Schmerzhafte Zwangspause

 

Nach unserem Behördenmarathon wird am Samstag nochmal kräftig eingekauft, schließlich soll es am Sonntag wieder auf die San Blas Inseln zurückgehen. Allerdings hat am Sonntagmorgen keiner so richtig Bock, wir fühlen uns immer noch zu ausgelaugt. Die Ereignisse der letzten Tage waren einfach zu viel! Wir beraten uns mit der SY Samantha und beschließen, am Montag Nachmittag abzulegen und die 70 Seemeilen bis zu den Lemon Cays in einer entspannten Nachtfahrt zurückzulegen. Beide Crews genießen einen lazy Sunday. Am Abend checken wir nochmal das Wetter. Allerdings sind die Vorhersagen ziemlich unsympathisch: Für Dienstag und Mittwoch ist mal wieder Sturm angesagt – Okay. Wir konferieren erneut mit Birger und Alex, dann geht es halt am Freitag los, ist auch recht. Mir persönlich kommt der Aufschub eigentlich sogar ganz gelegen, weil sich im Laufe des Sonntags langsam aber sicher Zahnschmerzen bei mir einstellen – Autsch! Montagmorgen beginne ich nach Zahnärzten zu recherchieren und finde die Caribian Dental Clinic in Colon. Die Kollegin, Dra. Ida Herrera, soll fließend englisch sprechen und ist deshalb meine Favoritin! Im Laufe des Vormittags organisiere ich ein Taxi und werde in der Praxis vorstellig. Ohne wesentliche Wartezeit komme ich sofort dran. Nach dem Röntgen ist klar, der bereits wurzelbehandelte Backenzahn möchte nicht mehr bei mir wohnen und muss raus. Eine Stunde später verlasse ich mit dicker Backe die Praxis und bin um einen Zahn erleichtert – er war wie ein Haustier für mich, schniff!

 

Bis zum Freitag haben wir dadurch ausreichend Zeit, um den Dschungel zu erforschen. Die Marina liegt praktisch direkt im Regenwald. Sobald man das Gelände nur ein paar Schritte verlässt, steht man vor einer undurchdringlichen Wand aus Farnen, Elefantengras, Bananenstauden, unterschiedlichen Palmen und tropischen Bäumen. In diesem Dickicht ist absolut kein Durchkommen möglich! Glücklicherweise gibt es zwei, drei Trampelpfade, auf denen sich der Dschungel erkunden lässt. Sobald man nur ein paar Meter gelaufen ist, befindet man sich in der Wildnis! Obwohl man die Geräusche der nahen Marinawerft hören kann, ist diese bereits hinter einem Vorhang aus unterschiedlichen Grüntönen verschwunden. Licht fällt nur spärlich durch das dichte Blätterdach. Die modrig-moosige Luft, das feuchtwarme Klima, das laute Geschrei der Brüllaffen und der Halbschatten runden die Szenerie perfekt ab – so habe ich mir den Dschungel immer vorgestellt! Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis und das alles gleich um die Ecke und für umme.

 

Jetzt muss man nur noch ruhig sein und warten, bis irgendetwas im Gebüsch oder in den Bäumen raschelt. Am einfachsten sind die Panama-Kapuzineräffchen in den riesigen Wedeln der Dattelpalmen zu entdecken. In kleinen Gruppen hüpfen sie auf der Suche nach Essbarem von einem Baum zum nächsten oder hängen träge auf einem Ast herum und lausen sich. In den nächsten Tagen laufen uns immer wieder Nasenbären über den Weg. Die kleinen, braunen Bodenbewohner sind allerdings sehr scheu und sobald sie uns entdecken sind sie auch schon wieder weg. Wir können die beeindruckenden Tukane und viele andere tropische Vögel beobachten. Riesige Kolonien von Blattschneideameisen wuseln am Boden herum. Auf einer unserer letzten Dschungeltouren bekommen wir endlich auch die omnipräsenten Brüllaffen zu sehen. Wir können sie zwar jeden Tag mehrmals hören, aber gesehen haben wir sie bisher nicht. Obwohl wir zwar immer mit Kamera bewaffnet unterwegs sind, ist es ganz schön schwierig, die Tiere auch zu fotografieren. Vor allem die bunte Färbung der Vögel vor den unterschiedlichen Grüntönen der Pflanzen überfordert den Autofokus doch hin und wieder, aber Antje sind trotz aller Schwierigkeiten viele schöne Aufnahmen gelungen, oder? Eben!

 

Am Freitag machen wir uns langsam für´s Auslaufen klar. Allerdings zeigen sich am frühen Nachmittag bereits wieder große dunkle Gewitterwolken über uns. In einem spontanen Meeting beschließen wir, nicht ins anstehende Unwetter zu segeln und wollen bis zum nächsten Tag warten. Ich bin mal wieder nicht richtig unglücklich, weil bei mir die Schmerzen an der Extraktionsstelle wieder deutlich zunehmen. Alex, ihres Zeichens gelernte Zahntechnikerin, begutachtet die Wunde, kann aber bis auf eine Gaumenschwellung nichts Ungewöhnliches feststellen – Vielen Dank für deine Hilfe Alex! Samstag und Sonntag brauche ich so viel Schmerzmittel, dass meine Erinnerung ans Wochenende eher lückenhaft sind – Autsch! Ich bin mir allerdings ganz sicher, dass wir Alex Geburtstag am Sonntag richtig wild gefeiert haben – hoffentlich! Vorsichtshalber nochmal nachträglich alles Gute zum Geburtstag, liebe Alex! Damit steht am Montag der nächste Zahnarztbesuch an. Mittlerweile habe ich auch einen Leidensgenossen bekommen. Bei einem benachbarten Segler hat sich eine Zahnfüllung verabschiedet und er will mich deshalb begleiten. Wir nehmen den Bus nach Colon, schnappen uns anschließend ein Taxi und stehen um zehn Uhr vor der Praxis – Die ist allerdings geschlossen!?! Ach, nee, wirklich! Der Wachmann vom Casa Torre Esmeralda, in dem sich die Praxis befindet, erklärt uns, dass die Praxis erst wieder am Dienstag geöffnet ist. Okay, immerhin etwas.

 

Dienstag kurz vor acht Uhr, wir sitzen wieder im Bus und erfahren, dass die Zahnärztin im Urlaub und heute nur ein Vertreter anwesend ist, der allerdings nur nach Terminvereinbarung behandelt – wie? Echt jetzt! Wir verlassen etwas deprimiert den Bus, warten bis das Marinebüro um neun Uhr aufmacht und bitten einen der Angestellten einen Termin für uns auszumachen, weil die Sprechstundenhilfe an der Rezeption nur spanisch spricht. Alles klar, wir können gegen elf Uhr kommen! Punkt elf Uhr stehen wir wieder vor der Praxis. Weil bei Ken nur eine Füllung zu machen ist, lasse ich ihm den Vortritt. Knapp zwei Stunden und eine Wurzelbehandlung später – armer Tropf – bin ich dran. Mit gemischten Gefühlen lege ich mich auf den Behandlungstuhl. Die Extraktionsstelle wird untersucht, Oberkiefernekrose – Scheiße! Die anschließende Behandlung dauert dafür nur 10 Minuten und wir können wieder abdampfen. Glücklicherweise war die Behandlung erfolgreich und nach fünf Tagen aggressiver, körperlicher Schonung und guter Pflege, werden wir am Sonntag ablegen und Richtung San Blas Inseln aufbrechen…

 

Fair winds und bis bald,

eure Zahnfee von der Auriga

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Behördenmarathon in Colon

Da es von Porvenir bis Colon über 60 Seemeilen sind, entschließen wir uns für einen Zwischenstopp vor der Isla Linton. Bereits kurz nach Sonnenaufgang verlassen wir unseren Ankerplatz und motoren bei trübem Wetter nach Westen – Die SY Samantha voraus und wir hinterher. Obwohl wir anfangs versuchen zu segeln, schläft der Wind nach etwa 20 Minuten mal wieder völlig ein. Zehn Seemeilen vor unserem Ziel wird die SY Samantha plötzlich merklich langsamer. Als wir aufschließen sehen wir, dass ihr Dinghi, das sie hinter sich herziehen, beinahe bis zum Rand voll Wasser ist. Wir informieren unsere Freunde und stehen ihnen in angemessenem Abstand bei, während sie ihr Beiboot ausschöpfen. Nach 30 Minuten kann es weitergehen und eine Stunde später erreichen wir die Linton Bay. Hier ist ganz schön was los! Mindestens 40 Boote liegen vor Anker. Wir suchen uns ein freies Plätzchen und lassen unseren Anker ebenfalls fallen. Die Isla Linton ist nur einen Steinwurf vom Festland entfernt, entsprechend ist die Luftfeuchtigkeit deutlich höher als im San Blas Archipel. Die Ankerbucht ist von tropischem Regenwald mit seinen herrlichen Grüntönen und Geräuschen umgeben. Nach einem gemeinsamen Abend gehen wir früh schlafen. Wir haben zwar nicht viel gemacht, aber das stundenlange Herumgemotore ist doch irgendwie nervig und anstrengend.

Wir erwachen am nächsten Morgen vom Geschrei der Brüllaffen. Offensichtlich regen sie sich – wie wir – über das Nieselprimelwetter auf. Da es beinahe den ganzen Vormittag regnet, beschließen wir noch eine Nacht hier zu verbringen. Felix ist darüber „not amused“, weil er einen weiteren Tag auf´s angekündigte Internet in der Shelter Bay Marina verzichten muss. Da sich nur unweit von unserem Ankerplatz eine neue Marina befindet, machen wir kurzerhand einen Ausflug, um das Kind abzulenken. Wir finden eine Tankstelle mit Shop und versorgen das Balg mit Cola, während wir uns mit Balboa Oktoberfestbier eindecken! Nachmittags wollen wir mit dem Dinghi in die nächste Bucht zur Panamarina, hier solle es exzellente Steaks geben. Zusammen mit Alex und Birger machen wir uns auf. Laut unserem Törnführer gibt es zwischen den beiden Buchten einen Kanal durch die Mangroven. Nach einigem Suchen finden wir die Einfahrt und erreichen durch einen Mangroventunnel die nächste Bucht. Auch unser Dinghikapitän ist völlig begeistert, als wir uns im Slalomkurs unter dem Dach der Mangroven der Panamarina nähern. Beim Anlanden rammen wir im trüben Wasser mehrere Korallenköpfe, aber dank unseres Aluminiumbodens ist alles kein Problem. Im beinahe völlig leeren Hotelrestaurant gibt es zwar keine Steaks, aber der Fisch mit Reis ist auch nicht schlecht!

Am Tag darauf ist das Wetter nur geringfügig besser, aber wir wollen auf alle Fälle weiter. Nach einer kurzen Konferenz mit der Samantha ist es beschlossene Sache und eine halbe Stunde später sind wir unterwegs. Nächstes Ziel ist die Shelter Bay Marina in Colon. Hier befindet sich der atlantikseitige Zugang zum Panamakanal. Etwa zehn Seemeilen vor der Einfahrt in den Puerto de Cristobal mit seinen riesigen Wellenbrechern sehen wir die ersten Ozeanriesen auf Reede liegen. Wir melden uns bei Cristobal Portcontroll, der Hafenbehörde an und dürfen in die gewaltige Hafenanlage einfahren. Ich glaube nur hier oder in Panama City auf der Pazifikseite kann man so viele Schiffe der Panamax- und Postpanamaxklasse auf einmal sehen. Der Schiffsverkehr ist ziemlich unübersichtlich und auf unserem AIS ist ganz schön was los! Wir müssen gut aufpassen, damit uns die riesigen Fracht- und Containerschiffe nicht als Fender missbrauchen! Aber alles geht gut und wir erreichen die Marina unbeschadet. Nach einem unspektakulären Anlegemanöver können wir gerade noch vor Büroschluss im Marinaoffice einchecken und für Felix den ersehnten Internetzugang organisieren. Wir bekommen noch eine Informationsbroschüre über die Einklarierungsmodalitäten in Panama in die Hand gedrückt und dann verabschieden sich die Marinaangestellten ins Wochenende. Auf dem Rückweg zum Boot treffen wir noch Nick und Isabell von der SY Mango, die wir bereits in Santa Marta kennengelernt haben, tauschen Nachrichten über die letzten drei Monate aus und lassen uns über die Aktivitäten der hiesigen Seglercommunity informieren. Sehr nettes Wiedersehen mit den Thüringern! Zurück an Bord wird als nächstes unsere Klimaanlage installiert und in Betrieb genohmen – Gott, wie habe ich sie vermisst!

Da die Capitaneria in der Marina am Wochenende nicht besetzt ist, müssen wir am nächsten Tag zur Capitaneria Cristobal in Colon – Okay, kein Problem, schließlich gibt es zweimal täglich einen kostenlosen Bus, der uns in die Stadt bringt. Am Samstag geht’s um kurz vor acht Uhr los. Während Antje in der schwül-warmen Morgenluft (90% Luftfeuchtigkeit, 28° C.) ein luftiges Outfit zum Shoppen tragen kann, gibt es für Birger und mich eine ganz klare Kleiderordnung. Hemd, lange Hose und geschlossene Schuhe sind ein absolutes „Muss“, um als Mann in eine panamaische Behörde eingelassen zu werden. Alleine der Weg bis zum Bus treibt mir schon den Schweiß auf die Stirn und in die Schuhe. Glücklicherweise ist der Bus klimatisiert. Die Fahrt nach Colon ist zwar nicht weit, aber dafür muss jedes Mal der Panamakanal überquert werden. Mit einer Brücke kein Problem, aber die wird gerade noch gebaut und voraussichtlich erst 2019 eröffnet! Vor neun Uhr kann der Bus direkt über die Schleusenanlage fahren, später nur noch via Fähre ans andere Ufer. Für die gerade mal 20 km lange Fahrt benötigen wir eine knappe Stunde. Antje steigt an der „Quatro Alto Shopping Mall“ vor den Toren Colons aus, während wir zwei Stationen weiter in die Stadt fahren. Colon präsentiert sich bereits hier von seiner einzigen Seite: schlechte Straßen, vergammelte Häuser, dunkle Seitenstraßen, Dreck und Müll wohin das Auge blickt. Wir sehen auf der ganzen Fahrt kein einziges schönes oder intaktes Gebäude. Grünflächen – völlige Fehlanzeige! Colon ist bestimmt die versiffteste Stadt in ganz Lateinamerika, ein einziges widerliches, baufälliges Dreckloch!

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Die Capitaneria Cristobal macht auch keinen besseren Eindruck, übrigens liebe Panamaer, da ändern auch die zig Nationalflaggen an der Fassade nichts dran. Da wir der Kleiderordnung entsprechen, erhalten wir Einlass in die Behörde. Wir sollen in den zweiten Stock. Hier finden wir allerdings nur menschenleere Flure. Wir stehen ein bisschen ratlos herum, als sich doch plötzlich eine Bürotüre öffnet und wir unser Anliegen erklären können. Wir dürfen eintreten und nach mehreren Telefonaten mit seinem Chef erklärt uns der Mitarbeiter der Capitaneria, dass wir uns hier anmelden können, aber für den normalerweise kostenlosen Vorgang 20 US bezahlen müssem, da er die Arbeit des Mitarbeiters in der Shelter Bay übernehmen muss und außerdem Wochenende ist. Okay, 20 US geht ja noch. Nach 90 Minuten haben wir es geschafft! Das ungelogen 60 cm lange Formular mit insgesamt sechs Durchschlägen ist ausgefüllt, gestempelt und die jeweils 20 US werden vor unseren Augen gemeinsam mit unseren mitgebrachten Kopien (Ausweise der Crew, Crewliste, Bootspapiere, ZARPE aus Kolumbien) an den Durchschlag für den Port Capitan geheftet. Ein Quittung bekommen wir natürlich nicht, weil der Quittungsblock nicht zugänglich ist, aber nach dem Wochenende könnten wir eine bekommen – hahaha, sehr interessante Geschichte! So weit, so gut. Wir erkundigen uns noch nach der Einwanderungsbehörde und der wirklich freundliche Mitarbeiter der Capitaneria erklärt uns den Weg – ist nur ein paar Blocks weiter im Industriehafen.

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Zehn Minuten später am Kontrollpunkt tragen wir unser Einreisebegehr vor, die Beamten sprechen natürlich alle nur spanisch, aber scheinen unser Anliegen richtig zu interpretieren. Mehrere Telefonate werden geführt und ein Beamter der Immigration erscheint am Tor. Wir erklären in gebrochenem Spanisch unseren Wunsch nach legaler Einreise, ernten aber nur Kopfschütteln. Offensichtlich ist der Beamte nicht für uns zuständig. Wir sollen zum Immigrationsbüro in der Shoppingmall „Colon 2000“ am Kreuzfahrtterminal. Okay mit dem Taxi geht es ans andere Ende der Stadt. Der erste Eindruck von Colon hat uns nicht getäuscht. Bei dem, was wir jetzt zu sehen bekommen, ist gegenüber dem ersten Eindruck noch Luft nach oben. Der Verkehr ist ein einziges Chaos, die ganze Stadt eine einzige Müllhalde! In der Mall fragen wir einen der überall präsenten, schwer bewaffneten Securitymenschen nach der Immigrationsbehörde. In immerhin gebrochenem Englisch, meinem Spanisch vergleichbar, erfahren wir, dass diese am Wochenende natürlich geschlossen ist und wir am Montag wiederkommen sollen. Alles klar! Im Taxi geht es zu Antje zurück, wir sondieren noch den Supermarkt und fahren anschließend mit dem Bus zurück in die Marina. Hier treffen wir Nick und Isabell wieder, quatschen ein bisschen und erfahren, dass am Sonntagabend immer ein Segler-BBQ in der Marina stattfindet.

