Dünne Luft in Quito

Quito (19)

Montagabend geht mein Bus um 19:45 Uhr vom Terminal Terrestre Santa Elena nach Quito. Ich bin schon eine Stunde vorher am Busbahnhof und will mich noch ein wenig stärken. Leider haben die Fressstände mit typischem ecuadorischem Essen vor dem Bahnhof schon Schluss gemacht, nur noch KFC in der Bahnhofshalle hat geöffnet. Okay, es gibt Hühnchen oder Hühnchen. Nach einem langen Entscheidungsprozess entscheide ich mich für Hühnchen – Alles schmeckt nach Hühnchen, nur Hühnchen schmeckt nach Tofu! Ich wähle Menü Nr. 4, bekomme nach 10 Minuten drei Brocken frittiertes Geflügel mit Pommes serviert und bin eigentlich bei dessen Anblick schon satt. Aber was soll´s, ich habe Hunger, also rein damit. Nach zwei Stücken gebe ich allerdings auf, mehr geht beim besten Willen nicht! Das sieht mein Nachbar allerdings nicht so. Als ich meinen Tisch verlasse, setzt er sich an meine Tafel und lässt sich das restliche Hühnchen und ein paar kalte Pommes schmecken. Naja, immer noch besser als das Essen wegzuschmeißen …

Quito (9)

Kurz darauf mache ich es mir im klimatisierten Bus bequem. Die Sitze sind echt breit und sehr komfortabel, allerdings für kleine Südamerikaner ausgelegt. Wo soll ich nur mit meinen Beinen hin? Ich versuche verschiedene Positionen, aber irgendwie finde ich keine vernünftige Stellung, das kann ja heiter werden, die Fahrt dauert schließlich 12 Stunden. Okay, dann widme ich mich halt erstmal dem Bordkino. Der gezeigte Actionfilm trifft zwar meinen Geschmack, aber trotzdem hätte ich gerne die spärlichen Dialoge mitverfolgt. Der Gute im Film ist leicht auszumachen, weil die Bösen alle tätowiert sind! Auf alle Fälle sind die drei Kids zwischen acht und zehn Jahren in der Nebenreihe bei dem nicht ganz altersgerechten Unterhaltungsprogramm voll dabei. Drei Stunden später erreichen wir Guaynquil – Rauchpause. Ich decke mich noch mit Getränken ein und dann geht es auch schon weiter. Obwohl ich weiterhin mit unterschiedlichen Schlafstellungen experimentiere, ist kein Land in Sicht. Eintrag ins Notizbuch: Beim nächsten Mal Valium und ein Kissen mitnehmen! Irgendwann schlafe ich doch tatsächlich ein und ruhe bis es langsam deutlich kälter wird. Als ich aufwache dröhnt die Klimaanlage nicht mehr, ich habe kalte Füße, mein Rücken ist die Hölle und ich friere! Die allgegenwärtige Kälte ist mir bereits in Mark und Bein gekrochen. Was für ein Mist! Offensichtlich haben wir die küstennahnen Landstriche verlassen und befinden uns jetzt in den Zentralanden. Ich blicke mich um, alle anderen Mitreisenden haben sich mittlerweile in ihre mitgebrachten Wolldecken eingerollt und schlafen friedlich – nächster Eintrag ins Notizbuch!

Die restliche Nacht bekomme ich kein Auge mehr zu! Nach vier Stunden geht langsam die Sonne auf, allerdings sind die Scheiben so mit Kondenswasser beschlagen, dass ich nicht wirklich etwas von meiner Umgebung erkennen kann. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir endlich den Busbahnhof Carselen in Quito. Völlig gerädert steige ich aus. Erstmal den dicken Norwegerpulli aus dem Gepäck hollen! Kaum bin ich ausgestiegen, werde ich auch schon angequatscht: Taxi? Taxi! Jaja, schon gut, aber ich brauche noch ein bisschen, kein Stress, Bitte! Danke! Drei Minuten später werde ich in ein eher fragwürdiges Transportmittel verfrachtet und befinde mich auf dem Weg ins historische Zentrum. Ich bin so erschöpft, dass es mir völlig egal ist! Eine halbe Stunde später habe ich mein Ziel, das Hostal La Ronda erreicht. Sehr gut, die Türen sind verschlossen, eher nicht so gut! Ich klopfe und tatsächlich kommt jemand und öffnet die Tür. Hallo, I am Gloria! Sehr schön, ich checke ein, mein Zimmer, die Suite des Hauses – weil es eine Küchenzeile im Zimmer gibt – ist bereits vorbereitet und bezugsbereit! A dream comes true! Nach einem schnellen Frühstück schleppe ich mich in meine Suite und hole ein bisschen Schlaf nach, aber ich bin in Quito angekommen.

Quito ist die Hauptstadt Ecuadors und liegt im Guayllabamba-Becken in den Zentralanden. Das Hochplateau erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung etwa 50 Kilometer und ist in Nord-Ost-Richtung nur 4 Kilometer breit. Die luftige Lage in 2850 m Höhe machen Quito zur höchstgelegenen Hauptstadt der Welt. Die Stadt befindet sich nur 22 km südlich des Äquators und beherbergt etwa 2,2 Millionen Menschen. Umgeben wird Quito von mehreren erloschenen Vulkanen, die teilweise deutlich über 4000 m hoch sind. Bei gutem Wetter soll man von Quito aus eine spektakuläre Aussicht auf den Vulkan Cotopaxi (5.897 m) haben. In der weiteren Umgebung befinden sich außerdem die aktiven Vulkane Cayambe (5.790 m) und Antisana (5.753 m) sowie der erloschene Illiniza (5.263 m). Kleiner Exkurs für unsere geographisch interessierten Leser …

Drei Stunden später klingelt der Wecker, ich muss aus den Federn, schließlich habe ich mich am Nachmittag zur Freewalking Tour angemeldet. Um 14:30 Uhr bin ich bei Community Adventures und es geht auch gleich los! Die nächsten drei Stunden geht es per Pedes durch das histroische Zentrum der Stadt, selbstverständlich UNESCO-Weltkulturerbe. Nach der üblichen Einführung starten wir am Mercado Central. Erster Stopp in dem Vorzeigemarkt ist ein Kräuterstand, die Apotheke der kleinen Leute. Danach geht es in die Obst- und Gemüseabteilung und zu den Blumenständen. Ich erfahre, dass in Ecuador etwa 60% der besten Kakaobohnen erzeugt werden und die hier gezüchteten Rosen alle kerzengerade Stengel haben, weil die Sonneneinstrahlung in Äquatornähe fast senkrecht ist. Danach geht es zum Plaza Sucre, benannt nach “dem” Helden des ecuadorischen Unabhängigkeitskampfes. Hier befindet sich das Teatro Bolivar, das wichtigste Schauspilehaus Quitos. Die Ausführungen über den anscheinend sehr speziellen Humor der Einheimischen erschließen sich mir nicht, aber offensichtlich stehen die Leute hier vor allem auf Situationskomik. “Sometimes you need only one word and the others start laughing”!??

Danach geht es zum “Herz” der historischen Altstadt, der Plaza de la Independencia. Die in der Mitte plätschernden Springbrunnen werden von typisch spanischer Protz-Kolonialarchitektur umschlossen. Der Präsidentenpalast, eine Basílica und das Luxushotel Plaza Grande können auf dem wirklich schön gestaltetem Platz bewundert werden, auch wenn das postmoderne Rathaus ein bisschen die koloniale Athmospäre stört. Passenderweise geht es jetzt um Politik. Warum, welcher Präsident, wie ermordet wurde, warum das eigentlich wirtschaftlich gut aufgestellte Ecuador nicht auf die Beine kommt und so weiter und so fort. Der zwanzig Minuten dauerne Streifzug durch die letzten 200 Jahre poltischer Entwicklung in Ecuador ermüden mich allerdings ein wenig. Natürlich ist alles sehr informativ, aber ich bin nach der letzten Nacht eher für leichte Kost!

Anschließend geht es zur ehemaligen Börse, heute Sitz der Münzsammlung und unsere Führerin versorgt mich weiter mit harten Fakten. Seit ein paar Jahren ist der US Dollar, die offizielle Währung des Landes. Davor konnte man mit dem Sucre bezahlen, der kam allerdings während der Bankenkrise vor zehn Jahren mächtig unter die Räder – ganz großes Kino! Der damalige Präsident, Wirtschaftswissenschaftler mit Havardabschluss, hat es in nur zwei Jahren geschafft, trotz sprudelnder Ölquellen im Amazonasgebiet, die Wirtschaft des Landes komplett an die Wand zu fahren. Danach wurde der Sucre abgeschaft und der mittlerweile in der Öffentlichkeit eher unbeliebte Präsident hat sich vorsichtshalber nach Panama abgesetzt! Während des äußerst ausführlichen Vortrages habe ich ernsthafte Schwierigkeiten wach zu bleiben. Danach wird es religös! Direkt neben der Börse befindet sich eine der 15 Kirchen innerhalb des histroischen Zentrums! Den Namen habe ich irgendwie vergessen. Auf alle Fälle sind die Ecuadorianer ziemlich römisch-katholisch, das Verhältnis zum Papst war mal schlecht, ist heute aber wieder besser und im Inneren der Kirchen ist fotografieren verboten – Schade eigentlich. Nächster Stop ist Sao Francisco, auch die goldene Kirche genannt. Im Inneren des Sakralbaues ist fast alles vergoldet, wer hätte es gedacht! Da gerade eine Messe gelesen wird, verziehe ich mich nach einem kurzen Blick wieder nach draußen, man will ja schließlich nicht stören.

Quito (29)

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir La Ronda, wo sich auch mein gleichnamiges Hostal befindet. La Ronda ist ein kleines Viertel, eigentlich nur eine Straße, die das Quito der spanischen Kolonialzeit widerspiegelt. Die Häuschen sind schön renoviert, das Kopfsteinpflaster noch weitgehend orginal – Touristenklassiker, aber sehr nett. In jedem Haus befindet sich entweder ein handwerklicher Betrieb, ein Restaurant oder ein Hostal. Bewohnt werden nur die Herbergen und um 23:00 Uhr wird der Bordstein hochgeklappt. Damit ist meine Nachtruhe für die nächsten drei Tage gesichert. Wir schlendern noch um die Ecke, betrachten noch die Iglesia de Santo Domingo und ich verabschiede mich nach einer 10 US Spende von unserer Führerin. Wie alle Freewalking Touren, die ich bisher mitgemacht habe, hat sich auch diese gelohnt, in meinen Augen war sie, wie sagen es die Engländer immer: “Not so many details”. Trotzdem kann ich jedem die Tour nur empfehlen!

Anschließend mache ich mich in meiner Suite etwas frisch, möchte noch zum Essen gehen und danach ab ins Bett. Leider finde ich auf die Schnelle im Internet nichts vernünftiges. Also schlende ich gemütlich durch die Altstadt, irgendwas wird sich schon finden. Nach einem kleinen Spaziergang bin ich wieder an der Plaza de la Independencia. War hier nicht das erste Hotel am Platze? Natürlich! Die Speisekarte ist übersichtlich, das Preisniveau nicht übertrieben, der Service erstklassig und so lasse ich mir kurze Zeit später in ruhiger Athmospäre ein landestypisches “Goat Stew” schmecken – sehr lecker!

Am nächsten Tag bin ich um 10 Uhr verabredet. Mein Date heißt Moshen, ist Elektroingenieur aus Syrien, hat zehn Jahre in Bremen gelebt und angeboten mich einen Tag in Quito zu begleiten. Eine Woche bevor ich in die Hauptstadt aufgebrochen bin, habe in der Facebookgruppe “Deutsche in Ecuador” mein Eintreffen angekündigt und nachgefragt, ob jemand Lust hat mir die Stadt zu zeigen. Mosham hat sich gemeldet und heute treffen wir uns. Treffpunkt ist die “Ecation Marin Central” unweit von meinem Hostal. Wir sind beide pünktlich, kurzes kennenlernen, passt und dann geht es auch schon los. Erster Programmpunkt ist die Besteigung des Rucu Pichincha Vulkans. Haha, natürlich schleppe ich mich nicht die knapp 1300 Höhenmeter auf den über 4000 m hohen Gipfel, sondern wir benützen die “TelefériQo”, genannte Seilbahn. Mit dem Taxi geht es zur Talstation und nach einer atemberaubenden 15 minütigen Seilbahnfahrt befinden wir uns auf 4050 m. Der Ausblick ist überwältigend! Unter mir quetscht sich die Stadt in das schmale Guayllabamba-Becken! Wohin das Auge blickt, Häuser, Häuser, Häuser … Während der gegenüber liegende Vulkankegel die Ausbreitung der Stadt nach Osten begrenzt, ist in Nord-Süd-Richtung kein Ende des Häusermeers zu erkennen. Wir machen eine kleine Rundwanderung und erklimmen verschiedene Aussichtspunkte. Leider ist es heute bewölkt und so bleibt mir der Anblick des schneebedeckten Gipfels des Cotopaxi Vulkans verwehrt. Macht aber nichts, weil die Aussicht auch so schon spektakulär genug ist! Nach einer Stunde ist es aber mit der schönen Aussicht vorbei, mittlerweile schieben sich dicke Wolken langsam über die Hänge der Vulkane nach oben – auch ziemlich cool!

Wir machen uns zur Seilbahn auf und eine halbe Stunde später wird die Luft wieder dicker. Mittlerweile ist es Mittag und die kurze Wanderung hat uns hungrig gemacht. Mit dem Bus geht es in die Altstadt zurück und danach mit dem Taxi nach La Mariscal. Kurze Zeit später befinden wir uns am Plaza Foch, dem Zentrum des bei europäischen Backpackern so sehr beliebten Partyviertels. Wahrscheinlich nennen die Einheimischen die Lokation nicht umsonst „Gringolandia“. Es gibt ungezählte Bars, Restaurants und Hostels, aber in diesem Fall genau das, was wir brauchen. Ich möchte mal wieder indisch Essen und deshalb sind wir hier genau richtig. Einen kleinen Spaziergang vom Plaza Foch entfernt finden wir ein kleines indisches Restaurant, allerdings bin ich der einzige Tourist. Vor allem Einheimische tummeln sich in dem Laden, das kann kein schlechtes Zeichen sein. Nach einem reichhaltigen Mittagessen mit Chicken Tandoori, Tikka Masala, Nanbrot und reichlich Reis rollen wir wieder auf die Straße. Zum Verdauen schlendern wir über den Mercado Artesanal, wo allerlei Kunsthandwerk aus Ecuador verkauft wird. Natürlich ist die Geschichte der übliche Touristennepp, aber ich kann mein obligates Souvenir – ein T-Shirt – erstehen. Mittlerweile ist es Nachmittag, ich bin erschöpft und so trennen sich unsere Wege wieder. Hey, Moshen, vielen Dank für deine Begleitung, die vielen Infos und den ausgesprochen kurzweiligen Tag! Fettes Like! Hat echt Spaß gemacht!

Ich fahre mit dem Taxi in die Altstadt zurück, habe allerdings noch eine Mission. Ich brauche immer noch eine Nationalfahne von Ecuador. Im Viertel neben der Altstadt, gibt es zahlreiche kleine Läden, da werde ich es mal versuchen. Ich schlappe ein bisschen ziellos durch die ziemlich steil abfallenden Straßen bis ich endlich vor einem Stoffgeschäft mit Nationalfahnen im Schaufenster stehe. Also nix wie rein und Volltreffer. Es gibt zwar keine richtigen Fahnen, aber dafür die Nationalflagge von der Rolle. Ich nehme einen halben Meter Ecuador und erkundige mich, ob sie die Ränder einsäumen können. Nee, eher nicht, aber zwei Blocks weiter soll´s einer können. Okay. Guten Mutes mache ich mich wieder auf. Und tatsächlich zwei Straßen weiter, entdecke ich die “Casa de Banderoles”. Im Schaufenster hängen unterschiedlichste Fahnen, sogar eine deutsche – hier bin ich bestimmt richtig. Der Fahnenhersteller spricht englisch und so besprechen wir mein Anliegen. Einsäumen ist kein Problem, zusätzlich kommen noch zwei Ösen an den Rand und die Seite wird noch mit einem stabilen Band verstärkt – Super. Ich soll am nächsten Morgen wieder kommen und dann ist alles fertig! Wir unterhalten uns noch ein bisschen und dann geht´s zurück ins Hostal.

Am nächsten Tag ist wieder volles Program angesagt. Zuerst die Fahne abholen, um 11 Uhr startet die Hoppon, Hoppoff Bustour und abends steht ein ausgewählter Restaurantbesuch an. Hört sich nach einem guten Tag an. Um 10 Uhr stehe ich wieder vor der Casa de Banderoles und wie versprochen ist meine Fahne fertig. Ich bezahle 3 US und bringe das gute Stück zurück ins Hostal. Um kurz vor 11 Uhr bin ich an der Bushaltestelle und komme mit zwei Beamten der Policia Touristica ins Gespräch. Mehrmals wir mir versichert, dass hier alles sicher ist, nur da und dort sollte man nicht hin gehen. Okay, alles klar, hatte ich eh nicht vor. Pünktlich steht der typische Doppeldeckerbus auf der Matte und es kann losgehen. Nächster Halt Plaza Grande, hier können sie dies und das sehen, außerdem befindet sich auf der Rückseite von XY das Innenministerium. Aha, das Innenministerium! Sehr interessant! Bei meiner Einreise hat der Beamte von der Einwanderungsbehörde behauptet, ich dürfte nur 30 Tage in Ecuador bleiben und müsste danach meinen Aufenthalt verlängern. Allerdings bin ich mir sicher, als EU-Bürger 90 Tage bleiben zu können. Da der Bus einmal in der Stunde vorbei kommt, beschließe ich auszusteigen und die Geschichte mit den Fachleuten aus der Hauptstadt zu klären. Glücklicherweise ist das Ministerium leicht zu kennen. Vor dem imposanten Kolonialgebäude patroullieren zwei Uniformierte. Ich werde durchgelassen und zur Information geschickt. Die Dame am Schalter spricht besser englisch als ich. Ich erkläre mein Problem, sie nickt verständnisvoll und verweist mich ans Außenministerium. Das ist nur ein paar Minuten von hier entfernt, ich bekomme einen Zettel mit der Adresse, schnappe mir das nächste Taxi und werde kurz darauf im Außenministerium vorstellig. Hier wieder das gleiche Spiel. Ich erkläre das Problem, gebe der Dame meinen Pass, kurze Kontrolle und danach Entwarnung. Selbstverständlich kann ich mich problemlos 90 Tage in Ecuador aufhalten – Sehr schön, wieder ein Problem gelöst …

Da schon wieder Mittag ist, genehmige ich mir einen kleinen Snack und sitze zwei Stunden später wieder im Bus. Die Rundfahrt dauert insgesamt drei Stunden und wieder geht es an Kirchen, Denkmälern und geschichtsträchtigen Plätzen vorbei. Höhepunkt ist allerdings die Fahrt auf den El Panecillo (deutsch “das Brötchen”) einem 200 Meter hohen Hügel mitten in der Stadt. “Hier befindet sich die Virgen de Quito, eine 45 m hohe Aluminium-Madonna. Die Jungfrau steht auf der Oberseite einer Kugel und tritt auf eine Schlange, was ein klassisches Madonnenbildnis darstellt. Der bronzenen Plakette auf dem Monument zufolge ist die Frau, welche von der Statue dargestellt wird, die Frau der Apokalypse, wie sie im Buch der Offenbarung beschrieben wird (Offenbarung 12: 1-18)“, aus Wikipedia. Außerdem hat man von hier oben, einen schönen Blick über die Altstadt.

Am späten Nachmittag bin ich wieder im Hostal, kurz die Frisur auffrischen und ab zum absoluten Highlight des Tages: Ich habe einen Tisch im Restaurant ZaZu reserviert und freue mich schon den ganzen Tag auf ecuadorische Fusionsküche. Hier wird landestypische Küche auf hohem Niveau, also in sehr lecker, mit internationalen Einschlägen kredenzt. Nach dem dreitägigem Touristress eine schöne Belohnung. Der Laden ist geschmackvoll eingerichtet, die Anzahl der Tische übersichtlich, sehr schön. Ich studiere das achtgängige Tastingmenü und Jackpot, es gibt Meerschweinchen, damit ist die Geschichte schon entschieden. Die nächsten drei Stunden stehen absolut im Zeichen des Genusses. Ich will euch nicht mit der Menüfolge langweilen, aber das Cuy war schön zart und durchaus delikat … Im Laufe des Abends komme ich mit dem Sommelier ins Gespräch, lerne einen Lokalpolitiker aus Guaynquil beim Rauchen kennen und verbringe einen schönen, letzten Abend in Quito.

Anderntags klingelt der Wecker um 5 Uhr, ich muss packen, weil ich um 6 Uhr am Terminal Terrestre Quitumbe sein will, um ins 10 Stunden entfernte Guaynquil zu fahren und diesmal möchte ich auch etwas von den Anden sehen. Anders als im Bahnhof Carselen, ist Quitumbe echt riesig. Vor hier aus kann man das ganze Land, sowie die Anrainerstaaten mit dem Bus bereisen. Ich habe Glück und sitze um kurz vor acht im richtigen Bus! Zwei Stunden lang quält sich der Reisebus durch den Verkehr der Stadt, bis es endlich etwas zügiger vorangeht. Wir lassen die letzten Häuser Quitos hinter uns und es geht durch die Anden Richtung Meer. Das Gebirge ist deutlich grüner als ich es mir vorgestellt hatte. Obwohl wir uns immer noch auf über 2500 m befinden, sind die Vulkanhänge voller Bäume und Sträucher. Alles ist grün, grüner, am grünsten! Vier Stunden lang geht es in mehr oder weniger engen Serpentinen nach San Domingo am Rande der Anden. Von hier sind es nochmal fünf Stunden bis Guaynquil. Wir durchqueren üppige Agralandschaften mit riesigen Mais- und Reisfeldern und ausgedehnten Palmen- und Bananenplantagen. Die Busfahrt ist echt toll, aber insgesamt ziemlich lang. Nach 12 Stunden steige ich am Terminal Terrestre aus und bin am Ende.

