich mich intuitiv in einen richtigen Luxusschuppen eingemietet. Auf meinem Zimmer lese ich im Hotelprospekt, dass ich mich im erst 2016 eröffneten “Las Americas Golden Tower Hotel“, 5 Sterne, direkt gegenüber des sehr renommierten „Centro Medical Piatilla“ befinde. Als ich das lese, möchte ich am liebsten auf den Boden kotzen! Nach einer heißen Dusche, im Wartesaal hatte es ca. 18° C., gehe ich noch etwas essen und danach ziemlich schnell ins Bett – Was für ein Scheißtag!

Dienstagmorgen, 5 Uhr, das im Übernachtungspreis inbegriffene Frühstücksbuffet startet natürlich erst um 06 Uhr – ich warte vor dem Hotel auf mein Taxi. Eine dreiviertel Stunde später sitze ich im Auto und mache bei Sonnenaufgang eine kleine Stadtrundfahrt durch Panama City. Der Fahrer liest noch sechs weitere Passagiere auf und dann sind wir komplett. „Haben Sie ihren Reisepass dabei?“ Als ich die Frage verneine ist der Fahrer etwas irritiert. Wie? Was? Warum? Ich erkläre ihm, dass ich auf einem Boot lebe, seit ca. acht Wochen in Panama bin und bereits in Colon alle Formalitäten erledigt wurden. No, no, no, si, si, si! Er führt mehrere Telefonate und scheint anschließend zufrieden zu sein. Wir machen noch eine Frühstückspause im Supermarkt und dann geht es zurück nach Kuna Yala. Nach ca. zwei Stunden erreichen wir wieder den Grenzposten und jetzt wird es richtig schwierig, weil ich nur meinen Personalausweis, Adresse – aktuell kein Wohnort in Deutschland – dabei habe. Die Grenzsoldaten sind offensichtlich überfordert. Wo denn mein Reisepass sei? Der liegt auf dem Boot! Welches Boot? Ich erkläre die Situation so einfach wie möglich. Un Barco, Immigration Colon – Aha!? Nach einer zehnminütigen Diskussion darf ich schließlich nach Kuna Yala in Panama einreisen! Weitere 90 Minuten später bin ich in Carti und meine beiden Süßen erwarten mich bereits. Nachdem ich die Ereignisse der letzten 24 Stunden zum besten gebe, völlig sinnlos 200 US ausgegeben habe, konferieren wir mit der SY Samantha und verlegen uns kurz darauf nach Carti Sugdup, da wir uns hier noch mit frischen Lebensmitteln eindecken wollen, bevor es auf die Lemon Cays weiter geht …

Fair Winds und bis bald,

eure Regenmacher von der Auriga

Zurück zu den Pelikanen

Sonntag ist es dann so weit, wir brechen auf, haha – Natürlich nicht! Wir haben zwar stets einen guten Plan, aber häufig scheitert es an der Umsetzung. Irgendwie kommt immer irgendwas dazwischen. Am Freitag oder einem 13. auslaufen bringt Unglück, das Wetter passt nicht, Kapitän oder Crew haben ein schlechtes Gefühl, die Wellen sind zu hoch, das Marinabüro ist geschlossen, es regnet, über Nacht ist das Klo übergelaufen, schlechtes „Chuchu“ und, und, und! Unter Berücksichtung all dieser harten Fakten, die ein mögliches Auslaufen verhindern können, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir es in „nur“ zwei Jahren bis nach Panama geschafft haben.

In der Nacht auf Sonntag meldet sich mein Zahn, oder besser gesagt was davon übrig ist, wieder. Da montags unglücklicherweise auch noch Feiertag ist, kann ich erst am Dienstag wieder bei meinem Kollegen vorstellig werden. Die nächsten beiden Tage ist also wieder aggressive Schonung angesagt und am Dienstag breche ich mal wieder Richtung Caribian Dental Clinic auf. Irgendwie komme ich mir vor, wie bei „Dinner for One“, same procedure as every Tuesday captain …! Allerdings hat sich der Besuch gelohnt, da Dr. Juan mir zwei kleine Wurzelreste aus dem Kiefer entfernen kann. In der anschließenden Röntgenkontrolle sieht alles gut aus und ich darf nach einer kostenlosen Behandlung wieder abdampfen. Diesmal habe ich ein gutes Gefühl, die Schmerzen sind sofort deutlich weniger. Wir verbringen noch einen ruhigen Nachmittag und verlassen planmäßig nach beinahe vier Wochen – eigentlich wollten wir nur eine Woche bleiben – am Mittwochvormittag die Shelter Bay Marina bei Sonnenschein und leichtem Segelwind, also optimalen Bedingungen.

Nach einer fünfstündigen, ereignislosen Überfahrt, erreichen wir am Nachmittag die Linton Bay. Ein unspektakuläres Ankermanöver später ist es geschafft und die ersten dreißig Seemeilen liegen hinter uns. Zu unserer großen Freunde werden wir hier sofort von unseren geliebten Pelikanen begrüßt. Seit den ABC-Inseln begleiten die stattlichen Wasservögel unsere Reise und haben die sonst allgegegenwärtigen Möven abgelöst. Obwohl sie mit ihren langen Schnäbeln und dem nach hinten gezogenen Kopf immer etwas beleidigt aussehen, sind sie uns doch an Herz gewachsen. Immer wieder beobachte ich mit Begeisterung ihre waghalsigen Sturzflüge beim Jagen oder ihre beinahe schon militärisch wirkenden Formationsflüge. Außerdem sehen sie einfach super witzig aus!

Mittlerweile haben wir auch den Höhepunkt der Regenzeit in Mittelamerika erreicht. Kaum eine Nacht vergeht ohne Gewitter oder heftige Regenschauer. Immerhin ist es zumindest tagsüber relativ trocken, dafür aber wahnsinnig schwül. Während der ersten Nacht in der Linton Bay geht es dann auch gleich richtig ab. Sintflutartige Schauer halten uns die halbe Nacht auf Trab. Unglücklicherweise müssen wir dann alle Luken dichtmachen und schon nach kurzer Zeit wird es ziemlich warm und muffig in unserem Salon, ich vermisse die Klimaanlage schon jetzt. Allerdings sorgt nicht nur das Wetter für eine abwechslungsreiche Nacht. Zwischen den einzelnen Schauern bekommen wir tierischen Besuch. Fledermäuse entern über den Niedergang unseren Salon und machen sich an einer herumhängenden Papaya zu schaffen. So geht’s natürlich nicht, da könnte ja jeder kommen und sich an unserem Frischobstvorrat vergreifen. Ich montiere mitten in der Nacht das Fliegengitter, die Fledermäuse knallen noch ein, zwei Mal dagegen und dann ist Ruhe. Das Schmuddelwetter – mittlerweile Dauerregen – hält den ganzen Tag an und so ist an eine Weiterfahrt natürlich nicht zu denken, dafür wird unsere Auriga aber mal wieder richtig geduscht und der allgegenwärtige Salzbelag gründlich von Deck und aus den Segeln gewaschen.

Am Tag darauf sieht das Wetter deutlich besser aus. Nach dem morgendlichen Regenschauer klart es zügig auf. Wir beraten uns kurz mit der SY Samantha und klaren unsere Boote auf. Als wir den Motor anlassen wollen, macht es Klack und nichts passiert! Wie jetzt? Zweiter Versuch – Klack und wieder nichts. Ich kontrolliere alle Kontakte, nichts ist locker. Vielleicht sind ja die Batterien zu leer. Kein Problem, jetzt kommt unser mobiler 900 Watt Generator zum Einsatz. Kurz mal die Backskiste ausgeräumt, Generator raus, wie war das nochmal? Jaja, ich erinnere mich: Entlüftung auf, Shock rein, Zündung ein und Motor mittels Seilzug starten. Alles passt, aber nichts passiert. 10 Startversuche später, ich schwitze schon wieder wie ein Schwein, aber der Generator läuft immer noch nicht! Hmmm, erstmal eine rauchen und nachdenken! Haha, kein Benzin drin – der Klassiker, ich werde rot und schäme mich. Der Generator wird betankt und springt danach sofort an. Über unseren Landstromanschluss laden wir die Batterien. Nach einer Stunde nächster Versuch. Vorglühen, Schlüssel umdrehen … Klack – Mist! Ich funke die SY Samantha an und bitte Birger um Hilfe. Allerdings hat Antje mittlerweile das Problem erkannt! Der Anlasser ist kaputt! Birger kommt nach einer kurzen Inspektion zum gleichen Ergebnis.