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Den Sonntag nutzen wir um endlich die fehlenden Bilder für die letzten Blogbeiträge auszusuchen, zu bearbeiten und in die Beiträge einzufügen. Wer schon mal 800 Fotos gesichtet, bearbeitet, formatiert und anschließend upgeloaded hat, weiß wieviel Zeit dafür drauf geht! Immerhin funktioniert das Internet vernünftig. Überhaupt bietet die Marina einiges für die Segler. Das Restaurant ist wirklich gut. Die Captainslounge ist klimatisiert, die Angestellten freundlich und sehr hilfsbereit. Außerdem können wir seit über vier Wochen zum ersten Mal wieder waschen, die 8 kg fassenden Maschinen sind echt preiswert und erstklassig! Das abendliche BBQ ist ausgesprochen kurzweilig und nett. Wir lassen uns von der SY Mango viele Infos über Colon und deren am Dienstag anstehende Kanalpassage geben. Schade, dass wir nicht mehr Zeit zusammen verbringen können. Treffen Joachim, den wir im Mai schon kennengelernt haben wieder. Er klärt uns über die Baufortschritte der Schrägseilhängebrücke über den Kanal auf und wir verbringen einen feucht fröhlichen Abend zusammen. Natürlich drehen sich trotzdem fast alle Gespräche um die Kanalpassage – Alles allein organiseren oder einen Agenten beauftragen? Nur das Geschwätz der vielen Amerikaner nervt ziemlich, zeigt aber mal wieder deutlich, warum sie in den meisten Ländern der Welt unbeliebt sind!

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Montag: Heute ist unser großer Tag. Laut Infobroschüre muss die gesamte Crew bei der Einwanderungsbehörde erscheinen. Also sind beide Crews um kurz vor acht im Bus und wir lassen uns nach Colon chauffieren. Diesmal müssen wir allerdings am Kanal eine halbe Stunde warten und sind erst um 09:30 Uhr da. Wir steigen an der Quatro Alto Mall aus uns nehmen uns ein Taxi nach Colon 2000. Nach einer zehnminütigen Suche finden wir hier das Officina de Immigracion, das interessanterweise neben einer Diskothek beheimatet ist. Wir stapfen voller Hoffnung in den ersten Stock und konfrontieren einen der Beatmen mit unserem Anliegen. Glücklicherweise ist diesmal Antje dabei und übersetzt! Der Beamte nickt verständnisvoll, ist aber nur indirekt für uns zuständig. Wir müssen zuerst zum „Home Port“ am Kreuzschifffahrtsterminal. Hier bekommen wir eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für 48 Stunden, um anschließend in der Capitaneria Cristobal ein Crusing Permit beantragen zu können. Wenn wir dieses haben, sollen wir zurückkommen und erhalten ein Visum für drei Monate! Okay, wir verziehen nach den Infos keine Miene – immer lächeln und winken – und verabschieden uns freundlich. Der Home Port ist nur einen Steinwurf entfernt und besteht aus mehreren heruntergekommenen Wellblechhallen. Nach weiteren zehn Minuten Fußmarsch stehen wir vor einer Containerbaracke am Home Port und sind zum ersten Mal wirklich richtig! Allerdings sind die drei Warteplätze besetzt und wir müssen eine gute halbe Stunde in der permaneneten schwülwarmen Hitze warten bis uns Einlass gewährt wird.

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Die Damen der Immigrationsbehörde rufen uns schließlich in ihren klimatisierten Container. Artig lächelnd tragen wir unser Anliegen vor. Okay, hier können wir die angestrebte Kurzzeit-Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Ich überreiche die Kopie unserer Pässe, Crewliste und Bootspapiere sowie die ZARPE (Ausreisebestätigung) aus Kolumbien. Natürlich darf ein Durchschlag des Monsterformulars aus der Capitaneria Cristobal nicht fehlen. Die Dokumente werden begutachtet! Auf der ZARPE steht, dass die Auriga aus einem Kapitän und zwei Crewmitgliedern besteht. Wir sind aber zu Dritt! Die Frage, die sich nun stellt ist, ob der Kapitän isoliert zu bewerten ist oder zur Crew gehört! Alles sehr schwierig, sehr schwierig! Nach eine 15 minütigen Diskussion zwischen den Beamten wird entschieden, dass ein Kapitän plus zwei Crewmitgleider insgesamt drei Personen an Bord der Auriga ergibt, ergeben muss. Zum Glück war keine höhere Mathematik, wie der Dreisatz für diese Feststellung nötig! Einige Kopien unserer Unterlagen später erhalten wir die benötigte befristete Aufenthalsgenehmigung für 48 Stunden. Da wir den Anfang gemacht haben, geht es bei der SY Samantha deutlich schneller! Ein Kapitän plus ein Crewmitglied sind insgesamt zwei Menschen, da die mathematische Ausgabenstellung deutlich einfacher als bei uns ist, klappt es auch mit den Papieren deutlich schneller.

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Obwohl wir kein Crusing Permit haben, werden wir nochmals bei der Immigrationsbehörde in Colon 2000 vorstellig. Nach einer halben Stunde Wartezeit, kein Mensch ist im Wartebereich, ist ja auch Lunchtime, werden wir natürlich abgewiesen. Kein Cruising Permit, kein Visum – War doch klar ihr ausländischen Vollpfosten, aber einen Versuch war es trotzdem wert! Danach trennen sich unsere Wege. Felix und die Mädels fahren schon mal zur „Quatro Alto Mall“ zum Einkaufen, während Birger und ich uns zur Capitaneria Cristobal aufmachen, um ein Crusing Permit klar zu machen. Wir fragen uns zum richtigen Büro durch und treffen auf Ines. Nach einer kurzen halbstündigen Wartezeit werden wir von Ines wahrgenohmen, wahrscheinlich auch nur, weil wir direkt vor ihrem Schreibtisch sitzen!. Wir erklären unser Begehr. Alles kein Problem, ihr müsst nur den 50 cm langen Antrag ausfüllen. Okay, wir sind voll motiviert, widmen uns dem ausschließlich spanischen Formular und füllen es aus. Ines kontrolliert unsere Angaben anhand der Bootsscheine und scheint vorerst zufrieden zu sein. Ob wir Kopien von unseren Ausweisen, den Bootspapieren und der Zarpe sowie eine Crewliste hätten! Nein, dann kostet jede Kopie 25 Cent, Okay. Jaja, no problemo! Immer lächeln und winken! Als alles erledigt ist, schauen wir Ines erwartungsschwanger an, Bekommen wir jetzt unser Cruising Permit? Natürlich nicht! Wir sollen morgen wiederkommen, aber nicht vor 11 Uhr …

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Dienstag, 07:45 wir sitzen wieder alle akkurat gedresst im Bus nach Colon. Da wir erst um 11 Uhr in der Capitaneria erscheinen müssen, wollen wir die Millenium Plaza und ihre Geschäfte erkunden. Wir finden einen Hardwarestore, ein paar Ferreterias, aber nichts wirklich Interessantes. Immerhin können wir frühstücken. Um kurz vor elf machen sich Birger und ich zur Capitaneria auf und wollen uns anschließend mit den anderen beim Officina de Immigracion in der Colon 2000 Mall treffen. Wir betreten das bereits bekannte Büro, sehen Ines, ein Aufschrei, offensichtlich erinnert sie sich an uns – sehr gut. Trotzdem sitzen wir erst einmal eine halbe Stunde nutzlos herum! Danach kommt sie zu uns. Das Cruising Permit für die Samantha ist fertig, aber unseres nicht. Wie jetzt? Warum? Ines benötigt nochmals unsere Bootspapiere. Offensichtlich war die Kopie (schwarze Schrift auf dunkelgrauem Hintergrund) nicht lesbar! Das Dokument wird diesmal eingescannt und an die Schwesterbehörde in Panama City gemailt. Laut Ines sollte unser Crusing Permit in einer Stunde fertig sein – Okay, das hört sich ja ganz gut an. Birger und ich schlappen in ein Cafe um die Ecke und vertreiben uns die Zeit mit Männergesprächen. Um kurz nach 12 Uhr stehen wir wieder auf der Matte. Allerdings finden wir zunächst keine Beachtung! 20 Minuten später gesellt sich Ines zu uns und erklärt, dass die Dokumente aus Panama City immer noch nicht da sind. Okay, wir warten …! 10 Minuten später kommt ein Pizzabote ins Büro, er spricht sehr gut englisch und erkundigt sich nach unserem Anliegen. Wir erklären unser Problem und er teilt uns mit, dass die Behörde in Panama City von 12 bis 14 Uhr Mittagspause hat, weshalb unser Permit niemals vor 15 Uhr fertig sein wird! Langsam entgleisen mir die Gesichtszüge – Bananenrepublik!

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Ich erkläre ihm, dass ich das Permit aber für die Einwanderungsbehörde brauche und unser 48-Stundenvisum am nächsten Morgen abläuft! Er klärt die Angelegenheit mit den sechs anwesenden Beamten und ich bekomme nach Zahlung von 95 US für das Crusing Permit eine amtliche, gestempelte Bestätigung, dass das Dokument praktisch irgendwie da ist, aber halt nicht physisch verfügbar. Wegen eventueller Schwierigkeiten im Immigrationoffice schreibt Ines noch ihre Telefonnummer auf das Dokument – vielen Dank! Ich vereinbare mit ihr am Donnerstag wieder zu kommen und wir machen einen Abflug. Wir treffen uns mit den anderen und sind gegen 13 Uhr im Büro der Einwanderungsbehörde. Der Wartebereich ist leer, eine halbe Stunde später werden wir bedient – Visum, okay no problemo, aber bitte alle erstmal das vierseitige Formular ausfüllen. Wir beantworten alle Fragen nach Hautfarbe, leiblichen Eltern, Grund unseres Besuchs in Panama, woher, wohin und tragen natürlich die unvermeidlichen Reisepassnumern ein! Haben sie Kopien von den Reisepässen und den Bootspapieren dabei? Nein, die sind uns mittlerweile ausgegangen! No problemo, we made a copy und das ausnahmsweise mal kostenlos. Nachdem alles ausgefüllt ist, stehe ich mit einem Stapel Papieren (Anträge, Kopien und Orginalen) vor der Beamtin. Sie nimmt mir die Dokumente ab und drückt mir das nächste Formular in die Hand???? Alle einreisenden Personen müssen mit Namen, Geburtstag und -ort sowie Passnummer eingetragen werden. Für was habe ich eigentlich eine Crewliste mit den gleichen Angaben abgegeben? Mittlerweile ist es 14:15 Uhr was eigentlich kein Problem ist, aber unser Bus fährt in einer Stunde von der Quatro Alto Mall ab und wir sind ein bisschen in Zeitdruck, weil ein Taxi von Colon zur Shelter Bay mit 50 US zu Buche schlägt! Wieder zücke ich den Kugelschreiben und fülle das Formular aus. Danach müssen wir noch biometrisch erfasst werden. Ich interveniere, wir wären erst im Mai in Panama gewesen und sowohl unsere Fotos als auch unsere Fingerabdrücke müssten im System abgespeichert sein. Jaja, kann schon sein, aber der Internetanschluss der Behörde ist kaputt und damit können unsere Angaben nicht überprüft werden!!!! Obwohl langsam ernsthafte Gewalt- und Mordphantasien in mir aufsteigen, kann ich mich beherrschen, setze ein nettes Gesicht auf und denke: Immer lächeln und winken!

038_Behördenmarathon (39)

Nach der biometrischen Erfassung, sehe ich durch die gläserne Trennscheibe, wie die benötigten Visa in unsere Reisepässe eingestempelt werden. Natürlich verschwenden die panamaischen Behörden ganze zwei Seiten unseres kostbaren, 32-seitigen Reisepasses, wir sind ja schließlich in Panama eingereist! Aber wir haben es geschafft – oder? Nein, eher nicht! Jetzt müssen wir erstmal zur Kasse und die Visagebühren blechen. Wir bezahlen insgesamt 315 US für die drei 3-Monatsvisa! Was für eine Abzocke! Elende Gurkentruppe! Danach bekommen wir unsere Pässe ausgehändigt und um kurz vor 15 Uhr verlassen wir die Einwanderungsbehörde, schnappen uns das nächste Taxi und erreichen glücklicherweise noch unseren Bus in die Marina. Nach einer beinahe zweistündigen Rückfahrt, laufen wir direkt ins Resturant ein, schließlich wollen Antje und ich noch unseren 14. Hochzeitstag feiern! Nach dem Essen ist aber Ende Gelände und wir sinken erschöpft in unsere Kojen. Was für ein Scheißtag, aber wir haben immerhin die Hälfte der benötigten Unterlagen bekommen. Am Mittwoch müssen sich erstmal alle von den Strapazen der letzen beiden Tage erholen ….

038_Behördenmarathon (39)

Donnerstag: Ich bin ja gespannt, ob heute alles klappt. Wir nehmen wie immer den Bus. Unser erstes Ziel ist aber nicht die Capitaneria sondern die Postzentrale in Colon. Wir haben uns aus Deutschland zwei Pakete schicken lassen und wollen zum Auftakt des Tages mal eine andere Behörde testen. Mit dem Taxi geht’s zur Post, die in einem eher dubiosen Viertel liegt, aber mittlerweile kann uns auch der Penner, der in einer Straßenpfütze nach Eßbarem sucht, nicht mehr erschrecken. Punkt neun Uhr betreten wir die völlig heruntergekommene Zentralpost Colon. Die Schalter sind durchnummeriert und wir beginnen bei Nummer 1! Dank Antje versteht die Beamtin unser Begehr, begutachtet unsere Pässe und beginnt in einem Stapel Zustellpapieren zu wühlen. Glücklicherweise können wir durch die Glasscheibe die Namen auf den Formularen erkennen. Ich entdecke das Zustellpapier für Felix Schulunterlagen – Treffer! Aber mein Paket mit der neuen Impellerpumpe fehlt irgendwie. Also alles nochmal von vorne. Bei der zweiten Durchsicht taucht mein Zustellschein aber doch noch auf – Glück gehabt. Danach geht es zum Schalter Nr. 2. Wir müssen für beide Pakete eine Lagerbegühr von 0,50 US bezahlen. Anschließend ist der Schalter gegenüber für uns zuständig. Wir übergeben Daniel unsere Lieferscheine, er geht ins Lager, die Pakete sind da, aber wir müssen nochmals 4 US Lagergebühr bezahlen. Neuer Zettel, wieder zur Kasse und zurück. Bisher lief es ja ausgsprochen gut, aber danach wird es richtig schwierig!

038_Behördenmarathon (39)

Das Paket mit den Schulunterlagen ist an Felix adressiert. Daniel erklärt mir daraufhin, dass nur Felix das Paket abholen darf, wegen der erforderlichen Unterschriften. Ich erkläre ihm daraufhin, das Felix mein Sohn ist, 13 Jahre alt und deshalb auf keinen Fall geschäftsfähig, weshalb ich als Erziehungsberechtiger das Schulmaterial entgegennehmen werde. Jaja, aber … und die Unterschrift? Grande problemo! Mucho complicado! Insgesamt sind drei Unterschriften auf vier verschiedenen Formularen notwendig! Da Felix nicht unterschreiben kann, muss jedesmal sein Name, die zugehörige Passnummer sowie mein Name, meine Passnummer und meine Unterschrift auf das entsprechende Schriftstück. Mittlerweile ist es beinahe 10 Uhr und Daniel schleppt endlich die beiden Pakete an. Uns trennt nur noch eine Glasscheibe von unserem Eigentum, aber jetzt ist erst noch der Zoll dran! Die zwei gelangweilten Beamten sitzen direkt nebenan. Wieder müssen Anträge und Formulare ausgefüllt werden! Danach müssen wir die Pakete öffnen und der Wert der Sendungen wird ermittelt. Postsendungen bis 100 US sind zollfrei, alles darüber wird besteuert. Die beiden Zollschriftstücke aus Deutschland weisen einen Gesamtwert der Sendungen von 168 Euro aus. Aber wie viel ist das in US Dollar? Natürlich gibt es kein Internet und deshalb kann der Wert in US Dollar nicht ermittelt werden. Einer der beiden beginnt trotzdem fieberhaft auf dem Handy zu rechnen und erklärt uns stolz, das insgesamt über 50 US Doller an Gebühren anfallen. NO, NO, NO! Jetzt reicht’s! Schluss mit lächeln und winken!

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Ich will wissen wie die Gebühren zustande kommen! Die Dame erklärt mir alles auf spanisch, ich antworte auf deutsch und bestehe darauf, dass 168 Euro = 142 US Dollar sind (Stimmt zwar nicht, aber egal!). Wir stehen uns High-Noon-mäßig mit gezückten Taschenrechnern bewaffnet gegenüber und tippen wie wild Zahlen ins Handy. Sie quatscht mich auf spanisch voll, ich sie auf deutsch …. Schließlich einigen wir uns auf 30 US Dollar. Ich habe Recht! SPIEL, SATZ UND SIEG AURIGA! Ein wahres Hochgefühl überkommt mich, wir haben erfolgreich Widerstand geleistet! Eine Quittung können wir natürlich nicht bekommen, weil es ja gerade mal wieder kein Internet gibt! Aber wenn wir wollen, können wir nächste Woche wiederkommen und die Quittung abholen – hahaha! Ich hätte natürlich auch darauf bestehen können, dass die beiden Sendungen unterschiedliche Empfänger haben, somit also an zwei verschiedene juristische Personen gehen und deshalb isoliert zu versteuern sind, aber dann hätten wir wahrscheinlich ein Zelt in der Post aufschlagen können. Um 10:45 Uhr verlassen wir die Post gemeinsam mit unseren Paketen. Während Antje zur Mall zurückfährt, um den 11 Uhr Bus in die Marina zu erwischen, schlendere ich Richtung Capitaneria Cristobal um das Crusing Permit abzuholen. Der Erfolg in der Post gibt mir deutlich Auftrieb!