Glücklichweise dauert die Fahrt zum Hotel Central nur fünf Minuten, da es bereits stockdunkel ist fällt die geplante Stadtbesichtung erstmal aus. Ich checke schnell ein, kurze Besichtung meines Zimmers – es gibt eine Badewanne! Eine echte, richtige Badewanne, ich kann´s kaum glauben! Die letzte Badewanne habe ich vor drei Jahren gesehen! Damit ist das Abendprogramm klar. Ich gehe im Hotelrestaurant noch was essen und danach ab in die Badewanne, ein bisschen im Internet surfen – herrlich! In der Morgendämmerung wache ich auf, bis zur Eröffnung des Frühstüksbuffets dauert es noch eine Stunde, also erstmal ab in die Wanne und im warmen Wasser richtig aufwachen. Sehr guter Start in den Tag! Ich genehmige mir eine Morgenzigarette vor dem Hotel und stelle fest, dass ich mich direkt gegenüber der durchaus imposanten Kathedrale von Guaynquil befinde. Nicht schlecht! Um die Ecke befinden sich einige Museen, ein paar Regierungsgebäude und andere Sakralbauten. Echt nett! Ich würde mich ja nach dem Frühstück gerne nochmal ein bisschen in der Umgebung umsehen, geht aber leider nicht, weil ich am Vormittag dem örtlichen Mega-Kywi (Baumarkt, Tipp von Moshen) einen Besuch abstatten will. Ich brauche überlange Expander für die Solarpanels, ein paar neue Bohrer, Ersatzwantenspanner für den Notfall usw…! Außerdem soll sich um die Ecke das „Naval Hydrographica Institute“ befinden und da soll es Seekarten geben. Also mal wieder volles Programm bis Mittag!

Nachdem Frühstück geht es ab in den Baumarkt. Der ist riesig und ein wahrer Seglerhimmel. Ich bekomme alles was ich brauche und sogar einen Satz Cobaldbohrer. Ich bin glücklich und zufrieden und verlasse 100 US später den Laden wieder. Zurück zum Hotel und die Beute erstmal im Rucksack verstauen. Danach mach ich mich auf die Suche nach dem hydrographischem Institut. Das ist allerdings „mucho complicado“. Ich habe keine exakte Adresse, sondern weiß nur das sich das Geschäft im „Goveners Palace“ befinden soll. Okay, ich frage mich zum Rathaus durch oder war der Regierungssitz gemeint? Keine Ahnung! Meine Suche nach dem Laden bleibt zwar erfolglos, aber ich bekomme doch noch einiges von Guaynquil zu sehen, auch nicht schlecht. Die Stadt gefällt mir, ich hoffe die Vorbereitung für die Pazifiküberquerung lassen nochmal einen Besuch zu. Es würde sich allein schon wegen der Badewanne rentieren!

Quito (50)

Gegen Mittag mache ich mich zum Terminal Terrestre auf und organisiere ein Ticket nach Libertad. Das Busterminal ist noch größer als in Quito und wahnsinnig unübersichtlich. Es gibt drei Etagen! Nach 20 Minuten finde ich die Ebene mit den Ticketschaltern – Super! Allerdings gibt es insgesamt 120 verschiedene Schalter! Jeder Schalter hat nur ein bestimmtes Ziel. Unglücklicherweise sind diese nicht regional geordnet, sondern bunt gemischt. Nach mehreren Nachfragen bin ich am Schalter 78 richtig und drei Stunden später wieder in der Marina! Die fünftägige Exkursion war spannend, hat mir Spaß gemacht und die Reiselust in mir wieder geweckt. In zwei Wochen kommt Balu und dann geht es weiter.

Fair winds und bis bald,

eure Badenixe von der Auriga

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02° 13´S / 080° 55´W – Puerto Lucia Yacht Club, Ecuador

Salinas (9)

Nachdem ich in der Marina eingecheckt habe, erklärt mir Diana vom Marinaoffice, dass einklarieren heute nicht mehr is, weil Samstag und vor Montag läuft gar nix. Okay, mir auch egal! Wir dürfen nachher in der Marina festmachen, müssen aber am Montagmorgen diese wieder verlassen und vor der Einfahrt ankern, wenn die Offiziellen kommen, weil wir keinen Fuß auf ecudorianisches Festland setzen dürfen, solange wir nicht einklariert haben! Wir sollen uns doch bitte bis dahin in der Marina aufhalten. Was für ein Unfug! Eine halbe Stunde später legen wir römisch-katholisch am Schwimmsteg an und können uns erstmal 36 Stunden erholen. Alles erstes wird die Klimanlage in Betrieb genommen. Was für ein Luxus! Danach ist erstmal eine Dusche fällig. Da die Marina an eine Hotelanlage angschlossen ist, sind die Duschen echt klasse. Was für eine Wohltat für Körper und Seele. Als nächstes ab ins Restaurant! Ein komplettes Menü und eine Flasche Wein später bin ich glücklich und zufrieden. Ich bin in Ecuador angekommen – nicht offiziell, aber physisch!! Danach wird erstmal die an die Marina angschlossene Hotelanlage inspiziert. Ich entdecke zwei Polllandschaften, drei unterschiedliche Duschmöglichkeiten, einen Fitnessraum – nicht schlecht, jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.

Die Anstrengungen der letzten Tage fordern ihren Tribut und wir gehen früh schlafen. Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, hält mich natürlich nichts in der Marina, ich will die Umgebung erkunden. Die Jungs vom Sicherheitsdienst am Eingang in die Ferienanlage machen keine Probleme und so schlappe ich in die Stadt. Nur einen Kilometer entfernt soll sich eine Shopping Mall befinden. Obwohl wir uns etwas außerhalb des Zentrums befinden, ist es überall unglaublich sauber. Vieles erinnert mich hier irgendwie an Kolumbien. Nicht der allgegenwärtige Dreck wie in Panama. Ich glaube, hier werde ich mich die nächsten vier Wochen wohlfühlen. Nach einer viertel Stunde erreiche ich die El Paso Shopping Mall. Hier befinden sich die üblichen Täter. Der SuperU ist eine Mischung aus Ferreteria, Spielzeugladen und Supermarkt. Ich gehe die Sache systematisch an und kämpfe mich mäanderförmig durch die Regalwände. Unerfreulicherweise ist das Sortiment äußerst US-lastig, aber die wichtigsten Lebensmittel sind vorhanden. Leider ist kein vernünftiges Brot in Sicht, nur die lapprigen, überzuckerten US-Toasts werden angeboten. Mein Gott, wie ich richtiges, gutes Brot mittlerweile vermisse! Ein Königreich für eine deutsche Bäckerei.

Salinas (7)

Ich kaufe ein bisschen frisches Obst und Gemüse ein und natürlich Bier, schließlich ist heute Abend der Superbowl angesagt. Ja is denn schon wieder Superbowl? Ich erinnere mich noch genau, vor einem Jahr waren wir in der Marigot Bay, St. Lucia und haben unser erstes Footballendspiel live miterlebt! Leider wird’s nichts mit einem bierseeliegen Abend, weil der Alkoholverkauf am Sonntag in Ecuador verboten ist. Okay, dann genießen wir den Abend eben mit naturtrübem Apfelsaft. Das Spiel ist abwechslungsreich, am Ende versaut es aber der Quaterback der New England Patriots und die Eagles gewinnen den Superbowl. Insgesamt ein netter Abend mit dem Kleinen, der als echter Footballfan voll dabei ist. Am nächsten Morgen stehen wir um 07 Uhr auf der Matte. Ich latsche um 08 Uhr ins Marinabüro, aber das ist noch geschlossen. Ein Marinero erklärt mir, dass das Büro am Montag erst um 08:30 Uhr öffnet. Okay, eine halbe Stunde später das gleiche Spiel. Das Office hat zwar mittlerweile geöffnet, aber Diana kommt erst um 9 Uhr! Ich bekomme schon wieder Kopfschmerzen!

Salinas (10)

9:10 Uhr, ich stehe wieder im Büro, Diana ist auch da und wir klären den Einklarierungsprozess. Um 10 Uhr kommen die Marineros und helfen uns beim Ablegen, danach sollen wir vor der Marina ankern und auf die Behörden warten. Die sollen laut Diana zwischen 11 und 15 Uhr kommen. Das heißt mal wieder warten, warten, warten… Ist ja an sich kein Problem, aber mir gehen gegen 11 Uhr die Zigaretten aus – gar nicht gut! 15 Uhr keine Behördenvertreter in Sicht, 16 Uhr mein Nikotinentzug nähert sich dem Höhepunkt. 17 Uhr ich winke einem Marinero und lasse mich zum Marinabüro schippern. Diana holt gerade die Offiziellen ab und ist in einer viertel Stunde wieder zurück. Okay, ich lasse mich zurück zum Boot bringen und warte weiter. Keine 5 Minuten später klopft es am Boot und die Behörden sind da. Insgesamt vier Leute entern unsere Auriga – please do not touch the Windpilot, when you come on Bord! Danke! Natürlich grapscht jeder nach der Windfahnensteuerung. Ich werde ein Piktogramm – Vorsicht Explosiv oder atomare Strahlung – anbringen um das in Zukunft zu verhindern, schließlich ist der Autopilot ein empfindliches Instrument und keine Einstiegshilfe!

Salinas (8)

Danach machen sich jeweil ein Vertreter vom Zoll, der Hafenverwaltung, der Einwanderungs- und Gesundheitsbehörde im Salon breit. Außerdem ist Diana zum Dolmetschen an Bord. Unzählige Formulare müssen ausgefüllt werden. Insgesamt ist alles jedoch weniger kompliziert als in Panama. Nur der Vertreter der Gesundheitsbehörde macht Probleme, weil ich kein Gesundheitszertifikat für meine Auriga habe. Nein, das Schiff wurde noch nie ausgeräuchert! Warum auch? Ich habe außer Herbert, meinem Gecko keine Tiere an Bord. Mich interessiert aber in erster Linie der Einreisestempel. Bereits zum 17-ten mal blättert der Typ von der Einwanderungsbehörde meinen Pass durch. Der ersehnte Stempel ist zum Greifen nahe, durchgeladen ruht er auf einer leeren Passseite. Alles klar Baby, du musst nur noch abdrücken! Erneut stört der Gesundheitsvertreter, mein Pass wird wieder zugeklappt. Nein, Nein, Nein! Okay, was muss ich tun, um das Scheiß-Gesundheitszertifikat zu bekommen? Alles kein Problem, 100 US später ist die Sache geritzt! Ich bekomme ein Gesundheitszertifikat mit einer Gültigkeit von 6 Monaten und der ersehnte Einreisestempel landet in meinem Pass! Hurra, ich bin legal in Ecuador und die Behördenvertreter waren korrekt und echt freundlich.

Ein Marinero holt die Behördenbande ab und wir gehen ein paar Minuten später Anker auf. Unglücklicherweise haben wir beim Anlegen an unseren alten Liegeplatz 20 Knoten Seitenwind! Vorwärts ist das ja kein Problem, aber rückwärts einparken unter diesen Bedingungen kann ziemlich difficil werden. Und es wird äußerst schwierig, bzw. ein echtes Desaster. Während ich mit viel Speed noch problemlos rückwärts in die Boxengasse komme, verweigert meine Auriga danach jedes weitere Manöver. Ich lege das Ruder maximal nach Backbord, fahre aber weiter gerade aus! Scheiße! Die Wellenbrecher kommen bedrohlich nahe, also Vorwärtsgang rein und die Dicke nach Steuerbord drehen …. Was soll ich sagen, wir schlagen zwei mal quer, kommen dann aber mit vielen helfenden Händen doch noch heil am Steg an. Glücklicherweise hat meine Auriga keine Schäden davon getragen. Ich bin schweißgebadet und mit den Nerven fertig. Jetzt erstmal eine rauchen! Geht aber nicht, weil keine Zigaretten mehr an Bord sind. Okay, ich mache das Boot fest und bin zwei Minuten später unterwegs Richtung Tabakladen!

Salinas (4)

20 Minuten später habe ich ein „Producto Toxico“ zwischen den Lippen, lasse das ersehnte Nikotin durch meine Lungen strömen und komme langsam wieder runter! Ich kaufe noch ein bisschen ein und schlappe deutlich entspannter zum Boot zurück. Der Kleine hat inzwischen gepackt und ist Abreise bereit. Er will mit dem Bus am Abend zuerst nach Quito und danach weiter nach Kolumbien. Wir verabschieden uns und dann kehrt Ruhe im Boot ein. Ein Chili con Carne später mache ich es mir vor dem Computer gemütlich und schaue mir einen Film an. Der letzte Teil der „Hungergames“ steht auf dem Programm, sie laufen gerade eine knappe Stunde als jemand meinen Namen ruft. Helmut, Helmut … Ich schäle mich aus dem Sofa und der junge Mann steht wieder vor dem Boot. Der Bus nach Quito war leider schon voll. Immerhin hat er Wein und Bier mitgebracht und ein Ticket für den Bus am nächsten Abend. Ich kann ihn ja schlecht nachts am Steg stehen lassen – obwohl die Liegen am Pool in der Marina auch sehr gemütlich aussehen – und selbstverständlich kann er noch eine Nacht bleiben.

Am nächsten Morgen mache mich ich mich nach Salinas auf, schließlich muss das Boot in den nächsten Wochen für die Pazifiküberquerung fit gemacht werden und da ist noch einiges zu erledigen. Am Nachmittag bricht der Kleine erneut auf. Ich wünsche Dir viel Glück, viel Spaß und weitere wertvolle Erfahrungen auf deiner Reise durch Südamerika! Er ist zwar manchmal während seiner Wachen eingeschlafen – hat sich insgesamt gut an Bord geschlagen und wurde vor allem nicht seekrank! Kompliment junger Mann! Die Stimmung an Bord war gut und ich werde nach dieser positiven Erfahrung in Zukunft wahrscheinlich wieder Fremde mitnehmen, wenn ich längere Strecken alleine segeln muss. Allerdings keine Jungspunde oder Segelanfänger mehr, sondern lieber Menschen mit ein bisschen mehr Lebens- und Segelerfahrung. Tja, wieder was gelernt …

Salinas (3)

Fair winds und bis bald,

vom Hostal Auriga

Erste Schritte im Pazifik

Erste Schritte (18)

Wenn man den wirklich erfahrenen Langfahrtenseglern glauben darf, dann hat jedes Meer und jeder Ozean seine Eigenheiten und jeder will auf seine ganz eigene Weise besegelt werden. Da bin ich ja mal gespannt, was der Pazifik für ein Typ ist. Der erste Ausflug auf die Las Perlas Inseln war nichts Besonderes und reicht nicht mal für einen ersten Eindruck. Aber das wird sich jetzt ändern! Nach einer erholsamen Nacht ohne Schwell vor Contadora, klaren wir am nächsten Morgen auf. Auf nach Ecuador … Bis zu unserem Ziel Salinas liegen knapp 700 Seemeilen vor uns. Ich plane die Strecke in drei Etappen zurückzulegen. Erster Stopp ist die Isla Gorgona, 20 Seemeilen westlich der kolumbianischen Küste. Kurs Süd-West, Entfernung 370 Seemeilen, ETA in drei Tagen. Da für die nächsten Tage Nordwind mit 15 – 20 Knoten im Golf von Panama angesagt sind, hoffe ich, die ganze Strecke unter Segeln zurücklegen zu können.

Erste Schritte (20)

Kaum haben wir unseren Ankerplatz verlassen, sind aus der Landabdeckung von Contadora heraus, wird die Windfahnensteuerung in Position gebracht und wir können Segel setzen. Der angesagte Nordwind bläst uns gleich mit Windstärke 5 um die Ohren und wir nehmen zügig Fahrt auf. Allerdings lässt er uns nach sechs Stunden bereits wieder im Stich und wir benötigen Motorunterstützung – fängt ja schon mal gut an! Gegen Abend lassen wir die Isla del Rey, die letzte und größte Insel des Las Perlas Archipels, in unserem Kielwasser und können jetzt direkt Kurs auf Gorgona setzen. Mit Einbruch der Dunkelheit kommt auch der Wind zurück und wir segeln mit 3 – 4 Bft. gemütlich unserer ersten Nacht entgegen. Die wird dann allerdings unruhiger als erwartet! Ich muss immer wieder aufstehen, den Föhrtmann korrigieren, weil Wind und Welle kontinuierlich zunehmen. In den früher Morgenstunden ist der Höhepunkt erreicht, wir haben mittlerweile Windstärke 6 und eine drei Meter hohe Welle vor und hinter uns. Allerdings schaukeln wir bei diesen Bedingungen mit über 6 Knoten durch den Pazifik, erreichen nach 24 Stunden doch noch ein Etmal von 120 Seemeilen und haben fast den 6. nördlichen Breitgrad erreicht. Bisher der Magen des Kleinen gut durchgehalten – Hoffentlich bleibt das auch so!

Mit dem Sonnenaufgang lässt der Wind nach und bei moderaten 12 Knoten können wir gemütlich auf Kurs bleiben, es schaukelt zwar noch ein bisschen, aber ansonsten steht einem schönen Segeltag nichts im Weg. Wenn es so weitergeht, werden wir Gorgona am Sonntag im Laufe des Tages erreichen. Bis zum Nachmittag flaut der Wind allerdings schon wieder ab und ich schmeiße die Maschine an, es soll ja schließlich vorwärts gehen. Was ist bloß wieder mit den Wetter los? Hallo, die Vorhersage nicht gelesen? Oder was!

East Panama and Colombia including the Gulf of Panama-
109 PM PST Thu Jan 25 2018

TONIGHT…N winds 20 to 25 kt Gulf of Panama, and N 10 to 15 kt Elsewhere. Seas 5 to 8 ft in SW to W swell. Period 15 seconds. Scattered showers and isolated thunderstorms.
FRI…Gulf of Panama, N winds 15 to 20 kt. Elsewhere, NE winds 10 to 15 kt, shifting to W to NW in the late morning and afternoon. Seas 5 to 8 ft in W swell. Period 14 seconds.
Scattered showers and isolated thunderstorms.
FRI NIGHT…N winds 15 to 20 kt Gulf of Panama, and W 5 to 10 kt Elsewhere. Seas 5 to 8 ft in SW swell. Period 14 seconds. Scattered showers and isolated thunderstorms.
SAT…N winds 15 to 20 kt Gulf of Panama, and W 5 to 10 kt Elsewhere. Seas 4 to 7 ft in SW to W swell. Period 14 seconds.
SAT NIGHT…W to NW winds 10 to 15 kt. Seas 3 to 6 ft. Period 20 seconds.
SUN…NW winds 10 to 15 kt. Seas 3 to 6 ft. Period 20 seconds.

Von dem angesagten 15 bis 20 Knoten Nordwind ist nirgends was zu sehen und shiften tut hier schon gar nix. Ich check nochmal unsere Position, aber wir sind so was von im Golf von Panama, noch mehr geht gar nicht! Bis jetzt präsentiert sich der Pazifik eher als unzuverlässiger Kerl! Allerdings nehmen die Wellen deutlich schneller ab, als ich das aus dem Atlantik kenne. Zwei Stunden nachdem wir unter Motor fahren, ist der Ozean zwar nicht spiegelglatt, aber nur noch leicht bewegt und wir können abwechselnd einigermaßen gut schlafen. Die Nacht verläuf ruhig und ereignislos. Weit und breit sind keine anderen Schiffe zu sehen. Um 4 Uhr geht wieder was mit Wind! Zunächst motorsegeln wir ein bisschen, dann kann ich die Maschine ganz abschalten und wir segeln mit 5 Knoten weiter Richtung kolumbianische Küste. Die Freude hält aber nicht lange an und sechs Stunden später ist unser Ferryman wieder gefragt. Mittlerweile trennen uns nur noch 140 Seemeilen oder 2 Breitengrade von unserem Zwischenstopp auf Gorgona.

Und die Maschine bleibt auch weiterhin gefragt, weil sie die nächsten 26 Stunden durchmachen muss. Zwischendurch können wir bei zunehmendem Wind mal das Vorsegel zur Verstärkung setzen, aber die meiste Arbeit bleibt doch am Motor hängen und der lässt mich glücklicherweise nicht hängen, der läuft und läuft und läuft… Einige Schauer später kommt Gorgona in Sicht. Bevor wir unseren Ankerplatz anlaufen, möchte ich nochmal frisches Wetter herunterladen. Ich schalte die SSB-Anlage ein und nichts passiert, der Display bleibt schwarz. Wie jetzt? Ich versuchs nochmal, keine Reaktion. Nein, Nein, Nein! Ich starre das Funkgerät fassungslos an. Vor vier Stunden hat noch alles funktioniert. Okay, erstmal die Anschlüsse kontrollieren, nichts ist locker – Mist. Ich rauche eine und denke nach. Offensichtlich bekommt die Anlage keinen Strom. Ich ziehe den Stecker, Kontaktspray drauf, wieder rein, einschalten und die Anzeige leuchtet im gewohnten orange-gelb! Puh, ich bin sowas von erleichtert! Was für ein Schreck am Nachmittag!

Erste Schritte (1)

Drei Stunden später lassen wir bei Nieselprimelwetter unseren Anker nach 76 Stunden Fahrt und über 600 zurückgelegenten Kilometern erschöpft fallen. Hoffentlich machen die Behörden keinen Stress! Eine halbe Stunde nachdem alles fest ist, meldet sich eine Seniorita auf spanisch über Funk. Velero, Velero? Meint die uns? Ich melde mich mal vorsichtshalber auf englisch. Schweigen am Funk! Danach wieder Velero, Velero! Ich teile ihr mit, dass ich leider nur englisch spreche und sie nicht verstehe, worauf sie sich mit einem freundlichen „Thanks“ verabschiedet. Eine Stunde später werden wir auf englisch angefunkt und nach unserem Begehr gefragt. Ich erkläre, dass wir auf der Durchreise nach Ecuador sind und zwei Nächte hier bleiben wollen, da die nächsten beiden Tage mehrere Unwetter erwartet werden. Alles klar, kein Problem! Allerdings befinden wir uns in einem Nationalpark und der Besuch ist nicht umsonst – wie überraschend. Wir werden über die anfallenden Kosten informiert, 40 US für zwei Tage ist zwar kein Schnäppchen, aber wenn´s der Natur hilft!

