Abschied von Santa Marta

Abschied Santa Marta (10)

Nachdem die Solarpanels installiert waren, geht es mit großen Schritten Richtung Ablegetermin. Da unser Visum für Kolumbien nur noch bis zum 05. September gilt, sind wir im Zugzwang. Die letzte Woche vor der Abfahrt gibt es noch einiges zu erledigen. Unsere Auriga musste nach beinahe fünf Monaten als Hausboot wieder zur Hochseejacht wiederbelebt werden. Außerdem will ähnlich viel Proviant wie für die Antlantiküberfahrt gebunkert werden, da die Versorgungsmöglichkeiten auf den San Blas Inseln eher bescheiden sind. Während Birger und ich die Boote aufklaren, sind die Mädels und Felix drei Tage lang beim Einkaufen und schleppen täglich in einer Gluthitze (die Sonne steht mittlerweile auf 8° nördlicher Breite, bevor sie am 21. September den Äquator erreicht) tonnenweise Lebensmittel an. Wie immer müssen wir vor dem Verstauen erst einmal unsere kleine Wohnung komplett umräumen. Fürs Blauwasserleben überflüssige Dinge wandern aus der Hundekajüte und den Stauräumen im Salon unter Felix Bett. Das Schnorchel- und Angelequipment zieht dafür in die Backskisten im Cockpit, Sicherheitsgurte und Rettungswesten kommen an ihre angestammten Plätze, die Ankerwinsch und unser Chinese müssen getestet werden und der Kapitän macht noch einen Ausflug in den Mast für eine Kontrolle des Riggs.

Abschied Santa Marta (11)

Selbstverständlich wird zur Vorbereitung unserer Abfahrt die gesamte Crew eingespannt. Nachdem wir reichlich Unordnung in Felixs Chaoskajüte verursacht haben, kann er den Saustall wieder reorganisieren! Außerdem darf er unsere Fender von allerlei martimen Getier befreien. Nach fünf Monaten hat sich am unteren Ende eines Fenders sogar ein kleiner Krebs häuslich eingerichtet. Wir sehen allerdings keine Mitfahrgelegenheit für das Krustentier und verweisen ihn des Bootes! Unglücklicherweise fällt mir ein paar Tage vor der Abfahrt auch noch meine geschliffene Sonnenbrille ins Hafenbecken. Während ein benachbarter Segler mit kompletter Taucherausrüstung meine Bitte nach Hilfe dankend ablehnt („In die Brühe springe ich nicht rein“), versucht Felix sein Glück. Völlig selbstverständlich taucht er im Hafenbecken. Aber ohne Licht im fünf Meter tiefen, trüben Wasser ist meine schöne Brille wohl doch verloren. Trotzdem vielen Dank für deine Hilfsbereitschaft Spucki, da kann sich der eine oder andere durchaus ein Scheibe abschneiden, aber das ist eine andere Geschichte.

Außerdem gilt es noch Gas zu besorgen. Zwei Tage vor der geplanten Abfahrt schnappen wir Männers uns die Gasflaschen und lassen uns mit dem Taxi zu Cartagas chauffieren. Als wir ankommen, stehen wir vor einem ziemlich versifften Gebäudekomplex mit riesiger Mauer und verschlossenen Türen. Trotz intensivem Gehuppe unseres Taxifahrers und Geklopfe unsererseits will sich einfach keiner blicken lassen. Allerdings erkennt unser Fahrer unser Problem sofort und erkundigt sich bei der Taxizentrale nach einer anderen Auffüllmöglichkeit. Nach einer fünfminütigen Debatte, gibt er uns mit Händen und Füßen zu verstehen, dass es noch eine andere Option gibt – okay. Wir fahren wieder ca. 20 Minuten durch unterschiedliche Vororte Santa Martas und erreichen schließlich Oximed. Der Name hört sich ja schon mal vielversprechend an. Wir treten ein und ich versuche mit meinem gebrochenen Spanisch („Tiene propano?“) unser Anliegen zu vermitteln. Die Antwort fällt natürlich gewohnt wortreich und für mich bis auf einige Brocken – propano no, butano si, conexión muy dificil, aha! – unverständlich aus. Glücklicherweise spricht Diana ein bisschen englisch und so erfahren wir, dass sie zwar Butangas haben aber keinen Adapter für unsere europäischen Gasflaschen. Typisch kolumbianische Hilfsbereitschaft greift sie zum Handy und nach mehreren Telefonaten erklärt sie uns, dass es in Cartagena eine Station gibt, die unsere Flaschen füllen könnte und wir unsere Gasbottels am nächsten Nachmittag bei ihr abholen können – super und vielen Dank. 16 Stunden später sind wir wieder vor Ort, aber keine Gasflaschen in Sicht, der Fahrer steckt im Stau! Unsere Enttäuschung hält sich allerdings in Grenzen und wir beschließen unsere Abfahrt einfach einen Tag zu verschieben. Am nächsten Morgen holen wir unser Gas ab und nach knapp fünf Tagen ist alles organisiert und wir bereit für den Abschied.

Abschied Santa Marta (1)

Ja, ja der Abschied fällt mir diesmal besonders schwer. Die letzten Tage vor der Abfahrt überkommt mich eine gewisse Schwermut hier in Santa Marta, in Kolumbien alles zum letzen Mal zu machen. Vor allem der Gedanke, dieses schöne Land in meinem Leben nicht mehr wieder zu sehen, bedrückte mich doch nicht unerheblich. Der letze Einkauf im Supermarkt um die Ecke, der letzte Restaurantbesuch hier und da, zum letzen Mal ins Viertel mit den Ferreterias oder durchs historische Zentrum schlendern – eigentlich total albern, aber ich habe mich in Kolumbien wirklich wohl gefühlt, beinahe schon begonnen Wurzeln zu schlagen und fühle mich bedrückter als sonst. Zu allem Überfluss wird kurz vor unserem Abschied die Seglergemeinde noch von einer Gruppe von drei Segelbooten erweitert, die wieder frischen Schwung in die Sundownerrunde bringen. Vor allem die Australier Chris und Elane von der SY Nemo sind einfach klasse. Mitte 2000 sind die beiden in einem selbstgebauten Offroader, der wie aus dem Film „Mad Max“ entsprungen aussieht, in sieben Jahren um die Welt gefahren und haben 142 Länder auf ihrer Reise besucht. Sie haben insgesamt 150.000 Kilometer zurückgelegt und ihre Geschichten sind einfach unglaublich – The story begins, when the chaos starts!

Abschied Santa Marta (5)

Am Mittwochmorgen ist es dann soweit. Wir wollen gemeinsam mit der SY Samantha um 08:30 Uhr ablegen. Überraschenderweise sind alle fit, wir legen pünktlich ab und verlassen Santa Marta und Kolumbien nach fünf Monaten Liegezeit mit schweren Herzen. Nächster Stopp ist Snug Habour auf den San Blas Inseln, ETA in zwei Tagen. Zunächst läuft alles soweit so gut. Dass unsere Impellerpumpe undicht ist, wußte ich schon vor der Abfahrt, aber nach ca. zwei Stunden sammelte sich doch eine größere Pfütze in unserer Bilge – Okay, dafür haben wir ja die Bilgepumpe. Gegen Wind und Strömung motoren wir mit 3,5 Knoten doch relativ mühsam an. Wir motoren allerdings eher untertourig, da die Samanta nicht so recht in Fahrt kommen will. Nach 90 Minuten werden wir von unseren Freunden angefunkt – es gibt Schwierigkeiten. Der Motor läuft unrund und der Steuerstand vibriert! Wir beraten uns und beschließen nach Santa Marta zurückzukehren. Da unsere Impellerpumpe doch mehr leckt als erwartet, fällt mir die Entscheidung zum Umdrehen nicht wirklich schwer. Nach vier Stunden Probefahrt liegen wir wieder fest vertäut an unseren alten Liegeplätzen. Am Nachmittag taucht Birger unter sein Boot und entdeckt eine ausgewachsene Muschel- und Seepockenfarm an der Antriebswelle und am Propeller! Eine ca. 2-3 Zentimeter dicke Schicht Meeresgetier hat es sich auf der Samantha gemütlich gemacht. (Bilder auf http://www.sy-samantha.de) Unglaublich, in welch kurzer Zeit die Viehcher das Boot unserer Freunde besiedelt haben, aber dafür ist die Ursache geklärt. Chris von der SY Nemo stellt seinen Tauchkompressor mit zehn Meter Schlauch zur Verfügung und Birger kann in einer halben Stunde, die Welle und den Propeller von den ungebetenen Gästen befreien.

Abschied Santa Marta (6)

Damit haben wir am nächsten Morgen genug Zeit, um unsere ganze Aufmerksamkeit der Impellerpumpe zu widmen. Ich als alter Mechaniker benötige nur ca. zehn Minuten zum Ausbau der Pumpe! Allerdings müssen dafür nur zwei Schrauben gelöst werden, aber ich bin trotzdem stolz auf mich. Zusammen mit Birger wird die Pumpe vollständig zerlegt. Nach einer eingehenden Untersuchung zeigt sich, dass die Pumpenwelle etwas unrund läuft und sie deshalb Wasser lässt. Da wir das Problem nicht mit Bordmitteln lösen können, beschließe ich in England eine neue Pumpe zu ordern. Die alte wird inzwischen mit reichlich seewasserfestem Fett geschmiert und mittels Flüssigdichtung wieder eingebaut. Der Test am nächsten Tag ist zu meiner Freunde ein voller Erfolg – kein Tropfen Wasser ist im Motorraum zu sehen. Die Pumpe wird bestimmt bis zu den San Blas Inseln durchhalten und das Ersatzteil ist Dank unserer Freunde Sven und Marlene schon Richtung Shelter Bay Marina (Colon) in Panama unterwegs – herzlichen Dank für eure Hilfe!

Obwohl unsere Reparaturen nur zwei Tage in Anspruch genommen haben, verlegen wir unsere Abfahrt schließlich auf den 12.09., weil Hurrikan Irma und ein Strum auf der Pazifikseite Panamas die Windverhältnisse in der karibischen See völlig durcheinander bringen. Beide Phänome führen dazu, dass wir auf dem Weg zu den San Blas Inseln den Wind direkt auf die Nase bekommen würden, also warten wir noch ein bisschen und genießen die letzten Tage in Kolumbien. Jetzt fällt mir auch der Abschied nicht mehr so schwer und ich bin bereit für neue Abenteur. Adiós y gracias por la hospitalidad Colombia …

Abschied Santa Marta (13)

… buenos vientos y hasta luego,

deine Amigos von der Auriga

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Voll elektrisch

Solarpanell (34)

Nach unserem Kurztrip nach Cartagena laufen die Vorbereitungen für den Pazifik auf Hochtouren. Da wir auf den San Blas Inseln unsere elektrische Unabhängigkeit testen wollen, soll unsere Auriga mit neuen Solarpanels aufgerüstet werden, denn die Funktionalität der alten Solaranlage ist eher fragwürdig. Wir bestellen über die Marinawerft zwei polychrome Solarpanels mit insgesamt 300 Watt Leistung. Nach einer Woche werden die alternativen Stromerzeuger mit dem Dinghi angeliefert. Mit einer Abmessung von 1500 x 670 mm sind die aber ganz schön groß und schwer – schluck! Tagelang inspiziere ich bei den anderen Schiffen unterschiedliche Befestigungsmöglichkeiten und bin hin und her gerissen. Aber ich habe eine Idee! Zusammen mit Birger, seines Zeichens Bauingenieur, tüfteln wir an der Umsetzung meiner Vision.

Solarpanell (36)

Als erstes muss der Aluminiumrahem der Panels verstärkt werden. Die Rahmenleisten sind zwar nicht schlecht, aber in meinen Augen nicht vertrauenswürdig. Getreu der alten Chirurgenweisheit – viel hilft viel – wollen wir Aluminumprofilleisten zur Verstärkung besorgen. Unser Weg führt uns diesmal nicht in den Baumarkt, sondern zu den lokalen Ferreterias (Eisenwarenläden). Zusammen mit Felix, unserem Übersetzer, machen wir uns auf den Weg in unbekannte Gefilde. Hinter der lokalen Markthalle finden wir alles was wir suchen. Die Straßen sind dreckig, die Menschen geschäftig und wir die einzigen Ausländer weit und breit. Zufälligerweise kommen wir an einem Elektrohandel vorbei. Der Verkäufer spricht englisch und ist natürlich sofort unser Mann. Wir erstehen ein paar Quetschhülsen und anderen Elektrokram und lassen uns danach erklären, wo wir die gesuchten Profilleisten finden. Glücklicherweise befindet sich in unmittelbarer Nähe ein entsprechender Laden. An der Theke packt Felix sein bestes Spanisch aus und erklärt unser Begehr. Der Verkäufer nickt verständnisvoll und zeigt uns sein Sortiment – Okay, schon nicht schlecht, aber wir wollen uns noch etwas umsehen. In nächster Nähe befinden sich noch ein Dutzend weiterer Ferreterias und wir starten einen Material- und Preisvergleich.

Letztendlich kehren wir in den ersten Laden zurück und kaufen 12 Meter Aluminumprofile für knapp 30 Euro. Gemeinsam tragen wir unsere Beute in die Marina zurück. Am nächsten Tag geht es doch nochmal in den Baumarkt, ich brauche noch robuste Scharniere. Im Homecenter werde ich fündig! Nach einer zehn minütigen Suche sind vier kugelgelagerte Scharniere mein Eigen – jetzt kann es mit dem Bauen losgehen! Birger und ich verabreden uns für den nächsten Morgen. Wir beginnen mit der Verstärkung der Panelrahmen. Die Aluminumprofile werden zugeschnitten und anschließend an den bestehenden Rahmen genietet – wirkt ziemlich stabil und passt wie die „Faust auf’s Auge“. Danach montieren wir eines der Profile zwischen den Heckkorb und die erste Relingstütze. Mit etwas Improvisationsgeschick ist die Grundkonstruktion nach ca. drei Stunden fertig und vor allem ziemlich stabil. Zuletzt nieten wir noch die Scharniere samt 11 kg schwerem Solarpanel an die Konstruktion und Nummer 1 ist fachgerecht montiert und es sieht sogar noch gut aus. Da es mittlerweile kurz vor zwölf Uhr ist und wir eine komplette Ganitur Klamotten durchgeschwitzt haben, ist erstmal Schluss für heute, aber ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Am nächsten Tag benötigen wir für die Aufhängung des zweiten Panels nur noch die halbe Zeit – das ist mal ne´ Lernkurve, oder? Da wir bereits seit dem frühen Morgen am Werkeln sind, können wir um 10 Uhr wieder Schluss machen. Die nächsten Tage ist erstmal Baustopp, weil die Werft nur einen Regler geliefert hat und wir deshalb die Verkabelung nicht durchführen können. Ich nutze die Zwangspause und mache mir Gedanken über eine Stützvorrichtung damit die Panels auch ausgeklappt werden können. Ich entscheide mich für eine einfache Konstruktion mit zwei Rohren für jede Platte. In meinem neuen Lieblingsviertel erstehe ich sechs Meter Aluminumrohr und acht großdimensionierten Kabelquetschhülsen zur Befestigung. Am nächsten Tag benötige ich zwar mehrere Anläufe, um Birger meine Idee zu erklären, aber nach einigen Demonstrationen versteht´s auch der Ingenieur und wir machen uns an die Arbeit. Nach einer Stunde sind wir fertig und unsere Auriga hat jetzt ein paar stabile, ausklappbare Solarflügel! Unsere Konstruktion wird im Hafen von mehreren anderen Seglern gebürend bewundert und der eine oder andere sieht sich genötigt, die eigene Installation zu überdenken.

Jetzt müssen die Panels nur noch angeschlossen werden! Natürlich ist das mal wieder leichter gesagt als getan. Da die Solarregler so nah wie möglich bei den Batterien angebracht werden sollten, muss der Regler für den Windgenerator in die Hundekajüte umziehen. Alleine für den Umbau der alten Regler benötigen wir fast zwei Stunden. Anschließend werden die neuen Regler installiert und mit unseren Batterien verbunden. Der Anschluss der Solarpanels ist dann wieder eine ziemlich anstrengendes Gefummle, schließlich wollen auf jeder Seite jeweils zwei 8 mm² Kabel verlegt werden. Dann kommt der große Augenblick. Wir schließen die Panels an den Regler an, starren gebannt auf die Anzeige und es fließt Strom! Insgesamt hat uns die Anschaffung der beiden Panels inklusive aller weiteren Materialen ungefähr 800 Euro gekostet, aber jetzt sind wir stromtechnisch auf alle Fälle fit für die San Blas Inseln und den Südpazifik. Trotz aller guten Ideen, hätte ich die Konstruktion ohne Birger sicher nicht so hinbekommen. Vielen Dank mein Freund!

Nach fast fünf Monaten in Kolumbien sind wir jetzt startklar und Anfang nächster Woche geht es zusammen mit der SY Samantha zu dem 280 nm entferntem San Blas Inseln vor der Küste Panamas. Wir freuen uns auf neue Abenteuer.

Fair winds und bis bald,

Euer Helmut Düsentrieb von der Auriga

Cartagena de Indias – unter Touristen

 

Wer eine Reise macht, der will was erleben und nicht nur im Hafen rumhängen und sich der Schiffspflege hingeben. Also, es muss was passieren bevor der Hafenkoller einsetzt! Obwohl alle nach Cartagena wollen, kann sich keiner so richtig aufraffen die Planung in die Hand zunehmen. Irgendwie ist es schwierig aus der Routine von passiver Bootspflege und aktivem Nichtstun auszubrechen. Auch wenn wir in den letzten drei Wochen wieder einiges von unserer To-do-Liste streichen konnten, waren wir alles in allem doch recht träge. Glücklicherweise macht Antje, unsere Reiseführerin, endlich Nägel mit Köpfen und beginnt unseren Ausflug nach Cartagena zu organisieren. Da wir zusammen mit Alex und Birger reisen wollen, entschließen wir uns ein Auto zu mieten. Über das Marinaoffice wird alles organisiert, im Internet buchen wir ein nettes Hostal im historischen Zentrum und in ein paar Tagen soll es losgehen.

 

Cartagena de Indias, „de Indias“ zur Unterscheidung zum spanischen Cartagena, wurde im Zuge der Kolonialisierung Südamerikas am 1. Juni 1533 von Pedro de Heredia gegründet. Cartagena gilt in der Geschichte als eine der ersten spanischen Stadtgründungen im Norden Südamerikas und erlebte ein schnelles Wachstum als wichtiger Hafen für die Schifffahrt des Kontinents. Die spanische Flotte kam zweimal jährlich von Sevilla oder Cádiz nach Cartagena, um hier spanische Waren wie Waffen, Rüstungen, Werkzeug, Textilien und Pferde zu vermarkten und Gold, Silber, Perlen und Edelsteine zu laden. Die Stadt hat sich als eine der schönsten Kolonialstädte Südamerikas behauptet. Cartagena ist die Stadt mit den meisten Touristen und nicht zuletzt wegen der geografischen Lage die sicherste und bestbewachteste Stadt in Kolumbien. Das komplett von einer massiven Stadtmauer umgebene alte Stadtzentrum mit mehreren Kathedralen, die riesige Wehrfestung San Felipe und der große natürliche Hafen wurden 1984 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Der vom Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez verfasste Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ spielt ebenfalls in Cartagena de Indias.

 

Pünktlich, eine Stunde zu spät, wird am Dienstagvormittag unser Mietauto angeliefert. Nach einer Stunde Papierkram und etlichen Erklärungen über verschiedene Details der Versicherungsbedingungen können wir los. Obwohl wir ein Auto für fünf Personen geordert hatten, wird uns ein silbergrauer Chevrolet Spack präsentiert. Oh nee, dass wird eng! Dafür funktioniert die Klimaanlage, Servolenkung ist eher nicht, aber egal, wir müssen los, weil wir uns am späten Nachmittag für eine Free-Walking-Tour angemeldet haben. Eingequetscht wie die Ölsardinen brechen wir ins knapp 300 km entfernte Cartagena auf. Erste Zwischenstation ist die Industriestadt Barranquilla an der Atlantikküste. Hier mündet der mächtige über 1500 km lange Rio Magdalena aus den Zentralanden in einem großen Flußdelta in die karibische See. Obwohl uns nur 130 km von Barranquilla trennen, benötigen wir fast drei Stunden für die Strecke, aber es ist herrlich mal wieder Auto zu fahren – Freiheit gibt’s eben nicht nur auf dem Meer, sondern auch auf der Straße.

 

Bevor wir Barranquilla erreichen überqueren wir den Rio Magdalena. Eine wiederliche, braune Brühe schiebt sich unter der Brücke ins Meer. Wir können mehrere Bäume im Wasser treiben sehen, die im Reiseführer versprochenen Kühlschränke und Kühe können wir jedoch nicht ausmachen – so einen dreckigen Fluss habe ich noch nie gesehen. Barranquilla präsentiert sich dann als typische Industriestadt. Fabriken, Produktionsanlagen und Wohngebiete wechseln sich ab und es ist ungewohnt schmutzig. Müll liegt an jeder Ecke herum, das haben wir in Kolumbien bisher nocht nicht in diesem Ausmaß gesehen. Eigentlich wollten wir auf der Rückfahrt noch eine Nacht in Barranquilla verbringen, aber was wir gesehen haben reicht uns schon und wir ändern mal wieder unsere Pläne. Mittlerweile ist es früher Nachmittag und bis Cartagena sind es noch 120 km – die abendliche Stadtführung können wir damit wohl abhaken. Nach Barranquilla überqueren wir auf einem Damm das Mündungsdelta des Rio Magdalena. Durch den Damm wurde das Mündungsdelta praktisch vom Meer abgeriegelt. Die Baumaßnahme gilt als eine der größten Umweltsünden in Kolumbien. Im ruhigen Brachwasser des Deltas haben sich einige Fisch- und Muschelfarmen angesiedelt. Das Wasser ist so dreckig und vermüllt, dass ich hundert prozentig keinen Fisch mehr in Kolumbien essen werde – was wir hier sehen ist einfach ekelhaft! Hier präsentiert sich Kolumbien als echtes Dritteweltland – sehr schade!