Wir bauen gemeinsam den Anlasser aus, testen ihn und dann ist es klar: Der Elektromotor des Anlassers streikt – Scheiße! Jetzt ist guter Rat teuer. Am Nachmittag packe ich das Teil ein und wir motoren zur nahegelegenen Marina. Der einzige Elektriker ist allerdings nicht da und wir keinen Schritt weiter. Also beschließen Birger und ich am Samstag mit dem Bus nach Colon zu fahren, um einen neuen Anlasser zu besorgen. Übrigens vielen Dank für deine Hilfe und Anteilnahme, mein Freund! Pünktlich um kurz vor acht stehen wir hoch motiviert an der Straße und warten und warten … 90 Minuten später besteigen wir einen der typischen panamaischen Busse, einen alten ausgemusterten amerikanischen Schulbus. Beinfreiheit wie im Touristenbomber! Ist halt einfach doch für Kinder gebaut worden. Im Inneren dröhnt die Musik so laut, dass mir die Ohren schmerzen, aber wir sind unterwegs! Allerdings erstmal in die falsche Richtung! Okay, auch schon Wurst, Hauptsache wir können sitzen und müssen nicht mehr in der Sonne rumstehen. Nach einer durchaus abwechslungsreichen Fahrt durch Dschungel- und Agrarlandschaften erreichen wir zwei Stunden später, gut durchgeschüttelt, die „Quatro Alto Mall“ in Colon – wieder mal!

Guten Mutes betreten wir den ersten LKW-Shop. Nee, sowas haben wir nicht, sorry! Aber ein Stück weiter gibt’s noch einen anderen Laden, da vielleicht. Okay, nächster Versuch. Nein, bei uns leider auch nicht, aber der Inhaber kennt einen Kolumbianer der sowas reparieren könnte, vielleicht jedenfalls oder so. Einfach die Straße lang bis zur nächsten Tankstelle, da steht ein Container mit dem Kolumbianer drin. Okay, hört sich allerdings nicht so vielversprechend an. Wir beschließen zum Millenium Plaza zu fahren, weil es da auch noch einen Ersatzteilladen gibt. Zehn Minuten später, wir stehen vor dem Shop – Samstags geschlossen! Mist! Meine Laune geht langsam gegen Null! Ich sehe uns schon wochenlang vor Anker in der Linton Bay liegen und auf einen neuen Anlasser warten. Sollte ich jemals ein anderes Boot besitzen, werde ich es „Looking for parts“ oder „Waiting for something“ nennen. Birger und ich beraten uns kurz. Was wir jetzt brauchen ist ein Taxifahrer, der englisch spricht. Kurze Zeit später finden wir einen, wir erläutern unser Problem und unser Fahrer meint einen weiteren Ersatzteilladen zu kennen. Wir fahren an der Mall vorbei, sehen die besagte Tankstelle und den Container mit der Aufschrift: Electromecanica! Spontan beschließen wir auszusteigen und es doch hier zu probieren. In der „La Casa del Arranque“, treffen wir auf unseren Helden des Tages. Mit gebrochenem Spanisch, Händen und Füßen erklären wir das Problem und ernten verständnisvolles Nicken. 10 Minuten später ist der Elektromotor zerlegt und das Problem erkannt, ein Kurzschluss! Natürlich ist alles kein Problem, Kostenpunkt 70 US, wir sollen in einer Stunde wiederkommen, dann ist alles fertig. Ich kann mein Glück schier nicht fassen! Keine weitere Suche, keine lange Wartezeit, kein manana! In einer Stunde ist alles fertig, einfach so – der Hammer!

Entspannt schlendern wir zur Mall zurück und vertreiben uns die Zeit mit einer Pizza. Dann geht’s zurück, nach einer kurzen Demonstration der Funktionsfähigkeit schließe ich den Anlasser glücklich in die Arme. Ich bezahle und bedanke mich überschwenglich. Muchas, muchas gracias und verspreche, seine Visitenkarte in der Shelter Bay Marina auszuhängen. Manchmal kann es auch einfach gut laufen. Wir kaufen noch ein und lassen uns mit dem Taxi in die 60 km entfernte Linton Bay zurückfahren. Um 17 Uhr sind wir wieder auf unseren Booten und ich berichte der Crew bei einem entspannten Sundowner von den Ereignisse des Tages. Am nächsten Tag baut Birger mit meiner Hilfe den Anlasser wieder ein, wir machen eine kurze meditative Pause und … unser Ferryman springt widerstandslos an und läuft! Nach so viel Stress haben wir uns eine Belohnung verdient und gehen deshalb am Abend zum Essen an Land. In der Abenddämmerung lassen wir uns in der Casa X Fisch und Gulasch schmecken und verbringen einen kurzweiligen Abend zusammen mit der SY Samantha. Damit steht der Weiterfahrt am Montag nichts mehr im Weg, außer natürlich wenn ….

Fair winds und bis bald,

eure Electromecanicos von der Auriga

Schmerzhafte Zwangspause

 

Nach unserem Behördenmarathon wird am Samstag nochmal kräftig eingekauft, schließlich soll es am Sonntag wieder auf die San Blas Inseln zurückgehen. Allerdings hat am Sonntagmorgen keiner so richtig Bock, wir fühlen uns immer noch zu ausgelaugt. Die Ereignisse der letzten Tage waren einfach zu viel! Wir beraten uns mit der SY Samantha und beschließen, am Montag Nachmittag abzulegen und die 70 Seemeilen bis zu den Lemon Cays in einer entspannten Nachtfahrt zurückzulegen. Beide Crews genießen einen lazy Sunday. Am Abend checken wir nochmal das Wetter. Allerdings sind die Vorhersagen ziemlich unsympathisch: Für Dienstag und Mittwoch ist mal wieder Sturm angesagt – Okay. Wir konferieren erneut mit Birger und Alex, dann geht es halt am Freitag los, ist auch recht. Mir persönlich kommt der Aufschub eigentlich sogar ganz gelegen, weil sich im Laufe des Sonntags langsam aber sicher Zahnschmerzen bei mir einstellen – Autsch! Montagmorgen beginne ich nach Zahnärzten zu recherchieren und finde die Caribian Dental Clinic in Colon. Die Kollegin, Dra. Ida Herrera, soll fließend englisch sprechen und ist deshalb meine Favoritin! Im Laufe des Vormittags organisiere ich ein Taxi und werde in der Praxis vorstellig. Ohne wesentliche Wartezeit komme ich sofort dran. Nach dem Röntgen ist klar, der bereits wurzelbehandelte Backenzahn möchte nicht mehr bei mir wohnen und muss raus. Eine Stunde später verlasse ich mit dicker Backe die Praxis und bin um einen Zahn erleichtert – er war wie ein Haustier für mich, schniff!