Erste Schritte (8)

Obwohl wir keine Lust haben, sollen wir doch bitte an Land kommen, um die Gebühren zu zahlen und uns bei der Polizei melden. Also gut, wenn es unbedingt sein muss. Wir lassen das Dinghi zu Wasser und paddeln die paar Meter zum Strand, wo wir bereits erwartet werden. Hier treffen wir einen schwedischen Backpacker, der als Dolmetscher fungiert, sowie eine Angestellte des Nationalparks. Zuerst geht es zur Polizeistation, die eigentlich mehr eine halb offene Hütte mit Schreibtisch ist. Wir werden mit Handschlag begrüßt, der Beamte ist ausgesprochen freundlich – ich liebe Kolumbien – und will unsere Ausweise sehen. Ich gebe ihm meinen Personalausweis! Jetzt wird´s spannend! Er schreibt meinen Namen und die Ausweisnummer auf und … Okay, Sir, thank you. Der Kleine hat seine Papiere auf dem Boot vergessen, ist aber kein Problem, er soll einfach morgen nochmal vorbeikommen. Sehr schön! Ob wir in Kolumbien einklariert haben oder nicht interessiert ihn nicht die Bohne, na mir soll´s mehr als Recht sein. Danach sehen wir uns ein bisschen in der Hotelanlage um – ganz nett. Da wir auf dem Boot Internetempfang hatten, besorgen wir uns natürlich sofort zwei Zugänge. Vom Schweden erfährt der Kleine, dass hier im Nationalpark eines der besten Tauchreviere Kolumbiens sein soll. Daraufhin schlappen die beiden zur Tauchbasis und er organisiert für den nächsten Vormittag einen Tauchgang. Danach paddeln wir gemütlich zur Auriga zurück, Abendessen, ein bisschen Internet und Bordkino, ab ins Bett und richtig ausschlafen …

Am nächsten Morgen verschlafe ich tatsächlich die tägliche Funkrunde mit der SY Nemo – ups. Der Kleine wird um kurz vor 9 Uhr abgeholt und geht zum Tauchen. Ich habe einen Vormittag frei, worüber ich nicht richtig unglücklich bin und genieße die Ruhe an Bord. Der junge Mann ist wirklich ein netter Kerl, aber das Zusammenleben auf so engem Raum ist mit der eigenen Familie schon nicht leicht, aber mit einem Fremden ist es echt anstrengend. Obwohl wir mittlerweile seit 10 Tagen unterwegs sind, ist der Törn bisher gut gelaufen und es gab bis auf ein paar Kleinigkeiten keine wesentlichen Reibereien. Am Nachmittag paddelt der Kleine nochmal auf die Insel um seinen Tauchgang zu bezahlen. Außerdem holt er Wasser und Cola für die nächste Etappe und ich habe nochmal ein paar Stunden meine Ruhe.

Erste Schritte (3)

Am nächsten Tag wollen wir um 16 Uhr wieder aufbrechen. Unser nächstes Ziel ist der Stella Maris Yacht Club südlich von Esmeraldas in Ecudaor, ca. 60 Seemeilen südlich der kolumbianischen Grenze. Wir gehen den Tag gemütlich an, surfen noch ein bisschen im Internet, paddeln gegen Mittag nochmal zur Insel und gehen im Restaurant essen. Da es bereits den ganzen Vormittag geregnet hat und es am frühen Nachmittag schon wieder anfängt, bin ich bezüglich der Abreise etwas unschlüssig. Ablegen bei Regen macht einfach keinen Spaß. Im weiteren Verlauf klart das Wetter jedoch noch auf und wir könnn doch wie geplant aufbrechen. Von Anfang an bekommen wir den Wind auf die Nase, der ist zwar mit 5- 7 Knoten nicht stark, aber segeln is´ nicht. Also muss der Ferryman wieder ran. Fast die gesamten 170 Seemeilen bis nach Esmeraldas läuft die Maschine, hin und wieder mit ein bisschen Segelunterstützung. Wir brauchen knappe 40 Stunden, bis das erste Mal die Küste Ecuadors vor uns auftaucht. 2 Seemeilen vor der Küste bereite ich das Boot zum Anlegen vor. Bug-, Heck und Spingleinen werden vorbereitet, die Fender auf jeder Seite ausgebracht, wir sind klar zum Anlegen. Am späten Vormittag erreichen wir unseren Wegpunkt. Angeblich soll der direkt den Eingang in die Marina markieren. Wir schauen uns um, suchen die Bucht mit dem Fernglas ab, aber können einfach keine Marina entdecken. Wir sehen zwar einen Wellenbrecher, aber keine Einfahrt! Ein Stunde dümpeln wir mit großen Fragezeichen in den Augen in der Bucht herum. Okay, dann halt nicht! Wir sind beide wahnsinnig enttäuscht. Hatten uns schon so auf den Landfall gefreut! In meiner Fantasie saß ich bereits im Restaurant, vor mir eine große Portion „Cuy“ (gegrilltes Meerscheinchen) und ein Glas Wein in der Hand! Mit langen Gesichtern machen wir uns wieder auf den Weg.

Erste Schritte (11)

Nächstes Ziel und Endstation ist der Puerto Lucia Yacht Club in Salinas. Entfernung 190 Seemeilen oder anders gesagt nochmal zwei Tage auf See. Seit wir Isla Gorgona verlassen haben, hat sich die Sonne nicht mehr blicken lassen. Der Himmel ist schon seit Tagen mit dunklen Wolken verhangen und es regnet viel. Nicht stark, aber ziemlich oft. Erinnert mich an einen typischen Herbst in Deutschland, nur dass es hier wärmer ist. Glücklicherweise hat die Luftfeuchtigkeit aber deutlich abgenommen. Außerdem ist es kühler als in Panama, dadurch haben wir für diese Breiten eigentlich angenehme Reisebedingungen. Ich habe schon zwei Tage lang nicht mehr richtig geschwitzt – auch mal schön!

Erste Schritte (19)

Bevor wir die Bucht verlassen, kommt nach über einem Jahr mal wieder das Großsegel zum Einsatz. Ab jetzt ist nur noch mit süd-südwestlichen Winden zu rechnen, dass heißt wir müssen am Wind segeln und da ist das Großsegel einfach besser. Etwa 20 Seemeilen westlich unserer Position fällt die ecuadorianische Küste steil nach Süden ab. Als wir Punta Galera erreichen, wird es ganz schön kappelig. Durch den Kapeffekt nimmt der um die Ecke blasende SW-Wind auf beinahe 20 Knoten zu, die Windsee wird außerdem durch die ersten Ausläufer des aus Süden kommenden Humboldstroms verstärkt. Hier bekommt die bekannte Meeresströmung ein Gesicht und ist kein abstrakter Begriff aus dem Erdkundeunterricht mehr – Geographie live und hautnah! Wir müssen schleunigst von der Küste weg, brauchen mindestens 40 Seemeilen Abstand, bevor wir nach Süden abdrehen können. Die nächsten Stunden kämpft sich meine Auriga durch Wind und Wellen. Immer wieder schlagen wir mit dem Bug in die Wellenberge ein. Es schaukelt, es ist laut und regnet natürlich mal wieder. Wir kommen teilweise nur mit 2,5 Knoten voran! Acht Stunden später wird es langsam ruhiger. Wind und Welle lassen nach, wir werden schneller und können unbehelligt vom Südäquatorialstrom direkten Südkurs auf Salinas nehmen. Mittlerweile haben wir 160 Liter Diesel verbraucht, aber noch 200 für die letzten 200 Seemeilen übrig, das sollte reichen.

Am frühen Morgen ist es dann endlich soweit! Das absolute Highlight der Reise steht an – Die Äquatorüberquerung. Nach der Atlantiküberquerung mein zweiter großer Traum auf diesem Trip. Eine Seemeile vor dem Äquator schalte ich die Maschine aus und segle mit 5 Knoten Wind oder besser gesagt treibe langsam Richtung Südpazifik. 00° 00`50 N, 00°00´40 N, 00°00´30 N, 00°00´20 N, 00°00´10 N – 00°00´00 S! Ich habe die Südhalbkugel erreicht! Beinahe 9000 Seemeilen oder fast 17.000 Km habe ich mittlerweile hinter mir! Ich hab´s geschafft! Ole, Ole! Während ich gebannt vor dem Plotter sitze, die letzten Bogensekunden mitzähle, schlummert der Kleine in seiner Kajüte! Nur dabei, statt mittendrin! Die obligate Äquatortaufe lasse ich ausfallen. Soll ich mir etwa selbst einen Becher Seewasser über den Kopf schütten! Irgendwie blöd, oder? Dafür genieße ich den Augenblick mit einer Tasse frischem Kaffee. Schade, dass meine beiden Süßen nicht hier sind, wäre bestimmt ein Spaß gewesen. Trotz des tollen Momentes überkommt mich eine gewisse Wehmut …

Ich lasse meine Gedanken noch ein bisschen über´s Meer schweifen, starte ein paar Minuten später den Motor und es geht weiter. In 30 Stunden sollten wir unser Ziel erreicht haben. Die übliche Langfahrtenroutine ist wieder angesagt. Um 08 Uhr löst mich der Kleine ab und hat die nächsten vier Stunden Wache. Bei leichtem Westwind und nur mäßig bewegter See motorsegeln wir weiter Richtung Süden. Heute ist tagsüber ganz schön was los. Wir sehen im Laufe des Tages vier große Frachtschiffe, die uns in weitem Abstand passieren und ein paar Fischer. Hier geht’s ja zu wie am Stachus in München! Mit Einbruch der Nacht haben wir noch etwa 75 Seemeilen vor uns. Wenn wir unser Tempo von 5 Knoten halten können, werden wir am nächsten Morgen ankommen. Da wir uns mittlerweile 10 Breitengrade südlicher als bei unserer Abfahrt befinden, haben sich Sonnenauf und – untergang inzwischen um eine Stunde nach hinten verschoben.

15 Seemeilen vor unserem Ziel schält sich langsam die Silhouette Salinas aus dem Dunst. Wir können die ersten Hochhäuser in der langgezogenen Bucht erkennen. Erinnert mich ein bisschen an Santa Marta. Bereits vor zwei Tagen habe ich via Email mit dem Marinamanager Kontakt aufgenommen und einen Liegeplatz reserviert. Diesmal sollte also alles klappen. Vier Seemeilen vor der Stadt kontaktieren wir Port Control und melden uns an. Allerdings wollen die nicht mit uns sprechen, Okay was soll´s. Wir tuckern langsam in die Marina und müssen erstmal an einer vorgelagerten Boje festmachen. Ein Marinero holt mich ab, bringt mich zum Marinabüro und ich checke ein. Geschafft, wir sind nach 10 Tagen, 10 Breitengraden und 700 Seemeilen endlich angekommen! Buenos dias Ecuador …

Erste Schritte (22)

Fair winds und bis bald,

euer Reiseleiter von der Auriga

Auf nach Ecuador….

Auf nach Ecuador (3)

Während wir den ganzen Donnerstag bei gutem Internet vergammeln, wird die Nacht echt unruhig. Ich wache gegen 24 Uhr auf, weil der Wind deutlich zunimmt und meine Auriga wie wild rollt. Durch die Gezeitenströmung steht das Boot nicht im Wind, sondern im 90° Winkel dazu und das, obwohl wir Windstärke 4 haben! Dann sind auch schon die ersten Donner zu hören und Blitze zucken in der stockdunklen Nacht. Ach, nee! Bei ablaufendem Wasser beschließe ich lieber im Cockpit zu bleiben und die Sache im Auge zu behalten. Bis zum Sonnenaufgang ziehen insgesamt zwei Gewitter mit Böen bis 25 Knoten und Starkregen über uns hinweg. Glücklichweise ist das nächtliche Niedrigwasser nicht so ausgeprägt und wir haben bei den teilweise heftigen Bootsbewegungen genung Wasser unter dem Kiel. Während der Kleine die ganze Sache verschläft – erinnert mich sehr stark an Felix – hänge ich am Morgen ganz schön in den Seilen.

Auf nach Ecuador (1)

 

Eigentlich wollten wir ja heute weiter auf die Insel Contadora, aber der Kapitän muss erstmal ins Bett. Zwei Stunden später weckt mich mein Mitfahrer, weil wir mit dem Ruder einen Korallenblock touchieren. Das ist der Supergau! Wir haben zwar noch 60 Zentimeter unter dem Kiel, aber direkt hinter uns befindet sich ein großer Korallenblock. Ich schmeiße sofort die Maschine an und wir holen 20 Meter Kette ein. Okay, die akute Gefahr ist gebannt. Erstmal durchatmen und richtig aufwachen! Wir gehen Anker auf und suchen uns ein besseres Plätzchen. Gestern im Regen konnten wir den Grund nicht sehen, aber jetzt bei Sonnenschein und 2,3 Meter Wassertiefe kein Problem. Wir werfen, den Anker, fahren ihn ein und danach geht es erstmal ins Wasser zur Ruder- und Ankerkontrolle. Außer ein paar Kratzern im Antifouling ist jedoch nichts zu erkennen, unser alter Bügelanker hat sich vernünftig in den Sandboden eingegraben und ich kann mich wieder hinlegen.

Richtig schlafen kann ich aber nicht, weil sich mittlerweile eine ein Meter Welle aufgebaut hat und wir noch mehr als in der Nacht rollen – echt ätzend, lieber Pazifik, werden deine neuen Gäste immer so begrüßt? Wir schaukeln uns so durch den Tag, ich schlafe immer wieder ein Stündchen und nach einer zweiten unruhigen Nacht machen wir am nächsten Tag bei kräftigem Geschaukle und 15 Knoten Seitenwind einen Abflug. Hoffentlich ist es in Contadora etwas ruhiger. Da die Insel nur um die Ecke liegt, motoren wir bei strahlendem Sonnenschein die drei Seemeilen bis zum nächsten Ankerplatz. Wir rollen vielleicht um die zehn Grad, aber der Kleine ist trotzdem ein bisschen blass um die Nase. „Das Boot schaukelt ganz schön, oder?“ Eher nicht, aber nach ein paar Minuten hat sich sein Magen wieder beruhigt und wir erreichen hinter Isla Pacheca wieder ruhigeres Wasser. Nach einer guten Stunde haben wir die Rückseite von Contadora erreicht. Hier scheint allerdings strikte Bootstrennung zu herrschen. Während die Ankerplätze vor dem Playa Cacique fest in der Hand panamaischer Motoryachten ist, tummeln sich ein Stück weiter hinten einige Fahrtenboote. Okay, wir wollen die Ordnung nicht zerstören und begeben und uns zu unseresgleichen. Eine Stunde vor Niedrigwasser lassen wir unseren Anker im türkisfarbenen Wasser fallen, wir haben fünf Meter unter dem Kiel, klaren die Auriga schnell auf und nehmen das erstes Bad im herrlich kühlen Pazifikwasser …

Auf nach Ecuador (12)

Am Nachmittag habe ich allerdings einige Termine. Um 17 Uhr Funkrunde mit der Nemo via SSB. Vor zwei Tagen hat die Verbindung gut geklappt und ich bin bezüglich Außenborder und Kühlschrank auf den neusten Stand. Bin ja gespannt, ob es was Neues gibt. Pünktlich bin ich auf Sendung und rufe Chris, aber im Äther herrscht Schweigen. Nach fünf Minuten wechsle ich die Frequenz – wieder keine Antwort, Schade! Um 18 Uhr aktiviere ich das Satellitentelefon. Birger, der schon wieder als Linehandler im Panamakanal unterwegs ist, wollte sich vom Gatunsee melden. Ich warte eine Stunde, aber das Telefon bleibt stumm! Noch mehr schade … 19 Uhr eigentlich sollte jetzt das Panamafunknetz von Intermar starten, aber trotz aller Bemühungen hören ich nur schwaches Rauschen auf dem Kanal. Schade, aber nicht ganz so schlimm. Als ich später meine E-Mails abrufe, schreibt Chris, dass er unseren Termin verpasst hat, weil er einem anderen Boot bei Repararuten behilflich war. Wir werden es morgen wieder versuchen. Diesmal klappt alles und mit einem zügigen Nachkommen der beiden Australier ist wohl nicht zu rechnen. Das bestellte Ersatzteil für den Kühlschrank ist zwar in Panama angekommen, liegt aber noch beim Zoll. Wir werden in zwei Tagen wieder konferieren. Ich würde die beiden zwar gerne vor Ecuador nochmal wiedersehen, aber meine Hoffnung diesbezüglich nimmt deutlich ab.

Übringens bin ich von Kurzwellenfunk mal wieder richtig begeistert. Die Verbindung mit der SY Nemo ist -wenn es klappt! – klar und fast ohne Rauschen – echt Klasse. Dafür habe ich ein kleines Problem mit Sailmail, über die ich normalerweise meine Wetterberichte beziehe. Ausgerechnet der Wetterbericht für die Pazifikseite Zentralamerikas ist seit zwei Tagen nicht verfügbar. Seitdem spielt meine liebe Antje Wetterfee und versorgt mich mit dem aktuellen Wettergeschehen der Region. Vielen, vielen Dank meine Süße. Auf die Art und Weise tauschen wir uns auch täglich über die jeweils neuesten Entwicklungen aus. Diese Woche wird der Mietvertrag unterschrieben, Felix stellt sich in seiner neuen Schule vor, ist am Freitag sogar schon zur ersten Fete eingeladen, eine Wochen später stehen schon die Leistungsnachweise und der Umzug nach Stöttwang an. Die beiden sind zwar etwas im Stress, aber ich glaube, sie sind mittlerweile wirklich in Deutschland angekommen. Ich vermisse die zwei sehr und wünsche ihnen alles, alles Gute – ihr schafft das schon, oder? Und wenn´s nicht klappt, ihr habt ja meine Satellitentelefonnummer!

Nach einer sehr, sehr ruhigen Nacht, in der wir mal wieder richtig ausschlafen können, wollen wir am Vormittag Contadora einen Besuch abstatten. Gemeinsam heben wir das Beiboot vom Deck, Chinese hintendran, Müll einpacken und schon geht es los. Wir landen am gegenüber liegenden Strand an, ziehen das Dinghi etwa 20 Meter durch den Sand und machen es an einem Baum fest. Bei gefühlten 35°C läuft hört sich das leichter an als es in Wirklichkeit ist. Der Schweiß läuft uns nur so in Strömen herunter. Der weiße Sandstrand ist ausgesprochen sauber. Ich bin echt überrascht, nur in der Nähe der Vegetation kann ich ein bisschen Zivilisationsmüll ausmachen, aber absolut kein Vergleich zu den San Blas Inseln. Wir sind zwar an Land, aber wie kommen wir vom Strand weg? Nach einigem Suchen finden wir einen Weg und landen am Playa Larga. Wir schleppen uns durch eine verlassene Ferienanlage und entdecken endlich einen Pfad. Vorbei am Flughafen und schon laufen wir an paar sehr schönen Villen vorbei. Die Straßen sind geteert, alles sauber und nach einer halben Stunde haben wir die Tankstelle erreicht. Gegenüber gibt es einen kleinen Supermarkt mit dem üblichen Sortiment.

Auf nach Ecuador (19)

Wir erkundigen uns nach einem Restaurant oder einer Bar in der Nähe und müssen zum Glück nur ein paar Ecken weiter. Kurz darauf haben wir Downtown erreicht. Drei Resaturants, ein Hostal, ein Supermarkt und die Polizeistation bilden das Zentrum von Contadora! Im ersten Restaurant bei Mathilda haben wir Glück, es gibt WLAN! Wir lassen uns natürlich sofort nieder, genehmigen uns einen Happen und surfen ausgiebig im Internet. Während ich nach einer Stunde genug habe, möchte der Kleine noch etwas bleiben. Okay, dann hole ich ihn zwei Stunden später am Strand mit dem Dinghi ab. Während der Chinese auf meiner Rückfahrt nur zweimal aufgibt, steht die Abholung  des Kleinen unter keinem guten Stern. Der blöde Motor will mal wieder nicht anspringen. Ernsthafte Gewaltfantasien kommen in mir auf. Nach zehn Versuchen gebe ich auf und greife zum Paddel. Still vor mich hin fluchend rudere ich gegen die Strömung die 200 Meter bis zum Strand. Kann das Seglerleben schöner sein? Wohl kaum! Auf der Rückfahrt zum Boot, springt der Motor dann doch noch mal an und wir können wenigstens einen Teil der Strecke motoren. Trotzdem bin ich sauer. Dieser Scheißmotor treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich werde den Chinesen in Ecuador verkaufen, verschenken oder ins Meer schmeißen und mir einen zuverlässigen Zwei-Takt-Motor der Marke Birger anschaffen …. Lieber Birger, du glaubst nicht wie ich euch drei vermisse!

Auf nach Ecuador (12)

Anschließend müssen wir uns erstmal im Meer abkühlen. Das Wasser ist wirklich herrlich erfrischend. Abends greift der Kapitän zum Kochlöffel und zaubert ein schönes indisches Curry auf den Tisch. Nach einer ruhigen Nacht konferiere ich wieder mit Chris, aber die Ersatzteilbeschaffung scheint sich zu einer unendlichen Geschichte zu entwickel. Ein Treffen mit meinen beiden Freunden scheint in weite, weite Ferne zu rücken. Wir besuchen stattdessen im Laufe des Tages die Insel nochmal. Diesmal montieren wir den Motor gleich ab und legen uns in die Riemen. Unser erster Gang führt uns wieder zu Mathilda, danach noch ein bisschen einkaufen und zurück zum Boot. Später telefoniere ich mit Alex und Birger und wir tauschen Neuigkeiten aus. Es tut gut die beiden zu hören – Intelectual Rescue!. Am Abend ist Kinonight auf der Auriga. Wir veranstalten ein Doublefeature und dann ist schon wieder Ende Gelände. Am Dienstag wollen wir uns auf die Isla del Rey verlegen. Aus Sicherheitsgründen möchte ich bei Nierdigwasser unseren nächsten, 12 Seemeilen entfernten Ankerplatz erreichen. Da erst um 14:30 Uhr Niedrigwasser ist, können wir am nächsten Vormittag gemütlich unsere Auriga aufklaren, weil wir erst gegen Mittag los müssen.