038_Behördenmarathon (39)

Eine Viertelstunde später betrete ich mit breiter Brust die Capitaneria, mich kann jetzt nichts mehr aufhalten und ich verlasse dieses Büro nicht ohne mein bereits bezahltes Cruising Permit. Ines ist nirgends zu sehen – Scheiße! Eine offensichtlich motivierte und arbeitswillige Auszubildende (erkennbar am lindgrünen Hemd und der schwarzen Hose) möchte sich meiner annehmen, wird aber von ihrem Ausbilder sofort zurückgepfiffen! In der nächsten halbe Stunde spielt sich folgende Szene in der Capitaneria ab: Fünf absolute übergewichtige Beamte sitzen vor ihren Schreibtischen, es wird kein Wort gesprochen, keiner bewegt sich … es passiert einfach nichts! Irgendwie habe ich den Eindruck, alle, mich eingeschlossen, warten auf Ines, damit sie sich meines laufenden Verfahrens annimmt, aber sie erscheint nicht auf der Bühne! Die Anspannung im Büro kann man schon knistern hören und ist beinahe nicht mehr auszuhalten, als endlich eine Beamtin zum Telefon greift, in Panama City anruft und ich höre wie sie sagt: … Auriga … Permiso de Navegacion para actividad de placer ….!!?? Alles klar, seit Dienstag hat sich also nichts getan! Ich starre die Beamtin, die wie Ines mit meinem Vorgang vertraut ist, einfach solange an, bis sie zu mir kommt und mir mittelt: Un momento! El permiso de navegacion esta listo in algunos minutos. (Das Permit ist gleich fertig!). Immer lächeln und winken!

038_Behördenmarathon (39)

45 Minuten später, ein Aufschrei, das Cruising Permit ist da! Sechs Ausdrucke, diverse Unterschriften und Stempel später bekomme ich das ersehnte Dokument feierlich überreicht. Alle sind glücklich und ich verabschiede mich lächelnd und winkend von den Beamten. Auf dem Flur treffe ich Ines. Everything okay? Daumen nach oben, ein lautes Lachen und die Capitaneria hat mich gesehen. Nach vier Tagen Behördenmarathon ist alles geschafft. Wir sind legal in Panama und dürfen ein Jahr lang die Gewässer Panamas benützen. In den nächsten beiden Tagen organisieren wir unsere Rückfahrt zu den San Blas Inseln. Am Sonntag geht´s wieder los …

038_Behördenmarathon (28)

Fair winds und bis bald,

eure Widerstandskämpfer von der Auriga

Alte Männer in Unterhosen

37_Männer (23)

Nach unserem ersten Sturm vor Anker verspüren wir keine Lust mehr, auf den Coco Bandero Cays zu bleiben und verabschieden uns frühzeitig am nächsten Morgen. Wahrscheinlich ein natürlicher Reflex! Der Ort war böse zu uns, also nix wie weg. Leider vergesse ich vor dem Aufbruch nochmal nach unserem Anker zu tauchen, um zu sehen wie tief er sich im Laufe der Nacht eingegraben hat – schlechte Seemannschaft, Herr Kapitän, aber alle wollen nur weg. Nächster Treffpunkt sind die Eastern Holandes Cays, die nur eine gute Stunde Motorfahrt entfernt sind. Die Holandes Cays sind ein ca. sieben Seemeilen großes Riff mit insgesamt 21 mehrheitlich unbewohnten Inseln. Kein Miniarchipel der San Blas Inseln ist weiter vom Festland entfernt. Deshalb soll das Wasser hier das ganze Jahr über besonders klar und sauber sein. Uns erwarten die typischen Aktivitäten: Schwimmen, Schnorcheln und Fischen. Erstes Ziel innerhalb der Holandes Cays ist der sogenannte „Swimming pool anchorage“ vor BBQ-Island. Allein die Namesgebung macht uns schon neugierig. Da die Ankerplätze im östlichen Teil der Inselgruppe leicht anzusteuern sind, sind sie bei vielen Wassersportfreunden sehr beliebt. Als wir ankommen, liegen natürlich schon drei Boote im Swimming Pool und wir suchen uns einen etwas entfernteren Liegeplatz. Wie versprochen. ist das Wasser hier beinahe glasklar. Wir werfen unseren Anker in sieben Metern Tiefe und können ihn beim Eingraben in den Sandboden beobachten. Obwohl von oben alles gut aussieht, tauchen Felix und ich ihn kurze Zeit später ab, aber der Eindruck von Deck hat uns nicht getäuscht – Alles tipptopp!

Da unser Ankerplatz nur 50 Meter neben einem kleinen Binnenriff liegt, machen wir sofort einen Schnorchelausflug und genießen das maritime Schauspiel entlang der Riffkante. Am Nachmittag bekommen wir vom hiesigen Chief der Kunas Besuch und bezahlen die obligaten 10 US für unseren Liegeplatz. Obwohl wir uns schon über drei Wochen in panamaischen Gewässern aufhalten, haben wir immer noch nicht offiziell einklariert. Dem Chief ist es offensichtlich egal und uns soll`s nur recht sein. Bei der Gelegenheit ordern wir auch gleich noch ein paar Langusten, schließlich sind wir schon drei Tage auf Entzug. Allerdings sind unsere Ansprüche mittlerweile gestiegen. Wir geben die Mindestgröße vor und verweigern die Abnahme von trächtigen weiblichen Tieren!

Am frühen Nachmittag lädt die SY Samantha zu indischem Curry, Kartenspielen und Sundowner ein. Nach der anstrengenden Sturmnacht sind allerdings nach Sonnenuntergang alle ziemlich schnell bettreif. Der nächste Tag kündigt sich mit einem spektakulären Morgenrot an. Die schwarze Silhouette BBQ-Islands schält sich langsam aus dem Nachthimmel und scheint kurz darauf im Feuer der aufgehenden Sonne zu verbrennen. Nicht dass ich auf so etwas stehen würde, aber es war echt geil! Uns steht ausnahmsweise mal ein schöner, sonniger Tag bevor. Allerdings steigen die Temperaturen dann auch sofort weit über 30° C. an, was mich zum Titel der Geschichte führt!

Während die Damen unserer Seglergemeinschaft und vor allem Felix noch die Contenance wahren, sind Birger und ich zur Fellreduktion übergegangen. Auf dem Boot wird konsequent Unterhose, im Wasser Badehose getragen! Alles andere wird nur unnötig vollgeschwitzt und Punkt! Aus Wikipedia: Der Vorläufer der heutigen Unterhose ist die mittelalterliche Brouche, eine Art sehr weite, lange Unterhose, an deren Gürtel die Beinlinge angenestelt waren. Im Laufe der Zeit wurden die Beinlinge länger und entwickelten sich zur enganliegenden Hose, zeitweise mit Schamkapsel, die weite und lange Brouche wurde dabei enger und kürzer. Caterina de’ Medici (1519–1589) gilt als eine der ersten Frauen, die die italienische Mode des Tragens von Unterhosen an den französischen Hof brachte. Frauen trugen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts generell keine Unterhose; – sehr vernünftig! Hier könnte es jedoch Überlieferungslücken geben! Etwa 1805 gab es die ersten „Beinkleider“ für Damen, die bis unters Knie oder bis an die Knöchel reichten und weit geschnitten waren. Sie waren aus Leinen oder Baumwolle und im Schritt offen (in Süddeutschland auch Stehbrunzhose genannt). Im 20. Jahrhundert war (bis in die 1980er Jahre) die Entwicklung der Unterhose von einem Trend zu immer knapperen Modellen gekennzeichnet, sowohl in der Herren- als auch in der Damenunterbekleidung. Slips beherrschten das Geschehen. Immer knappere Kreationen brachten Minislips, Rio-Slips, Tangas, String-Tangas etc. hervor. Seit den 1980er Jahren begannen dann auch wieder Unterhosen mit mehr Stoff-Fülle aufzutauchen: Boxershorts, Bodies, Retropants etc.

37_Männer (4)

Wahrscheinlich sind wir für die Kunas manchmal ein sehr seltsamer, vielleicht sogar erschreckender Anblick, aber es ist schön luftig und der Tragekomfort rechtfertigt die Maßnahme. Außerdem verhindert eine gut anliegende Unterhose die Verletzungsgefahr auf einem Segelschiff ganz erheblich. Man kann nirgends hängenbleiben, verheddert sich nicht in den Leinen, Baumwolle färbt nicht auf dem Deck ab usw…! Und die wechselnden Modelle sorgen immer wieder für Heiterkeit! Ich für meinen Teil genieße die neue Unterhosenfreiheit auf alle Fälle in vollen Zügen. Fotos und andere Peinlichkeiten werden unseren Lesern aus Pietätsgründen natürlich vorenthalten. Schließlich kann schon Felix den Anblick seines Vaters in Unterhosen nur schwer ertragen, aber da muss das Pubertier halt einfach durch …!

Am Tag darauf werden die bestellten Langusten wie versprochen angeliefert und artgerecht am Abend zubereitet und verspeist (Bandnudeln mit Lagustensoße). Tagsüber machen wir Schnorchelausflüge und erkunden die umliegenden Inseln. Nach der müllfreien Atmosphäre der Coco Banderos, sind hier die Inseln mit Ausnahme von BBQ-Island wieder mit Unrat übersät! Wenigstens sind die Riffe noch halbwegs intakt. Im Laufe des Tages bekommen wir von Venancio, einem „Master Mola Maker“ Besuch. Im Kanu präsentiert er unterschiedliche Molas. Neben typischen geometrischen Mustern, zeigt er uns auch eher auf den modernen Touristen zugeschnittene Exemplare. Nach einer mindestens halbstündigen Präsentation gehen drei Molas in unseren Besitz über – ein wirklich schönes Andenken an die San Blas Inseln. Nachmittags wird die weitere Reiseroute besprochen. Da wir uns nun doch schon einige Wochen illegal in Panama aufhalten, würde ich gerne nach Porvenir segeln, um doch endlich die offziellen Formalitäten zu erledigen. Wir beschließen am nächsten Tag nach Porvenir aufzubrechen, uns bestmöglich zu verproviantieren und anschließend in die Central Holandes Cays zurückzukehren.

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen geht es nach einem gemütlichen Frühstück los. Wir legen die 20 Seemeilen in knapp vier Stunden zurück. Der Anker fällt direkt vor der Start- und Landebahn ins türkisfarbene Wasser. Wir werden sofort von mehreren Kuna-Kanus umringt und bekommen allerhand Waren angeboten. Ich lehne mehrfach ab, aber die drei angebotenen Monsterlangusten können wir unmöglich in einen panamesischen Kochtopf wandern lassen. Allerdings sind die Krustentieren so groß und agil, dass sie unmöglich in unseren Schnellkochtopf passen. Ich will euch Einzelheiten der anschließenden Hinrichtung ersparen, aber es war ein echtes Gemetzel und ich hatte bestimmt eine halbe Stunde lang ein schlechtes Gewissen – arme Kreaturen! Am Nachmittag besuchen wir mit unserem Guide die Einwanderungsbehörde. Die sieht sich allerdings außerstande uns die benötigten Einreisestempel zu geben. Wir erfahren, dass wir für die obligate Einreiseprozedur nach Colon müssen – Okay, dann geht es morgen eben weiter …

Fair winds und bis bald,

eure Unterhosenmodels von der Auriga

Langustendöner

„Die Entdeckung eines neuen Gerichtes ist bedeutender für das Glück der Menschheit als die Entdeckung eines neuen Sterns“ Aus Physiologie du Gout von A. Brillant-Savarin.

Seit wir Sabuduporedup angelaufen haben befinden wir uns in den Eastern Naguargandup Cays. Zu diesem Miniarchipel gehören mehrere Inseln, ein zerklüftetes Riff und ein Krokodil. Obwohl es zwischen Sabuduporedup und unserem nächsten Ziel – Waisaladup – Luftlinie nur ca. 2 Seemeilen sind, benötigen wir 1,5 Stunden bis wir unseren neuen Ankerplatz erreichen, da wir das gesamte Riff umfahren müssen. Nach einer ereignislosen Fahrt lassen wir unseren Anker, wie langweilig, wieder mal ins klare, blaue Wasser fallen. Allerdings sind wir nicht alleine, die Miniinsel (acht Palmen) wird von zwei Ausflugsbooten belagert. Ungefähr 25 Backpacker verstopfen den Strand – also sowas! Allerdings haben wir zunächst andere Sorgen. Unser Anker hat sich zwar sofort eingegraben, aber die 45 Meter lange Ankerkette hat sich um ungefähr ein Dutzend Korallen herumgewickelt. Im zehn Meter tiefen Wasser tauchen Felix und ich, also mehr Felix als ich, mehrmals an unserer Kette entlang und entwirren diese wieder. Nach einer Stunde ist alles geschafft und wir können die Fototapetenatmosphäre vor Waisaladup genießen. Als am frühen Nachmittag die Ausflugsboote abdampfen, entern wir das Inselchen. Unter den Palmen befindet sich eine kleine Hütte, die geradezu prädestiniert ist für ein abendliches BBQ.

Wir verabreden uns für den nächsten Abend und laden auch das in der Nähe ankernde amerikanische Pärchen der SY Blessed ein. Am nächsten Vormittag kommt, wie auf Bestellung, ein Kunakanu vorbei und hat einen ansehnlichen Haufen Langusten im Boot versteckt – das muss Vorsehung sein! Wir erstehen sechs stattliche Exemplare, verbringen den Tag mit Schule, Schwimmen, Schnorcheln und freuen uns auf den Abend. Vor Sonnenuntergang treffen wir uns in der offenen Hütte und bereiten das BBQ vor. Alex hat Fladenbrotteig vorbereitet und bald breitet sich der verlockende Duft frischen Brotes auf der Insel aus. Als ich mir die mitgebrachten Speisen so ansehe, habe ich plötzlich eine kulinarische Vision, sehe es ganz deutlich vor mir! Langusten + Knoblauchbutter + Fladenbrot = Langustendöner! Wie soll ich´s beschreiben, es war einfach unglaublich lecker und ein neues Rezept ward geboren. Wer Lust hat kann es ja mal ausprobieren.

Der Langustendöner ist ein einfach zuzubereitendes, leicht verdauliches, schmackhaftes Gericht und so nahrhaft wie zwei Dosen Bier. Er enthält die wichtigsten Vitamine, Mineralien und Spurenelemente und ist kalorientechnisch praktisch vernachlässigbar.

Knoblauchbutter
125 Gramm Butter
4-5 Knoblaubzehen, zerstampft
2 Löffel Petersillie kleingehakt
Salz und Pfeffer

Butter mit der Gabel zerdrücken und langsam Knoblauch und Petersilie untermischen, mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Langusten
1 mittelgroßer Langustenschwanz, pro Portion
½ Zitrone

Fangfrische Langusten für ca. 90 Sekunden im kochenden Wasser töten. Langustenschwanz auslösen und in der Mitte teilen. Darm entfernen und mit kaltem Wasser abspülen. Abtropfen lassen. In der Schale für ca. 3 Minuten auf den Grill. Schalen entfernen und mit Zitronensaft betreufeln

Fladenbrot
5 Tassen Mehl
5 TL Trockenhefe
1 TL Zucker
ca. 2 Tassen Wasser
5 TL Olivenöl
Salz, Pfeffer, Kräuter der Provence

Das frisch gebackene oder gegrillte Fladenbrot mittig einschneiden, beide Schnittflächen mit Knoblauchbutter bestreichen, das Brotinnere mit den gegrillten Langusten auffüllen und reinbeißen – mhhh! Als Begleitet bietet sich ein klassischer trockener Weißwein (Riesling vom Mittelrhein, Chablis ect.), ein Glas Champagner und ein kitschiger Sonnenuntergang oder die liebe Frau an. Kann das Leben schöner sein?

Langustendöner (34)

Lange nach Sonnenuntergang verlassen wir nach einem netten Abend die Insel und lassen uns vom leichten Wellengang in den Schlaf schaukeln. Nach drei herrlichen Tagen wollen wir die Eastern Naguargandup Cays wieder verlassen. Da wir in der Nacht umlaufende Winde hatten und sich unser Schiff ein oder zweimal um die eigene Achse gedreht hat, prüfe ich vor dem Ablegen die Ankerkette nochmal. Aha – wir hängen wieder an drei Korallenköpfen fest. Ich beauftrage unseren Taucher, er möge sich des Problems annehmen. Eine halbe Stunde lang taucht Felix am Meeresgrund herum, dann sind wir wieder frei und es heißt kurz darauf: Anker auf! Jaja, unsere Routine, was das Ankern betriff, wird langsam besser.

Nächstes Ziel sind die nur einen Steinwurf entfernten Coco Bandero Cays. Die Inselgruppe wird von einem vier Seemeilen langen Außenriff gegen das offene Meer geschützt und zählt zu den schönsten Plätzen auf den San Blas Inseln. Wir ankern in der Mitte zwischen vier Inseln und drei kleineren Riffen. Direkt gegenüber unserem Liegeplatz, auf der Insel Tiadup, befindet sich ein Hotel und ein Restaurant. Täglich macht eine kleine Gruppe Backpacker auf dem Seeweg nach Kolumbien hier Halt, um zu übernachten. Selbstverständlich müssen Hotel und Restaurant am Nachmittag inspiziert werden, wir sind ja schon wochenlang nicht mehr ausgegangen. Wer sich jetzt allerdings einen modernen Hotelkomplex westeuropäischer Art mit Annehmlichkeiten jeder Art vorstellt, liegt völlig falsch! Das Hotel besteht aus zwei traditionellen Kunahütten mit jeweils zehn Hängematten im Inneren. Das Restaurant ist nicht zu identifizieren. Auf unsere Nachfrage ist ein Abendessen allerdings kein Problem und wir sollen um 19 Uhr einfach wiederkommen – Okay, dann bleibt die Küche heute kalt. Den restlichen Tag verbringen wir mit Schnorcheln und Inselerkundungen. Am späten Nachmittag gesellt sich noch ein ehemaliger neuseeländischer Fischkutter unter deutscher Flagge zu uns. Die 38 m lange „Stahlratte“, das Boot heißt wirklich so, ankert direkt vor uns und geht ganz schön auf Tuchfühlung mit unserer winzigen Auriga. Felix ergreift die Initiative und stattet unseren neuen Nachbarn einen Besuch ab. Die 25 deutschen Gäste machen eine neuntägigie Rundreise durch das San Blas Archipel. Dass wir schon über zwei Jahre unterwegs sind und mit dem kleinen Boot den Atlantik überquert haben, beeindruckt seine Gesprächspartner ganz offensichtlich.