 

Bis zum Freitag haben wir dadurch ausreichend Zeit, um den Dschungel zu erforschen. Die Marina liegt praktisch direkt im Regenwald. Sobald man das Gelände nur ein paar Schritte verlässt, steht man vor einer undurchdringlichen Wand aus Farnen, Elefantengras, Bananenstauden, unterschiedlichen Palmen und tropischen Bäumen. In diesem Dickicht ist absolut kein Durchkommen möglich! Glücklicherweise gibt es zwei, drei Trampelpfade, auf denen sich der Dschungel erkunden lässt. Sobald man nur ein paar Meter gelaufen ist, befindet man sich in der Wildnis! Obwohl man die Geräusche der nahen Marinawerft hören kann, ist diese bereits hinter einem Vorhang aus unterschiedlichen Grüntönen verschwunden. Licht fällt nur spärlich durch das dichte Blätterdach. Die modrig-moosige Luft, das feuchtwarme Klima, das laute Geschrei der Brüllaffen und der Halbschatten runden die Szenerie perfekt ab – so habe ich mir den Dschungel immer vorgestellt! Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis und das alles gleich um die Ecke und für umme.

 

Jetzt muss man nur noch ruhig sein und warten, bis irgendetwas im Gebüsch oder in den Bäumen raschelt. Am einfachsten sind die Panama-Kapuzineräffchen in den riesigen Wedeln der Dattelpalmen zu entdecken. In kleinen Gruppen hüpfen sie auf der Suche nach Essbarem von einem Baum zum nächsten oder hängen träge auf einem Ast herum und lausen sich. In den nächsten Tagen laufen uns immer wieder Nasenbären über den Weg. Die kleinen, braunen Bodenbewohner sind allerdings sehr scheu und sobald sie uns entdecken sind sie auch schon wieder weg. Wir können die beeindruckenden Tukane und viele andere tropische Vögel beobachten. Riesige Kolonien von Blattschneideameisen wuseln am Boden herum. Auf einer unserer letzten Dschungeltouren bekommen wir endlich auch die omnipräsenten Brüllaffen zu sehen. Wir können sie zwar jeden Tag mehrmals hören, aber gesehen haben wir sie bisher nicht. Obwohl wir zwar immer mit Kamera bewaffnet unterwegs sind, ist es ganz schön schwierig, die Tiere auch zu fotografieren. Vor allem die bunte Färbung der Vögel vor den unterschiedlichen Grüntönen der Pflanzen überfordert den Autofokus doch hin und wieder, aber Antje sind trotz aller Schwierigkeiten viele schöne Aufnahmen gelungen, oder? Eben!

 

Am Freitag machen wir uns langsam für´s Auslaufen klar. Allerdings zeigen sich am frühen Nachmittag bereits wieder große dunkle Gewitterwolken über uns. In einem spontanen Meeting beschließen wir, nicht ins anstehende Unwetter zu segeln und wollen bis zum nächsten Tag warten. Ich bin mal wieder nicht richtig unglücklich, weil bei mir die Schmerzen an der Extraktionsstelle wieder deutlich zunehmen. Alex, ihres Zeichens gelernte Zahntechnikerin, begutachtet die Wunde, kann aber bis auf eine Gaumenschwellung nichts Ungewöhnliches feststellen – Vielen Dank für deine Hilfe Alex! Samstag und Sonntag brauche ich so viel Schmerzmittel, dass meine Erinnerung ans Wochenende eher lückenhaft sind – Autsch! Ich bin mir allerdings ganz sicher, dass wir Alex Geburtstag am Sonntag richtig wild gefeiert haben – hoffentlich! Vorsichtshalber nochmal nachträglich alles Gute zum Geburtstag, liebe Alex! Damit steht am Montag der nächste Zahnarztbesuch an. Mittlerweile habe ich auch einen Leidensgenossen bekommen. Bei einem benachbarten Segler hat sich eine Zahnfüllung verabschiedet und er will mich deshalb begleiten. Wir nehmen den Bus nach Colon, schnappen uns anschließend ein Taxi und stehen um zehn Uhr vor der Praxis – Die ist allerdings geschlossen!?! Ach, nee, wirklich! Der Wachmann vom Casa Torre Esmeralda, in dem sich die Praxis befindet, erklärt uns, dass die Praxis erst wieder am Dienstag geöffnet ist. Okay, immerhin etwas.

 

Dienstag kurz vor acht Uhr, wir sitzen wieder im Bus und erfahren, dass die Zahnärztin im Urlaub und heute nur ein Vertreter anwesend ist, der allerdings nur nach Terminvereinbarung behandelt – wie? Echt jetzt! Wir verlassen etwas deprimiert den Bus, warten bis das Marinebüro um neun Uhr aufmacht und bitten einen der Angestellten einen Termin für uns auszumachen, weil die Sprechstundenhilfe an der Rezeption nur spanisch spricht. Alles klar, wir können gegen elf Uhr kommen! Punkt elf Uhr stehen wir wieder vor der Praxis. Weil bei Ken nur eine Füllung zu machen ist, lasse ich ihm den Vortritt. Knapp zwei Stunden und eine Wurzelbehandlung später – armer Tropf – bin ich dran. Mit gemischten Gefühlen lege ich mich auf den Behandlungstuhl. Die Extraktionsstelle wird untersucht, Oberkiefernekrose – Scheiße! Die anschließende Behandlung dauert dafür nur 10 Minuten und wir können wieder abdampfen. Glücklicherweise war die Behandlung erfolgreich und nach fünf Tagen aggressiver, körperlicher Schonung und guter Pflege, werden wir am Sonntag ablegen und Richtung San Blas Inseln aufbrechen…

 

Fair winds und bis bald,

eure Zahnfee von der Auriga

730 Sonnenauf- und -untergänge später …

Was, schon wieder ein Blogeintrag? Nein, nicht die Langeweile ist zurückgekehrt, sondern es gibt allen Grund zum Feiern: Am 08.08.2017 sind wir genau seit 2 Jahren unterwegs, 7379 Seemeilen liegen hinter uns, 12 verschiedene Gastlandflaggen haben wir gehisst, viele Abenteuer erwarteten uns, neue liebe Menschen haben wir kennengelernt und es wird Zeit, Bilanz zu ziehen. Ich habe beschlossen, mal wieder selbst in die Tasten zu hämmern, auch wenn mein Ghostwriter Helmut einen Superjob macht, seine Beiträge mich immer wieder schmunzeln lassen und ich eigentlich lieber fotografiere.

 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie unsere Freunde uns mit Sack und Pack nach Italien brachten, wir mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Leinen loswarfen und mit Tränen in den Augen Abschied von liebgewonnen Freunden und unserem alten Leben nahmen. Was uns wohl erwartet? Als ziemliche Segelneulinge trieb uns unsere erste Nachtfahrt von Vis nach Bari die Schweißperlen auf die Stirn und anfangs blieben wir bei angesagten 15 kn Wind (4 Beaufort) vorsichtshalber im sicheren Hafen liegen. Inzwischen hoffen wir, dass der Wind mit 15 kn bläst, damit wir vorankommen und können Nachtfahrten unter sternenklarem Himmel genießen. Wie sich doch alles relativiert. Nach unserer anstrengenden Atlantiküberquerung hatte ich erst einmal die Nase voll vom Segeln und war mir sicher, keinen Ozean mehr mit unserem kleinen Boot bezwingen zu wollen. Jetzt liegt der Pazifik zum Greifen nahe, das nervige Gerolle des Atlantiks ist vergessen und ein Teil der Welt will entdeckt werden, in den wir so schnell nicht zurückkehren werden. Bis Australien würden wir es gerne schaffen, Südseeflair genießen, nachdem uns das Karibikfeeling nicht wirklich gepackt hat. So ist der Plan, aber Pläne ändern sich bekanntlich immer wieder…

Zwei Jahre (40)

Dass unser Leben an Bord eines 32 Fuß langen Schiffes mit Einschränkungen verbunden sein wird, war uns klar. Ich habe mal nachgemessen, unsere aktive Lauffläche im Boot, d.h. Fläche, auf die wir ungehindert unseren Fuß setzen können, beträgt inklusive Cockpit 3,49 m², das macht pro Person 1,16 m². Die empfohlene Auslauffläche für eine deutsche Biohenne beträgt 10 m² pro Huhn! Da fallen wir wohl eher in die Kategorie Batteriehaltung. Somit ist es nicht verwunderlich, dass unkontrolliertes Im-Weg-Rumstehen mit Gezicke und Angeraunze kommentiert wird. Trotzdem haben wir drei uns inzwischen gut arrangiert, jeder hat sein bevorzugtes Eckchen und die Stimmung an Bord ist meistens harmonisch. Was für ein Luxus, so viel Zeit mit meiner Familie verbringen zu können, fremde Länder und neue Menschen kennenzulernen und unsere tapfere Auriga ist ein richtiges Zuhause geworden.