Morgens bereiten wir uns gemütlich für die Überfahrt vor und gehen gegen Mittag Anker auf. Nach einer unspektakulären Motorfahrt bei Flaute erreichen wir San Miguel auf der Isla del Rey kurz vor Niedrigwasser. Wir drehen ein paar Runden und schmeißen den Anker bei 3,6 Meter. Am Nachmittag ist es abartig heiß! Kein Lüftchen weht, im Salon hat es 33°C und wir hecheln bis zum Anbruch der Dunkelheit durch! Kurz nach Sonnenuntergang kommt dann aber doch noch ein bisschen Wind auf. Der kommt allerdings aus der falschen Richtung und frischt auch noch deutlich auf. Laut Wetterbericht sollte er aus Süd-Westen kommen, hat es sich aber anders überlegt und bläst uns jetzt aus Norden direkt auf die Nase. Nach eine knappen Stunde steht in der nach Norden offenen Lagune eine zwei Meter Welle und wir werden schon wieder kräftig durchgeschüttelt. Boh eh, das macht einfach keinen Spaß! Meine Auriga stampft durch die Wellen, jeder Aufschlag ist wie ein Kanonenschlag und ich fühle mich wie in einer Achterbahn, damit ist eine ruhige Nacht definitv ausgeschlossen! Alle zwei Stunden wache ich auf, kontrolliere unsere Position, Wassertiefe und Windstärke – obwohl alles stabil aussieht, kann ich nicht richtig schlafen.

Am Morgen lade ich ein paar Grip-Daten via SSB herunter und siehe da, es zeigt sich ein 72-stündiges Wetterfenster mit stabilen Nordwinden, das Wetterfax aus Deutschland zeigt die gleichen Windverhältnisse, also genau das, was wir auf dem Weg nach Ecudaor brauchen. Der Kleine schafft es um 8:30 Uhr aus den Federn und ich erläutere ihm die Situation. Wir könnten am Donnerstag Richtung Ecuador aufbrechen, er ist einverstanden – Super! Auch schön, wenn die bereits getroffenen Entscheidungen des Kapitäns, rückwirkend noch verifiziert werden! Allerdings haben wir ein klitzekleines Problem. Seit wir in Panama City aufgebrochen sind, haben wir bereits 40 Liter Diesel verbraucht und die beiden leeren Kanister würde ich gerne vor dem Auslaufen noch auffüllen. In San Miguel soll es eine Tankstelle geben, aber wir liegen ungefähr 2 Seemeilen – gefühlte 100 Kilometer – vor der Stadt und der Chinese ist nicht einsatzbereit! Also was tun?

Es gibt zwei Optionen! Wir paddeln gegen die Strömung die Teufelsmeile nach San Miguel, suchen die Tanke, rudern anschließend wieder zurück und lassen uns in der Nacht nochmal richtig durchschaukeln oder wir verlegen uns wieder zurück nach Contadora, ankern in Strandnähe, machen schnell rüber, schlappen zuerst zu Mathilda, surfen ein bisschen im Internet, gehen Essen, besorgen danach Diesel und verbingen eine ruhige Nacht im Lee der Insel … Eine halbe Stunde später ist meine Auriga startklar und wir machen uns auf den Weg – War doch klar, oder? Zwei Stunden später ankern wir wieder vor Contadora und machen uns auf en Weg nach Downtown. Jeder hat einen Dieselkanister in der Hand. Wir erregen so viel Mitleid, dass uns ein vorbeifahrender Einheimischer bis zur Tankstelle mitnimmt – sehr nett und vielen Dank. Wir gehen um die Ecke zu Mathilda und surfen ein bisschen im Internet, dann ist dem Kapitän nach einem gepflegten Abschiedsessen, schließlich ist das eine gute, alte Tradition beim Verlassen eines Landes auf der Auriga. Der Kleine möchte allerdings noch im Internet surfen und kommt nicht mit – da muss einer wohl noch ein bisschen Sozialkompetenz üben – und so schlendere ich alleine ins „Piementa y Sale“ und lasse mir ein paar Meeresfrüchte ohne digitale Unterhaltung schmecken. Schade eigentlich!

Eine dreiviertel Stunde später bin ich wieder bei Mathilda, ich sehe den jungen Mann mit Ohrstöpsel am Tisch sitzen, er muss unbedingt noch die aktuelle Tageschau fertig streamen!? – Okay, ich kann warten, bin´s ja gewöhnt! Eigentlich bin ich ja ein Fan von jungen Backpackern, diesich trauen alleine in fremde Länder zu reisen, aber manchmal frage ich mich wirklich, warum reisen, wenn man die meiste Zeit vorm Handy sitzt und im Internet surft? Gibt es in Süddeutschland kein Internet? Naja, ich muss schließlich nicht alles verstehen! Das sind wahrscheinlich die Generationsunterschiede. Immerhin organisert der Kleine ein Mitfahrgelegenheit zum Strand und so müssen wir die mittlerweile aufgefüllten zwei 20 Liter Kanister wenigstens nicht schleppen – Nicht schlecht junger Mann! Am Nachmittag erledige ich noch ein paar Kleinigkeiten am Boot und morgen bei ablaufendem Wasser geht es weiter Richtung Ecuador. Wenn alles gut geht, haben wir die nächsten 72 Stunden Nordwind mit 4-5 Bft und können die Isla Gorgona vor der Küste Kolumbiens unter Segeln erreichen. Ich hoffe der Magen des Kleinen hält das aus …

Fair winds und bis bald,

euer Ex-Panamese von der Auriga

Kanalpassage und zwei schwere Abschiede

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Es ist Mittwoch, der 10. Januar 2018, 15 Uhr, seit zwei Stunden sind meine beiden Süßen in der Luft und auf dem Weg nach Deutschland. Ich sitze in einem Restaurant in der Flamenco Marina Panama City, kaue gedankenverloren auf einen Stück Steak herum und bin deprimiert. Zwei Abschiede innerhalb der letzten beiden Tage sind einfach zu viel, nicht fair. Heute macht nicht mal Essen gehen Spaß – Scheißtag. Fast ein ganzes Jahr traute Einsamkeit liegt vor mir, aber ich habe es ja so gewollt! Wahrscheinlich ist das der Preis für den Pazifik. War die Entscheidung allein weiter zu segeln doch falsch? Ich bin mir gerade nicht mehr sicher! Die letzten Wochen stand alles im Zeichen der Kanalpassage, da hatte ich gar keine Zeit so richtig über die bevorstehenden Abschiede nachzudenken. Aber jetzt! Jetzt bin ich ganz alleine – schnief – meine Familie ist weg, Alex und Birger sind weg … und keiner mag micht. Allein sein ist doof! Panama ist doof! Ich will hier weg!

Drei Tage zuvor, es ist 9 Uhr, wir sind seit zwei Stunden auf den Beinen, das Wetter ist okay. Es hat zwar gerade noch geregnet, aber die Wolken scheinen sich langsam aufzulösen. Wir starten mit den letzten Vorbereitungen. Eigentlich ist zwar alles klar, aber ich kontrolliere nochmal alle wichtigen Bordsysteme. Okay, alles sieht gut aus. Jetzt heißt es mal wieder warten. Um 13 Uhr Abrechnung mit der Marina, danach kurz zur SY Nemo. Alles klar, wir laufen um 14 Uhr aus. Die letzte Stunde zieht sich wie Kaugummi. Warten, immer dieses elende Gewarte! Kurz vor 14 Uhr kommen Alex und Birger, unsere Linehandler an Bord. Die Begrüßung ist herzlich, ihr Gepäck erschreckend umfangreich – kleiner Scherz! Alles wird in unserem Kreuzfahrtschiff verstaut und dann geht es los. Panamakanal, wir kommen! Eine knappe Stunde später haben wir die „Flats“, eine spezielle Ankerzone im Puerto Cristobal erreicht, lassen den Anker fallen und funken Cristobal Signal Station an. Um 16:15 Uhr soll unser Lotse kommen. Das Wetter ist alles andere als gemütlich. Wir haben 20 Knoten Wind und reichlich Schwell. Egal, es dauert ja nur eine knappe Stunde bis unser Advisor vor Ort sein soll. Wir trinken Kaffee, essen ein paar Smörebröd und schlagen die Zeit tot …!

Kanal (3)

16:45 Uhr unser Lotse wird angliefert und entert unsere Auriga. Unglücklicherweise trifft uns im gleichen Augenblick eine Böe und unser Anker bricht im Schlamm aus. Den Advisor stört das nicht die Bohne! Im Augenwinkel sehe ich das französische Schiff hinter uns bedrohlich nahe kommen. Ohne mit der Wimper zu zucken, gibt der Lotse seine Einweisung zum Besten. Mir stehen mittlerweile die Schweißperlen auf der Stirn, der Abstand zu den Franzosen beträgt nur noch ein paar Meter! Glücklicherweise nimmt sich Birger der Sache an und lässt den Rest Kette raus, wir treiben an den Franzosen vorbei, dafür aber auf´s Ufer zu. Advisor:“ No hurry, we have time“, na super. Nach seinem Aufklärungsgespräch beschließe ich Anker auf zu gehen und wir fahren, langsam, aber unter starkrm Geschaukle Richtung erster Gatunschleuse! Noch mal Glück bzw. Birger gehabt! Die SY Nemo mit Chris und Elayne, die gemeinsam mit uns schleusen sollen, setzen sich kurz darauf in Bewegung und folgen uns. Eigentlich sollten wir zusammen mit einem 52 ft Motorboot schleusen, das Gefährt ist allerdings ein einziges riesiges Schlauchboot, das bei direktem Kontakt unschöne Streifen im Lack hinterlassen könnte, deshalb werden die SY Nemo und wir ganz nach unseren Wünschen zusammen schleusen!

Kurz vor der Schleuseneinfahrt docken wir sanft bei unseren Freunden an und vertäuen die beiden Boote zu einem stabilen Päckchen. Meine Steuerfrau Antje, hat wie immer alles im Griff! Der Einzige, der beinahe am Durchdrehen ist … ist natürlich der Kapitän! Wir fahren als Letzte in die Schleuse ein. Vor uns befindet sich ein kleiner Frachter, ein Boot der US Cost Guard, das Gummiboot und wir – sollte eigentlich alles kein Problem werden, abgesehen davon, dass es langsam dämmert und wir nie und nimmer den Gatunsee bei Tageslicht erreichen werden. In der Schleuse fliegen uns die berühmten Affenfäuste zu. Das sind dünne Hanfleinen mit einem faustgroßen Knoten am Ende, an dem wir unsere 38 Meter langen Halteleinen befestigen. Diese werden dann die Schleusenwände hochgezogen und über die riesigen Poller gelegt. Sobald wir sicher vertäut sind, schließen sich die gigantischen Schleusentore hinter uns und wir werden langsam angehoben! Das einlaufende Wasser erzeugt neben uns ganz schöne Strudel und Wirbel. Birger und ich ziehen die Leinen immer wieder nach, was ganz schön anstrengend ist und ich stehe nach fünf Minuten schon wieder im eigenen Saft. Nach 10 Minuten befinden wir uns acht Meter über dem Atlantikniveau. Ein lautes Pfeifen kündigt das Öffnen der Schleusentore an. Die Boote vor uns kommen langsam in Fahrt, wir holen die Leinen ein und machen uns auf den Weg in die zweite Schleuse. Wir haben ganz schön Gegenströmung als wir langsam die über 300 Meter zur zweiten Gatunschleuse zurücklegen. Aber wir haben Glück mit unserem Lotsen, der hat alles im Griff und Antje steuert unser kleines Böotchen souverän in die zweite Schleusenkammer!

 

Hier und in der dritten Schleuse wiederholt sich das ganze Spiel. Mittlerweile erhellen diverse Flutlichter die Szenerie, da es inzwischen stockdunkel ist. Um 18:45 Uhr öffnet sich die letzte Schleuse, wir haben den Gatunsee erreicht und befinden uns jetzt insgesamt 26 Meter über dem Atlantikniveau. Dank unseres Lotsen, meiner unschlagbaren Steuerfrau und Birgers hervorragender Leinenarbeit sind wir heil und ohne Schaden durch die Atlantikschleusen gekommen. Vielen Dank für eure hervorragende Schleusenarbeit! Dickes Doppelbussi an meine Antje und ein fettes Merci an Alex und Felix für ihre Unterstützung. Wir werfen dem Atlanik noch einen letzten Blick zu – Servus alte Fischhaut – motoren noch ein Stück gemeinsam mit der SY Nemo, lösen uns entspannt voneinander und schippern im Dunkeln zu unserer Übernachtungsboje. Die ist allerdings bei Nacht gar nicht so leicht zu finden. Eine der zwei Bojen ist bereits von einem Ausflugsboot besetzt und so kuscheln wir uns wieder an die SY Nemo und haben es für heute geschafft. Die beiden Lotsen werden von einem Pilotboot abgeholt und dann beglückwünschen sich die beiden Crews erstmal ausgiebig für die erfolgreiche Absolvierung der ersten Etappe! Das Schlimmste liegt hinter uns! Wir sitzen noch entspannt bei einer Flasche Wein mit Birger und Alex zusammen und lassen den Tag revue passieren. Allerdings sind alle ziemlich schnell bettreif und um 21 Uhr ist Schluss! Am nächsten Tag soll der Lotse um 7 Uhr eintreffen und dann geht’s weiter Richtung Pazifik – Gute Nacht!

Jaja, gute Nacht, eher nicht! Es ist brechend heiß im Boot. Alle schlafen schlecht, sind am Morgen aber trotzdem guter Laune. Wir stehen in der Morgendämmerung auf, trinken gemütlich Kaffee und warten auf den Lotsen. 7 Uhr: Kein Lotse in Sicht, 8 Uhr: Nichs tut sich, 9 Uhr: Meine Gelassenheit geht langsam gegen Null. Wir brauchen mindestens 8 Stunden bis in den Pazifik und dann nochmal eine Stunde bis zur Flamenco Marina, wenn der Lotse nicht gleich auftaucht können wir den Plan knicken, weil es um 18 Uhr dunkel wird. 10 Uhr: Chris von der SY Nemo beginnt zu angeln, wir werden den Pazifik nicht mehr bei Tageslicht erreichen und ich werde langsam sauer…! Wir rufen den Kanal Scheduler an und erkundigen uns nach den Lotsen. Die sollen angeblich bereits auf dem Weg sein. 11 Uhr: Ein Pilotboot erscheint am Horizont, nähert sich zögerlich und fünf Minuten später kommt Harold an Bord! Durch die Regenfälle in den letzten Tagen sind neben Colon auch alle zuführenden Straßen in die Stadt überflutet. Deshalb konnten die Lotsen nicht mit dem Bus geliefert werden, sondern mussten von der Pedro-Miguel-Schleuse mit dem Schiff hierher gebracht werden und für gut 30 sm braucht man halt mehr als 30 Minuten. Tja, Pech gehabt! Dafür entpuppt sich Harold als echt netter Kerl und ausgemachter Kanalprofi.

Mit über vier Stunden Verspätung legen wir von der SY Nemo ab und machen uns auf den Weg zu den pazifikseitigen Schleusen. Mindestens fünf Stunden Motorfahrt stehen uns bis zur Pedro-Miguel-Schleuse bevor. Während gestern das Wetter eher durchwachsen war, kommt nach unserem Start die Sonne raus. Sofort wird es schweineheiß! Wir wechseln uns an der Pinne ab, wobei vorallen Antje, Birger und Alex die meiste Zeit am Steuer stehen – ich weiß ja schließlich gar nicht wie das geht, ich kann nur Autopilot! Alex bespaßt Felix, während ich die meiste Zeit unter Deck verbringe und dösenderweise frische Kräfte für die nächsten Schleusen sammle. Den Gatunsee kenne ich ja schon, alles ein alter Hut in meinen Augen! Dafür gewinnen die anderen einen richtig schönen Sonnenbrand im Gesicht, während ich weiterhin ein Bleichgesicht bleibe. Auf unserer Fahrt durch den Gatunsee müssen wir zwei Pausen einlegen, da uns einmal  ein großer Gastanker und das nächste Mal ein Containerschiff der Postpanamax-Klasse entgegenkommt und die aus Sicherheitsgründen ohne Gegenverkehr fahren müssen. Unterwegs erzählt uns Harold reichlich interessante Details und Geschichten über den Kanal. Um 16 Uhr kommt die Pedro-Miguel-Schleuse in Sicht. Inzwischen haben sich die Schleusungspläne zum dritten Mal geändert. Wer, wann, mit wem ändert sich praktisch mit Minuten-Takt. Letztendlich sind wir diesmal ein Dreier-Päckchen. In der Mitte ein großer Katamaran, links die SY Nemo und rechts wir. Anders als auf der Atlantikseite schleusen wir nicht hinter den größeren Schiffen, sondern stehen ganz vorne direkt am Schleusenausgang. Nachdem unser Päckchen fest verschnürrt ist und wir sicher an den Halteleinen liegen, wird hinter uns die MS American Freedom in die Schleuse gezogen.

Wow, ein ganz schöner Riese, der da angeschwommen kommt. Links und rechts ist vielleicht gerade noch ein knapper Meter Abstand zu den Schleusenwänden. Beim Einfahren in die Schleusenkammer schiebt der Dicke ganz schön viel Wasser vor sich her. Das Wasser strömt nur so an uns vorbei, aber wir sind fest vertäut und können ganz locker sein. Nach dem obligaten Pfiff beginnt das Wasser aus der Kammer zu fließen und wir werden langsam acht Meter abgesenkt. Diesmal müssen Birger und ich die Leinen nur langsam fieren, was deutlich weniger anstrengend ist, als am Vortag. Die Schleusentore öffnenen sich und im Päckchen geht es zu den zwei Seemeilen entfernten Miraflores-Schleusen. Unsere drei Lotsen haben wirklich alles super im Griff. Es wird reichlich gescherzt und gelacht. Vor allem als dem koordinierenden Advisor auf dem Kat auffällt, dass Antje und nicht ich am Steuer steht und sie damit der Kapitän ist. Salut, you Madam, Capitan! Eine halbe Stunde später erreichen wir die beiden Miraflores-Locks, den Pazifik können wir bereits in der Ferne ausmachen. Wir schippern in die Schleusenkammer, werden vertäut und vom hier gelegenen Besucherzentrum neugierig beäugt. Wahrscheinlich ist jeder der beteilgten Segler auf hunderten Fotos verewigt. Es ist ein bisschen wie im Zoo, nur das wir diesmal die Affen sind, die Kunststücke machen. Als wir in die zweite Schleuse einfahren, beginnt die Sonne langsam zu versinken. Zum letzten Mal das gleiche Spiel. Wir werden nochmal acht Meter abgesenkt, verschwinden hinter den Schleusentoren. Ein lauter Pfiff, Blinklicher gehen über all an, die letzten beiden Schleusentore öffnen sich und wir haben es geschafft. Vor uns liegt der größte Ozean der Welt! Wir schauen nach rechts und können Japan sehen, voraus liegt Südostasien, links von uns Australien und die Antarktis– unglaublich, oder?

 

Mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt, Harold, der beste Lotse, den wir bisher kennengelernt haben, verlässt uns auf Höhe des Balboa Yachtclub. Da es inzwischen beinahe dunkel ist, beschließen wir, uns an eine Boje des Yachtclub zu legen. Harold hat telefonisch die Marina informiert und so kommt ein paar Minuten später ein Marinero angedüst und weist uns eine Boje zu. Vielen Dank Harold, super Job und klasse Service. Da könnte sich der eine oder andere Lotse echt ein Beispiel dran nehmen! Wenn ich da an unsere Kanalpassage mit der SY Jasina denke….!!! (Siehe Blogbericht: Oh, wie schön ist Panama, vom Mai 2017) Nachdem Birger und Alex unsere Auriga an der Boje festgemacht haben, fallen sich erstmal alle in die Arme! Wir sind durch, wir sind echt im Pazifik. Also so richtig im Pazifik – Hammer! Alles ist gut gegangen, nichts außer uns ist kaputt – Perfekte Kanalpassage. Liebe Alex, lieber Birger ohne Euch wäre die Kanalpassage nicht so entspannt und lustig geworden, wie sie war. Vielen, vielen Dank ihr beiden! Außerdem natürlich ein riesengroßes Lob an meine sensationelle, super coole Steuerfrau! Und natürlich, danke Felix, dass du nicht so rumgenervt hast, wie sonst! Ach ja, liebe Auriga, du warst natürlich auch ganz toll!

Glücklicherweise haben wir die ganze Nacht reichlich Wind und so können wir das Boot gut durchlüften und alle können in dieser Nacht wirklich gut schlafen. Am Montagmorgen machen wir uns nach einem guten Frühstück, ausgeschlafen zur nur sechs Seemeilen entfernten Flamenco Marina auf. Unterwegs besuchen wir noch die SY Nemo, die ganz in der Nähe ankert und vereinbaren ein Treffen in der Marina für den nächsten Morgen, schließlich steht der Abschied von Alex und Birger auf dem Programm. Gegen Mittag laufen wir in der Flamenco Marina ein. Via Funk kündigen wir uns an, aber leider nix verstehen – nur spanisch. Trotzdem werden wir nach einigen Runden im Hafen von einem Marinero abgeholt und zum Tankdock geleitet. Wir wollten zwar einen Liegeplatz, aber den Marinero scheint das nicht zu interessieren, also legen wir halt an der Tanke an. Hier bespreche ich mich mit dem nächsten Marinero. No fuel, we need a berth! Aha, okay, ach so! Der schickt mich erstmal ins Marinaoffice. Hier treffe ich auf die wahrscheinlich inkompetenteste und dümmste Angestellte der Marina. Sie spricht zwar gebrochen englisch, aber kapiert praktisch nichts. Als erstes erklärt sie mir, dass es keinne Strom in der Marina gibt. Allerdings sind alle hier liegenden Motorboot mit irgendetwas kabelartigen verbunden! Wahrscheinlich handelt es sich um Elektrizität zweifelhafter Herkunft! Nach einigem hin und her stellt sich heraus, dass die Marina sowohl über 110 Volt- als auch 220 Voltanschlüsse verfügt, aber sie haben leider keine Adapter für europäische Stecker. No Problemo, Baby! Hab ich alles an Bord!

