Kanalpassage und zwei schwere Abschiede

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Es ist Mittwoch, der 10. Januar 2018, 15 Uhr, seit zwei Stunden sind meine beiden Süßen in der Luft und auf dem Weg nach Deutschland. Ich sitze in einem Restaurant in der Flamenco Marina Panama City, kaue gedankenverloren auf einen Stück Steak herum und bin deprimiert. Zwei Abschiede innerhalb der letzten beiden Tage sind einfach zu viel, nicht fair. Heute macht nicht mal Essen gehen Spaß – Scheißtag. Fast ein ganzes Jahr traute Einsamkeit liegt vor mir, aber ich habe es ja so gewollt! Wahrscheinlich ist das der Preis für den Pazifik. War die Entscheidung allein weiter zu segeln doch falsch? Ich bin mir gerade nicht mehr sicher! Die letzten Wochen stand alles im Zeichen der Kanalpassage, da hatte ich gar keine Zeit so richtig über die bevorstehenden Abschiede nachzudenken. Aber jetzt! Jetzt bin ich ganz alleine – schnief – meine Familie ist weg, Alex und Birger sind weg … und keiner mag micht. Allein sein ist doof! Panama ist doof! Ich will hier weg!

Drei Tage zuvor, es ist 9 Uhr, wir sind seit zwei Stunden auf den Beinen, das Wetter ist okay. Es hat zwar gerade noch geregnet, aber die Wolken scheinen sich langsam aufzulösen. Wir starten mit den letzten Vorbereitungen. Eigentlich ist zwar alles klar, aber ich kontrolliere nochmal alle wichtigen Bordsysteme. Okay, alles sieht gut aus. Jetzt heißt es mal wieder warten. Um 13 Uhr Abrechnung mit der Marina, danach kurz zur SY Nemo. Alles klar, wir laufen um 14 Uhr aus. Die letzte Stunde zieht sich wie Kaugummi. Warten, immer dieses elende Gewarte! Kurz vor 14 Uhr kommen Alex und Birger, unsere Linehandler an Bord. Die Begrüßung ist herzlich, ihr Gepäck erschreckend umfangreich – kleiner Scherz! Alles wird in unserem Kreuzfahrtschiff verstaut und dann geht es los. Panamakanal, wir kommen! Eine knappe Stunde später haben wir die „Flats“, eine spezielle Ankerzone im Puerto Cristobal erreicht, lassen den Anker fallen und funken Cristobal Signal Station an. Um 16:15 Uhr soll unser Lotse kommen. Das Wetter ist alles andere als gemütlich. Wir haben 20 Knoten Wind und reichlich Schwell. Egal, es dauert ja nur eine knappe Stunde bis unser Advisor vor Ort sein soll. Wir trinken Kaffee, essen ein paar Smörebröd und schlagen die Zeit tot …!

Kanal (3)

16:45 Uhr unser Lotse wird angliefert und entert unsere Auriga. Unglücklicherweise trifft uns im gleichen Augenblick eine Böe und unser Anker bricht im Schlamm aus. Den Advisor stört das nicht die Bohne! Im Augenwinkel sehe ich das französische Schiff hinter uns bedrohlich nahe kommen. Ohne mit der Wimper zu zucken, gibt der Lotse seine Einweisung zum Besten. Mir stehen mittlerweile die Schweißperlen auf der Stirn, der Abstand zu den Franzosen beträgt nur noch ein paar Meter! Glücklicherweise nimmt sich Birger der Sache an und lässt den Rest Kette raus, wir treiben an den Franzosen vorbei, dafür aber auf´s Ufer zu. Advisor:“ No hurry, we have time“, na super. Nach seinem Aufklärungsgespräch beschließe ich Anker auf zu gehen und wir fahren, langsam, aber unter starkrm Geschaukle Richtung erster Gatunschleuse! Noch mal Glück bzw. Birger gehabt! Die SY Nemo mit Chris und Elayne, die gemeinsam mit uns schleusen sollen, setzen sich kurz darauf in Bewegung und folgen uns. Eigentlich sollten wir zusammen mit einem 52 ft Motorboot schleusen, das Gefährt ist allerdings ein einziges riesiges Schlauchboot, das bei direktem Kontakt unschöne Streifen im Lack hinterlassen könnte, deshalb werden die SY Nemo und wir ganz nach unseren Wünschen zusammen schleusen!

Kurz vor der Schleuseneinfahrt docken wir sanft bei unseren Freunden an und vertäuen die beiden Boote zu einem stabilen Päckchen. Meine Steuerfrau Antje, hat wie immer alles im Griff! Der Einzige, der beinahe am Durchdrehen ist … ist natürlich der Kapitän! Wir fahren als Letzte in die Schleuse ein. Vor uns befindet sich ein kleiner Frachter, ein Boot der US Cost Guard, das Gummiboot und wir – sollte eigentlich alles kein Problem werden, abgesehen davon, dass es langsam dämmert und wir nie und nimmer den Gatunsee bei Tageslicht erreichen werden. In der Schleuse fliegen uns die berühmten Affenfäuste zu. Das sind dünne Hanfleinen mit einem faustgroßen Knoten am Ende, an dem wir unsere 38 Meter langen Halteleinen befestigen. Diese werden dann die Schleusenwände hochgezogen und über die riesigen Poller gelegt. Sobald wir sicher vertäut sind, schließen sich die gigantischen Schleusentore hinter uns und wir werden langsam angehoben! Das einlaufende Wasser erzeugt neben uns ganz schöne Strudel und Wirbel. Birger und ich ziehen die Leinen immer wieder nach, was ganz schön anstrengend ist und ich stehe nach fünf Minuten schon wieder im eigenen Saft. Nach 10 Minuten befinden wir uns acht Meter über dem Atlantikniveau. Ein lautes Pfeifen kündigt das Öffnen der Schleusentore an. Die Boote vor uns kommen langsam in Fahrt, wir holen die Leinen ein und machen uns auf den Weg in die zweite Schleuse. Wir haben ganz schön Gegenströmung als wir langsam die über 300 Meter zur zweiten Gatunschleuse zurücklegen. Aber wir haben Glück mit unserem Lotsen, der hat alles im Griff und Antje steuert unser kleines Böotchen souverän in die zweite Schleusenkammer!

 

Hier und in der dritten Schleuse wiederholt sich das ganze Spiel. Mittlerweile erhellen diverse Flutlichter die Szenerie, da es inzwischen stockdunkel ist. Um 18:45 Uhr öffnet sich die letzte Schleuse, wir haben den Gatunsee erreicht und befinden uns jetzt insgesamt 26 Meter über dem Atlantikniveau. Dank unseres Lotsen, meiner unschlagbaren Steuerfrau und Birgers hervorragender Leinenarbeit sind wir heil und ohne Schaden durch die Atlantikschleusen gekommen. Vielen Dank für eure hervorragende Schleusenarbeit! Dickes Doppelbussi an meine Antje und ein fettes Merci an Alex und Felix für ihre Unterstützung. Wir werfen dem Atlanik noch einen letzten Blick zu – Servus alte Fischhaut – motoren noch ein Stück gemeinsam mit der SY Nemo, lösen uns entspannt voneinander und schippern im Dunkeln zu unserer Übernachtungsboje. Die ist allerdings bei Nacht gar nicht so leicht zu finden. Eine der zwei Bojen ist bereits von einem Ausflugsboot besetzt und so kuscheln wir uns wieder an die SY Nemo und haben es für heute geschafft. Die beiden Lotsen werden von einem Pilotboot abgeholt und dann beglückwünschen sich die beiden Crews erstmal ausgiebig für die erfolgreiche Absolvierung der ersten Etappe! Das Schlimmste liegt hinter uns! Wir sitzen noch entspannt bei einer Flasche Wein mit Birger und Alex zusammen und lassen den Tag revue passieren. Allerdings sind alle ziemlich schnell bettreif und um 21 Uhr ist Schluss! Am nächsten Tag soll der Lotse um 7 Uhr eintreffen und dann geht’s weiter Richtung Pazifik – Gute Nacht!

Jaja, gute Nacht, eher nicht! Es ist brechend heiß im Boot. Alle schlafen schlecht, sind am Morgen aber trotzdem guter Laune. Wir stehen in der Morgendämmerung auf, trinken gemütlich Kaffee und warten auf den Lotsen. 7 Uhr: Kein Lotse in Sicht, 8 Uhr: Nichs tut sich, 9 Uhr: Meine Gelassenheit geht langsam gegen Null. Wir brauchen mindestens 8 Stunden bis in den Pazifik und dann nochmal eine Stunde bis zur Flamenco Marina, wenn der Lotse nicht gleich auftaucht können wir den Plan knicken, weil es um 18 Uhr dunkel wird. 10 Uhr: Chris von der SY Nemo beginnt zu angeln, wir werden den Pazifik nicht mehr bei Tageslicht erreichen und ich werde langsam sauer…! Wir rufen den Kanal Scheduler an und erkundigen uns nach den Lotsen. Die sollen angeblich bereits auf dem Weg sein. 11 Uhr: Ein Pilotboot erscheint am Horizont, nähert sich zögerlich und fünf Minuten später kommt Harold an Bord! Durch die Regenfälle in den letzten Tagen sind neben Colon auch alle zuführenden Straßen in die Stadt überflutet. Deshalb konnten die Lotsen nicht mit dem Bus geliefert werden, sondern mussten von der Pedro-Miguel-Schleuse mit dem Schiff hierher gebracht werden und für gut 30 sm braucht man halt mehr als 30 Minuten. Tja, Pech gehabt! Dafür entpuppt sich Harold als echt netter Kerl und ausgemachter Kanalprofi.

Mit über vier Stunden Verspätung legen wir von der SY Nemo ab und machen uns auf den Weg zu den pazifikseitigen Schleusen. Mindestens fünf Stunden Motorfahrt stehen uns bis zur Pedro-Miguel-Schleuse bevor. Während gestern das Wetter eher durchwachsen war, kommt nach unserem Start die Sonne raus. Sofort wird es schweineheiß! Wir wechseln uns an der Pinne ab, wobei vorallen Antje, Birger und Alex die meiste Zeit am Steuer stehen – ich weiß ja schließlich gar nicht wie das geht, ich kann nur Autopilot! Alex bespaßt Felix, während ich die meiste Zeit unter Deck verbringe und dösenderweise frische Kräfte für die nächsten Schleusen sammle. Den Gatunsee kenne ich ja schon, alles ein alter Hut in meinen Augen! Dafür gewinnen die anderen einen richtig schönen Sonnenbrand im Gesicht, während ich weiterhin ein Bleichgesicht bleibe. Auf unserer Fahrt durch den Gatunsee müssen wir zwei Pausen einlegen, da uns einmal  ein großer Gastanker und das nächste Mal ein Containerschiff der Postpanamax-Klasse entgegenkommt und die aus Sicherheitsgründen ohne Gegenverkehr fahren müssen. Unterwegs erzählt uns Harold reichlich interessante Details und Geschichten über den Kanal. Um 16 Uhr kommt die Pedro-Miguel-Schleuse in Sicht. Inzwischen haben sich die Schleusungspläne zum dritten Mal geändert. Wer, wann, mit wem ändert sich praktisch mit Minuten-Takt. Letztendlich sind wir diesmal ein Dreier-Päckchen. In der Mitte ein großer Katamaran, links die SY Nemo und rechts wir. Anders als auf der Atlantikseite schleusen wir nicht hinter den größeren Schiffen, sondern stehen ganz vorne direkt am Schleusenausgang. Nachdem unser Päckchen fest verschnürrt ist und wir sicher an den Halteleinen liegen, wird hinter uns die MS American Freedom in die Schleuse gezogen.

Wow, ein ganz schöner Riese, der da angeschwommen kommt. Links und rechts ist vielleicht gerade noch ein knapper Meter Abstand zu den Schleusenwänden. Beim Einfahren in die Schleusenkammer schiebt der Dicke ganz schön viel Wasser vor sich her. Das Wasser strömt nur so an uns vorbei, aber wir sind fest vertäut und können ganz locker sein. Nach dem obligaten Pfiff beginnt das Wasser aus der Kammer zu fließen und wir werden langsam acht Meter abgesenkt. Diesmal müssen Birger und ich die Leinen nur langsam fieren, was deutlich weniger anstrengend ist, als am Vortag. Die Schleusentore öffnenen sich und im Päckchen geht es zu den zwei Seemeilen entfernten Miraflores-Schleusen. Unsere drei Lotsen haben wirklich alles super im Griff. Es wird reichlich gescherzt und gelacht. Vor allem als dem koordinierenden Advisor auf dem Kat auffällt, dass Antje und nicht ich am Steuer steht und sie damit der Kapitän ist. Salut, you Madam, Capitan! Eine halbe Stunde später erreichen wir die beiden Miraflores-Locks, den Pazifik können wir bereits in der Ferne ausmachen. Wir schippern in die Schleusenkammer, werden vertäut und vom hier gelegenen Besucherzentrum neugierig beäugt. Wahrscheinlich ist jeder der beteilgten Segler auf hunderten Fotos verewigt. Es ist ein bisschen wie im Zoo, nur das wir diesmal die Affen sind, die Kunststücke machen. Als wir in die zweite Schleuse einfahren, beginnt die Sonne langsam zu versinken. Zum letzten Mal das gleiche Spiel. Wir werden nochmal acht Meter abgesenkt, verschwinden hinter den Schleusentoren. Ein lauter Pfiff, Blinklicher gehen über all an, die letzten beiden Schleusentore öffnen sich und wir haben es geschafft. Vor uns liegt der größte Ozean der Welt! Wir schauen nach rechts und können Japan sehen, voraus liegt Südostasien, links von uns Australien und die Antarktis– unglaublich, oder?

 

Mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt, Harold, der beste Lotse, den wir bisher kennengelernt haben, verlässt uns auf Höhe des Balboa Yachtclub. Da es inzwischen beinahe dunkel ist, beschließen wir, uns an eine Boje des Yachtclub zu legen. Harold hat telefonisch die Marina informiert und so kommt ein paar Minuten später ein Marinero angedüst und weist uns eine Boje zu. Vielen Dank Harold, super Job und klasse Service. Da könnte sich der eine oder andere Lotse echt ein Beispiel dran nehmen! Wenn ich da an unsere Kanalpassage mit der SY Jasina denke….!!! (Siehe Blogbericht: Oh, wie schön ist Panama, vom Mai 2017) Nachdem Birger und Alex unsere Auriga an der Boje festgemacht haben, fallen sich erstmal alle in die Arme! Wir sind durch, wir sind echt im Pazifik. Also so richtig im Pazifik – Hammer! Alles ist gut gegangen, nichts außer uns ist kaputt – Perfekte Kanalpassage. Liebe Alex, lieber Birger ohne Euch wäre die Kanalpassage nicht so entspannt und lustig geworden, wie sie war. Vielen, vielen Dank ihr beiden! Außerdem natürlich ein riesengroßes Lob an meine sensationelle, super coole Steuerfrau! Und natürlich, danke Felix, dass du nicht so rumgenervt hast, wie sonst! Ach ja, liebe Auriga, du warst natürlich auch ganz toll!

Glücklicherweise haben wir die ganze Nacht reichlich Wind und so können wir das Boot gut durchlüften und alle können in dieser Nacht wirklich gut schlafen. Am Montagmorgen machen wir uns nach einem guten Frühstück, ausgeschlafen zur nur sechs Seemeilen entfernten Flamenco Marina auf. Unterwegs besuchen wir noch die SY Nemo, die ganz in der Nähe ankert und vereinbaren ein Treffen in der Marina für den nächsten Morgen, schließlich steht der Abschied von Alex und Birger auf dem Programm. Gegen Mittag laufen wir in der Flamenco Marina ein. Via Funk kündigen wir uns an, aber leider nix verstehen – nur spanisch. Trotzdem werden wir nach einigen Runden im Hafen von einem Marinero abgeholt und zum Tankdock geleitet. Wir wollten zwar einen Liegeplatz, aber den Marinero scheint das nicht zu interessieren, also legen wir halt an der Tanke an. Hier bespreche ich mich mit dem nächsten Marinero. No fuel, we need a berth! Aha, okay, ach so! Der schickt mich erstmal ins Marinaoffice. Hier treffe ich auf die wahrscheinlich inkompetenteste und dümmste Angestellte der Marina. Sie spricht zwar gebrochen englisch, aber kapiert praktisch nichts. Als erstes erklärt sie mir, dass es keinne Strom in der Marina gibt. Allerdings sind alle hier liegenden Motorboot mit irgendetwas kabelartigen verbunden! Wahrscheinlich handelt es sich um Elektrizität zweifelhafter Herkunft! Nach einigem hin und her stellt sich heraus, dass die Marina sowohl über 110 Volt- als auch 220 Voltanschlüsse verfügt, aber sie haben leider keine Adapter für europäische Stecker. No Problemo, Baby! Hab ich alles an Bord!

Okay, ich soll wieder zum Steg und auf den nächsten Mitarbeiter warten, der uns unseren Liegeplatz zuweist. Eine halbe Stunde später kommt auch glatt einer vorbei und erzählt mir, ich soll nochmal ins Office kommen. Ich schlappe los, bezahle die völlig überzogene Hafengebühr von 350 US für eine Woche ohne Widerworte, wir haben schließlich Gäste, liebe Freunde an Bord! Nachdem abgerechnet ist, schaut mich die Doofbohne erwartungsschwanger an – gibt’s noch was? Ja! Ich brauche einen Liegeplatz. Where are you now? At the Fueldock. You need Fuel?. No, I need a berth! Mein Gott, kann man hohl sein, geht’s überhaupt noch! Sie geht mit mir vor´s Büro und ruft nach irgendeinem Jorge. Keiner antwortet, sie lässt mich kommentarlos stehen und geht ins Office zurück. Ich warte – mal wieder – 20 Minuten und nichts passiert. Also zurück ins Büro, natürlich muss ich mich erstmal hinten anstellen. Mittlerweile bin ich richtig sauer! Als ich schleißlich an der Reihe bin: What can I do for you? Ich bin ein wenig irritiert und äußere sehr deutlich meinen Unmut über den eher miserablen Service und möchte endlich einen Liegeplatz haben, weil es am Fueldock einfach nicht so richtig kuschelig ist. Die blöde Kuh schaut mich verständnislos an, hey man, relax…! Eher nicht, jetzt platzt mir endgültig der Kragen! Fünf Minuten später, die Atmospähre im Büro ist nach meinen Ausführungen eher etwas angespannt, taucht ein Marinero auf und gibt zu verstehen, dass er uns unseren Liegeplatz zeigen wird. Diesmal klappt auch alles und wir bekommen einen Platz nahe der Einfahrt zugewiesen. Allerdings funktioniert hier der Strom nicht! Meine Stimmung geht deutlich gegen Null. Nach einer kurzen Diskussion ist klar, wir müssen nochmal umziehen. Antje verdreht die Augen, ich kann ja auch nichts dafür, aber so ist es halt mal, das ist Panama. Wir cruisen um die Ecke, machen fest und sind endlich in der Marina angekommen.