 

Felix ist mir inzwischen über den Kopf gewachsen und ich bin mit 1,77 m die Kleinste in der Familie. Unglaublich! Er ist nicht nur körperlich gewachsen, sondern auch mental gereift und ist ein richtiger Teenager geworden. Die meisten Bootskinder, die wir treffen, sind alle viel jünger als er und wenn dann doch mal ein älteres Kind an Bord ist, heißt es noch lange nicht, dass die Chemie zwischen den beiden auch stimmt. Da sind jüngere Kinder einfach unkomplizierter. Trotzdem fühlt er sich noch wohl mit uns, genießt es auch, dass Alex und Birger da sind, mit denen wir ausgiebieg Karten spielen können und die San Blas Inseln gemeinsam erkunden werden.

 

730 Sonnenaufgänge und fast jeden Tag Sonnenschein. Traumhaft? Ich sehne mich inzwischen nach richtigem Mistwetter mit Regen, Nebel und kühlen Temperaturen. Der tägliche 20minütige Regenschauer bringt nicht wirklich Abkühlung, im Gegenteil, anschließend ist es noch dampfiger als vorher. Tropisches Klima mit konstanten 30 Grad und 80 % Luftfeuchtigkeit ist definitiv kein Wohlfühlklima für mich. Gemessen an den etlichen Litern Schweiß, die ich hier schon vergossen habe, hätte ich mich schon längst auflösen müssen. Wir Seglerfrauen in Kolumbien (alle ungefähr im gleichen Alter) sind uns einig, dass ein Verschleppen von Frauen in den Wechseljahren in tropische Gefilde schon an Tierquälerei grenzt. Uns ist doch eh schon die ganze Zeit heiß! Erstaunlicherweise scheinen die kolumbianischen Frauen damit keine Probleme zu haben. Sie sehen immer aus wie aus dem Ei gepellt und bis auf wenige Ausnahmen ist keine Spur von Schweißtropfen zu entdecken. Wie machen die das nur? Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass ich vier Jahreszeiten brauche, mir andauernder Sonnenschein auf die Nerven geht und ich auf Schweißfilm als ständigen Begleiter gut verzichten kann. Ein Hoch auf unsere Klimaanlage, ohne die es hier nicht auszuhalten wäre.

 

Erstaunlich, dass es doch fast 2 Jahre gedauert hat, bis so etwas wie Langeweile aufkam, ein Gefühl, das ich schon fast vergessen hatte nach den letzten Jahren, die vollgepackt waren mit Terminen und Verpflichtungen. Das ist der wahre Luxus auf dieser Reise, Zeit zu haben und vor allem sich seine Zeit frei einteilen zu können. Natürlich bestimmt das Wetter unseren Rhythmus der Weiterfahrt, aber das ist auch schon alles. Das süße Nichtstun verliert jedoch auch nach einiger Zeit seinen Reiz und so sucht man sich eine Beschäftigung. Der Schulunterricht mit Felix macht mir wirklich Spaß und jetzt, wo Ferien angesagt sind, habe ich angefangen zu häkeln, Mitbringsel für die Kinder auf den Inseln. Alex hat ihre Nähmaschine dabei und somit wird Stoff gekauft und unsere Winschen, der Förthmann und unser Außenborder mit Mützen versorgt. Und Alex hat noch etwas Tolles dabei: Ein Fahrrad, das sie nicht benutzt. Sie war so lieb, es aus der Backskiste herauszukramen. Jetzt kann ich endlich wieder nach Lust und Laune radeln. Das viele Herumgesitze auf dem Boot ist auch so ein Punkt, der mir zu schaffen macht. Ich war es einfach gewohnt, immer in Bewegung zu sein, mit unserer Luna Gassi zu gehen, zu radeln mit meinen Mädels Sport zu treiben und hier? Einfach zu heiß. Das Fitnessstudio gegenüber der Marina öffnet um 6 Uhr, aber auch dazu kann ich mich nicht aufraffen. Da radle ich doch lieber durch die Stadt und entdecke immer wieder neue Wände, die mit faszinierender und sehr fantasievoller Streetart bemalt sind. Eine tolle Form, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

 

Wir haben einige Segler getroffen, die schon jahrelang auf dem Boot leben oder mit „open end“ unterwegs sind und da habe ich mich immer wieder gefragt, ob das eine Lebensform wäre, die ich mir für mich vorstellen könnte. Die Antwort ist ein klares „nein“, nicht auf Dauer, gerne immer mal wieder, aber ich vermisse meine Familie, meine Freunde, unsere Tiere und einen Garten, in dem ich herumwühlen kann. Trotzdem genieße ich die unvergessliche Zeit mit meinen zwei Männern, die wir noch auf unserer Auriga verbringen werden und möchte sich nicht missen.

 

Fair winds,

eure Antje

Kleines Schiff – großes Abenteuer

Zwei Jahre (70)

Boh ey, ich weiß schon, ihr seid die Größten – aber wer macht denn hier die ganze Arbeit? Na ICH! Also finde ich es an der Zeit, dass ich auch mal zu Wort komme. Mein Name ist übrigens Auriga und dass ich in meinem Alter nochmal auf große Fahrt gehe, hatte ich eigentlich nicht gedacht. Aber erstmal zum Anfang zurück. Ich bin eine Phantom 32 vom Mittelrhein, mein Stapellauf war 1978 und heute bin ich wahrscheinlich eine der letzten meiner Art. Meine 300 Brüder und Schwestern treffe ich kaum noch, aber einer von uns soll sogar mal um die Welt gesegelt sein, hab ich jedenfalls von einem alten Schoner in irgendeinem Hafen gehört – Hut ab. An meine Kindheit kann ich mich nicht mehr richtig erinnern, dafür hatten es die letzten zehn Jahre aber in sich.

Zwei Jahre (64)

Meine letzten Besitzer hatten ja auch was ganz Besonderes mit mir vor, aber außer dem Mittelmeer habe ich nicht viel zu sehen bekommen. Und dann ging es plötzlich von Griechenland in die Lagune von Merano, ich werde aus dem Wasser gezerrt, an Land gestellt und bin nur noch ein besserer Wohnwagen! Was habe ich im ersten Winter gefroren und was soll das überhaupt? Fast ein Jahr haben die mich da stehen lassen. Hin und wieder kamen mal ein paar Fremde vorbei, sind auf mir rumgeturnt, haben den Kopf geschüttelt und mir nicht gerade Komplimente gemacht. Hey, ich habe auch Gefühle! Okay, ich bin zwar nicht groß und schon älter, aber ein bisschen Anstand kann man ja wohl erwarten! Eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden an Land zu verrotten, Klappe zu – Affe tod! Doch dann kam wieder neuer Schwung in mein Leben. Im Herbst 2013 stehen plötzlich diese beiden Nasen aus dem Allgäu vor mir, Gott was für Typen. Stellen sich nicht richtig vor und schauen mir dann gleich in die Bluse und unter den Rock – Was für eine Unverschämtheit.