Okay, ich soll wieder zum Steg und auf den nächsten Mitarbeiter warten, der uns unseren Liegeplatz zuweist. Eine halbe Stunde später kommt auch glatt einer vorbei und erzählt mir, ich soll nochmal ins Office kommen. Ich schlappe los, bezahle die völlig überzogene Hafengebühr von 350 US für eine Woche ohne Widerworte, wir haben schließlich Gäste, liebe Freunde an Bord! Nachdem abgerechnet ist, schaut mich die Doofbohne erwartungsschwanger an – gibt’s noch was? Ja! Ich brauche einen Liegeplatz. Where are you now? At the Fueldock. You need Fuel?. No, I need a berth! Mein Gott, kann man hohl sein, geht’s überhaupt noch! Sie geht mit mir vor´s Büro und ruft nach irgendeinem Jorge. Keiner antwortet, sie lässt mich kommentarlos stehen und geht ins Office zurück. Ich warte – mal wieder – 20 Minuten und nichts passiert. Also zurück ins Büro, natürlich muss ich mich erstmal hinten anstellen. Mittlerweile bin ich richtig sauer! Als ich schleißlich an der Reihe bin: What can I do for you? Ich bin ein wenig irritiert und äußere sehr deutlich meinen Unmut über den eher miserablen Service und möchte endlich einen Liegeplatz haben, weil es am Fueldock einfach nicht so richtig kuschelig ist. Die blöde Kuh schaut mich verständnislos an, hey man, relax…! Eher nicht, jetzt platzt mir endgültig der Kragen! Fünf Minuten später, die Atmospähre im Büro ist nach meinen Ausführungen eher etwas angespannt, taucht ein Marinero auf und gibt zu verstehen, dass er uns unseren Liegeplatz zeigen wird. Diesmal klappt auch alles und wir bekommen einen Platz nahe der Einfahrt zugewiesen. Allerdings funktioniert hier der Strom nicht! Meine Stimmung geht deutlich gegen Null. Nach einer kurzen Diskussion ist klar, wir müssen nochmal umziehen. Antje verdreht die Augen, ich kann ja auch nichts dafür, aber so ist es halt mal, das ist Panama. Wir cruisen um die Ecke, machen fest und sind endlich in der Marina angekommen.

Kanal (75)

Am Nachmittag machen Alex, Antje, Birger und Felix nochmal einen Ausflug in die Stadt, ich bin so genervt, dass ich lieber auf dem Boot bleibe. Am Abend laden wir unsere liebgewonnenen Freunde noch zu einem Abschiedsessen ein, spielen im Restaurant wie immer eine Runde Karten und haben viel Spaß. Obwohl das unser letzter gemeinsamer Abend ist, verfällt keiner in Wehmut und wir lassen es nochmal so richtig krachen (4 Flaschen Wein, glaub ich jedenfalls!). Dienstagmorgen, es herrscht ein bisschen Katerstimmung, heißt es von der SY Samantacrew Abschied nehmen. Chris und Elayne kommen gegen 11 Uhr mit dem Dinghi und gemeinsam geleiten wir unsere Freunde zur Straße. Wir machen die letzten Fotos, im Vorfeld wurden bereits Einträge in die jeweiligen Bordbücher gemacht. Antje, Felix und ich bekommen noch ein T-Shirt geschenkt. Auf Antje´s steht: Go East, auf meinem Go West – sensationelle Idee Alex! Birger hält ein Taxi an, Umarmungen, reichlich Tränen fließen auf allen Seiten, noch eine Umarmung, dann steigen die beiden ins Taxi und sind einfach weg. Einfach so! Wir waren das letzte halbe Jahr zusammen unterwegs, kennen uns seit fast zwei Jahren, haben bei der Atlantiküberquerung der beiden mitgezittert und jetzt sind sie einfach weg! Unglaublich! Wir sind alle tief berührt. Von allen Menschen, die wir auf unserer Reise getroffen haben, seid ihr Birger und Alex, die, die uns richtig ans Herz gewachsen sind. Wir wünschen Euch eine gute und stressfreie Rückkehr nach Europa und natürlich fair winds und bis blad, ihr Lieben – eure Segelfamilie von der Auriga! Wir wenden uns spätestens Ende des Jahres wiedersehen und vielen Dank für eure unschätzbare Hilfe in jeder Hinsicht!

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Danach quatschen wir noch ein bisschen mit Chris und Elyane und verschwinden später auf unsere Auriga, weil die Abreise meiner beiden Süßen für den nächsten Tag vorbereitet werden will. Damit Antje in Ruhe packen kann, verziehen sich Felix und ich für einen kleinen Snack ins Restaurant. Drei Stunden später dürfen wir wieder auf´s Boot. Überall stehen Koffer und Taschen herum, wir begehen unser abschließendes Abschiedsessen, machen noch ein bischen Bordkino und gehen ins Bett. Morgen heißt es schon wieder Abschied nehmen und das wird sicher noch schlimmer als heute. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 7 Uhr, die beiden sollen um spätestens 11 Uhr am Flughafen sein und bei dem typischen Verkehr in Panama City kann das schon mal zwei Stunden dauern. Der Tag beginnt wie immer mit einem Kaffee, wir wuchten das Gepäck aus dem Boot drei Koffer, eine Tasche, zweimal Handgepäck und machen uns zur Straße auf – schon wieder! Nach ein paar Minuten sitzen wir im Taxi und fahren Richtung Airport Tocumen International Panama City. Wir haben Glück und brauchen nur eine dreiviertel Stunde bis zum Flughafen und sind natürlich viel zu früh dran.

Kanal (71)

Nach einigem Suchen finden wir den Check-In Schalter, selbstverständlich ist noch keiner da, aber die Waagen beim Check-In sind betriebsbereit. Die beiden dürfen insgesamt 80 kg Gepäck, verteilt auf vier Koffer mitnehmen. Wir wiegen die einzelnen Gepäckstücke und stellen fest, dass die Gewichtsverteilung nicht stimmt. Jetzt beginnt das große Umpacken! Eine halbe Stunde später sind wir fertig. Koffer 1 wiegt: 19,95 kg, Koffer 2 ebenfalls 19,95 kg, Koffer 3 20,05 kg und Tasche 4 12,5 kg – Jackpot. Die beiden können kurz darauf innerhalb von 30 Minuten problemlos einchecken. Jetzt heißt es allerdings Abschied nehmen. Wir machen es ganz kurz, weil es sonst ein echtes Drama wird. Heftige Umarmungen, jeder hat Tränen in den Augen, wir wünschen uns viel Glück für dieses Jahr, Felix soll auf seine Mama aufpassen, ich verspreche nicht zu kentern, wir haben uns alle lieb und dann verschwinde ich via Rolltreppe ins Untergeschoß. Ich bin bereits zwei Minuten später deprimiert und vermisse meine zwei Süßen …

 Kanal (8)

Es ist Mittwoch, der 10. Januar 2018, 15 Uhr, seit zwei Stunden sind meine beiden Süßen in der Luft und auf dem Weg nach Deutschland. Ich sitze in einem Restaurant in der Flamenco Marina Panama City, kaue gedankenverloren auf einen Stück Steak herum und bin deprimiert. Zwei Abschiede innerhalb der letzten beiden Tage sind einfach zu viel, nicht fair. Heute macht nicht mal Essen gehen Spaß – Scheißtag. Fast ein ganzes Jahr traute Einsamkeit liegt vor mir, aber ich habe es ja so gewollt! Wahrscheinlich ist das der Preis für den Pazifik. War die Entscheidung allein weiter zu segeln doch falsch? Ich bin mir gerade nicht mehr sicher! Die letzten Wochen stand alles im Zeichen der Kanalpassage, da hatte ich gar keine Zeit so richtig über die bevorstehenden Abschiede nachzudenken. Aber jetzt! Jetzt bin ich ganz alleine – schnief – meine Familie ist weg, Alex und Birger sind weg … und keiner mag micht. Allein sein ist doof! Panama ist doof! Ich will auch nach Hause, nach Hause …

Fair winds und bis bald,

der letzte Mohikaner von der Auriga

Letzte Vorbereitungen und Ungeziefer im Hafen

Ungeziefer (7)

Nach dem Umbau unserer Auriga zum Tanker kann ich mich wieder dem Chinesen widmen. Zusammen mit Chris zerlegen wir an Neujahr den kompletten Motor, obwohl praktisch nichts dreckig ist, wird alles gereinigt, die neue Zündkerze eingesetzt, aber das Problem haben wir nicht gefunden. Bei der anschließenden Testfahrt mit Kapitän Felix säuft der Parsun nur zweimal ab, springt aber danach sofort widerstandslos an – Okay, man kann halt nicht alles haben. Damit kann ich meine ganze Aufmerksamkeit wieder der Kanalpassage widmen. Die Anmeldeprozedur haben wir hinter uns, jetzt müssen noch die vorgeschriebenen acht Fender sowie vier schwimmfähige 38 Meter lange Leinen organisiert werden. Ich schreibe mehrere E-Mails an verschiedene Tranistagenten und entscheide mich intuitiv für den billigsten. Interessanterweise reicht die Preisspanne der Leihgebühren von 85 USD bis 120 USD. Wir vereinbaren mit Rogelio, dass er das Zeug am nächsten Tag vorbeibringen soll. Wenn alles klappt, sind unsere Vorbereitungen für die Passage des Panamakanals damit abgeschlossen! Jetzt müssen wir nur noch 48, 24 und 4 Stunden vor unserem Termin den Transit beim Panama Canal Scheduler bestätigen und dann kann es losgehen – wir sind gespannt, aber entspannt, schließlich ist die Kanalpassage ein alter Hut für uns!

Hin (37)

Am Dienstag mache ich mich morgens mal wieder, wahrscheinlich zum hundersten Mal, nach Colon auf, um noch die letzten Besorgungen zu machen. Ich brauche ein paar Schrauben und anderen Kleinkram, dafür geht mal wieder der halbe Tag drauf. Mein Gott, wie mir die Fahrt im Marinabus mittlerweile auf die Nerven geht! Ich kenne inzwischen jedes Schlagloch, jeden Buckel auf der Strecke. Vor allem die Warterei am Kanal oder vor der Fähre machen mich geradezu wahnsinnig! Ich weiß gar nicht, wie viel Zeit wir hier in Panama mit Warten verbracht haben. Andere schreiben in der Zeit eine Doktorarbeit oder gewinnen einen Krieg. Eine Stunde später steige ich an der Quatro Alto Mall aus, die kann ich auch schon nicht mehr sehen! Ich vermisse das herrlich abwechslungsreiche Santa Marta. Hier gabe es auch nach fünf Monaten immer noch was Neues zu entdecken, aber hier!? Während ich in Colon herumhänge, meine Einkäufe sind nach 20 Minuten erledigt und ich kann nun zwei Stunden auf den Bus warten, nimmt Antje unsere Fender und Leinen entgegen. Vier 38 Meter lange Leinen sind ein ganz schöner Haufen, die Fender entpuppen sich als alte Autoreifen, die immerhin mit neuen Mülltüten umwickelt sind. Mit dem ganzen Zeug auf dem Deck, sieht unsere Auriga wie eine schwimmende Müllhalde aus, aber das passt ja irgendwie zu Colon …

Ungeziefer (4)

Am Nachmittag klebe ich die Halterung für die Dieselkanister ein, danach sind Birger und ich noch voll elektrisch und führen ein paar kleinere Reparaturen durch. Felix, der seit Weihnachten Ferien hat, hängt in der Captainslounge ab und surft ausgiebig im Internet, während Antje mit Waschen beschäftigt ist. Danach schwelgen Birger und ich bei einem Glas Wein in Erinnerungen und schon ist die Sonne wieder untergegangen. Mittwochmorgen ist Ungezieferalarm an unserem Steg und ich spreche nicht von den allgegenwärtigen, kleinfingerlangen, amerikanischen Monsterkakerlaken, sondern von Jorge, dem fast drei Meter langen Marinakrokodil. Wir warten schon seit Wochen darauf, dass wir ihn endlich zu sehen bekommen. Nur einige Meter von unserem Boot entfernt hängt die Panzerechse faul auf einem Stein herum. Jetzt ist mir auch klar, warum in der Marinabroschüre ausdrücklich vor gefährlichem Getier gewarnt wird. „Dangers. Apart from the usual marina dangers you should be full aware that we are practically in the jungle. Alligators up to 9 ft, poisonous snakes, toads and frogs invade our new habitat. Keep a special eye on your inquisitive pets and children!. In the last 6 years 2 pets have died very quickly from contact with a poisonous frog …!“ Jorge macht allerdings einen ziemlich satten Eindruck und ignoriert die am Steg versammelte Seglergemeinde völlig. Kann ich aber auch verstehen, schließlich stehen nur Erwachsene herum! Nach 15 Minuten hat das Reptil aber genung, gleitet lässig ins Wasser und verschwindet unter einem Busch.

Ungeziefer (3)

Danach wird es aber wieder richtig ernst. Ich rufe die Kanalbehörde an, um unseren Termin für Freitag zu bestätigen. Okay – alles klar, wir sind zusammen mit der SY Nemo gebucht. In 48 Stunden geht’s los. Wir sollen am Donnerstag nach 18 Uhr erneut anrufen, um den Transittermin nochmals zu bestätigen. Hoffentlich wird bis dahin das Wetter wieder besser. Seit Neujahr regnet es wieder jeden Tag. Mal sind es nur ein paar Schauer, mal regnet es fast den ganzen Tag und ich dachte, die Regenzeit wäre inzwischen vorbei – die hat es sich aber offensichtlich anders überlegt! Scheiß Wetter! Außerdem ist es richtig kalt geworden. Die Durchschnittstemperaturen sind auf 24° gefallen, zwar noch keine Lange-Hosen-Temperaturen, aber nah dran. Wir nutzen das schlechte Wetter zum Putzen und Aufräumen. Unsere beiden Linehandler, Alex und Birger, sollten sich schließlich auf unserer kleinen Auriga wohlfühlen. Eigentlich hatten wir geplant, dass einer von uns während der zweitägigen Kanalpassage im Cockpit schläft, aber bei dem Sauwetter – keine Chance. Am Donnerstagvormittag fahren Antje und Felix mit dem Bus nach Colon, um unsere Nahrungsmittelvorräte aufzustocken. Neben unseren beiden Freunden muss auch noch der Kanallotse verköstigt werden. Ich nutze die Zeit um einige Umbauarbeiten im Boot durchzuführen. Im Salon wird der Tisch abgebaut und schon entsteht eine schöne Liegefläche für unsere beiden Gäste. Damit ist das Kreuzfahrtschiff MS Auriga fertig. Danach mache ich unsere Auriga kanalfein und bestücke sie mit den gelieferten Autoreifen.

Am Abend treffen wir uns mit Chris und rufen die Kanlabehörde an. Leider sind denen die Lotsen ausgegangen und unser Tranisttermin wird auf Samstag verschoben! Wir sollen uns morgen um die gleiche Zeit nochmal melden. Dafür haben wir 1000 US hingelegt? Aber was soll´s, wir können nichts machen. Dann warten wir halt noch einen Tag, macht ja nix …! Eigentlich bin ich nicht enttäuscht, weil Ablegen an einem Freitag ja sowieso Unglück bringt. Wahrscheinlich hätten wir am nächsten Tag nur die Schleusentore oder einen Frachter demoliert und dann wäre unser 800 US Deposit sicher futsch gewesen! Schlagzeile in „Panama Today“ am nächsten Tag: Frachtschiff sinkt nach Kollision mit Segelboot! Kapitän leugnet jede Beteiligung, Freitag war Schuld …, den geplanten Verabschiedungs-Sundowner verschieben wir auch gleich auf Freitag.

Ungeziefer (1)

Anderntags bestätigt sich die Unglückstherorie mal wieder zu 100%. Seit den frühen Morgenstunden regnet es in Strömen. Innerhalb von wenigen Stunden läuft unser Dinghi bis zum Rand voll, schwimmt aber glücklicherweise noch. Gegen Mittag erreichen uns dann die ersten Ausläufer eines Sturmtiefs vor der Atlantikküste Costa Ricas. Bis zum späten Nachmittag bläst uns der Wind ganz schön um die Ohren. Bei dem Sauwetter lässt sich sogar unser neues Haustier nicht blicken. Herbert ist ein ca. 6 cm großer Gecko, der wahrscheinlich bei unserem letzten Besuch auf den San Blas Inseln unbemerkt eingecheckt hat. Ich habe zwar keine Ahnung, wie er an Bord gekommen ist, aber wir haben ihn mittlerweile adoptiert und er ist in den letzten Wochen bestimmt einen ganzen Zentimeter gewachsen. Alle paar Tage können wir ihn im Cockpit beobachten, wie er herumwuselt – sehr süß! Da unsere Auriga schon seit gestern für die Kanalpassage präpariert ist, gibt es nicht besonders viel zu tun und so schlagen wir die Zeit bis zur nächsten Kontaktaufnahme mit der Kanalbehörde mehr oder weniger gut tot.

Freitag, 18 Uhr. Ich treffe mich mit Chris und wir rufen die Kanalbehörde an. Diesmal geht aber alles gut und unser Termin am Samstag steht. Wir sollem am 6. Janunar um 15:30 Uhr an einem speziellen Ankerplatz (Flats) im Hafen auf den Lotsen warten und dann heißt es bye, bye Atlantik. Du hast uns Stürme, Gewitter und haushohe Wellen geschickt. Wir hatten Angst vor dir, aber haben gelernt mit dir zu leben. Dabei kannst du auch total nett sein. Zwei Jahre haben wir gebraucht um dich niederzuringen und du warst manchmal eine ziemlich harte Nuss. Wollen mal sehn, ob dein großer Bruder weniger launisch ist, altes Miststück. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass wir uns irgendwo mal wieder treffen werden! Wenn keine wirklichen Katastrophen mehr passieren, gibt es im nächsten Blog bereits die ersten Abenteuer aus dem Pazifik …..

Fair winds und bis bald,

eure Atlantikbezwinger von der Auriga

Tanker MS Auriga

Neujahr (20)

Am Montag nach Weihnachten haben alle bis auf Felix erstmal einen dicken Kopf und wir brauchen den ganzen Tag um uns zu erholen, aber das war´s wert! Wir haben schon lange nicht mehr so viel gelacht. Am nächsten Tag ist aber Schluss mit lustig, weil unser malader Chinese (Außendbordmotor) unters Messer muss. Obwohl ich auf den San Blas Inseln einen Benzinfilter eingebaut habe, hat er uns zwei Tage später zum x-ten Mal im Stich gelassen. Was ich jetzt brauche ist professionelle Hilfe. Ich frage Chris (Maschienenbauingenieur), ob er sich des Problems annehmen könnte. Er ist Willens, kurz darauf ist der Motor an Land und wir, respektive Chris beginnt mit den ersten Tests. Der eigentliche Motor schein nicht das Problem zu sein, die Kompression stimmt, die Ventile schließen, aber irgendwie will der Motor nicht starten. Chris öffnet den Vergaser, spritzt ein bisschen Treibstoff ein und … wieder nix? Okay, vielleicht ist ja die Zündkerze defekt. Beim anschließenden Test derselben lässt sich kein Funke erzeugen. Offensichtlich liegt hier das Problem. Wir bauen den Tank aus und begutachten den Elektromagnet – sieht eigentlich alles gut aus. Dann fällt Chris auf, dass der Starter einen Unterbrecher hat, natürlich, ich habe vergessen, den Quickstopp einzustecken. Nein,nein, nein … ich werde blass und fühle mich wie ein kompletter Vollidiot! Heute ist nicht mein Tag.

Neujahr (1)

Zwanzig Minuten später ist der Motor wieder zusammengebaut, Quickstopp steckt und er springt sofort an. Ich möchte am liebsten im Boden versinken und zwar augenblicklich! Der Australier testet noch dies und das, aber irgendwie scheint es kein echtes Problem zu geben. Trotz sinkender Glaubwürdigkeit interveniere ich energisch, dass der blöde Chinese nicht richtig laufen will. Für eine weitere Untersuchung muss der Chinese ins Wasser. Kein Problem! Nach zehn Minuten hängt der Außenbordmotor am Dinghi und wir lassen ihn laufen. Nach ein paar Minuten säuft er erfreulicherweise ab. Mich überkommt ein gewisses Hochgefühl! Ich habe doch Recht! Allerdings weist mich Chris darauf hin, dass der Benzinhahn geschlossen ist. Okay, ich habe keine Ahnung von diesem Scheißmotor, werde trotz meiner Sonnenbräune rot wie eine Tomate und möchte mich am liebsten im Hafenbecken ertränken. Oh Gott, die ganze Geschichte ist mittlerweile echt peinlich! Irgendwie ist immer noch nicht mein Tag. Ich öffne den Benzinhahn, der Motor springt an und ich drehe ein, zwei Runden im Hafen. Kaum bin ich in unserer Boxengasse zurück, säuft der Motor ohne erkennbare Ursachen doch noch ab – puh! Ich habe doch Recht! Zurück an Land beratschlagen Chris und ich das weitere Vorgehen, alles natürlich in englisch. Ich verstehe zwar nur die Hälfte, aber auf alle Fälle muss eine neue Zündkerze (spark plug) her, bevor an eine weitere Reparatur zu denken ist. Okay, das krieg ich auf alle Fälle hin!

Neujahr (8)

Da ich nicht schon wieder mit dem Bus nach Colon fahren will und wir, die Samantha- und die Nemocrew sowieso am Donnerstag nach Panama City wollen, wird die Operation Chinese erstmal ins neue Jahr verschoben. Jaja, manana, manana wird langsam auch meine Lebensphilosophie! Mittwoch ist dafür unser Ferryman dran. Vor der Kanalpassage möchte ich noch einen Ölwechsel machen und den Ölfilter tauschen. Das Motoröl abzulassen ist kein Problem, schließlich ist dafür eine spezielle Pumpe am Motor angebracht. Der Ausbau des Ölfilters ist allerdings ein echtes Problem. Das Scheißding will sich einfach nicht lösen. Ich könnte zwar einen Schraubenzieher in den Filter hämmern (liebe Grüße an Sven, ich hab´s nicht vergessen) und den Filter dann lösen, aber das macht eine höllische Sauerei. Also konsultiere ich erneut Chris, in der Hoffnung er kann mir wieder helfen. Der Wahl-Aussi lässt sich nicht lange bitten, kommt mit und kann nach einigen Versuchen unter wüsten Verwünschungen den blöden Ölfilter entfernen. Vielen Dank für die erneute Hilfe! Allerdings habe ich keinen Ersatzfilter und da es noch nicht Mittag ist, beschließe ich mit dem Bus um 13 Uhr doch noch nach Colon zu fahren. Ich packe den Filter ein und klappere damit mehrere Ersatzteilläden ab. Natürlich ist wieder Mal alles äußerst schwierig. Die ersten drei Läden können mit dem begehrten Ersatzteil nicht aufwarten, im vierten werde ich dann endlich fündig. Für zwei Filter bezahle ich 10 US, die nächsten grauen Haare sind wie immer umsonst und der Bus zurück in die Marina ist auch schon weg!