Cartagena (56)

Nachdem wir den Damm verlassen haben, erwartet uns allerdings eine herrliche subtropische Agrarlandschaft. Auf riesigen Haciendas sehen wir friedliche Kühe unter Mangobäumen grasen, Gänse und Enten ruhen sich unter Palmen aus und natürlich treffen wir überall stolze Hähne und hecktische Hühner, die ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Der Verkehr nimmt deutlich ab, hin und wieder überholen wir ein Pferdegespann – die Fahrt macht eindeutig Lust auf mehr! 20 Km vor Cartagena nimmt der Verkehr wieder zu. Im typischen Stop and Go Rhythmus nähern wir uns der Stadt. Glücklicherweise erreichen wir die Altstadt noch bei Tageslicht. Unsere Navigations-App (Navigator, sehr empfehlenswert) funktioniert einwandfrei und eine halbe Stunde später können wir vor unserem Hostal anhalten. Gepäck und Menschen werden ausgeladen, natürlich gibt es in den engen Einbahnstraßen des historischen Zentrums keinen Parkplatz. Also machen sich Antje und ich auf die Suche! Wir brauchen eine gute dreiviertel Stunde bis wir endlich einen Parkplatz in akzeptabler Laufentfernung finden und werden diesen die nächsten Tage auch nicht mehr aufgeben.

 

Unsere Unterkunft, das Hostal Bohemia, befindet sich im Stadtteil San Diego, einem eher gediegenen Viertel Cartagenas. Nach dem Bezug unserer Zimmer – es gibt eine Klimanalage, die Betten sind egal – geht’s am Abend erstmal um die Ecke zum Essen. Wir befinden uns mitten im historischen Zentrum von Cartagena de India umgeben von herrlicher spanischer Kolonialarchitektur – ein echter Traum und nicht umsonst UNESCO-Weltkuturerbe. Hier wurden noch die alten spanischen Bauvorschriften eingehalten: Die Höhe eines Hauses muss mindestens das Dreifache der Straßenbreite haben, damit tagsüber immer Schatten in den engen Gassen herrscht. Teilweise ist es so schön, dass ich Augenschmerzen bekomme. Den Abend leiten wir mit einem gepflegtem Cocktail ein. Wir sitzen im ersten Stock auf einem der typischen Balkone und beobachten das touristische Treiben auf der Plaza San Diego unter uns und fühlen uns wie echte Touristen – obwohl wir eigendlich gar keine sind.

 

Laut Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) sind: „Touristen Personen, die zu Orten außerhalb ihres gewöhnlichen Umfeldes reisen und sich insgesamt für nicht mehr als ein Jahr aus Freizeit- oder geschäftlichen Motiven, die nicht mit der Ausübung einer bezahlten Aktivität an den besuchten Orten verbunden sind, aufhalten“. Defintionsgemäß gehören wir also nicht mehr zu den klassischen Touristen sondern sind … ja, was sind wir eigentlich? Weltenbummler, Abenteurer, Reisende im Humboldt´schen Sinne? Wer weiß es schon, aber es ist auch egal. Interessanterweise kann der moderne Tourismus auf die Grand Tour zurückgeführt werden, die eine traditionelle Reise durch Europa war. Im Jahre 1624 begann der junge Prinz von Polen, Ladislaus Sigismund Wasa, der älteste Sohn von Sigismund III., eine Reise durch ganz Europa. Er reiste durch die Territorien Deutschlands, Belgiens, der Niederlande, wo er die Belagerung von Breda durch spanische Truppen bewunderte, Frankreich, Schweiz nach Italien, Österreich und Tschechien. Es war eine pädagogische Reise und eines der Ergebnisse war die Einführung der italienischen Oper in der Republik Polen-Litauen.

 

Nach dem Sundowner geht es zum Japaner. Wir lassen uns ein Sushischiffchen – ein ausgemachter Zweimaster – schmecken, genießen Sake und Dessert. Während die Mädels und Felix nach dem Essen noch Souvenirs shoppen wollen, inspizieren Birger und ich ein, zwei Bars in der Umgebung und entdecken unseren neuen Lieblingscocktail den „El Dicdador“. Rum unterschiedlicher Jahrgänge, Blutorangenlikör und Limettensaft ergeben einen ausgesprochen erfrischenden, süffigen Cocktail. Zwei Drinks später treffen wir den Rest des Rudels wieder und fallen danach erschöpft in unsere wohlklimatisierten Betten! Am nächsten Morgen wollen wir zuerst die am besten erhaltene spanische Festung in Südamerika, Fort San Felipe besichtigen. Auf dem Weg zur Wehranlage entdecken wir eine Hop on, Hop off – Linie und beschließen mit dem Bus weiter zu fahren. An der Haltestelle gegenüber vom Fort werden wir schon sehnsüchtig von mehreren Wasser- , T-Shirt-, und Hutverkäufern erwartet und sofort in Beschlag genommen. Wie in jeder Touristenhochburg sind die Vendors nervig und aufdringlich, aber wir schaffen es ohne Souvenirs zum Eingang und können anschließend in Ruhe das Fort besichtigen. Die Wehranlage erstreckt sich über mehrere Ebenen und ist wirklich in einem guten Zustand. Von den einzelnen Plattformen hat man durch die ehemaligen Schießscharten einen herrlichen Panoramablick über die Stadt, die Lagune und den Hafen. Die gesamte Anlage ist von einem Tunnelsystem durchzogen, das ebenfalls zu besichtigen ist. Bei langsam zunehmender Lufttemperatur verlegen wir uns in die Tunnels. Hier ist aber leider nicht nur wärmer sondern auch deutlich feuchter. Die schlechte Luft und Schweißausbrüche bei jedem Schritt lassen uns nach 10 Minuten aus diesem Labyrinth wieder flüchten.

 

 

Anschließend geht es mit den Doppeldeckerbussen weiter bis zur Festung Manga in der Nähe des Jachthafens. Hier finden wir mehrere Marinestores, die wir natürlich sofort begutachten. Das Sortiment ist gut, aber die Preise für kolumbianische Verhältnisse deutlich überzogen. Da investieren wir doch lieber im nahe gelegenen Steakhouse „El Res“ in ein schönes, saftiges Stück Fleisch – extrem lecker! Die hohe Luftfeuchtigkeit ( im Schnitt > 90%) und die Hitze in der Stadt machen uns echt zu schaffen. Wir wollten zwar nochmals in die Altstadt, aber nach dem leckeren Essen ist uns mehr nach ausruhen. Wir nehmen wieder den Bus, fahren bis zur Altstadt, kaufen für´s Abendessen ein und relaxen den Rest des Tages in unserem Hostal. Abends gibt’s Brotzeit, danach wird Karten gespielt und der nächste Tag geplant. Eigentlich wollten wir nur zweit Nächte in Cartagena bleiben, da unser Busticket aber zwei Tage gültig ist, wir das historische Zentrum noch genauer untersuchen wollen, beschließen wir eine Nacht länger zu bleiben. Leider können wir nicht in unserem Hostal bleiben, die Chefin besorgt uns aber eine adäquate Unterkunft gleich um die Ecke – sehr nett!

 

Am nächsten Morgen packen wir zusammen, lassen unser Gepäck im Hostal und bummeln gemütlich durch die Altstadt. Die meisten Kirchen sind leider tagsüber geschlossen und können nur im Rahmen eines Gottesdienstes besichtigt werden. In einem Fensterfirst der Kathedrale entdecken wir zwei junge Soldatenaras und andere Papageienvögel. Anschließend besichtigen wir das vielgepriesene Inquisitionsmuseum. Angeblich eines der besten Museen in Kolumbien. Allerdings werden unsere Erwartungen nicht erfüllt. Die Ausstellung ist sehr übersichtlich und verteilt sich nur auf vier kleine Säle. Die viel gelobte Folterkammer ist nicht wirklich ergiebig und das Museum den hohen Eintrittspreis nicht wert.

 

Nach einem kurzen Mittagssnack ziehen wir in unser neues Hostal um und erholen uns bis zum Sonnenuntergang. Wir besichtigen noch ein, zwei Kirchen während der Abenmesse, schlendern über die Stadtmauer und genießen die abendliche Stimmung in den Gassen der Altstadt bei einem leckeren Cocktail. Als krönenden Abschluss unseres Cartagenatrips finden wir ein französisches Restaurant und lassen den Abend bei einem wirklich exquisiten Dinner ausklingen – die Entenbrust ist auf den Punkt gegart und die Orangen-Honigsoße ein wahres Gedicht! Cartagena de Indias hat uns wirklich gut gefallen und gehört sicher zu den absoluten Highlights Kolumbiens! Hier haben wir zum ersten Mal nicht nur Backpackertouristen gesehen, sondern auch mal wieder die an den meisten Küstenabschnitten unvermeidlichen Kreuzfahrer!

 

Am nächsten Tag heißt es bye, bye Cartagena und wir machen uns wieder auf den Weg nach Santa Marta. Allerdings wollen wir nicht wieder die gleiche Strecke zurückfahren und so brechen wir in Richtung Hinterland auf. Nach einer endlosen Stop-and-Go-Fahrt durch die Vororte Cartagenas lassen wir die Stadtgrenze nach zwei Stunden endlich hinter uns. Nächstes Ziel ist eine Siedlung geflohener afrikanischer Sklaven an den Ausläufern der östlichen Anden. In den nächsten zwei Stunden fliegen herrliche subtropische Landschaften an uns vorbei, am Wegesrand können wir noch zwei, drei Kalebassen, eine Flaschenkürbisart, ernten und erreichen schließlich die Siedlung. Die befestigte Straße hört auf, Schlaglöcher wohin das Auge sieht, wir setzen mehrfach mit dem Auto auf – Autsch! Die Siedlung präsentiert sich nicht sonderlich einladend. Wir fahren ein bisschen herum und beschließen hier lieber nicht auszusteigen! Einerseits ist mir etwas mulmig, andererseits gibt es nicht wirklich was zu sehen – also nichts wie weg! Auf dem Weg nach Branquilla machen wir an einem Straßenverkauf halt und stärken uns mit Gegrilltem, Kartoffeln und Yucca. Nebenan befindet sich eine Art Veranstalltungsgelände, wo gerade ein Fußballtunier stattfindet. Wirklich interessant sind aber zwei junge Gelbbrustaras, die in der Nähe der Küche an einer Mauer herumturnen – einfach zu süß, aber ich darf zu meinem Bedauern keinen mitnehmen.

 

Am frühen Nachmittag erreichen wir wieder den nach Barranquilla führenden Damm. Auf einmal steht der Verkehr. Vor uns entsteht eine aufgeregte Menschenmenge um einen querstehden LKW herum. Wir verschließen vorsichtshalber mal die Türen. Als plötzlich ein junger Mann auf einem Motorrad flüchtet, scheint sich die Situation weiter zuzuspitzen. Die Menschen wirken sehr aufgebracht und wir sind froh, als wir die Menge unbeschadet passieren können. So habe ich mir immer einen zur Lynchjustiz bereiten Mob vorgestellt – die ganze Szenerie ist ziemlich gruselig!

Cartagena (58)

Gegen Abend erreichen wir dann endlich Santa Marta. Zu allem Überfluss wird unser Mietauto im Feierabendverkehr auch noch von hinten angefahren. Der Täter flüchtet natürlich und wir bleiben mit einer dicken Beule im Heck zurück – Scheiße. Zu meiner persönlichen Freude ist die Delle aber am nächsten Morgen von alleine herausgeploppt und nach einer kleinen Reinigung ist praktisch nichts mehr zu sehen – nochmal Glück gehabt! Da wir das Auto noch einen Tag haben, beschließen wir am Samstag nochmal nach Minca zu fahren. Die Fahrt führt uns in die Berge der Sierra Nevada. Hier befinden sich einige Kaffeeplantagen und Wasserfälle in der Umgebung. Allerdings ist kein Ziel in weniger als 2,5 Stunden Fußmarsch zu erreichen. Also schlendern wir ein wenig durch den Ort, machen einen kleinen Abstecher in den Dschungel, gehen noch zum Mittagessen und fahren dann wieder zurück in die Marina und lassen den Tag ganz gemütlich ausklingen. Am nächsten Tag wird unser Mietauto ohne Probleme abgenommen und die Selbstbeteiligung bleibt unangetastet – schöne Geschichte.

 

Damit hat unserer Kurzausflug doch noch ein gutes Ende genommen. Die nächsten drei Wochen muss unsere Auriga für die Überfahrt und den Aufenthalt auf den San Blas Inseln vorbereitet werden und wir uns schweren Herzens von Kolumbien verabschieden, was uns sicher nicht leicht fallen wird.

Fair winds und bis bald,

Eure Gringos von der Auriga

Cartagena (28)

730 Sonnenauf- und -untergänge später …

Was, schon wieder ein Blogeintrag? Nein, nicht die Langeweile ist zurückgekehrt, sondern es gibt allen Grund zum Feiern: Am 08.08.2017 sind wir genau seit 2 Jahren unterwegs, 7379 Seemeilen liegen hinter uns, 12 verschiedene Gastlandflaggen haben wir gehisst, viele Abenteuer erwarteten uns, neue liebe Menschen haben wir kennengelernt und es wird Zeit, Bilanz zu ziehen. Ich habe beschlossen, mal wieder selbst in die Tasten zu hämmern, auch wenn mein Ghostwriter Helmut einen Superjob macht, seine Beiträge mich immer wieder schmunzeln lassen und ich eigentlich lieber fotografiere.

 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie unsere Freunde uns mit Sack und Pack nach Italien brachten, wir mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Leinen loswarfen und mit Tränen in den Augen Abschied von liebgewonnen Freunden und unserem alten Leben nahmen. Was uns wohl erwartet? Als ziemliche Segelneulinge trieb uns unsere erste Nachtfahrt von Vis nach Bari die Schweißperlen auf die Stirn und anfangs blieben wir bei angesagten 15 kn Wind (4 Beaufort) vorsichtshalber im sicheren Hafen liegen. Inzwischen hoffen wir, dass der Wind mit 15 kn bläst, damit wir vorankommen und können Nachtfahrten unter sternenklarem Himmel genießen. Wie sich doch alles relativiert. Nach unserer anstrengenden Atlantiküberquerung hatte ich erst einmal die Nase voll vom Segeln und war mir sicher, keinen Ozean mehr mit unserem kleinen Boot bezwingen zu wollen. Jetzt liegt der Pazifik zum Greifen nahe, das nervige Gerolle des Atlantiks ist vergessen und ein Teil der Welt will entdeckt werden, in den wir so schnell nicht zurückkehren werden. Bis Australien würden wir es gerne schaffen, Südseeflair genießen, nachdem uns das Karibikfeeling nicht wirklich gepackt hat. So ist der Plan, aber Pläne ändern sich bekanntlich immer wieder…

Zwei Jahre (40)

Dass unser Leben an Bord eines 32 Fuß langen Schiffes mit Einschränkungen verbunden sein wird, war uns klar. Ich habe mal nachgemessen, unsere aktive Lauffläche im Boot, d.h. Fläche, auf die wir ungehindert unseren Fuß setzen können, beträgt inklusive Cockpit 3,49 m², das macht pro Person 1,16 m². Die empfohlene Auslauffläche für eine deutsche Biohenne beträgt 10 m² pro Huhn! Da fallen wir wohl eher in die Kategorie Batteriehaltung. Somit ist es nicht verwunderlich, dass unkontrolliertes Im-Weg-Rumstehen mit Gezicke und Angeraunze kommentiert wird. Trotzdem haben wir drei uns inzwischen gut arrangiert, jeder hat sein bevorzugtes Eckchen und die Stimmung an Bord ist meistens harmonisch. Was für ein Luxus, so viel Zeit mit meiner Familie verbringen zu können, fremde Länder und neue Menschen kennenzulernen und unsere tapfere Auriga ist ein richtiges Zuhause geworden.

 

Felix ist mir inzwischen über den Kopf gewachsen und ich bin mit 1,77 m die Kleinste in der Familie. Unglaublich! Er ist nicht nur körperlich gewachsen, sondern auch mental gereift und ist ein richtiger Teenager geworden. Die meisten Bootskinder, die wir treffen, sind alle viel jünger als er und wenn dann doch mal ein älteres Kind an Bord ist, heißt es noch lange nicht, dass die Chemie zwischen den beiden auch stimmt. Da sind jüngere Kinder einfach unkomplizierter. Trotzdem fühlt er sich noch wohl mit uns, genießt es auch, dass Alex und Birger da sind, mit denen wir ausgiebieg Karten spielen können und die San Blas Inseln gemeinsam erkunden werden.

 

730 Sonnenaufgänge und fast jeden Tag Sonnenschein. Traumhaft? Ich sehne mich inzwischen nach richtigem Mistwetter mit Regen, Nebel und kühlen Temperaturen. Der tägliche 20minütige Regenschauer bringt nicht wirklich Abkühlung, im Gegenteil, anschließend ist es noch dampfiger als vorher. Tropisches Klima mit konstanten 30 Grad und 80 % Luftfeuchtigkeit ist definitiv kein Wohlfühlklima für mich. Gemessen an den etlichen Litern Schweiß, die ich hier schon vergossen habe, hätte ich mich schon längst auflösen müssen. Wir Seglerfrauen in Kolumbien (alle ungefähr im gleichen Alter) sind uns einig, dass ein Verschleppen von Frauen in den Wechseljahren in tropische Gefilde schon an Tierquälerei grenzt. Uns ist doch eh schon die ganze Zeit heiß! Erstaunlicherweise scheinen die kolumbianischen Frauen damit keine Probleme zu haben. Sie sehen immer aus wie aus dem Ei gepellt und bis auf wenige Ausnahmen ist keine Spur von Schweißtropfen zu entdecken. Wie machen die das nur? Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass ich vier Jahreszeiten brauche, mir andauernder Sonnenschein auf die Nerven geht und ich auf Schweißfilm als ständigen Begleiter gut verzichten kann. Ein Hoch auf unsere Klimaanlage, ohne die es hier nicht auszuhalten wäre.

 

Erstaunlich, dass es doch fast 2 Jahre gedauert hat, bis so etwas wie Langeweile aufkam, ein Gefühl, das ich schon fast vergessen hatte nach den letzten Jahren, die vollgepackt waren mit Terminen und Verpflichtungen. Das ist der wahre Luxus auf dieser Reise, Zeit zu haben und vor allem sich seine Zeit frei einteilen zu können. Natürlich bestimmt das Wetter unseren Rhythmus der Weiterfahrt, aber das ist auch schon alles. Das süße Nichtstun verliert jedoch auch nach einiger Zeit seinen Reiz und so sucht man sich eine Beschäftigung. Der Schulunterricht mit Felix macht mir wirklich Spaß und jetzt, wo Ferien angesagt sind, habe ich angefangen zu häkeln, Mitbringsel für die Kinder auf den Inseln. Alex hat ihre Nähmaschine dabei und somit wird Stoff gekauft und unsere Winschen, der Förthmann und unser Außenborder mit Mützen versorgt. Und Alex hat noch etwas Tolles dabei: Ein Fahrrad, das sie nicht benutzt. Sie war so lieb, es aus der Backskiste herauszukramen. Jetzt kann ich endlich wieder nach Lust und Laune radeln. Das viele Herumgesitze auf dem Boot ist auch so ein Punkt, der mir zu schaffen macht. Ich war es einfach gewohnt, immer in Bewegung zu sein, mit unserer Luna Gassi zu gehen, zu radeln mit meinen Mädels Sport zu treiben und hier? Einfach zu heiß. Das Fitnessstudio gegenüber der Marina öffnet um 6 Uhr, aber auch dazu kann ich mich nicht aufraffen. Da radle ich doch lieber durch die Stadt und entdecke immer wieder neue Wände, die mit faszinierender und sehr fantasievoller Streetart bemalt sind. Eine tolle Form, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

 

Wir haben einige Segler getroffen, die schon jahrelang auf dem Boot leben oder mit „open end“ unterwegs sind und da habe ich mich immer wieder gefragt, ob das eine Lebensform wäre, die ich mir für mich vorstellen könnte. Die Antwort ist ein klares „nein“, nicht auf Dauer, gerne immer mal wieder, aber ich vermisse meine Familie, meine Freunde, unsere Tiere und einen Garten, in dem ich herumwühlen kann. Trotzdem genieße ich die unvergessliche Zeit mit meinen zwei Männern, die wir noch auf unserer Auriga verbringen werden und möchte sich nicht missen.

 

Fair winds,

eure Antje

Kleines Schiff – großes Abenteuer

Zwei Jahre (70)

Boh ey, ich weiß schon, ihr seid die Größten – aber wer macht denn hier die ganze Arbeit? Na ICH! Also finde ich es an der Zeit, dass ich auch mal zu Wort komme. Mein Name ist übrigens Auriga und dass ich in meinem Alter nochmal auf große Fahrt gehe, hatte ich eigentlich nicht gedacht. Aber erstmal zum Anfang zurück. Ich bin eine Phantom 32 vom Mittelrhein, mein Stapellauf war 1978 und heute bin ich wahrscheinlich eine der letzten meiner Art. Meine 300 Brüder und Schwestern treffe ich kaum noch, aber einer von uns soll sogar mal um die Welt gesegelt sein, hab ich jedenfalls von einem alten Schoner in irgendeinem Hafen gehört – Hut ab. An meine Kindheit kann ich mich nicht mehr richtig erinnern, dafür hatten es die letzten zehn Jahre aber in sich.