Zwei Tage sind die bei mir geblieben, haben sich alles angeschaut, an mir rumgefummelt und mir sogar schöne Augen gemacht. Zum Schluss durfte ich auch mal wieder ins Wasser und mir die Beine etwas vertreten. Ich war wohl ein bisschen aus der Übung und bin gleich mal in einer Sandbank hängen geblieben – wie peinlich, aber es war trotzdem herrlich. Endlich wieder in meinem Element. Eigentlich war die beiden doch ganz sympathisch und als sie beschlossen hatten mich zu kaufen, war ich ziemlich happy und dachte jetzt geht’s hoffentlich gleich wieder ins Wasser zurück. Jaja, Pustekuchen! Die haben sich dann erstmal bis Weihnachten nicht mehr blicken lassen und dann kamen sie auch noch zu dritt zurück und haben sich bei mir häuslich eingerichtet. Baden gehen war natürlich wieder nicht drin und nach einer Woche sind sie auch wieder abgezogen, aber inzwischen mag ich die drei. Erst fünf Monate später kam der Typ wieder zu mir! Dann ging es aber ganz schnell und ich durfte ins Wasser und bin in einen Fluss bei San Giorgio di Nogaro umgezogen. In meinem neuen Hafen konnte ich zwar im Wasser bleiben, aber der Punk ging hier nicht so richtig ab. Meine Nachabarn sprachen nur italienisch und mir wurde ziemlich schnell langweilig. Als ob man so mit einem neuen Familienmitglied umgeht! Eigentlich bin ich ja nicht nachtragend, aber unseren ersten Ausflug musste ich den dreien dann doch versauen. Kaum waren wir im offenen Meer, ging mein Motor nicht mehr aus – haha, die Gesichter hättet ihr sehen sollen! Die haben zwar danach ganz schön mit mir geschimpft, dafür kamen sie anschließend aber öfter zu Besuch und haben mich wieder so richtig auf Vordermann gebracht. So ging´s dann die nächsten zwei Jahre weiter und wir haben uns dabei so richtig gut kennen- und schätzen gelernt.

Deshalb waren wir auch bis auf einen Ausflug nach Slowenien nicht so oft zusammen unterwegs und ich hatte mich schon auf einen gemütlichen Lebensabend im Süßwasser eingestellt. Aber im Frühling 2015 musste ich schon wieder umziehen und wurde in den hiesigen Yachtclub verlegt. Hier war vielleicht was los! Endlich mal wieder Landsleute treffen und schnacken. Das war ganz nach meinem Geschmack! Doch schon ein paar Tage später heben die mich wieder aus dem Wasser und stellen mich an Land. Fast vier Wochen haben die an mir rumgebastelt und lauter komisches Zeug in mich eingebaut. Ich habe eine Radarschüssel, einen Plotter und ein SSB-Radio bekommen – geht mir zwar ein bisschen auf die Hüften, sieht aber echt cool aus. Als sie dann auch noch mit einer neuen Rettungsinsel ankamen dämmerte mir, dass hier was ganz Großes läuft!

Zwei Jahre (39)

Meine weibliche Intuition hat mich dann auch nicht getäuscht. Anfang August waren plötzlich ganz schön viele Leute bei mir am Steg, die haben alle geheult wie die Schlosshunde und dann hieß es Leinen los. Wir sind dann erstmal nach Süden gefahren, waren jeden Tag in einem anderen Hafen und ich voll in meinem Element. War zwar zunächst alles nichts Neues für mich, aber ich hatte trotzdem Spaß. Und was ich für Typen getroffen habe, einfach unglaublich. Dann ging´s aber in unbekannte Gewässer. In der Straße von Messina haben wir dann unseren ersten Sturm abgewettert, das haben die aber ganz ordentlich gemacht. Richtig zusammengewachsen sind wir aber auf der Überfahrt nach Sardinien. Man hat´s da in der Nacht gekachelt, aber die drei haben trotz Seekrankheit und schlechtem Wetter gut durch und mich auf Kurs gehalten. Danach hatte ich allerdings kurz der Gefühl, das war´s jetzt! Aber die haben sich nach ein paar Tagen wieder beruhigt und wir sind dann immer weiter nach Westen gesegelt.

An der Südküste Spaniens waren dann aber nach vier Monaten ein paar Kuscheleinheiten fällig. Ich habe ein neues Vor- und Backstag und neue Isolatoren bekommen. Mein Motor wurde überholt und die Navigatioselektronik verbessert. Drei Wochen haben mich die drei nach Strich und Faden verwöhnt. Ich hab´s aber auch echt verdient – finde ich jedenfalls! Anschließend segeln wir nach Gibraltar. Diese verrückten Hühner wollen doch wohl nicht in den Atalntik, oder? Aber genau so war´s dann! Obwohl ich drei Anläufe gebraucht habe die Straße von Gibraltar in meinem Kielwasser zu lassen, haben wir schließlich den Atlantik erreicht. So viel Wasser habe ich noch nie gesehen, mein Gott ist der riesig und so herrlich erfrischend. Hier habe ich mich sofort wohl gefühlt. Bis auf die kanarischen Inseln hat mir dann die Blam III Gesellschaft geleistet. Die Süße war sogar nur 8,50 Meter lang, da bin ich mir richtig GROß vorgekommen, was für ein herrliches Gefühl.

In Las Palmas war dann aber erstmal für sechs Monate Schluss. Irgendwie war das Wetter kaputt und deshalb mussten wir auf den Herbst warten. Mittlerweile war mir auch klar, dass die mit mir über den Atlantik in die Karibik wollen. Anfangs war mir ja etwas mulmig bei dem Gedanken, aber die drei werden schon wissen was sie tun. Dafür habe ich hier die Samantha, meine neue beste Freundin kennengelernt. Wir hatten wirklich viel Spaß in Gran Canaria. Aber irgendwann trennen sich die Wege eben wieder. Ich bin mir aber sicher, ich werde die Dicke (4,25 m breit!!!) nochmal wiedersehen. Wir sind dann nach Teneriffa und die haben wieder wie wild an mir rumgemacht. Mein Hintern hat ein Komplettlifting bekommen. Die alte, hässliche Davit kam runter und eine sehr elegante Windsteueranlage und zwei Badeplattformen wurden angebaut. Untenrum haben die mich auch frisch gemacht und mir einen neuen Unterwasseranstrich verpasst. Ich bin jetzt eine richtige Hochseeyacht und kein Küstenhüpfer mehr. Alles klar, wegen mir kann es dann losgehen.

Ende November war es dann auch so weit! Vorher haben die noch Unmengen Proviant in mir verstaut. Als ich den riesigen Haufen Essen gesehen habe, dachte ich zuerst, das klappt doch nie. Aber irgendwie haben die doch alles untergebracht. Allerdings fühlte ich mich danach etwas beleibt und hing ganz schön tief im Wasser. Schon Tage vor dem Start war ich total aufgeregt. Weil wir bei einer Regatta teilnahmen, wollte ich natürlich nichts falsch machen und war voll bei der Sache. Aber noch vor dem Start war´s vorbei, beim Segel setzen macht es Ratsch und ich habe einen Riss im Großsegel, ach nee – was für eine Scheiße! Natürlich waren wir zunächst alle total fertig und enttäuscht. Aber egal, zwei Tage später sind wir dann doch aufgebrochen und eine Woche später auf den Kapverdischen Inseln angekommen. Hier wurde mein Großsegel geflickt und nach ein paar Tagen waren wir wieder unterwegs. Nächstes Ziel Bridgetown, Barbados! Man, man, man, das war vielleicht ein Törn!