Pünktlich um 19 Uhr landen wir auf Tiadup an, werden wie immer äußerst freundlich von den Kunas begrüßt und zu unserem Tisch am Meer geleitet. Das Essen, gegrillter Fisch mit Reis und Salat, steht schon auf dem Tisch und wir brauchen uns nicht mit langen Bestellungen herumzuschlagen. Die Fische schmecken köstlich und wir genießen den Abend. Die Tage auf den Coco Bandero Cays vergehen wie im Flug. Leider haben wir Pech mit dem Wetter. Der Himmel ist fast ständig bewölkt, es nieselt jeden Tag mehrere Stunden, dafür sind die Temeraturen mit 27°C verhältnismäßig kühl und wer sich aufwärmen will, springt einfach ins Wasser! Durch die wenigen Sonnenstunden am Tag, leiden wir ein wenig unter Strommangel und so sind wir gezwungen, alle zwei bis drei Tage den Motor für zwei Stunden laufen zu lassen, um unsere Stromversorgung zu gewährleisten. Am Donnerstag wollten wir eigentlich zu den Holandes Cays aufbrechen. Da der Wetterbericht jedoch für den ganzen Tag und die Nacht 20 bis 25 Knoten Wind ansagt, beschließen wir noch eine Nacht zu bleiben, weil umankern bei Windstärke 5 einfach keinen Spaß macht.

Offshore Waters Forecast for the SW and Tropical N Atlantic and Caribbean Sea
NWS National Hurricane Center Miami, FL, 1127 AM EDT Wed Oct 4 2017
SW Caribbean S of 11N including Approaches to Panama Canal-1127 AM EDT Wed Oct 4 2017

THU…S to SW winds 20 to 25 kt. Seas 3 to 5 ft. Scattered
showers and isolated thunderstorms.
THU NIGHT…S winds 15 to 20 kt. Seas 3 to 5 ft.

Am frühen Nachmittag sehen wir die ersten dunklen Wolken über die küstennahen Berge des Festlandes in unsere Richtung ziehen. Der Wind nimmt zunächst wie angesagt auf moderate 20 Knoten zu. Obwohl ich noch versuche, die unheilvollen Wolkenberge wegzustarren, lässt sich der anschließende zwölfstündige Sturm nicht aufhalten. Der Himmel verdunkelt sich immer mehr und die ersten Böen mit mehr als 25 Knoten rollen auf uns zu. Das ist allerdings erst der Auftakt. Nach und nach nimmt der Wind zu. Erst 25, dann 30, dann 32 Knoten! Noch haben wir nur Windstärke 8. Der Nieselregen fliegt mittlerweile waagerecht durch die Luft, der Wind pfeift in ohrenbetäubender Lautstärke durch die Wanten. Wir schwojen wie verrückt hin und her. Meine größte Sorge ist allerdings, ob unser Anker hält. Ich mache mich zum Bug auf und kontrolliere das Ankergeschirr. Die Kette steht straff gespannt in ziemlich spitzem Winkel aus dem Wasser, aber noch hält alles! In Windeseile klaren wir unsere Auriga auf und bereiten uns auf den Notfall vor. Unser Liegeplatz schützt uns zwar vor größeren Wellen, aber weder die umgebenden Inseln noch die drei Unterwasserriffe sind mehr als 100 Meter entfernt. Wenn der Anker ausbricht und zu slippen anfängt, werden wir bei S-/SW-Wind mit aller Kraft auf eines der Unterwasserriffe gedrückt und dann müssen wir sehen, dass wir hier einen schnellen Abflug machen. Wie gebannt starre ich auf unsere Instrumente. Die ständig wechselnden Anzeigen von Windmesser, Tiefenmesser und Schiffsposition sind spannender als jeder Krimi.

Langustendöner (40)

Der Sturm dauert jetzt schon über zwei Stunden und keine Besserung ist in Sicht. Bei 33 Knoten Wind mischt sich plötzlich ein völlig neues Geräusch in den uns umgebenden Lärm. Unser Windgenerator vibriert besorgniserregend auf dem Geräteständer und gibt bisher unbekannte hochfrequente Töne von sich. Wir kontrollieren den Regler, aber der Generator erzeugt keinen Strom mehr. Alle müssen unter Deck, weil ich die ernsthafte Befürchtung habe, dass er gleich explodiert und die drei Rotorblätter wie Geschosse durchs Cockpit fliegen. Nach fünf Minuten ist das Spektakel vorbei. Offensichtlich hat der Windgenerator zuviel Strom erzeugt und sich deshalb selbstständig ausgekoppelt. Puh – wieder eine neue Erfahrung gemacht! Dafür produzieren wir jetzt teilweise über 18 Ah Strom. Nach vier Stunden Starkwind gewöhnen wir uns langsam an die Umstände. Trotzdem lasse ich die Instrumentenanzeigen keine Sekunde aus den Augen. Die Windstärke pendelt mittlerweile nur noch zwischen 20 und 28 Knoten. Glücklichweise haben wir durch die umgebenden Inseln und Riffe nur eine maximale Wellenhöhe von knapp einem Meter und schwanken und rollen nur wenig hin und her. Als die Böenspitzen auf 25 Knoten zurückgehen, keimt bei mir die Hoffnung, dass das Schlimmste vorbei sein könnte.

Langustendöner (37)

Tja, klassischer Fall von zu früh gefreut! Der schöne Gedanke hat meine letzten Hirnwindungen noch nicht verlassen, da kränkt unsere Auriga 30° nach Backbord. Die Kaffeemaschine fliegt aus der Pantry und ein Liter Kaffee samt Kaffeesatz verteilt sich auf dem Boden. Sehe ich da den Grim im Kaffeesatz? Der Windmesser schlägt Alarm! Piep, Piep – 35 Knoten, 37 Knoteg, 38 Knoten! Wir beginnen nach hinten zu treiben, die Wassertiefe nimmt überraschend schnell von 9 auf 7 Meter ab. NEIN, NEIN, NEIN! Nicht jetzt, du bleibst schön im Sand stecken mein lieber Anker und bewegst dich keinen Zentimeter – verstanden! Ich stecke den Kopf über die Sprayhood, dabei fliegt mir fast die Sonnenbräune aus dem Gesicht, um einen Blick auf die Ankerketter zu werfen. Keine Vibrationen, sieht immer noch alles gut aus. Trotzdem starte ich den Motor und nehme Fahrt auf, um das Ankergeschirr zu entlasten. Die nächste Böe kommt mit 42 Knoten (Windstärke 9, ca 80 Km/h Windgeschwindigkeit, die Palmen biegen sich jetzt ziemlich beeindruckend) angerauscht, wir legen uns wieder auf die Seite, aber unsere Position ist unverändert, der Anker hält wie ein Fels in der Brandung! Ich denke ernsthaft darüber nach, unserem Anker einen Antrag zu machen. Wir könnten zusammen im Wasser rumhängen, Fische beobachten … Mit Beginn der Abenddämmerung werden die Verhältnisse langsam besser, dafür die Sicht und damit die Orientierung schlechter. Ich sitze jetzt fast sechs Stunden ununterbrochen im Cockpit und stelle mich auf eine lange Nacht ein. Unsere erste Ankerwache steht an.

Langustendöner (5)

Mittlerweile hat der Wind auf lächerliche 4 Knoten nachgelassen. In meinen Augen der richtige Zeitpunkt um die noch die verbliebenen 15 Meter Ankerkette auf dem Meeresboden zu versenken. Wir haben jetzt insgesamt 60 Meter Kette draußen! Hoffentlich ist das nicht die berüchtige Ruhe vor dem Sturm. Bis 02 Uhr in der Nacht wechseln sich Antje und ich bei der Ankerwache ab. Wir haben diesmal jedoch das Glück auf unserer Seite, bis auf ein paar Böen mit 30 Knoten passiert in dieser Nacht nicht mehr viel und wir sind wieder um eine Ankererfahrung reicher. Andererseits wissen wir jetzt aber auch, was unser immer wieder belächelter alter Bügelanker alles aushalten kann! Vielleicht haben wir auch nur Glück gehabt …

Fair winds und bis bald,

eure Glückspilze von der Auriga

Paradise is lost?

Paradise (60)

Von Niadup geht es Richtung Westen weiter. Unser nächster Stop ist die Isla Puyadas. Hier soll sich ein schöner Ankerplatz und ein gutes Schnorchelrevier befinden. Die vier Seemeilen zur Insel sind schnell zurückgelegt und bereits zwei Stunden nach unserer Abfahrt fällt der Anker wieder ins klare Wasser. Zusammen mit der SY Samnatha liegen wir vor einem großen Unterwasserriff inklusive Lagune, die von zwei kleineren Inseln eingerahmt wird. Nachdem unsere Auriga aufgeklart ist, springe ich wie immer ins Wasser und kontrolliere den Sitz unseres Ankers. Alles sieht gut aus und so geht’s schnorchelnder Weise gleich weiter zum nahegelegenen Riff. Die Unterwasserwelt ist weitgehend intakt, aber richtig viele Fische bekomme ich nicht zu sehen. Ich beschließe mit Felix die Lagune zu erkunden. Wir satteln das Dinghi und schippern zum Riff. In einem worldcupreifen Slalomkurs schlängeln wir uns zwischen den oberflächennahen Korallenköpfen durchs Wasser. Ich navigiere, Felix sitzt am Außenborder und steuert. Trotz einiger Kommunikationsprobleme erreichen wir die Lagune ohne einen Zusammenstoß, auch wenn Felix bei der ganzen Aktion nicht sehr wohl ist, schließlich könnte sein geliebtes Dinghi bzw. unser Chinese einen Schaden davon tragen. Innerhalb der Lagune ist das Wasser türkisfarben, aber noch wärmer als am Riff. Ich schnorchle durch einen riesigen Schwarm kleiner Fische und entdecke einen großen Stachelrochen am Meeresboden.

Natürlich legen wir an einer der beiden Inselchen an und vertreten uns ein wenig die Füße im weißen Sand. So paradiesisch schön die vielen Inseln aus der Ferne auch sind, aus der Nähe betrachtet zeigt sich leider immer das gleiche Bild – Müll, Müll, Müll. Der weiße Sandstrand ist von Zivilisationsunrat übersät, das ufernahe Unterholz eine einzige Müllhalde. Kunststoffflaschen, Plastikschuhe, Getränkedosen, Kosmetikartikel und Verpackungen jeder Art werden vom Meer angespült und lagern sich zwischen der bodenbedeckenden Vegetation ab. Natürlich haben wir auf unserer Reise immer wieder dreckige Strände und Uferzonen gesehen, aber hier ist das ganze Ausmaß der Meeresverschmutzung schlicht und ergreifend offensichtlich! Der Anblick ist nicht nur schockierend sondern auch deprimierend und macht einen doch nachdenklich. Das Paradies der San Blas Inseln versinkt im Müll!

Einige Meter entfernt sehen wir einen der Inselbewohner bei der Sichtung des Strandgutes, er ignoriert uns und flüchtet ins nahe Gebüsch. Fast alle der über 360 San Blas Inseln sind von Kunas bewohnt und werden bewirtschaftet. Vor allem Kokosnüsse spielen in der Ökonomie der Indianer eine große Rolle. Aus diesem Grund ist es auch verboten die hartschaligen Früchte einzusammeln, egal ob sie am Baum hängen, auf dem Boden liegen oder im Wasser treiben. „Every coconut has an owner“! Nach einer halben Stunde machen wir uns wieder auf den Rückweg. Diesmal versagt der Navigator allerdings und wir rammen doch noch einen Korallenkopf. Glücklicherweise bleibt unser Chinese unverletzt, aber Felix regt sich fürchterlich auf und ich werde dazu verdonnert die restliche Passage durchs Riff zu paddeln. Offensichtlich muss der Kapitän die Eyeball-Navigation noch üben!

Während Felix und die Mädels am Nachmittag die größere der beiden Inseln erkunden, machen sich Birger und ich zum Fischen auf. Wir tuckern zum Außenriff und probieren meine nach Kunavorbild selbstgebauten Köder (zwei Haken in einem Plastikstrohhalm) aus. Obwohl wir zur richtigen Zeit am Riff sind, wir mehrere Pelikane bei der Jagd beobachten können, will einfach kein Fisch beißen! Wahrscheinlich wissen die schmackhaften Meeresbewohner nicht, dass sie sich am späten Nachmittag am Außenriff einzufinden haben, um gefangen zu werden. Blödes Fischpack! Nach einer Stunde geben wir auf! Dann gibt es halt doch Toast Hawaii zum Abendessen. Am nächsten Morgen wollen wir uns zur Isla Tigre verlegen. Durch eine schmale Riffpassage erreichen wir den Ankerplatz vor der Insel. Die Platzverhältnisse sind allerdings ziemlich beengend und einige in der Karte nicht eingezeichnete Riffausläufer sowie die nahe Küste wenig vertrauenerweckend. Wir kreisen ein wenig unschlüssig herum und entscheiden uns weiter zu fahren. Einerseits erscheint uns der Ankerplatz zu unsicher und anderseits haben sich über uns mittlerweile ein paar mächtige, dunkle Gewitterwolken gebildet. Kaum haben wir das Riff in unserem Kielwasser, geht es auch schon los! Bei 23 Knoten Wind, unruhiger See und einsetzendem Regen flüchten wir Richtung offenes Meer, um das Unwetter in sicherem Abstand zu den gefährlichen Korallenbänken abzuwettern! Eine Stunde lang segeln wir ziellos vor dem Wind, bis das Wetter sich wieder beruhigt. Wir konferieren mit der SY Samantha und beschließen Nargana Town an der Mündung des Rio Diablo anzulaufen, da wir hier gut geschützt in einer weiten Bucht ankern können und dem Kapitän langsam die Zigaretten ausgehen!

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Bucht und liegen wie in Abrahams Schoß. Nargana Town erstreckt sich über zwei Inseln, Nargana und Corazon de Jesus, die durch eine Brücke miteinander verbunden sind. Laut unserem Törnführer (The Panama Cruising Guide von Eric Bauhaus) soll es hier ganz gute Versorgungsmöglichkeiten geben. Nach den Anstregungen des Tages hat allerdings keiner mehr Lust auf eine Besichtigung und die letzte Schachtel ist noch beinahe voll. Wir lassen uns lieber auf die Samantha zu Kaffee und Apfelpfannkuchen einladen! Während wir gerade das Abendprogramm planen – Kartenspielen oder Kartenspielen – bekommen wir Besuch von einem Kanu. Die beiden Kunas präsentieren uns drei wirklich fette, ausgesprochen appetitlich aussehende Langusten. Bei einem Gesamtpreis von 15 US, werden die Essenspläne sofort über Bord geschmissen und wir schlagen zu. Die anschließende Debatte über die Zubereitung (Nudeln mit Langustensoße, mit Koksbrösel panieren, mit Limonensaft gegrillt, Sushi etc …) wird hitzig, aber fair geführt und nach Abwägung aller Pros und Contras fällt die Entscheidung: Es gibt Langustenrisotto zum Abendessen! Wir verteilen die Aufgaben und ein paar Stunden später lassen wir uns das äußerst delikate Reisgericht mit Weißwein schmecken. Der leichte Weißweingeschmack des weichen Reis korrespondiert hervorragend mit den glasig gebratenen Langustenstückchen – ein wahres kulinarisches Gedicht. Weiter so Alex!

Am nächsten Tag wollen wir Nargana Town erkunden. Da unser Chinese mal wieder den Dienst verweigert (Four stroke engines always make trouble!), werden wir kurzerhand vom Tender der Samantha abgeschleppt und zum Dinghidock gebracht. Die Einheimischen staunen nicht schlecht über unseren seltsamen Dinghikonvoi. Als erstes stolpern wir natürlich über die unvermeidlichen Telefonzellen der Panama Cable and Wireless Company und hier gibt es sogar vier der unförmigen Kästen. Der sich danach direkt voraus befindliche Supermarkt/ Tante Emma Laden ist unser nächstes Ziel. Das Sortiment kann sich durchaus sehen lassen. Wir erstehen Coca Cola, Baked Beans with Pork und einige Früchte. Zigaretten gibt es leider nicht, aber ein paar Hütten weiter soll´s welche geben. Der Kapitän ergreift die Initiative und stürmt voraus. Einen Block weiter trage ich mein Begehr mit Händen und Füßen vor, werde in einen Hinterhof geleitet und erstehe drei Schachteln Mentholzigaretten – Pfui Spinne! Aber was soll´s, in der Not frisst der Teufel Fliegen – Hauptsache es qualmt! Deutlich entspannter kann die Besichtigungstour weitergehen. Am Ende der Straße lernen wir Frederico kennen. Er ist offizieller Kunaguide, betreibt eine Wäscherei, organisiert die Müllbeseitigung und kümmert sich um insgesamt 20 behinderte Kinder auf der Insel. Frederico erzählt uns ein bisschen von seinem Alltag, wir nehmen seine Dienste natürlich gerne in Anspruch und vereinbaren, am nächsten Tag unsere Wäsche vorbei zu bringen.