Zwei Jahre (64)

Meine letzten Besitzer hatten ja auch was ganz Besonderes mit mir vor, aber außer dem Mittelmeer habe ich nicht viel zu sehen bekommen. Und dann ging es plötzlich von Griechenland in die Lagune von Merano, ich werde aus dem Wasser gezerrt, an Land gestellt und bin nur noch ein besserer Wohnwagen! Was habe ich im ersten Winter gefroren und was soll das überhaupt? Fast ein Jahr haben die mich da stehen lassen. Hin und wieder kamen mal ein paar Fremde vorbei, sind auf mir rumgeturnt, haben den Kopf geschüttelt und mir nicht gerade Komplimente gemacht. Hey, ich habe auch Gefühle! Okay, ich bin zwar nicht groß und schon älter, aber ein bisschen Anstand kann man ja wohl erwarten! Eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden an Land zu verrotten, Klappe zu – Affe tod! Doch dann kam wieder neuer Schwung in mein Leben. Im Herbst 2013 stehen plötzlich diese beiden Nasen aus dem Allgäu vor mir, Gott was für Typen. Stellen sich nicht richtig vor und schauen mir dann gleich in die Bluse und unter den Rock – Was für eine Unverschämtheit.

Zwei Tage sind die bei mir geblieben, haben sich alles angeschaut, an mir rumgefummelt und mir sogar schöne Augen gemacht. Zum Schluss durfte ich auch mal wieder ins Wasser und mir die Beine etwas vertreten. Ich war wohl ein bisschen aus der Übung und bin gleich mal in einer Sandbank hängen geblieben – wie peinlich, aber es war trotzdem herrlich. Endlich wieder in meinem Element. Eigentlich war die beiden doch ganz sympathisch und als sie beschlossen hatten mich zu kaufen, war ich ziemlich happy und dachte jetzt geht’s hoffentlich gleich wieder ins Wasser zurück. Jaja, Pustekuchen! Die haben sich dann erstmal bis Weihnachten nicht mehr blicken lassen und dann kamen sie auch noch zu dritt zurück und haben sich bei mir häuslich eingerichtet. Baden gehen war natürlich wieder nicht drin und nach einer Woche sind sie auch wieder abgezogen, aber inzwischen mag ich die drei. Erst fünf Monate später kam der Typ wieder zu mir! Dann ging es aber ganz schnell und ich durfte ins Wasser und bin in einen Fluss bei San Giorgio di Nogaro umgezogen. In meinem neuen Hafen konnte ich zwar im Wasser bleiben, aber der Punk ging hier nicht so richtig ab. Meine Nachabarn sprachen nur italienisch und mir wurde ziemlich schnell langweilig. Als ob man so mit einem neuen Familienmitglied umgeht! Eigentlich bin ich ja nicht nachtragend, aber unseren ersten Ausflug musste ich den dreien dann doch versauen. Kaum waren wir im offenen Meer, ging mein Motor nicht mehr aus – haha, die Gesichter hättet ihr sehen sollen! Die haben zwar danach ganz schön mit mir geschimpft, dafür kamen sie anschließend aber öfter zu Besuch und haben mich wieder so richtig auf Vordermann gebracht. So ging´s dann die nächsten zwei Jahre weiter und wir haben uns dabei so richtig gut kennen- und schätzen gelernt.

Deshalb waren wir auch bis auf einen Ausflug nach Slowenien nicht so oft zusammen unterwegs und ich hatte mich schon auf einen gemütlichen Lebensabend im Süßwasser eingestellt. Aber im Frühling 2015 musste ich schon wieder umziehen und wurde in den hiesigen Yachtclub verlegt. Hier war vielleicht was los! Endlich mal wieder Landsleute treffen und schnacken. Das war ganz nach meinem Geschmack! Doch schon ein paar Tage später heben die mich wieder aus dem Wasser und stellen mich an Land. Fast vier Wochen haben die an mir rumgebastelt und lauter komisches Zeug in mich eingebaut. Ich habe eine Radarschüssel, einen Plotter und ein SSB-Radio bekommen – geht mir zwar ein bisschen auf die Hüften, sieht aber echt cool aus. Als sie dann auch noch mit einer neuen Rettungsinsel ankamen dämmerte mir, dass hier was ganz Großes läuft!

Zwei Jahre (39)

Meine weibliche Intuition hat mich dann auch nicht getäuscht. Anfang August waren plötzlich ganz schön viele Leute bei mir am Steg, die haben alle geheult wie die Schlosshunde und dann hieß es Leinen los. Wir sind dann erstmal nach Süden gefahren, waren jeden Tag in einem anderen Hafen und ich voll in meinem Element. War zwar zunächst alles nichts Neues für mich, aber ich hatte trotzdem Spaß. Und was ich für Typen getroffen habe, einfach unglaublich. Dann ging´s aber in unbekannte Gewässer. In der Straße von Messina haben wir dann unseren ersten Sturm abgewettert, das haben die aber ganz ordentlich gemacht. Richtig zusammengewachsen sind wir aber auf der Überfahrt nach Sardinien. Man hat´s da in der Nacht gekachelt, aber die drei haben trotz Seekrankheit und schlechtem Wetter gut durch und mich auf Kurs gehalten. Danach hatte ich allerdings kurz der Gefühl, das war´s jetzt! Aber die haben sich nach ein paar Tagen wieder beruhigt und wir sind dann immer weiter nach Westen gesegelt.

An der Südküste Spaniens waren dann aber nach vier Monaten ein paar Kuscheleinheiten fällig. Ich habe ein neues Vor- und Backstag und neue Isolatoren bekommen. Mein Motor wurde überholt und die Navigatioselektronik verbessert. Drei Wochen haben mich die drei nach Strich und Faden verwöhnt. Ich hab´s aber auch echt verdient – finde ich jedenfalls! Anschließend segeln wir nach Gibraltar. Diese verrückten Hühner wollen doch wohl nicht in den Atalntik, oder? Aber genau so war´s dann! Obwohl ich drei Anläufe gebraucht habe die Straße von Gibraltar in meinem Kielwasser zu lassen, haben wir schließlich den Atlantik erreicht. So viel Wasser habe ich noch nie gesehen, mein Gott ist der riesig und so herrlich erfrischend. Hier habe ich mich sofort wohl gefühlt. Bis auf die kanarischen Inseln hat mir dann die Blam III Gesellschaft geleistet. Die Süße war sogar nur 8,50 Meter lang, da bin ich mir richtig GROß vorgekommen, was für ein herrliches Gefühl.

In Las Palmas war dann aber erstmal für sechs Monate Schluss. Irgendwie war das Wetter kaputt und deshalb mussten wir auf den Herbst warten. Mittlerweile war mir auch klar, dass die mit mir über den Atlantik in die Karibik wollen. Anfangs war mir ja etwas mulmig bei dem Gedanken, aber die drei werden schon wissen was sie tun. Dafür habe ich hier die Samantha, meine neue beste Freundin kennengelernt. Wir hatten wirklich viel Spaß in Gran Canaria. Aber irgendwann trennen sich die Wege eben wieder. Ich bin mir aber sicher, ich werde die Dicke (4,25 m breit!!!) nochmal wiedersehen. Wir sind dann nach Teneriffa und die haben wieder wie wild an mir rumgemacht. Mein Hintern hat ein Komplettlifting bekommen. Die alte, hässliche Davit kam runter und eine sehr elegante Windsteueranlage und zwei Badeplattformen wurden angebaut. Untenrum haben die mich auch frisch gemacht und mir einen neuen Unterwasseranstrich verpasst. Ich bin jetzt eine richtige Hochseeyacht und kein Küstenhüpfer mehr. Alles klar, wegen mir kann es dann losgehen.

Ende November war es dann auch so weit! Vorher haben die noch Unmengen Proviant in mir verstaut. Als ich den riesigen Haufen Essen gesehen habe, dachte ich zuerst, das klappt doch nie. Aber irgendwie haben die doch alles untergebracht. Allerdings fühlte ich mich danach etwas beleibt und hing ganz schön tief im Wasser. Schon Tage vor dem Start war ich total aufgeregt. Weil wir bei einer Regatta teilnahmen, wollte ich natürlich nichts falsch machen und war voll bei der Sache. Aber noch vor dem Start war´s vorbei, beim Segel setzen macht es Ratsch und ich habe einen Riss im Großsegel, ach nee – was für eine Scheiße! Natürlich waren wir zunächst alle total fertig und enttäuscht. Aber egal, zwei Tage später sind wir dann doch aufgebrochen und eine Woche später auf den Kapverdischen Inseln angekommen. Hier wurde mein Großsegel geflickt und nach ein paar Tagen waren wir wieder unterwegs. Nächstes Ziel Bridgetown, Barbados! Man, man, man, das war vielleicht ein Törn!

Zwei Jahre (77)

Zuerst hatten wir ganz easy Bedingungen mit niedirgen Wellen und schönen Tradewinds. Nach einer Woche ging´s dann aber echt zur Sache. Eine Woche Schwerwetter. Ich hatte ganz schön zu kämpfen. So hohe Wellen habe ich noch nie gesehen und da waren auch noch Squalls mit Regen und Sturmböen und, und …. der reine Wahnsinn! Aber der Förthmann, die neue Windsteueranlage, hat mich souverän durch alle Unwetter gebracht und die drei waren auch total cool und haben mir die ganze Zeit vertraut. Vielen Dank! In Barbados waren wir dann natürlich alle unheimlich stolz auf uns und haben erstmal richtig gefeiert. Die nächsten vier Monate waren wir dann in der Karibik unterwegs. Obwohl das Wasser sehr angenehm temperiert ist, hatten wir doch mehr erwartet. Überflüssigerweise wurde ich auch noch Opfer eines Überfalls! Zuerst haben die Barbaren versucht mein Türschloss aufzubrechen und sind anschließend über eine Decksluke eingedrungen. Zum Glück wurden keine lebenswichtigen Systeme zerstört, aber wenn die nochmal kommen, dann … Anschließend waren alle froh, als wir auf den niederländischen Antillen ankamen. Unglaublich, wie viele verschiedene Fische es hier gibt und es kitzelt immer so herrlich, wenn sie an meinem Rumpf herumknabbern! Mittlerweile sind wir in Kolumbien angekommen und ich werde schon wieder verschönert – Jaaaah. Hier habe ich auch meine liebe Freundin Samantha nach acht Monaten wiedergetroffen – das war vielleicht eine Wiedersehensfreude!

Ach Kinder, wie die Zeit vergeht. Mittlerweile bin ich schon seit zwei Jahren unterwegs und es gefällt mir immer noch ziemlich gut. Ich glaube die drei wollen mit mir noch in den Pazifik, aber mir soll´s recht sein. Schließlich werde ich gut behandelt und ein Langzeittörn ist ja artgerechte Segelboot-Haltung. Ich genieße auf alle Fälle die Zeit mit den dreien und freue mich auf den nächsten Ozean und viele neue Abenteuer. Außerdem soll der Pazifik ja eher ein ruhiger Typ sein – also ganz mein Ding. Liebe Oma Inge keine Angst, ich bring dir die drei schon wieder heil nach Hause. In diesem Sinne …

Fair winds und bis bald

Eure Auriga

Endlich eine Arbeit …

Seit wir in Santa Marta auf Reede liegen ist einiges passiert. Wir waren in Medellin, Bogota, Panama und haben den Kanal durchquert aber manchmal passiert einfach nichts! Auch nicht schlecht, mag der eine oder andere denken, aber mich macht das irgendwie unruhig. Die Hitze und unsere Hafenroutine – Frühstück, Schule, Mittagessen, Schule, Sundowner, Abendessen … zerren langsam an meinen Nerven. Ich spüre immer wieder dieses unlustvolle, unangenehme Gefühl, eine Mischung aus erzwungenem Nichtstun und monotonem Alltag, in mir aufkommen – die anonyme Langeweile! Ganz langsam nähert sie sich von hinten, lauert manchmal hinter jeder Ecke, um dann zuzuschlagen. Miststück! Andererseits behaupten einige Leute, dass sich Langeweile inmitten der totalen Spaßgesellschaft manchmal als intelligente Antwort auf ein überbordendes Angebot aus Dekadenz und Völlerei entwickelt – auch ein interessanter Standpunkt! Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass in den 85 Büchern über Weltumsegelungen, die ich gelesen habe, irgendjemand von Langeweile geschrieben hat. Alle wirken immer irgendwie furchtbar busy, ständig passieren furchtbar aufregende Dinge – das Klo ist verstopft oder die Gasflasche leer – und die Lösungen der Probleme sind immer wahnsinnig anspruchsvoll (Spülen/Auffüllen!?) und einen täglichen Blogbericht wert. Es ist teilweise unglaublich, welche Banalitäten thematisiert werden, vielleicht bin ich ja kaputt, aber mir ist trotzdem langweilig!

Refit (1)

Allerdings bin ich nicht der Einzige, der mit diesem temporären Phänomen zu kämpfen hat. Beim Sundowner finde ich in Ken ich einen Leidenskollegen. Er ist mit seiner Frau vor zwei Jahren in Thailand gestartet und teilt meine Gefühle. Geteiltes Leid ist halt eben doch nur noch halbes Leid. Aber was tun? Ich könnte natürlich mein Englisch verbessern und Vokabeln pauken, oder – ganz verrückt – spanisch lernen, aber ich bin einfach zu träge. Der tägliche Mathematikunterricht mit Felix ist schon anstrengend genug, vor allem, weil das Kind manchmal so rechenunwillig ist. Bevor mich endgültig der Reiseblues erwischt, muss also unsere arme Auriga dran glauben. Ich habe mich für ein gepflegtes „klar Schiff machen“ entschieden. Als erstes wird das Deck gesäubert. Nachdem wir ungefähr ein halbes Kilo Kohlestaub vom nahegelegenen Verladehafen abgespült haben, geht es mit der Handbürste weiter. Einen ganzen Vormittag wird geputzt und geschrubbt bis die Außentemperaturen 35°C erreicht haben, dann ist Schluss und der innere Schweinehund gewinnt wieder die Oberhand, aber der Anfang ist gemacht!

Refit (3)

Als nächstes geht es dem allgegenwärtigem Flugrost an den Kragen. „Als Flugrost bezeichnet man nach DIN 50 900, Teil 1 eine beginnende Korrosion von Eisen oder Stahl. Die Flugrost geht zurück auf feine Eisenstäube, die an der Luft rosten und sich auf Gegenständen niederschlagen. Sie entstehen beispielsweise am Bremssystem alter Eisenbahnen. Metallteile in der Umgebung der Staubquelle sehen verrostet aus, obwohl nur die Oberfläche von Roststaub bedeckt ist“. Aus Herbert Beneke: Lexikon der Korrosion und des Korrosionsschutzes. Vulkan-Verlag, Vulkan-Verlag einfach unglaublich! Zur Rostbeseitigung genügt angeblich ein einfaches Abwischen des Staubes. Lieber Herr Beneke, das glauben Sie doch selbst nicht, oder? Ohne eine gehörige Portion „Rost Remover“ und kräftigem Schrubben geht nämlich gar nix! In einem viertägigen Putzmarathon werden Reeling, Wanten, Beschläge, Geräteträger, Badeplattform, Zierleisten und andere Edelmetallteile an unserem Boot gereinigt und poliert, bis sie sich dem Blitzen in der Sonne nicht mehr verweigern können. Die körperliche Arbeit weckt alte Lebensgeister, tut mir gut und die Langeweile hat sich die letzten Tage auch nicht blicken lassen!

Kol1 (38)

Jetzt ist das Cockpit fällig. Die Holzauflage auf unseren Sitzbänken beginnt schon langsam zu modern und auseinanderzufallen – also weg damit. Allerdings sieht unser Cockpit jetzt ziemlich öde aus. Sollen wir doch zum äußersten greifen und es komplett renovieren? Die Frage beschäftigt mich mehrere Tage. Argumente werden abgewogen, wir diskutieren mögliche Lösungen, leider ist alles mit viel Arbeit verbunden – puh. Um den Kopf frei zu bekommen machen wir einen kurzen Ausflug und besuchen Simon Bolivars Sterbeort in Santa Marta! Wer sich in Südamerika aufhält kann ihm einfach nicht entkommen – Simon Bolivar. In keiner noch so kleinen Stadt, wo nicht eine Straße, ein Platz, eine Schule, eine Universität oder ein Flughafen nach ihm benannt oder er irgendwo im Zentrum mit einer Statue verewigt ist. Aber auch international ist er ein beliebter Namensgeber. Der 1911 entdeckte Asteroid 712, eine Zigarrenmarke, ein südamerikanischer Staat, eine Währung sowie ein venezolanischer Verdienstorden wurden nach ihm benannt, die UNESCO verlieh von 1983 bis 2004 den Simón-Bolívar-Preis, die Marine der Vereinigten Staaten nannte ihr 1964 fertiggestellte strategische Atom-U-Boot USS Simon Bolivar. Auch in Deutschland diente er als Namensgeber für Straßen und Plätze. Statuen von ihm können vor dem Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin-Tiergarten, in Bonn in einer Anlage an der Friedrich-Ebert-Allee oder auf dem Gelände der Universität Bremen bestaunt werden. Also wer war Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar Palacios y Blanco genannt „El Libertador“? Geboren wurde er am 24.07.1783 in Caracas, Neugranada; gestorben ist er am 17.12.1830 in Santa Marta, Großkolumbien.

Die nun eigentlich folgende zweiseitige Zusammenfassung der südamerikanischen Unabhängigkeitsgeschichte habe ich wieder gelöscht, weil meine Frau beim Lesen eingeschlafen ist. Auf alle Fälle war Simon Bolivar ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer und ist Nationalheld mehrerer südamerikanischer und karibischer Länder. Er führte die Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanische Kolonialherrschaft in Venezuela, Kolumbien und Ecuador an und griff auch in die Unabhängigkeitsprozesse Perus und Boliviens entscheidend ein. Letzendlich trat er nach einer gescheiterten Konferenz über den Zusammenhalt Großkolumbiens 1830 von allen seinen politischen Ämtern zurück. Bolívar entschloss sich, Exil auf den Karibischen Inseln oder in Europa zu suchen. Bevor er den Kontinent jedoch verlassen konnte, starb er am 17. Dezember 1830 in Santa Marta an einer Mischung aus Malaria, Tuberkulose und Leberzirrhose. Nach seinem Tod zerfiel Großkolumbien in die einzelnen Staaten Ecuador, Venezuela und Kolumbien. Simon Bolivar hielt sich genau elf Tage auf einer Hacienda in Santa Marta auf, bevor dort den Löffel abgab. Das ehemalige Anwesen Quinta de San Pedro Alejandrino beherbergt heute das Bolivar-Museum, den botanischen Garten, ein Ehrenmal des Befreiers sowie eine Kunstausstellung. An einem Freitagvormittag machen wir uns zusammen mit Annie von der SY Little Wing mit dem Taxi auf und erreichen nach 10 Minuten die Quinta de San Pedro Alejandrino. Nach einer kurzen Einweisung können wir uns entscheiden, ob wir das Gelände auf eigene Faust erkunden oder einer kostenlosen Führung beiwohnen wollen.

Wir entschließen uns für die Führung und erfahren von unserem mehr schlecht als recht englisch sprechenden Führer weniger als von den vielen englisch-sprachigen Erklärungstafeln. Das Bolivarmuseum ist das ehemalige Wohnhaus des Befreiers. Wir stehen also auf histroisch bedeutsamen Boden. Links von uns wurde er bekocht, rechts Klo und Badezimmer – aha – Schlaf- und Arbeitszimmer sind ähnlich spannend, dafür aber nach über 150 Jahren hundertprozentig TBC-frei, wenigstens etwas! Wir wandeln ein wenig durch den botanischen Garten, können ein paar Iguanas und tropische Vögel beobachten und erreichen schließlich das angemessen, protzige Ehrenmal Bolivars. Das ist allerdings Klasse. In einer großen Marmorhalle steht eine Skulptur des Freiheitskämpfers. Je nachdem, von welcher Seite man den Libertador betrachtet, sieht man den jungen, engagierten oder alternden Mann – sehr schöne Gesichte, möchte ich auch in meinem Mausoleum mal haben. Danach noch die Ausstellung über zeitgenössische südamerikanische Malerei besucht und schon sind zwei Stunden vorbei! Die anonyme Langweile hat also keine Chance!

Während Annie und Antje zurück zur Marina fahren, suche ich den nahegelegenen Baumarkt auf, mein zweites Zuhause für die nächsten zwei Wochen, was ich allerdings in diesem Augenblick noch nicht richtig realisiere. Ich besorge etwas Schleifpapier und eine Dose weißer Farbe für eine Probebehandlung unseres Cockpits. Zurück auf der Auiga werden die besorgten Utensilien sofort ausprobiert und es sieht echt gut aus – Scheiße, dann wird es wohl doch auf eine Komplettrenovierung rauslaufen! Am nächsten Tag geht es los. Ich bin für die nächste Woche vom Unterricht befreit und lege los. Als erstes wird alles, was möglich ist, abgeschraubt. Fangen wir doch einfach mal mit den Winschen an – Okay. Unglücklicherweise sind keine Schrauben oder ähnliche Befestigungsvorrichtungen zu sehen. Also ab ins Internet und bei Antal nach einem Manual suchen. Gibt es natürlich nicht mehr, weil die Winschen schon zu alt sind. Geht ja schon mal gut los. Also bei Youtube suchen! Nach zwanzig Minuten stoße ich auf ein Wartungsvideo – super. Ach, da muss nur ein Sicherungsring gelöst werden, dass ist ja einfach. Eine halbe Stunde später sind die Winschen abgebaut und so geht es weiter. Allerdings ist es gegen 13 Uhr bereits wieder so heiß, dass an ein Weiterarbeiten nicht zu denken ist, aber ich habe doch einiges geschafft. Die nächsten zwei Tagen geht es fröhlich so weiter, was sich mir nicht sofort ergeben will, wählt den Weg der rohen Gewalt, aber es klappt ganz gut. Da unsere Backskistendeckel angenietet sind, müssen die Nieten durchgebort werden, was zu meiner Überraschung relativ problemlos klappt oder am zunehmenden Verrottungsgrad der Nieten liegen mag. Zum Schluss reiße ich noch das Motorpanel inklusive Einbaurahmen aus dem Cockpit und dann ist es geschafft, Teil 1 der Operation Refit ist abgeschlossen.