Zwei Jahre (77)

Zuerst hatten wir ganz easy Bedingungen mit niedirgen Wellen und schönen Tradewinds. Nach einer Woche ging´s dann aber echt zur Sache. Eine Woche Schwerwetter. Ich hatte ganz schön zu kämpfen. So hohe Wellen habe ich noch nie gesehen und da waren auch noch Squalls mit Regen und Sturmböen und, und …. der reine Wahnsinn! Aber der Förthmann, die neue Windsteueranlage, hat mich souverän durch alle Unwetter gebracht und die drei waren auch total cool und haben mir die ganze Zeit vertraut. Vielen Dank! In Barbados waren wir dann natürlich alle unheimlich stolz auf uns und haben erstmal richtig gefeiert. Die nächsten vier Monate waren wir dann in der Karibik unterwegs. Obwohl das Wasser sehr angenehm temperiert ist, hatten wir doch mehr erwartet. Überflüssigerweise wurde ich auch noch Opfer eines Überfalls! Zuerst haben die Barbaren versucht mein Türschloss aufzubrechen und sind anschließend über eine Decksluke eingedrungen. Zum Glück wurden keine lebenswichtigen Systeme zerstört, aber wenn die nochmal kommen, dann … Anschließend waren alle froh, als wir auf den niederländischen Antillen ankamen. Unglaublich, wie viele verschiedene Fische es hier gibt und es kitzelt immer so herrlich, wenn sie an meinem Rumpf herumknabbern! Mittlerweile sind wir in Kolumbien angekommen und ich werde schon wieder verschönert – Jaaaah. Hier habe ich auch meine liebe Freundin Samantha nach acht Monaten wiedergetroffen – das war vielleicht eine Wiedersehensfreude!

Ach Kinder, wie die Zeit vergeht. Mittlerweile bin ich schon seit zwei Jahren unterwegs und es gefällt mir immer noch ziemlich gut. Ich glaube die drei wollen mit mir noch in den Pazifik, aber mir soll´s recht sein. Schließlich werde ich gut behandelt und ein Langzeittörn ist ja artgerechte Segelboot-Haltung. Ich genieße auf alle Fälle die Zeit mit den dreien und freue mich auf den nächsten Ozean und viele neue Abenteuer. Außerdem soll der Pazifik ja eher ein ruhiger Typ sein – also ganz mein Ding. Liebe Oma Inge keine Angst, ich bring dir die drei schon wieder heil nach Hause. In diesem Sinne …

Fair winds und bis bald

Eure Auriga

Endlich eine Arbeit …

Seit wir in Santa Marta auf Reede liegen ist einiges passiert. Wir waren in Medellin, Bogota, Panama und haben den Kanal durchquert aber manchmal passiert einfach nichts! Auch nicht schlecht, mag der eine oder andere denken, aber mich macht das irgendwie unruhig. Die Hitze und unsere Hafenroutine – Frühstück, Schule, Mittagessen, Schule, Sundowner, Abendessen … zerren langsam an meinen Nerven. Ich spüre immer wieder dieses unlustvolle, unangenehme Gefühl, eine Mischung aus erzwungenem Nichtstun und monotonem Alltag, in mir aufkommen – die anonyme Langeweile! Ganz langsam nähert sie sich von hinten, lauert manchmal hinter jeder Ecke, um dann zuzuschlagen. Miststück! Andererseits behaupten einige Leute, dass sich Langeweile inmitten der totalen Spaßgesellschaft manchmal als intelligente Antwort auf ein überbordendes Angebot aus Dekadenz und Völlerei entwickelt – auch ein interessanter Standpunkt! Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass in den 85 Büchern über Weltumsegelungen, die ich gelesen habe, irgendjemand von Langeweile geschrieben hat. Alle wirken immer irgendwie furchtbar busy, ständig passieren furchtbar aufregende Dinge – das Klo ist verstopft oder die Gasflasche leer – und die Lösungen der Probleme sind immer wahnsinnig anspruchsvoll (Spülen/Auffüllen!?) und einen täglichen Blogbericht wert. Es ist teilweise unglaublich, welche Banalitäten thematisiert werden, vielleicht bin ich ja kaputt, aber mir ist trotzdem langweilig!

Refit (1)

Allerdings bin ich nicht der Einzige, der mit diesem temporären Phänomen zu kämpfen hat. Beim Sundowner finde ich in Ken ich einen Leidenskollegen. Er ist mit seiner Frau vor zwei Jahren in Thailand gestartet und teilt meine Gefühle. Geteiltes Leid ist halt eben doch nur noch halbes Leid. Aber was tun? Ich könnte natürlich mein Englisch verbessern und Vokabeln pauken, oder – ganz verrückt – spanisch lernen, aber ich bin einfach zu träge. Der tägliche Mathematikunterricht mit Felix ist schon anstrengend genug, vor allem, weil das Kind manchmal so rechenunwillig ist. Bevor mich endgültig der Reiseblues erwischt, muss also unsere arme Auriga dran glauben. Ich habe mich für ein gepflegtes „klar Schiff machen“ entschieden. Als erstes wird das Deck gesäubert. Nachdem wir ungefähr ein halbes Kilo Kohlestaub vom nahegelegenen Verladehafen abgespült haben, geht es mit der Handbürste weiter. Einen ganzen Vormittag wird geputzt und geschrubbt bis die Außentemperaturen 35°C erreicht haben, dann ist Schluss und der innere Schweinehund gewinnt wieder die Oberhand, aber der Anfang ist gemacht!

Refit (3)

Als nächstes geht es dem allgegenwärtigem Flugrost an den Kragen. „Als Flugrost bezeichnet man nach DIN 50 900, Teil 1 eine beginnende Korrosion von Eisen oder Stahl. Die Flugrost geht zurück auf feine Eisenstäube, die an der Luft rosten und sich auf Gegenständen niederschlagen. Sie entstehen beispielsweise am Bremssystem alter Eisenbahnen. Metallteile in der Umgebung der Staubquelle sehen verrostet aus, obwohl nur die Oberfläche von Roststaub bedeckt ist“. Aus Herbert Beneke: Lexikon der Korrosion und des Korrosionsschutzes. Vulkan-Verlag, Vulkan-Verlag einfach unglaublich! Zur Rostbeseitigung genügt angeblich ein einfaches Abwischen des Staubes. Lieber Herr Beneke, das glauben Sie doch selbst nicht, oder? Ohne eine gehörige Portion „Rost Remover“ und kräftigem Schrubben geht nämlich gar nix! In einem viertägigen Putzmarathon werden Reeling, Wanten, Beschläge, Geräteträger, Badeplattform, Zierleisten und andere Edelmetallteile an unserem Boot gereinigt und poliert, bis sie sich dem Blitzen in der Sonne nicht mehr verweigern können. Die körperliche Arbeit weckt alte Lebensgeister, tut mir gut und die Langeweile hat sich die letzten Tage auch nicht blicken lassen!

Kol1 (38)

Jetzt ist das Cockpit fällig. Die Holzauflage auf unseren Sitzbänken beginnt schon langsam zu modern und auseinanderzufallen – also weg damit. Allerdings sieht unser Cockpit jetzt ziemlich öde aus. Sollen wir doch zum äußersten greifen und es komplett renovieren? Die Frage beschäftigt mich mehrere Tage. Argumente werden abgewogen, wir diskutieren mögliche Lösungen, leider ist alles mit viel Arbeit verbunden – puh. Um den Kopf frei zu bekommen machen wir einen kurzen Ausflug und besuchen Simon Bolivars Sterbeort in Santa Marta! Wer sich in Südamerika aufhält kann ihm einfach nicht entkommen – Simon Bolivar. In keiner noch so kleinen Stadt, wo nicht eine Straße, ein Platz, eine Schule, eine Universität oder ein Flughafen nach ihm benannt oder er irgendwo im Zentrum mit einer Statue verewigt ist. Aber auch international ist er ein beliebter Namensgeber. Der 1911 entdeckte Asteroid 712, eine Zigarrenmarke, ein südamerikanischer Staat, eine Währung sowie ein venezolanischer Verdienstorden wurden nach ihm benannt, die UNESCO verlieh von 1983 bis 2004 den Simón-Bolívar-Preis, die Marine der Vereinigten Staaten nannte ihr 1964 fertiggestellte strategische Atom-U-Boot USS Simon Bolivar. Auch in Deutschland diente er als Namensgeber für Straßen und Plätze. Statuen von ihm können vor dem Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin-Tiergarten, in Bonn in einer Anlage an der Friedrich-Ebert-Allee oder auf dem Gelände der Universität Bremen bestaunt werden. Also wer war Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar Palacios y Blanco genannt „El Libertador“? Geboren wurde er am 24.07.1783 in Caracas, Neugranada; gestorben ist er am 17.12.1830 in Santa Marta, Großkolumbien.