Weil es jetzt sowieso schon Wurst ist und ich nur mit dem Taxi in die Marina zurück komme, fahre ich ins „Do-It Center“ (Baumarkt), um Dieselkanister zu besorgen. Leider beträgt die Tankkapazität der Auriga nur 100 Liter, damit komme ich maximal 200 Seemeilen weit. Von Panama City nach Salinas (Ecudaor) sind es aber 600 Seemeilen und um dieses Jahreszeit kann es gut sein, dass ich die ganze Strecke motoren muss und das entgegen den Südäquatorialstrom. Also brauche ich deutlich mehr Sprit an Bord. Im Do-It-Center werde ich nicht fündig, alle Kanister sind ausverkauft! Saustall! Zurück zur Quatro Alto Mall, hier kenne ich zwei Läden, die 20 Liter Kanister verkaufen. Im ersten das gleiche Spiel – alle Kanister sind weg!? Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die ganze Welt gegen mich verschworen hat. Im zweiten Laden habe ich allerdings Glück und erstehe insgesamt 11 Kanister. Die Dame hinter dem Tresen fragt zwar mindestens fünf Mal nach, aber ich bin fest entschlossen elf Kanister zu erstehen. Achselzuckend begibt sie sich ins Lager und schleppt kurz darauf die gewünschte Ware an – Irre Gringos! Mit dem Taxi geht es zurück in die Shelter Bay und ich habe für heute die Schnauze voll.

Donnerstag geht es am frühen Morgen zuerst mit dem Marinabus zum Busterminal nach Colon und anschließend mit dem Expressbus nach Panama City. Drei Stunden später steigen wir an der Albrock Mall aus. 700 Läden laden uns zum unkontrollierten Shoppig ein. Wir teilen uns in kleinen Gruppen auf und die Jagd kann beginnen. In zwei Stunden wollen wir uns spätestens wieder treffen. Lustigerweise ist das letzte Ziel jeder Gruppe natürlich der …. der Baumarkt! Jaja, ein gut sortierter Baumarkt ist für kostenbewusste Segler der Himmel auf Erden. Irgendetwas kann man immer brauchen! Neue Spanngurte, ein spzielles Werkzeug oder, oder ….! Anschließend sind alle hungrig, aber die drei Food Courts in der Albrock Mall sind dermaßen überlaufen, dass wir beschließen ins Hotel zu fahren. Während die Zimmer für die Samantha- und die Nemocrew schon bezugsfertig sind, müssen wir uns mal wieder in Geduld üben. Nach weiteren 20 Minuten habe ich keinen Bock mehr und wir verlegen uns ins Restaurant im 6. Stock für einen kleinen Snack. Eine Stunde später können wir unser Zimmer entern! Die zwei Kingsizebetten versprechen allerdings eine angenehme Nachtruhe.

Am Nachmittag machen wir uns im Taxi in die Altstadt auf. Taxifahren ist in Panama City ein besonderes Erlebnis, vor allem weil der Preis vor jeder Fahrt ausgehandelt werden muss. Normalerweils bezahlt man für eine Fahrt innerhalb der Stadt 3 bis 5 US, aber der eine oder andere dreiste Taxler verlangt schon mal 15 US für eine Fahrt. Bei den Preisverhandlungen werden alle Register gezogen. Die Fahrer verweisen gerne auf den Verkehr, Regen kann auch schon mal einen Zuschlag wert sein! Da wir zu siebt sind und immer zwei Taxis brauchen, entwicklet sich nach einigen Fahrten ein regelrechter Wettkampf, wer den besten Preis aushandeln konnte – sehr lustig. Nach dem ersten Tag steht es unentschieden! Wir schlendern ein bisschen durch die Altstadt Panamas, besuchen das französische Viertel, bewundern die spanische Kolonialarchitektur und lassen uns gemeinsam einen Sundowner über den Dächern des historischen Zentrums schmecken. Danach muss aber was Richtiges zum Essen her. Wir fragen uns zur einer Pizzeria durch, werden von einem freundlichen Panamaer ins „Coliseum“ gelotst und verbringen einen ausgesprochen netten Abend zusammen.

Neujahr (9)

Anderntags ist aber Schluss mit Sightseeing, wir sind auf Geschäftsreise und haben einiges zu erledigen. Die Mädels und Felix gehen wieder shoppen, während Birger, Chris und ich mal wieder in Sachen Ersatzteilbeschaffung unterwegs sind. Unser erstes Ziel ist die „Islamorada“, ein Laden, in dem es Seekarten und Törnführer zu kaufen gibt. Ich brauche dringend eine Übersichtskarte vom Südpazifik, sowie ein, zwei Detailkarten. Wir brechen gegen 9 Uhr auf, schnappen uns das erste Taxi und los geht’s. Der Taxler ist unglaublich gesprächig, allerdings nur auf spanisch!. Chris, auf dem Beifahrersitz, bekommt die geballte Ladung spanischer Konversation voll ab. Nach ca. fünf Minuten können wir den Ausführungen des Fahrers nicht mehr folgen. Interessant wird es aber, als wir an ein paar Nutten vorbeifahren. Daraufhin betet der Taxler alle möglichen Preise herunter. Soweit wir verstehen sind die Venezuelanerinnen am billigsten, danach kommen die Damen aus Kolumbien und, und ….! Chris, als direkter Ansprechpartner nickt immer verständnisvoll – si, si, no, si, si – während Birger und ich zunehmend das Gefühl haben unser Fahrer setzt uns jetzt gleich am nächsten Puff ab. Stattdessen fährt der Gute völlig ziellos durch die Stadt, nach drei Nachfragen findet er endlich den gesuchten Kartenladen und wir steigen mit blutenden Ohren aus – geschafft!

Nachdem wir uns durch einen riesigen Stapel von Seekarten gewühlt, ich meine Übersichtskarte gefunden habe, geht es weiter zur Flamanco Marina. Hier sollen ein paar Marineläden sein, die uns hoffentlich die begehrten Ersatzteile bescheren werden. Nach und nach klappern wir die einzelnen Geschäfte ab und werden sogar weitgehend fündig. Bisher hat sich unsere Geschäftsreise echt gelohnt. Ich schlappe noch ins Marinaoffice und erkundige mich nach den Liegeplatzgebühren. 350 US für eine Woche sind zwar kein Schnäppchen, aber noch halbwegs akzeptabel und die Marina sieht wirklich sehr gepflegt aus. Eigentlich wollten wir ja ankern, aber Alex und Birger, unsere Linehandler, werden nach der Kanalpassage noch ein, zwei Tage bei uns bleiben und wenn keiner von Bord kann, ist es einfach zu eng auf unserer Auriga. Außerdem fliegen Antje und Felix ein paar Tage später nach Deutschland zurück und das ganze Gepäck mit dem Dinghi anzulanden ist auch kein echter Spaß. Per Pedes geht’s zum nächsten Yachthafen um die Ecke. Im Nauticshop finde ich sogar eine neue Spitze für meine Harpune! Mittlerweile ist es schon Nachmittag und wir sind geschafft. Eigentlich wollten wir noch ins Discovery Center, dem größten Baumarkt Mittelamerikas, aber der liegt am anderen Ende der Stadt und wir haben absolut keinen Bock mehr.

Den restlichen Nachmittag erholen wir uns im Hotel, weil wir am Abend noch im „Os Segredos da Carne“ zum Essen wollen. Leider war keine Reservierung möglich und so versuchen Alex, Antje, Birger, Felix und ich einfach unser Glück und stehen um Punkt 18 Uhr vor der Tür. Als wir eintreten, behaupten wir einfach ganz frech eine Reservierung zu haben. Natürlich ist diese nicht zu finden, aber nach einer kurzen Diskussion schaltet sich der Chef des Hauses ein und wir bekommen doch noch den ersehnten Tisch in dem brasilianischen Fleischtempel. Wir genießen sowohl das Essen als auch den Abend in vollen Zügen und rollen drei Stunden später aus dem Restaurant. Am Samstag geht es dann wieder zurück nach Colon. Wir brechen um 8 Uhr auf, sitzen ein halbe Stunde später im Expressbus als ich bemerke, dass ich meine schöne 50 US teure Seekarte im Hotel vergessen habe – Scheiße, kann man blöd sein! Ich steige wieder aus, mit dem Taxi zurück ins Hotel, meine Karte ist glücklicherweise noch im Zimmer, zurück zum Busbahnhof und mit dem nächsten Bus nach Colon. Der Tag fängt ja schon wieder gut an! Wenigstens erwische ich noch den Marinabus und treffe die anderen in der Quatro Alto Mall wieder.

Neujahr (12)

Am Sylverstermorgen fährt mich Joachim in seinem Pickup zusammen mit meinen 14 Dieselkanistern zur Tankstelle – Merci nochmal für deine Hilfe! Die Jungs an der Tanke staunen nicht schlecht, als sie die vollbepackte Ladefläche sehen. Zum Glück müssen wir die Kanister nicht abladen, sondern können sie direkt auf der Ladefläche betanken. Eine halbe Stunde später sind alle voll und ich bezahle für 250 Liter Diesel und 20 Liter Benzin gerade mal knapp 150 US – ein echtes Schnäppchen. Jetzt kann es auf nach Ecuador gehen. Ich habe jetzt insgesamt 350 Liter Diesel und 50 Liter Benzin an Bord, damit sollte ich knapp 700 Seemeilen weit kommen. Allerdings müssen die gnazen Kanister erst einmal auf unserer Auriga verstaut werden. In unsere Cockpit-Backskisten passen maximal nur drei Kanister, die restlichen müssen auf dem Deck untergebracht werden. Mit Birgers Hilfe bringe ich ein paar stabile Harken an Deck an und kann damit die restlichen Kanister stabil befestigen. Unsere Auriga sieht jetzt allerdings wie ein Tanker aus!

Am Abend kochen wir zusammen mit unseren Freunden von der SY Samantha, spielen noch ein bisschen Karten, besorgen uns kurz vor 24 Uhr ein paar Drinks im Restaurant und dann, dann ist schon wieder ein Jahr vorbei! Völlig ungewohnt begrüßen wir das neue Jahr ohne Feuerwerk, aber dafür mit lieben Freunden. In diesem Sinne wünschen wir unseren Familien, allen Freunden und Bekannten viel Glück und ein schönes, spannendes, neues Jahr! Unser 2018 wird ganz sicher sehr aufregend!

Fair winds und bis bald,

die Drei von der Tankstelle

Voll im Stress

Stress (2)

Während wir die erste Nacht in der Shelter Bay Marina entspannt schlafen können, leistet die Klimaanlage ganze Arbeit und legt unsere Auriga trocken. Am Morgen beträgt die Luftfeuchtigkeit im Boot das erste Mal seit fünf Wochen wieder weniger als 65%. Wir genießen die neuen Umweltbedingungen und vergammeln das ganze Wochenende. Danach ist aber Schluss mit der Rumhängerei, schließlich gilt es einiges zu organisieren. Während Antje die Heimreise nach Deutschland vorbereitet, Flüge bucht und unsere Einrichtung schon mal grob sichtet, kümmere ich mich um die Kanalpassage und einen Termin auf dem Trockendoch. Das hört sich zwar nicht so dramatisch an, ist es aber, weil wir praktisch alles parallel organisieren müssen und außerdem noch die Weihnachts- und Neujahresfeiertage anstehen Alles hängt vom Rückflugdatum meiner beiden Süßen ab! Wenn Antje einen Flug gefunden hat, können wir einen Termin für die Kanalpassage festmachen. Vor dem Kanaltransit muss das Boot aus dem Wasser und braucht einen neuen Unterwasseranstrich. Dafür müssen wir aber erstmal Antifouling besorgen, usw…

Stress (3)

Nach zwei Tagen Internetrecherche findet Antje einen günstigen Flug am 10. Januar nach München, damit steht unser Zeitfenster, wir haben drei Wochen Zeit, um alles auf die Reihe zu kriegen. Da wir zusammen mit der SY Nemo durch den Panamakanal schleusen wollen, müssen wir zuerst einen Termin finden. Nach mehreren Gesprächen mit Chris und Elayne einigen wir uns auf den 05. Januar. Natürlich kann man am Panamakanal nicht so einfach vorfahren und sich in den Pazifik schleusen lassen. Ganz auf panamaische Art ist ein ausgeklügeltes Anmeldeprozedere nötig (Die Infobroschüre ist 8 Seiten lang!). Als erstes benötigen wir das Formular 4640 E, welches wir im Marinabüro bekommen. Zwei Stunden später ist der Antrag ausgefüllt und kann am Dienstagvormittag zur Panama Canal Company gefaxt werden. Drei Stunden später müssen wir die Behörde telefonisch kontaktieren, damit wir einen Termin mit dem Admeasurer ausmachen können. Jedes Schiff – egal welcher Größe – wird vor der Zulassung zur Kanalpassage inspiziert, vermessen und muss bestimmte Kriterien, wie u.a. ein Mindesttempo von 5 Knoten unter Maschinenfahrt, ein Signalhorn, ein UKW-Radio und eine verschließbare Toilette erfüllen. Wir vereinbaren mit dem Vermesser einen Termin für den nächsten Montag – das hat ja erstaunlich gut geklappt! Wir sollen allerdings am Montagmorgen um 07:30 nochmals anrufen, um den Termin zu bestätigen, okay.

Hin (68)

Jetzt kann ich zur Werft schlappen und einen Termin für das Trockendock ausmachen. Glücklicherweise haben die Jungs Zeit und wir können unsere Auriga am Tag nach der Inspektion herauskranen lassen. Danach haben wir drei Tage an Land, um zu streichen und am Freitag vor Weihnachten geht es wieder ins Wasser. Damit haben wir noch genug Zeit, um unser Weihnachtsfest mit der SY Samantha vorzubereiten. Jetzt muss nur noch Antifouling her und alles ist gut. Von befreundeten Seglern haben wir einen Tipp bekommen, wo wir billiges und gutes Antifouling bekommen. Allerdings bekommen wir nur eine Telefonnummer! Kein Name, keine Adresse, nur eine Telefonnummer – Okay auch egal, was soll´s. Antje ruft an und wir besprechen mit „Don“ Rudolfo unser Anliegen. Alles kein Problem, er hat zwar die gewünschte Farbe nicht mehr auf Lager, kann uns dafür aber ein Eimerchen eines anderen Produktes überlassen! Wir erkundigen uns nach dem Unterschied – nicht ganz so giftig, aber trotzdem ausgesprochen wirksam!. Wir verabreden uns am nächsten Tag vor einem Schuhgeschäft in der Shoppingmall Quatro Altos, sollen ihn um 10:15 Uhr nochmal anrufen und ihm sagen woran er uns erkennen kann! Danach schickt er einen Boten mit dem Antifouling vorbei, den wir natürlich cash bezahlen müssen und dann sind alle glücklich und zufrieden! Irgendwie hört sich das alles super illegal an und wirkt wie ein Drogendeal.

Über Nacht regnet es geradezu sintflutartig und als Antje am nächsten Tag am vereinbarten Treffpunkt ist – schwarzes T-Shirt, roter Rock als Erkennungszeichen – fällt unser Deal förmlich ins Wasser, weil die Freihandelszone überschwemmt ist und Rudolfo sein Lager, Versteck oder was auch immer, nicht erreichen kann. Okay, wir vereinbaren ein zweites konspiratives Treffen für den nächsten Tag. Gleiche Uhrzeit, gleicher Ort! Diesmal nehme ich den Bus nach Colon – rotes T-Shirt, schwarze Hose – bin pünktlich vor dem Schuhgeschäft und rufe den Paten an. Wer, wie, was? Ach so – das Antifouling, alles klar. Hast Du die 500 US in bar dabei? Okay, dann kommt der Fahrer in fünf Minuten vorbei! Zum Glück muss ich mir keine Parole für die Übergabe merken. Ich stehe also maximal unauffällig rauchend vor dem Schuhladen und warte darauf, dass gleich eine schwarze Limousine vorgefahren kommt, die verspiegelten Seitenscheiben einen Spalt heruntergelassen werden, damit ich einen Blick auf die Ware werfen kann, das Geld im weißen Umschlag wird durch den Spalt geschoben, der im halbdunklen Auto nicht erkennbare Typ zählt schnell die Kohle und mein Farbeimer wird beim Anfahren aus dem Auto geworfen – oder so ähnlich. Während ich so vor mich hin fantasiere, passiert die nächsten 15 Minuten allerdings gar nichts! Ich greife wieder zum Telefon und erkundige mich bei Rudolo. Der Fahrer wird doch nicht von der Polizei geschnappt worden sein, oder? Nein, es ist alles okay – mucho traffico – der Fahrer müsste gleich ankommen. Stimmt auch! Als ich aufgelegt habe – interessante Formulierung beim Handy, oder? – kommt ein netter Typ auf mich zu, wir gehen zu seinem Pickup, ich bezahle, bekomme die Farbe und eine ganz offizielle Rechnung. Insgesamt ziemlich unaufregend! Danach schleppe ich den Kübel, der gefühlt ca. 20 kg wiegt, zum Marinabus und fahre zurück.

Stress (13)

Über´s Wochenende sind erstmal reichlich Sozialkontakte angesagt. Wir treffen Joe und Anny von der SY Little Wing und vor allem den allseits hilfsbereiten Joachim, den wir von unserem letzten Aufenthalt bereits kennen, wieder. Außerdem werden wir leibhaftige Zeugen, wie die amerikanische Dauerliegergemeinde im Hafen die Vorweihnachtszeit begeht. Bei dem jeden Sonntag stattfindenden BBQ werden wir bereits mit lustigen Kinderspielen für Erwachsene gequält. In diesem Fall ist es ein Quiz. Ob wir mitmachen wollen oder nicht, interessiert die Veranstalterin – Blondine, wahrscheinlich Ex-Cheerleaderin, Körbchengröße D und Elchgeweih auf dem Kopf – absolut nicht! Auf einem Zettel mit unterschiedlichen Zeichnungen müssen amerikanische Weihnachtslieder erraten werden! „All Christmas songs we know!“ Voll international! Obwohl wir uns standhaft weigern mitzumachen, bekommen wir am Ende eine Tüte Kekse als Trostpreis überreicht. Amerika First and thank you very much! Im Laufe des Abends werden wir in die weiteren geplanten Veranstaltungen eingeweiht. Nächsten Mittwoch ist „White Elephantday“? Eine Woche später wird die schönste Boots-Weihnachtsdekoration prämiert. Am 24. ist Christmas Eve Buffet im Restaurant und am Christmasday eine Potluckparty – Puh, was für ein Gute-Laune-Stress.

Stress (8)

Am Montag wird es dafür wieder spannend, der Inspektionstermin liegt an. Um 07:30 Uhr rufen wir die Kanalgesellschaft an, um unseren Termin zu bestätigen. Allerdings weiß außer uns niemand von der geplanten Vermessung! Wie jetzt? Die Seniorita am Telefon ist freundlich, aber offensichtlich unwissend. Wir sollen in einer Stunde wieder anrufen – Okay! Eine Stunde später das gleiche Spiel. Antje wird mehrfach verbunden und erfährt, dass heute nichts mehr geht. Sie fragt, ob unser Boot auch an Land vermessen werden kann. Das geht natürlich nicht! Daraufhin erklärt sie unsere Situation und die Kanaldame verspricht uns, dass der Vermesser am nächsten Morgen um 08:00 Uhr auf der Matte stehen wird -na hoffentlich. Eigentlich sollte unsere Auriga um 08:30 aus dem Wasser gehoben werden. Also schlappe ich zur Werft, erkläre die Situation und verschiebe den Termin auf 10:30 Uhr! Dienstag, 08:00 Uhr, wir sind bereit! Zwei Tassen Kaffee später, 08;30 Uhr wir warten immer noch! Um 09:00 Uhr rufen wir wieder bei der Kanalgesellschaft an. Sorry, one moment, ah, the Inspector has just arrived at the Marina – okay. Fünf Minuten später steht der Vermesser vor unserem Boot und es kann losgehen.

Stress (1)

Zuerst werden Länge und Breite unseres Bootes ermittelt. Zu unserer Überraschung beträgt die gesamte Länge unseres Schiffs mittlerweile über 34 ft – offensichtlich ist unsere Auriga noch nicht ganz ausgewachsen. Danach gilt es den üblichen Formularkrieg zu bestreiten. Wir bitten den Inspektor in unseren Salon. Kaum sitzt der Gute, bekommen wir schon die ersten Hinweise. Der obligatorische Advisor für die Kanalpassage muss mit einem Frühstück, einem warmen Mittag- und Abendessen versorgt werden! Aha! „A sandwich is not a good meal“! Wir müssen Wasser in Flaschen bereitstellen, für frisches Klopapier und Handtücher sorgen – alles klar, damit wäre dieser Teil geklärt. Danach füllen wir gemeinsam mit dem Vermessr fünf unterschiedliche Formulare, die alle im wesentlichen die gleichen Schiffsangaben enthalten, aus und erhalten jeweils einen Durchschlag der Niederschriften. Alles wird unterschrieben, gegengezeichnet und am Ende erhalten wir unsere „Ship Identification Number“ 6015222. Damit ist unsere Auriga bei der Panama Canal Authority registriert. Sollte das Boot jemals wieder durch den Panamakanal schleusen, muss es nicht nochmal vermessen werden. Ja, wir sind drin! Ich denke gerade damit ist ja alles geklärt, als der Inspektor sein Tablet aus der Tasche zieht und alle Angaben nochmals elektronisch erfasst!!! Nach einer knappen Stunde, es ist kurz vor 10 Uhr, ist alles erledigt und wir in Punkto Kanalpassage einen Schritt weiter. Am nächsten Tag sollen wir die Canalfee von 1850 US in der Citibank Colon bar einzahlen und danach ab 18 Uhr den Panama Canal Scheduler kontaktieren, um einen Termin für die Kanalpassage auszumachen – Okay, manana, manana.