Mittlerweile ist es Ende Juni und ich werde als Lehrer wohl noch länger ausfallen. Die gute Nachricht für Felix ist, dass der Matheunterricht erst wieder aufgenommen wird, wenn er das 13. Lebensjahr erreicht hat! Mittlerweile hoch motiviert kann es weiter gehen, aber vorher erstmal ein Kurzbesuch im Baumarkt!. Die zwanzig Blatt 360iger Schleifpapier sind ja auch auf spanisch nicht schwer zu besorgen, aber bei Primer- und Farbspray wird es schon schwieriger. Mehr oder weniger ratlos stehe ich vor dem Regal und lese mir spanische Gebrauchsanweisungen durch! Da sich:“Pintura en aerosol ideal para superficies de madera, metal, paredes, ceramica o plastico que deban restauradas, protegidas y/o decoradas. Acabado parejo y uniforme, de mayor resistencia. Alto cubrimiento, alto rendimiento, con filtro UV para mayor duration y un secamiento ultra rapido“ eigentlich ganz gut anhört und die Worte superficies plastico, restauradas, resistencia und filtro UV vorkommen entscheide ich mich spontan für die „Pintura Multisuperficie, Blanco Mate! Außerdem handelt es auch noch um eine Zwei-Komponentenfarbe, da kann ja nichts mehr schief gehen, oder? Ausgerüstet mit zwei Dosen Primer und sechs Dosen Farbe geht es zurück auf´s Schiff. Die nächsten zwei Tage wird erstmal per Hand geschliffen – ich hasse es schon nach einer Viertelstunde, überall runde Ecken (für unsere sprachanalytisch gebildeten Leser, mein Lieblingsoxymoron), es ist zum Kotzen!. Natürlich reicht das Schleifpapier nicht, war ja klar. Bevor ich wieder in den Baumarkt tigere kann ein zweiter Farbtest ja nicht schaden, schließlich habe ich ja Plastikprimer – oder so – besorgt. Ich öffne die Dose und der Sprühkopf fehlt natürlich, na super. Also kein Farbtest und doch erst in den Baumarkt, ist ja mit dem Taxi nur eine halbe Stunde einfach. Im Baumarkt erst zum Schleifpapier, danach einen Sprühkopf abmontieren und zurück zum Boot. Zu meiner persöhnlichen Motivation wird zunächst der zweite Farbtest durchgeführt – sehr schön und dann der Rest des Cockpits abgeschliffen. Antje hat die eher unglückliche Aufgabe den Einbaurahmen des Motorpanels zu schleifen und die abgebauten Kleinteile zu reinigen, aber das macht sie sehr gut!

Nach einem weiteren Tag hat es sich ausgeschliffen, dreimal gründlich das ganze Cockpit geputzt, zum Schluss alles mit Aceton entfetten und dann kann gesprüht werden. Antje und Felix werden in die klimatisierte Captainslounge der Marina verbannt und ich beginne mit dem Plastikprimer. Natürlich reichen zwei Dosen nicht und so muss ein wenig improvisiert werden. Eine Stunde in der Captainslounge abkühlen und danach die erste Farbschicht auftragen. Eigentlich sollte eine Dose für einen Quadratmeter reichen, aber offensichtlich ist die Oberfläche unseres Cockpits größer. Das größte Problem ist, dass ich bei 33°C Außentemperatur auf den frischen Farbanstrich schwitze und Farbfehler verursache. So eine Scheiße. Ich könnte schon wieder durchdrehen! Nach drei Stunden können wir unsere Auriga wieder betreten. Das erste Ergebnis ist nicht schlecht, aber durchaus verbesserungswürdig. Nach 24 Stunden kann erneut geschliffen werden, aber sicher nicht mehr mit der Hand, abgesehen von den Oxymoronen! Also wieder zum Homecenter, einen Exzenterschleifer und noch mehr Farbe besorgen. Wir finden ein handliches Schleifgerät von Markita, besorgen unterschiedliche Schleifscheiben und kaufen nochmal zwölf Dosen der 2-Komponentenfarbe. Nachdem Schleifen kann ich allerdings wegen zu viel Wind keine neue Farbschicht auftragen und habe nach einer gründlichen Cockpitreinigung eine Zwangspause. Natürlich nutze ich die Zeit für einen Ausflug in den Baumarkt, um mir noch einen vernünftigen Atemschutz zu besorgen, da meine sowieso schon malträtierten Atemwege, was sicher nicht am Rauchen liegen kann, beim ersten Sprühen doch etwas gelitten haben. Antje und Felix werden wieder vom Schiff entsorgt und ich kann mich an die Arbeit machen. Nach zwei Stunden ist die zweite Lackschicht drauf, die Dosen haben geradeso gereicht und es sieht jetzt wirklich gut aus! Jedoch läßt der Gesamteindruck nach dem Schleifen am nächsten Tag etwas nach. Mich packt jetzt der Ergeiz und ich entschließe mich für eine dritte Farbschicht. Am Vormittag geht es mal wieder ins Homecenter, hier erwartet mich allerdings ein schwerwiegendes Problem – ich habe bereits die gesamte 2-Komponentenfarbe in Blanco Mate aufgekauft – Mist. Da hilft woll nur ein anderer Hersteller. Also studiere ich wieder spanische Gebrauchsanweisungen und entscheide mich spontan für den einzigen anderen Hersteller mattweißer Farbe in Dosen.

Vorsichtshalber erstehe ich gleich alle 16 verfügbaren Dosen und ziehe wieder von dannen. Am Sonntag ist relative Windstille angesagt, die Famile wird auf einen Ausflug nach Minca abkommandiert und ich habe freie Hand. Nach der üblichen Vorbereitungs- und Vermumungsaktion geht’s los. In den nächsten drei Stunden verarbeite ich 14 Dosen Farbe, mir läuft bei 33 °C der Schweiß aus den Handschuhen, aber das Ergebnis ist wirklich ansprechend. Ich schälle mich aus meinem Schutzanzug und gehe erstmal duschen. Eine Stunde später ist die Farbe bereits trocken und muss nur noch durchhärten. Ich nutze die Zeit, räume den Müll der letzten zwei Wochen aus dem Schiff und fühle mich großartig. Nachmittags kommt die Familie zurück, das Boot ist inzwischen gut durchgelüftet und wir gehen zur Feier des Tages noch zum Essen. Am nächsten Tag führe ich die finalen Schleifarbeiten durch und genehmige mir dann einen freien Nachmittag.

Refit (22)

Da unsere alte Holzauflage entsorgt wurde, wollen wir die Sitzflächen im Cockpit mit Decksbelag bekleben. Das bedeutet mal wieder Schablonen anfertigen, auf den Decksbelag übertragen, alles ausschneiden, nachbessern und anschließend kann geklebt werden. Glücklicherweise ist der Kleber, den ich im Herbst aus Deutschland mitgebracht habe, noch 6 Wochen haltbar. Nach zwei Tagen ist alles erledigt und das Cockpit macht jetzt einen richtig guten Eindruck. Die nächsten beiden Tage werden alle abmontierten Cockpitteile nochmals gereinigt und danach mit Sikaflex ordentlich eingeklebt oder angenietet und schon ist nach einer 16-tägigen Behandlungszeit das Refit unserer Cockpits abgeschlossen. Fazit – für einen Anfänger sieht es gar nicht schlecht aus und ich habe nur 34 Dosen Farbe verbraucht.

Natürlich haben wir die letzten Wochen nicht nur am Cockpit gearbeit oder Felix unterrichtet, sondern hatten auch reichlich Sozialkontakte. Innerhalb der letzten vier Wochen hat sich eine richtige deutsche Seglergemeinschaft in Santa Marta eingefunden. Zuerst kamen Kiki und Stefan mit der SY Sawadi aus Panama. Eigentlich wollten sie noch bis Curacao weiter, haben sich aber dann entschieden, nicht 300 sm gegen Wind und Strömung zu segeln, sondern ihr Boot in Santa Marta liegen zu lassen, bevor es für ein paar Monate nach Deutschland geht. Da Stefan die letzten sieben Jahre auf den San Blas Inseln verbracht hat, ist er natürlich ein gefragter Gesprächspartner unter den Seglern. Unglücklicherweise hat er seit seiner Ankunft Probleme mit dem temporären Import seines 36 ft Bootes und so tingelt er seit Wochen zwischen Marina Büro, Customs und Port Capitaneria hin und her, ohne dass wirklich etwas passiert. Seine täglichen Berichte sind teilweise wirklich haarstrübend und zum Verzweifeln – armer Tropf. Kurz darauf trifft die SY Mango mit Isabella, Nick und ihren beiden Kindern aus Curacao ein. Die vier Thüringer sind schon fast zwei Jahre unterwegs und wollen ebensfalls bis nach Australien segeln. Vor kurzen sind sie zu den San Blas Inseln aufgebrochen. Ich denke, wir werden sie in der Shelter Bay in Panama wieder treffen und wir freuen uns darauf. Zum Schluss kamen noch Jochen und Sabine von der SY Atanga hier an. Die beidem Glücklichen sind seit 2014 mit offenem Ende unterwegs, sehr beneidenswert. So viele deutschsprachige Segler haben wir seit den kanarischen Inseln nicht mehr getroffen. Wir genießen es, bei den täglichen Sundownertreffen mal wieder richtig deutsch sprechen zu können. Da fehlt eigentlich nur noch die SY Samantha mit Alex und Birger und die sind vor einer Woche in Martinique gestartet und sollten in den nächsten Tagen hier eintreffen – wir freuen uns riesig. Leider haben die beiden es nicht mehr zu Felix Geburtstag geschafft. Ja, ja, unser Kleiner wird schon wieder ein Jahr älter und darf sich jetzt offizell als Teenager fühlen. Lieber Felix, wird sind wirklich sehr stolz auf Dich und hoffen, dass du die nächsten 18 Monate bis Australien noch durchhältst mit deinen beiden Alten.

Fair winds und bis bald,

eure Heimwerker und das Geburtstagskind von der Auriga

Oh, wie schön ist Panama!

Am Sonntagmorgen geht es endlich wieder los – Panama wir kommen. Diesmal wird es aber kein gewöhnlicher Ausflug, sondern wir haben eine Mission. Wie vor sieben Wochen versprochen, helfen wir Matthias und Regina von der SY Jasina bei der Passage des Panamakanals. Wir haben einen Gabelflug nach Panama City gebucht, weil der ca. 200 Euro pro Nase billiger ist als ein Direktflug von Santa Marta aus. Zwischenstopp ist in Medellin, wir kommen gegen Mittag an und haben erst einmal sechs Stunden Aufenthalt. Da die Stadt fast 40 Kilometer entfernt ist, rentiert sich ein Ausflug nach Medellin leider nicht wirklich und so erkunden wir die Umgebung des Flughafens ein wenig, gehen Essen und können um kurz vor 20 Uhr nach Panama City abheben. Bevor wir einchecken können, müssen wir allerdings nachweisen, dass wir auch einen Rückflug von Panama nach Kolumbien haben. Obwohl wir mit Viva Colombia hin- und zurückfliegen, will die Tante am Schalter unsere Buchungsbestätigung sehen. Mit den letzten paar Prozent Strom rufe ich den Schrieb auf dem Tablet auf, zeige ihn der Dame und bekomme dafür eine von ihr flugs ausgedruckte Buchungsbestätigung ausgehändigt!? Okay, damit sind wir für die Einreise nach Panama gerüstet. Im Duty Free Shop erstehe ich noch eine Stange Zigaretten. Die sind allerdings 1000 Pesos pro Schachtel teurer als in jedem kolumbianischen Supermarkt – sind wahrscheinlich die einzigen Zigaretten in Kolumbien, auf die Steuern bezahlt werden müssen, sehr seltsam!

Kanal (71)

Mit einer halben Stunde Verspätung erreichen wir den Flughafen Panama Pacifico International nahe Panama City. Während des Flugs haben wir die üblichen Formulare für Customs und Immigration ausgefüllt und hoffen, möglichst zügig einreisen zu können, weil unser Hotel für die Nacht nochmals eine halbe Stunde entfernt liegt. Am Boden angekommen erwartet uns allerdings erst einmal ein Klimaschock. Bei gefühlten 30°C Außentemperatur und ungefähr 780% Luftfeuchtigkeit finden wir uns in einer Waschküche wieder – pfui! Wir stehen binnen weniger Minuten im eigenen Saft. Als wir den Immigrationbereich erreichen, dürfen wir uns in eine 50 Meter lange Schlange einreihen. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir endlich dran. Die ausgefüllten Einreisepapiere und unsere Rückflugbescheinigung interessieren natürlich keinen, dafür wird jeder von uns fotografiert und unsere Fingerabdrücke werden elektronisch erfasst – da verwette ich doch meinen Kopf, dass unsere schönen biometrischen Daten auf direktem Weg in alle Datenbanken der Vereinigten Staaten wandern, schöne neue Welt! Nach einer Stunde sind dann endlich alle Formalitäten erledigt. Vor dem Flughafen warten natürlich jede Menge Taxis, wir suchen uns ein Auto mit Klimaanlage, handeln einen vernünftigen Fahrpreis aus und steuern in der Nacht unsere Bleibe, das Radisson Summit Hotel, an. Da Edmundo ganz gut englisch spricht, vereinbaren wir mit ihm, dass er uns am nächsten Morgen im Hotel abholen und danach in die Shelter Bay Marina nahe Colon bringen soll. Damit ist die Weiterreise zur SY Jasina auch schon organisiert. Glücklicherweise kommen wir noch rechtzeitig im Hotel an, das Restaurant hat noch genau fünf Minuten auf. Nach einem anstrengenden Tag fallen wir nach Salat und Clubsandwich todmüde in die herrlich großen, aber bedingt durch die hohe Luftfeuchtigkeit sehr klammen Kingsize-Betten …

 

Am nächsten Tag erwachen wir im Dschungel. Rundum das Hotel und den dazugehörigen Golfplatz befindet sich ein Naturschutzgebiet. Soweit das Auge reicht blicken wir auf undurchdringlichen Regenwald in den schönsten Grüntönen, die ich jemals gesehen habe. Untermalt wird die Szenerie durch ein morgendliches Vogelkonzert erster Güte – das ganze Spektakel ist einfach unbeschreiblich! Nach diesem sensationellen Auftakt geht es erstmal zum Frühstücken und Edmundo ist auch schon da! Offensichtlich hatte er Bedenken, wir könnten mit jemand anderen nach Colon fahren. Das Frühstücksbuffet ist ansprechend – vor allem der Milchreis mit Mandelmilch – danach schnell zusammenpacken und schon geht es weiter in die Shelter Bay Marina. Zunächst führt die Straße ca. 10 km durch den Regenwald des Naturschutzgebietes. Am liebsten würde ich alle 100 Meter anhalten und mir mit der Machete ganz Indianer Jones like einen Weg durch den Dschungel bahnen und ihn erkunden, geht aber leider nicht. Also weiter und über die Autobahn Richtung Colon. Da sich die Shelter Bay auf der anderen Seite des Kanals befindet, setzen wir mit der Fähre über. Die neue Brücke über den Kanal wird wohl erst 2018 fertiggestellt sein. Wir können allerdings schon jetzt die riesigen Pylone der zukünftigen Schrägseilbrücke bewundern. Nach drei Stunden ist es dann geschafft, wir finden uns am Rand des Dschungels im Nirgendwo wieder!

 

Das Wiedersehn mit Matthias und Regina ist sehr herzlich. Nach einer kurzen Marinaführung gehen wir zum Essen und tauschen die letzten Neuigkeiten aus. Bereits am nächsten Tag soll es durch den Panamakanal nach Panama City gehen. Trotz aller Wiedersehensfreude wirken die beiden ziemlich gestresst, da offensichtlich noch nicht alle Vorbereitungen für die Kanalpassage abgeschlossen sind. Also entschließen Antje, Felix und ich uns zu einem kleinen Spaziergang durch den angrenzenden Dschungel. Begleitet vom echt angsteinflößenden Geschrei der hiesigen Brüllaffen schleichen wir durch den Regelwald. Überall wuselt tropisches Getier durch den Wald. Wir können viele leider nur hören, entdecken aber Blattschneideameisen, vielfältige Schmetterlinge und können in den Palmenkronen sogar Gelbschulterkapuzineräffchen beobachten. Echt cool und viel besser als im Zoo! Der absolute Höhepunkt sind allerdings armdicke, baumhohe Bambusstangen! Da uns ein zusätzlicher Baum zur Stabilisierung des Vorsegels fehlt, suche ich schon lange nach einer kostengünstigen Alternative und jetzt stehe ich direkt davor – sensationell. Wenn wir im Herbst wieder in der Shelter Bay sind, werden wohl zwei oder drei der acht bis zehn Meter langen Stängel dran glauben müssen.

 

Als wir zuückkommen werden wir schon von Matthias erwartet. Er hat während unserer Abwesenheit einen kurzen Ausflug für uns organisert. Joachim, ein befreundeter deutscher Segler und Ingenieur der neuen Kanalbrücke, bringt uns mit seinem Auto zum nahe gelegenen Nationalpark, wo wir das Fort Morgan besuchen wollen. Die kurvenreiche Straße führt uns heute zum zweiten Mal durch den Dschungel. Ziel ist ein Hochplateau mit Blick über die Mündung des Rio Chagres in den Atlantik. Über diesen Fluss wird der Wasserspiegel des zum Panamakanal gehörigen Gatunsees reguliert. Wird bei Hochwasser über eine Schleuse Wasser abgelassen, kann sich schon mal eine acht Meter hohe Welle ihren Weg in den Atlantik bahnen. Kurz vor Erreichen des Forts versperrt allerdings ein umgefallener Baum die Straße und wir legen den Rest des Weges zu Fuß zurück. Während des kurzen Fußmarsches können wir einige Adler und Geier beobachten. Oben angekommen erwartet uns ein herrlicher Ausblick über die Flussmündung. Das Fort diente im 16. Jahrhundert dem walisischen Freibeuter Henry Morgan als Stützpunkt für sein räuberisches Treiben, u.a. wurde er berühmt, weil er das damalige Panama City über den Landweg plünderte und fast völlig zerstörte. Wir besichtigen die Reste des Forts und lassen uns von Joachim allerlei interessante Hintergrundinformationen geben. Anschließend gibt es noch ein Bierchen und eine Besichtigung seines Segelbootes.

 

Als wir wieder zurück auf der SY Jasina sind, haben Matthias und Regina ihre Hausaufgaben erledigt und wir können guten Gewissens an Bord kommen. Obwohl wir zu fünft auf dem 10 Meter Boot übernachten, können alle dank Klimaanlage gut und erholsam schlafen. Nach dem Frühstück werden wir nochmal von Matthias für die Kanalpassage gebrieft, die Aufgaben werden verteilt und die von der Kanalbehörde gelieferten acht Autoreifen an der Reling platziert. Um 13:30 Uhr legen wir ab und steuern den Treffpunkt mit unserem Lotsen (Advisor) in der Bucht von Colon an. Hier melden wir uns via UKW bei der Kanalbehörde und erfahren, dass unser Advisor gegen 15:45 Uhr an Bord kommen soll. Bis zu seiner Ankunft treiben wir ein wenig gelangweilt in der riesigen Bucht herum. In Blickweite befinden sich mehrere Tanker und Containerschiffe der Panamaxklasse. Diese riesigen Schiffe werden so konstruiert, dass sie gerade eben noch den Kanal passieren können und bilden eine eigene Schiffsklasse.

 

Endlich ist es 15:45 Uhr, allerdings ist noch kein Lotse in Sicht. Die bereits angspannten Nerven der beiden Hamburger werden noch eine weitere Stunde strapaziert, bis unser Advisor mit einer Stunde Verspätung endlich an Bord kommt. Nach einer kurzen Vorstellung und Erklärung des Ablaufes geht es auch schon los in Richtung erster Gatún-Schleuse. Macelin, unser Lotse, wird mit Cola und Hamburgern versorgt, da die Bereitstellung einer warmen Mahlzeit für den Lotsen während der Kanalpassage im Transitvertrag vorgeschrieben ist! Der Panama-Kanal ist einschließlich der Zufahrtswege ca. 40 Seemeilen lang. Er verläuft zwischen den Städten Colón an der Atlantik- und Balboa, einem Vorort von Panama-Stadt an der Pazifikküste. Vor dem Bau des Kanals führte die kürzeste Seeverbindung von der Ostküste zur Westküste Nordamerikas durch die Magellanstraße um Südamerika herum. Die Einsparung von 15.000 Kilometern (8.100 Seemeilen) entspricht bei einer Schiffsgeschwindigkeit von 15 Knoten einer Verkürzung der Reisezeit um rund drei Wochen. Bei unserer Durchschnittsgeschwindigkeit von fünf Knoten bedeutet das eine Zeitersparnis von gut neun bis zehn Wochen! Nach zwei Seemeilen erreichen wir die erste der insgesamt drei Gatún-Schleusen. Die Baltic Mercury, ein mittelgroßes Frachtschiff, ist bereits in die Schleuse eingefahren. Wir werden zusammen mit einem Fischerboot und einem norwegischen Katamaran zu einem soliden Päckchen verschnürt und hinter dem Frachter geparkt. Neben uns ragen die Wände der gigantischen Schleusenkammern elf Meter nach oben. Jedes Schleusenbecken hat eine Länge von 327 Metern und eine Breite von 33,5 Metern, da kommen wir uns noch ein bisschen kleiner vor als sonst. Da unser Schiffspäckchen nur auf einer Schleusenseite mit Seilen gesichert wird, haben wir als Linehandler praktisch nichts zu tun und können das anschließende Schauspiel in Ruhe genießen.