Die nun eigentlich folgende zweiseitige Zusammenfassung der südamerikanischen Unabhängigkeitsgeschichte habe ich wieder gelöscht, weil meine Frau beim Lesen eingeschlafen ist. Auf alle Fälle war Simon Bolivar ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer und ist Nationalheld mehrerer südamerikanischer und karibischer Länder. Er führte die Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanische Kolonialherrschaft in Venezuela, Kolumbien und Ecuador an und griff auch in die Unabhängigkeitsprozesse Perus und Boliviens entscheidend ein. Letzendlich trat er nach einer gescheiterten Konferenz über den Zusammenhalt Großkolumbiens 1830 von allen seinen politischen Ämtern zurück. Bolívar entschloss sich, Exil auf den Karibischen Inseln oder in Europa zu suchen. Bevor er den Kontinent jedoch verlassen konnte, starb er am 17. Dezember 1830 in Santa Marta an einer Mischung aus Malaria, Tuberkulose und Leberzirrhose. Nach seinem Tod zerfiel Großkolumbien in die einzelnen Staaten Ecuador, Venezuela und Kolumbien. Simon Bolivar hielt sich genau elf Tage auf einer Hacienda in Santa Marta auf, bevor dort den Löffel abgab. Das ehemalige Anwesen Quinta de San Pedro Alejandrino beherbergt heute das Bolivar-Museum, den botanischen Garten, ein Ehrenmal des Befreiers sowie eine Kunstausstellung. An einem Freitagvormittag machen wir uns zusammen mit Annie von der SY Little Wing mit dem Taxi auf und erreichen nach 10 Minuten die Quinta de San Pedro Alejandrino. Nach einer kurzen Einweisung können wir uns entscheiden, ob wir das Gelände auf eigene Faust erkunden oder einer kostenlosen Führung beiwohnen wollen.

Wir entschließen uns für die Führung und erfahren von unserem mehr schlecht als recht englisch sprechenden Führer weniger als von den vielen englisch-sprachigen Erklärungstafeln. Das Bolivarmuseum ist das ehemalige Wohnhaus des Befreiers. Wir stehen also auf histroisch bedeutsamen Boden. Links von uns wurde er bekocht, rechts Klo und Badezimmer – aha – Schlaf- und Arbeitszimmer sind ähnlich spannend, dafür aber nach über 150 Jahren hundertprozentig TBC-frei, wenigstens etwas! Wir wandeln ein wenig durch den botanischen Garten, können ein paar Iguanas und tropische Vögel beobachten und erreichen schließlich das angemessen, protzige Ehrenmal Bolivars. Das ist allerdings Klasse. In einer großen Marmorhalle steht eine Skulptur des Freiheitskämpfers. Je nachdem, von welcher Seite man den Libertador betrachtet, sieht man den jungen, engagierten oder alternden Mann – sehr schöne Gesichte, möchte ich auch in meinem Mausoleum mal haben. Danach noch die Ausstellung über zeitgenössische südamerikanische Malerei besucht und schon sind zwei Stunden vorbei! Die anonyme Langweile hat also keine Chance!

Während Annie und Antje zurück zur Marina fahren, suche ich den nahegelegenen Baumarkt auf, mein zweites Zuhause für die nächsten zwei Wochen, was ich allerdings in diesem Augenblick noch nicht richtig realisiere. Ich besorge etwas Schleifpapier und eine Dose weißer Farbe für eine Probebehandlung unseres Cockpits. Zurück auf der Auiga werden die besorgten Utensilien sofort ausprobiert und es sieht echt gut aus – Scheiße, dann wird es wohl doch auf eine Komplettrenovierung rauslaufen! Am nächsten Tag geht es los. Ich bin für die nächste Woche vom Unterricht befreit und lege los. Als erstes wird alles, was möglich ist, abgeschraubt. Fangen wir doch einfach mal mit den Winschen an – Okay. Unglücklicherweise sind keine Schrauben oder ähnliche Befestigungsvorrichtungen zu sehen. Also ab ins Internet und bei Antal nach einem Manual suchen. Gibt es natürlich nicht mehr, weil die Winschen schon zu alt sind. Geht ja schon mal gut los. Also bei Youtube suchen! Nach zwanzig Minuten stoße ich auf ein Wartungsvideo – super. Ach, da muss nur ein Sicherungsring gelöst werden, dass ist ja einfach. Eine halbe Stunde später sind die Winschen abgebaut und so geht es weiter. Allerdings ist es gegen 13 Uhr bereits wieder so heiß, dass an ein Weiterarbeiten nicht zu denken ist, aber ich habe doch einiges geschafft. Die nächsten zwei Tagen geht es fröhlich so weiter, was sich mir nicht sofort ergeben will, wählt den Weg der rohen Gewalt, aber es klappt ganz gut. Da unsere Backskistendeckel angenietet sind, müssen die Nieten durchgebort werden, was zu meiner Überraschung relativ problemlos klappt oder am zunehmenden Verrottungsgrad der Nieten liegen mag. Zum Schluss reiße ich noch das Motorpanel inklusive Einbaurahmen aus dem Cockpit und dann ist es geschafft, Teil 1 der Operation Refit ist abgeschlossen.

Mittlerweile ist es Ende Juni und ich werde als Lehrer wohl noch länger ausfallen. Die gute Nachricht für Felix ist, dass der Matheunterricht erst wieder aufgenommen wird, wenn er das 13. Lebensjahr erreicht hat! Mittlerweile hoch motiviert kann es weiter gehen, aber vorher erstmal ein Kurzbesuch im Baumarkt!. Die zwanzig Blatt 360iger Schleifpapier sind ja auch auf spanisch nicht schwer zu besorgen, aber bei Primer- und Farbspray wird es schon schwieriger. Mehr oder weniger ratlos stehe ich vor dem Regal und lese mir spanische Gebrauchsanweisungen durch! Da sich:“Pintura en aerosol ideal para superficies de madera, metal, paredes, ceramica o plastico que deban restauradas, protegidas y/o decoradas. Acabado parejo y uniforme, de mayor resistencia. Alto cubrimiento, alto rendimiento, con filtro UV para mayor duration y un secamiento ultra rapido“ eigentlich ganz gut anhört und die Worte superficies plastico, restauradas, resistencia und filtro UV vorkommen entscheide ich mich spontan für die „Pintura Multisuperficie, Blanco Mate! Außerdem handelt es auch noch um eine Zwei-Komponentenfarbe, da kann ja nichts mehr schief gehen, oder? Ausgerüstet mit zwei Dosen Primer und sechs Dosen Farbe geht es zurück auf´s Schiff. Die nächsten zwei Tage wird erstmal per Hand geschliffen – ich hasse es schon nach einer Viertelstunde, überall runde Ecken (für unsere sprachanalytisch gebildeten Leser, mein Lieblingsoxymoron), es ist zum Kotzen!. Natürlich reicht das Schleifpapier nicht, war ja klar. Bevor ich wieder in den Baumarkt tigere kann ein zweiter Farbtest ja nicht schaden, schließlich habe ich ja Plastikprimer – oder so – besorgt. Ich öffne die Dose und der Sprühkopf fehlt natürlich, na super. Also kein Farbtest und doch erst in den Baumarkt, ist ja mit dem Taxi nur eine halbe Stunde einfach. Im Baumarkt erst zum Schleifpapier, danach einen Sprühkopf abmontieren und zurück zum Boot. Zu meiner persöhnlichen Motivation wird zunächst der zweite Farbtest durchgeführt – sehr schön und dann der Rest des Cockpits abgeschliffen. Antje hat die eher unglückliche Aufgabe den Einbaurahmen des Motorpanels zu schleifen und die abgebauten Kleinteile zu reinigen, aber das macht sie sehr gut!