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Am Nachmittag machen Alex, Antje, Birger und Felix nochmal einen Ausflug in die Stadt, ich bin so genervt, dass ich lieber auf dem Boot bleibe. Am Abend laden wir unsere liebgewonnenen Freunde noch zu einem Abschiedsessen ein, spielen im Restaurant wie immer eine Runde Karten und haben viel Spaß. Obwohl das unser letzter gemeinsamer Abend ist, verfällt keiner in Wehmut und wir lassen es nochmal so richtig krachen (4 Flaschen Wein, glaub ich jedenfalls!). Dienstagmorgen, es herrscht ein bisschen Katerstimmung, heißt es von der SY Samantacrew Abschied nehmen. Chris und Elayne kommen gegen 11 Uhr mit dem Dinghi und gemeinsam geleiten wir unsere Freunde zur Straße. Wir machen die letzten Fotos, im Vorfeld wurden bereits Einträge in die jeweiligen Bordbücher gemacht. Antje, Felix und ich bekommen noch ein T-Shirt geschenkt. Auf Antje´s steht: Go East, auf meinem Go West – sensationelle Idee Alex! Birger hält ein Taxi an, Umarmungen, reichlich Tränen fließen auf allen Seiten, noch eine Umarmung, dann steigen die beiden ins Taxi und sind einfach weg. Einfach so! Wir waren das letzte halbe Jahr zusammen unterwegs, kennen uns seit fast zwei Jahren, haben bei der Atlantiküberquerung der beiden mitgezittert und jetzt sind sie einfach weg! Unglaublich! Wir sind alle tief berührt. Von allen Menschen, die wir auf unserer Reise getroffen haben, seid ihr Birger und Alex, die, die uns richtig ans Herz gewachsen sind. Wir wünschen Euch eine gute und stressfreie Rückkehr nach Europa und natürlich fair winds und bis blad, ihr Lieben – eure Segelfamilie von der Auriga! Wir wenden uns spätestens Ende des Jahres wiedersehen und vielen Dank für eure unschätzbare Hilfe in jeder Hinsicht!

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Danach quatschen wir noch ein bisschen mit Chris und Elyane und verschwinden später auf unsere Auriga, weil die Abreise meiner beiden Süßen für den nächsten Tag vorbereitet werden will. Damit Antje in Ruhe packen kann, verziehen sich Felix und ich für einen kleinen Snack ins Restaurant. Drei Stunden später dürfen wir wieder auf´s Boot. Überall stehen Koffer und Taschen herum, wir begehen unser abschließendes Abschiedsessen, machen noch ein bischen Bordkino und gehen ins Bett. Morgen heißt es schon wieder Abschied nehmen und das wird sicher noch schlimmer als heute. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 7 Uhr, die beiden sollen um spätestens 11 Uhr am Flughafen sein und bei dem typischen Verkehr in Panama City kann das schon mal zwei Stunden dauern. Der Tag beginnt wie immer mit einem Kaffee, wir wuchten das Gepäck aus dem Boot drei Koffer, eine Tasche, zweimal Handgepäck und machen uns zur Straße auf – schon wieder! Nach ein paar Minuten sitzen wir im Taxi und fahren Richtung Airport Tocumen International Panama City. Wir haben Glück und brauchen nur eine dreiviertel Stunde bis zum Flughafen und sind natürlich viel zu früh dran.

Kanal (71)

Nach einigem Suchen finden wir den Check-In Schalter, selbstverständlich ist noch keiner da, aber die Waagen beim Check-In sind betriebsbereit. Die beiden dürfen insgesamt 80 kg Gepäck, verteilt auf vier Koffer mitnehmen. Wir wiegen die einzelnen Gepäckstücke und stellen fest, dass die Gewichtsverteilung nicht stimmt. Jetzt beginnt das große Umpacken! Eine halbe Stunde später sind wir fertig. Koffer 1 wiegt: 19,95 kg, Koffer 2 ebenfalls 19,95 kg, Koffer 3 20,05 kg und Tasche 4 12,5 kg – Jackpot. Die beiden können kurz darauf innerhalb von 30 Minuten problemlos einchecken. Jetzt heißt es allerdings Abschied nehmen. Wir machen es ganz kurz, weil es sonst ein echtes Drama wird. Heftige Umarmungen, jeder hat Tränen in den Augen, wir wünschen uns viel Glück für dieses Jahr, Felix soll auf seine Mama aufpassen, ich verspreche nicht zu kentern, wir haben uns alle lieb und dann verschwinde ich via Rolltreppe ins Untergeschoß. Ich bin bereits zwei Minuten später deprimiert und vermisse meine zwei Süßen …

 Kanal (8)

Es ist Mittwoch, der 10. Januar 2018, 15 Uhr, seit zwei Stunden sind meine beiden Süßen in der Luft und auf dem Weg nach Deutschland. Ich sitze in einem Restaurant in der Flamenco Marina Panama City, kaue gedankenverloren auf einen Stück Steak herum und bin deprimiert. Zwei Abschiede innerhalb der letzten beiden Tage sind einfach zu viel, nicht fair. Heute macht nicht mal Essen gehen Spaß – Scheißtag. Fast ein ganzes Jahr traute Einsamkeit liegt vor mir, aber ich habe es ja so gewollt! Wahrscheinlich ist das der Preis für den Pazifik. War die Entscheidung allein weiter zu segeln doch falsch? Ich bin mir gerade nicht mehr sicher! Die letzten Wochen stand alles im Zeichen der Kanalpassage, da hatte ich gar keine Zeit so richtig über die bevorstehenden Abschiede nachzudenken. Aber jetzt! Jetzt bin ich ganz alleine – schnief – meine Familie ist weg, Alex und Birger sind weg … und keiner mag micht. Allein sein ist doof! Panama ist doof! Ich will auch nach Hause, nach Hause …

Fair winds und bis bald,

der letzte Mohikaner von der Auriga

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Letzte Vorbereitungen und Ungeziefer im Hafen

Ungeziefer (7)

Nach dem Umbau unserer Auriga zum Tanker kann ich mich wieder dem Chinesen widmen. Zusammen mit Chris zerlegen wir an Neujahr den kompletten Motor, obwohl praktisch nichts dreckig ist, wird alles gereinigt, die neue Zündkerze eingesetzt, aber das Problem haben wir nicht gefunden. Bei der anschließenden Testfahrt mit Kapitän Felix säuft der Parsun nur zweimal ab, springt aber danach sofort widerstandslos an – Okay, man kann halt nicht alles haben. Damit kann ich meine ganze Aufmerksamkeit wieder der Kanalpassage widmen. Die Anmeldeprozedur haben wir hinter uns, jetzt müssen noch die vorgeschriebenen acht Fender sowie vier schwimmfähige 38 Meter lange Leinen organisiert werden. Ich schreibe mehrere E-Mails an verschiedene Tranistagenten und entscheide mich intuitiv für den billigsten. Interessanterweise reicht die Preisspanne der Leihgebühren von 85 USD bis 120 USD. Wir vereinbaren mit Rogelio, dass er das Zeug am nächsten Tag vorbeibringen soll. Wenn alles klappt, sind unsere Vorbereitungen für die Passage des Panamakanals damit abgeschlossen! Jetzt müssen wir nur noch 48, 24 und 4 Stunden vor unserem Termin den Transit beim Panama Canal Scheduler bestätigen und dann kann es losgehen – wir sind gespannt, aber entspannt, schließlich ist die Kanalpassage ein alter Hut für uns!

Hin (37)

Am Dienstag mache ich mich morgens mal wieder, wahrscheinlich zum hundersten Mal, nach Colon auf, um noch die letzten Besorgungen zu machen. Ich brauche ein paar Schrauben und anderen Kleinkram, dafür geht mal wieder der halbe Tag drauf. Mein Gott, wie mir die Fahrt im Marinabus mittlerweile auf die Nerven geht! Ich kenne inzwischen jedes Schlagloch, jeden Buckel auf der Strecke. Vor allem die Warterei am Kanal oder vor der Fähre machen mich geradezu wahnsinnig! Ich weiß gar nicht, wie viel Zeit wir hier in Panama mit Warten verbracht haben. Andere schreiben in der Zeit eine Doktorarbeit oder gewinnen einen Krieg. Eine Stunde später steige ich an der Quatro Alto Mall aus, die kann ich auch schon nicht mehr sehen! Ich vermisse das herrlich abwechslungsreiche Santa Marta. Hier gabe es auch nach fünf Monaten immer noch was Neues zu entdecken, aber hier!? Während ich in Colon herumhänge, meine Einkäufe sind nach 20 Minuten erledigt und ich kann nun zwei Stunden auf den Bus warten, nimmt Antje unsere Fender und Leinen entgegen. Vier 38 Meter lange Leinen sind ein ganz schöner Haufen, die Fender entpuppen sich als alte Autoreifen, die immerhin mit neuen Mülltüten umwickelt sind. Mit dem ganzen Zeug auf dem Deck, sieht unsere Auriga wie eine schwimmende Müllhalde aus, aber das passt ja irgendwie zu Colon …

Ungeziefer (4)

Am Nachmittag klebe ich die Halterung für die Dieselkanister ein, danach sind Birger und ich noch voll elektrisch und führen ein paar kleinere Reparaturen durch. Felix, der seit Weihnachten Ferien hat, hängt in der Captainslounge ab und surft ausgiebig im Internet, während Antje mit Waschen beschäftigt ist. Danach schwelgen Birger und ich bei einem Glas Wein in Erinnerungen und schon ist die Sonne wieder untergegangen. Mittwochmorgen ist Ungezieferalarm an unserem Steg und ich spreche nicht von den allgegenwärtigen, kleinfingerlangen, amerikanischen Monsterkakerlaken, sondern von Jorge, dem fast drei Meter langen Marinakrokodil. Wir warten schon seit Wochen darauf, dass wir ihn endlich zu sehen bekommen. Nur einige Meter von unserem Boot entfernt hängt die Panzerechse faul auf einem Stein herum. Jetzt ist mir auch klar, warum in der Marinabroschüre ausdrücklich vor gefährlichem Getier gewarnt wird. „Dangers. Apart from the usual marina dangers you should be full aware that we are practically in the jungle. Alligators up to 9 ft, poisonous snakes, toads and frogs invade our new habitat. Keep a special eye on your inquisitive pets and children!. In the last 6 years 2 pets have died very quickly from contact with a poisonous frog …!“ Jorge macht allerdings einen ziemlich satten Eindruck und ignoriert die am Steg versammelte Seglergemeinde völlig. Kann ich aber auch verstehen, schließlich stehen nur Erwachsene herum! Nach 15 Minuten hat das Reptil aber genung, gleitet lässig ins Wasser und verschwindet unter einem Busch.

Ungeziefer (3)

Danach wird es aber wieder richtig ernst. Ich rufe die Kanalbehörde an, um unseren Termin für Freitag zu bestätigen. Okay – alles klar, wir sind zusammen mit der SY Nemo gebucht. In 48 Stunden geht’s los. Wir sollen am Donnerstag nach 18 Uhr erneut anrufen, um den Transittermin nochmals zu bestätigen. Hoffentlich wird bis dahin das Wetter wieder besser. Seit Neujahr regnet es wieder jeden Tag. Mal sind es nur ein paar Schauer, mal regnet es fast den ganzen Tag und ich dachte, die Regenzeit wäre inzwischen vorbei – die hat es sich aber offensichtlich anders überlegt! Scheiß Wetter! Außerdem ist es richtig kalt geworden. Die Durchschnittstemperaturen sind auf 24° gefallen, zwar noch keine Lange-Hosen-Temperaturen, aber nah dran. Wir nutzen das schlechte Wetter zum Putzen und Aufräumen. Unsere beiden Linehandler, Alex und Birger, sollten sich schließlich auf unserer kleinen Auriga wohlfühlen. Eigentlich hatten wir geplant, dass einer von uns während der zweitägigen Kanalpassage im Cockpit schläft, aber bei dem Sauwetter – keine Chance. Am Donnerstagvormittag fahren Antje und Felix mit dem Bus nach Colon, um unsere Nahrungsmittelvorräte aufzustocken. Neben unseren beiden Freunden muss auch noch der Kanallotse verköstigt werden. Ich nutze die Zeit um einige Umbauarbeiten im Boot durchzuführen. Im Salon wird der Tisch abgebaut und schon entsteht eine schöne Liegefläche für unsere beiden Gäste. Damit ist das Kreuzfahrtschiff MS Auriga fertig. Danach mache ich unsere Auriga kanalfein und bestücke sie mit den gelieferten Autoreifen.

Am Abend treffen wir uns mit Chris und rufen die Kanlabehörde an. Leider sind denen die Lotsen ausgegangen und unser Tranisttermin wird auf Samstag verschoben! Wir sollen uns morgen um die gleiche Zeit nochmal melden. Dafür haben wir 1000 US hingelegt? Aber was soll´s, wir können nichts machen. Dann warten wir halt noch einen Tag, macht ja nix …! Eigentlich bin ich nicht enttäuscht, weil Ablegen an einem Freitag ja sowieso Unglück bringt. Wahrscheinlich hätten wir am nächsten Tag nur die Schleusentore oder einen Frachter demoliert und dann wäre unser 800 US Deposit sicher futsch gewesen! Schlagzeile in „Panama Today“ am nächsten Tag: Frachtschiff sinkt nach Kollision mit Segelboot! Kapitän leugnet jede Beteiligung, Freitag war Schuld …, den geplanten Verabschiedungs-Sundowner verschieben wir auch gleich auf Freitag.

Ungeziefer (1)

Anderntags bestätigt sich die Unglückstherorie mal wieder zu 100%. Seit den frühen Morgenstunden regnet es in Strömen. Innerhalb von wenigen Stunden läuft unser Dinghi bis zum Rand voll, schwimmt aber glücklicherweise noch. Gegen Mittag erreichen uns dann die ersten Ausläufer eines Sturmtiefs vor der Atlantikküste Costa Ricas. Bis zum späten Nachmittag bläst uns der Wind ganz schön um die Ohren. Bei dem Sauwetter lässt sich sogar unser neues Haustier nicht blicken. Herbert ist ein ca. 6 cm großer Gecko, der wahrscheinlich bei unserem letzten Besuch auf den San Blas Inseln unbemerkt eingecheckt hat. Ich habe zwar keine Ahnung, wie er an Bord gekommen ist, aber wir haben ihn mittlerweile adoptiert und er ist in den letzten Wochen bestimmt einen ganzen Zentimeter gewachsen. Alle paar Tage können wir ihn im Cockpit beobachten, wie er herumwuselt – sehr süß! Da unsere Auriga schon seit gestern für die Kanalpassage präpariert ist, gibt es nicht besonders viel zu tun und so schlagen wir die Zeit bis zur nächsten Kontaktaufnahme mit der Kanalbehörde mehr oder weniger gut tot.

Freitag, 18 Uhr. Ich treffe mich mit Chris und wir rufen die Kanalbehörde an. Diesmal geht aber alles gut und unser Termin am Samstag steht. Wir sollem am 6. Janunar um 15:30 Uhr an einem speziellen Ankerplatz (Flats) im Hafen auf den Lotsen warten und dann heißt es bye, bye Atlantik. Du hast uns Stürme, Gewitter und haushohe Wellen geschickt. Wir hatten Angst vor dir, aber haben gelernt mit dir zu leben. Dabei kannst du auch total nett sein. Zwei Jahre haben wir gebraucht um dich niederzuringen und du warst manchmal eine ziemlich harte Nuss. Wollen mal sehn, ob dein großer Bruder weniger launisch ist, altes Miststück. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass wir uns irgendwo mal wieder treffen werden! Wenn keine wirklichen Katastrophen mehr passieren, gibt es im nächsten Blog bereits die ersten Abenteuer aus dem Pazifik …..

Fair winds und bis bald,

eure Atlantikbezwinger von der Auriga

Tanker MS Auriga

Neujahr (20)

Am Montag nach Weihnachten haben alle bis auf Felix erstmal einen dicken Kopf und wir brauchen den ganzen Tag um uns zu erholen, aber das war´s wert! Wir haben schon lange nicht mehr so viel gelacht. Am nächsten Tag ist aber Schluss mit lustig, weil unser malader Chinese (Außendbordmotor) unters Messer muss. Obwohl ich auf den San Blas Inseln einen Benzinfilter eingebaut habe, hat er uns zwei Tage später zum x-ten Mal im Stich gelassen. Was ich jetzt brauche ist professionelle Hilfe. Ich frage Chris (Maschienenbauingenieur), ob er sich des Problems annehmen könnte. Er ist Willens, kurz darauf ist der Motor an Land und wir, respektive Chris beginnt mit den ersten Tests. Der eigentliche Motor schein nicht das Problem zu sein, die Kompression stimmt, die Ventile schließen, aber irgendwie will der Motor nicht starten. Chris öffnet den Vergaser, spritzt ein bisschen Treibstoff ein und … wieder nix? Okay, vielleicht ist ja die Zündkerze defekt. Beim anschließenden Test derselben lässt sich kein Funke erzeugen. Offensichtlich liegt hier das Problem. Wir bauen den Tank aus und begutachten den Elektromagnet – sieht eigentlich alles gut aus. Dann fällt Chris auf, dass der Starter einen Unterbrecher hat, natürlich, ich habe vergessen, den Quickstopp einzustecken. Nein,nein, nein … ich werde blass und fühle mich wie ein kompletter Vollidiot! Heute ist nicht mein Tag.

Neujahr (1)

Zwanzig Minuten später ist der Motor wieder zusammengebaut, Quickstopp steckt und er springt sofort an. Ich möchte am liebsten im Boden versinken und zwar augenblicklich! Der Australier testet noch dies und das, aber irgendwie scheint es kein echtes Problem zu geben. Trotz sinkender Glaubwürdigkeit interveniere ich energisch, dass der blöde Chinese nicht richtig laufen will. Für eine weitere Untersuchung muss der Chinese ins Wasser. Kein Problem! Nach zehn Minuten hängt der Außenbordmotor am Dinghi und wir lassen ihn laufen. Nach ein paar Minuten säuft er erfreulicherweise ab. Mich überkommt ein gewisses Hochgefühl! Ich habe doch Recht! Allerdings weist mich Chris darauf hin, dass der Benzinhahn geschlossen ist. Okay, ich habe keine Ahnung von diesem Scheißmotor, werde trotz meiner Sonnenbräune rot wie eine Tomate und möchte mich am liebsten im Hafenbecken ertränken. Oh Gott, die ganze Geschichte ist mittlerweile echt peinlich! Irgendwie ist immer noch nicht mein Tag. Ich öffne den Benzinhahn, der Motor springt an und ich drehe ein, zwei Runden im Hafen. Kaum bin ich in unserer Boxengasse zurück, säuft der Motor ohne erkennbare Ursachen doch noch ab – puh! Ich habe doch Recht! Zurück an Land beratschlagen Chris und ich das weitere Vorgehen, alles natürlich in englisch. Ich verstehe zwar nur die Hälfte, aber auf alle Fälle muss eine neue Zündkerze (spark plug) her, bevor an eine weitere Reparatur zu denken ist. Okay, das krieg ich auf alle Fälle hin!