Nargana Town ist anders als Niadup eine modernere, eher unkonventionelle Kuna-Stadt. Die typischen Kunahütten sind mit Eternit- oder Wellblechdächern aufgemöbelt. Dazwischen finden sich immer wieder gemauerte Häuser und sogar einige Hostals. Ein unentwegt dröhnender Dieselgenerator sorgt für die Stromversorgung der Einwohner. Zwei Mobilfunktürme zieren die Südspitze der Insel. Jede zweite Hütte hat eine Satellitenschüssel und Internet gibt es selbstverständlich auch. Im Ort befindet sich ein Krankenhaus mit Landungssteg zur Krankenanlieferung via Wasserweg! Eine Grundschule und ein College dürfen natürlich auch nicht fehlen. Außerdem befindet sich einen Steinwurf entfernt auf der übernächsten Insel ein Flughafen oder besser gesagt ein Flughäfelchen! Nach zwei Stunden Sightseeing in brütender Hitze lassen wir uns wieder zu unserer Auriga zurückschleppen und wollen den restlichen Sonntagnachmittag mit gepflegtem Herumhängen abschließen. Daraus wird aber nichts! Zwei Stunden später ist in unserer Bucht Krokodilalarm. Birger informiert uns via Funk, dass zwischen unserem Liegeplatz und Nargana ein Krokodil im Wasser schwimmt. Mit unseren Ferngläsern bewaffnet stürmen wir an Deck und tatsächlich, eine große Panzerechse schlängelt sich gemütlich durchs Wasser. Allerdings haben nicht nur wir das Reptil entdeckt, sondern auch die vor Ort stationierten Soldaten. Die fackeln nicht lange und versuchen das Krokodil abzuknallen. Der erste Schuss geht daneben und das Krokodil flüchtet zu den nahegelegenen Mangrovenwäldern. Die Soldaten nehmen im Kanu die Verfolgung auf und stellen das Reptil vor den Mangroven zum zweiten Mal. Ein lauter Knall, Rauchschwaden hängen in der Luft und das Krokodil ward nicht mehr gesehen! Schade um die arme Kreatur!

Am nächsten Vormittag steht Frederico um 10 Uhr auf der Matte und holt Wäsche und Müll mit seinem Kanu ab. Birger und ich fahren später nochmal in den Ort um Diesel zu besorgen. An einem kleinen Steg werden wir fündig. Wir bestellen 50 Gallonen und kommen kurz darauf mit unseren Kanistern zurück. Der kostbare Kraftstoff wird durch ein altes T-Shirt gefiltert und in die Kanister abgefüllt. Allerdings ist das Umfüllen eine einzige Sauerei, respektive ein echtes Umweltdesaster. Zurück auf dem Schiff lasse ich die Kanister zum Ablüften erstmal auf dem Deck stehen. Weil heute Montag ist, beginnen wir nach zwei Monaten wieder mit dem Unterricht. Felix ist darüber allerdings nicht wirklich unglücklich, da ihm ohne Internet doch hin und wieder ziemlich langweilig ist.

Über Langeweile kann ich mich nicht beklagen, denn am Boot gibt es immer etwas zu tun. Die Hitze und die salzige Luft fordern eben ihren Tribut. Aktuell zickt die Ankerwinsch herum. Da ich auf ein Kontaktproblem tippe, baue ich den Schalter der Winsch auseinander und entdecke dabei mehrere lockere Drahtverbindungen. Das Bedienelement wird frisch verdrahtet und funktioniert prompt – hurra! Und weil es so schön war, ist am nächsten Tag der stotternde Chinese dran. Der kann allerdings nur an Bord repariert werden und dazu muss erst eine stabile Halterung innerhalb des Cockpits ersonnen werden. Die Lösung des Problems fällt mir über Nacht ein und so können Felix und ich am nächsten Morgen mit den Reparatur- und Wartungsarbeiten des Außenborders beginnen. Zuerst wird der Vergaser ausgebaut und alle vorhandenen Ventile gereinigt. Danach ist die Zündkerze dran und zum Schluss wechseln wir noch das Getriebeöl. Zwei Stunden später hängt der Motor wieder am Dinghi, springt prompt an und Felix kann die erste Probefahrt machen – Wieder ein Problem weniger. Beim nachmittäglichen Ausflug nach Nargana zickt er allerdings schon wieder herum! Ich denke das Problem sind Verunreinigungen im Sprit. Wir müssen in Colon unbedingt einen kleinen Kraftstofffilter besorgen.

Am nächsten Tag werden wir noch mit Frischwasser versorgt und unsere Wäsche wird angeliefert. Wir laden Ferderico auf eine Cola ein und er erzählt uns von seiner Sozialarbeit mit den behinderten Kindern. Selbstverständlich lassen wir uns zu einer Spende für sein Projekt überreden. Wir tragen uns in sein Spendenbuch ein und müssen damit rechnen, am Ende des Jahres namentlich im panamanesischen Fernsehen erwähnt zu werden – Schöne Geschichte! Danach heißt es Anker auf. Unser nächstes Ziel ist Sabuduporedup. Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir das Atoll. Die Ansteuerung ist kein Kinderspiel! Riff reiht sich an Riff, dazwischen immer wieder flache Sandbänke! Hier ist volle Konzentration gefragt. Die Passage zu unserem Ankerplatz treiben mir teilweise den Angstschweiß auf die Stirn. In diesen tückischen Gewässern ist die Navigation nach Sicht unerlässlich. Während ich im Bugkorb stehe und nach Untiefen oder großen Korallenblöcken Ausschau halte, steuert uns Antje mit Hilfe der Bauhauskarten souverän durch das Riff zu unserem Ankerplatz vor Sabuduporedup. Wir lassen den Anker fallen, aber diesmal will er sich nicht so richtig eingraben. Plötzlich ein harter Ruck und wir sind fest. Felix und ich hüpfen ins Wasser und kontrollieren den Anker. In zehn Meter Wassertiefe hat er sich zwischen zwei kleinen Korallenköpfen verkeilt – Mist! Felix taucht nach unten, bricht den Anker aus und steckt ihn in den Sand. Wir schwimmen zurück an Bord und fahren den Anker erneut ein. Ein kurzer Ruck und wir sind fest. Danach das gleiche Spiel, aber jetzt sieht alles gut aus.

Unser neuer Liegeplatz hat absolutes Postkartenniveau, Blauwasserfeeling pur! Türkisfarbenes Wasser, weißer Sandstrand, einzelne Palmen hängen über dem Meer, alles ist herrlich grün und im Hintergrund die bergige Küste Panamas – Wahnsinn! In den nächsten beiden Tagen machen wir mehrere Ausflüge auf die beiden Inseln. Im flachen Uferwasser umrunden wir die Inseln und machen an einem Strandabschnitt das erste Mal Bekanntschaft mit Sandfliegen. Für die kleinen, kaum sichtbaren Mistviecher sind wir eine willkommene Abwechslung im Speiseplan. Innerhalb weniger Minuten sind unsere Knöchel verstochen, da hilft nur die Flucht ins Wasser. Im klaren, flachen Wasser entdecken wir faszinierende Seesterne und Seeschnecken, die natürlich genauer untersucht werden wollen, aber anschließend wieder unbeschadet ins Wasser entlassen werden. Die Seeschnecke macht allerdings einen ziemlich pikierten Eindruck, als sie aus ihrem Haus kommt und uns sieht! Okay, sorry für die Störung.

Einziger Wermutstropfen in diesem Paradies ist mal wieder der allgegenwärtige Zivilisationsmüll. Wenn man das so sieht möchte man denken: Paradise is lost! Der Anblick regt auf alle Fälle zum Nachdenken an. Morgen geht’s weiter nach Waisaladup …

 

Fair winds und bis bald,

eure Inselhüpfer von der Auriga

San Blas – Von Aridup nach Niadup

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Nach unserer aufregenden Überfahrt brauchen wir erst einmal etwas Erholung, den alle sind ziemlich geschafft. Trotzdem kontrolliere ich im Laufe des Tages im warmen Meerwasser mehrfach unseren Anker, aber alles passt! Unser Liegeplatz im Windschatten von Aridup und hinter den beiden Unterwasserriffen bietet uns hervorragenden Schutz vor Wind und Welle. Meine Befürchtung, dass der Anker nicht halten könnte sind also völlig unbegründet. Jetzt wird erstmal richtig ausgeschlafen. 12 Stunden später können wir zu ersten Mal die Umgebung entspannt geniessen. Im ruhigen Wasser liegen wir vor dem satten Grün Aridups. Die baumhohen Palmen wiegen sich in der Meeresbrise, die See streicht sanft über die menschenleeren Sandstrände. Neidisch? Zurecht! A dream comes true – Langsam stellt sich bei mir Blauwasserfeeling ein! Zum Glück verhindert die Wolkendecke an diesem Morgen einen romantischen Sonnenaufgang, sonst wäre es nicht zum Aushalten. Ja, so habe ich mir die Karibik immer vorgestellt! Ruhig und naturbelassen. Und nun finden wir sie hier im äußersten Südwesten des Atlantiks, weitab von Kreuzfahrt- und Backpackertourismus. Hierher gibt es keine organisierten Ausflüge, Aridup kann man nur mit dem Boot erreichen. Wir mussten viele Entbehrungen, Stürme und andere Widrigkeiten in Kauf nehmen um hierher zu gelangen, aber es hat sich gelohnt.

Am Nachmittag kommt der Chief der hiesigen Kuna-Indianergemeinde vorbei und teilt uns mit, dass wir vier Tage bleiben können, aber danach ein Crusing-Permit für Panama benötigen – Okay, das ist ein faires Angebot, schließlich haben wir noch nirgends einklariert und befinden uns illegal in Panama. Die San Blas Inseln und die angrenzende Küste sind eine autonome Region innerhalb Panamas, die von den Kunas verwaltet wird. Die hier lebenden Indianer gehen noch weitgehend ihrer traditionellen Lebensweise nach, auch wenn fast überall Fernsehen und Internet verfügbar sind. Tagsüber können wir beobachten wie sie mit ihren selbstgebauten Einbaumkanus vom nahegelegenen Festland nach Aridup zum Fischen paddeln oder segeln. Man grüßt sich freundlich, lässt sich aber sonst in Frieden. Später bekommen wir aber doch noch Kunabesuch und erstehen eine herrliche Makrele für´s Abendessen. Birger und Felix bekommen den Auftrag den 3-4 kg Fisch auszunehmen und grillfertig vorzubereiten. Nach einer Stunde harter Arbeit ist alles erledigt und dem abendlichen BBQ auf der Samantha steht nichts mehr im Weg.

Vor allem die nur einen Steinwurf entfernten Unterwasserriffe sind die nächsten Tage unser Ziel. Im kristallklaren Wasser können wir beinahe zehn Meter in die Tiefe sehen – unglaublich! Die Unterwasserwelt ist nicht der Brüller, aber absolut okay. Die Korallen bilden eine bizarre Unterwasserkulisse. Riesige Hirnkorallen wechseln sich mit gewaltigen Fächerkorallen und anderen kalkbasierten Lebewesen ab. Vor der Flachwasserzone befindet sich ein kleiner Abhang und hier finden wir allerlei Meeresgetier. Papageinfische, Doktorfische und andere bilden ein buntes Kaleidoskop der maritimen Unterwasserwelt. Unter einer großen Hirnkoralle entdecken Felix und ich die ersten Langusten. Ich merke mir ihre Adresse und werde später nochmal mit den besten Absichten meine Aufwartung machen! Während Antje und ich regelmäßig die Riffe abschnorcheln, hat Felix das Apnoetauchen für sich entdeckt, endlich macht das Kind mal was Nützliches. Vor allem als mir am nächsten Tag beim Wechseln der Zinkanode am Propeller selbige entgleitet und auf dem Meeresgrund verschwindet, zahlt sich Felix neue Leidenschaft aus. Die zehn Meter zum Grund taucht er mittlerweile locker hinab und bringt die Zinkanode wieder an die Oberfläche zurück. Beim zweiten Versuch hilft er mir und die Anode befindet sich wieder an Ort und Stelle.

Am nächsten Tag ist es dann soweit! Obwohl wir es niemals für möglich gehalten haben, geschieht es und es trifft uns völlig unvorbereitet – wir haben bedeckten Himmel und die Sonne scheint den ganzen Tag nicht! Seit über 730 Tagen haben wir sie jeden Tag gesehen und nun versteckt sie sich hinter einer geschlossenen Wolkendecke, also so was, unzuverlässiges Miststück! Wat is hier mit Barfußroute? Trotzdem fällt die Außentemperatur nicht unter 28° C, im Boot haben wir ziemlich konstante 30°C, aber der beinahe permanente Seewind und unsere diversen Ventilatoren sorgen immer für eine frische Brise in unserem Zuhause, auch wenn ich unsere geliebte Klimaanlage sehr vermisse. Überhaupt ist das Wetter irgendwie kaputt und nach meinem Geschmack zu wechselhaft. Wahrscheinlich liegt es an der beginnenden Regenzeit. Fast jeden Tag regnet es entweder am Vor- oder am Nachmittag. Allerdings nutzen wir die kurzen Schauer für eine gepflegte Süßwasserdusche auf dem Vordeck. Im lauwarmen Regen macht die tägliche Körperpflege gleich doppelt so viel Spaß und eine erfrischende Abkühlung ist es obendrein. Abends können wir regeläßig intensives Wetterleuchten über dem Festland Panamas beobachten und hin und wieder zeigt sich sogar die Milchstraße in ihrer vollen Pracht. Zwischendurch ziehen immer wieder kleiner Gewitterfronten über uns hinweg. Aber selbst bei Wind bis 25 Knoten bleibt unser Anker standhaft und bewegt sich im sandigen Untergrund keinen Zentimeter. Die neuen Ankererfahrungen verstärken mein Vertrauen in die für uns bisher noch unbekannte Liegetechnik ganz erheblich und lassen mich nachts ruhig schlafen, obwohl wir unsere Position natürlich ständig via GPS mit einer speziellen Anker-App kontrollieren.

Insgesamt bleiben wir sechs Tag vor Aridup. Die neuen Solarpanels produzieren bei Sonnenschein über 20 Ampere pro Stunde. Zusammen mit dem alten Panel und dem Windgenerator kommen wir auf fast 200 Ah pro Tag. Damit ist unsere Stromversorgung hundert Prozent gesichert und wir brauchen uns keine Sorgen machen. Während wir auf den kleinen Antillen noch den Kühlschrank ausgeschaltet und unsere elektrischen Spielzeuge nur bei Motorbetrieb geladen haben, können wir jetzt nach Lust und Laune Strom verschwenden! Muss noch jemand was aufladen? Nein, Schade! Selbstredend sind unsere Tage natürlich nicht nur mit Baden, Schnorcheln und Rumhängen ausgelastet. Täglich müssen 30 Liter Wasser produziert werden um unseren Frischwasserbedarf zu decken. Nach seiner Konservierung nimmt die Wasserentsalzungsanlage ihren Dienst ohne Probleme auf und produziert in zwei Stunden, die gewünschte Wassermenge. 10 Liter Trinkwasser, 10 Liter Brauchwasser und 10 Liter für unsere Außendusche. Solange alles funktioniert, sind wir jetzt offiziell völlig autark! Wenn es jetzt noch mit dem Fischen klappt ….

Unsere nächste Station auf den San Blas Inseln ist die Devil Cave vor Niadup. Die 15 nm bis Niadup motoren wir gemütlich und kommen am frühen Nachmittag vor der Insel an. Anders als Aridup ist Niadup bewohnt. Die ganze Insel und das benachbarte Sindup sind übersät mit den typischen Palmblätter gedeckten Kunahütten und -häusern. Dementsprechend ist hier richtig was los. Als wir einlaufen, sehen wir ca. 10 Kunakanus beim Fischen in der Bucht, Wassertaxis geben sich am kleinen Pier die Klinke in die Hand. Am Nachmittag kommt ein Fischer vorbei und wir dürfen seinen Fang begutachten. Mehrere gut gebaute Langusten verstecken sch in seinem Kanu. Wir fackeln nicht lange und erstehen drei sehr ansehnliche Exemplare der wohlschmeckenden Krustentiere. Für 2,9 kg Langusten löhnen wir 30 US – aus mitteleuropäischer Sicht ein echtes Schnäppchen! Alex und Birger haben sich ebenfalls mit Langusten eingedeckt und wir verspeisen die Leckerbissen am Abend mit Kartoffelpüree, Muskatnuss aus Grenada darf hier natürlich nicht fehlen, und einem gemischten Salat. Die ganze Geschichte spülen wir mit einem trockenen chilenischen Weißwein runter – hmmmm! So kann man´s aushalten!

Am nächsten Nachmittag bekommen wir vom Sectretario der Insel Besuch. Wir bezahlen die 10 US Cruising-Permit für die San Blas Inseln und bekommen die Erlaubnis Niadup später zu besuchen. Das können wir uns natürlich nicht entgehen lassen, schließlich befinden wir uns noch in den touristisch eher unerschlossenen Teilen des Archipels! Als Felix uns und Birger später zum Pier chauffiert sind wird ziemlich gespannt was uns erwartet. Nach dem Anlegen werden wir von Viktorian herzlich in Empfang genommen und durch die Siedlung geführt. Antje fungiert mit ihren Spanischkenntnissen als Übersetzer, der Rest wird mit Händen und Füßen erledigt. Obwohl die Insel von unserem Ankerplatz aus sehr klein aussieht, wird sie von knapp 2000 Kunas bewohnt. Wie in einer deutschen Kleinstadt befindet sich Hütte an Hütte, dazwischen verschiedene Begegnungsstätten. Überall sehen wir Solarpanels. Der absolute Kracher sind aber zwei Telefonzellen der Panama Cable and Wireless Company – unglaublich! Gebt den Wilden eine Telefonzelle und sie sind keine Wilden mehr! Eine der beiden Telefonzellen funktioniert zu unserer Überraschung sogar. Allerdings werden sie nicht benützt, weil natürlich viele mittlerweile ein Handy nutzen.