Nach einem weiteren Tag hat es sich ausgeschliffen, dreimal gründlich das ganze Cockpit geputzt, zum Schluss alles mit Aceton entfetten und dann kann gesprüht werden. Antje und Felix werden in die klimatisierte Captainslounge der Marina verbannt und ich beginne mit dem Plastikprimer. Natürlich reichen zwei Dosen nicht und so muss ein wenig improvisiert werden. Eine Stunde in der Captainslounge abkühlen und danach die erste Farbschicht auftragen. Eigentlich sollte eine Dose für einen Quadratmeter reichen, aber offensichtlich ist die Oberfläche unseres Cockpits größer. Das größte Problem ist, dass ich bei 33°C Außentemperatur auf den frischen Farbanstrich schwitze und Farbfehler verursache. So eine Scheiße. Ich könnte schon wieder durchdrehen! Nach drei Stunden können wir unsere Auriga wieder betreten. Das erste Ergebnis ist nicht schlecht, aber durchaus verbesserungswürdig. Nach 24 Stunden kann erneut geschliffen werden, aber sicher nicht mehr mit der Hand, abgesehen von den Oxymoronen! Also wieder zum Homecenter, einen Exzenterschleifer und noch mehr Farbe besorgen. Wir finden ein handliches Schleifgerät von Markita, besorgen unterschiedliche Schleifscheiben und kaufen nochmal zwölf Dosen der 2-Komponentenfarbe. Nachdem Schleifen kann ich allerdings wegen zu viel Wind keine neue Farbschicht auftragen und habe nach einer gründlichen Cockpitreinigung eine Zwangspause. Natürlich nutze ich die Zeit für einen Ausflug in den Baumarkt, um mir noch einen vernünftigen Atemschutz zu besorgen, da meine sowieso schon malträtierten Atemwege, was sicher nicht am Rauchen liegen kann, beim ersten Sprühen doch etwas gelitten haben. Antje und Felix werden wieder vom Schiff entsorgt und ich kann mich an die Arbeit machen. Nach zwei Stunden ist die zweite Lackschicht drauf, die Dosen haben geradeso gereicht und es sieht jetzt wirklich gut aus! Jedoch läßt der Gesamteindruck nach dem Schleifen am nächsten Tag etwas nach. Mich packt jetzt der Ergeiz und ich entschließe mich für eine dritte Farbschicht. Am Vormittag geht es mal wieder ins Homecenter, hier erwartet mich allerdings ein schwerwiegendes Problem – ich habe bereits die gesamte 2-Komponentenfarbe in Blanco Mate aufgekauft – Mist. Da hilft woll nur ein anderer Hersteller. Also studiere ich wieder spanische Gebrauchsanweisungen und entscheide mich spontan für den einzigen anderen Hersteller mattweißer Farbe in Dosen.

Vorsichtshalber erstehe ich gleich alle 16 verfügbaren Dosen und ziehe wieder von dannen. Am Sonntag ist relative Windstille angesagt, die Famile wird auf einen Ausflug nach Minca abkommandiert und ich habe freie Hand. Nach der üblichen Vorbereitungs- und Vermumungsaktion geht’s los. In den nächsten drei Stunden verarbeite ich 14 Dosen Farbe, mir läuft bei 33 °C der Schweiß aus den Handschuhen, aber das Ergebnis ist wirklich ansprechend. Ich schälle mich aus meinem Schutzanzug und gehe erstmal duschen. Eine Stunde später ist die Farbe bereits trocken und muss nur noch durchhärten. Ich nutze die Zeit, räume den Müll der letzten zwei Wochen aus dem Schiff und fühle mich großartig. Nachmittags kommt die Familie zurück, das Boot ist inzwischen gut durchgelüftet und wir gehen zur Feier des Tages noch zum Essen. Am nächsten Tag führe ich die finalen Schleifarbeiten durch und genehmige mir dann einen freien Nachmittag.

Refit (22)

Da unsere alte Holzauflage entsorgt wurde, wollen wir die Sitzflächen im Cockpit mit Decksbelag bekleben. Das bedeutet mal wieder Schablonen anfertigen, auf den Decksbelag übertragen, alles ausschneiden, nachbessern und anschließend kann geklebt werden. Glücklicherweise ist der Kleber, den ich im Herbst aus Deutschland mitgebracht habe, noch 6 Wochen haltbar. Nach zwei Tagen ist alles erledigt und das Cockpit macht jetzt einen richtig guten Eindruck. Die nächsten beiden Tage werden alle abmontierten Cockpitteile nochmals gereinigt und danach mit Sikaflex ordentlich eingeklebt oder angenietet und schon ist nach einer 16-tägigen Behandlungszeit das Refit unserer Cockpits abgeschlossen. Fazit – für einen Anfänger sieht es gar nicht schlecht aus und ich habe nur 34 Dosen Farbe verbraucht.

Natürlich haben wir die letzten Wochen nicht nur am Cockpit gearbeit oder Felix unterrichtet, sondern hatten auch reichlich Sozialkontakte. Innerhalb der letzten vier Wochen hat sich eine richtige deutsche Seglergemeinschaft in Santa Marta eingefunden. Zuerst kamen Kiki und Stefan mit der SY Sawadi aus Panama. Eigentlich wollten sie noch bis Curacao weiter, haben sich aber dann entschieden, nicht 300 sm gegen Wind und Strömung zu segeln, sondern ihr Boot in Santa Marta liegen zu lassen, bevor es für ein paar Monate nach Deutschland geht. Da Stefan die letzten sieben Jahre auf den San Blas Inseln verbracht hat, ist er natürlich ein gefragter Gesprächspartner unter den Seglern. Unglücklicherweise hat er seit seiner Ankunft Probleme mit dem temporären Import seines 36 ft Bootes und so tingelt er seit Wochen zwischen Marina Büro, Customs und Port Capitaneria hin und her, ohne dass wirklich etwas passiert. Seine täglichen Berichte sind teilweise wirklich haarstrübend und zum Verzweifeln – armer Tropf. Kurz darauf trifft die SY Mango mit Isabella, Nick und ihren beiden Kindern aus Curacao ein. Die vier Thüringer sind schon fast zwei Jahre unterwegs und wollen ebensfalls bis nach Australien segeln. Vor kurzen sind sie zu den San Blas Inseln aufgebrochen. Ich denke, wir werden sie in der Shelter Bay in Panama wieder treffen und wir freuen uns darauf. Zum Schluss kamen noch Jochen und Sabine von der SY Atanga hier an. Die beidem Glücklichen sind seit 2014 mit offenem Ende unterwegs, sehr beneidenswert. So viele deutschsprachige Segler haben wir seit den kanarischen Inseln nicht mehr getroffen. Wir genießen es, bei den täglichen Sundownertreffen mal wieder richtig deutsch sprechen zu können. Da fehlt eigentlich nur noch die SY Samantha mit Alex und Birger und die sind vor einer Woche in Martinique gestartet und sollten in den nächsten Tagen hier eintreffen – wir freuen uns riesig. Leider haben die beiden es nicht mehr zu Felix Geburtstag geschafft. Ja, ja, unser Kleiner wird schon wieder ein Jahr älter und darf sich jetzt offizell als Teenager fühlen. Lieber Felix, wird sind wirklich sehr stolz auf Dich und hoffen, dass du die nächsten 18 Monate bis Australien noch durchhältst mit deinen beiden Alten.

Fair winds und bis bald,

eure Heimwerker und das Geburtstagskind von der Auriga