Neujahr (8)

Da ich nicht schon wieder mit dem Bus nach Colon fahren will und wir, die Samantha- und die Nemocrew sowieso am Donnerstag nach Panama City wollen, wird die Operation Chinese erstmal ins neue Jahr verschoben. Jaja, manana, manana wird langsam auch meine Lebensphilosophie! Mittwoch ist dafür unser Ferryman dran. Vor der Kanalpassage möchte ich noch einen Ölwechsel machen und den Ölfilter tauschen. Das Motoröl abzulassen ist kein Problem, schließlich ist dafür eine spezielle Pumpe am Motor angebracht. Der Ausbau des Ölfilters ist allerdings ein echtes Problem. Das Scheißding will sich einfach nicht lösen. Ich könnte zwar einen Schraubenzieher in den Filter hämmern (liebe Grüße an Sven, ich hab´s nicht vergessen) und den Filter dann lösen, aber das macht eine höllische Sauerei. Also konsultiere ich erneut Chris, in der Hoffnung er kann mir wieder helfen. Der Wahl-Aussi lässt sich nicht lange bitten, kommt mit und kann nach einigen Versuchen unter wüsten Verwünschungen den blöden Ölfilter entfernen. Vielen Dank für die erneute Hilfe! Allerdings habe ich keinen Ersatzfilter und da es noch nicht Mittag ist, beschließe ich mit dem Bus um 13 Uhr doch noch nach Colon zu fahren. Ich packe den Filter ein und klappere damit mehrere Ersatzteilläden ab. Natürlich ist wieder Mal alles äußerst schwierig. Die ersten drei Läden können mit dem begehrten Ersatzteil nicht aufwarten, im vierten werde ich dann endlich fündig. Für zwei Filter bezahle ich 10 US, die nächsten grauen Haare sind wie immer umsonst und der Bus zurück in die Marina ist auch schon weg!

Weil es jetzt sowieso schon Wurst ist und ich nur mit dem Taxi in die Marina zurück komme, fahre ich ins „Do-It Center“ (Baumarkt), um Dieselkanister zu besorgen. Leider beträgt die Tankkapazität der Auriga nur 100 Liter, damit komme ich maximal 200 Seemeilen weit. Von Panama City nach Salinas (Ecudaor) sind es aber 600 Seemeilen und um dieses Jahreszeit kann es gut sein, dass ich die ganze Strecke motoren muss und das entgegen den Südäquatorialstrom. Also brauche ich deutlich mehr Sprit an Bord. Im Do-It-Center werde ich nicht fündig, alle Kanister sind ausverkauft! Saustall! Zurück zur Quatro Alto Mall, hier kenne ich zwei Läden, die 20 Liter Kanister verkaufen. Im ersten das gleiche Spiel – alle Kanister sind weg!? Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die ganze Welt gegen mich verschworen hat. Im zweiten Laden habe ich allerdings Glück und erstehe insgesamt 11 Kanister. Die Dame hinter dem Tresen fragt zwar mindestens fünf Mal nach, aber ich bin fest entschlossen elf Kanister zu erstehen. Achselzuckend begibt sie sich ins Lager und schleppt kurz darauf die gewünschte Ware an – Irre Gringos! Mit dem Taxi geht es zurück in die Shelter Bay und ich habe für heute die Schnauze voll.

Donnerstag geht es am frühen Morgen zuerst mit dem Marinabus zum Busterminal nach Colon und anschließend mit dem Expressbus nach Panama City. Drei Stunden später steigen wir an der Albrock Mall aus. 700 Läden laden uns zum unkontrollierten Shoppig ein. Wir teilen uns in kleinen Gruppen auf und die Jagd kann beginnen. In zwei Stunden wollen wir uns spätestens wieder treffen. Lustigerweise ist das letzte Ziel jeder Gruppe natürlich der …. der Baumarkt! Jaja, ein gut sortierter Baumarkt ist für kostenbewusste Segler der Himmel auf Erden. Irgendetwas kann man immer brauchen! Neue Spanngurte, ein spzielles Werkzeug oder, oder ….! Anschließend sind alle hungrig, aber die drei Food Courts in der Albrock Mall sind dermaßen überlaufen, dass wir beschließen ins Hotel zu fahren. Während die Zimmer für die Samantha- und die Nemocrew schon bezugsfertig sind, müssen wir uns mal wieder in Geduld üben. Nach weiteren 20 Minuten habe ich keinen Bock mehr und wir verlegen uns ins Restaurant im 6. Stock für einen kleinen Snack. Eine Stunde später können wir unser Zimmer entern! Die zwei Kingsizebetten versprechen allerdings eine angenehme Nachtruhe.

Am Nachmittag machen wir uns im Taxi in die Altstadt auf. Taxifahren ist in Panama City ein besonderes Erlebnis, vor allem weil der Preis vor jeder Fahrt ausgehandelt werden muss. Normalerweils bezahlt man für eine Fahrt innerhalb der Stadt 3 bis 5 US, aber der eine oder andere dreiste Taxler verlangt schon mal 15 US für eine Fahrt. Bei den Preisverhandlungen werden alle Register gezogen. Die Fahrer verweisen gerne auf den Verkehr, Regen kann auch schon mal einen Zuschlag wert sein! Da wir zu siebt sind und immer zwei Taxis brauchen, entwicklet sich nach einigen Fahrten ein regelrechter Wettkampf, wer den besten Preis aushandeln konnte – sehr lustig. Nach dem ersten Tag steht es unentschieden! Wir schlendern ein bisschen durch die Altstadt Panamas, besuchen das französische Viertel, bewundern die spanische Kolonialarchitektur und lassen uns gemeinsam einen Sundowner über den Dächern des historischen Zentrums schmecken. Danach muss aber was Richtiges zum Essen her. Wir fragen uns zur einer Pizzeria durch, werden von einem freundlichen Panamaer ins „Coliseum“ gelotst und verbringen einen ausgesprochen netten Abend zusammen.

Neujahr (9)

Anderntags ist aber Schluss mit Sightseeing, wir sind auf Geschäftsreise und haben einiges zu erledigen. Die Mädels und Felix gehen wieder shoppen, während Birger, Chris und ich mal wieder in Sachen Ersatzteilbeschaffung unterwegs sind. Unser erstes Ziel ist die „Islamorada“, ein Laden, in dem es Seekarten und Törnführer zu kaufen gibt. Ich brauche dringend eine Übersichtskarte vom Südpazifik, sowie ein, zwei Detailkarten. Wir brechen gegen 9 Uhr auf, schnappen uns das erste Taxi und los geht’s. Der Taxler ist unglaublich gesprächig, allerdings nur auf spanisch!. Chris, auf dem Beifahrersitz, bekommt die geballte Ladung spanischer Konversation voll ab. Nach ca. fünf Minuten können wir den Ausführungen des Fahrers nicht mehr folgen. Interessant wird es aber, als wir an ein paar Nutten vorbeifahren. Daraufhin betet der Taxler alle möglichen Preise herunter. Soweit wir verstehen sind die Venezuelanerinnen am billigsten, danach kommen die Damen aus Kolumbien und, und ….! Chris, als direkter Ansprechpartner nickt immer verständnisvoll – si, si, no, si, si – während Birger und ich zunehmend das Gefühl haben unser Fahrer setzt uns jetzt gleich am nächsten Puff ab. Stattdessen fährt der Gute völlig ziellos durch die Stadt, nach drei Nachfragen findet er endlich den gesuchten Kartenladen und wir steigen mit blutenden Ohren aus – geschafft!

Nachdem wir uns durch einen riesigen Stapel von Seekarten gewühlt, ich meine Übersichtskarte gefunden habe, geht es weiter zur Flamanco Marina. Hier sollen ein paar Marineläden sein, die uns hoffentlich die begehrten Ersatzteile bescheren werden. Nach und nach klappern wir die einzelnen Geschäfte ab und werden sogar weitgehend fündig. Bisher hat sich unsere Geschäftsreise echt gelohnt. Ich schlappe noch ins Marinaoffice und erkundige mich nach den Liegeplatzgebühren. 350 US für eine Woche sind zwar kein Schnäppchen, aber noch halbwegs akzeptabel und die Marina sieht wirklich sehr gepflegt aus. Eigentlich wollten wir ja ankern, aber Alex und Birger, unsere Linehandler, werden nach der Kanalpassage noch ein, zwei Tage bei uns bleiben und wenn keiner von Bord kann, ist es einfach zu eng auf unserer Auriga. Außerdem fliegen Antje und Felix ein paar Tage später nach Deutschland zurück und das ganze Gepäck mit dem Dinghi anzulanden ist auch kein echter Spaß. Per Pedes geht’s zum nächsten Yachthafen um die Ecke. Im Nauticshop finde ich sogar eine neue Spitze für meine Harpune! Mittlerweile ist es schon Nachmittag und wir sind geschafft. Eigentlich wollten wir noch ins Discovery Center, dem größten Baumarkt Mittelamerikas, aber der liegt am anderen Ende der Stadt und wir haben absolut keinen Bock mehr.

Den restlichen Nachmittag erholen wir uns im Hotel, weil wir am Abend noch im „Os Segredos da Carne“ zum Essen wollen. Leider war keine Reservierung möglich und so versuchen Alex, Antje, Birger, Felix und ich einfach unser Glück und stehen um Punkt 18 Uhr vor der Tür. Als wir eintreten, behaupten wir einfach ganz frech eine Reservierung zu haben. Natürlich ist diese nicht zu finden, aber nach einer kurzen Diskussion schaltet sich der Chef des Hauses ein und wir bekommen doch noch den ersehnten Tisch in dem brasilianischen Fleischtempel. Wir genießen sowohl das Essen als auch den Abend in vollen Zügen und rollen drei Stunden später aus dem Restaurant. Am Samstag geht es dann wieder zurück nach Colon. Wir brechen um 8 Uhr auf, sitzen ein halbe Stunde später im Expressbus als ich bemerke, dass ich meine schöne 50 US teure Seekarte im Hotel vergessen habe – Scheiße, kann man blöd sein! Ich steige wieder aus, mit dem Taxi zurück ins Hotel, meine Karte ist glücklicherweise noch im Zimmer, zurück zum Busbahnhof und mit dem nächsten Bus nach Colon. Der Tag fängt ja schon wieder gut an! Wenigstens erwische ich noch den Marinabus und treffe die anderen in der Quatro Alto Mall wieder.

Neujahr (12)

Am Sylverstermorgen fährt mich Joachim in seinem Pickup zusammen mit meinen 14 Dieselkanistern zur Tankstelle – Merci nochmal für deine Hilfe! Die Jungs an der Tanke staunen nicht schlecht, als sie die vollbepackte Ladefläche sehen. Zum Glück müssen wir die Kanister nicht abladen, sondern können sie direkt auf der Ladefläche betanken. Eine halbe Stunde später sind alle voll und ich bezahle für 250 Liter Diesel und 20 Liter Benzin gerade mal knapp 150 US – ein echtes Schnäppchen. Jetzt kann es auf nach Ecuador gehen. Ich habe jetzt insgesamt 350 Liter Diesel und 50 Liter Benzin an Bord, damit sollte ich knapp 700 Seemeilen weit kommen. Allerdings müssen die gnazen Kanister erst einmal auf unserer Auriga verstaut werden. In unsere Cockpit-Backskisten passen maximal nur drei Kanister, die restlichen müssen auf dem Deck untergebracht werden. Mit Birgers Hilfe bringe ich ein paar stabile Harken an Deck an und kann damit die restlichen Kanister stabil befestigen. Unsere Auriga sieht jetzt allerdings wie ein Tanker aus!

Am Abend kochen wir zusammen mit unseren Freunden von der SY Samantha, spielen noch ein bisschen Karten, besorgen uns kurz vor 24 Uhr ein paar Drinks im Restaurant und dann, dann ist schon wieder ein Jahr vorbei! Völlig ungewohnt begrüßen wir das neue Jahr ohne Feuerwerk, aber dafür mit lieben Freunden. In diesem Sinne wünschen wir unseren Familien, allen Freunden und Bekannten viel Glück und ein schönes, spannendes, neues Jahr! Unser 2018 wird ganz sicher sehr aufregend!

Fair winds und bis bald,

die Drei von der Tankstelle

Voll im Stress

Stress (2)

Während wir die erste Nacht in der Shelter Bay Marina entspannt schlafen können, leistet die Klimaanlage ganze Arbeit und legt unsere Auriga trocken. Am Morgen beträgt die Luftfeuchtigkeit im Boot das erste Mal seit fünf Wochen wieder weniger als 65%. Wir genießen die neuen Umweltbedingungen und vergammeln das ganze Wochenende. Danach ist aber Schluss mit der Rumhängerei, schließlich gilt es einiges zu organisieren. Während Antje die Heimreise nach Deutschland vorbereitet, Flüge bucht und unsere Einrichtung schon mal grob sichtet, kümmere ich mich um die Kanalpassage und einen Termin auf dem Trockendoch. Das hört sich zwar nicht so dramatisch an, ist es aber, weil wir praktisch alles parallel organisieren müssen und außerdem noch die Weihnachts- und Neujahresfeiertage anstehen Alles hängt vom Rückflugdatum meiner beiden Süßen ab! Wenn Antje einen Flug gefunden hat, können wir einen Termin für die Kanalpassage festmachen. Vor dem Kanaltransit muss das Boot aus dem Wasser und braucht einen neuen Unterwasseranstrich. Dafür müssen wir aber erstmal Antifouling besorgen, usw…

Stress (3)

Nach zwei Tagen Internetrecherche findet Antje einen günstigen Flug am 10. Januar nach München, damit steht unser Zeitfenster, wir haben drei Wochen Zeit, um alles auf die Reihe zu kriegen. Da wir zusammen mit der SY Nemo durch den Panamakanal schleusen wollen, müssen wir zuerst einen Termin finden. Nach mehreren Gesprächen mit Chris und Elayne einigen wir uns auf den 05. Januar. Natürlich kann man am Panamakanal nicht so einfach vorfahren und sich in den Pazifik schleusen lassen. Ganz auf panamaische Art ist ein ausgeklügeltes Anmeldeprozedere nötig (Die Infobroschüre ist 8 Seiten lang!). Als erstes benötigen wir das Formular 4640 E, welches wir im Marinabüro bekommen. Zwei Stunden später ist der Antrag ausgefüllt und kann am Dienstagvormittag zur Panama Canal Company gefaxt werden. Drei Stunden später müssen wir die Behörde telefonisch kontaktieren, damit wir einen Termin mit dem Admeasurer ausmachen können. Jedes Schiff – egal welcher Größe – wird vor der Zulassung zur Kanalpassage inspiziert, vermessen und muss bestimmte Kriterien, wie u.a. ein Mindesttempo von 5 Knoten unter Maschinenfahrt, ein Signalhorn, ein UKW-Radio und eine verschließbare Toilette erfüllen. Wir vereinbaren mit dem Vermesser einen Termin für den nächsten Montag – das hat ja erstaunlich gut geklappt! Wir sollen allerdings am Montagmorgen um 07:30 nochmals anrufen, um den Termin zu bestätigen, okay.

Hin (68)

Jetzt kann ich zur Werft schlappen und einen Termin für das Trockendock ausmachen. Glücklicherweise haben die Jungs Zeit und wir können unsere Auriga am Tag nach der Inspektion herauskranen lassen. Danach haben wir drei Tage an Land, um zu streichen und am Freitag vor Weihnachten geht es wieder ins Wasser. Damit haben wir noch genug Zeit, um unser Weihnachtsfest mit der SY Samantha vorzubereiten. Jetzt muss nur noch Antifouling her und alles ist gut. Von befreundeten Seglern haben wir einen Tipp bekommen, wo wir billiges und gutes Antifouling bekommen. Allerdings bekommen wir nur eine Telefonnummer! Kein Name, keine Adresse, nur eine Telefonnummer – Okay auch egal, was soll´s. Antje ruft an und wir besprechen mit „Don“ Rudolfo unser Anliegen. Alles kein Problem, er hat zwar die gewünschte Farbe nicht mehr auf Lager, kann uns dafür aber ein Eimerchen eines anderen Produktes überlassen! Wir erkundigen uns nach dem Unterschied – nicht ganz so giftig, aber trotzdem ausgesprochen wirksam!. Wir verabreden uns am nächsten Tag vor einem Schuhgeschäft in der Shoppingmall Quatro Altos, sollen ihn um 10:15 Uhr nochmal anrufen und ihm sagen woran er uns erkennen kann! Danach schickt er einen Boten mit dem Antifouling vorbei, den wir natürlich cash bezahlen müssen und dann sind alle glücklich und zufrieden! Irgendwie hört sich das alles super illegal an und wirkt wie ein Drogendeal.

Über Nacht regnet es geradezu sintflutartig und als Antje am nächsten Tag am vereinbarten Treffpunkt ist – schwarzes T-Shirt, roter Rock als Erkennungszeichen – fällt unser Deal förmlich ins Wasser, weil die Freihandelszone überschwemmt ist und Rudolfo sein Lager, Versteck oder was auch immer, nicht erreichen kann. Okay, wir vereinbaren ein zweites konspiratives Treffen für den nächsten Tag. Gleiche Uhrzeit, gleicher Ort! Diesmal nehme ich den Bus nach Colon – rotes T-Shirt, schwarze Hose – bin pünktlich vor dem Schuhgeschäft und rufe den Paten an. Wer, wie, was? Ach so – das Antifouling, alles klar. Hast Du die 500 US in bar dabei? Okay, dann kommt der Fahrer in fünf Minuten vorbei! Zum Glück muss ich mir keine Parole für die Übergabe merken. Ich stehe also maximal unauffällig rauchend vor dem Schuhladen und warte darauf, dass gleich eine schwarze Limousine vorgefahren kommt, die verspiegelten Seitenscheiben einen Spalt heruntergelassen werden, damit ich einen Blick auf die Ware werfen kann, das Geld im weißen Umschlag wird durch den Spalt geschoben, der im halbdunklen Auto nicht erkennbare Typ zählt schnell die Kohle und mein Farbeimer wird beim Anfahren aus dem Auto geworfen – oder so ähnlich. Während ich so vor mich hin fantasiere, passiert die nächsten 15 Minuten allerdings gar nichts! Ich greife wieder zum Telefon und erkundige mich bei Rudolo. Der Fahrer wird doch nicht von der Polizei geschnappt worden sein, oder? Nein, es ist alles okay – mucho traffico – der Fahrer müsste gleich ankommen. Stimmt auch! Als ich aufgelegt habe – interessante Formulierung beim Handy, oder? – kommt ein netter Typ auf mich zu, wir gehen zu seinem Pickup, ich bezahle, bekomme die Farbe und eine ganz offizielle Rechnung. Insgesamt ziemlich unaufregend! Danach schleppe ich den Kübel, der gefühlt ca. 20 kg wiegt, zum Marinabus und fahre zurück.