Die Tour durch das Dorf ist trotzdem sehr interessant. Kleine Gemüsegärten, Bananenstauden, Brotfruchtbäume und Kokspalmen wechseln sich fröhlich ab. Wir können einen Kanuschnitzer bei seiner Arbeit beobachten. Die typischen Kunakanus, Kayaku genannt, werden aus einem einzigen Stamm tropischen Hartholzes geschnitzt. Sowohl die Sitzbänke als auch die Halterungen für den Mast werden aus einem Stück gefertigt! Ca. zwei Wochen dauert es, bis ein sechs Meter langes Kanu fertig ist. Der Erbauer fordert uns auf, ein Fotos zu machen und posiert stolz vor seinem unvollendetem Werk. Wir besuchen Viktorians Familie und Antje darf sich sogar im Haus umsehen. Auf der Straße spielen die Kinder Volleyball und die ganz kleinen Pimpfe können schon auf den Händen laufen, was sie uns immer wieder gerne demonstrieren. Natürlich gibt es auf der Insel auch eine katholische Kirche, allerdings besteht die Gemeinde glaubenstechnisch aus Katholiken, Methodisten und Mormonen – wer hätte das gedacht! Im Zentrum der Insel befindet sich der „Congresso“ oder Gemeindehaus. Hier treffen sich die Einwohner, wenn wichtige Entscheidungen anstehen oder Neuigkeiten vom Chief bekannt gegeben werden. Wir sehen viele ältere Frauen in den für die Kunaindianerinnen typischen Molas gekleidet. Das hohe Lebensalter der Einheimischen und das Fehlen von typischen Zivilisationskrankheiten hat die Kunas in der Vergangenheit zum Studienobjekt der modernen medizinischen Forschung gemacht. Wir erstehen noch 15 Brötchen und werden wieder zum Pier geleitet. Am Ende der Tour geben wir Viktorian noch ein Bier aus und verlassen die Insel mit vielen Eindrücken im Gepäck.

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Eine Stunde vor Dämmerungsbeginn machen Birger und ich noch einen Ausflug zum Festland. Wir können trocken in der brechenden Brandung anlanden und machen einen Spaziergang am Strand. Völlig unverhofft entdecken wir einen ins Meer mündenden Fluss. Süßwasser umspült unsere Füße! Es ist klar und vor allem deutlich kühler als das karibische Meer. Also nicht lange facklen und hinein. Die Abkühlung im Süßwasser ist fantastisch. Die erste Badewanne seit wir von den kanarischen Inseln aufgebrochen sind. Bevor die Dämmerung anbricht müssen wir allerdings zurück, weil die ersten Moskitos schon unterwegs sind. Als wir vom Strand ablegen können wir unzählige Schwalben über dem Strand entdecken – höchste Zeit zum Ablegen! Natürlich reiben wir den Zurückgeblieben die Freuden des Ausflugs sofort unter die Nase, aber es war wirklich ein sensationelles Badeerlebnis. Morgen geht es weiter zur Isla Puyadas, mal sehen was uns hier erwartet!

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Fair winds und bis bald,

eure Wilden von der Auriga

Im Auge des Sturms

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Am Mittwochmorgen geht es dann wirklich los. Laut Wettervorhersage sollte der Wind für mindestens 24 Stunden aus Nordost, also der richtigen Richtung kommen, so dass wir mehr als die Hälfte der 270 nm langen Strecke zu den San Blas Inseln angenehm segeln können. Bei angesagten 10 bis 15 Knoten Rückenwind und moderatem Wellengang freuen wir uns auf einen schönen Segeltag. Am Steg werden noch E-Mailadressen und gute Wünsche ausgetauscht, wir legen gemeinsam mit der SY Samantha ab und sind nach fünf Monaten wieder on the road! Sobald wir die Bucht von Santa Marta verlassen, stellt sich der angesagte Wind ein, wir setzen Segel und gleiten unserem ersten Etappenziel Barranquilla entgegen. Normalerweise starten wir ja bei mehrtägigen Überfahrten meistens am frühen Nachmittag, weil wir dann relativ schnell in die deutlich kühlere Nacht hineinsegeln können. Diesmal wollen wir das knapp 40 Seemeilen entfernte Barranquilla aber unbedingt bei Tageslicht passieren, da hier der aus den Zentralanden kommende Rio Magdalena in die karibische See einmündet und häufig größere Baumstämme oder andere Hindernisse (Kühlschränke! ect.) ins Meer entlässt.

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Als die große Industriestadt nach knapp sechs Stunden in Sicht ist, beginnt unsere Windfahnensteuerung ein Eigenleben zu entwickeln. Wir können nur noch mühsam den Kurs halten, müssen immer wieder korrigierend eingreifen – irgendetwas stimmt nicht! Ein Blick in unser Kielwasser und das Problem ist erkannt. Offensichtlich hat sich ein dickes Bündel Wasserhyazinthen in unserem Ruder verheddert und behindert das Pendelruder der Windfahnensteuerung bei seiner Arbeit. Mit dem Bootshaken versuche ich die fingerdicken Halme von unserem Ruderblatt zu lösen, aber das Gestrüpp ist widerspenstiger als erwartet – Also muss der Kapitän ins Wasser! Wir holen das Vorsegel ein, um unsere Fahrt zu reduzieren, mit einer dicken Rettungsleine gesichert hüpfe ich ins badewannenwarme Wasser und befreie unsere Steueranlage von seinem störenden Anhängsel. Die ganze Aktion dauert eine halbe Stunde, aber danach funktioniert unser Förthmann wieder völlig normal und die Reise kann weiter gehen. Kurz darauf können wir die dreckig, braune Brühe des Rio Magdalena vor uns erkennen. Wie mit dem Lineal gezogen, zeigt sich die Grenze zwischen Meer- und Flusswasser. Für die Durchquerung des Mündungsdeltas benötigen wir etwa eine Stunde bis wir wieder das herrlich blaue Wasser der karibischen See erreichen. Glücklicherweise mussten wir keinen Baumstämmen oder ähnlich gefährlichen Hindernissen ausweichen und segeln entspannt der ersten Nacht entgegen.

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Zwei Stunden später, es ist bereits stockdunkle Nacht, spinnt unsere Windfahnensteuerung schon wieder. Das gibt’s doch nicht! Ich kontrolliere das Heck – keine Hyazinthen zu sehen. Dafür baumelt eine der beiden Verbindungsleinen vom Förthmann zu unserer Pinne ziemlich lose herum. Ein Knoten hat sich beinahe gelöst – Okay, das ist ja mal ein überschaubares Problem und nach fünf Minuten hat alles wieder seine Ordnung. Während der Fahrt tauschen wir uns regelmäßig über Funk mit Alex und Birger aus. Bedingt durch unsere Probleme mit dem Förthmann sind die beiden schon ca. sechs Seemeilen vor uns. In der ersten Nacht haben wir auf der Auriga anders wie viele andere Crews keine festen Wachzeiten. Antje und ich wechseln uns nach Gusto und Fitness ab. Gegen 2 Uhr in der Nacht weckt mich Antje auf, weil die Windfahnensteuerung schon wieder nicht so richtig will! Geht´s eigentlich noch – drei Pannen an einem Tag, unglaublich. Ich kontrolliere wieder die komplette Anlage. Schon wieder das Pendelruder! Diesmal sind es aber keine Seepflanzen die stören, sondern das ganze Ruderblatt ist nach hinten gekippt. Wahrscheinlich ist ein Wal dagegen geschwommen, kennt man ja! Jetzt ist die ganze Crew gefordert. Wir holen die Segel ein, Antje steuert, Felix illuminiert die Szenerie im Cockpit mit der Taschenlampe und ich hieve das Ruder aus dem Wasser. Die Feststellschraube hat sich gelockert – Das war ja einfach. Ich bringe das Ruder in die richtige Position, zieh die Schraube an, alles fest! und lasse es wieder ins Wasser.

Da ich nun sowieso schon wach bin, übernehme ich gleich die Wache. Mit vier bis fünf Knoten geht es weiter Richtung San Blas Inseln, die Hälfte der Strecke ist beinahe geschafft. Obwohl wir Halbmond haben ist es bei bedecktem Himmel in der Nacht entsprechend dunkel. Landwärts kann ich immer wieder ein faszinierendes Wetterleuchten in der Nähe der Küste beobachten. Im Radar sind vor der Küste Cartagenas große Wassermengen in der Luft zu sehen. Ca. 30 km östlich von uns befindet sich eine Gewitterfront. Wir ändern unseren Kurs von SW auf WSW um den Abstand zu vergrößern und beobachten die Zugrichtung des Gewitters, da laut Wetterbericht „isolated thunderstorms“ zu erwarten sind. Um halb fünf ist Wachwechsel, die Bedingungen sind stabil, allerdings befindet sich das Gewitter nur noch 20 km östlich von uns. Sicherheitshalber reduzieren wir die Segelfläche und Antje übernimmt die Wache.

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Ich liege noch keine Stunde auf dem Ohr, da werde ich von Antje geweckt. Das tropische Unwetter hat seine Zugrichtung geändert und befindet sich jetzt unmittelbar vor uns. In der Morgendämmerung können wir riesige dunkle Wolken erkennen, Wetterleuchten über uns, in einiger Entfernung schlagen mehrere Blitze ins Wasser ein. Wir packen noch schnell das Satellitentelefon, Handys und Tablets in den Backofen und dann geht es auch schon los. Die ersten Böen kommen mit 20 Knoten angerollt, die Wellen werden höher und Regen setzt ein. Zum Umziehen ist keine Zeit mehr also setze ich mich mit T-Shirt, Unterhose und Rettungsweste ins Cockpit und bin standby bei unserem Förthmann. Wie gewöhnlich drehen wir durch die Böen in den Wind, ich korrigiere den Kurs ein bisschen und die Windsteueranlage macht den Rest. Wie geplant können wir die nächsten Böen vor dem Wind absegeln. Inzwischen hat auch Starkregen eingesetzt! Die lauwarmen Wassermassen prasseln schräg von hinten in unser Cockpit und sind eine willkommene Morgendusche. Nach ca. 30 Minuten ist alles vorbei, ich bis auf die Unterhose durchnässt und alles überstanden – glauben wir jedenfalls zunächst! Wind und Welle legen sich, es herrscht beinahe Flaute. Allerdings spielt unser Windmesser verrückt und dreht sich im Kreis – wir haben also umlaufende Winde. Beim Blick auf´s Radar sehen wir, dass sich unsere Auriga im Auge des Sturms befindet – irgendwie ein komisches Gefühl. Damit steht uns noch die Rückseite des Unwetters bevor!

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Nach 20 Minuten geht es wieder los. Der Wind hat um 180° gedreht, kommt jetzt direkt von vorne und diesmal geht es richtig zur Sache. Innerhalb von 90 Sekunden haben wir Windstärke 7-8! mit Spitzengeschwindigkeiten von über 35 Knoten (bei Wind über 35 Knoten geht unser Windalarm an!), drei Meter hohe brechende Wellen vor uns und waagerechtem Platzregen, Sicht fast Null. Bei diesen Bedingungen haben wir immer noch zu viel Tuch draußen und der Förthmann kann den Kurs nicht ändern. Die Segel knattern bedrohlich und wir drohen komplett in den Wind zu drehen. Somit tritt der Katastrophenfall ein: Der Kapitän greift selbst zum Ruder. Verdammt, ist der Druck aufs Ruder groß. Nur mit ganzer Kraft kann ich die Pinne halten, langsam bekomme ich den dicken Hintern unserer Auriga vor den Wind gedreht und kann sie vom erneuten Anluven abhalten. Mit einem lauten Knall fliegen die Umlenkrollen der Rollgenua aus der Verankerung. Ich zucke ganz schön zusammen! Boa eh, was für eine Scheiße und das alles vor dem ersten Kaffee! Wir legen uns ganz schön auf die Seite und surfen mit sieben Knoten wie die Weltmeister in die Wellentäler. Blitze über uns erleuchten den Himmel, ohrenbetäubende Donnerschläge und die brodelnde See machen diesen Hexenkessel aus. Mit „Thunderstroke“ von AC/DC im Hintergrund wäre die Szene absolut perfekt! Unsere Auriga ächzt, stöhnt und muss ganz schön kämpfen, aber wir lassen uns nicht unterkriegen! Glücklicherweise ist das Gröbste nach einer viertel Stunde vorbei und ich kann die Steuerarbeit wieder an den Förthmann übergeben, bin aber trotzdem ziemlich außer Atem und schon wieder durchnässt! Der Wind geht nach einer halben Stunde auf 20 Knoten zurück, der Regen lässt nach, die Schaumkronen auf den Wellen verschwinden und wir können wieder auf Kurs gehen. Damit haben wir erfolgreich unseren ersten tropischen Sturm abgewettert! Ganz schön hartes Programm für den ersten Segeltag nach fünf Monaten im Hafen, oder? Haben wir das verdient?

Fazit: Wir haben den Sturm ohne Schäden überstanden. Das Material (Rigg und Segel) wurde nicht überbeansprucht. Unter Deck blieb alles an seinem Platz, weder Mannschaft noch Ladung flogen durch die Gegend – Alles war gut verstaut. Wir haben das Unwetter frühzeitig auf dem Radar erkannt, waren zwar nicht richtig gekleidet aber dennoch vorbereitet. Allerdings werde ich das nächsten Mal, wenn wir uns wieder im Auge eines Sturms befinden, die Segel zur Sicherheit noch weiter reffen, man kann ja nie wissen!

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Im Radar löst sich das Unwetter bis auf zwei Gewitterzellen langsam auf. Wir erwischen noch etwas Regen und ein paar schwächere Böen, aber dann ist endgültig alles vorbei. Wir kontaktieren die Samantha, die ebenfalls schwer zu kämpfen hatte, aber auch hier ist alles gut gegangen. Allerdings hat der Wind inzwischen auf SW gedreht und bläst uns jetzt direkt auf die Nase. Wir versuchen ein, zwei Stunden am Wind zu segeln, kommen unserem Ziel aber keinen Schritt näher. Am frühen Nachmittag lässt der Wind etwas nach, wir schmeißen die Maschine an und motoren gegen Wind und Welle nach SW. Einige Stunden später ist der Wind fast ganz weg, das Meer beruhig sich und wir kommen mit knapp vier Knoten Richtung San Blas Inseln voran. In der Nacht können Antje und ich zum ersten Mal richtig tief schlafen. Bis auf einen fluoreszierenden Streifen in unserem Kielwasser ist nachts nicht viel zu sehen. Am nächsten Tag spiegelt sich das Morgenrot der aufgehenden Sonne in der fast spiegelglatten See. Nur ein laues Lüftchen weht und unsere Auriga zieht majestätisch ihre Spur durchs blaue Wasser, Schnitt und Abspann – im Kino könnte es nicht kitschiger sein, aber der Anblick entschädigt doch für die Strapazen des Vortages und ich habe ein gutes Gefühl.

Gegen Mittag bekommen wir unerwarteten Besuch – Delphine! Ein Schule mit ca. 10 Delphinen kommt zielstrebig von Osten auf uns zu. Im glasklaren Wasser spielen die Meeressäuger vor unserem Bug, tauchen unter dem Schiff hindurch, springen aus dem Wasser. Manche scheinen sich auf die Seite zu legen um uns zu beobachten. Sie sind so nahe, dass Felix vom Blas der Tiere getroffen wird, aber der Delphin-Rotz hinterlässt zum Glück keine Flecken auf seinem T-Shirt. Nach 20 Minuten haben die Meeressäuger genug, drehen ab und gehen wieder ihren Delphingeschäften nach. Das Schauspiel hat die ganze Familie begeistert und wir motoren mit gemütlichen drei Knoten unserem Ziel Aridup entgegen. Bei einem gepflegten Sundowner genießen wir am Abend noch den Sonnenuntergang und sind auf eine ruhige Nacht eingestellt.

Gegen Mitternacht zeigen sich in einer Entfernung von acht Seemeilen schon wieder Gewitterzellen voraus. Ich habe nicht schon wieder Bock auf Schwerwettersegeln und beschließe nach Nordwesten auszuweichen. Völlig gebannt beobachte ich die nächsten zwei Stunden das Radarbild. Nach einer Stunde ist es allerdings eindeutig – das Unwetter, mittlerweile eine einzige gewaltige Gewitterzelle – zieht nach Südwesten ab und wir sind dem ersten Sturm erfolgreich ausgewichen. Da wir zu schnell sind und nicht im Dunkeln auf den San Blas Inseln ankommen wollen, stoppen wir die Maschine und lassen uns für zwei Stunden treiben. Während sich über uns ein fantastischer Sternenhimmel zeigt, ist in der Ferne ein Wetterleuchten vom Feinsten zu beobachten. Zwei Stunden später hat sich das Gewitter aufgelöst, wir starten den Ferrymann und motoren in der beginnenden Dämmerung auf die Insel Aridup zu.

Im Morgengrauen zeichnen sich nach und nach die einzelnen kleinen, palmenbewachsenen Inseln des San Blas Archipels vor der bergigen Küste Panamas ab. Die Anfahrt ist nicht ganz einfach und nur mit speziellen Karten möglich, da es überall gefährliche Unterwasserriffe gibt. Antje und ich sind bei der Einfahrt in das Archipel voll konzentriert, dabei steht uns der kniffligste Teil noch bevor – seit unserer Abfahrt haben wir erst einmal geankert! Die Anfahrt zur Insel ist allerdings weit weniger problematisch als gedacht. Viel schwieriger ist die Auswahl des richtigen Ankerplatzes. Eigenlich wollten wir der SY Samantha ja den Vortritt lassen, aber die haben wir ja auf den letzten Seemeilen echt versägt – sorry Birger! Wir kreisen ein bisschen unentschlossen vor zwei Unterwasserriffen herum und entschließen uns schließlich in 7,5 Meter Wassertiefe den Anker fallen zu lassen. Alles klappt ganz gut, der Anker hält und wir geben reichlich Kette. Sobald alles festgemacht ist, springe ich ins Wasser und kontrolliere den Anker. Der hat sich perfekt eingegraben, ich bin zufrieden und wir sind endgültig auf den San Blas Inseln angekommen! Nach drei Stunden lässt die SY Samantha den Anker neben uns fallen und wir sind wieder komplett.