Stress (6)

Während Antje anschließend zur Werft geht um unseren Auskrantermin für 10:30 Uhr zu bestätigen, bereite ich das Boot vor. 30 Minuten später legen wir bei über 20 Knoten Seitenwind ab und erreichen drei Minuten später das Travelliftbecken. Obwohl an unserem Boot zwei Markierungen angebracht sind, wo die Hebegurte zu befestigen sind, schnappt sich Viktor, der Werftmeiser seine Taucherbrille, hüpft ins Wasser und bringt die Gurte eigenhändig an! Super Service, sowas haben wir noch nie erlebt! Eine viertel Stunde später schwebt unsere Auriga aus dem Becken und wird kurz am Beckenrand abgestellt. Das Unterwasserschiff sieht nicht mal so schlecht aus, schließlich haben wir es in den letzen Monaten immer wieder eigenhändig von Seepocken und anderem maritimen Getier befreit. Während der anschließenden Hochdruckreinigung löst sich auch noch weitgehend das alte Antifouling ab und eine dunkelblaue Soße fließt in den Gulli. Nachdem unser Boot fachgerecht aufgebockt ist, gehen wir erstmal ins Restaurant und genehmigen uns einen kleinen Mittagssnack. Glücklicherweise müssen wir die nächsten drei Tage nicht auf der Auriga verbringen, sondern dürfen bei unseren Freunden Alex und Birger auf der SY Samantha nächtigen! Vielen Dank ihr beiden und nochmehr Dank für die ausgesprochen köstliche Verpflegung und die Beaufsichtigung des Nachwuchses in diesen arbeitsreichen Tagen!

Am frühen Nachmittag gibt es kein Halten mehr! Antje startet den großen Putzangriff. Die komplette Inneneinrichtung wird zuerst mit Essigwasser gereinigt und danach mit Holzpflegemittel konserviert. Die Arme braucht zwei Tage für die Komplettreinigung, aber wenigstens hat sie die Klimaanlage. Ich widme mich inzwischen dem Unterwasserschiff. Zuerst wedle ich mit der Schleifmaschine über den alten Anstrich und entferne noch einige Muschel- und Seepockenreste. Danach kann gestrichen werden. Da das neue Antifouling laut Datenblatt bei über 30 °C nur wenige Stunden zum Trocknen braucht, beschließe ich unsere Auriga mit vier bis fünf Farbschichten zu versorgen. Als ich den Eimer öffne, werde ich beinahe von der chemischen Keule, die mir entgegen weht, umgehauen. Noch zwei Atemzüge davon und meine Zeugungsfähigkeit ist endgültig dahin! Offensichtlich befinden sich nicht umsonst  verschiedene Warnpiktogramme auf dem Kübel, aber wenn´s hilft! Wenigstens lässt uns Petrus nicht im Stich, denn es regnet seit zwei Tagen nicht mehr, dafür ist es aber natürlich wieder schweineheiß. Antje und ich werkeln noch bis zum Sonnenuntergang und lassen uns danach kulinarisch von Alex und Birger verwöhnen.

Am nächsten Tag ist ein Frühstart angesagt, weil ich zuerst den zweiten Anstrich aufs Boot pinseln will und danach um kurz vor 8 Uhr zusammen mit Chris zur Citibank nach Colon muss, um die Transitgebühr einzuzahlen. Ich bin um 5 Uhr auf den Beinen, schlappe im Dunklen zum Trockendock und beginne mit einer Stirnlampe ausgerüstet zu streichen. Nach zwei Stunden ist die zweite Schicht drauf und sogar noch eine schnelle Dusche drin. In Colon müssen wir aber beide erstmal Kohle besorgen, da die 1850 US Transitgebühr bar eingezahlt werden müssen. Glücklicherweise lassen sich bereits dem ersten Geldautomaten viermal 500 US mit drei verschiedenen Kreditkarten entlocken! Damit ist meine größte Sorge bereits nach fünf Minuten verblasst. Mit prall gefülltem Geldbeutel – 100 20 US-Noten – geht es via Taxi zur Citibank Colon. Nach der obligaten Durchsuchung der Wachleute vor der Bank, dürfen wir das Geldinstitut betreten. Da die Bankangestellten mit dem Vorgang vertraut sind, ist die Geschichte relativ schnell erledigt. Nur das Geldzählen dauert natürlich seine Zeit. Zwei Zettel, die uns der Vermesser ausgehändigt hat, werden gestempelt und unterschrieben, Quittung dran und wir können abdampfen. Eigentlich beträgt die Kanalgebühr ja „nur“ 1000 US, aber wir müssen ein Deposit von 850 US hinterlegen, falls wir während der Kanalpassage eines der riesigen Schleusentore beschädigen oder einen Tanker versenken! Hoffentlich versiegt unser Kohle nicht in einem dunklen panamaischen Kanal und wird auch wieder rückerstattet.

Stress (12)

Mittags bin ich wieder in der Marina zurück und kann am Nachmittag die dritte Schicht Antifouling auflegen. Antje hat inzwischen wahre Wunder im Inneren unserer Auriga vollbracht und alle Schimmelflecken aus dem Holzinterior entfernt – Super Job, meine Liebe! Am Abend trefffen wir uns wieder mit Chris und rufen nach 18 Uhr die Kanalgeschellschaft an, um unseren Transittermin auszumachen. Wir haben Glück und der 5. Januar ist noch nicht vergeben. Allerdings haben nur wir Glück! Die vormittägliche Einzahlung der SY Nemo ist aus irgendeinem Grund noch nicht im System und Chris soll sich in zwei Stunden nochmals bei der Behörde melden. Letztendlich klappt es dann aber doch und wir können zusammen im Januar durch den Panamakanal schleusen. Jetzt müssen wir nur noch die notwendigen Leinen und Fender besorgen und der Fahrt in den Pazifik steht nichts mehr im Weg, aber das kann bis nach den Feiertagen warten.

Am Donnerstagmorgen geht es mit Putzen und Streichen weiter. Leider reicht das Antifouling nur für vier Lagen, allerdings ist die Schichtdicke mittlerweile auf gut drei mm angewachsen und das sollte doch reichen. Während Antje noch bis zum Abend mit putzen beschäftigt ist, gönne ich mir einen ausgiebigen Nachmittagsschlaf. Eigentlich wollte ich noch ein Seeventil austauschen, aber ich kann das alte einfach nicht lösen. Am Freitag soll unsere Auriga wieder ins Wasser kommen. Ich wache um 5 Uhr morgens auf und das blöde Ventil lässt mir einfach keine Ruhe. Also schlappe ich noch im Dunklen zum Boot und beginne das Scheißding erneut zu bearbeiten! Trotz aller Flüche und Verwünschungen will es sich einfach nicht lockern. Das eigentliche Problem ist, dass ich nur einen 52-iger Schlüssel habe. Um kurz vor 8 Uhr gehe ich zur Werft und frage, ob ich mir einen entsprechenden Schlüssel ausleihen kann. Ein 52-iger ist zwar nicht verfügbar, dafür bekomme ich aber einen riesigen „Engländer“. Schnell zurück zum Boot und das Seeventil ergibt sich widerstandslos – Hurra! Das neue Ventil ist rasch eingebaut und kurz darauf kommen die Werftmitarbeiter und unsere kleine Auriga wird wieder ins Wasser gehievt. Um 10 Uhr können wir an unserem alten Liegeplatz festmachen, wenn alles immer so reibungslos funktionieren würde, hätte ich bestimmt ein paar graue Haare weniger.

Stress (5)

Am Nachmittag machen Antje, Birger und ich noch einen Ausflug nach Colon, um die letzten Geschenke und Einkäufe für Weihnachten zu erledigen. Mittlerweile ist auch Kenneth von der SY Felicia wieder in der Shelter Bay gelandet. Eigentlich wollte der sehr sympathische Däne mit seiner Familie nach Curacao und von dort in die Heimat zurückfliegen. Da wir uns bei unserem zweiten Besuch auf den San Blas Inseln leider verpasst haben, ist die Überraschung natürlich groß. Die Familie ist mittlerweile wieder in Dänemark und der Versuch nach Curacao zu seglen bei den zur Zeit herrschenden Christmaswinds mit bis zu 25 Knoten Wind auf die Nase und vier Meter hohen Wellen einfach zum Scheitern verurteilt. Zwischendurch hatte der Arme auch noch Motorprobleme! Also ist er zurück in die Shelter Bay Marina und wird hier sein Boot an Land stellen, bevor er Ende Dezember zu seiner Familie nach Sonderborg zurückkehrt. Selbstverständlich laden wir Kenneth zu unserem Weihnachtsessen ein. Zusammen mit Joachim, Chris und Elayne sind wir somit eine illustre, internationale, neunköpfige Gesellschaft an Heiligabend – herrlich.

Da am Samstag nichts Besonderes ansteht, beschließe ich noch schnell unseren Kleiderschrank zu renovieren. Das dafür nötige Holz habe ich schon in Santa Marta besorgt, jetzt muss es eigentlich nur noch angepasst, geschliffen und lackiert werden und dann ist der neue Kleiderschrank auch schon fertig. Natürlich habe ich mich vor drei Monaten gründlich vermessen, nichts passt und ich bin mal wieder am Fluchen ohne Ende. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und mit Birgers Stichsäge werden die einzelnen Holzteil auf Maß gebracht. Fünf Stunden später ist es vollbracht, ich bin völlig durchgeschwitzt, aber jetzt passt alles. Danach noch schnell schleifen und die erste Lackschicht drauf. Glücklichweise gibt es in der Marina eine Working-Zone, wo ich die Arbeiten erledigen kann. In der Nacht auf Weihnachten wache ich mal wieder um 3 Uhr auf und bin wach! Da ich nichts Besseres zu tun habe, beschließe ich die Holzteile zum zweiten Mal zu lackieren, warum auch nicht? Bei Sonnenaufgang ist alles fertig und am Mittag kann der neue Kleiderschrank zusammengebaut werden – Sehr schönes Weihnachtsgeschenk!

Stress (15)

Am Nachmittag bereiten wir gemeinsam mit der Samanthacrew unser Weihnachtsmenü vor:

  • Garnelen mit Knoblauch an frischem Pflücksalat

  • Gegrillter Fetakäse mit Tomaten, Zwiebeln und Rosmarin

  • Schinkenbraten mit Bier-Zwiebel-Soße und frischem Brot

  • Bratäpfel mit Vanillesoße

Um 18 Uhr treffen wir uns mit den anderen Crews und verbringen zusammen das bisher schönste Weihnachten unserer Reise. Es wird viel gelacht und genauso viel getrunken, aber alle sind happy! Das Essen war übrigens genauso lecker, wie es sich anhört …

Fair winds und bis bald,

eure Gourmets von der Auriga

San Blas Inseln – Hin und wieder zurück …

Hin (24)

Nach meiner 24-stündigen Odyssee in Panama City ziehe ich alle Register und beginne vorsichtshalber eine duale Antibiotikatherapie mit „Alles tot“ und „Hau drauf“, dazu ein Kübel Fiebersenker und natürlich was für den Magen und schon ist Besserung in Sicht. Nach drei Tagen ist das Fieber weg und ich fühle mich deutlich besser. Da die Antibiotika anschlagen, fallen wenigstens einige für Panama typische Tropenerkrankungen, wie Dengue-Fieber und die Chagas-Krankheit als Ursache aus. Gegen Tollwut und Gelbfieber bin ich geimpft, Malaria spricht auf die verabreichte Giftmischung nicht an und somit bleibt nur ein bakterieller Infekt als Ursache übrig! Bei der von mir gewählten Antibiotikakombination haben die ungebetenen Einzeller allerdings keine Chance mehr und ich bin nach einer Woche wieder auf dem Damm. Was letzlich die Ursache war bleibt zwar im Dunkel, aber egal, nur das Ergebnis zählt und wer heilt hat Recht – in diesem Fall also ich!

Bevor wir Nomolulu verlassen, werden wir noch Zeuge von Müllentsorgung auf Kuna-Art. In den nahegelegenen Mangroven legen zwei Kanus an und werfen ca. 20 große Mülltüten mitten in die ufernahe Vegetation – Shocking! Als überzeugte Mülltrenner können nur mühsam unser Entsetzen über das Schauspiel unterdrücken. Andererseits haben die hier lebenden Kunas mit Sicherheit andere Sorgen als eine umweltverträgliche Müllentsorgung nach westlichem Stil! Jetzt verstehen wir auch, warum im morgendlichen Funknetz (Panama-Net auf SSB 8137 Hz) die neu ankommenden Segler davor gewarnt werden, den Einheimischen den anfallenden Müll zu überlassen. Das Funknetz wird von einigen amerikanischen Dauerliegern betrieben und bietet immer wieder ganz gute Informationen rundum das Archipel. In der täglichen Funkrunde kann sich jeder melden, Fragen stellen oder Aufrufe tätigen. Häufig geht es um Reparaturen jeder Art, aber auch absolute Notfälle, wie die nicht mehr funktionierende Eiswürfelmaschine! werden thematisiert.

Die zwei Seemeilen bis Carti Sugdup motoren wir auf einer Backe. Eine dreiviertel Stunde später ankern wir direkt vor der bewohnten Insel. Da uns der Wind mit fast fünf Beaufort um die Nase weht und eine ziemlich unruhige See verursacht, verschieben wir unseren Ausflug auf die Insel erstmal auf den nächsten Tag – wir wollen ja trockenen Hinterns auf die Insel kommen. Am Nachmittag ist wie fast jeden Tag der obligate Regenschauer angesagt. Also verbringen wir einen gemütlichen Tag an Bord und schmeißen das Bordkino an. Nach einer gut durchgeschüttelten Nacht, hat sich das Meer am nächsten Morgen beruhigt und gibt sich mal wieder total unschuldig, das alte Miststück. Wir satteln unser Mixeddinghi (Zweitaktmotor von der Samantha und unser Beiboot), motoren ein paar Meter und können direkt am „Tante Emma Laden Deluxe“ anlegen. Das Angebot ist überraschend vielfältig. Neben den typischen Konserven, trockenen Bohnen und Reis finden wir auch reichlich frisches Obst und Gemüse sowie haufenweise Eier. Bevor wir allerdings zuschlagen, wollen wir erst noch das Dorf erkunden.

Alle bewohnten Kunadörfer sind praktisch bis auf den letzten Quadratzentimeter mit unterschiedlichen Hütten bebaut, aber hier auf Carti Sugdup ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Platz mehr. Die Wege zwischen den Behausungen sind schmal, jede zweite Hütte bietet entweder Lebesmittel, Molas oder Kinderspielzeug an, was sicher daran liegt, dass in der Hauptsaison – also in der Nicht-Regenzeit – hin und wieder Kreuzfahrtschiffe in der Nähe ankern und die Insel dann mit Touristen geflutet wird. Allerdings verkraftet die kleine Insel keine 3000 Menschen gleichzeitig, also werden die Kreuzfahrer laut unserem Guide in mehreren Schichten auf die Insel befördert. Aus diesem Grund gehören die Carti Islands auch zu den „buisiest parts of the San Blas Islands“ und sind nebenbei noch Zentrum der Molaproduktion. Molas sind typische Nähkunstwerke der Kuna-Indianer. Sie bestehen aus Stoffresten, die in zwei bis sieben Lagen miteinander vernäht werden und durch Heraustrennen und Umnähen von einzelnen Flächen ein Motiv ergeben. Die Qualität der Molas ist abhängig von der Anzahl der verwendeten Stofflagen, der Feinheit der Nähstiche und der Gleichmäßigkeit der Nähte. Die Nähkunstwerke werden auf Vorder- und Rückseite von Blusen genäht und sind Teil der typischen Tracht der Kunafrauen. Die klassischen Molas sind vor allem durch geometrische Muster gekennzeichnet, aber auch moderne dem Geschmack der Touristen angepasste Motive sind erhältlich.

Hin (7)

Am Ende der Insel kündigt eine große Tafel überschwänglich ein Museum an. Selbstverständlich wollen wir da rein! Nach ein paar Minuten haben wir die windschiefe Hütte gefunden. Im Fenster sehen wir einige Seewasserschneckenhäuser liegen, durch die offene Tür können wir im Inneren ausgestellte Molas ausmachen. Bei einem Eintrittspreis von 5 US pro Person, entschließen wir uns spontan gegen einen Besuch des ca. 10 qm großen Museums und machen uns auf den Rückweg. Obwohl ein Drittel der Insel aus Läden besteht, ist es leider nicht möglich, frisches Backwerk zu organisieren – manana! Zurück im Supermarkt wird erstmal kräftig frische Ware eingekauft. Wir haben allerdings so viele Lebensmittel erstanden, dass Felix uns in zwei Etappen auf die Boote bringen muss! Gegen Mittag ist alles verstaut und wir können zu den Lemon Cays aufbrechen.

Die Lemon Cays bestehen aus mehreren Inseln und gehören zu den am besten touristisch erschlossenen Inselgruppen der San Blas Inseln, was bedeutet, es gibt hier ein Hotel mit Restaurant. Die einzelnen Lodges stehen auf Stelzen im Wasser und sehen wirklich hübsch aus. Allerdings wird nur der Teil der kleinen Insel gepflegt der auch benützt wird, der Rest vegetiert mehr oder weniger als Müllhalde vor sich hin. Die Einfahrt in das Archipel nicht ganz ohne! Obwohl die flachste Stelle laut Karte immerhin drei Meter beträgt, fahren wir mit äußerster Vorsicht zwischen den einzelnen Untiefen hindurch, aber alles geht gut und wir erreichen heil unseren Ankerplatz, zwischen den Inseln Tiadup, Miriadup und Nagurchirdup. Diese Inselgruppen können trotz Karte nur am Nachmittag angelaufen werden, weil man dann die Sonne im Rücken hat und dadurch bis auf den Grund sehen kann. Wenn vormittags das Licht von vorne kommt, reflektiert das Wasser so stark, dass man den Meeresboden nicht sehen kann – kleiner Tipp, falls es mal einen unserer Leser hierher verschlägt.

Da es ausnahmsweise am Nachmittag mal nicht regnet, motoren die anderen mit dem Dinghi zum Außenriff und schnorcheln ein bisschen. Ich bin immer noch auf Antibiose und bleibe deshalb mit Felix an Bord. Die Unterwasserwelt ist durchaus sehenswert und noch halbwegs intakt. Antje, Alex und Birger treffen die üblichen Bekannten unter der Oberfläche, sehen einige große Rochen durchs Wasser schweben und genießen das Bad im warmen Meer. Am späten Nachmittag bekommen wir dann noch von einer alten Kuna-Indianerin Besuch. Soweit wir verstehen, ist sie drei Stunden lang mit dem Kanu von Carti bis hierher gepaddelt, um ihre Molas an den Segler zu bringen. Wir bitten die Dame an Bord und lassen uns die Nähkunstwerke präsentieren. Die arme Frau hat vor einem Monat ihren Mann verloren und muss nun ganz alleine die 18-köpfige Familie ernähren! Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Verkaufsstrategien auf der ganzen Welt die gleichen sind! Mitleid, Armut und Not ziehen immer! Okay, wir entschließen uns zwei, wirklich schöne Molas zu kaufen, aber die Alte hat noch einen ganz anderen Trick auf Lager – Sie will einfach nicht gehen! Offensichtlich nehmen wir ihr nicht genung Ware ab und sie bleibt in den Himmel starrend einfach sitzen. Sitzstreik als Verkaufsargument, damit sind wir absolut überfordert. In Anbetracht der ausgeklügelten Verkaufsstrategie des alten Miststücks, nehmen wir ihr noch eine weitere Mola ab. Allerdings wird es bei den Preisverhandlungen jetzt echt schwierig. Die Gute kann absolut nicht rechnen. Eigentlich will sie für jede Mola 25 US haben. Wir geben ihr drei 20 US-Noten, einen Zehner und einen Fünfer. Sie legt daraufhin 20 US plus den Fünfer auf die erste Mola, danach wird es aber äußerst diffizil, weil man die restlichen Geldscheine nicht gleichmäßig auf die zwei verbleibenden Molas verteilen kann. Also beschließt die Dame einfach den Preis zu erhöhen und verlangt nun 30 US pro Mola, weil sie gesehen hat, dass wir jeweils drei Zehner und drei Zwanziger haben. Die Situation ist so absurd, dass ich schließlich aufgebe und der armen Frau – schließlich eine alleinerziehende Mutter von 18 Kindern! – insgesamt 90 US in die Hand drücke, damit sie endlich unser Boot verlässt und in ihrem Kanu abzieht, was für eine abgezockte Sozialterroristin. Immerhin kann ich sie noch zwingen, sich fotografieren zu lassen, wenigstens ein Teilerfolg für uns!

Mittlerweile sind auch Chris und Elayne von der SY Nemo, die wir in Santa Marta kennengelernt haben, auf den San Blas Inseln angekommen und liegen nur einige Seemeilen entfernt in den Eastern Hollandes Cays. Da mein Geburtstag in zwei Tagen ansteht, wollen wir uns mit den Australiern in den Central Hollandes Cays treffen und gemeinsam feiern. Allerdings macht uns das Wetter mal wieder einen Strich durch die Rechnung! Es regnet zwei Tage lang in Strömen und an eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. Aber was soll´s, warum sich die gute Laune verderben lassen! Während einer Regenpause entern wir gemeinsam mit unseren Freunden Alex und Birger an meinem Geburtstag das Restaurant und lassen uns Oktopussalat mit Knoblauch schmecken. Danach geht’s auf die SY Samantha und wir verbringen nach Kaffee und Kuchen einen fröhlichen Nachmittag mit Kartenspielen. Übrigens vielen Dank für den schönen Tag und die vielen Geschenke meine Lieben!