 

Nachdem alles gesichert ist, beginnen sich sich die riesigen Tore zu schließen und das Wasser kann einlaufen. Innerhalb weniger Minuten steigt der Wasserspiegel um über 8 Meter und wir befinden uns auf Höhe der Schleusenkanten – unglaublich. Danach werden die vorderen Tore geöffnet und die Baltic Mercury wird von vier Lokomotiven in die zweite Schleuse gezogen. Anschließend fährt unser Päckchen hinterher. Alle drei Boote setzen ihre Maschinen ein, um in der starken Strömung nicht aus dem Ruder zu laufen, schließlich wäre eine Kollison mit der Schleusenmauer für uns trotz reichlicher Befenderung fatal. Aber unsere Advisor hat die Situation im Griff, gibt ruhig und gezielt Anweisungen und wir erreichen sicher die nächste Schleusenkammer. Hier wiederholt sich das ganze Schauspiel erneut. Mittels der drei Gatún-Schleusen werden die Schiffe insgesamt auf 26 Meter über dem Meerespiegel angehoben und auf das Niveau des dahinterliegenden Gatún-Sees geschleust. Nach zwei Stunden öffnen sich die Tore der letzten Schleusenkammer und der erste Teil ist ohne Schäden überstanden.

 

Wir werden zu einer riesigen Boje im See gelotst, machen in der beginnenden Dämmerung fest, verabschieden uns von Macleen und lassen den ereignisreichen Tag bei einem verspäteten Sundowner ausklingen. Nach ein, zwei Sunden fällt auch bei Matthias und Regina die Anspannung langsam etwas ab! Obwohl wir ruhig liegen, haben Antje, Felix und ich eine unruhige Nacht, da es furchtbar heiß im Boot ist. Fünf Menschen heizen eben doch mehr als nur zwei. Mitten in der Nacht verholen sich meine Frau und ich ins Cockpit und können bei halbwegs erträglichen Temperaturen noch ein wenig schlafen, bevor um 05:30 Uhr die Dämmerung beginnt.

 

Nach einem schnellen Kaffee, wird um 07:30 der Lotse für die nächste Etappe angeliefert. Nach einer kurzen Begrüßung heißt es keine Zeit verlieren und wir legen fünf Minuten später ab. Der norwegische Katamaran vom Vortag, mit dem wir heute wieder schleusen sollen, ist ebenfalls schon auf dem Weg. Bis zu den Pazifikschleusen müssen ca. 30 sm zurückgelegt werden. Bei herrlichem Sonnenschein durchqueren wir den Gatunsee. Links und rechts von uns befindet sich weitgehend unberührter Regenwald. Außer einigen Adlern bekommen wir leider keine anderen Dschungelbewohner zu sehen, dabei hatte ich gehofft, eines der berüchtigten Kanal-Krokodille zu sichten. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir die Ortschaft Gambo. Dort beginnt der rund sieben Seemeilen lange Culebra Cut oder Culebra-Durchstich durch die Berge der kontinentalen Wasserscheide. Kurz vor dem Ende des Culebra-Durchstichs überquert die Puente Centenario (Jahrhundertbrücke), eine sechsspurige Schrägseilbrücke, den Kanal in 80 Metern Höhe.

Der Seeweg endet an der Pedro-Miguel-Schleuse, die den Abstieg zum Pazifik einleitet. Obwohl wir mit 6,5 Knoten über die Wasserstraße düsen, werden wir vom norwegischen Katamaran schnell abgehängt. Unser Advisor, der bis dahin noch keinen Kontakt zu seinem Kollegen auf dem Katamaran aufgenommen hat, gibt drei Seemeilen vor der Schleuse die Anweisung langsamer zu fahren, weil die Norweger angeblich bereits in der Schleuse seien und wir auf ein anderes Segelboot warten müssen. Wir sind über diese Information ein bisschen verwirrt, da sich der Katamaran laut unserem AIS noch eine Seemeile vor der Pedro-Miguel-Schleuse befindet. Offensichtlich haben wir diesmal nicht den kompetentesten Lotsen zugeteilt bekommen. Plötzlich sollen wir wieder Gas geben und kommen mit nur leichter Verspätung an der Schleuse an. Anders als bei den Atlantikschleusen, müssen hier zuerst die Kleinboote und danach die dicken Pötte in die Kammern. Aber irgendwie ist heute sowieso alles anders als gestern. Beim Vertäuen mit dem Katamaran kommt es zum nächsten Missverständnis mit den Lotsen, aber schließlich sind alle zufrieden und es kann losgehen.

Wir fahren gemeinsam langsam in die Pedro-Miguel-Schleuse ein. Von der Seite kommen die berühmten Affenfäuste angeflogen. An diesen dünnen Leinen werden unsere dicken 30 Meter langen Halteleinen befestigt, hochgezogen und anschließend über die Poler der Schleusenmauer geworfen. Mit den vier Leinen können wir unser Päckchen in der Mitte der Schleuse halten. Anschließend wird die Maersk Interoi, ein Containerschiff, von den Lokomotiven in die Schleuse gezogen und fixiert. Langsam wird das Wasser aus der Schleusenkammer abgelassen, wir lassen gleichmäßig die Leinen nach und werden um acht Meter abgesenkt. Die Schleusentore öffenen sich und im Päckchen motoren wir zu den zwei Seemeilen entfernten beiden Miraflores-Schleusen. Offensichtlich hat es der Kapitän des Katamarans eilig und düst mit uns an seiner Seite mit fünf bis sechs Knoten und ächzenden Leinen zu den nächsten Schleusen. Matthias Laune geht während dieser Aktion deutlich gegen Null. Muss ja schließlich auch nicht sein, oder? In den Miraflores-Schleusen wiederholt sich das ganze Prozedere noch zweimal. Allerdings befindet sich hier ein großes Besucherzentrum und wir werden wie die Affen im Zoo bestaunt. Und dann öffnet sich das letzte Schleusentor, die Kanalarbeiter winken uns zu und wir haben es geschafft – vor uns liegt der Pazifik! Erleichterung macht sich auf dem Boot breit, alles gut gegangen und nichts passiert.

Wir motoren noch mit dem Katamaran aus dem Fahrwasser und wollen die Boote voneinander lösen. Allerdings gibt es wieder Unstimmigkeiten mit dem Lotsen, als wir dann auch noch Gefahr laufen mit unserem Geräteträger den Windgenerator des Katamarans zu touchieren, eskaliert die Situation endgültig, aber zum Glück geht alles gut und wir tuckern gemütlich an den Hafenanlagen Balboas vorbei und unter der Puente de las Américas hindurch in den Golf von Panama. Die Amerikabrücke verläuft 61,3 m über dem Meeresspiegel, weshalb die Höhe der durchfahrenden Schiffe auf maximal 57,91m über der Wasserlinie begrenzt ist. Direkt dahinter befindet sich unser Ziel – der Balboa Jachtclub. Auf dem Weg dahin müssen wir nur noch unseren Lotsen loswerden. Nach mehrfachem Fragen lässt sich dieser endlich den Treffpunkt mit dem Lotsenschiff aus der Nase ziehen und wir sind glücklich, als er wenig später das Boot verlässt. Man kann mit den Lotsen halt Glück oder auch Pech haben, aber was soll´s, es ist geschafft. Kurz darauf erreichen wir den Jachtclub Balboa, machen an einer Mooringboje fest und lassen uns ein kühles Bier schmecken. Eine halbe Stunde später beginnt es zu regnen, da sind wir ja gerade noch rechtzeitig angekommen!

Unsere erste Nacht auf dem stillen Ozean ist allerdings ziemlich unruhig, da das Boot im Schwell der vorbeifahrenden Schiffe ganz schön durchgeschaukelt wird. Trotzdem können alle gut schlafen und nach einem langen Frühstück verlassen wir Matthias, Regina und die Jasina und ziehen nach drei Tagen in unser Hotel in Panama City um. Vielen Dank für die herzliche Aufnahme und die gute Bewirtung. Wir haben viel gelernt! Trotz der räumlichen Enge haben wir uns gut verstanden und die gemeinsamen Erlebnisse werden uns sicher lange in Erinnerung bleiben. Wir genehmigen uns noch eine Tasse Kaffee im Jactclub, WLANen ein bisschen und lassen uns danach ins Hotel fahren. Die Fahrt führt durch dreckige und heruntergekommene Viertel. Der Putz bröckelt von den Wänden, Moos- und Schimmelbewuchs wohin das Auge blickt, überall liegt Müll und Dreck herum – nicht sehr einladend! So habe ich mir Süd- bzw. Mittelamerika eigentlich immer vorgestellt. Unser Hotel ist einigermaßen in Schuss. Schnell einchecken, kurze Zimmer- und Hotelbesichtigung – nicht schlecht. Vor allem vom Dach des Hotels hat man einen herrlichen Ausblick über die Altstadt einerseits und über die Skyline des Bankenviertels mit ihren unzähligen Hochhäusern auf der anderen Seite.

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Der Capitän will unbedingt mal wieder zum Inder und so lassen wir uns im Taxi in die Calle 51 kutschieren. Allerdings sieht das Lokal nicht besonders einladend aus, also latschen wir bis zur nächsten Kreuzung zurück und entdecken das „Os Secreto de Carne“ – ein brasilianisches Asado -jah! Wir sitzen kaum am Tisch schon kommt der erste Kellner mit einem Fleischspieß vorbei und schneidet uns eine Scheibe lecker duftendes Rumpsteak ab. Bevor wir uns versehen quellen unsere Teller von gegrilltem Hühnchen, Hühnerherzen, Rinderfilet und Spareribs über. Nach den anstrengenden letzten Tagen schlagen wir uns hemmungslos die Bäuche voll und genießen das Schlachtfest in vollen Zügen. Allerdings sind wir danach so voll, dass wir den restlichen Tag nur noch faul in unserem Hotelzimmer herumhängen können und bis zum nächsten Morgen mit Verdauen beschäftigt sind – aber es war wirklich ausgesprochen lecker!

Gut erholt wollen wir am nächsten Tag Panama City erkunden. Unser erstes Ziel ist der „Mercado de Marisco“ der Fischmarkt. Bei Sonnenschein und der allgegenwärtigen drückenden Schwüle machen wir uns auf. Allerdings wird die Markthalle gerade renoviert und der davor arrangierte Containermarkt ist siffig und wenig einladend. Schließlich erfahren wir, dass der eigentliche Fischmarkt während der Renovierungsarbeiten ein paar Ecken weiter gezogen ist. Kurze Zeit später befinden wir uns in einer deutlich appetitlicherern Markthalle. Hier werden vor allem Meeresfrüchte angeboten. Die Preise können sich wirklich sehen lassen. Langustenschwänze (ohne Kopf) werden für 6 USD das Pfund angeboten und sehen auch noch sehr gut aus. Leider haben wir in unserem Hotel keine Möglichkeit zum Kochen, sonst hätte uns sicher die eine oder andere Languste in die Innenstadt begleitet. Wir latschen durch ein heruntergekommenes Chinesenviertel und erreichen die Altstadt. Von einem zum anderen Straßenzug ändert sich plötzlich die Umgebung. Überall schön renovierte spanische Kolonialarchitektur, die Wege sind gepflastert und sauber, hin und wieder mal ein verlassenes Haus. Hier macht das Flanieren wieder Spaß! Wir wollen die Kathedrale besichtigen, die wird allerdings auch renoviert, also geht es ins Kanalmuseum. Die Ausstellung zur Entstehung des Panamakanals ist sehr ausführlich und natürlich werden die 25.000 Menschen, die während seiner Erbauung gestorben sind, nur mit einer Randnotiz erwähnt. Insgesamt ganz gut, aber nicht atemberaubend – größtes Highlight ist die Klimaanlage. Danach schlendern wir weiter durch die Altstadt, die vor ein paar Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde. Selbstverständlich besuchen wir auch einen der vielen Hutläden und erstehen für den Kapitän einen orginal in Ecuador gefertigten Panamahut, einen schönen Sonnenhut für Antje und schon neigt sich der Tag wieder dem Ende zu.

Tagsdarauf wollen wir die größte Shoppingmall Amerikas besuchen. In der Albrook Mall erwarten uns insgesamt 700 Shops. Wir brauchen fast einen ganzen Tag um einmal durch das Einkaufsparadies zu laufen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wer so viele Schuhe und Klamotten kaufen soll. Trotzdem sind alle Läden besetzt und kaum leerstehende Shops zu sehen. Vor allem Elektronik ist relativ günstig und so erstehen wir für Antje ein neues Tablet. Abwohl wir die Funktionalität im Laden überprüft haben, stürzt es später im Hotel komplett ab und lässt sich weder laden noch anschalten. Damit haben wir wenigstens für den nächsten Tag eine Aufgabe, weil uns langsam die Sehenswürdigkeiten ausgehen und der Höhepunkt der Stadt nun mal einfach der Panamakanal ist. Stadtrundfahrten werden zwar angeboten, aber bei Preisen von 120 USD aufwärts haben wir keine Lust. Da uns die hohe Luftfeuchtigkeit immer noch zu schaffen macht, vertrödeln wir viel Zeit im Hotel und hängen ein bisschen herum. Eigentlich hätten auch zwei Tage in Panama City genügt. Am Sonntag gehen wir noch mal im Stadtzentrum frühstücken und lassen uns danach von einem kleinen Panamanesen für 40 USD durch die Innenstadt führen. Wir besichtigen das französische Viertel, einige Kirchen, die interessanterweise alle mit Klimaanlage ausgestattet und dementsprechend gut gefüllt sind.

Nach einem kleinen Snack treffen wir uns mit Matthias und Regina vor dem futuristischen Biomuseum. Thema hier ist die Biodiversität in Mittelamerika. Erdgeschichtlich gesehen hat sich der Isthmus von Panama erst relativ spät geschlossen und die bis dato isolierte Tier- und Pflanzenwelt Nord- und Südamerikas sich unabhängig voneinander entwickelt. Erst mit der entstandenen Landbrücke zwischen den Kontineten kam es zu einer Durchmischung der Arten. Die Ausstellung inklusive Kino mit sechs Leinwänden ist ganz gut gemacht, rechtfertigt aber nicht den hohen Eintrittspreis von 40 USD für uns drei. Trotzdem ist es ein kurzweiliger Nachmittag mit den Hamburgern, die jetzt wieder deutlich entspannter sind. Nach einer herzlichen Verabschiedung geht es zürück ins Hotel. Vielleicht treffen wir die beiden ja in Ecuador wieder, wer weiß!

Da wir am Montag erst am Abend nach Medellin zurückfliegen, wollen wir bis dahin noch das Bankenviertel besuchen. Per pedes geht es 20 Blocks nach Süden. Die schwülheiße Luft ist mal wieder hart an der Grenze des Erträglichen. Allerdings entschädigt der beeindruckende Anblick der Hochhausschluchten doch für die Anstrengungen. So ziemlich alle bekannten und unbekannten Bankeninstitute haben sich hier verewigt. Schon interessant, was man mit Steuerhinterziehung und Geldwäsche alles finanzieren kann! Nach einem kurzen Mittagessen machen wir nochmal einen Ausflug in die Albrook Mall und spielen eine Runde Bowling, wobei wir uns köstlich amüsieren. Nach dem üblichen nachmittäglichen heftigen Regenschauer geht es mit dem Taxi zuerst ins Hotel und danach zum Flughafen. Beim Einchecken gibt es die gleichen Probleme wie beim Hinflug. Die nur spanisch-sprachige Dame von der Fluggesellschaft will unsere Situation einfach nicht verstehen, verlangt unsere Bootspapiere (die wir natürlich nicht dabei haben) und so stellen wir uns einfach blöd – nix verstehen und können doch einchecken!

Pünktlich um kurz vor 20 Uhr geht es endlich wieder nach Kolumbien. Obwohl uns die Kanalpassage wirklich fasziniert hat, sind wir von Panama und den Menschen weniger begeistert. Da sind wir doch glücklich wieder in unserer Wahlheimat Kolumbien anzukommen. Bei der Einreise erhalten wir problemlos eine weitere Aufenthaltsgenehmigung für 90 Tage und werden mit einem herzlichen „Welcome to Colombia“ empfangen. Via Shuttleservice geht es ins Hostal Hanger unweit des Flughafens und nach einem kleinen Schlummertrunk direkt ins Bett. Vor unserem Weiterflug nach Santa Marta am späten Nachmittag nutzen wir noch die Gelegenheit und statten der nahe gelegenen Geburtsstadt Pablo Escobars – Rionegro – einen Besuch ab. Mit einem Taxi aus Medellin geht es Richtung Stadtzentrum. Die Fahrt führt an sanften Berghügeln und Wiesen mit Weidevieh vorbei. Der blaue Himmel und die Schäfchenwolken erinnern uns stark an die Allgäuer Heimat.

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Allerdings traut sich der Taxler nicht in die City, also werden wir auf halbem Weg an eine örtliche Taxifahrerin übergeben und zu unserem Ziel transportiert. Dass sie für die Fahrt nichts verlangt, spricht mal wieder für die kolumbianische Natur. Natürlich entlohnen wir die nette Frau entsprechend für ihren Service. Im Zentrum sind gerade umfangreiche Umbauarbeiten im Gange und so besichtigen wir zunächst die Kathedrale und schlendern danach noch durch die Einkaufsstraßen von Rionegro. Wir fühlen uns mal wieder wie Aliens! Außer uns sind weit und breit keine anderen Touristen zu sehen, wir ziehen wieder alle Blicke auf uns und kommen mit dem einem oder anderen Einheimischen ins Gespräch. Danach geht es zurück zum Flughafen und ab nach Santa Marta. Nach neun Tagen Kanalexkursion kommen wir wieder wohlbehalten in der Marina an. Schon der Anblick von unserer Auriga löst bei uns Heimatgefühle aus. Dahoam is dahoam!

Fair winds und bis bald,

eure Tigerenten von der Auriga

Für eine Hand voll Pesos …

Nach unserer Rückkehr aus Bogotá erwartet uns in Santa Marta die übliche Bullenhitze. Wir kommen am frühen Abend zum Schiff und schmeißen erstmal alle unsere Ventilatoren an, um die stickige Luft aus dem Boot zu vertreiben. Nach 10 Minuten läuft die Klimanalage und die Innentemperatur sinkt langsam von 34°C auf angenehme 25 °C. Wir schlappen noch kurz zum Essen und dann ist Ende Gelände – Gute Nacht!

Am Montag beginnt pünktlich um 09:00 Uhr die Schule – was für ein Stress. Obwohl wir in Gedanken noch in Bogotá sind und die letzten Eindrücke noch nachwirken, darf die Schulbildung von unserem Kind nicht vernachlässigt werden. Glücklicherweise sind die letzten Prüfungsergebnisse wirklich sehr gut (Bio 2, Französisch 1, Mathe 1), aber trotzdem startet die Schule pünktlich. Da der Unterricht bis 16:30 Uhr dauert, kommen wir tagsüber nur wenig aus dem Boot und blassen langsam ab. Ich sehe schon wie ein gewöhnlicher Tourist aus, dabei wollte ich doch an meiner Zwischenfingerbräune arbeiten! Durch den Schulalltag vergehen die einzelnen Tage wie im Flug, für Ausflüge in Santa Marta ist nur wenig Zeit. Ruck Zuck ist schon wieder eine Woche vorbei. Trotzdem haben wir endlich unsere defekte Kamera reparieren lassen können. Während wir in der Karibik und auf den ABC-Inseln immer die gleiche Antwort auf unsere Reperaturanfrage bekommen – Sorry, die muss zum Hersteller geschickt werden – finden wir in Santa Marta einen Fotoladen, der es drauf hat. Nach zwei Tagen bekommen wir unsere Kamera voll funktionsfähig zurück und bezahlen gerade mal 15 Euro dafür. Ist schon interessant, oder? Außerdem haben wir es endlich geschafft, uns Visitenkarten drucken zu lassen. Ist halt doch einfacher, als unsere Blogadresse immer auf irgendwelche Zettel zu schmieren und ganz hübsch sind sie auch noch geworden.

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Neben Schule steht vor allem Essensbeschaffung auf dem Programm. Am Samstag besuchen wir den Markt in der Stadt, um uns für den Rest der Woche mit Obst- und Gemüse einzudecken. Er ist zwar deutlich versiffter als in Medellin oder Bogota, dafür ist er vom Angebot absolut konkurrenzfähig mit den beiden größeren Brüdern. Das Preisniveau lässt uns immer wieder staunen und wir fragen uns, wie die Obst- und Gemüsehändler von ihrem Verdienst Leben können. Für eine Hand voll Pesos erstehen wir 2 kg Kartoffeln (0,60 Euro), 2 kg Rüben (0,50 Euro), 2 kg Zwiebeln (1 Euro), 1,5 kg Avocados (2 Euro), 12 äußerst leckere kleine Mangos (1,60 Euro), einen Salat (0,50 Euro), 250 g Erdbeeren (0,60 Euro), eine Ananas (0,60 Euro), 1 kg Baumtomaten (1 Euro)…. es ist wirklich unglaublich und die Qualität sehr gut. Schwerbepackt fahren wir mit dem Taxi in die Marina zurück. Anschließend breitet sich der Duft reifer Mangos in unserem Boot aus und es gibt erstmal ein schönes Mango-Lassi – sehr, sehr lecker!

Der Einkauf wurde gut geplant, weil wir seit unserer Rückkehr aus Bogotá aus Gesundheits- und Gewichtsgründen zwei 500 Kalorientage pro Woche einlegen wollen. Langfahrtensegeln ist halt eher doch ein bewegungsarmer Sport und bei der Höllenhitze sind Aktivitäten außerhalb des Bootes einfach nicht drin. Also muss die Kalorienzufuhr reduziert werden. Morgens bekommt jeder ein Schüsselchen (Eierbechergröße) faden Naturjogurt. Zum Lunch werden zwei hart gekochte Eier und eine Baumtomate serviert. Höhepunkt des Tages ist eine Rüben-Zwiebel-Zucchini-Pfanne – na hoffentlicht hilft es auch was! Ich hoffe, der Speiseplan wird sich im Laufe der Zeit noch verbessern, sonst fange ich an, an der Tischplatte zu knabbern. Die erste Woche lief ganz gut und Felix will in der zweiten Woche mit Einschränkungen aus Solidarität auch mitmachen. Schönes neues Familienprojekt. Am Sonntagvormittag haben wir sogar einen Ausflug ins hiesige Goldmuseum geschafft. Der kleine Ableger des Museo del Oro in Bogota zeigt vor allem Fundstücke aus der Sierra Nevada de Santa Marta. Die Ausstellung ist nicht schlecht, aber natürlich kein Vergleich! Interessant war allerdings die Vorstellung der einzelnen Indianervölker innerhalb des Departamento Magdalena. Kurz vor seinem Tod hat Simon Bolivar in diesem Haus gewohnt, weshalb natürlich auch einige Räume dem großen Befreier gewidmet sind. Außerdem haben wir noch eine Free Walkingtour in Santa Marta mitgemacht. Eduardo, unser Guide, hat viel Interessantes über unsere jetzige Wahlheimat zu berichten. Vor allem wissen wir jetzt, aber wo sich der hiesige Schwarzmarkt befindet.