Stress (13)

Über´s Wochenende sind erstmal reichlich Sozialkontakte angesagt. Wir treffen Joe und Anny von der SY Little Wing und vor allem den allseits hilfsbereiten Joachim, den wir von unserem letzten Aufenthalt bereits kennen, wieder. Außerdem werden wir leibhaftige Zeugen, wie die amerikanische Dauerliegergemeinde im Hafen die Vorweihnachtszeit begeht. Bei dem jeden Sonntag stattfindenden BBQ werden wir bereits mit lustigen Kinderspielen für Erwachsene gequält. In diesem Fall ist es ein Quiz. Ob wir mitmachen wollen oder nicht, interessiert die Veranstalterin – Blondine, wahrscheinlich Ex-Cheerleaderin, Körbchengröße D und Elchgeweih auf dem Kopf – absolut nicht! Auf einem Zettel mit unterschiedlichen Zeichnungen müssen amerikanische Weihnachtslieder erraten werden! „All Christmas songs we know!“ Voll international! Obwohl wir uns standhaft weigern mitzumachen, bekommen wir am Ende eine Tüte Kekse als Trostpreis überreicht. Amerika First and thank you very much! Im Laufe des Abends werden wir in die weiteren geplanten Veranstaltungen eingeweiht. Nächsten Mittwoch ist „White Elephantday“? Eine Woche später wird die schönste Boots-Weihnachtsdekoration prämiert. Am 24. ist Christmas Eve Buffet im Restaurant und am Christmasday eine Potluckparty – Puh, was für ein Gute-Laune-Stress.

Stress (8)

Am Montag wird es dafür wieder spannend, der Inspektionstermin liegt an. Um 07:30 Uhr rufen wir die Kanalgesellschaft an, um unseren Termin zu bestätigen. Allerdings weiß außer uns niemand von der geplanten Vermessung! Wie jetzt? Die Seniorita am Telefon ist freundlich, aber offensichtlich unwissend. Wir sollen in einer Stunde wieder anrufen – Okay! Eine Stunde später das gleiche Spiel. Antje wird mehrfach verbunden und erfährt, dass heute nichts mehr geht. Sie fragt, ob unser Boot auch an Land vermessen werden kann. Das geht natürlich nicht! Daraufhin erklärt sie unsere Situation und die Kanaldame verspricht uns, dass der Vermesser am nächsten Morgen um 08:00 Uhr auf der Matte stehen wird -na hoffentlich. Eigentlich sollte unsere Auriga um 08:30 aus dem Wasser gehoben werden. Also schlappe ich zur Werft, erkläre die Situation und verschiebe den Termin auf 10:30 Uhr! Dienstag, 08:00 Uhr, wir sind bereit! Zwei Tassen Kaffee später, 08;30 Uhr wir warten immer noch! Um 09:00 Uhr rufen wir wieder bei der Kanalgesellschaft an. Sorry, one moment, ah, the Inspector has just arrived at the Marina – okay. Fünf Minuten später steht der Vermesser vor unserem Boot und es kann losgehen.

Stress (1)

Zuerst werden Länge und Breite unseres Bootes ermittelt. Zu unserer Überraschung beträgt die gesamte Länge unseres Schiffs mittlerweile über 34 ft – offensichtlich ist unsere Auriga noch nicht ganz ausgewachsen. Danach gilt es den üblichen Formularkrieg zu bestreiten. Wir bitten den Inspektor in unseren Salon. Kaum sitzt der Gute, bekommen wir schon die ersten Hinweise. Der obligatorische Advisor für die Kanalpassage muss mit einem Frühstück, einem warmen Mittag- und Abendessen versorgt werden! Aha! „A sandwich is not a good meal“! Wir müssen Wasser in Flaschen bereitstellen, für frisches Klopapier und Handtücher sorgen – alles klar, damit wäre dieser Teil geklärt. Danach füllen wir gemeinsam mit dem Vermessr fünf unterschiedliche Formulare, die alle im wesentlichen die gleichen Schiffsangaben enthalten, aus und erhalten jeweils einen Durchschlag der Niederschriften. Alles wird unterschrieben, gegengezeichnet und am Ende erhalten wir unsere „Ship Identification Number“ 6015222. Damit ist unsere Auriga bei der Panama Canal Authority registriert. Sollte das Boot jemals wieder durch den Panamakanal schleusen, muss es nicht nochmal vermessen werden. Ja, wir sind drin! Ich denke gerade damit ist ja alles geklärt, als der Inspektor sein Tablet aus der Tasche zieht und alle Angaben nochmals elektronisch erfasst!!! Nach einer knappen Stunde, es ist kurz vor 10 Uhr, ist alles erledigt und wir in Punkto Kanalpassage einen Schritt weiter. Am nächsten Tag sollen wir die Canalfee von 1850 US in der Citibank Colon bar einzahlen und danach ab 18 Uhr den Panama Canal Scheduler kontaktieren, um einen Termin für die Kanalpassage auszumachen – Okay, manana, manana.

Stress (6)

Während Antje anschließend zur Werft geht um unseren Auskrantermin für 10:30 Uhr zu bestätigen, bereite ich das Boot vor. 30 Minuten später legen wir bei über 20 Knoten Seitenwind ab und erreichen drei Minuten später das Travelliftbecken. Obwohl an unserem Boot zwei Markierungen angebracht sind, wo die Hebegurte zu befestigen sind, schnappt sich Viktor, der Werftmeiser seine Taucherbrille, hüpft ins Wasser und bringt die Gurte eigenhändig an! Super Service, sowas haben wir noch nie erlebt! Eine viertel Stunde später schwebt unsere Auriga aus dem Becken und wird kurz am Beckenrand abgestellt. Das Unterwasserschiff sieht nicht mal so schlecht aus, schließlich haben wir es in den letzen Monaten immer wieder eigenhändig von Seepocken und anderem maritimen Getier befreit. Während der anschließenden Hochdruckreinigung löst sich auch noch weitgehend das alte Antifouling ab und eine dunkelblaue Soße fließt in den Gulli. Nachdem unser Boot fachgerecht aufgebockt ist, gehen wir erstmal ins Restaurant und genehmigen uns einen kleinen Mittagssnack. Glücklicherweise müssen wir die nächsten drei Tage nicht auf der Auriga verbringen, sondern dürfen bei unseren Freunden Alex und Birger auf der SY Samantha nächtigen! Vielen Dank ihr beiden und nochmehr Dank für die ausgesprochen köstliche Verpflegung und die Beaufsichtigung des Nachwuchses in diesen arbeitsreichen Tagen!

Am frühen Nachmittag gibt es kein Halten mehr! Antje startet den großen Putzangriff. Die komplette Inneneinrichtung wird zuerst mit Essigwasser gereinigt und danach mit Holzpflegemittel konserviert. Die Arme braucht zwei Tage für die Komplettreinigung, aber wenigstens hat sie die Klimaanlage. Ich widme mich inzwischen dem Unterwasserschiff. Zuerst wedle ich mit der Schleifmaschine über den alten Anstrich und entferne noch einige Muschel- und Seepockenreste. Danach kann gestrichen werden. Da das neue Antifouling laut Datenblatt bei über 30 °C nur wenige Stunden zum Trocknen braucht, beschließe ich unsere Auriga mit vier bis fünf Farbschichten zu versorgen. Als ich den Eimer öffne, werde ich beinahe von der chemischen Keule, die mir entgegen weht, umgehauen. Noch zwei Atemzüge davon und meine Zeugungsfähigkeit ist endgültig dahin! Offensichtlich befinden sich nicht umsonst  verschiedene Warnpiktogramme auf dem Kübel, aber wenn´s hilft! Wenigstens lässt uns Petrus nicht im Stich, denn es regnet seit zwei Tagen nicht mehr, dafür ist es aber natürlich wieder schweineheiß. Antje und ich werkeln noch bis zum Sonnenuntergang und lassen uns danach kulinarisch von Alex und Birger verwöhnen.

Am nächsten Tag ist ein Frühstart angesagt, weil ich zuerst den zweiten Anstrich aufs Boot pinseln will und danach um kurz vor 8 Uhr zusammen mit Chris zur Citibank nach Colon muss, um die Transitgebühr einzuzahlen. Ich bin um 5 Uhr auf den Beinen, schlappe im Dunklen zum Trockendock und beginne mit einer Stirnlampe ausgerüstet zu streichen. Nach zwei Stunden ist die zweite Schicht drauf und sogar noch eine schnelle Dusche drin. In Colon müssen wir aber beide erstmal Kohle besorgen, da die 1850 US Transitgebühr bar eingezahlt werden müssen. Glücklicherweise lassen sich bereits dem ersten Geldautomaten viermal 500 US mit drei verschiedenen Kreditkarten entlocken! Damit ist meine größte Sorge bereits nach fünf Minuten verblasst. Mit prall gefülltem Geldbeutel – 100 20 US-Noten – geht es via Taxi zur Citibank Colon. Nach der obligaten Durchsuchung der Wachleute vor der Bank, dürfen wir das Geldinstitut betreten. Da die Bankangestellten mit dem Vorgang vertraut sind, ist die Geschichte relativ schnell erledigt. Nur das Geldzählen dauert natürlich seine Zeit. Zwei Zettel, die uns der Vermesser ausgehändigt hat, werden gestempelt und unterschrieben, Quittung dran und wir können abdampfen. Eigentlich beträgt die Kanalgebühr ja „nur“ 1000 US, aber wir müssen ein Deposit von 850 US hinterlegen, falls wir während der Kanalpassage eines der riesigen Schleusentore beschädigen oder einen Tanker versenken! Hoffentlich versiegt unser Kohle nicht in einem dunklen panamaischen Kanal und wird auch wieder rückerstattet.

Stress (12)

Mittags bin ich wieder in der Marina zurück und kann am Nachmittag die dritte Schicht Antifouling auflegen. Antje hat inzwischen wahre Wunder im Inneren unserer Auriga vollbracht und alle Schimmelflecken aus dem Holzinterior entfernt – Super Job, meine Liebe! Am Abend trefffen wir uns wieder mit Chris und rufen nach 18 Uhr die Kanalgeschellschaft an, um unseren Transittermin auszumachen. Wir haben Glück und der 5. Januar ist noch nicht vergeben. Allerdings haben nur wir Glück! Die vormittägliche Einzahlung der SY Nemo ist aus irgendeinem Grund noch nicht im System und Chris soll sich in zwei Stunden nochmals bei der Behörde melden. Letztendlich klappt es dann aber doch und wir können zusammen im Januar durch den Panamakanal schleusen. Jetzt müssen wir nur noch die notwendigen Leinen und Fender besorgen und der Fahrt in den Pazifik steht nichts mehr im Weg, aber das kann bis nach den Feiertagen warten.

Am Donnerstagmorgen geht es mit Putzen und Streichen weiter. Leider reicht das Antifouling nur für vier Lagen, allerdings ist die Schichtdicke mittlerweile auf gut drei mm angewachsen und das sollte doch reichen. Während Antje noch bis zum Abend mit putzen beschäftigt ist, gönne ich mir einen ausgiebigen Nachmittagsschlaf. Eigentlich wollte ich noch ein Seeventil austauschen, aber ich kann das alte einfach nicht lösen. Am Freitag soll unsere Auriga wieder ins Wasser kommen. Ich wache um 5 Uhr morgens auf und das blöde Ventil lässt mir einfach keine Ruhe. Also schlappe ich noch im Dunklen zum Boot und beginne das Scheißding erneut zu bearbeiten! Trotz aller Flüche und Verwünschungen will es sich einfach nicht lockern. Das eigentliche Problem ist, dass ich nur einen 52-iger Schlüssel habe. Um kurz vor 8 Uhr gehe ich zur Werft und frage, ob ich mir einen entsprechenden Schlüssel ausleihen kann. Ein 52-iger ist zwar nicht verfügbar, dafür bekomme ich aber einen riesigen „Engländer“. Schnell zurück zum Boot und das Seeventil ergibt sich widerstandslos – Hurra! Das neue Ventil ist rasch eingebaut und kurz darauf kommen die Werftmitarbeiter und unsere kleine Auriga wird wieder ins Wasser gehievt. Um 10 Uhr können wir an unserem alten Liegeplatz festmachen, wenn alles immer so reibungslos funktionieren würde, hätte ich bestimmt ein paar graue Haare weniger.

Stress (5)

Am Nachmittag machen Antje, Birger und ich noch einen Ausflug nach Colon, um die letzten Geschenke und Einkäufe für Weihnachten zu erledigen. Mittlerweile ist auch Kenneth von der SY Felicia wieder in der Shelter Bay gelandet. Eigentlich wollte der sehr sympathische Däne mit seiner Familie nach Curacao und von dort in die Heimat zurückfliegen. Da wir uns bei unserem zweiten Besuch auf den San Blas Inseln leider verpasst haben, ist die Überraschung natürlich groß. Die Familie ist mittlerweile wieder in Dänemark und der Versuch nach Curacao zu seglen bei den zur Zeit herrschenden Christmaswinds mit bis zu 25 Knoten Wind auf die Nase und vier Meter hohen Wellen einfach zum Scheitern verurteilt. Zwischendurch hatte der Arme auch noch Motorprobleme! Also ist er zurück in die Shelter Bay Marina und wird hier sein Boot an Land stellen, bevor er Ende Dezember zu seiner Familie nach Sonderborg zurückkehrt. Selbstverständlich laden wir Kenneth zu unserem Weihnachtsessen ein. Zusammen mit Joachim, Chris und Elayne sind wir somit eine illustre, internationale, neunköpfige Gesellschaft an Heiligabend – herrlich.

Da am Samstag nichts Besonderes ansteht, beschließe ich noch schnell unseren Kleiderschrank zu renovieren. Das dafür nötige Holz habe ich schon in Santa Marta besorgt, jetzt muss es eigentlich nur noch angepasst, geschliffen und lackiert werden und dann ist der neue Kleiderschrank auch schon fertig. Natürlich habe ich mich vor drei Monaten gründlich vermessen, nichts passt und ich bin mal wieder am Fluchen ohne Ende. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und mit Birgers Stichsäge werden die einzelnen Holzteil auf Maß gebracht. Fünf Stunden später ist es vollbracht, ich bin völlig durchgeschwitzt, aber jetzt passt alles. Danach noch schnell schleifen und die erste Lackschicht drauf. Glücklichweise gibt es in der Marina eine Working-Zone, wo ich die Arbeiten erledigen kann. In der Nacht auf Weihnachten wache ich mal wieder um 3 Uhr auf und bin wach! Da ich nichts Besseres zu tun habe, beschließe ich die Holzteile zum zweiten Mal zu lackieren, warum auch nicht? Bei Sonnenaufgang ist alles fertig und am Mittag kann der neue Kleiderschrank zusammengebaut werden – Sehr schönes Weihnachtsgeschenk!

Stress (15)

Am Nachmittag bereiten wir gemeinsam mit der Samanthacrew unser Weihnachtsmenü vor:

  • Garnelen mit Knoblauch an frischem Pflücksalat

  • Gegrillter Fetakäse mit Tomaten, Zwiebeln und Rosmarin

  • Schinkenbraten mit Bier-Zwiebel-Soße und frischem Brot

  • Bratäpfel mit Vanillesoße

Um 18 Uhr treffen wir uns mit den anderen Crews und verbringen zusammen das bisher schönste Weihnachten unserer Reise. Es wird viel gelacht und genauso viel getrunken, aber alle sind happy! Das Essen war übrigens genauso lecker, wie es sich anhört …

Fair winds und bis bald,

eure Gourmets von der Auriga

Alea iacta est!

Alea (1)

Das Panama einer der neuralgischen Punkte unserer Reise sein würde war ja klar, aber jetzt ist es soweit, Entscheidungen müssen getroffen werden. Schon vor ein paar Monaten haben wir beschlossen, hier am Isthmus von Mittelamerika über unsere weiteren Reisepläne zu entscheiden. In Kolumbien waren alle noch fest entschlossen, in den Pazifik zu gehen, aber Pläne ändern sich halt immer wieder. Nach unserer katastrophalen Fahrt von Santa Marta zu den San Blas Inseln kommt es zur Meuterei! Die Crew hat die Schnauze voll und will nicht mehr weiter – Endstation Panama! Abgesehen von den Strapazen einer Pazifiküberquerung, unserem für drei mittlerweile ausgewachsene Menschen zu kleinem Boot, Antjes Anfälligkeit für Seekrankheit, gibt letztendlich Felix den Auschlag. Das Kind muss zurück nach Deutschland! Der Nachwuchs braucht für eine vernünftige Sozialisierung dringend gleichaltrige Kameraden und einen geregelten Alltag. Während Antje und ich immer wieder neue Bekanntschaften machen und uns nicht über mangelnde Sozialkontakte beschweren können, sieht es für Felix leider schlecht aus. 99% aller Familienboote sind mit Kindern unter zehn Jahren unterwegs und mit denen kann Felix als Teenager einfach nichts mehr anfangen und ständig mit Erwachsenen bzw. alten Säcken herumzuhängen ist für ihn auch nicht so wahnsinnig spannend. Obwohl er mittlerweile durchaus gelernt hat sich selbst zu beschäftigen, ist ihm doch immer öfter langweilig. In den letzten drei Jahren haben wir nur zwei Familien mit gleichaltrigen Kids kennengelernt und das ist einfach zu wenig für den armen Tropf. Wir als Eltern haben uns das vor Beginn der Reise zwar anders vorgestellt, aber so ist nun mal die Realität und davor können wir die Augen nicht mehr verschließen, selbst ich nicht!

Alea (4)

Also beschließen wir, zu meinem Leidwesen, dass Antje und Felix Anfang 2018 nach Deutschland zurückkehren, damit sind die Würfel gefallen! Wie am Anfang der Reise versprochen, wollen wir in unsere alte Heimat zurückkehren und Felix soll nach den Faschingsferien wieder in die Schule gehen. Da wir ihn im letzten Jahr sowieso mit Gymnasialstoff gequält haben, nehmen wir mit einem Gymnasium in Kaufbeuren Kontakt auf und schildern unsere Situation. Zu unserer Überraschung sind die Leiter des Lehrinstitutes sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Felix wird zwar im Vorfeld in Deutsch, Englisch, Französisch und Mathematik einen Leitungsnachweis erbringen müssen, aber wenn alles klappt, kann er im zweiten Halbjahr 2018 ins Gymnasium gehen – damit wäre das erste Problem gelöst. Anschließend aktiviert Antje die Stöttwanger „Müttermafia“ bezüglich einer Wohnung. Die Landeier nehmen die Sache in die Hand und nach ein paar Wochen liegen die ersten Angebote auf dem Tisch respektive im Postfach. Letztendlich wird es auf ein kleines Häuschen in Stöttwang/Thalhofen rauslaufen, aber die beiden sind mit Wohnraum versorgt! Parallel dazu kümmert sich Sven um einen neuen fahrbaren Untersatz. Vielen Dank vor allem an Marlene, Sabine, Sven und Andreas für eure unschätzbare Hilfe bei der Reintegration meiner beiden Süßen. Nachdem wir in der Shelter Bay angekommen sind, organisiert Antje zwei Flüge und am 10.01.2018 geht es von Panama City zurück nach München – Schniff …!

DCIM100MEDIA

Rückblickend wäre es für das Kind wahrscheinlich besser gewesen schon 2013 aufzubrechen oder erst nachdem er mit der Schule fertig gewesen wäre oder wir hätten im Frühling 2017, wie die meisten anderen nach Europa zurücksegeln sollen oder …! Tja, hätte, hätte Fahrradkette…! Also was tun und vor allem wohin mit dem Boot? Eigentlich ist klar, dass wir unsere Auriga verkaufen wollen. Ich könnte das Boot also im Frühling im Windschatten der SY Samantha zurück auf die Westindies segeln und danach via Frachtschiff nach Europa transportieren lassen, aber das würde uns locker 10.000 Euro kosten – Autsch? Und danach? Das Boot muss irgendwo geparkt und bis zum Verkauf gepflegt werden, was wiederrum viel Zeit und Kosten in Anspruch nehmen würde. Zusätzlich ist der Bootsmarkt in Europa für kleine Boote schlecht, da hier vor allem größere und damit komfortable Yachten für die Küstengebiete gesucht werden. Und unsere Auriga in irgendeinem Hafen langsam verrotten zu lassen oder für einen Spottpreis zu verkaufen ist auch nicht in meinem Sinne! Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Reise für mich noch nicht zu Ende ist. Jetzt abzubrechen würde mich nachhaltig unzufrieden machen, ein Ozean muss schon noch drin sein. Außerdem, so nahe wie jetzt werde ich dem Pazifik in meinem Leben wahrscheinlich nicht mehr kommen und nach diesem Abenteuer bin ich persönlich mit dem Segeln sowieso durch!