Fair winds und bis bald,

eure Seebären von der Auriga

Abschied von Santa Marta

Abschied Santa Marta (10)

Nachdem die Solarpanels installiert waren, geht es mit großen Schritten Richtung Ablegetermin. Da unser Visum für Kolumbien nur noch bis zum 05. September gilt, sind wir im Zugzwang. Die letzte Woche vor der Abfahrt gibt es noch einiges zu erledigen. Unsere Auriga musste nach beinahe fünf Monaten als Hausboot wieder zur Hochseejacht wiederbelebt werden. Außerdem will ähnlich viel Proviant wie für die Antlantiküberfahrt gebunkert werden, da die Versorgungsmöglichkeiten auf den San Blas Inseln eher bescheiden sind. Während Birger und ich die Boote aufklaren, sind die Mädels und Felix drei Tage lang beim Einkaufen und schleppen täglich in einer Gluthitze (die Sonne steht mittlerweile auf 8° nördlicher Breite, bevor sie am 21. September den Äquator erreicht) tonnenweise Lebensmittel an. Wie immer müssen wir vor dem Verstauen erst einmal unsere kleine Wohnung komplett umräumen. Fürs Blauwasserleben überflüssige Dinge wandern aus der Hundekajüte und den Stauräumen im Salon unter Felix Bett. Das Schnorchel- und Angelequipment zieht dafür in die Backskisten im Cockpit, Sicherheitsgurte und Rettungswesten kommen an ihre angestammten Plätze, die Ankerwinsch und unser Chinese müssen getestet werden und der Kapitän macht noch einen Ausflug in den Mast für eine Kontrolle des Riggs.

Abschied Santa Marta (11)

Selbstverständlich wird zur Vorbereitung unserer Abfahrt die gesamte Crew eingespannt. Nachdem wir reichlich Unordnung in Felixs Chaoskajüte verursacht haben, kann er den Saustall wieder reorganisieren! Außerdem darf er unsere Fender von allerlei martimen Getier befreien. Nach fünf Monaten hat sich am unteren Ende eines Fenders sogar ein kleiner Krebs häuslich eingerichtet. Wir sehen allerdings keine Mitfahrgelegenheit für das Krustentier und verweisen ihn des Bootes! Unglücklicherweise fällt mir ein paar Tage vor der Abfahrt auch noch meine geschliffene Sonnenbrille ins Hafenbecken. Während ein benachbarter Segler mit kompletter Taucherausrüstung meine Bitte nach Hilfe dankend ablehnt („In die Brühe springe ich nicht rein“), versucht Felix sein Glück. Völlig selbstverständlich taucht er im Hafenbecken. Aber ohne Licht im fünf Meter tiefen, trüben Wasser ist meine schöne Brille wohl doch verloren. Trotzdem vielen Dank für deine Hilfsbereitschaft Spucki, da kann sich der eine oder andere durchaus ein Scheibe abschneiden, aber das ist eine andere Geschichte.

Außerdem gilt es noch Gas zu besorgen. Zwei Tage vor der geplanten Abfahrt schnappen wir Männers uns die Gasflaschen und lassen uns mit dem Taxi zu Cartagas chauffieren. Als wir ankommen, stehen wir vor einem ziemlich versifften Gebäudekomplex mit riesiger Mauer und verschlossenen Türen. Trotz intensivem Gehuppe unseres Taxifahrers und Geklopfe unsererseits will sich einfach keiner blicken lassen. Allerdings erkennt unser Fahrer unser Problem sofort und erkundigt sich bei der Taxizentrale nach einer anderen Auffüllmöglichkeit. Nach einer fünfminütigen Debatte, gibt er uns mit Händen und Füßen zu verstehen, dass es noch eine andere Option gibt – okay. Wir fahren wieder ca. 20 Minuten durch unterschiedliche Vororte Santa Martas und erreichen schließlich Oximed. Der Name hört sich ja schon mal vielversprechend an. Wir treten ein und ich versuche mit meinem gebrochenen Spanisch („Tiene propano?“) unser Anliegen zu vermitteln. Die Antwort fällt natürlich gewohnt wortreich und für mich bis auf einige Brocken – propano no, butano si, conexión muy dificil, aha! – unverständlich aus. Glücklicherweise spricht Diana ein bisschen englisch und so erfahren wir, dass sie zwar Butangas haben aber keinen Adapter für unsere europäischen Gasflaschen. Typisch kolumbianische Hilfsbereitschaft greift sie zum Handy und nach mehreren Telefonaten erklärt sie uns, dass es in Cartagena eine Station gibt, die unsere Flaschen füllen könnte und wir unsere Gasbottels am nächsten Nachmittag bei ihr abholen können – super und vielen Dank. 16 Stunden später sind wir wieder vor Ort, aber keine Gasflaschen in Sicht, der Fahrer steckt im Stau! Unsere Enttäuschung hält sich allerdings in Grenzen und wir beschließen unsere Abfahrt einfach einen Tag zu verschieben. Am nächsten Morgen holen wir unser Gas ab und nach knapp fünf Tagen ist alles organisiert und wir bereit für den Abschied.

Abschied Santa Marta (1)

Ja, ja der Abschied fällt mir diesmal besonders schwer. Die letzten Tage vor der Abfahrt überkommt mich eine gewisse Schwermut hier in Santa Marta, in Kolumbien alles zum letzen Mal zu machen. Vor allem der Gedanke, dieses schöne Land in meinem Leben nicht mehr wieder zu sehen, bedrückte mich doch nicht unerheblich. Der letze Einkauf im Supermarkt um die Ecke, der letzte Restaurantbesuch hier und da, zum letzen Mal ins Viertel mit den Ferreterias oder durchs historische Zentrum schlendern – eigentlich total albern, aber ich habe mich in Kolumbien wirklich wohl gefühlt, beinahe schon begonnen Wurzeln zu schlagen und fühle mich bedrückter als sonst. Zu allem Überfluss wird kurz vor unserem Abschied die Seglergemeinde noch von einer Gruppe von drei Segelbooten erweitert, die wieder frischen Schwung in die Sundownerrunde bringen. Vor allem die Australier Chris und Elane von der SY Nemo sind einfach klasse. Mitte 2000 sind die beiden in einem selbstgebauten Offroader, der wie aus dem Film „Mad Max“ entsprungen aussieht, in sieben Jahren um die Welt gefahren und haben 142 Länder auf ihrer Reise besucht. Sie haben insgesamt 150.000 Kilometer zurückgelegt und ihre Geschichten sind einfach unglaublich – The story begins, when the chaos starts!

Abschied Santa Marta (5)

Am Mittwochmorgen ist es dann soweit. Wir wollen gemeinsam mit der SY Samantha um 08:30 Uhr ablegen. Überraschenderweise sind alle fit, wir legen pünktlich ab und verlassen Santa Marta und Kolumbien nach fünf Monaten Liegezeit mit schweren Herzen. Nächster Stopp ist Snug Habour auf den San Blas Inseln, ETA in zwei Tagen. Zunächst läuft alles soweit so gut. Dass unsere Impellerpumpe undicht ist, wußte ich schon vor der Abfahrt, aber nach ca. zwei Stunden sammelte sich doch eine größere Pfütze in unserer Bilge – Okay, dafür haben wir ja die Bilgepumpe. Gegen Wind und Strömung motoren wir mit 3,5 Knoten doch relativ mühsam an. Wir motoren allerdings eher untertourig, da die Samanta nicht so recht in Fahrt kommen will. Nach 90 Minuten werden wir von unseren Freunden angefunkt – es gibt Schwierigkeiten. Der Motor läuft unrund und der Steuerstand vibriert! Wir beraten uns und beschließen nach Santa Marta zurückzukehren. Da unsere Impellerpumpe doch mehr leckt als erwartet, fällt mir die Entscheidung zum Umdrehen nicht wirklich schwer. Nach vier Stunden Probefahrt liegen wir wieder fest vertäut an unseren alten Liegeplätzen. Am Nachmittag taucht Birger unter sein Boot und entdeckt eine ausgewachsene Muschel- und Seepockenfarm an der Antriebswelle und am Propeller! Eine ca. 2-3 Zentimeter dicke Schicht Meeresgetier hat es sich auf der Samantha gemütlich gemacht. (Bilder auf http://www.sy-samantha.de) Unglaublich, in welch kurzer Zeit die Viehcher das Boot unserer Freunde besiedelt haben, aber dafür ist die Ursache geklärt. Chris von der SY Nemo stellt seinen Tauchkompressor mit zehn Meter Schlauch zur Verfügung und Birger kann in einer halben Stunde, die Welle und den Propeller von den ungebetenen Gästen befreien.

Abschied Santa Marta (6)

Damit haben wir am nächsten Morgen genug Zeit, um unsere ganze Aufmerksamkeit der Impellerpumpe zu widmen. Ich als alter Mechaniker benötige nur ca. zehn Minuten zum Ausbau der Pumpe! Allerdings müssen dafür nur zwei Schrauben gelöst werden, aber ich bin trotzdem stolz auf mich. Zusammen mit Birger wird die Pumpe vollständig zerlegt. Nach einer eingehenden Untersuchung zeigt sich, dass die Pumpenwelle etwas unrund läuft und sie deshalb Wasser lässt. Da wir das Problem nicht mit Bordmitteln lösen können, beschließe ich in England eine neue Pumpe zu ordern. Die alte wird inzwischen mit reichlich seewasserfestem Fett geschmiert und mittels Flüssigdichtung wieder eingebaut. Der Test am nächsten Tag ist zu meiner Freunde ein voller Erfolg – kein Tropfen Wasser ist im Motorraum zu sehen. Die Pumpe wird bestimmt bis zu den San Blas Inseln durchhalten und das Ersatzteil ist Dank unserer Freunde Sven und Marlene schon Richtung Shelter Bay Marina (Colon) in Panama unterwegs – herzlichen Dank für eure Hilfe!

Obwohl unsere Reparaturen nur zwei Tage in Anspruch genommen haben, verlegen wir unsere Abfahrt schließlich auf den 12.09., weil Hurrikan Irma und ein Strum auf der Pazifikseite Panamas die Windverhältnisse in der karibischen See völlig durcheinander bringen. Beide Phänome führen dazu, dass wir auf dem Weg zu den San Blas Inseln den Wind direkt auf die Nase bekommen würden, also warten wir noch ein bisschen und genießen die letzten Tage in Kolumbien. Jetzt fällt mir auch der Abschied nicht mehr so schwer und ich bin bereit für neue Abenteur. Adiós y gracias por la hospitalidad Colombia …

Abschied Santa Marta (13)

… buenos vientos y hasta luego,

deine Amigos von der Auriga

Voll elektrisch

Solarpanell (34)

Nach unserem Kurztrip nach Cartagena laufen die Vorbereitungen für den Pazifik auf Hochtouren. Da wir auf den San Blas Inseln unsere elektrische Unabhängigkeit testen wollen, soll unsere Auriga mit neuen Solarpanels aufgerüstet werden, denn die Funktionalität der alten Solaranlage ist eher fragwürdig. Wir bestellen über die Marinawerft zwei polychrome Solarpanels mit insgesamt 300 Watt Leistung. Nach einer Woche werden die alternativen Stromerzeuger mit dem Dinghi angeliefert. Mit einer Abmessung von 1500 x 670 mm sind die aber ganz schön groß und schwer – schluck! Tagelang inspiziere ich bei den anderen Schiffen unterschiedliche Befestigungsmöglichkeiten und bin hin und her gerissen. Aber ich habe eine Idee! Zusammen mit Birger, seines Zeichens Bauingenieur, tüfteln wir an der Umsetzung meiner Vision.

Solarpanell (36)

Als erstes muss der Aluminiumrahem der Panels verstärkt werden. Die Rahmenleisten sind zwar nicht schlecht, aber in meinen Augen nicht vertrauenswürdig. Getreu der alten Chirurgenweisheit – viel hilft viel – wollen wir Aluminumprofilleisten zur Verstärkung besorgen. Unser Weg führt uns diesmal nicht in den Baumarkt, sondern zu den lokalen Ferreterias (Eisenwarenläden). Zusammen mit Felix, unserem Übersetzer, machen wir uns auf den Weg in unbekannte Gefilde. Hinter der lokalen Markthalle finden wir alles was wir suchen. Die Straßen sind dreckig, die Menschen geschäftig und wir die einzigen Ausländer weit und breit. Zufälligerweise kommen wir an einem Elektrohandel vorbei. Der Verkäufer spricht englisch und ist natürlich sofort unser Mann. Wir erstehen ein paar Quetschhülsen und anderen Elektrokram und lassen uns danach erklären, wo wir die gesuchten Profilleisten finden. Glücklicherweise befindet sich in unmittelbarer Nähe ein entsprechender Laden. An der Theke packt Felix sein bestes Spanisch aus und erklärt unser Begehr. Der Verkäufer nickt verständnisvoll und zeigt uns sein Sortiment – Okay, schon nicht schlecht, aber wir wollen uns noch etwas umsehen. In nächster Nähe befinden sich noch ein Dutzend weiterer Ferreterias und wir starten einen Material- und Preisvergleich.

Letztendlich kehren wir in den ersten Laden zurück und kaufen 12 Meter Aluminumprofile für knapp 30 Euro. Gemeinsam tragen wir unsere Beute in die Marina zurück. Am nächsten Tag geht es doch nochmal in den Baumarkt, ich brauche noch robuste Scharniere. Im Homecenter werde ich fündig! Nach einer zehn minütigen Suche sind vier kugelgelagerte Scharniere mein Eigen – jetzt kann es mit dem Bauen losgehen! Birger und ich verabreden uns für den nächsten Morgen. Wir beginnen mit der Verstärkung der Panelrahmen. Die Aluminumprofile werden zugeschnitten und anschließend an den bestehenden Rahmen genietet – wirkt ziemlich stabil und passt wie die „Faust auf’s Auge“. Danach montieren wir eines der Profile zwischen den Heckkorb und die erste Relingstütze. Mit etwas Improvisationsgeschick ist die Grundkonstruktion nach ca. drei Stunden fertig und vor allem ziemlich stabil. Zuletzt nieten wir noch die Scharniere samt 11 kg schwerem Solarpanel an die Konstruktion und Nummer 1 ist fachgerecht montiert und es sieht sogar noch gut aus. Da es mittlerweile kurz vor zwölf Uhr ist und wir eine komplette Ganitur Klamotten durchgeschwitzt haben, ist erstmal Schluss für heute, aber ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Am nächsten Tag benötigen wir für die Aufhängung des zweiten Panels nur noch die halbe Zeit – das ist mal ne´ Lernkurve, oder? Da wir bereits seit dem frühen Morgen am Werkeln sind, können wir um 10 Uhr wieder Schluss machen. Die nächsten Tage ist erstmal Baustopp, weil die Werft nur einen Regler geliefert hat und wir deshalb die Verkabelung nicht durchführen können. Ich nutze die Zwangspause und mache mir Gedanken über eine Stützvorrichtung damit die Panels auch ausgeklappt werden können. Ich entscheide mich für eine einfache Konstruktion mit zwei Rohren für jede Platte. In meinem neuen Lieblingsviertel erstehe ich sechs Meter Aluminumrohr und acht großdimensionierten Kabelquetschhülsen zur Befestigung. Am nächsten Tag benötige ich zwar mehrere Anläufe, um Birger meine Idee zu erklären, aber nach einigen Demonstrationen versteht´s auch der Ingenieur und wir machen uns an die Arbeit. Nach einer Stunde sind wir fertig und unsere Auriga hat jetzt ein paar stabile, ausklappbare Solarflügel! Unsere Konstruktion wird im Hafen von mehreren anderen Seglern gebürend bewundert und der eine oder andere sieht sich genötigt, die eigene Installation zu überdenken.

Jetzt müssen die Panels nur noch angeschlossen werden! Natürlich ist das mal wieder leichter gesagt als getan. Da die Solarregler so nah wie möglich bei den Batterien angebracht werden sollten, muss der Regler für den Windgenerator in die Hundekajüte umziehen. Alleine für den Umbau der alten Regler benötigen wir fast zwei Stunden. Anschließend werden die neuen Regler installiert und mit unseren Batterien verbunden. Der Anschluss der Solarpanels ist dann wieder eine ziemlich anstrengendes Gefummle, schließlich wollen auf jeder Seite jeweils zwei 8 mm² Kabel verlegt werden. Dann kommt der große Augenblick. Wir schließen die Panels an den Regler an, starren gebannt auf die Anzeige und es fließt Strom! Insgesamt hat uns die Anschaffung der beiden Panels inklusive aller weiteren Materialen ungefähr 800 Euro gekostet, aber jetzt sind wir stromtechnisch auf alle Fälle fit für die San Blas Inseln und den Südpazifik. Trotz aller guten Ideen, hätte ich die Konstruktion ohne Birger sicher nicht so hinbekommen. Vielen Dank mein Freund!

Nach fast fünf Monaten in Kolumbien sind wir jetzt startklar und Anfang nächster Woche geht es zusammen mit der SY Samantha zu dem 280 nm entferntem San Blas Inseln vor der Küste Panamas. Wir freuen uns auf neue Abenteuer.