Während unserer Abwesenheit hat sich die Marina langsam wieder gefüllt. Die Segler-Community in Santa Marta wird jetzt von Woche zu Woche größer, da es die in der Karibik verbliebenen Boote langsam in die hurrikansicheren Gewässer zieht. Hauptanlaufziele sind entweder die südlichen kleinen Antillen (Grenada/Trinidad und Tobago), die ABC-Inseln, Kolumbien oder Panama. Es kommen praktisch nur noch Blauwassersegler an. Jeder Neuankömmling in Santa Marta wird herzlich begrüßt und zum abendlichen Sundowner eingeladen. Täglich ab 17:30 Uhr trifft sich die internationale Runde aus Niederländern, Schweden, Schotten, Amerikanern usw. auf der Marinaterasse zu einem Drink und wir tauschen Neuigkeiten und Tipps aus. Die vor kurzem eingetroffene junge, sympathische Crew der SY Foxy Lady bringt zurzeit neuen Schwung in die Runde und senkt den Alterdurchschnitt ganz erheblich. Die beiden Niederländer und ihre schwedische Begleitung sind einfach herrlich erfrischend und lebensfroh. Die abendlichen Gespräche drehen sich meist um die Pazifiküberquerung oder die Kanalpassage. Einige bleiben nur ein paar Tage und ziehen dann weiter, oder sie machen es wie wir und nützen die Marina als Ausgangspunkt zur Landerkundung. Letzte Woche ist eine amerikanische Familie mit drei Jungs eingetroffen. Endlich mal wieder andere Kinder zum Spielen für Felix. Beim zweiten Treffen wurde das Eis zwischen den Kids gebrochen, mal sehn ob sich eine Freundschaft daraus entwickelt. Da wir in der Marina eine gute Internetverbindung haben, verbringen wir die Abende zurzeit mit fernsehen. Wir haben die Serie „Lost“ als Einstimmung auf den Pazifik für uns entdeckt und schauen gemeinsam jeden Abend ein bis zwei Folgen – alle sind gespannt dabei. Wirklich sehr lustig.

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Unser Unterwasserschiff sieht schon wieder wie Brehms Tierleben aus. Obwohl es vor neun Monaten in Teneriffa komplett renoviert wurde, wir Farbe für 350 Euro draufgeschmiert haben und ein Taucher in Grenada den nachatlantischen Bewuchs entfernte, haben wir schon wieder einen zentimeterdicken Algenteppich inklusive Seepocken, Schnecken und anderem unnützen martitmen Getier am Boot kleben. Das letzte Antifouling war offensichtlich keinen Meter für die Wasserverhältnisse in der Karibik geeignet. Also organisieren wir in der Marina zwei Taucher und lassen es erneut reinigen. Während der Kollege in Grenada mit einer kompletten Tauchausrüstung zum vereinbarten Termin erschien, benützen die Jungs lediglich eine Taucherbrille und Schnorchel. In zwei Stunden tauchen sie das ganze Boot ab und kratzen den ganzen Belag ab – arme Tröpfe! Die teilweise bis zu einem Meter langen Barrakudas im Hafenbecken interessieren sie offensichtlich auch nicht. Dafür tut unserer Auriga der Unterwasserputz richtig gut.

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Erfreulicherweise befindet sich die SY Samantha jetzt auf dem Weg Richtung Süden. Wir haben in den letzten Tagen mehrfach konferiert, unsere Reisepläne bis zum Winter abgestimmt und die beiden werden Ende Juni in Kolumbien einlaufen. Wir freuen uns riesig auf Alex und Birger. Wenn alles klappt, werden wir zusammen auf die San Blas Inseln segeln und danach bis Panama weiterziehen. Wir haben uns mittlerweile doch entschieden, nächstes Jahr den Südpazifik noch in Angriff zu nehmen und bis Australien weiter zu segeln. Am Sonntag geht es erstmal via Flugzeug nach Panama. Matthias und Regina haben am 30. oder 31. Mai ihren Termin für die Durchfahrt des Panamakanals. Wie versprochen werden wir ihnen als „Lineholder“ helfen, da jedes Segelboot während der Passage mindestens vier Helfer an Bord haben muss. Wir sind ja gespannt, ob Felix bei den Behörden durchgeht! Wenn sie nur nach dem Aussehen gehen, wird es sicher kein Problem! Nach zwei Wochen Schule freuen wir uns wieder auf ein bisschen Abwechslung.

Fair winds und bis bald,

vom Schulschiff Auriga

Bogota – die urbane Bombe

Bogota, eigentlich Bogoto D.C., Hauptstadt von Kolumbien. Als Distrito Capital eine eigene Verwaltungseinheit mit allen Rechten innerhalb des Departamento Cundinamarca, wie das Bundesland Berlin bei uns. Der autonome Bezirk Bogota wurde bereits 1955 vom damaligen Diktator Gustavo Pinilla geschaffen und 1991 durch die neue Verfassng zum jetzigen Hauptstadtdistrikt umfunktioniert. Die „urbane Bombe“ – Zitat aus unserem Reiseführer – wurde 1538 von Gonzalo de Quesada gezündet, hieß zunächst Santa Fe und entwickelte sich schnell zum politischen Machtzentrum von Neugrenada. Hier entstand auch die Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanischen Besatzer. 1819 eroberte der lateinamerikanische Volksheld Simon Bolivar die Stadt und erhob sie zur Hauptstadt von Gran Columbia. Nach Abspaltung der Schwesterstaaten Venezuela und Ecuador wurde sie zur Hauptstadt Kolumbiens. Nach Jahrzehnten der Kriminalität und Gewalt im 20. Jahrhundert erfolgte in den 90ern im Rahmen der Tranformacion die radikale Verwandlung in eine der interessantesten und sehenswertesten Städte Kolumbiens. Die schlimmsten Viertel wurden geräumt, abgerissen und neu aufgebaut. Lage: 2600 Meter über dem Meerespiegel auf einem Hochplateau mitten in den östlichen Anden, eingekeilt zwischen den 3800 Meter hohen Bergrücken der Cerros Guadalupe und Monserrate. Der Bevölkerungsmagnet kann dadurch nur noch in Nord-Süd-Richtung wachsen. Im Norden wohnen die Wohlhabenden, je weiter man nach Süden kommt desto ärmer und gewalttätiger wird die Gegend. Mittlerweile lebt jeder Fünfte Kolumbianer hier, insgesamt über 8,5 Millionen Menschen. Das Bussystem Transmilenio durchzieht die Metropole wie ein Spinnennetz. In der Umgebung Bogotas wird intensiv Landwirtschaft betrieben. Klima: Sensationell! – Durchschnittstemperatur 14 °C, aber bedingt durch die Hochlage sind mächtige dunkle Wolken, Regen und Gewitter ständige Begleiter der Einwohner.

Wir kommen am Dienstagmittag auf dem Flughafen „El Dorado“ an und genießen sofort die angenehmen, wenn auch jackenpflichtigen, Temperaturen von 16 °C. Obwohl es bis zur Innenstadt nur ca. 10 km sind, lassen wir uns abholen und in die Casa Platypus (Haus des Schnabeltiers) im Herzen der Altstadt kutschieren. Únsere Erwartungen an Bogota sind groß und die Besichtigungsliste lang. Nach dem Einchecken, erstmal Hostel- und Zimmerinspektion – sehr süß, WLAN-Test und dann geht’s auch schon los zum ersten Bummel durch das historische und intelektuelle Zentrum der Stadt – La Candelaria. Wir haben das Viertel gewählt, weil sich hier die meisten Sehenswürdigkeiten per Pedes erreichen lassen. Der erste Eindruck ist gut. Eigentlich haben wir einen eher siffigen Großstadtsumpf erwartet, werden aber positiv überrascht. Gegenüber von unserem Hostel befindet sich der Parque de los Periodistas mit mittig angelegter Bolivarstatue. Inoffizell wird der Platz Plaza de la Journalista genannt, ist also Klatschumschlagplatz Nummero Uno in der Stadt. Sonntags findet hier ein großer Flohmarkt statt. In den engen Gassen der Altstadt findet sich noch reichlich spanische Kolonial-Architektur. Kleine Häuschen mit vorgelagerten Holzbalkonen, schwere Türen und Eisengitter verschließen die einzelnen Anwesen. Daneben Kirchen, Museen und viele moderne Universiätsgebäude. Dazwischen unübersehbar an den Wänden schöne, teilweise auch bizarre Graffitis! Natürlich ist auch für gastronomische Kurzweil gesorgt. Da es aber erst früher Nachmittag ist, haben wir Pech und alle drei anvisierten Restaurants mit typischer kolumbianischer Küche sind geschlossen. Felix ist von der Herumlauferei genervt und wir sind nach eineinhalb Stunden Stadterkundung immer noch hungrig! Schließlich finden wir ein Resaurant – La Bruja (Die Hexe) – um die Ecke. Hinter unscheinbaren Fenstern verbirgt sich ein liebevoll eingerichteter kulinarischer Hexenkessel. Wir stärken uns mit Pollo de la Luna, mystischem Schwein und anderen Leckereien. Gesättigt und wieder guter Laune geht es ins Hostel zurück, wo wir einen gemütlichen Internetabend verbringen – schließlich müssen wir uns erst noch in der Höhe aklimatisieren!

 

Am nächsten Morgen sind wir etwas durchgefroren als wir aufwachen. Die Morgentemperaturen um die 10 °C sind für uns doch gewöhnungsbedürftig. Zum Aufwärmen geht es erstmal unter die heiße Dusche – jaaah. Eigentlich wollten wir am Vormittag die Touren für die nächsten Tage organisieren, aber unser Rezeptionist empfiehlt uns wegen des guten Wetters (der erste sonnige Morgen seit drei Wochen!!) einen Ausflug auf den Cerro de Monserrate. Mit einer Höhe von 3200 Metern ragt die Spitze des Berges aus der östlichen Bergkette hinter Bogota heraus. Auf seinem Gipfel thront das schneeweiße Santuario de Monserrate, eine Klosteranlage und Pilgerstätte aus dem 17. Jahrhundert. Außerdem soll man von da oben einen guten Blick über die Megametropole haben. Also ändern wir spontan unsere Pläne und begeben uns in luftige Höhen. Es gibt drei Möglichkeiten auf den Gipfel zu kommen: Einen Fußweg, eine Standseilbahn und eine Seilbahn. Aus Gründen der noch fehlenden Höhenanpassung – und nur aus diesem Grund – entschließen wir uns gegen den Fußweg und für die über hundert Jahre alte Standseilbahn. Außerdem würde der Fußmarsch eine Stunde dauern und es muss unter der Woche auf dem Weg nach oben mit Räubern und Wegelagerern gerechnet werden. Mit der Standseilbahn geht es 700 Höhenmeter steil nach oben. Das alte Gefährt knarzt und ächzt wenig vertrauenerweckend, aber schafft die Strecke in knapp 10 Minuten – nicht schlecht. Oben angekommen müssen wir trotz fehlender körperlicher Anstrengung in der dünnen Luft ganz schön schnaufen. Allerdings entschädigt die sensationelle Aussicht über Bogota hundert prozentig. Die Stadt scheint sich zwischen den beiden Bergketten wie Schmelzkäse auszubreiten. Trotz der Höhe können wir weder das südliche noch das nördliche Ende der wabernden Stadt erkennen – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubend. Wir schlendern den Kreuzweg zum Kloster hinauf und genießen den Blick über die Regenwälder an den Berghängen. Auf einem naheliegenden Berggipfel entdecken wir noch die überlebensgroße Statue des gefallenen Christus, die uns ein bisschen an Rio in Brasilien erinnert – nur nicht so protzig. In der Klosterkirche entzünden wir eine elektrische Kerze und begeben uns langsam wieder Richtung Standseilbahn.

Leider ist es erst früher Vormittag und das exquisite französische Gipfelrestaurant „Casa San Isidro“ hat noch geschlossen. Schon zum zweiten Mal kulinarisches Pech. So kann es natürlich nicht weitgehen – essenstechnisch gesehen. Also beschließen wir uns in die Zona G (=gastronomica), heißt wirklich so, im Norden zu verlegen. Hier befinden sich entlang der Calle 70 im Gourmetviertel alle gastronomischen Highlights der Stadt. Wir sind pünktlich zur besten Lunchzeit vor Ort und haben die Qual der Wahl. Ein Restaurant neben dem anderen, alle sehen nach lecker, lecker Essen aus. Zielsicher entscheidet sich der Kapitän für das „Criterion“, dass seit Jahren zu den 50 besten Restaurants Südamerikas gehört. Ich will euch diesmal nicht mit kulinarischen Einzelheiten langweilen, aber das 6-gängige Klassiker-Menü à la Criterion war einfach formidabel oder delicioso, wie es der Kolumbianer auszudrücken pflegt.

Während des Essens können wir beobachten, wie Falschparker hier aus dem Unterholz aufgescheucht werden. Eine Gruppe lebendiger Verkehrshütchen patroulliert mit einem Megaphon bewaffnet auf der Straße. Sobald sie einen Falschparker entdecken geht das Spektakel los. Über Megaphon wird das Kennzeichen sowie der Typ des Fahrzeugs lautstark durch die Gegend gebrüllt. Nach spätestens zwei bis drei Minuten kommt der Parksünder aus irgendeinem Loch gekrochen, spurtet zu seinem Auto und parkt es mit lautstarker Unterstützung um – sehr lustig!

Danach wollen wir wieder ins Zentrum zurück um noch das Botero-Museum zu besuchen. Allerdings will uns der Taxler aus irgendeinem Grund nicht nach Candelaria fahren. Dann nehmen wir halt den nächsten Bus, der in unsere Richtung fährt. Natürlich haben wir keine Fahrkarten und im Bus kann man nur mittels einer speziellen Nahverkehrskarte bezahlen – typisch blöde Touristen. Wir stehen etwas ratlos beim Busfahrer, als dieser die Fahrgäste auffordert für uns zu bezahlen. Ein netter junger Mann erbarmt sich schließlich und wir dürfen mitfahren. Leider kann er auf meinen 20.000 Pesos-Schein (ca. 7 Euro) nicht rausgeben, also gibt er uns einfach die Fahrt aus! Vielen Dank, wirklich sehr nett unbekannter Student! Gut gelaunt erreichen wir das Botero Museum, der Eintritt ist frei und wir können weitere Bilder und disproportionierte Skulputren des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero bewundern. Außerdem sind Teile seiner Privatsammlung ausgestellt. Wir entdecken ein, zwei Picassos, Werke von Miro, Matisse, Degas, Braque und Renoir. In den beiden Räumen hängt ein echtes Vermögen rum. Danach geht es durch das Münzmuseum zurück Richtung Ausgang. Hier bekommen wir noch drei Spezialprägungen der Münze als Souvenir überreicht – echt cool. Anschließend steht nur noch Ruhe und Fußpflege auf dem Programm. Damit ist auch der zweite Tag in Bogota schon vorbei und die nächste kühle Nacht erwartet uns!

Am dritten Tag sind wir entlich aklimatisiert – ich fühle genau wie die roten Blutkörperchen nur so aus meinem Knochenmark heraussprudeln – sodass wir die erste Tour in Angriff nehmen können. Anders als in Medellin entscheiden wir uns nicht für die Free-Walking-Tour durch die Innenstadt, sondern buchen eine vierstündige Fahrradtour durch die Stadt. Wir teffen uns vormittags mit Felipe, unserem Guide, bekommen unsere Fahrräder und nach einer kurzen Einweisung geht es schon los. Erstes Ziel ist die Plaza Bolivar, das Herz Kolumbiens. Hier treffen sich täglich tausende Menschen und noch mehr hungrige Tauben. Der Platz wird von drei Gebäuden (Parlament, Bürgermeisteramt und Justizministerium) und der Kathedrale von Bogota eingerahmt. Hier stand auch das 1985 von Guerilliakämpfern besetzte Justizministerium, das erst nach schwerem Beschuss durch Panzer des kolumbianischen Militärs wieder zurück erobert werden konnte. Das Justizministerium war danach jedoch so schwer beschädigt, dass es anschließend abgerissen werden musste. Sein heutiger Nachfolger wurde erst 1999 fertig gestellt. In der Mitte des Platzes befindet sich – wie überraschend – eine Statue von Simon Bolivar.

Bogota (43)

Danach geht es weiter Richtung Norden, wir radeln ins Finanzzentrum der Stadt. Hier haben sich alle namhafte Banken Kolumbiens mit protzigen Hochhäusern verewigt, die jetzt die Skyline von Bogota bilden. Im Lauf der Tour geht es natürlich wieder um die Transformacion in Kolumbien und speziell in Bogota, aber auch um die Unabhängigkeit von Spanien. Überall in der Stadt sind Statuen von wichtigen Persönlichkeiten des Unabhängigkeitskampfes in Südamerika aufgestellt. Wir durchqueren mehrere unterschiedliche Viertel und Parks. Machen in einer Kaffeerösterei halt, die bis zum Ende des II. Weltkrieges einem Deutschen gehört hat und genießen fabelhaften kolumbianischen Kaffee.

Während der Tour können wir immer wieder Graffitis unterschiedlicher Art bewundern und erfahren, dass diese Kunstrichtung seit 2014 legal ist und in Bogota sogar gefördert wird. Viele Kunstwerke beschäftigen sich mit politischen oder indigenen Themen. Via Rotlichtviertel geht es wieder zurück ins Zentrum. Wir bedanken uns herzlich für die wirklich empfehlenswerte Tour und haben natürlich nach vier Stunden Radeln echt Kohldampf. Glücklicherweise konnte der Kapitän während der Tour ein vielversprechendes Asadorestaurant ausmachen. Nach einem kurzen Fußmarsch lassen wir uns saftiges Rindfleisch vom Holzkohlegrill schmecken – mmmmh!

Ausreichend gestärkt können wir damit den letzten Programmpunkt des Tages angehen, das Highlight Bogotas – das Goldmuseum. Im Museo del Oro werden ca. 35000 Objekte präkolumbianischer Kunst ausgestellt. Die meisten Ausstellungsstücke sind aus Gold und spiegeln das große handwerkliche Können der Ureinwohner Kolumbiens wieder. Die Sammlung ist die größte ihrer Art auf der Welt und wirklich beeindruckend. Auf drei Etagen werden entsprechen ihrer kulturellen Herkunft Schmuck, Masken und rituelle Gegenstände ausgestellt. Vor allem die Darstellungen von Tieren sind ausgesprochen kunst- und phantasievoll ausgeführt. Bei machen Schmuckstücken stellt sich allerdings durchaus die Frage des Tragekomforts. Ein Höhepunkt der Sammlung ist das Balsa Muisca, ein kleines Floß aus Gold, das u.a. für den Mythos des sagenumwobenen El Dorado verantwortlich sein soll. Zum Schluss betreten wir einen runden, dunklen Raum. Nach und nach werden die 8000 hier ausgestellten Goldartefakte kurz illuminiert, um danach wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Der Raum symbolisiert eine heilige Lagune, in der die indigenen Urvölker goldene Opfergaben versenkt haben und soll dem Besucher den unwiderruflichen Untergang der alten Kulturen vor Augen führen. Das ganze Spektakel dauert etwa fünf Minuten und ist eine gelungene Inszenierung. Sollten wir jemals wieder ins Goldmuseum kommen, weden wir ganz sicher eine der vielen Führungen mitmachen, weil leider bei vielen Ausstellungsstücken fremdsprachige Erklärungen fehlen und die Faszination und Bedeutung der Goldarbeiten häufig im Detail liegen. Nach so viel Kunstgenuss sind wir echt am Ende und machen uns nach einem langen Tag auf den Weg in unser Schnabeltiernest.

Mit der Fahrradtour ist unser üblicher Besichtigungsmarathon eröffnet. Freitagmorgen treffen wir uns mit Edgar zur Smaragdtour, da Bogota heute der größte Umschlagplatz für die grünen Edelsteine ist. Nordöstlich von Bogota befinden sich die bedeutensten Smaragdminen der Welt. Obwohl die Konzession zum Abbau vom Staat vergeben werden, wird das ganze Geschäft von wenigen Familien kontrolliert. Bis 1991 tobte ein 30 Jahre dauernder Krieg in den unzugänglichen Bergen um die Vorherrschaft im Smaragdbuisness. Mittels paramilitärischer Gruppen bekämpften sich die einzelnen Akteure. Da der Smaragdhandel gute Möglichkeiten zur Geldwäsche bot, mischte die medelliner Kokainmafia ebenfalls kräftig in diesem Chaos mit. Schließlich entschied der spätere Smaragdzar Victor Carranza die Schlacht für sich. Bis zu seinem Tod 2013 kontrollierte er 40% des kolumbianischen Smaragdgeschäfts. Während wir gemütlich zum Smaragd-Trade-Center schlendern, erklärt uns Edgar die Strukturen des Smaragdhandels in Kolumbien. Wir besuchen eine Smaragdwerkstatt und lernen wie man echte und falsche Smaragde unterscheiden kann. Da bald Muttertag ist, bekommt Antje einen schönen, garantiert echten Smaragdanhänger spendiert. Danach geht es zum Plazoleta del Rosario nahe dem Goldmuseum, wo täglich eine Art öffentliche Smaragdbörse stattfindet. Obwohl alles legal ist, verhalten sich die Händler wie Drogendealer. Verpackt in kleine weiße Papiertütchen werden die Edelsteine auf dem ganzen Platz mehr oder weniger offen angeboten. Wir begutachten das Angebot einiger Trader und ziehen weiter zum Smaragdmuseum im 23. Stock eines nahegelegenen Hochhauses. Die Privatsammlung enthält einige der kostbarsten Smaragde der Welt und viele wunderschöne Schmuckstücke. Die Führung ist interessant, allerdings spricht unser Guide so schnell, dass wir nur die Hälfte verstehen – aber informativ war es trotzdem. Edgar bringt uns noch zu einem typisch kolumbianischen Restaurant, wir bekommen noch einige kleine Rohsmaragde als Abschiedesgeschenk und die Tour ist nach knapp drei Stunden vorbei.