Alea (2)

Glücklicherweise sind hochseetaugliche Yachten im Südpazifik gesucht und die Chance unsere Auriga in Fidschi, Neukaledonien, Neuseeland oder Australien an den Mann zu bringen damit deutlich höher, vor allem da wir uns yachttechnisch im Niedrigpreissegment bewegen. Also Leinen los und weiter nach Westen! Ich bin jedenfalls entschlossen! Allerdings traue ich mir als unerfahrener Einhandsegler die 3500 Seemeilen bis nach Französisch Polynesien nicht zu, was bedeutet, eine neue Crew muss her. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Wer hat schon kurzfristig zwei Monate für ein kleines Abenteuer Zeit? Trotzdem schreibe ich, ohne große Erwartungen, drei, vier E-mails an ein paar befreundete Segler und warte einfach mal ab, schließlich habe ich noch beinahe zwei Monate Zeit mir etwas zu überlegen. Zu meiner Überraschung löst sich das Problem innerhalb von einigen Tagen. Mein ungarischer Freund Balu von der Blam III, den wir in Gibraltar kennengelernt haben und mit dem wir bis Gran Canaria gesegelt sind, ist von meinem Angebot begeistert – „Pazifik war schon immer mein Traum“. Ich bin völlig überwältigt, damit hätte ich absolut nicht gerechnet! Einige E-Mails später ist die Sache geritzt, Balu kommt mit! Als erfahrener Segler, Chefkoch in einem Südtiroler Hotel und begnadeter Angler ist er eine echte Traumbesetzung. Er wird Anfang März in Ecuador zu mir stoßen und mich Anfang Mai in Tahiti wieder verlassen. In den zwei Monaten gilt es zwar 5000 Seemeilen wegzusegeln, aber ich freue mich trotzdem tierisch! Besonders, weil ich als ausgemachter Gourmet natürlich einige Hoffungen hege was die Verpflegung angeht …. und außerdem ist es bestimmt spannend, einem professionellen Koch mal länger auf die Finger schauen zu können!

Alea (3)

Bis Ecuador ist es allerdings noch ein weiter Weg. Glücklicherweise haben unsere australischen Freunde Chris und Elayne von der SY Nemo die gleichen Pläne und ich muss mich nicht alleine bis nach Salinas In Süden Ecuadors durchschlagen. Bevor es aber losgeht, gibt es mal wieder einiges zu erledigen. Unsere Auriga braucht einen neuen Unterwasseranstrich, die Kanalpassage muss organisiert werden und die permanente To-Do-Liste sprengt auch schon wieder eine ganze DIN A4 Seite! Weihnachten und Neujahr stehen vor der Tür. Außerdem muss ich Abschied von Antje, Felix und der liebgewonnenen Samanthacrew nehmen, das wird bestimmt nicht leicht …

Fair winds, bis bald und frohes Fest,

eure Weihnachtsmänner von der Auriga

San Blas Inseln – Hin und wieder zurück …

Hin (24)

Nach meiner 24-stündigen Odyssee in Panama City ziehe ich alle Register und beginne vorsichtshalber eine duale Antibiotikatherapie mit „Alles tot“ und „Hau drauf“, dazu ein Kübel Fiebersenker und natürlich was für den Magen und schon ist Besserung in Sicht. Nach drei Tagen ist das Fieber weg und ich fühle mich deutlich besser. Da die Antibiotika anschlagen, fallen wenigstens einige für Panama typische Tropenerkrankungen, wie Dengue-Fieber und die Chagas-Krankheit als Ursache aus. Gegen Tollwut und Gelbfieber bin ich geimpft, Malaria spricht auf die verabreichte Giftmischung nicht an und somit bleibt nur ein bakterieller Infekt als Ursache übrig! Bei der von mir gewählten Antibiotikakombination haben die ungebetenen Einzeller allerdings keine Chance mehr und ich bin nach einer Woche wieder auf dem Damm. Was letzlich die Ursache war bleibt zwar im Dunkel, aber egal, nur das Ergebnis zählt und wer heilt hat Recht – in diesem Fall also ich!

Bevor wir Nomolulu verlassen, werden wir noch Zeuge von Müllentsorgung auf Kuna-Art. In den nahegelegenen Mangroven legen zwei Kanus an und werfen ca. 20 große Mülltüten mitten in die ufernahe Vegetation – Shocking! Als überzeugte Mülltrenner können nur mühsam unser Entsetzen über das Schauspiel unterdrücken. Andererseits haben die hier lebenden Kunas mit Sicherheit andere Sorgen als eine umweltverträgliche Müllentsorgung nach westlichem Stil! Jetzt verstehen wir auch, warum im morgendlichen Funknetz (Panama-Net auf SSB 8137 Hz) die neu ankommenden Segler davor gewarnt werden, den Einheimischen den anfallenden Müll zu überlassen. Das Funknetz wird von einigen amerikanischen Dauerliegern betrieben und bietet immer wieder ganz gute Informationen rundum das Archipel. In der täglichen Funkrunde kann sich jeder melden, Fragen stellen oder Aufrufe tätigen. Häufig geht es um Reparaturen jeder Art, aber auch absolute Notfälle, wie die nicht mehr funktionierende Eiswürfelmaschine! werden thematisiert.

Die zwei Seemeilen bis Carti Sugdup motoren wir auf einer Backe. Eine dreiviertel Stunde später ankern wir direkt vor der bewohnten Insel. Da uns der Wind mit fast fünf Beaufort um die Nase weht und eine ziemlich unruhige See verursacht, verschieben wir unseren Ausflug auf die Insel erstmal auf den nächsten Tag – wir wollen ja trockenen Hinterns auf die Insel kommen. Am Nachmittag ist wie fast jeden Tag der obligate Regenschauer angesagt. Also verbringen wir einen gemütlichen Tag an Bord und schmeißen das Bordkino an. Nach einer gut durchgeschüttelten Nacht, hat sich das Meer am nächsten Morgen beruhigt und gibt sich mal wieder total unschuldig, das alte Miststück. Wir satteln unser Mixeddinghi (Zweitaktmotor von der Samantha und unser Beiboot), motoren ein paar Meter und können direkt am „Tante Emma Laden Deluxe“ anlegen. Das Angebot ist überraschend vielfältig. Neben den typischen Konserven, trockenen Bohnen und Reis finden wir auch reichlich frisches Obst und Gemüse sowie haufenweise Eier. Bevor wir allerdings zuschlagen, wollen wir erst noch das Dorf erkunden.

Alle bewohnten Kunadörfer sind praktisch bis auf den letzten Quadratzentimeter mit unterschiedlichen Hütten bebaut, aber hier auf Carti Sugdup ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Platz mehr. Die Wege zwischen den Behausungen sind schmal, jede zweite Hütte bietet entweder Lebesmittel, Molas oder Kinderspielzeug an, was sicher daran liegt, dass in der Hauptsaison – also in der Nicht-Regenzeit – hin und wieder Kreuzfahrtschiffe in der Nähe ankern und die Insel dann mit Touristen geflutet wird. Allerdings verkraftet die kleine Insel keine 3000 Menschen gleichzeitig, also werden die Kreuzfahrer laut unserem Guide in mehreren Schichten auf die Insel befördert. Aus diesem Grund gehören die Carti Islands auch zu den „buisiest parts of the San Blas Islands“ und sind nebenbei noch Zentrum der Molaproduktion. Molas sind typische Nähkunstwerke der Kuna-Indianer. Sie bestehen aus Stoffresten, die in zwei bis sieben Lagen miteinander vernäht werden und durch Heraustrennen und Umnähen von einzelnen Flächen ein Motiv ergeben. Die Qualität der Molas ist abhängig von der Anzahl der verwendeten Stofflagen, der Feinheit der Nähstiche und der Gleichmäßigkeit der Nähte. Die Nähkunstwerke werden auf Vorder- und Rückseite von Blusen genäht und sind Teil der typischen Tracht der Kunafrauen. Die klassischen Molas sind vor allem durch geometrische Muster gekennzeichnet, aber auch moderne dem Geschmack der Touristen angepasste Motive sind erhältlich.

Hin (7)

Am Ende der Insel kündigt eine große Tafel überschwänglich ein Museum an. Selbstverständlich wollen wir da rein! Nach ein paar Minuten haben wir die windschiefe Hütte gefunden. Im Fenster sehen wir einige Seewasserschneckenhäuser liegen, durch die offene Tür können wir im Inneren ausgestellte Molas ausmachen. Bei einem Eintrittspreis von 5 US pro Person, entschließen wir uns spontan gegen einen Besuch des ca. 10 qm großen Museums und machen uns auf den Rückweg. Obwohl ein Drittel der Insel aus Läden besteht, ist es leider nicht möglich, frisches Backwerk zu organisieren – manana! Zurück im Supermarkt wird erstmal kräftig frische Ware eingekauft. Wir haben allerdings so viele Lebensmittel erstanden, dass Felix uns in zwei Etappen auf die Boote bringen muss! Gegen Mittag ist alles verstaut und wir können zu den Lemon Cays aufbrechen.

Die Lemon Cays bestehen aus mehreren Inseln und gehören zu den am besten touristisch erschlossenen Inselgruppen der San Blas Inseln, was bedeutet, es gibt hier ein Hotel mit Restaurant. Die einzelnen Lodges stehen auf Stelzen im Wasser und sehen wirklich hübsch aus. Allerdings wird nur der Teil der kleinen Insel gepflegt der auch benützt wird, der Rest vegetiert mehr oder weniger als Müllhalde vor sich hin. Die Einfahrt in das Archipel nicht ganz ohne! Obwohl die flachste Stelle laut Karte immerhin drei Meter beträgt, fahren wir mit äußerster Vorsicht zwischen den einzelnen Untiefen hindurch, aber alles geht gut und wir erreichen heil unseren Ankerplatz, zwischen den Inseln Tiadup, Miriadup und Nagurchirdup. Diese Inselgruppen können trotz Karte nur am Nachmittag angelaufen werden, weil man dann die Sonne im Rücken hat und dadurch bis auf den Grund sehen kann. Wenn vormittags das Licht von vorne kommt, reflektiert das Wasser so stark, dass man den Meeresboden nicht sehen kann – kleiner Tipp, falls es mal einen unserer Leser hierher verschlägt.

Da es ausnahmsweise am Nachmittag mal nicht regnet, motoren die anderen mit dem Dinghi zum Außenriff und schnorcheln ein bisschen. Ich bin immer noch auf Antibiose und bleibe deshalb mit Felix an Bord. Die Unterwasserwelt ist durchaus sehenswert und noch halbwegs intakt. Antje, Alex und Birger treffen die üblichen Bekannten unter der Oberfläche, sehen einige große Rochen durchs Wasser schweben und genießen das Bad im warmen Meer. Am späten Nachmittag bekommen wir dann noch von einer alten Kuna-Indianerin Besuch. Soweit wir verstehen, ist sie drei Stunden lang mit dem Kanu von Carti bis hierher gepaddelt, um ihre Molas an den Segler zu bringen. Wir bitten die Dame an Bord und lassen uns die Nähkunstwerke präsentieren. Die arme Frau hat vor einem Monat ihren Mann verloren und muss nun ganz alleine die 18-köpfige Familie ernähren! Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Verkaufsstrategien auf der ganzen Welt die gleichen sind! Mitleid, Armut und Not ziehen immer! Okay, wir entschließen uns zwei, wirklich schöne Molas zu kaufen, aber die Alte hat noch einen ganz anderen Trick auf Lager – Sie will einfach nicht gehen! Offensichtlich nehmen wir ihr nicht genung Ware ab und sie bleibt in den Himmel starrend einfach sitzen. Sitzstreik als Verkaufsargument, damit sind wir absolut überfordert. In Anbetracht der ausgeklügelten Verkaufsstrategie des alten Miststücks, nehmen wir ihr noch eine weitere Mola ab. Allerdings wird es bei den Preisverhandlungen jetzt echt schwierig. Die Gute kann absolut nicht rechnen. Eigentlich will sie für jede Mola 25 US haben. Wir geben ihr drei 20 US-Noten, einen Zehner und einen Fünfer. Sie legt daraufhin 20 US plus den Fünfer auf die erste Mola, danach wird es aber äußerst diffizil, weil man die restlichen Geldscheine nicht gleichmäßig auf die zwei verbleibenden Molas verteilen kann. Also beschließt die Dame einfach den Preis zu erhöhen und verlangt nun 30 US pro Mola, weil sie gesehen hat, dass wir jeweils drei Zehner und drei Zwanziger haben. Die Situation ist so absurd, dass ich schließlich aufgebe und der armen Frau – schließlich eine alleinerziehende Mutter von 18 Kindern! – insgesamt 90 US in die Hand drücke, damit sie endlich unser Boot verlässt und in ihrem Kanu abzieht, was für eine abgezockte Sozialterroristin. Immerhin kann ich sie noch zwingen, sich fotografieren zu lassen, wenigstens ein Teilerfolg für uns!

Mittlerweile sind auch Chris und Elayne von der SY Nemo, die wir in Santa Marta kennengelernt haben, auf den San Blas Inseln angekommen und liegen nur einige Seemeilen entfernt in den Eastern Hollandes Cays. Da mein Geburtstag in zwei Tagen ansteht, wollen wir uns mit den Australiern in den Central Hollandes Cays treffen und gemeinsam feiern. Allerdings macht uns das Wetter mal wieder einen Strich durch die Rechnung! Es regnet zwei Tage lang in Strömen und an eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. Aber was soll´s, warum sich die gute Laune verderben lassen! Während einer Regenpause entern wir gemeinsam mit unseren Freunden Alex und Birger an meinem Geburtstag das Restaurant und lassen uns Oktopussalat mit Knoblauch schmecken. Danach geht’s auf die SY Samantha und wir verbringen nach Kaffee und Kuchen einen fröhlichen Nachmittag mit Kartenspielen. Übrigens vielen Dank für den schönen Tag und die vielen Geschenke meine Lieben!

Was uns allerdings die Laune auf den Lemon Cays gründlich verdirbt sind die Sandfliegen. Während nach jedem Regenschauer der Strand und die Hotellodges ausgeräuchert werden, haben wir mit den restlichen Sandfliegen zu kämpfen. Die kleinen Mistviecher werden vom Wind auf unser Boot getragen und scheinen vor allem in den frühen Morgenstunden reichlich Appetit zu haben. Die nur ein bis zwei Millimeter großen, schwarzen Fliegen sind kaum zu sehen, passen durch jedes Moskitonetz und scheinen über T-Rex-artige Beißwerkzeuge zu verfügen. Jeder Biss ist eine echte Höllenqual! Wir müssen unbedingt weg und die Flucht ergreifen…

Am nächsten Tag hört es endlich auf zu regnen und wir verlagern uns in die Central Hollandes Cays. Kaum haben wir unseren Anker geworfen, kommt schon Chris als Begrüßungskomitee von der SY Nemo im Dinghi angerauscht. Ich bekomme eine Zigarre als nachträgliches Geburtstagsgeschenk und wir tauschen die neusten Informationen bei ein, zwei Bierchen aus. Die nächsten Tage statten wir uns gemeinsam mit der Samanthacrew gegenseitig Besuche hab, sofern es nicht regnet. Während wir bei unserem ersten Aufenthalt auf den San Blas Inseln wirklich Glück mit dem Wetter hatten, scheint unser zweiter Besuch unter keinem guten Stern zu stehen. Im Urlaub macht mir schlechtes Wetter ja nichts aus, aber wenn man auf einem Boot lebt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Die normlerweise in Panama vorherrschende Luftfeuchtigkeit von 85% führt dazu, dass nach spätestens zwei Wochen praktisch alles im Boot irgendwie feucht und klamm ist. Egal was man anfasst, alles ist von einer feinen Feuchtigkeitsschicht überzogen. Wenn es auch noch mehr oder weniger ständig regnet wird es schlicht und ergreifend nass im Boot. Es ist ein bisschen wie im Regen zelten und geht uns allen langsam tierisch auf die Nerven. Vor allem haben wir mittlerweile ein echtes Schimmelproblem! Wir kommen mit dem Putzen kaum noch hinterher …! Außerdem wird uns langsam langweilig, weil man bei schlechtem Wetter ziemlich wenig auf dem Boot unternehmen kann und ständig im Salon rumhängen ist auch nicht so wahnsinnig toll!

Wir verbringen drei Tage im Regen auf den Central Hollandes Cays und dann haben wir die Schnauze voll und wollen weiter – Scheiß Wetter. Also verlegen wir uns nach Yansaladup in die Nähe von Chichime. Während die SY Samantha und wir am nördlichen Rand des Archipels ankern, bleibt die SY Nemo im südlichen Teil des Archipels, da sie dort alte Bekannte getroffen haben. Während der nächsten Tage haben wir vor allem nachts immer wieder Wind bis 25 Knoten. Für die SY Samantha uns uns ist das überhaupt kein Problem, weil wir an unserem Ankerplatz ausreichend Platz zum Schwojen haben. Bei der SY Nemo sieht es allerdings ganz anders aus. Hier liegen die Boote ziemlich dicht aufeinander und so haben die beiden kaum eine ruhige Nacht, weil sie ständig gefahrlaufen, von anderen Booten gerammt zu werden – arme Tröpfe! Größtest Highlight vor Yansaladup ist unser Treffen mit Lisa. Lisa ist eigentlich ein Mann, aber wenn es in den Kunafamilien zu wenig Mädchen gibt, wird einfach ein Junge als Mädchen erzogen! Bemerkenswert daran ist allerdings, dass Lisa in unserem Cruising Guide mehrfach erwähnt wird. Irgendwie ist es schon komisch, wenn man Menschen trifft, über die in Büchern berichtet wird, zumal das in gewöhnlichen Reiseführern nicht so oft der Fall ist. Ein bestimmtes Gebäude oder Restaurant, okay, aber echte lebende Menschen – das ist doch irgendwie unheimlich!