Was uns allerdings die Laune auf den Lemon Cays gründlich verdirbt sind die Sandfliegen. Während nach jedem Regenschauer der Strand und die Hotellodges ausgeräuchert werden, haben wir mit den restlichen Sandfliegen zu kämpfen. Die kleinen Mistviecher werden vom Wind auf unser Boot getragen und scheinen vor allem in den frühen Morgenstunden reichlich Appetit zu haben. Die nur ein bis zwei Millimeter großen, schwarzen Fliegen sind kaum zu sehen, passen durch jedes Moskitonetz und scheinen über T-Rex-artige Beißwerkzeuge zu verfügen. Jeder Biss ist eine echte Höllenqual! Wir müssen unbedingt weg und die Flucht ergreifen…

Am nächsten Tag hört es endlich auf zu regnen und wir verlagern uns in die Central Hollandes Cays. Kaum haben wir unseren Anker geworfen, kommt schon Chris als Begrüßungskomitee von der SY Nemo im Dinghi angerauscht. Ich bekomme eine Zigarre als nachträgliches Geburtstagsgeschenk und wir tauschen die neusten Informationen bei ein, zwei Bierchen aus. Die nächsten Tage statten wir uns gemeinsam mit der Samanthacrew gegenseitig Besuche hab, sofern es nicht regnet. Während wir bei unserem ersten Aufenthalt auf den San Blas Inseln wirklich Glück mit dem Wetter hatten, scheint unser zweiter Besuch unter keinem guten Stern zu stehen. Im Urlaub macht mir schlechtes Wetter ja nichts aus, aber wenn man auf einem Boot lebt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Die normlerweise in Panama vorherrschende Luftfeuchtigkeit von 85% führt dazu, dass nach spätestens zwei Wochen praktisch alles im Boot irgendwie feucht und klamm ist. Egal was man anfasst, alles ist von einer feinen Feuchtigkeitsschicht überzogen. Wenn es auch noch mehr oder weniger ständig regnet wird es schlicht und ergreifend nass im Boot. Es ist ein bisschen wie im Regen zelten und geht uns allen langsam tierisch auf die Nerven. Vor allem haben wir mittlerweile ein echtes Schimmelproblem! Wir kommen mit dem Putzen kaum noch hinterher …! Außerdem wird uns langsam langweilig, weil man bei schlechtem Wetter ziemlich wenig auf dem Boot unternehmen kann und ständig im Salon rumhängen ist auch nicht so wahnsinnig toll!

Wir verbringen drei Tage im Regen auf den Central Hollandes Cays und dann haben wir die Schnauze voll und wollen weiter – Scheiß Wetter. Also verlegen wir uns nach Yansaladup in die Nähe von Chichime. Während die SY Samantha und wir am nördlichen Rand des Archipels ankern, bleibt die SY Nemo im südlichen Teil des Archipels, da sie dort alte Bekannte getroffen haben. Während der nächsten Tage haben wir vor allem nachts immer wieder Wind bis 25 Knoten. Für die SY Samantha uns uns ist das überhaupt kein Problem, weil wir an unserem Ankerplatz ausreichend Platz zum Schwojen haben. Bei der SY Nemo sieht es allerdings ganz anders aus. Hier liegen die Boote ziemlich dicht aufeinander und so haben die beiden kaum eine ruhige Nacht, weil sie ständig gefahrlaufen, von anderen Booten gerammt zu werden – arme Tröpfe! Größtest Highlight vor Yansaladup ist unser Treffen mit Lisa. Lisa ist eigentlich ein Mann, aber wenn es in den Kunafamilien zu wenig Mädchen gibt, wird einfach ein Junge als Mädchen erzogen! Bemerkenswert daran ist allerdings, dass Lisa in unserem Cruising Guide mehrfach erwähnt wird. Irgendwie ist es schon komisch, wenn man Menschen trifft, über die in Büchern berichtet wird, zumal das in gewöhnlichen Reiseführern nicht so oft der Fall ist. Ein bestimmtes Gebäude oder Restaurant, okay, aber echte lebende Menschen – das ist doch irgendwie unheimlich!

Lisa kommt mit dem Kanu, was sonst, sie/er fährt natürlich selbst und sieht älter aus, als auf den Fotographien im Buch. Im Schlepptau hat sie natürlich die unvermeidlichen Molas! Wir bitten sie an Bord und bieten ihr eine Cola an. Wir unterhalten uns ein bisschen und nach einem gepflegten Rülpser – nicht so wahnsinnig ladylike – bekommen wir eine Auswahl ihrer Kollektion präsentiert. Natürlich können wir nicht ablehnen und nehmen ihr zwei weitere Molas ab. Damit haben wir im Laufe der Zeit insgesamt elf Molas erstanden, genug um eine kleine Ausstellung damit zu organisieren, allerdings sind wir jetzt pleite – aber was soll´s! Am Abend beschließt unsere mittlerweile aus drei Booten bestehende Flottille am nächsten Tag Richtung Shelter Bay Marina aufzubrechen. Erster Zwischenstop auf dem Weg nach Colon soll die Green Turtel Bay sein, wo eine richtige Marina und ein Restaurant uns anlocken. Am nächsten Tag legen wir einen echten Frühstart hin und verlassen gegen 07 Uhr unsere Ankerplätze und segeln gen Westen. Mit durchschnittlich 15 Knoten im Rücken erreichen wir unser Ziel am frühen Nachmittag. Leider haben wir auf der gesamten Strecke von 30 Seemeilen reichlich Schwell aus Norden und so schaukelt unsere Auriga mal wieder kräftig hin und her, was Antjes Magen gar nicht gut bekommt. Als wir nach sechs Stunden die Green Turtel Bay erreichen, drückt so viel Schwell in die Bucht, dass wir mit einer ziemlich ungemütlichen Nacht rechnen müssen. Also beschließen wir via UKW-Konferenz die wesentlich geschütztere Linton Bay anzulaufen. Okay, mal wieder Linton Bay. Wir kommen gerade noch vor Einsetzen des üblichen nachmittäglichen Regenschauers an, können uns just in time unter der Sprayhood verkriechen und Antje erholt sich langsam wieder.

Das Wetter spielt die nächsten drei Tage wieder nicht mit und wir vertreiben uns die Zeit damit, das Cockpit trocken zu starren. Um etwas Abwechslung in unseren trüben Alltag zu bringen, verabreden wir uns mit der Samantha- und der Nemocrew zum Mittagessen im Restaurant Casa X am Ufer. Kurz bevor wir aufbrechen wollen beginnt es natürlich wieder zu regnen. 90 Minuten später können wir dann mit knurrenden Mägen endlich los und lassen uns kurz darauf Snapperfilet und gegrillte Hühnchenteile schmecken. Während des Essens diskutieren wir über die weitere Wetterentwicklung. Die letzten Prognosen sind allerdings nicht so richtig prickelnd. Anscheinend zieht ein Sturm an der Küste Costa Ricas nach Süden und könnte uns in drei bis vier Tagen erwischen. Aus diesem Grund wollen wir am nächsten Tag weiter nach Portobello. Die Stadt liegt am Ende einer tief ins Festland ziehenden Bucht und war während der spanischen Kolonialherrschaft der wichigste atlantische Hafen der Spanier in Mittelamerika. Von hier wurden Gold und andere Güter nach Europa verschifft. Glücklicherweise ist die Bahia de Portobello nur ca. zehn Seemeilen entfernt, so dass wir am nächsten Tag eine Regenpause nutzen können, um uns dorthin zu verlegen. Bei Sonnenschein und brütender Hitze gehen wir anderntags um 10 Uhr Anker auf. Natürlich bekommen wir Wind und Welle auf die Nase, aber nach knapp drei Stunden entern wir den natürlichen Hafen. 30 Minuten später beginnt es wieder zu regnen, was sonst!

Als wir in die Bahia de Portobello einschwenken, wird uns sofort klar, warum die Spanier seinerzeit diese Bucht zu ihrem wichtigsten Hafen erklärten. Wie ein Trichter verjüngt sich der Einschnitt ins Festland. Insgesamt drei Verteidigungsanlagen sicherten damals die spanische Armada vor feindlichen Überfällen. Einige traurige Reste der Festungsanlagen können wir noch am Ufer erkennen. Heute bietet sowohl der natürliche Hafen als auch die Stadt einen eher bemitleidenswerten Anblick. In der Bucht befinden sich bestimmt über zehn auf Grund gelaufene Schiffe, die hier langsam vor sich hin gammeln. Wenigstens dienen sie uns beim Einlaufen als Kennzeichnung der Flachwasserzone. Als der Regen endlich etwas nachlässt, machen sich Antje, Birger und ich in die Stadt auf, um unsere langsam zur Neige gehenden Nahrungsmittel aufzustocken. Die ehemals florierende Hafenstadt ist mittlerweile dem Verfall preisgegeben. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die sengende Hitze hinterlassen deutliche Spuren an den ziemlich baufällig wirkenden Gebäuden. Es ist so feucht, dass sogar die Dächer und Wände der Häuser nur so vor Vegetation strotzen. Im Zentrum von Portobello besuchen wir die Kirche mit dem berühmten schwarzen Christus. Nett, aber nicht wahnsinnig beeindruckend. Deutlich größeres Interesse erzeugt der Chinesenmarkt gegenüber. Wir kaufen ein paar Dinge für´s Abendessen ein und beschließen auf der Rückfahrt am nächsten Tag in die Shelter Bay Marina bei Colon aufzubrechen. Jaja, mal wieder in die Shelter Bay Marina. Interessanterweise ist sie die einzige Marina, in die wir seit unserem Start in Italien vor über zwei Jahren zum zweiten Mal einlaufen!

Am Freitagmorgen um 10 Uhr geht es los. Felix ist überglücklich, nach beinhe fünf Wochen wieder in eine richtige Marina zu kommen. Die Aussicht auf unbegrenzten Strom und Internet lassen ihn bereits am Morgen frohlocken. Auf der Fahrt zur 20 Seemeilen entfertnen Shelter Bay haben wir sogar Glück! Es regnet ausnahmsweise nicht und die normalerweise vorherrschende 1 – 1,5 Knoten starke Gegenströmung hat sich heute auf einen halben Knoten abgeschwächt. Nach vier Stunden erreichen wir die Marina, mittlerweile haben sich über uns schon wieder dunkle Gewitterwolken gebildet, aber wir schaffen es noch gerade rechtzeitig bevor sich die Himmelsschleusen öffnen. Wir checken noch schnell ein, besorgen drei Internetzugänge, das Kind ist glücklich und wir haben unsere Ruhe. Nach einer ausgiebigen Dusche geht’s mit Chris und Elanye noch ins Restaurant und danach sind wir so platt, dass alle nur noch ins Bett wollen …!

DCIM100MEDIA

Fair winds und bis bald,

eure Wetterfrösche von der Auriga

Regen, Regen, nix als Regen …. oder neulich in Panama City

Montagmorgen ist der Himmel zwar bedeckt, aber wir wollen trotzdem von Linton Bay aus weiter. Kaum eine Stunde unterwegs, befinden wir uns mal wieder in einem “isolated thunderstorm“ mit viel, wahnsinnig viel Regen, aber nur wenig Wind – war ja klar, es ist schließlich auch der 13. und keiner hat´s gemerkt. Und weil der 13. einfach Unglück bringt, verfolgt uns die Schlechtwetterfront die nächsten 30 nm bis nach Chichime. In strömendem Regen laufen wir den völlig überfüllten Ankerplatz an. Wir zählen inklusive der SY Samantha und der SY Auriga über 20 Boote. Trotzdem finden wir noch eine einigermaßen große Lücke und lassen unseren Anker in 12 Meter Tiefe fallen. Obwohl es bereits später Nachmittag ist, laufen noch zwei weitere Schiffe den gut geschützten Ankerplatz vor Chichime an und jetzt wird es wirklich langsam eng! Eine der beiden Jachten legt ein echt sportliches Ankermanöver hin. Bei voller Fahrt und Rückenwind wird der Anker einfach ins Wasser geschmissen. Die Ankerkette kratzt am Rumpf, die Winsch ächzt und die Mannschaft wartet bis sich das Boot langsam in den Wind dreht – sehr interessant, aber es scheint zu funktionieren.

Die nächsten beiden Tage und Nächte zieht ein gewaltiges Unwetter über die San Blas Inseln. Es regnet fast die ganze Zeit. Wir spannen eine Abdeckplane über unser Boot und können so wenigstens eine Decksluke fast die ganze Zeit auflassen, ohne dass unser Boot volll läuft und haben so immer eine frische Brise im Salon. Nach der ersten Nacht erwache ich zufällig im Morgengrauen und entdecke zu meinem Entsetzen, dass die benachbarte Yacht langsam aber sicher auf Tuchfühlung mit unserem Heck geht. Ich klettere auf die Badeplattform und gebe dem anderen Boot einen beherzten Schubs. Kurz darauf erscheint die italienische Besatzung, schmeißt den Motor an und bringt das Schiff wieder in Position. Im Laufe des Tages nimmt der Wind auf etwas über 20 Knoten zu und es kommt Bewegung in die Ankergemeinde. Mehrere Anker brechen aus, Boote gehen auf Kollisionskurs, Motoren werden hektisch gestartet und neue Ankerplätze gesucht. Das nachmittägliche Treiben ist auf alle Fälle sehr spannend und kurzweilig, vor allem weil auch unsere italienischen Nachbarn wieder auf Kuschelkurs mit uns gehen. Als der Wind etwas nachlässt beschließt der Nachbar-Skipper glücklicherweise einen neuen Ankerplatz für sein Boot zu suchen. Natürlich hat sich seine Kette um unsere gewickelt, aber mit vielen Fendern und einem wirklich gekonnten Manöver kann er sich befreien und liegt nach einigen Ankerversuchen in ausreichendem Abstand zu uns!

Am dritten Tag vor Chichime lässt sich endlich die Sonne wieder blicken und die Gewitterfront ist nach Osten abgezogen. Antje und ich lassen uns von Felix auf die Insel bringen und machen einen kleinen Spaziergang. Auf der Insel befinden sich mehrere mietbare Hütten und ein kleiner Kiosk. Auf gut angelegten Wegen kann man die kleine Insel erkunden. Zu unserer Überraschnung ist weit und breit kein Müll zu sehen. Überall sind Mülleimer aufgestellt, die ganze Insel ist wirklich sehr gepflegt – wir sind echt positiv überrascht! Am nächsten Tag wollen wir nochmal zusammen mit der SY Samantha die Insel besuchen, allerdings kommen uns mehrere gut genährte Langusten am Vormittag in die Quere. Während Alex, Antje und Birger die Insel besuchen, widmen sich Felix und ich den Langusten. Die fangfrischen Krustentiere werden in kochendem Wasser getötet und anschließend fachgerecht zerlegt. Am Abend werden die Leckerbissen gratiniert und mit Salat und frischem Brot verspeist – ein echtes Festmahl! Obwohl wir beim anschließenden Kartenspielen von Birger regelrecht abgezockt werden, ist es doch ein sehr kurzweiliger Abend.

Eigentlich war ja geplant am nächsten Tag auf die Lemon Cays weiter zu fahren, aber daraus wird leider nichts, weil ich seit vier Tagen unklares Fieber habe und in Panama City ein Krankenhaus aufsuchen möchte. Wir beschließen deshalb uns nach Süden auf die Carti Islands zu verlegen, weil hier die einzige Straße, die in die autonomen Kunagebiete führt, endet. Nach einer gemütlichen zweistündigen Motorfahrt sehen wir einen langen Strand mit mehreren Stegen. Von hier aus werden die San Blas Inseln mit Lebensmitteln, Treibstoff, Medizin und anderen Gütern versorgt. Wir ankern um die Ecke vor Nomolulu und machen uns am Nachmittag zu den Anlegern auf. Hier können wir ein Taxi nach Panama City für den nächsten Tag organisieren und nach gebratenem Reis mit Hühnchen im örtlichen Restaurant geht es zurück auf´s Boot. Die SY Samantha konnte sich noch nicht von Chichime losreißen und wird am nächsten Tag zu uns stoßen.

Montagmorgen bringen mich Felix und Antje um 08:00 Uhr morgens an Land und ich mache mich nach Panama City auf. Eine Stunde später sitze ich im Taxi und lasse mich ins „Centro Medical Piatilla“ in die Stadt fahren. Die Fahrt ist ein echtes Erlebnis! Zunächst geht es ca. zwei Stunden durch die unberührte Regenwaldlandschaft der San Blas Hills. Links und rechts der Straße befindet sich undurchdringlicher Dschungel. Hier sagen sich Faultier und Jaguar gute Nacht! Nach ca. 30 km erreichen wir das Ende des autonomen Kunagebietes „Kuna Yala“. Hier befindet sich mitten im Nirgendwo eine Grenzstation (Sandsackstellung) des panamaischen Militärs, die Soldaten sind schwer bewaffnet und alle werden kontrolliert. Anschließend wird die Straße langsam besser und in der Ferne ist die Skyline von Panama City langsam zu erkennen. Kurz vor Mittag setzt mich der Fahrer vor dem Krankenhaus ab. Eine Rückfahrmöglichkeit gibt es heute nicht mehr, ich soll mich bis 18 Uhr bei der Taxiagentur melden und mich am nächsten Tag vom Hotel aus abholen lassen – Okay, kein Problem. Erstmal ins Krankenhaus, danach ein Hotel organisieren und vielleicht noch ein bischen Sightseeing im Bankenviertel, so ist jedenfalls mein Plan.

Mit meinem Wörterbuch „Spanish for Cruisers“ bewaffnet betrete ich das Centro Medical und frage micht zur Notaufnahme durch. An der Rezeption stößt meine auf englisch vorgebrachte Bitte nach Behandlung nur auf Achselzucken. Aus der Ambulanz wird eine englisch sprechende Krankenschwester herausgezerrt und ich erkläre mein Anliegen. Alles kein Problem, aber erstmal zur Anmeldung. Drei Schalter später, ich habe ein Kreditkartendeposit von 300 US hinterlegt, kann ich in den Wartesaal. Glücklicherweise ist nicht gerade die Hölle los. Ein junger Mann, der kurz vor mir „eincheckte“, wird nach 20 Minuten aufgerufen – super dann ist ja vielleicht alles schnell erledigt. Zwei Stunden später, ich warte immer noch, werde ich langsam ungeduldig. Mittlerweile ist im Wartesaal ein fröhliches Kommen und Gehen, allerdings werde ich das Gefühl nicht los vergessen worden zu sein. Ich passe eine Verwaltungsangestellte ab und gebe ihr zu verstehen, dass ich bereits seit zwei Stunden auf einen Arzt warte. Sie schlappt in die Ambulanz, ein Pfleger kommt auf mich zu – No Problemo, you are the next one!

Weitere zwei Stunden später, es ist bereits 16 Uhr, kommt der junge Mann, der gleichzeitig mit mir eingetroffen ist, aus der Notaufnahme! Jetzt bin ich echt sauer, ich koche förmlich – Scheiß Laden! Kurzentschlossen entere ich die Notaufnahme und texte die erste Angestellte, die ich sehe, auf english zu und äußere deutlich meinen Unmut über die mittlerweile vierstündige Wartezeit. Die versteht natürlich nix, aber eine Kollegin kommt angesprungen und möchte den Grund meines Besuchs erfahren. Ich erkläre mein Anliegen zum achten Mal an diesem Tag. Wie denn mein Name sei. Ich sage ihn ihr – allerdings erntet sie auf Nachfrage beim Personal nur Kopfschütteln – Höppler, nie gehört! Mir entgleisen jetzt ganz offensichtlich die Gesichtszüge und ich strafe die anwesenden Ärzte und Schwestern mit dem maximal möglichen bösen Blick! Nach einer kurzen Diskussion lasse ich mich erneut vertrösten. Oh, sorry, no problemo, you are the next one!

Um 17:30 Uhr, ich warte immer noch, bin aber mittlerweile im Zugzwang. Ich brauche ein Hotel, sonst komme ich am nächsten Tag nicht zurück nach Carti. Völlig entnervt verlasse ich die Klinik ohne Behandlung – vielen Dank liebes Centro Medical Piatilla für deine professionelle Hilfe, dann mach ich´s halt doch selber – und checke im Hotel gegenüber ein. Der Rezeptionist ist so freundlich, für mich die Taxiagentur anzurufen und meine Abholung am nächsten Tag um 05 Uhr in der Früh klar zu machen. Wenigstens etwas! Völlig untypisch für mich habe ich mich intuitiv in einen richtigen Luxusschuppen eingemietet. Auf meinem Zimmer lese ich im Hotelprospekt, dass ich mich im erst 2016 eröffneten “Las Americas Golden Tower Hotel“, 5 Sterne, direkt gegenüber des sehr renommierten „Centro Medical Piatilla“ befinde. Als ich das lese, möchte ich am liebsten auf den Boden kotzen! Nach einer heißen Dusche, im Wartesaal hatte es ca. 18° C., gehe ich noch etwas essen und danach ziemlich schnell ins Bett – Was für ein Scheißtag!

Dienstagmorgen, 5 Uhr, das im Übernachtungspreis inbegriffene Frühstücksbuffet startet natürlich erst um 06 Uhr – ich warte vor dem Hotel auf mein Taxi. Eine dreiviertel Stunde später sitze ich im Auto und mache bei Sonnenaufgang eine kleine Stadtrundfahrt durch Panama City. Der Fahrer liest noch sechs weitere Passagiere auf und dann sind wir komplett. „Haben Sie ihren Reisepass dabei?“ Als ich die Frage verneine ist der Fahrer etwas irritiert. Wie? Was? Warum? Ich erkläre ihm, dass ich auf einem Boot lebe, seit ca. acht Wochen in Panama bin und bereits in Colon alle Formalitäten erledigt wurden. No, no, no, si, si, si! Er führt mehrere Telefonate und scheint anschließend zufrieden zu sein. Wir machen noch eine Frühstückspause im Supermarkt und dann geht es zurück nach Kuna Yala. Nach ca. zwei Stunden erreichen wir wieder den Grenzposten und jetzt wird es richtig schwierig, weil ich nur meinen Personalausweis, Adresse – aktuell kein Wohnort in Deutschland – dabei habe. Die Grenzsoldaten sind offensichtlich überfordert. Wo denn mein Reisepass sei? Der liegt auf dem Boot! Welches Boot? Ich erkläre die Situation so einfach wie möglich. Un Barco, Immigration Colon – Aha!? Nach einer zehnminütigen Diskussion darf ich schließlich nach Kuna Yala in Panama einreisen! Weitere 90 Minuten später bin ich in Carti und meine beiden Süßen erwarten mich bereits. Nachdem ich die Ereignisse der letzten 24 Stunden zum besten gebe, völlig sinnlos 200 US ausgegeben habe, konferieren wir mit der SY Samantha und verlegen uns kurz darauf nach Carti Sugdup, da wir uns hier noch mit frischen Lebensmitteln eindecken wollen, bevor es auf die Lemon Cays weiter geht …

Fair Winds und bis bald,

eure Regenmacher von der Auriga