Im Restaurant „Puerto de la Cathedral“ probieren wir zwei typische bogotaer Eintöpfe. Die eingedickten Suppen mit Huhn oder Schweinefleisch sowie dicken Bohnen sind ziemlich deftig und nicht so wirklich unser Ding. Als wir uns auf den Rückweg machen geht ein gradezu apokalyptischer Gewitterschauer über dem Zentrum herunter. Wir flüchten in die Kathedrale und nutzen die Zeit für eine Besichtigung des herrlichen Sakralbaues. Nach einer halben Stunde ist der Spuk wieder vorbei und via Supermarkt geht es ins Hotel zurück, weil wir heute zur Freude unseres Kindes einen lazy Nachmittag geplant haben.

Bogota (37)

 

Am letzten Besichtungstag haben wir wieder volles Programm. Wir sind früh auf den Beinen, da unser erstes Ziel die Markthallen in der Stadt sind. Mit dem Taxi geht es durch das Häusermeer von Bogota zum Paloquemao Markt. In einer riesigen Halle befinden sich in unterschiedlichen Bereichen Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse und frische Schnittblumen. In der Obstabteilung finden wir die mittlerweile bekannten Täter. Riesige Mango-, Papaya-, Passionsfrucht und Ananasberge türmen sich vor uns auf. Es riecht einfach himmlisch in diesen Hallen! Natürlich entdecken wir auch die von uns so geliebten Drachenfrüchte. Daneben sind wir von der großen Auswahl frischer Schnittblumen begeistert und überrascht. Vorallem Rosen werden in allen Farben und Variationen angeboten – schließlich ist am Sonntag Muttertag. In der Fleischabteilung entdecken wir abgezogene Schweinehäute inklusive Kopf. Haben wir auch noch nie gesehen! Wie von einem Kätzer abgezogen hängen die Häute zum Trocknen an großen Haken. Die Häute werden von den Garküchen vor Ort mit Reis und Schweinefleisch gefüllt und anschließend im Ofen gegart – sah sehr lecker aus, aber wir hatten erst gefrühstückt – Schade eigentlich. Mit dem Taxi geht es zum nächsten Markt nach San Vincente. Hier befindet sich ein kunterbunter Straßenmarkt, der sich über insgesamt 16 Straßenzüge erstreckt. Die Verkaufsstände befinden sich in den Gebäuden, auf der Straße, in Tiefgaragen. Es gibt kein noch so kleines Loch, wo nicht irgendetwas verkauft wird. Neben allerlei Krimskrams werden vor allem Klamotten jeder Art angeboten. Bei einsetzendem Regen schlendern wir durch ein paar Straßen, leiden an extremer Reizüberflutung und wollen zurück Richtung Zentrum.

Bogota (42)

Zufälligerweise entdecken wir noch in einer Seitenstraße eine kleinen kunsthandwerklichen Kunstmarkt und der Kapitän kann doch noch sein obligates Souvenir-T-Shirt erstehen. Damit haben wir an einem Vormittag alle wichtigen Märkte Bogotas kennengelernt – reife Leistung, oder? Wir kämpfen uns langsam Richtung Zentrum vor und kommen schließlich am Plaza Bolivar mit seinen unzähligen Tauben heraus. Diesmal kann ich nicht widerstehen und muss eine kleine Tüte Futtermais erstehen. Kaum wird mir der Mais überreicht, bin ich Ziel der Begierde und Landeplatz von ca. 100 Tauben. Bei dem Andrang möchte man die Körner so schnell wie möglich wieder los sein. Glücklicherweise erbarmt sich Felix und nimmt mir den halben Mais ab und so stehen wir in Taube gekleidet auf dem Platz und lassen uns aus der Hand fressen – sehr nett. Innerhalb von wenigen Minuten ist der Spuk allerdings vorbei und wir werden von den Tauben keines Blickes mehr gewürdigt – undankbares Federvieh!

Bogota (44)

Anschießend wollen wir uns noch etwas stärken bevor am Nachmittag die Graffiti-Tour los geht. Nach einer schnellen Pizza geht es zum Treffpunkt vor unserem Hotel. Nachdem 2011 ein Jugendlicher beim Sprühen eines Graffitis in den Straßen von Bogota von einem Polizisten erschossen wurde, gab es großen Unmut in der Bevölkerung. Daraufhin entschloss sich der Bürgermeister von Bogota die Wandbemalungen zu legalisieren. Inzwischen hat sich aus den ehemaligen Schmiereien eine eigene Kunstrichtung – Street Art entwicklet. Nach dieser Einführung unseres Tourguides Monika – ihres Zeichens selbst Graffitikünstlerin – wandern wir durch Candelaria und bekommen an verschiedenen Graffitis die Entstehung und Weiterentwicklung der eher jungen, modernen Kunstrichtung erklärt. Nach 60 Minuten sehr, sehr detailintensiver Erklärungen – wer, was, wieso und warum – beschließen wir die Tour zu verlassen und kehren nach einem anstrengenden Tag ins Hostel zurück.

Bogota (1)

Wir brauchen noch ein bisschen Ruhe, schließlich steht am Abend noch das obligatorische Abschiedsessen an. Leider ist das von uns vorab ausgewählte Restaurant – T-Bone – bis auf den letzten Platz gefüllt und so müssen wir uns enttäuscht nach einer Alternative umsehen. Da wir nach vier Tagen Hardcore-Sightseeing etwas fußlahm sind, entscheiden wir uns für einen Shawama-Laden um die Ecke. Obwohl heute gut gegrilltes Fleisch ausfällt, lassen wir uns Fallafel, Humus und reichlich Gemüse mit einem kräftigen Fruchtsaft schmecken – natürlich alles halal! Nach einer unruhigen Nacht mit Donner, Blitzen und Dauerregen – es tropft in mein Bett – stehen am nächsten Morgen die Abreisevorbereitungen an. Da wir nach dem Frühstück noch vier Stunden Zeit haben bis wir zum Flughafen müssen, beschließen wir noch das National Museum zu besichtigen. Neben Malereien der letzen Jahrhunderte, soll es hier eine große Ausstellung zur Geschichte der Indianer Südamerikas geben. Leider beschränkt sich diese auf drei kleine Säale. Wir schlappen noch ein bisschen durch das Museum und fahren anschließend zum Flughafen. Mit einer Stunde Verspätung wegen schwerer Gewitter geht es am Nachmittag zurück nach Santa Marta.

Bogota hat uns sehr gut gefallen, die Stadt ist für Touristen absolut sicher, die Museen sind wirklich phantastisch, gastronomisch ist alles was das Herz begehrt geboten und die Touren waren auch sehr interessant. Aber im Gegensatz zu Medellin war hier die in Kolumbien herrschende Aufbruchstimmung nicht so intensiv zu spüren – deshalb reicht es leider trotz aller Kunstschätze nicht zu einem neuen Städtetipp – Sorry Bogota!

Fair winds und bis bald,

Bogota (62)

eure Schnabeltiere von der Auriga

Was für ne sch… Hitze

Hitze, die. Feminines Substantiv – war ja klar. Plural: die Hitzen – war nicht klar. Etymologische vom althochdeutschen hizz(e)a, zu heiß. Kommt im Lexikon nach hitverdächtig. Synonyme: Glut[hitze], hohe Temperaturen, Wärme; (umgangssprachlich) Bruthitze, Bullenhitze, Irrsinnshitze; (umgangssprachlich emotional verstärkend) Affenhitze, Bombenhitze, Höllenhitze (religiös motiviert), Mordshitze, Wahnsinnshitze. Häufigste Bedeutung: sehr starke, als unangenehm empfundene Wärme, hohe Lufttemperatur. Kann aber auch Empfindung von starker Wärme im Körper, heftige Erregung, Zornesaufwallung oder Zeit der Läufigkeit, Paarungsbereitschaft bei Tieren bedeuten. Die Hitze gehört zu den häufigsten 10.000 Wörtern im Dudenkorpus und nimmt damit im Sprachgebrauch einen Mittelplatz ein. Sie gehört außerdem zum Wortschatz des Zertifikats Deutsch.

Hitze (11)

Von Hitze spricht man beispielsweise bei einer hohen Lufttemperatur, besonders in den Tropen und Wüsten, in den jeweiligen Sommermonaten jedoch auch in den Subtropen und gemäßigten Breiten. Der Begriff wird dabei ganz allgemein als Ausdruck für ungewöhnlich hohe Lufttemperaturen verwendet, meteorologisch als Hitzeanomalie bezeichnet. Besonders heiße Tage wurden in den mittleren Breiten früher durch eine Tageshöchsttemperatur von über 25°C definiert, wobei man dann von einem Sommertag sprach. Diese Bezeichnung ist jedoch – nicht zuletzt durch den gegenwärtigen Klimawandel – veraltet, und wurde durch den Begriff des Heißen Tages (Hitzetag, Tropentag >30°C) ersetzt, zunehmend findet sich auch der Wüstentag (Temperatur > 35 °C), ergänzt durch den Begriff der Tropennacht. Eine ungewöhnlich lange Phase von aufeinander folgenden heißen Tagen bezeichnet man auch als Hitzewelle…

Hitze (10)

Nachdem wir von Medellin zurück gekommen waren, erwartete uns in Santa Marta eine Gluthitze, die uns an unseren Start in Italien erinnerte. Bereits bei unserer Ankunft am Abend liegen die Temperaturen noch weit über 30 °C. Tagsüber kletterte das Thermometer im Durchschnitt auf 35°C – klassischer Wüstentag. Bei dieser Bruthitze werden Unternehmungen jeder Art zu einem Kampf gegen die Dehydrierung. Sobald wir das Boot verlassen, beginnen wir zu schwitzen. Das T-Shirt klebt wie Sicaflex am Körper und der Schweiß rinnt in Sturzbächen herunter. Kennt ihr Kniekehlen – oder Ellenbeugenschweiß? Es ist heiß, heißer … einfach nur heiß! Wir sind außerhalb des Bootes wie gelähmt. Träge schleppen wir uns alle zwei Tage zum Supermarkt, der nur ca. 200 Meter entfernt ist. In der Bullenhitze ist der Weg eine einzige Tortour. Die irrsinnig heiße Luft flimmert über der Straße, der Teerbelag wird schon weich…. wenn ich mich zu langsam bewege, bleibe ich wahrscheinlich kleben und verdörre wie eine sonnengetrocknete Tomate!

Die Höllenhitze, die UV-Strahlung und die salzige Luft machen unserer Auriga ebenfalls zu schaffen. Also wird unser Schiffchen hitzebeständig verpackt, ganz Christolike! Das Großsegel wird eingetütet, Sonnensegel gespannt, der Chinese mit einer Einkaufstüte verschönert und unser Dingy mit seiner Abdeckung versehen. Wir haben lustige, gestreifte Mützchen für unsere Winschen gebastelt. Am Heck wurde bis auf den Foerthmann alles abgebaut und verstaut. Der Dieseltank bis zum Anschlag gefüllt, um die Bildung von Kondenswasser zu minimieren. Unter Deck wird Platz geschaffen, geputzt und aufgeräumt. Jetzt können wir guten Gewissens noch ein paar Wochen in Santa Marta bleiben … nur die Hitze schafft uns echt!

Wegen der Mordshitze bleiben wir tagsüber solange wie möglich im gut klimatisierten Boot und kommen erst bei Sonnenuntergang wie Zombies den Niedergang hinaufgekrochen. Zum Glück befinden wir uns in einem riesigen Land mit reichlich kühlen Hochlagen, wo es einiges zu erkunden gibt. Also entwicklen wir einen neuen Plan. Wir wollen in Zukunft eine Woche ins Hochland reisen, um der Wahnsinnshitze zu entgehen, und eine Woche in Santa Marta bleiben. Um nicht mit dem Schulstoff für Felix zu weit zurückzufallen, wurde zu seiner Freude der Nachmittagsunterricht eingeführt. Nach heftigen Protesten, sinnlosen Diskussionen und mehreren Verwünschungen beginnt das neue Programm am 01. Mai – ist ja schließlich Tag der Arbeit! Mit dem neuen Konzept sind Schüler und Lehrer bis nachmittags um 16:30 Uhr aufgeräumt und wir haben jeden Grund unter Deck zu bleiben. Vormittags wird Mathematik, Französisch, Englisch und Deutsch gelehrt, während am Nachmittag Erdkunde, Biologie und Reisevorbereitungen auf dem Programm stehen. Die ersten Tage laufen ganz gut und wir werden das neue System wohl beibehalten.

Mittlerweile haben wir mal wieder mit der SY Samantha telefoniert. Alex und Birger wollen von Antigua nach Süden segeln und Ende Mai auf den ABC-Inseln sein. Wir haben beschlossen hier in Santa Marta auf die beiden zu warten und wollen danach mit Ihnen weiter Richtung Cartagena und Panama segeln. Wir freuen uns schon, wenn wir unsere Freunde aus Aachen wieder sehen werden. Matthias und Regina von der SY Jasina haben mittlerweile die Shelter Bay nahe Colon in Panama erreicht und bereiten die Kanalpassage vor. Dazu wird ihr Boot von der Kanalgesellschaft vermessen und basierend auf diesen Daten der Passagepreis berechnet. Bin gespannt wieviel sie für die Kanaldurchfahrt blechen müssen. Da das Boot der beiden ebenfalls nur knapp 10 Meter lang ist, kleines Boot – große Reise, werden wir einen aktuellen Anhaltspunkt für die Kanalkosten haben. Schließlich wollen wir Ende des Jahres auch noch durch den Kanal, Bin ja gespannt, wann sie ihren Passagetermin bekommen, da zurzeit durchaus Wartezeiten von bis zu vier Wochen drin sein können. Wir sind weiterhin entschlossen, die beiden während der Kanaldurchfahrt zu unterstützen, schließlich kann ein bisschen Übung ja nicht schaden! Da der Panamakanal auf der Pazifikseite in Panama City endet, werden wir natürlich die Gelegenheit nutzen und uns im Anschluss noch die Stadt und den Hafen ansehen.

Hitze (19)

Fast alle Freunde und Bekannten von der Odyssee bereiten sich inzwischen schon auf die Rückkehr nach Europa vor. Die meisten werden in der zweiten Maiwoche starten, da dann die Bedingungen für die Überfahrt zu den Azoren gut sind und insgesamt mit weniger Schwerwetter zu rechnen ist. Wir beneiden die vielen Crews nicht. Schon wieder Atlantik, da haben die doch auch schon alles gesehen – oder? Wir freuen uns jetzt aber erst einmal auf unsere nächste Reise in die Hauptstadt Kolumbiens nach Bogota. Die drittgrößte Stadt Südamerikas hat neben den 8,5 Millionen Einwohnern einiges zu bieten. Außerdem liegt sie 2500 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Hochplateau in den östlichen Anden und verspricht mit einer Durchschnittstemperatur von 18 °C angenehmes Sightseeingklima. Am Dienstag geht’s los.

Fair winds und bis bald,

euer Hitzeopfer von der Auriga

Medellin – Don`t mention his name!

Spricht man von Medellin, so sind die ersten Assoziationen: Pablo Escobar, das Medellin-Kartell, Kokain, Drogengelder, Mord und Guerillakrieg. Wer kann sich da schon vorstellen, dass Medellin 2014 vom Wall Sreet Journal zur innovativsten Stadt der Welt gekürt wurde, während sie Mitte der 80er Jahre noch als gefährlichster Ort auf dem Planeten galt. Damals lag die Mordrate noch bei 395/100.000 Einwohnern. Pablo Escobar und das Medellin-Kartell waren auf dem Höhepunktihrer Macht, kontrollierten die Stadt und hatte dem Staat Kolumbien den Krieg erklärt. Außerdem herrschte seit Jahrzehnten ein brutaler Bürgerkrieg in Kolumbien, in dem sich rechte und linke Guerillabewegungen gegenseitig be- und gegen den Staat kämpften. Alle vier Akteure stürzten die Stadt und das Land über viele Jahre in ein blutiges Chaos. Nachdem Rebellen in Bogota den obersten Gerichtshof stürmten und die Hälfte der obersten Richter Kolumbiens ermordeten, kam die Wende. Escobar, mittlerweile der siebt reichste Mensch der Welt, wurde zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt. Unter George Bush wurden Milliarden zur Bekämpfung des kolumbianischen Drogenhandels investiert und Escobar schließlich 1993, barfuß auf einem Dach in Medellin erschossen. 1995 hatte die Guerillabewegung FARC eine Bombe unter einer Vogelstatue des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero versteckt. Die Explosion auf dem San-Antonio-Platz mitten in Medellín während eines Musikfestivals tötete mindestens 30 Menschen und verletzte mehr als 200. Die Explosion des „Friedensvogels“ war der Höhepunkt von Terror und Gewalt in der Stadt. Botero setzte damals durch, dass seine zerfetzte Statue als Mahnmal stehenblieb. Er stellte eine unversehrte identische Statue direkt daneben und schuf damit ein neues Kunstwerk. Die Installation ist heute ein Symbol der Hoffnung in Medellin. In den nächsten Jahren führten konsequente Verhandlungen mit der größten Guerilliavereinigung FARC zu einem deutlichen Nachlassen der Gewalt in Medellin und Kolumbien. 2016 wurde ein Friedensvertrag ausgehandelt und der jetzige kolumbianische Präsident, Juan Manuel Santos, wurde dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Med (35)

Am Samstagmorgen machen wir uns zum Flughafen in Santa Marta auf und starten pünktlich um 08:00 Uhr Richtung Medellin. Obwohl der Flug nur ca. eine Stunde dauert, sind wir bei 20°C Kabinentemperatur ganz schön durchgefroren als wir ankommen. Zum Glück haben wir Jacken und lange Hosen im Gepäck. Vom Flughafen José María Córdova geht es erstmal mit dem Bus in die 30 km entfernte Stadt. Medellín liegt im Aburrá-Tal, innerhalb der Zentralanden im nordwestlichen Kolumbien, auf einer Höhe von 1538 m, wodurch das ganze Jahr über angenehme frühlingshafte Temperaturen herrschen. Die 1616 gegründete Stadt bildet heute zusammen mit den umliegenden Gemeinden die Metropolregion Medellin, ist die zweitgrößte Stadt Kolumbiens, Hauptstadt des Departameto Antioquia und Heimat von ca. 3,5 Millionen Menschen. Während der Busfahrt bekommen wir einen ersten Eindruck der Stadt, die sich wie eine Krake an den Berghängen des Aburratals ausbreitet. Vom Busterminal aus geht es mit dem Taxi zu unserem Hostel Primavera Zero ins angesagte Viertel El Poblado. Wir checken ein und machen einen ersten Rundgang durch unsere neue Kurzzeitheimat. Bei 22°C Außentemperatur können wir endlich einmal schweißfrei herumschlendern. Der erste Eindruck ist großartig. Gepflegte Straßen, Restaurants und Boutiquen wohin das Auge blickt, Bäume und riesige Bambuspflanzen spenden überall Schatten, der Verkehr ist überschaubar, wir fühlen uns wohl und sicher. Als nächstes machen wir das, was wir am besten können – Essen gehen. Wir haben allerdings die Qual der Wahl – italienisch, indisch, kolumbianisch, peruanisch, mexikanisch oder doch zum Argentinier? Wir entschließen uns schließlich für ein argentinisches Steakhaus und lassen uns eine riesige Fleischplatte ausgezeichneten Rindes schmecken – für Felix das beste Fleisch seit langem und er hat absolut recht. Danach zum Verdauen zurück ins Hostel, den Tag erst einmal in Ruhe ausklingen lassen und die geplanten Stadtführungen buchen. Wir haben ein hartes Programm vor uns: Montag Stadtführung durchs historische Zentrum (4 Stunden), Dienstag Besuch eines typischen Medelliner Barrios (3,5 Stunden) und am Mittwoch noch die Exotic Fruit Tour (3 Stunden) auf dem lokalen Markt, natürlich alles per Pedes. Da wollen die untrainierten Segler-Füßchen noch ein bisschen geschont werden.