Lisa kommt mit dem Kanu, was sonst, sie/er fährt natürlich selbst und sieht älter aus, als auf den Fotographien im Buch. Im Schlepptau hat sie natürlich die unvermeidlichen Molas! Wir bitten sie an Bord und bieten ihr eine Cola an. Wir unterhalten uns ein bisschen und nach einem gepflegten Rülpser – nicht so wahnsinnig ladylike – bekommen wir eine Auswahl ihrer Kollektion präsentiert. Natürlich können wir nicht ablehnen und nehmen ihr zwei weitere Molas ab. Damit haben wir im Laufe der Zeit insgesamt elf Molas erstanden, genug um eine kleine Ausstellung damit zu organisieren, allerdings sind wir jetzt pleite – aber was soll´s! Am Abend beschließt unsere mittlerweile aus drei Booten bestehende Flottille am nächsten Tag Richtung Shelter Bay Marina aufzubrechen. Erster Zwischenstop auf dem Weg nach Colon soll die Green Turtel Bay sein, wo eine richtige Marina und ein Restaurant uns anlocken. Am nächsten Tag legen wir einen echten Frühstart hin und verlassen gegen 07 Uhr unsere Ankerplätze und segeln gen Westen. Mit durchschnittlich 15 Knoten im Rücken erreichen wir unser Ziel am frühen Nachmittag. Leider haben wir auf der gesamten Strecke von 30 Seemeilen reichlich Schwell aus Norden und so schaukelt unsere Auriga mal wieder kräftig hin und her, was Antjes Magen gar nicht gut bekommt. Als wir nach sechs Stunden die Green Turtel Bay erreichen, drückt so viel Schwell in die Bucht, dass wir mit einer ziemlich ungemütlichen Nacht rechnen müssen. Also beschließen wir via UKW-Konferenz die wesentlich geschütztere Linton Bay anzulaufen. Okay, mal wieder Linton Bay. Wir kommen gerade noch vor Einsetzen des üblichen nachmittäglichen Regenschauers an, können uns just in time unter der Sprayhood verkriechen und Antje erholt sich langsam wieder.

Das Wetter spielt die nächsten drei Tage wieder nicht mit und wir vertreiben uns die Zeit damit, das Cockpit trocken zu starren. Um etwas Abwechslung in unseren trüben Alltag zu bringen, verabreden wir uns mit der Samantha- und der Nemocrew zum Mittagessen im Restaurant Casa X am Ufer. Kurz bevor wir aufbrechen wollen beginnt es natürlich wieder zu regnen. 90 Minuten später können wir dann mit knurrenden Mägen endlich los und lassen uns kurz darauf Snapperfilet und gegrillte Hühnchenteile schmecken. Während des Essens diskutieren wir über die weitere Wetterentwicklung. Die letzten Prognosen sind allerdings nicht so richtig prickelnd. Anscheinend zieht ein Sturm an der Küste Costa Ricas nach Süden und könnte uns in drei bis vier Tagen erwischen. Aus diesem Grund wollen wir am nächsten Tag weiter nach Portobello. Die Stadt liegt am Ende einer tief ins Festland ziehenden Bucht und war während der spanischen Kolonialherrschaft der wichigste atlantische Hafen der Spanier in Mittelamerika. Von hier wurden Gold und andere Güter nach Europa verschifft. Glücklicherweise ist die Bahia de Portobello nur ca. zehn Seemeilen entfernt, so dass wir am nächsten Tag eine Regenpause nutzen können, um uns dorthin zu verlegen. Bei Sonnenschein und brütender Hitze gehen wir anderntags um 10 Uhr Anker auf. Natürlich bekommen wir Wind und Welle auf die Nase, aber nach knapp drei Stunden entern wir den natürlichen Hafen. 30 Minuten später beginnt es wieder zu regnen, was sonst!

Als wir in die Bahia de Portobello einschwenken, wird uns sofort klar, warum die Spanier seinerzeit diese Bucht zu ihrem wichtigsten Hafen erklärten. Wie ein Trichter verjüngt sich der Einschnitt ins Festland. Insgesamt drei Verteidigungsanlagen sicherten damals die spanische Armada vor feindlichen Überfällen. Einige traurige Reste der Festungsanlagen können wir noch am Ufer erkennen. Heute bietet sowohl der natürliche Hafen als auch die Stadt einen eher bemitleidenswerten Anblick. In der Bucht befinden sich bestimmt über zehn auf Grund gelaufene Schiffe, die hier langsam vor sich hin gammeln. Wenigstens dienen sie uns beim Einlaufen als Kennzeichnung der Flachwasserzone. Als der Regen endlich etwas nachlässt, machen sich Antje, Birger und ich in die Stadt auf, um unsere langsam zur Neige gehenden Nahrungsmittel aufzustocken. Die ehemals florierende Hafenstadt ist mittlerweile dem Verfall preisgegeben. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die sengende Hitze hinterlassen deutliche Spuren an den ziemlich baufällig wirkenden Gebäuden. Es ist so feucht, dass sogar die Dächer und Wände der Häuser nur so vor Vegetation strotzen. Im Zentrum von Portobello besuchen wir die Kirche mit dem berühmten schwarzen Christus. Nett, aber nicht wahnsinnig beeindruckend. Deutlich größeres Interesse erzeugt der Chinesenmarkt gegenüber. Wir kaufen ein paar Dinge für´s Abendessen ein und beschließen auf der Rückfahrt am nächsten Tag in die Shelter Bay Marina bei Colon aufzubrechen. Jaja, mal wieder in die Shelter Bay Marina. Interessanterweise ist sie die einzige Marina, in die wir seit unserem Start in Italien vor über zwei Jahren zum zweiten Mal einlaufen!

Am Freitagmorgen um 10 Uhr geht es los. Felix ist überglücklich, nach beinhe fünf Wochen wieder in eine richtige Marina zu kommen. Die Aussicht auf unbegrenzten Strom und Internet lassen ihn bereits am Morgen frohlocken. Auf der Fahrt zur 20 Seemeilen entfertnen Shelter Bay haben wir sogar Glück! Es regnet ausnahmsweise nicht und die normalerweise vorherrschende 1 – 1,5 Knoten starke Gegenströmung hat sich heute auf einen halben Knoten abgeschwächt. Nach vier Stunden erreichen wir die Marina, mittlerweile haben sich über uns schon wieder dunkle Gewitterwolken gebildet, aber wir schaffen es noch gerade rechtzeitig bevor sich die Himmelsschleusen öffnen. Wir checken noch schnell ein, besorgen drei Internetzugänge, das Kind ist glücklich und wir haben unsere Ruhe. Nach einer ausgiebigen Dusche geht’s mit Chris und Elanye noch ins Restaurant und danach sind wir so platt, dass alle nur noch ins Bett wollen …!

DCIM100MEDIA

Fair winds und bis bald,

eure Wetterfrösche von der Auriga

Regen, Regen, nix als Regen …. oder neulich in Panama City

Montagmorgen ist der Himmel zwar bedeckt, aber wir wollen trotzdem von Linton Bay aus weiter. Kaum eine Stunde unterwegs, befinden wir uns mal wieder in einem “isolated thunderstorm“ mit viel, wahnsinnig viel Regen, aber nur wenig Wind – war ja klar, es ist schließlich auch der 13. und keiner hat´s gemerkt. Und weil der 13. einfach Unglück bringt, verfolgt uns die Schlechtwetterfront die nächsten 30 nm bis nach Chichime. In strömendem Regen laufen wir den völlig überfüllten Ankerplatz an. Wir zählen inklusive der SY Samantha und der SY Auriga über 20 Boote. Trotzdem finden wir noch eine einigermaßen große Lücke und lassen unseren Anker in 12 Meter Tiefe fallen. Obwohl es bereits später Nachmittag ist, laufen noch zwei weitere Schiffe den gut geschützten Ankerplatz vor Chichime an und jetzt wird es wirklich langsam eng! Eine der beiden Jachten legt ein echt sportliches Ankermanöver hin. Bei voller Fahrt und Rückenwind wird der Anker einfach ins Wasser geschmissen. Die Ankerkette kratzt am Rumpf, die Winsch ächzt und die Mannschaft wartet bis sich das Boot langsam in den Wind dreht – sehr interessant, aber es scheint zu funktionieren.

Die nächsten beiden Tage und Nächte zieht ein gewaltiges Unwetter über die San Blas Inseln. Es regnet fast die ganze Zeit. Wir spannen eine Abdeckplane über unser Boot und können so wenigstens eine Decksluke fast die ganze Zeit auflassen, ohne dass unser Boot volll läuft und haben so immer eine frische Brise im Salon. Nach der ersten Nacht erwache ich zufällig im Morgengrauen und entdecke zu meinem Entsetzen, dass die benachbarte Yacht langsam aber sicher auf Tuchfühlung mit unserem Heck geht. Ich klettere auf die Badeplattform und gebe dem anderen Boot einen beherzten Schubs. Kurz darauf erscheint die italienische Besatzung, schmeißt den Motor an und bringt das Schiff wieder in Position. Im Laufe des Tages nimmt der Wind auf etwas über 20 Knoten zu und es kommt Bewegung in die Ankergemeinde. Mehrere Anker brechen aus, Boote gehen auf Kollisionskurs, Motoren werden hektisch gestartet und neue Ankerplätze gesucht. Das nachmittägliche Treiben ist auf alle Fälle sehr spannend und kurzweilig, vor allem weil auch unsere italienischen Nachbarn wieder auf Kuschelkurs mit uns gehen. Als der Wind etwas nachlässt beschließt der Nachbar-Skipper glücklicherweise einen neuen Ankerplatz für sein Boot zu suchen. Natürlich hat sich seine Kette um unsere gewickelt, aber mit vielen Fendern und einem wirklich gekonnten Manöver kann er sich befreien und liegt nach einigen Ankerversuchen in ausreichendem Abstand zu uns!

Am dritten Tag vor Chichime lässt sich endlich die Sonne wieder blicken und die Gewitterfront ist nach Osten abgezogen. Antje und ich lassen uns von Felix auf die Insel bringen und machen einen kleinen Spaziergang. Auf der Insel befinden sich mehrere mietbare Hütten und ein kleiner Kiosk. Auf gut angelegten Wegen kann man die kleine Insel erkunden. Zu unserer Überraschnung ist weit und breit kein Müll zu sehen. Überall sind Mülleimer aufgestellt, die ganze Insel ist wirklich sehr gepflegt – wir sind echt positiv überrascht! Am nächsten Tag wollen wir nochmal zusammen mit der SY Samantha die Insel besuchen, allerdings kommen uns mehrere gut genährte Langusten am Vormittag in die Quere. Während Alex, Antje und Birger die Insel besuchen, widmen sich Felix und ich den Langusten. Die fangfrischen Krustentiere werden in kochendem Wasser getötet und anschließend fachgerecht zerlegt. Am Abend werden die Leckerbissen gratiniert und mit Salat und frischem Brot verspeist – ein echtes Festmahl! Obwohl wir beim anschließenden Kartenspielen von Birger regelrecht abgezockt werden, ist es doch ein sehr kurzweiliger Abend.

Eigentlich war ja geplant am nächsten Tag auf die Lemon Cays weiter zu fahren, aber daraus wird leider nichts, weil ich seit vier Tagen unklares Fieber habe und in Panama City ein Krankenhaus aufsuchen möchte. Wir beschließen deshalb uns nach Süden auf die Carti Islands zu verlegen, weil hier die einzige Straße, die in die autonomen Kunagebiete führt, endet. Nach einer gemütlichen zweistündigen Motorfahrt sehen wir einen langen Strand mit mehreren Stegen. Von hier aus werden die San Blas Inseln mit Lebensmitteln, Treibstoff, Medizin und anderen Gütern versorgt. Wir ankern um die Ecke vor Nomolulu und machen uns am Nachmittag zu den Anlegern auf. Hier können wir ein Taxi nach Panama City für den nächsten Tag organisieren und nach gebratenem Reis mit Hühnchen im örtlichen Restaurant geht es zurück auf´s Boot. Die SY Samantha konnte sich noch nicht von Chichime losreißen und wird am nächsten Tag zu uns stoßen.

Montagmorgen bringen mich Felix und Antje um 08:00 Uhr morgens an Land und ich mache mich nach Panama City auf. Eine Stunde später sitze ich im Taxi und lasse mich ins „Centro Medical Piatilla“ in die Stadt fahren. Die Fahrt ist ein echtes Erlebnis! Zunächst geht es ca. zwei Stunden durch die unberührte Regenwaldlandschaft der San Blas Hills. Links und rechts der Straße befindet sich undurchdringlicher Dschungel. Hier sagen sich Faultier und Jaguar gute Nacht! Nach ca. 30 km erreichen wir das Ende des autonomen Kunagebietes „Kuna Yala“. Hier befindet sich mitten im Nirgendwo eine Grenzstation (Sandsackstellung) des panamaischen Militärs, die Soldaten sind schwer bewaffnet und alle werden kontrolliert. Anschließend wird die Straße langsam besser und in der Ferne ist die Skyline von Panama City langsam zu erkennen. Kurz vor Mittag setzt mich der Fahrer vor dem Krankenhaus ab. Eine Rückfahrmöglichkeit gibt es heute nicht mehr, ich soll mich bis 18 Uhr bei der Taxiagentur melden und mich am nächsten Tag vom Hotel aus abholen lassen – Okay, kein Problem. Erstmal ins Krankenhaus, danach ein Hotel organisieren und vielleicht noch ein bischen Sightseeing im Bankenviertel, so ist jedenfalls mein Plan.

Mit meinem Wörterbuch „Spanish for Cruisers“ bewaffnet betrete ich das Centro Medical und frage micht zur Notaufnahme durch. An der Rezeption stößt meine auf englisch vorgebrachte Bitte nach Behandlung nur auf Achselzucken. Aus der Ambulanz wird eine englisch sprechende Krankenschwester herausgezerrt und ich erkläre mein Anliegen. Alles kein Problem, aber erstmal zur Anmeldung. Drei Schalter später, ich habe ein Kreditkartendeposit von 300 US hinterlegt, kann ich in den Wartesaal. Glücklicherweise ist nicht gerade die Hölle los. Ein junger Mann, der kurz vor mir „eincheckte“, wird nach 20 Minuten aufgerufen – super dann ist ja vielleicht alles schnell erledigt. Zwei Stunden später, ich warte immer noch, werde ich langsam ungeduldig. Mittlerweile ist im Wartesaal ein fröhliches Kommen und Gehen, allerdings werde ich das Gefühl nicht los vergessen worden zu sein. Ich passe eine Verwaltungsangestellte ab und gebe ihr zu verstehen, dass ich bereits seit zwei Stunden auf einen Arzt warte. Sie schlappt in die Ambulanz, ein Pfleger kommt auf mich zu – No Problemo, you are the next one!

Weitere zwei Stunden später, es ist bereits 16 Uhr, kommt der junge Mann, der gleichzeitig mit mir eingetroffen ist, aus der Notaufnahme! Jetzt bin ich echt sauer, ich koche förmlich – Scheiß Laden! Kurzentschlossen entere ich die Notaufnahme und texte die erste Angestellte, die ich sehe, auf english zu und äußere deutlich meinen Unmut über die mittlerweile vierstündige Wartezeit. Die versteht natürlich nix, aber eine Kollegin kommt angesprungen und möchte den Grund meines Besuchs erfahren. Ich erkläre mein Anliegen zum achten Mal an diesem Tag. Wie denn mein Name sei. Ich sage ihn ihr – allerdings erntet sie auf Nachfrage beim Personal nur Kopfschütteln – Höppler, nie gehört! Mir entgleisen jetzt ganz offensichtlich die Gesichtszüge und ich strafe die anwesenden Ärzte und Schwestern mit dem maximal möglichen bösen Blick! Nach einer kurzen Diskussion lasse ich mich erneut vertrösten. Oh, sorry, no problemo, you are the next one!

Um 17:30 Uhr, ich warte immer noch, bin aber mittlerweile im Zugzwang. Ich brauche ein Hotel, sonst komme ich am nächsten Tag nicht zurück nach Carti. Völlig entnervt verlasse ich die Klinik ohne Behandlung – vielen Dank liebes Centro Medical Piatilla für deine professionelle Hilfe, dann mach ich´s halt doch selber – und checke im Hotel gegenüber ein. Der Rezeptionist ist so freundlich, für mich die Taxiagentur anzurufen und meine Abholung am nächsten Tag um 05 Uhr in der Früh klar zu machen. Wenigstens etwas! Völlig untypisch für mich habe ich mich intuitiv in einen richtigen Luxusschuppen eingemietet. Auf meinem Zimmer lese ich im Hotelprospekt, dass ich mich im erst 2016 eröffneten “Las Americas Golden Tower Hotel“, 5 Sterne, direkt gegenüber des sehr renommierten „Centro Medical Piatilla“ befinde. Als ich das lese, möchte ich am liebsten auf den Boden kotzen! Nach einer heißen Dusche, im Wartesaal hatte es ca. 18° C., gehe ich noch etwas essen und danach ziemlich schnell ins Bett – Was für ein Scheißtag!

Dienstagmorgen, 5 Uhr, das im Übernachtungspreis inbegriffene Frühstücksbuffet startet natürlich erst um 06 Uhr – ich warte vor dem Hotel auf mein Taxi. Eine dreiviertel Stunde später sitze ich im Auto und mache bei Sonnenaufgang eine kleine Stadtrundfahrt durch Panama City. Der Fahrer liest noch sechs weitere Passagiere auf und dann sind wir komplett. „Haben Sie ihren Reisepass dabei?“ Als ich die Frage verneine ist der Fahrer etwas irritiert. Wie? Was? Warum? Ich erkläre ihm, dass ich auf einem Boot lebe, seit ca. acht Wochen in Panama bin und bereits in Colon alle Formalitäten erledigt wurden. No, no, no, si, si, si! Er führt mehrere Telefonate und scheint anschließend zufrieden zu sein. Wir machen noch eine Frühstückspause im Supermarkt und dann geht es zurück nach Kuna Yala. Nach ca. zwei Stunden erreichen wir wieder den Grenzposten und jetzt wird es richtig schwierig, weil ich nur meinen Personalausweis, Adresse – aktuell kein Wohnort in Deutschland – dabei habe. Die Grenzsoldaten sind offensichtlich überfordert. Wo denn mein Reisepass sei? Der liegt auf dem Boot! Welches Boot? Ich erkläre die Situation so einfach wie möglich. Un Barco, Immigration Colon – Aha!? Nach einer zehnminütigen Diskussion darf ich schließlich nach Kuna Yala in Panama einreisen! Weitere 90 Minuten später bin ich in Carti und meine beiden Süßen erwarten mich bereits. Nachdem ich die Ereignisse der letzten 24 Stunden zum besten gebe, völlig sinnlos 200 US ausgegeben habe, konferieren wir mit der SY Samantha und verlegen uns kurz darauf nach Carti Sugdup, da wir uns hier noch mit frischen Lebensmitteln eindecken wollen, bevor es auf die Lemon Cays weiter geht …

Fair Winds und bis bald,

eure Regenmacher von der Auriga

Zurück zu den Pelikanen

Sonntag ist es dann so weit, wir brechen auf, haha – Natürlich nicht! Wir haben zwar stets einen guten Plan, aber häufig scheitert es an der Umsetzung. Irgendwie kommt immer irgendwas dazwischen. Am Freitag oder einem 13. auslaufen bringt Unglück, das Wetter passt nicht, Kapitän oder Crew haben ein schlechtes Gefühl, die Wellen sind zu hoch, das Marinabüro ist geschlossen, es regnet, über Nacht ist das Klo übergelaufen, schlechtes „Chuchu“ und, und, und! Unter Berücksichtung all dieser harten Fakten, die ein mögliches Auslaufen verhindern können, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir es in „nur“ zwei Jahren bis nach Panama geschafft haben.