Fair winds und bis bald,

Euer Helmut Düsentrieb von der Auriga

Cartagena de Indias – unter Touristen

 

Wer eine Reise macht, der will was erleben und nicht nur im Hafen rumhängen und sich der Schiffspflege hingeben. Also, es muss was passieren bevor der Hafenkoller einsetzt! Obwohl alle nach Cartagena wollen, kann sich keiner so richtig aufraffen die Planung in die Hand zunehmen. Irgendwie ist es schwierig aus der Routine von passiver Bootspflege und aktivem Nichtstun auszubrechen. Auch wenn wir in den letzten drei Wochen wieder einiges von unserer To-do-Liste streichen konnten, waren wir alles in allem doch recht träge. Glücklicherweise macht Antje, unsere Reiseführerin, endlich Nägel mit Köpfen und beginnt unseren Ausflug nach Cartagena zu organisieren. Da wir zusammen mit Alex und Birger reisen wollen, entschließen wir uns ein Auto zu mieten. Über das Marinaoffice wird alles organisiert, im Internet buchen wir ein nettes Hostal im historischen Zentrum und in ein paar Tagen soll es losgehen.

 

Cartagena de Indias, „de Indias“ zur Unterscheidung zum spanischen Cartagena, wurde im Zuge der Kolonialisierung Südamerikas am 1. Juni 1533 von Pedro de Heredia gegründet. Cartagena gilt in der Geschichte als eine der ersten spanischen Stadtgründungen im Norden Südamerikas und erlebte ein schnelles Wachstum als wichtiger Hafen für die Schifffahrt des Kontinents. Die spanische Flotte kam zweimal jährlich von Sevilla oder Cádiz nach Cartagena, um hier spanische Waren wie Waffen, Rüstungen, Werkzeug, Textilien und Pferde zu vermarkten und Gold, Silber, Perlen und Edelsteine zu laden. Die Stadt hat sich als eine der schönsten Kolonialstädte Südamerikas behauptet. Cartagena ist die Stadt mit den meisten Touristen und nicht zuletzt wegen der geografischen Lage die sicherste und bestbewachteste Stadt in Kolumbien. Das komplett von einer massiven Stadtmauer umgebene alte Stadtzentrum mit mehreren Kathedralen, die riesige Wehrfestung San Felipe und der große natürliche Hafen wurden 1984 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Der vom Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez verfasste Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ spielt ebenfalls in Cartagena de Indias.

 

Pünktlich, eine Stunde zu spät, wird am Dienstagvormittag unser Mietauto angeliefert. Nach einer Stunde Papierkram und etlichen Erklärungen über verschiedene Details der Versicherungsbedingungen können wir los. Obwohl wir ein Auto für fünf Personen geordert hatten, wird uns ein silbergrauer Chevrolet Spack präsentiert. Oh nee, dass wird eng! Dafür funktioniert die Klimaanlage, Servolenkung ist eher nicht, aber egal, wir müssen los, weil wir uns am späten Nachmittag für eine Free-Walking-Tour angemeldet haben. Eingequetscht wie die Ölsardinen brechen wir ins knapp 300 km entfernte Cartagena auf. Erste Zwischenstation ist die Industriestadt Barranquilla an der Atlantikküste. Hier mündet der mächtige über 1500 km lange Rio Magdalena aus den Zentralanden in einem großen Flußdelta in die karibische See. Obwohl uns nur 130 km von Barranquilla trennen, benötigen wir fast drei Stunden für die Strecke, aber es ist herrlich mal wieder Auto zu fahren – Freiheit gibt’s eben nicht nur auf dem Meer, sondern auch auf der Straße.

 

Bevor wir Barranquilla erreichen überqueren wir den Rio Magdalena. Eine wiederliche, braune Brühe schiebt sich unter der Brücke ins Meer. Wir können mehrere Bäume im Wasser treiben sehen, die im Reiseführer versprochenen Kühlschränke und Kühe können wir jedoch nicht ausmachen – so einen dreckigen Fluss habe ich noch nie gesehen. Barranquilla präsentiert sich dann als typische Industriestadt. Fabriken, Produktionsanlagen und Wohngebiete wechseln sich ab und es ist ungewohnt schmutzig. Müll liegt an jeder Ecke herum, das haben wir in Kolumbien bisher nocht nicht in diesem Ausmaß gesehen. Eigentlich wollten wir auf der Rückfahrt noch eine Nacht in Barranquilla verbringen, aber was wir gesehen haben reicht uns schon und wir ändern mal wieder unsere Pläne. Mittlerweile ist es früher Nachmittag und bis Cartagena sind es noch 120 km – die abendliche Stadtführung können wir damit wohl abhaken. Nach Barranquilla überqueren wir auf einem Damm das Mündungsdelta des Rio Magdalena. Durch den Damm wurde das Mündungsdelta praktisch vom Meer abgeriegelt. Die Baumaßnahme gilt als eine der größten Umweltsünden in Kolumbien. Im ruhigen Brachwasser des Deltas haben sich einige Fisch- und Muschelfarmen angesiedelt. Das Wasser ist so dreckig und vermüllt, dass ich hundert prozentig keinen Fisch mehr in Kolumbien essen werde – was wir hier sehen ist einfach ekelhaft! Hier präsentiert sich Kolumbien als echtes Dritteweltland – sehr schade!

Cartagena (56)

Nachdem wir den Damm verlassen haben, erwartet uns allerdings eine herrliche subtropische Agrarlandschaft. Auf riesigen Haciendas sehen wir friedliche Kühe unter Mangobäumen grasen, Gänse und Enten ruhen sich unter Palmen aus und natürlich treffen wir überall stolze Hähne und hecktische Hühner, die ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Der Verkehr nimmt deutlich ab, hin und wieder überholen wir ein Pferdegespann – die Fahrt macht eindeutig Lust auf mehr! 20 Km vor Cartagena nimmt der Verkehr wieder zu. Im typischen Stop and Go Rhythmus nähern wir uns der Stadt. Glücklicherweise erreichen wir die Altstadt noch bei Tageslicht. Unsere Navigations-App (Navigator, sehr empfehlenswert) funktioniert einwandfrei und eine halbe Stunde später können wir vor unserem Hostal anhalten. Gepäck und Menschen werden ausgeladen, natürlich gibt es in den engen Einbahnstraßen des historischen Zentrums keinen Parkplatz. Also machen sich Antje und ich auf die Suche! Wir brauchen eine gute dreiviertel Stunde bis wir endlich einen Parkplatz in akzeptabler Laufentfernung finden und werden diesen die nächsten Tage auch nicht mehr aufgeben.

 

Unsere Unterkunft, das Hostal Bohemia, befindet sich im Stadtteil San Diego, einem eher gediegenen Viertel Cartagenas. Nach dem Bezug unserer Zimmer – es gibt eine Klimanalage, die Betten sind egal – geht’s am Abend erstmal um die Ecke zum Essen. Wir befinden uns mitten im historischen Zentrum von Cartagena de India umgeben von herrlicher spanischer Kolonialarchitektur – ein echter Traum und nicht umsonst UNESCO-Weltkuturerbe. Hier wurden noch die alten spanischen Bauvorschriften eingehalten: Die Höhe eines Hauses muss mindestens das Dreifache der Straßenbreite haben, damit tagsüber immer Schatten in den engen Gassen herrscht. Teilweise ist es so schön, dass ich Augenschmerzen bekomme. Den Abend leiten wir mit einem gepflegtem Cocktail ein. Wir sitzen im ersten Stock auf einem der typischen Balkone und beobachten das touristische Treiben auf der Plaza San Diego unter uns und fühlen uns wie echte Touristen – obwohl wir eigendlich gar keine sind.

 

Laut Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) sind: „Touristen Personen, die zu Orten außerhalb ihres gewöhnlichen Umfeldes reisen und sich insgesamt für nicht mehr als ein Jahr aus Freizeit- oder geschäftlichen Motiven, die nicht mit der Ausübung einer bezahlten Aktivität an den besuchten Orten verbunden sind, aufhalten“. Defintionsgemäß gehören wir also nicht mehr zu den klassischen Touristen sondern sind … ja, was sind wir eigentlich? Weltenbummler, Abenteurer, Reisende im Humboldt´schen Sinne? Wer weiß es schon, aber es ist auch egal. Interessanterweise kann der moderne Tourismus auf die Grand Tour zurückgeführt werden, die eine traditionelle Reise durch Europa war. Im Jahre 1624 begann der junge Prinz von Polen, Ladislaus Sigismund Wasa, der älteste Sohn von Sigismund III., eine Reise durch ganz Europa. Er reiste durch die Territorien Deutschlands, Belgiens, der Niederlande, wo er die Belagerung von Breda durch spanische Truppen bewunderte, Frankreich, Schweiz nach Italien, Österreich und Tschechien. Es war eine pädagogische Reise und eines der Ergebnisse war die Einführung der italienischen Oper in der Republik Polen-Litauen.

 

Nach dem Sundowner geht es zum Japaner. Wir lassen uns ein Sushischiffchen – ein ausgemachter Zweimaster – schmecken, genießen Sake und Dessert. Während die Mädels und Felix nach dem Essen noch Souvenirs shoppen wollen, inspizieren Birger und ich ein, zwei Bars in der Umgebung und entdecken unseren neuen Lieblingscocktail den „El Dicdador“. Rum unterschiedlicher Jahrgänge, Blutorangenlikör und Limettensaft ergeben einen ausgesprochen erfrischenden, süffigen Cocktail. Zwei Drinks später treffen wir den Rest des Rudels wieder und fallen danach erschöpft in unsere wohlklimatisierten Betten! Am nächsten Morgen wollen wir zuerst die am besten erhaltene spanische Festung in Südamerika, Fort San Felipe besichtigen. Auf dem Weg zur Wehranlage entdecken wir eine Hop on, Hop off – Linie und beschließen mit dem Bus weiter zu fahren. An der Haltestelle gegenüber vom Fort werden wir schon sehnsüchtig von mehreren Wasser- , T-Shirt-, und Hutverkäufern erwartet und sofort in Beschlag genommen. Wie in jeder Touristenhochburg sind die Vendors nervig und aufdringlich, aber wir schaffen es ohne Souvenirs zum Eingang und können anschließend in Ruhe das Fort besichtigen. Die Wehranlage erstreckt sich über mehrere Ebenen und ist wirklich in einem guten Zustand. Von den einzelnen Plattformen hat man durch die ehemaligen Schießscharten einen herrlichen Panoramablick über die Stadt, die Lagune und den Hafen. Die gesamte Anlage ist von einem Tunnelsystem durchzogen, das ebenfalls zu besichtigen ist. Bei langsam zunehmender Lufttemperatur verlegen wir uns in die Tunnels. Hier ist aber leider nicht nur wärmer sondern auch deutlich feuchter. Die schlechte Luft und Schweißausbrüche bei jedem Schritt lassen uns nach 10 Minuten aus diesem Labyrinth wieder flüchten.

 

 

Anschließend geht es mit den Doppeldeckerbussen weiter bis zur Festung Manga in der Nähe des Jachthafens. Hier finden wir mehrere Marinestores, die wir natürlich sofort begutachten. Das Sortiment ist gut, aber die Preise für kolumbianische Verhältnisse deutlich überzogen. Da investieren wir doch lieber im nahe gelegenen Steakhouse „El Res“ in ein schönes, saftiges Stück Fleisch – extrem lecker! Die hohe Luftfeuchtigkeit ( im Schnitt > 90%) und die Hitze in der Stadt machen uns echt zu schaffen. Wir wollten zwar nochmals in die Altstadt, aber nach dem leckeren Essen ist uns mehr nach ausruhen. Wir nehmen wieder den Bus, fahren bis zur Altstadt, kaufen für´s Abendessen ein und relaxen den Rest des Tages in unserem Hostal. Abends gibt’s Brotzeit, danach wird Karten gespielt und der nächste Tag geplant. Eigentlich wollten wir nur zweit Nächte in Cartagena bleiben, da unser Busticket aber zwei Tage gültig ist, wir das historische Zentrum noch genauer untersuchen wollen, beschließen wir eine Nacht länger zu bleiben. Leider können wir nicht in unserem Hostal bleiben, die Chefin besorgt uns aber eine adäquate Unterkunft gleich um die Ecke – sehr nett!

 

Am nächsten Morgen packen wir zusammen, lassen unser Gepäck im Hostal und bummeln gemütlich durch die Altstadt. Die meisten Kirchen sind leider tagsüber geschlossen und können nur im Rahmen eines Gottesdienstes besichtigt werden. In einem Fensterfirst der Kathedrale entdecken wir zwei junge Soldatenaras und andere Papageienvögel. Anschließend besichtigen wir das vielgepriesene Inquisitionsmuseum. Angeblich eines der besten Museen in Kolumbien. Allerdings werden unsere Erwartungen nicht erfüllt. Die Ausstellung ist sehr übersichtlich und verteilt sich nur auf vier kleine Säle. Die viel gelobte Folterkammer ist nicht wirklich ergiebig und das Museum den hohen Eintrittspreis nicht wert.

 

Nach einem kurzen Mittagssnack ziehen wir in unser neues Hostal um und erholen uns bis zum Sonnenuntergang. Wir besichtigen noch ein, zwei Kirchen während der Abenmesse, schlendern über die Stadtmauer und genießen die abendliche Stimmung in den Gassen der Altstadt bei einem leckeren Cocktail. Als krönenden Abschluss unseres Cartagenatrips finden wir ein französisches Restaurant und lassen den Abend bei einem wirklich exquisiten Dinner ausklingen – die Entenbrust ist auf den Punkt gegart und die Orangen-Honigsoße ein wahres Gedicht! Cartagena de Indias hat uns wirklich gut gefallen und gehört sicher zu den absoluten Highlights Kolumbiens! Hier haben wir zum ersten Mal nicht nur Backpackertouristen gesehen, sondern auch mal wieder die an den meisten Küstenabschnitten unvermeidlichen Kreuzfahrer!

 

Am nächsten Tag heißt es bye, bye Cartagena und wir machen uns wieder auf den Weg nach Santa Marta. Allerdings wollen wir nicht wieder die gleiche Strecke zurückfahren und so brechen wir in Richtung Hinterland auf. Nach einer endlosen Stop-and-Go-Fahrt durch die Vororte Cartagenas lassen wir die Stadtgrenze nach zwei Stunden endlich hinter uns. Nächstes Ziel ist eine Siedlung geflohener afrikanischer Sklaven an den Ausläufern der östlichen Anden. In den nächsten zwei Stunden fliegen herrliche subtropische Landschaften an uns vorbei, am Wegesrand können wir noch zwei, drei Kalebassen, eine Flaschenkürbisart, ernten und erreichen schließlich die Siedlung. Die befestigte Straße hört auf, Schlaglöcher wohin das Auge sieht, wir setzen mehrfach mit dem Auto auf – Autsch! Die Siedlung präsentiert sich nicht sonderlich einladend. Wir fahren ein bisschen herum und beschließen hier lieber nicht auszusteigen! Einerseits ist mir etwas mulmig, andererseits gibt es nicht wirklich was zu sehen – also nichts wie weg! Auf dem Weg nach Branquilla machen wir an einem Straßenverkauf halt und stärken uns mit Gegrilltem, Kartoffeln und Yucca. Nebenan befindet sich eine Art Veranstalltungsgelände, wo gerade ein Fußballtunier stattfindet. Wirklich interessant sind aber zwei junge Gelbbrustaras, die in der Nähe der Küche an einer Mauer herumturnen – einfach zu süß, aber ich darf zu meinem Bedauern keinen mitnehmen.

 

Am frühen Nachmittag erreichen wir wieder den nach Barranquilla führenden Damm. Auf einmal steht der Verkehr. Vor uns entsteht eine aufgeregte Menschenmenge um einen querstehden LKW herum. Wir verschließen vorsichtshalber mal die Türen. Als plötzlich ein junger Mann auf einem Motorrad flüchtet, scheint sich die Situation weiter zuzuspitzen. Die Menschen wirken sehr aufgebracht und wir sind froh, als wir die Menge unbeschadet passieren können. So habe ich mir immer einen zur Lynchjustiz bereiten Mob vorgestellt – die ganze Szenerie ist ziemlich gruselig!

Cartagena (58)

Gegen Abend erreichen wir dann endlich Santa Marta. Zu allem Überfluss wird unser Mietauto im Feierabendverkehr auch noch von hinten angefahren. Der Täter flüchtet natürlich und wir bleiben mit einer dicken Beule im Heck zurück – Scheiße. Zu meiner persönlichen Freude ist die Delle aber am nächsten Morgen von alleine herausgeploppt und nach einer kleinen Reinigung ist praktisch nichts mehr zu sehen – nochmal Glück gehabt! Da wir das Auto noch einen Tag haben, beschließen wir am Samstag nochmal nach Minca zu fahren. Die Fahrt führt uns in die Berge der Sierra Nevada. Hier befinden sich einige Kaffeeplantagen und Wasserfälle in der Umgebung. Allerdings ist kein Ziel in weniger als 2,5 Stunden Fußmarsch zu erreichen. Also schlendern wir ein wenig durch den Ort, machen einen kleinen Abstecher in den Dschungel, gehen noch zum Mittagessen und fahren dann wieder zurück in die Marina und lassen den Tag ganz gemütlich ausklingen. Am nächsten Tag wird unser Mietauto ohne Probleme abgenommen und die Selbstbeteiligung bleibt unangetastet – schöne Geschichte.

 

Damit hat unserer Kurzausflug doch noch ein gutes Ende genommen. Die nächsten drei Wochen muss unsere Auriga für die Überfahrt und den Aufenthalt auf den San Blas Inseln vorbereitet werden und wir uns schweren Herzens von Kolumbien verabschieden, was uns sicher nicht leicht fallen wird.

Fair winds und bis bald,

Eure Gringos von der Auriga

Cartagena (28)