Am nächsten Tag wollen wir uns erst einmal auf eigene Faust einen Überblick über die Stadt verschaffen. Am besten eignet sich dazu die Metro, übrigens die einzige in ganz Kolumbien, sie führt in Nord-Süd-Richtung etwa 30 km durch die Stadt, verläuft teilweise auf Stelzen und ausschließlich oberirdisch. Wir wollen von Poblado nach Norden zur Metrostation Acevodo. Hier verbindet eine Seilbahn (Metrocable) die höhergelegenen, armen und schwer zugänglichen Barrios (Viertel) mit der Innenstadt. Als wir die Metrostation betreten fallen uns zwei Dinge sofort auf: Es ist unheimlich sauber. Keine Graffities an den Wänden, niemand isst oder trinkt auf dem Bahnsteig. Auf jedem Bahnsteig befinden sich zwei Polizisten und eine Putzfrau. Außerdem werden wir beobachtet, bestaunt. Mensch am Bahnsteig drehen sich nach uns um, ein freundliches „Buenos dias“ hier und dort, irgendwie ein komisches Gefühl. Außer uns sieht man nicht viele andere Touristen. In der Metro das gleiche Bild, man könnte vom Boden essen, keine Schmierereien, keine Kaugummis auf den Sitzen und wir ziehen wieder alle Blicke auf uns. Später werden wir erfahren, dass die Metro eine ganz besondere Bedeutung für die Medelliner hat, sie verbindet nicht nur die abgelegenen Vororte mit der City, sondern ist Symbol der „Transformacion“, des Wandels von einer Drogenhochburg zu einer modernen, lebenswerten Stadt. Die Menschen sind unheimlich stolz auf ihre Metro auf und deshalb passen sie auch auf sie auf!. In Acevodo steigen wir in die Metrocable, die Seilbahn, um und fahren die steilen Flanken des Aburratals hinauf, während sich unter uns ein Gewirr aus übereinander gebauten Ziegelhäusern erstreckt. Zwischen den Häusern finden sich schmale Gassen, Treppen und Trampelpfade, die kaum mit dem Auto zu passieren sind. Von oben gesehen ein einziges Labyrinth! Die Seilbahn verläuft so tief über den Häusern, dass wir in jeden Hinterhof, Balkon sehen können, überall trocknet Wäsche in der Sonne, Kinder spielen auf der Straße …. irgendwie ist es wie im Zoo!. Je höher wir kommen, desto mehr können wir die Ausmaße Medellins erkennen. Ein unglaublicher Ausblick! In Santo Domingo steigen wir um und fahren mit der nächsten Seilbahn in den Parque Ecotouristico Arvi. Bis zur Endstation überqueren wir reichlich renaturierten Nebelwald mit riesigen Farnen und unterschiedlichsten Bäumen – sogar Felix ist fasziniert! Früher soll die Kokain-Mafia hier ihre Leichen entsorgt haben…

Danach geht es wieder abwärts ins Stadtzentrum, wir wollen zum Plaza Botero. Der Platz wurde 2002 im Rahmen der Transformacion neugestaltet und mit insgesamt 23 Skulpuren des kolumbianischen Künstlers Fernando Betero bestückt. Der ganze Platz wirkt wie eine Freilichtmuseuum. Die disproportionierten Figuren haben einen hohen Wiedererkennungswert und werden uns sicher im Gedächtnis bleiben. Bevor es ins Museo de Antioquia geht, müssen wir uns erst einmal stärken. Nach einigem Suchen finden wir das Traditionslokal „Hacienda“ und müssen natürlich das Nationalgericht Kolumbiens probieren – die „Bandeja Paisa“. Die Bandeja Paisa (Bandeja = Platte, Paisa = Name für die Bewohner Antioquias) ist ein wirklich deftiges Gericht und war ürsprünglich ein typisches Essen der schwer arbeitenden Landbevölkerung. Auf eine Bandeja Paisa gehören: geriebenes Rindfleisch, Chorizo, Blutwurst, frittierter Schweinebauch, frittierte Banane, ein Spiegelei, rote Bohnen, Reis, Avocado und Arepa (Maisfladen). Die Kolumbianer sind stolz auf ihre Bandeja Paisa und jeder, der einmal nach Antioquia reist, muss dieses Gericht einmal probiert haben. Man bekommt es im ganzen Land, aber nur in Antioquia und Medellin schmeckt es wie es schmecken muss. Mit einem Stein im Magen geht es ins Museo de Antioquia, das im ehemaligen Palacio Municipal untergebracht ist und eines der wichtigsten Museen des Landes darstellt. Es beherbergt unterschiedliche Gemälde und Plastiken kolumbianischer Künstler, natürlich dürfen auch hier Werke von Fernando Botero nicht fehlen. Die Ausstellung ist sehr abwechslungsreich und ein echter Kulturgenuss. Nach so vielen neuen Eindrücken kehren wir erst einmal erschöpft ins Hostel zurück.

Montags beginnt dann unser Besichtigungsmarathon! Die Tour startet bereits um 08:54 Uhr, also müssen wir zum Leidwesen unseres Sohnes früh raus. Treffpunkt ist glücklicherweise unsere Metrostation El Poblado. Wir sind pünktlich, werden freundlich empfangen, in die erste Gruppe eingeteilt, finden uns unter 20 – 30jährigen Backpackern wieder und mit der Metro geht es ins Zentrum Medellins. Bevor es allerdings richtig losgeht, bekommen wir von Camillo, unserem Tourguide, noch ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg. Regel 1: You are the aliens! Wir erfahren, dass wir für die Einheimischen noch fremdartiger sind, als sie für uns. Viele haben noch nie einen Ausländer gesehen. Vor allem unsere Größe (kolumbianische Männer sind im Schnitt 170 cm und kolumbianische Frauen 155 cm groß), unser Aussehen und die fremdartige Sprache sind für viele Kolumbianer gewöhnungsbedürftig. Wir sollen uns also nicht wundern, wenn wir angestarrt oder beäugt werden. Camillo beteuert jedoch, dass die Medelliner nur neugierig und ganz harmlos sind. Regel 2: Do not mention his name, Pablo Escobar! – Wieso? Obwohl Escobar bereits über 30 Jahre tot ist, spaltet er die Medelliner Gesellschaft immer noch. Während er für die einen ein skrupelloser Möder, Verbrecher und Drogendealer war, ist er für die armen Leute eine Art Robin Hood. Er hat Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und vieles mehr für die Ärmsten der Armen gebaut und sie verehren „Il Padrone“ dafür immer noch. Ein Barrio trägt auch seinen Namen. Obwohl die Führung in Englisch ist, was wahrscheinlich 95 % der Einheimischen nicht verstehen, bleiben doch immer wieder Leute stehen und hören zu. Wenn im Rahmen der Führung also sein Name fällt, wissen die Menschen nicht, ob gut oder schlecht über ihn gesprochen wird. In der Vergangenheit führte diese Situation wohl hin und wieder zu unschönen Szenen – also, you can call him the famous guy or P.E. or so …!

Nach dieser Einführung beginnt die Führung vor dem Sitz der Provinzregierung und dem Justizpalast. Vor dem Gebäudeensemble befindet sich das 38 m hohe „Monumento a la Raza“ des Bildhauers Rodrigo Arenas Betancur, welches die Geschichte und wirtschaftliche Entwicklung Medellins darstellt. Danach geht es weiter zum Square of Lights. 15 Jahren zuvor wurde die Gegend noch von Straßengangs regiert, Mord und Todschlag standen hier auf der Tagesordnung. Im Rahmen der Transformacion wurde der Straßenzug vollständig platt gemacht, die Kriminalität aus der Innenstadt verbannt und als Symbol der Erneuerung der Square of Lights, eine monumentale Bibliothek sowie ein neues Bildungszentrum errichtet. Die Transformacion spielt auf der weiteren Führung immer wieder eine zentrale Rolle und Camillo erklärt uns anhand von Gebäuden und Plätzen die Verwandlung Medellins vom kriminellen Drogenmoloch in eine weitgehend friedliche und wirklich sehenswerte Stadt. Neben den massiven infrastrukturellen Investitionen, die zur Anbindung der Armenviertel an die City geführt haben, ist vor allem die überall sichtbare Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften die Grundlage für den Erfolg Medellins. Die Führung ist aber kein Lobgesang auf die gelungene Veränderung der Stadt, das Konzept Medellins wird mittlerweile von anderen Problemgroßstädten kopiert, sondern zeigt auch die Schattenseiten der Transformacion sowie die weiterhin bestehenden Probleme der Stadt.

Als wir an der Kirche Veracruz vorbeikommen steht das Thema Prostitution auf der Agenda. Ambitionierte Frauen bieten hier ihre Dienste für 10-15 US an, Stundenhotel inklusive. Interessanterweise findet man die Damen immer neben oder hinter den großen Kirchen. Hintergrund: Nach der begangenen Sünde sucht der kolumbianische Mann offensichtlich die schnelle Vergebung in der Kirche! Erst f…., dann beichten und alles ist wieder gut – dieser Verdrängungsmechanismus ist auch Teil der kolumbianische Seele! Danach geht es weiter über den Botero Square zum Bolivar Park. Zwischendurch stärken wir uns in der Fußgängerzone mit ein paar Empanadas (frittierte, gefüllte Maisfladen) und exotischen Fruchtsäften. Am Bolivar Park können wir wieder die Schattenseiten Medellins beobachten. Im Licht der Metropolitan Cathedral sehen wir Prostituierte, einige Freaks kiffen gemütlich ihre Joints, andere spritzen sich Heroin, dazwischen ältere Herren beim Mittagsplausch! Was für eine skurrile Mischung. Obwohl der Platz als nicht ungefährlich gilt, ist alles ganz entspannt. Wir werden bestaunt, staunen zurück und alles ist gut. Den Abschluss bilden der San-Antonio-Platz, wo 1995 das verheerende Attentat stattfand. Wir machen noch ein Gruppenfoto und verabschieden uns von Camillo. Seine unglaublich enthusiastische Führung, die vermittelte Aufbruchstimmung in Medellin und die herzliche Art der Einwohner haben uns tief beeindruckt! Nach 4,5 Stunden Stadtführung und reichlich Informationen sind wir allerdings ziemlich geschafft. Wir gehen noch ins Museo de Antioquias etwas essen und sind danch reif für´s Hostel – so viel Info muss erst einmal verdaut werden!

Am Dienstag ist erstmal ausschlafen angesagt, da unsere Tour durch das Vorstadtviertel Moravia glücklicherweise erst am Nachmittag beginnt. Während Felix und ich am Vormittag im Hostel chillen, geht Antje zum Friseur und lässt sich im Massagestuhl eine neue Frisur verpassen. Wir nehmen die Veränderung wohlwollend zur Kenntnis und ziehen nach einem leichten Mittagssnack los. Treffpunkt ist diesmal die Metrostation Caribe. Wir kommen just in time an und werden schon von unserem Guide Pablo erwartet. Während wir auf der Citytour noch beinahe 30 Leute waren, sind wir hier nur zu neunt. Nach der bereits bekannten Einführung: You are the aliens, do not mention his name, you are not in a zoo! – geht es los. Wir besuchen das Barrio Moravia. Mitte der 70er Jahre diente die Region als Müllhalde und lag am Rande der Stadt. Auf der Flucht vor den innerstaatlichen Konfliken siedelte sich hier die Landbevölkerung an. Sie bauten sich Hütten aus Müll und lebten vom Abfall der Großstadt. Alles war natürlich illegall. In den 90er Jahren wurde das Viertel legalisiert und umgestaltet. Der Müllberg wurde mit Erde bedeckt, spezielle Pflanzen zur Absorbtion der Gifte gepflanzt und ein schöner Garten angelegt, alles in Zusammenarbeit mit Biologen der Universidad de Antioquias.

Im Westen Medellins baute die Stadtverwaltung mehrere Hochhausburgen für die Einwohner. Etwa 90% der Bewohner der ehemaligen Müllhalde wurden umgesiedelt, aber ca. 10% wollten bleiben und leisteten Widerstand. Anhand dieser Menschen erklärt uns Pablo die Vor- und Nachteile der Transformacion ganz direkt. Anders als in der Tour am Vortag geht es heute wirklich ins Detail – sehr spannend. Wir schlendern an den Behausungen der „Resistance“ vorbei, kommen mit den Bewohnern ins Gespräch, alles ist unglaublich interessant, aber auch bedrückend. Danach geht es tiefer ins Barrio hinein. Wir überschreiten eine imaginäre Linie und befinden uns plötzlich nicht mehr im Umsiedlungsgebiet. Sofort verändern sich die Wohnverhältnisse und wir stehen in einem typischen Medelliner Viertel. Mit dem Beginn der Transformacion entstanden in diesen Barrios moderne Schulen, Bibliotheken und Parks. In Moravia schuf der kolumbianische Architekt Rogelio Salmona ein modernes kulturelles Begegungszentrum, das seinesgleichen sucht. Wir erfahren viel über das kolumbianisches Gesundheits- und Bildungssystem. Pablo erklärt uns verschiedene Projekte und wir besuchen eine Ausstellung über die Entstehung des Barrios. Die Bilder an den Wänden sind echt schockierend, andererseits ist die Verwandlung des Viertels wirklich beeindruckend – wow. Jetzt ist uns auch klar, warum die Transformacion ein Exportschlager Kolumbiens ist, auch wenn sich damit nicht alle Probleme einer modernen Großstadt lösen lassen! Am Ende der Tour befinden wir uns auf der Spitze des ehemaligen Müllbergs, genießen die Aussicht über Medellin, im Süden der Stadt fällt Regen, während wir im Norden im Trockenen stehen. Bei diesem Ausblick verstehen wir, warum die Widerständler diesen Ort nicht verlassen wollen. Nach einer herzlichen Verabschiedung fahren wir mit der Metro nach Poblado zurück, ab ins Hostel, duschen, umziehen und schon geht es weiter… am Abend steht ein kulinarisches Highlight an!

Med (50)

Am Vortag habe ich einen Tisch im El Cielo (der Himmel) reserviert. Laut meinen Internetrecherchen kredenzt hier der Sternekoch Juan Manuel Barrjentos exzellente Molekularküche. Schließlich müssen wir uns auf die am nächsten Tag bevorstehende Exotic Fruit Tour einstimmen. Gegen 19:00 Uhr treffen wir völlig underdressed in dem Nobelschuppen ein. Wir werden von Kellnern in Livree begrüßt, an unseren Tisch geleitet und nicht schräg angesehen!. Ohne eine Speisekarte gesehen zu haben, werden sofort drei Amuse Gueules serviert – fängt ja schon mal gut an! Danach kommt der Oberkellner um unsere Bestellung aufzunehmen. Wir haben die Wahl zwischen dem neungängigen Menü „The Trip“ und der vierzehngängigen Gourmetschlacht „The Journey“. Wir entscheiden uns – natürlich – für die kulinarische Reise. Wer kann bei einem Preis von 45 Euro pro Menü schon Nein sagen! Bevor es losgeht erwartet uns eine sehr eigenwillige Reinigungsprozedur. Wir bekommen eine Schokoladenpraline gefüllt mit Kakaobutter in die Hand gelegt, müssen diese zerdrücken und uns damit die Hände einseifen. Danach werden wir mit Erdbeersalz bestreut und alles wird mit lauwarmen Wasser aus einer Silberkaraffe abgewaschen – Gott, wie dekadent, aber ich liebe es sofort!

Nach dieser Vorbereitung gibt es endlich wieder was zu beißen. The Journey beginnt mit einer Spinatsuppe und einem Kartoffelkeks, dazu einen Cava-Sekt aus Spanien. Hört sich zwar langweilig an, aber der Keks ist die reinste Geschmacksexplosion und ziemlich spicy! Anschließend wird eine perfekt glasig gegrillte Garnele auf Kürbismousse und getrockneten Tomatenbröseln gereicht – hmmm. Der Sauvigon Blance aus Argentinen war natürlich auch durchaus trinkbar. Der Kapitän zieht sich daraufhin mal kurz zurück und legt eine frische Marlboro auf. Vor dem Lokal entdeckt er ca. 10 anzugtragende Leibwächter mit Knopf im Ohr – Okay, offensichtlich haben wir prominente Gesellschaft. Kaum wieder zuück geht es auch schon weiter: Catch of the Day (Seebarsch) mit Risotto, dazu ein wohltemperierter chilenischer Rosé. Kurze Pause, das anschwellende Bäuchlein streicheln und weiter geht’s. In einer tristen grauen Schale kommt ein Ravioli mit Hühnchenfüllung und Trüffel-Bechamelsause angeflogen, das seinesgleichen sucht. Ich will hier niemehr weg! Der Hauptgang – Schweinebauch auf Baumtomatensauce mit Biscuit-Schmetterlingen – ist zwar lecker, enttäuscht aber ein bisschen, weil einfach zu fettig. Glücklicherweise im Laufe des Abends der einzige kulinarische Rückschlag. Der dazu gereichte Malbec aus Argentinen bekommt dafür die volle Punktzahl.

Anschließend lassen wir uns eine Art Beef-Marshmallow mit Cassischutney schmecken, das wir zusammen mit dem restlichen Rotwein runterspülen – Give me more from this stuff! Das Marshmallow kennzeichnet den Übergang zum süßen Teil des Menüs, obwohl wir gerade mal zweieinhalb Stunden im Restaurant sitzen… Der Dessertmarathon beginnt natürlich mit einer Schokoladenkreation, dazu ein 20 Jahre alter Portwein – sehr lecker, so kann es weiter gehen. Endlich gibt’s Kaffee. Kaffeepflanzen werden auf dem Tisch drappiert, eine Glaskaraffe mit angeschnalltem Filter plaziert und mit einem wahnsinnig intensiv riechenden kolumbianischen Kaffee bestückt. Während der Kaffee langsam durch den Filter rinnt, wird unser Tisch eingenebelt. Die Kaffeeplantation-Hochland-Frühnebelstimmung kommt bei uns genauso gut an wie der frische Kaffee und die kleinen Baiserstückchen. Zum Schluss bekommen wir noch Mango-Macarons in einer Geschenkschachtel überreicht – wow, klasse, sensationell. Definitiv das beste Essen auf unserer gesamten Reise, alle sind restlos begeistert, auch wenn das Schwein … Hoffentlich ist Juan Manuel Barrjentos kinderlos und adoptiert mich! Vier Stunden später wackeln wir ins Hostel zurück und schlafen schmatzend ein …

Mittwochs ist wieder ein Frühstart angesagt. Weil wir aber noch wehe Füßlein haben und nicht schon wieder 20 Minuten bis zur Metrostation latschen wollen, nehmen wir uns ein Taxi bis zum Treffpunkt Minorista, dem Obst- und Gemüsemarkt. Wir quälen uns eine ¾ Stunde durch den morgenlichen Verkehr und kommen gerade noch rechtzeitig an. Nach den üblichen einleitenden Worten bekommt jeder einen Löffeln von Diana, unserer Führerin, in die Hand gedrückt und es geht los. Sobal wir den Markt betreten werden wir mal wieder von allen Seiten beäugt, aber die Menschen beißen nicht! Wir schlendern ein wenig durch den Markt und probieren immer wieder unterschiedliche Obstsorten. Interessanterweise gibt es für manche gar keinen deutschen sondern nur englische Namen. Als wir gerade einem Bauern beim Mais schälen beobachten, beginnen einige Jugendliche ganz aufgeregt zu schnattern. Auf Nachfrage unserer Führerin stellt sich heraus, dass die Jungs wirklich noch nie Touristen gesehen haben. Die vier sind ganz aus dem Häuschen! Im Rahmen der Tour kosten wir insgeamt 14 verschiedene Fruchtsorten: Guanabana (Soursop), Borojo (Borojo), Maracuja (Yello Passion Fruit), Curuba (Banana Passion Fruit), Gulupa (Passion Fruit), Granadilla (Sweet Granadilla), Tomate de Abrol (Tree Tomato), Guayaba (Guave), Lulo (Little Orange), Chontaduro (Peach Palm), Algarroba (West Indian Locust), Uchuva (Cape Gooseberry), Pitahaya (Dragon Fruit), Higo (Prickly Pear), Tamarindo (Tamarind) und Cherimoya (Custard Apple). Außerdem erfahren wir wie die Früchte im reifen Zustand aussehen bzw. sich anfühlen müssen. Obwohl wir auf unserer Reise immer wieder neue Obstsorten endeckt und probiert haben, finden sich hier doch einige bisher unbekannte auf dem Markt. Zum Abschluss darf sich jeder noch einen Milchshake mit einer Frucht seiner Wahl wünschen. Während wir die leckeren Drinks genießen, erzählt uns Diana, dass der Minorista Markt immer noch relativ schlecht besucht ist, weil es hier früher regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam und die Einheimischen den Markt deshalb immer noch meiden. Wir sind u.a. auch hier um den Menschen zu zeigen, dass ihr Obst- und Gemüsemarkt mittlerweile sicher ist und so können wir auch einen kleinen Beitrag zur Medelliner Transformacion leisten – wirklich ein sehr netter Gedanke. Nach einer herzlichen Verabschiedung wollen wir noch zum Botanischen Garten, natürlich nicht wegen der Pflanzen sondern zum Essen. Das „In situ“ wird in mehreren Reiserführern für seine Küche gelobt. Nach unserer kulinarischen Reise vom Vortag liegt die Messlatte jedoch sehr hoch. Das Essen ist natürlich lecker, aber selbstverständlich kein Vergleich. Danach geht es mit der Metro zurück ins Hostel, unsere Füße haben nach der stundenlangen Lauferei in den letzten Tagen ein wenig Ruhe verdient.

Tagsdarauf müssen wir schon wieder nach Santa Marta zurück. Am Vormittag wird gepackt, danach noch ein Kurzausflug zum Majorista, dem größten Markt in Medellin, der allerdings auf einem riesigen Gelände verteilt ist und nur wenige touristische Aspekte bietet. Als wir an der Metrostation Poblado aussteigen, spricht uns eine Metroangestellte an und meint, sie hätte uns die letzten Tage immer wieder gesehen und würde sich wirklich freuen, dass wir Medellin besuchen – sowas haben wir noch nie erlebt! Nach dem Essen geht es am Nachmittag mit dem Taxi zum Flughafen. Am späten Abend kommen wir in Santa Marta bei 36 °C an, schwitzen wieder und sind kurz danach zurück auf unserer Auriga. In den letzten fünf Tagen haben wir viel über Kolumbien im Allgemeinen und Medellin im Speziellen gelernt. Uns haben vor allem die Aufbruchstimmung in der Stadt, unsere engagierten Guides, die überall spürbare Hoffung auf Veränderung nach den Jahren der Kriminalität, aber auch die unglaubliche Herzlichkeit der Menschen sehr beeindruckt. Wir hatten jederzeit das Gefühl, als Touristen willkommen zu sein. Leider hatten wir keine Zeit mehr, die berüchtigte Communa 13 oder ein Fußballspiel zu besuchen. Außerdem hätten wir gerne noch eine Pablo Escobar Tour mitgemacht. Wegen ihrer Kontraste und der vielseitigen Möglichkeiten, die die Stadt bietet wird Medellin hiermit unser erster Städtetipp – Bienvenido a Medellín!

Med (49)

Fair winds und bis bald,

eure Aliens von der Auriga