In der Nacht auf Sonntag meldet sich mein Zahn, oder besser gesagt was davon übrig ist, wieder. Da montags unglücklicherweise auch noch Feiertag ist, kann ich erst am Dienstag wieder bei meinem Kollegen vorstellig werden. Die nächsten beiden Tage ist also wieder aggressive Schonung angesagt und am Dienstag breche ich mal wieder Richtung Caribian Dental Clinic auf. Irgendwie komme ich mir vor, wie bei „Dinner for One“, same procedure as every Tuesday captain …! Allerdings hat sich der Besuch gelohnt, da Dr. Juan mir zwei kleine Wurzelreste aus dem Kiefer entfernen kann. In der anschließenden Röntgenkontrolle sieht alles gut aus und ich darf nach einer kostenlosen Behandlung wieder abdampfen. Diesmal habe ich ein gutes Gefühl, die Schmerzen sind sofort deutlich weniger. Wir verbringen noch einen ruhigen Nachmittag und verlassen planmäßig nach beinahe vier Wochen – eigentlich wollten wir nur eine Woche bleiben – am Mittwochvormittag die Shelter Bay Marina bei Sonnenschein und leichtem Segelwind, also optimalen Bedingungen.

Nach einer fünfstündigen, ereignislosen Überfahrt, erreichen wir am Nachmittag die Linton Bay. Ein unspektakuläres Ankermanöver später ist es geschafft und die ersten dreißig Seemeilen liegen hinter uns. Zu unserer großen Freunde werden wir hier sofort von unseren geliebten Pelikanen begrüßt. Seit den ABC-Inseln begleiten die stattlichen Wasservögel unsere Reise und haben die sonst allgegegenwärtigen Möven abgelöst. Obwohl sie mit ihren langen Schnäbeln und dem nach hinten gezogenen Kopf immer etwas beleidigt aussehen, sind sie uns doch an Herz gewachsen. Immer wieder beobachte ich mit Begeisterung ihre waghalsigen Sturzflüge beim Jagen oder ihre beinahe schon militärisch wirkenden Formationsflüge. Außerdem sehen sie einfach super witzig aus!

Mittlerweile haben wir auch den Höhepunkt der Regenzeit in Mittelamerika erreicht. Kaum eine Nacht vergeht ohne Gewitter oder heftige Regenschauer. Immerhin ist es zumindest tagsüber relativ trocken, dafür aber wahnsinnig schwül. Während der ersten Nacht in der Linton Bay geht es dann auch gleich richtig ab. Sintflutartige Schauer halten uns die halbe Nacht auf Trab. Unglücklicherweise müssen wir dann alle Luken dichtmachen und schon nach kurzer Zeit wird es ziemlich warm und muffig in unserem Salon, ich vermisse die Klimaanlage schon jetzt. Allerdings sorgt nicht nur das Wetter für eine abwechslungsreiche Nacht. Zwischen den einzelnen Schauern bekommen wir tierischen Besuch. Fledermäuse entern über den Niedergang unseren Salon und machen sich an einer herumhängenden Papaya zu schaffen. So geht’s natürlich nicht, da könnte ja jeder kommen und sich an unserem Frischobstvorrat vergreifen. Ich montiere mitten in der Nacht das Fliegengitter, die Fledermäuse knallen noch ein, zwei Mal dagegen und dann ist Ruhe. Das Schmuddelwetter – mittlerweile Dauerregen – hält den ganzen Tag an und so ist an eine Weiterfahrt natürlich nicht zu denken, dafür wird unsere Auriga aber mal wieder richtig geduscht und der allgegenwärtige Salzbelag gründlich von Deck und aus den Segeln gewaschen.

Am Tag darauf sieht das Wetter deutlich besser aus. Nach dem morgendlichen Regenschauer klart es zügig auf. Wir beraten uns kurz mit der SY Samantha und klaren unsere Boote auf. Als wir den Motor anlassen wollen, macht es Klack und nichts passiert! Wie jetzt? Zweiter Versuch – Klack und wieder nichts. Ich kontrolliere alle Kontakte, nichts ist locker. Vielleicht sind ja die Batterien zu leer. Kein Problem, jetzt kommt unser mobiler 900 Watt Generator zum Einsatz. Kurz mal die Backskiste ausgeräumt, Generator raus, wie war das nochmal? Jaja, ich erinnere mich: Entlüftung auf, Shock rein, Zündung ein und Motor mittels Seilzug starten. Alles passt, aber nichts passiert. 10 Startversuche später, ich schwitze schon wieder wie ein Schwein, aber der Generator läuft immer noch nicht! Hmmm, erstmal eine rauchen und nachdenken! Haha, kein Benzin drin – der Klassiker, ich werde rot und schäme mich. Der Generator wird betankt und springt danach sofort an. Über unseren Landstromanschluss laden wir die Batterien. Nach einer Stunde nächster Versuch. Vorglühen, Schlüssel umdrehen … Klack – Mist! Ich funke die SY Samantha an und bitte Birger um Hilfe. Allerdings hat Antje mittlerweile das Problem erkannt! Der Anlasser ist kaputt! Birger kommt nach einer kurzen Inspektion zum gleichen Ergebnis.

Wir bauen gemeinsam den Anlasser aus, testen ihn und dann ist es klar: Der Elektromotor des Anlassers streikt – Scheiße! Jetzt ist guter Rat teuer. Am Nachmittag packe ich das Teil ein und wir motoren zur nahegelegenen Marina. Der einzige Elektriker ist allerdings nicht da und wir keinen Schritt weiter. Also beschließen Birger und ich am Samstag mit dem Bus nach Colon zu fahren, um einen neuen Anlasser zu besorgen. Übrigens vielen Dank für deine Hilfe und Anteilnahme, mein Freund! Pünktlich um kurz vor acht stehen wir hoch motiviert an der Straße und warten und warten … 90 Minuten später besteigen wir einen der typischen panamaischen Busse, einen alten ausgemusterten amerikanischen Schulbus. Beinfreiheit wie im Touristenbomber! Ist halt einfach doch für Kinder gebaut worden. Im Inneren dröhnt die Musik so laut, dass mir die Ohren schmerzen, aber wir sind unterwegs! Allerdings erstmal in die falsche Richtung! Okay, auch schon Wurst, Hauptsache wir können sitzen und müssen nicht mehr in der Sonne rumstehen. Nach einer durchaus abwechslungsreichen Fahrt durch Dschungel- und Agrarlandschaften erreichen wir zwei Stunden später, gut durchgeschüttelt, die „Quatro Alto Mall“ in Colon – wieder mal!

Guten Mutes betreten wir den ersten LKW-Shop. Nee, sowas haben wir nicht, sorry! Aber ein Stück weiter gibt’s noch einen anderen Laden, da vielleicht. Okay, nächster Versuch. Nein, bei uns leider auch nicht, aber der Inhaber kennt einen Kolumbianer der sowas reparieren könnte, vielleicht jedenfalls oder so. Einfach die Straße lang bis zur nächsten Tankstelle, da steht ein Container mit dem Kolumbianer drin. Okay, hört sich allerdings nicht so vielversprechend an. Wir beschließen zum Millenium Plaza zu fahren, weil es da auch noch einen Ersatzteilladen gibt. Zehn Minuten später, wir stehen vor dem Shop – Samstags geschlossen! Mist! Meine Laune geht langsam gegen Null! Ich sehe uns schon wochenlang vor Anker in der Linton Bay liegen und auf einen neuen Anlasser warten. Sollte ich jemals ein anderes Boot besitzen, werde ich es „Looking for parts“ oder „Waiting for something“ nennen. Birger und ich beraten uns kurz. Was wir jetzt brauchen ist ein Taxifahrer, der englisch spricht. Kurze Zeit später finden wir einen, wir erläutern unser Problem und unser Fahrer meint einen weiteren Ersatzteilladen zu kennen. Wir fahren an der Mall vorbei, sehen die besagte Tankstelle und den Container mit der Aufschrift: Electromecanica! Spontan beschließen wir auszusteigen und es doch hier zu probieren. In der „La Casa del Arranque“, treffen wir auf unseren Helden des Tages. Mit gebrochenem Spanisch, Händen und Füßen erklären wir das Problem und ernten verständnisvolles Nicken. 10 Minuten später ist der Elektromotor zerlegt und das Problem erkannt, ein Kurzschluss! Natürlich ist alles kein Problem, Kostenpunkt 70 US, wir sollen in einer Stunde wiederkommen, dann ist alles fertig. Ich kann mein Glück schier nicht fassen! Keine weitere Suche, keine lange Wartezeit, kein manana! In einer Stunde ist alles fertig, einfach so – der Hammer!

Entspannt schlendern wir zur Mall zurück und vertreiben uns die Zeit mit einer Pizza. Dann geht’s zurück, nach einer kurzen Demonstration der Funktionsfähigkeit schließe ich den Anlasser glücklich in die Arme. Ich bezahle und bedanke mich überschwenglich. Muchas, muchas gracias und verspreche, seine Visitenkarte in der Shelter Bay Marina auszuhängen. Manchmal kann es auch einfach gut laufen. Wir kaufen noch ein und lassen uns mit dem Taxi in die 60 km entfernte Linton Bay zurückfahren. Um 17 Uhr sind wir wieder auf unseren Booten und ich berichte der Crew bei einem entspannten Sundowner von den Ereignisse des Tages. Am nächsten Tag baut Birger mit meiner Hilfe den Anlasser wieder ein, wir machen eine kurze meditative Pause und … unser Ferryman springt widerstandslos an und läuft! Nach so viel Stress haben wir uns eine Belohnung verdient und gehen deshalb am Abend zum Essen an Land. In der Abenddämmerung lassen wir uns in der Casa X Fisch und Gulasch schmecken und verbringen einen kurzweiligen Abend zusammen mit der SY Samantha. Damit steht der Weiterfahrt am Montag nichts mehr im Weg, außer natürlich wenn ….

Fair winds und bis bald,

eure Electromecanicos von der Auriga

Schmerzhafte Zwangspause

 

Nach unserem Behördenmarathon wird am Samstag nochmal kräftig eingekauft, schließlich soll es am Sonntag wieder auf die San Blas Inseln zurückgehen. Allerdings hat am Sonntagmorgen keiner so richtig Bock, wir fühlen uns immer noch zu ausgelaugt. Die Ereignisse der letzten Tage waren einfach zu viel! Wir beraten uns mit der SY Samantha und beschließen, am Montag Nachmittag abzulegen und die 70 Seemeilen bis zu den Lemon Cays in einer entspannten Nachtfahrt zurückzulegen. Beide Crews genießen einen lazy Sunday. Am Abend checken wir nochmal das Wetter. Allerdings sind die Vorhersagen ziemlich unsympathisch: Für Dienstag und Mittwoch ist mal wieder Sturm angesagt – Okay. Wir konferieren erneut mit Birger und Alex, dann geht es halt am Freitag los, ist auch recht. Mir persönlich kommt der Aufschub eigentlich sogar ganz gelegen, weil sich im Laufe des Sonntags langsam aber sicher Zahnschmerzen bei mir einstellen – Autsch! Montagmorgen beginne ich nach Zahnärzten zu recherchieren und finde die Caribian Dental Clinic in Colon. Die Kollegin, Dra. Ida Herrera, soll fließend englisch sprechen und ist deshalb meine Favoritin! Im Laufe des Vormittags organisiere ich ein Taxi und werde in der Praxis vorstellig. Ohne wesentliche Wartezeit komme ich sofort dran. Nach dem Röntgen ist klar, der bereits wurzelbehandelte Backenzahn möchte nicht mehr bei mir wohnen und muss raus. Eine Stunde später verlasse ich mit dicker Backe die Praxis und bin um einen Zahn erleichtert – er war wie ein Haustier für mich, schniff!

 

Bis zum Freitag haben wir dadurch ausreichend Zeit, um den Dschungel zu erforschen. Die Marina liegt praktisch direkt im Regenwald. Sobald man das Gelände nur ein paar Schritte verlässt, steht man vor einer undurchdringlichen Wand aus Farnen, Elefantengras, Bananenstauden, unterschiedlichen Palmen und tropischen Bäumen. In diesem Dickicht ist absolut kein Durchkommen möglich! Glücklicherweise gibt es zwei, drei Trampelpfade, auf denen sich der Dschungel erkunden lässt. Sobald man nur ein paar Meter gelaufen ist, befindet man sich in der Wildnis! Obwohl man die Geräusche der nahen Marinawerft hören kann, ist diese bereits hinter einem Vorhang aus unterschiedlichen Grüntönen verschwunden. Licht fällt nur spärlich durch das dichte Blätterdach. Die modrig-moosige Luft, das feuchtwarme Klima, das laute Geschrei der Brüllaffen und der Halbschatten runden die Szenerie perfekt ab – so habe ich mir den Dschungel immer vorgestellt! Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis und das alles gleich um die Ecke und für umme.

 

Jetzt muss man nur noch ruhig sein und warten, bis irgendetwas im Gebüsch oder in den Bäumen raschelt. Am einfachsten sind die Panama-Kapuzineräffchen in den riesigen Wedeln der Dattelpalmen zu entdecken. In kleinen Gruppen hüpfen sie auf der Suche nach Essbarem von einem Baum zum nächsten oder hängen träge auf einem Ast herum und lausen sich. In den nächsten Tagen laufen uns immer wieder Nasenbären über den Weg. Die kleinen, braunen Bodenbewohner sind allerdings sehr scheu und sobald sie uns entdecken sind sie auch schon wieder weg. Wir können die beeindruckenden Tukane und viele andere tropische Vögel beobachten. Riesige Kolonien von Blattschneideameisen wuseln am Boden herum. Auf einer unserer letzten Dschungeltouren bekommen wir endlich auch die omnipräsenten Brüllaffen zu sehen. Wir können sie zwar jeden Tag mehrmals hören, aber gesehen haben wir sie bisher nicht. Obwohl wir zwar immer mit Kamera bewaffnet unterwegs sind, ist es ganz schön schwierig, die Tiere auch zu fotografieren. Vor allem die bunte Färbung der Vögel vor den unterschiedlichen Grüntönen der Pflanzen überfordert den Autofokus doch hin und wieder, aber Antje sind trotz aller Schwierigkeiten viele schöne Aufnahmen gelungen, oder? Eben!

 

Am Freitag machen wir uns langsam für´s Auslaufen klar. Allerdings zeigen sich am frühen Nachmittag bereits wieder große dunkle Gewitterwolken über uns. In einem spontanen Meeting beschließen wir, nicht ins anstehende Unwetter zu segeln und wollen bis zum nächsten Tag warten. Ich bin mal wieder nicht richtig unglücklich, weil bei mir die Schmerzen an der Extraktionsstelle wieder deutlich zunehmen. Alex, ihres Zeichens gelernte Zahntechnikerin, begutachtet die Wunde, kann aber bis auf eine Gaumenschwellung nichts Ungewöhnliches feststellen – Vielen Dank für deine Hilfe Alex! Samstag und Sonntag brauche ich so viel Schmerzmittel, dass meine Erinnerung ans Wochenende eher lückenhaft sind – Autsch! Ich bin mir allerdings ganz sicher, dass wir Alex Geburtstag am Sonntag richtig wild gefeiert haben – hoffentlich! Vorsichtshalber nochmal nachträglich alles Gute zum Geburtstag, liebe Alex! Damit steht am Montag der nächste Zahnarztbesuch an. Mittlerweile habe ich auch einen Leidensgenossen bekommen. Bei einem benachbarten Segler hat sich eine Zahnfüllung verabschiedet und er will mich deshalb begleiten. Wir nehmen den Bus nach Colon, schnappen uns anschließend ein Taxi und stehen um zehn Uhr vor der Praxis – Die ist allerdings geschlossen!?! Ach, nee, wirklich! Der Wachmann vom Casa Torre Esmeralda, in dem sich die Praxis befindet, erklärt uns, dass die Praxis erst wieder am Dienstag geöffnet ist. Okay, immerhin etwas.

 

Dienstag kurz vor acht Uhr, wir sitzen wieder im Bus und erfahren, dass die Zahnärztin im Urlaub und heute nur ein Vertreter anwesend ist, der allerdings nur nach Terminvereinbarung behandelt – wie? Echt jetzt! Wir verlassen etwas deprimiert den Bus, warten bis das Marinebüro um neun Uhr aufmacht und bitten einen der Angestellten einen Termin für uns auszumachen, weil die Sprechstundenhilfe an der Rezeption nur spanisch spricht. Alles klar, wir können gegen elf Uhr kommen! Punkt elf Uhr stehen wir wieder vor der Praxis. Weil bei Ken nur eine Füllung zu machen ist, lasse ich ihm den Vortritt. Knapp zwei Stunden und eine Wurzelbehandlung später – armer Tropf – bin ich dran. Mit gemischten Gefühlen lege ich mich auf den Behandlungstuhl. Die Extraktionsstelle wird untersucht, Oberkiefernekrose – Scheiße! Die anschließende Behandlung dauert dafür nur 10 Minuten und wir können wieder abdampfen. Glücklicherweise war die Behandlung erfolgreich und nach fünf Tagen aggressiver, körperlicher Schonung und guter Pflege, werden wir am Sonntag ablegen und Richtung San Blas Inseln aufbrechen…

 

Fair winds und bis bald,

eure Zahnfee von der Auriga

Behördenmarathon in Colon

Da es von Porvenir bis Colon über 60 Seemeilen sind, entschließen wir uns für einen Zwischenstopp vor der Isla Linton. Bereits kurz nach Sonnenaufgang verlassen wir unseren Ankerplatz und motoren bei trübem Wetter nach Westen – Die SY Samantha voraus und wir hinterher. Obwohl wir anfangs versuchen zu segeln, schläft der Wind nach etwa 20 Minuten mal wieder völlig ein. Zehn Seemeilen vor unserem Ziel wird die SY Samantha plötzlich merklich langsamer. Als wir aufschließen sehen wir, dass ihr Dinghi, das sie hinter sich herziehen, beinahe bis zum Rand voll Wasser ist. Wir informieren unsere Freunde und stehen ihnen in angemessenem Abstand bei, während sie ihr Beiboot ausschöpfen. Nach 30 Minuten kann es weitergehen und eine Stunde später erreichen wir die Linton Bay. Hier ist ganz schön was los! Mindestens 40 Boote liegen vor Anker. Wir suchen uns ein freies Plätzchen und lassen unseren Anker ebenfalls fallen. Die Isla Linton ist nur einen Steinwurf vom Festland entfernt, entsprechend ist die Luftfeuchtigkeit deutlich höher als im San Blas Archipel. Die Ankerbucht ist von tropischem Regenwald mit seinen herrlichen Grüntönen und Geräuschen umgeben. Nach einem gemeinsamen Abend gehen wir früh schlafen. Wir haben zwar nicht viel gemacht, aber das stundenlange Herumgemotore ist doch irgendwie nervig und anstrengend.

Wir erwachen am nächsten Morgen vom Geschrei der Brüllaffen. Offensichtlich regen sie sich – wie wir – über das Nieselprimelwetter auf. Da es beinahe den ganzen Vormittag regnet, beschließen wir noch eine Nacht hier zu verbringen. Felix ist darüber „not amused“, weil er einen weiteren Tag auf´s angekündigte Internet in der Shelter Bay Marina verzichten muss. Da sich nur unweit von unserem Ankerplatz eine neue Marina befindet, machen wir kurzerhand einen Ausflug, um das Kind abzulenken. Wir finden eine Tankstelle mit Shop und versorgen das Balg mit Cola, während wir uns mit Balboa Oktoberfestbier eindecken! Nachmittags wollen wir mit dem Dinghi in die nächste Bucht zur Panamarina, hier solle es exzellente Steaks geben. Zusammen mit Alex und Birger machen wir uns auf. Laut unserem Törnführer gibt es zwischen den beiden Buchten einen Kanal durch die Mangroven. Nach einigem Suchen finden wir die Einfahrt und erreichen durch einen Mangroventunnel die nächste Bucht. Auch unser Dinghikapitän ist völlig begeistert, als wir uns im Slalomkurs unter dem Dach der Mangroven der Panamarina nähern. Beim Anlanden rammen wir im trüben Wasser mehrere Korallenköpfe, aber dank unseres Aluminiumbodens ist alles kein Problem. Im beinahe völlig leeren Hotelrestaurant gibt es zwar keine Steaks, aber der Fisch mit Reis ist auch nicht schlecht!

Am Tag darauf ist das Wetter nur geringfügig besser, aber wir wollen auf alle Fälle weiter. Nach einer kurzen Konferenz mit der Samantha ist es beschlossene Sache und eine halbe Stunde später sind wir unterwegs. Nächstes Ziel ist die Shelter Bay Marina in Colon. Hier befindet sich der atlantikseitige Zugang zum Panamakanal. Etwa zehn Seemeilen vor der Einfahrt in den Puerto de Cristobal mit seinen riesigen Wellenbrechern sehen wir die ersten Ozeanriesen auf Reede liegen. Wir melden uns bei Cristobal Portcontroll, der Hafenbehörde an und dürfen in die gewaltige Hafenanlage einfahren. Ich glaube nur hier oder in Panama City auf der Pazifikseite kann man so viele Schiffe der Panamax- und Postpanamaxklasse auf einmal sehen. Der Schiffsverkehr ist ziemlich unübersichtlich und auf unserem AIS ist ganz schön was los! Wir müssen gut aufpassen, damit uns die riesigen Fracht- und Containerschiffe nicht als Fender missbrauchen! Aber alles geht gut und wir erreichen die Marina unbeschadet. Nach einem unspektakulären Anlegemanöver können wir gerade noch vor Büroschluss im Marinaoffice einchecken und für Felix den ersehnten Internetzugang organisieren. Wir bekommen noch eine Informationsbroschüre über die Einklarierungsmodalitäten in Panama in die Hand gedrückt und dann verabschieden sich die Marinaangestellten ins Wochenende. Auf dem Rückweg zum Boot treffen wir noch Nick und Isabell von der SY Mango, die wir bereits in Santa Marta kennengelernt haben, tauschen Nachrichten über die letzten drei Monate aus und lassen uns über die Aktivitäten der hiesigen Seglercommunity informieren. Sehr nettes Wiedersehen mit den Thüringern! Zurück an Bord wird als nächstes unsere Klimaanlage installiert und in Betrieb genohmen – Gott, wie habe ich sie vermisst!

Da die Capitaneria in der Marina am Wochenende nicht besetzt ist, müssen wir am nächsten Tag zur Capitaneria Cristobal in Colon – Okay, kein Problem, schließlich gibt es zweimal täglich einen kostenlosen Bus, der uns in die Stadt bringt. Am Samstag geht’s um kurz vor acht Uhr los. Während Antje in der schwül-warmen Morgenluft (90% Luftfeuchtigkeit, 28° C.) ein luftiges Outfit zum Shoppen tragen kann, gibt es für Birger und mich eine ganz klare Kleiderordnung. Hemd, lange Hose und geschlossene Schuhe sind ein absolutes „Muss“, um als Mann in eine panamaische Behörde eingelassen zu werden. Alleine der Weg bis zum Bus treibt mir schon den Schweiß auf die Stirn und in die Schuhe. Glücklicherweise ist der Bus klimatisiert. Die Fahrt nach Colon ist zwar nicht weit, aber dafür muss jedes Mal der Panamakanal überquert werden. Mit einer Brücke kein Problem, aber die wird gerade noch gebaut und voraussichtlich erst 2019 eröffnet! Vor neun Uhr kann der Bus direkt über die Schleusenanlage fahren, später nur noch via Fähre ans andere Ufer. Für die gerade mal 20 km lange Fahrt benötigen wir eine knappe Stunde. Antje steigt an der „Quatro Alto Shopping Mall“ vor den Toren Colons aus, während wir zwei Stationen weiter in die Stadt fahren. Colon präsentiert sich bereits hier von seiner einzigen Seite: schlechte Straßen, vergammelte Häuser, dunkle Seitenstraßen, Dreck und Müll wohin das Auge blickt. Wir sehen auf der ganzen Fahrt kein einziges schönes oder intaktes Gebäude. Grünflächen – völlige Fehlanzeige! Colon ist bestimmt die versiffteste Stadt in ganz Lateinamerika, ein einziges widerliches, baufälliges Dreckloch!

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Die Capitaneria Cristobal macht auch keinen besseren Eindruck, übrigens liebe Panamaer, da ändern auch die zig Nationalflaggen an der Fassade nichts dran. Da wir der Kleiderordnung entsprechen, erhalten wir Einlass in die Behörde. Wir sollen in den zweiten Stock. Hier finden wir allerdings nur menschenleere Flure. Wir stehen ein bisschen ratlos herum, als sich doch plötzlich eine Bürotüre öffnet und wir unser Anliegen erklären können. Wir dürfen eintreten und nach mehreren Telefonaten mit seinem Chef erklärt uns der Mitarbeiter der Capitaneria, dass wir uns hier anmelden können, aber für den normalerweise kostenlosen Vorgang 20 US bezahlen müssem, da er die Arbeit des Mitarbeiters in der Shelter Bay übernehmen muss und außerdem Wochenende ist. Okay, 20 US geht ja noch. Nach 90 Minuten haben wir es geschafft! Das ungelogen 60 cm lange Formular mit insgesamt sechs Durchschlägen ist ausgefüllt, gestempelt und die jeweils 20 US werden vor unseren Augen gemeinsam mit unseren mitgebrachten Kopien (Ausweise der Crew, Crewliste, Bootspapiere, ZARPE aus Kolumbien) an den Durchschlag für den Port Capitan geheftet. Ein Quittung bekommen wir natürlich nicht, weil der Quittungsblock nicht zugänglich ist, aber nach dem Wochenende könnten wir eine bekommen – hahaha, sehr interessante Geschichte! So weit, so gut. Wir erkundigen uns noch nach der Einwanderungsbehörde und der wirklich freundliche Mitarbeiter der Capitaneria erklärt uns den Weg – ist nur ein paar Blocks weiter im Industriehafen.

038_Behördenmarathon (39)

Zehn Minuten später am Kontrollpunkt tragen wir unser Einreisebegehr vor, die Beamten sprechen natürlich alle nur spanisch, aber scheinen unser Anliegen richtig zu interpretieren. Mehrere Telefonate werden geführt und ein Beamter der Immigration erscheint am Tor. Wir erklären in gebrochenem Spanisch unseren Wunsch nach legaler Einreise, ernten aber nur Kopfschütteln. Offensichtlich ist der Beamte nicht für uns zuständig. Wir sollen zum Immigrationsbüro in der Shoppingmall „Colon 2000“ am Kreuzfahrtterminal. Okay mit dem Taxi geht es ans andere Ende der Stadt. Der erste Eindruck von Colon hat uns nicht getäuscht. Bei dem, was wir jetzt zu sehen bekommen, ist gegenüber dem ersten Eindruck noch Luft nach oben. Der Verkehr ist ein einziges Chaos, die ganze Stadt eine einzige Müllhalde! In der Mall fragen wir einen der überall präsenten, schwer bewaffneten Securitymenschen nach der Immigrationsbehörde. In immerhin gebrochenem Englisch, meinem Spanisch vergleichbar, erfahren wir, dass diese am Wochenende natürlich geschlossen ist und wir am Montag wiederkommen sollen. Alles klar! Im Taxi geht es zu Antje zurück, wir sondieren noch den Supermarkt und fahren anschließend mit dem Bus zurück in die Marina. Hier treffen wir Nick und Isabell wieder, quatschen ein bisschen und erfahren, dass am Sonntagabend immer ein Segler-BBQ in der Marina stattfindet.

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Den Sonntag nutzen wir um endlich die fehlenden Bilder für die letzten Blogbeiträge auszusuchen, zu bearbeiten und in die Beiträge einzufügen. Wer schon mal 800 Fotos gesichtet, bearbeitet, formatiert und anschließend upgeloaded hat, weiß wieviel Zeit dafür drauf geht! Immerhin funktioniert das Internet vernünftig. Überhaupt bietet die Marina einiges für die Segler. Das Restaurant ist wirklich gut. Die Captainslounge ist klimatisiert, die Angestellten freundlich und sehr hilfsbereit. Außerdem können wir seit über vier Wochen zum ersten Mal wieder waschen, die 8 kg fassenden Maschinen sind echt preiswert und erstklassig! Das abendliche BBQ ist ausgesprochen kurzweilig und nett. Wir lassen uns von der SY Mango viele Infos über Colon und deren am Dienstag anstehende Kanalpassage geben. Schade, dass wir nicht mehr Zeit zusammen verbringen können. Treffen Joachim, den wir im Mai schon kennengelernt haben wieder. Er klärt uns über die Baufortschritte der Schrägseilhängebrücke über den Kanal auf und wir verbringen einen feucht fröhlichen Abend zusammen. Natürlich drehen sich trotzdem fast alle Gespräche um die Kanalpassage – Alles allein organiseren oder einen Agenten beauftragen? Nur das Geschwätz der vielen Amerikaner nervt ziemlich, zeigt aber mal wieder deutlich, warum sie in den meisten Ländern der Welt unbeliebt sind!

038_Behördenmarathon (39)

Montag: Heute ist unser großer Tag. Laut Infobroschüre muss die gesamte Crew bei der Einwanderungsbehörde erscheinen. Also sind beide Crews um kurz vor acht im Bus und wir lassen uns nach Colon chauffieren. Diesmal müssen wir allerdings am Kanal eine halbe Stunde warten und sind erst um 09:30 Uhr da. Wir steigen an der Quatro Alto Mall aus uns nehmen uns ein Taxi nach Colon 2000. Nach einer zehnminütigen Suche finden wir hier das Officina de Immigracion, das interessanterweise neben einer Diskothek beheimatet ist. Wir stapfen voller Hoffnung in den ersten Stock und konfrontieren einen der Beatmen mit unserem Anliegen. Glücklicherweise ist diesmal Antje dabei und übersetzt! Der Beamte nickt verständnisvoll, ist aber nur indirekt für uns zuständig. Wir müssen zuerst zum „Home Port“ am Kreuzschifffahrtsterminal. Hier bekommen wir eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für 48 Stunden, um anschließend in der Capitaneria Cristobal ein Crusing Permit beantragen zu können. Wenn wir dieses haben, sollen wir zurückkommen und erhalten ein Visum für drei Monate! Okay, wir verziehen nach den Infos keine Miene – immer lächeln und winken – und verabschieden uns freundlich. Der Home Port ist nur einen Steinwurf entfernt und besteht aus mehreren heruntergekommenen Wellblechhallen. Nach weiteren zehn Minuten Fußmarsch stehen wir vor einer Containerbaracke am Home Port und sind zum ersten Mal wirklich richtig! Allerdings sind die drei Warteplätze besetzt und wir müssen eine gute halbe Stunde in der permaneneten schwülwarmen Hitze warten bis uns Einlass gewährt wird.

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Die Damen der Immigrationsbehörde rufen uns schließlich in ihren klimatisierten Container. Artig lächelnd tragen wir unser Anliegen vor. Okay, hier können wir die angestrebte Kurzzeit-Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Ich überreiche die Kopie unserer Pässe, Crewliste und Bootspapiere sowie die ZARPE (Ausreisebestätigung) aus Kolumbien. Natürlich darf ein Durchschlag des Monsterformulars aus der Capitaneria Cristobal nicht fehlen. Die Dokumente werden begutachtet! Auf der ZARPE steht, dass die Auriga aus einem Kapitän und zwei Crewmitgliedern besteht. Wir sind aber zu Dritt! Die Frage, die sich nun stellt ist, ob der Kapitän isoliert zu bewerten ist oder zur Crew gehört! Alles sehr schwierig, sehr schwierig! Nach eine 15 minütigen Diskussion zwischen den Beamten wird entschieden, dass ein Kapitän plus zwei Crewmitgleider insgesamt drei Personen an Bord der Auriga ergibt, ergeben muss. Zum Glück war keine höhere Mathematik, wie der Dreisatz für diese Feststellung nötig! Einige Kopien unserer Unterlagen später erhalten wir die benötigte befristete Aufenthalsgenehmigung für 48 Stunden. Da wir den Anfang gemacht haben, geht es bei der SY Samantha deutlich schneller! Ein Kapitän plus ein Crewmitglied sind insgesamt zwei Menschen, da die mathematische Ausgabenstellung deutlich einfacher als bei uns ist, klappt es auch mit den Papieren deutlich schneller.

038_Behördenmarathon (39)

Obwohl wir kein Crusing Permit haben, werden wir nochmals bei der Immigrationsbehörde in Colon 2000 vorstellig. Nach einer halben Stunde Wartezeit, kein Mensch ist im Wartebereich, ist ja auch Lunchtime, werden wir natürlich abgewiesen. Kein Cruising Permit, kein Visum – War doch klar ihr ausländischen Vollpfosten, aber einen Versuch war es trotzdem wert! Danach trennen sich unsere Wege. Felix und die Mädels fahren schon mal zur „Quatro Alto Mall“ zum Einkaufen, während Birger und ich uns zur Capitaneria Cristobal aufmachen, um ein Crusing Permit klar zu machen. Wir fragen uns zum richtigen Büro durch und treffen auf Ines. Nach einer kurzen halbstündigen Wartezeit werden wir von Ines wahrgenohmen, wahrscheinlich auch nur, weil wir direkt vor ihrem Schreibtisch sitzen!. Wir erklären unser Begehr. Alles kein Problem, ihr müsst nur den 50 cm langen Antrag ausfüllen. Okay, wir sind voll motiviert, widmen uns dem ausschließlich spanischen Formular und füllen es aus. Ines kontrolliert unsere Angaben anhand der Bootsscheine und scheint vorerst zufrieden zu sein. Ob wir Kopien von unseren Ausweisen, den Bootspapieren und der Zarpe sowie eine Crewliste hätten! Nein, dann kostet jede Kopie 25 Cent, Okay. Jaja, no problemo! Immer lächeln und winken! Als alles erledigt ist, schauen wir Ines erwartungsschwanger an, Bekommen wir jetzt unser Cruising Permit? Natürlich nicht! Wir sollen morgen wiederkommen, aber nicht vor 11 Uhr …

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Dienstag, 07:45 wir sitzen wieder alle akkurat gedresst im Bus nach Colon. Da wir erst um 11 Uhr in der Capitaneria erscheinen müssen, wollen wir die Millenium Plaza und ihre Geschäfte erkunden. Wir finden einen Hardwarestore, ein paar Ferreterias, aber nichts wirklich Interessantes. Immerhin können wir frühstücken. Um kurz vor elf machen sich Birger und ich zur Capitaneria auf und wollen uns anschließend mit den anderen beim Officina de Immigracion in der Colon 2000 Mall treffen. Wir betreten das bereits bekannte Büro, sehen Ines, ein Aufschrei, offensichtlich erinnert sie sich an uns – sehr gut. Trotzdem sitzen wir erst einmal eine halbe Stunde nutzlos herum! Danach kommt sie zu uns. Das Cruising Permit für die Samantha ist fertig, aber unseres nicht. Wie jetzt? Warum? Ines benötigt nochmals unsere Bootspapiere. Offensichtlich war die Kopie (schwarze Schrift auf dunkelgrauem Hintergrund) nicht lesbar! Das Dokument wird diesmal eingescannt und an die Schwesterbehörde in Panama City gemailt. Laut Ines sollte unser Crusing Permit in einer Stunde fertig sein – Okay, das hört sich ja ganz gut an. Birger und ich schlappen in ein Cafe um die Ecke und vertreiben uns die Zeit mit Männergesprächen. Um kurz nach 12 Uhr stehen wir wieder auf der Matte. Allerdings finden wir zunächst keine Beachtung! 20 Minuten später gesellt sich Ines zu uns und erklärt, dass die Dokumente aus Panama City immer noch nicht da sind. Okay, wir warten …! 10 Minuten später kommt ein Pizzabote ins Büro, er spricht sehr gut englisch und erkundigt sich nach unserem Anliegen. Wir erklären unser Problem und er teilt uns mit, dass die Behörde in Panama City von 12 bis 14 Uhr Mittagspause hat, weshalb unser Permit niemals vor 15 Uhr fertig sein wird! Langsam entgleisen mir die Gesichtszüge – Bananenrepublik!

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Ich erkläre ihm, dass ich das Permit aber für die Einwanderungsbehörde brauche und unser 48-Stundenvisum am nächsten Morgen abläuft! Er klärt die Angelegenheit mit den sechs anwesenden Beamten und ich bekomme nach Zahlung von 95 US für das Crusing Permit eine amtliche, gestempelte Bestätigung, dass das Dokument praktisch irgendwie da ist, aber halt nicht physisch verfügbar. Wegen eventueller Schwierigkeiten im Immigrationoffice schreibt Ines noch ihre Telefonnummer auf das Dokument – vielen Dank! Ich vereinbare mit ihr am Donnerstag wieder zu kommen und wir machen einen Abflug. Wir treffen uns mit den anderen und sind gegen 13 Uhr im Büro der Einwanderungsbehörde. Der Wartebereich ist leer, eine halbe Stunde später werden wir bedient – Visum, okay no problemo, aber bitte alle erstmal das vierseitige Formular ausfüllen. Wir beantworten alle Fragen nach Hautfarbe, leiblichen Eltern, Grund unseres Besuchs in Panama, woher, wohin und tragen natürlich die unvermeidlichen Reisepassnumern ein! Haben sie Kopien von den Reisepässen und den Bootspapieren dabei? Nein, die sind uns mittlerweile ausgegangen! No problemo, we made a copy und das ausnahmsweise mal kostenlos. Nachdem alles ausgefüllt ist, stehe ich mit einem Stapel Papieren (Anträge, Kopien und Orginalen) vor der Beamtin. Sie nimmt mir die Dokumente ab und drückt mir das nächste Formular in die Hand???? Alle einreisenden Personen müssen mit Namen, Geburtstag und -ort sowie Passnummer eingetragen werden. Für was habe ich eigentlich eine Crewliste mit den gleichen Angaben abgegeben? Mittlerweile ist es 14:15 Uhr was eigentlich kein Problem ist, aber unser Bus fährt in einer Stunde von der Quatro Alto Mall ab und wir sind ein bisschen in Zeitdruck, weil ein Taxi von Colon zur Shelter Bay mit 50 US zu Buche schlägt! Wieder zücke ich den Kugelschreiben und fülle das Formular aus. Danach müssen wir noch biometrisch erfasst werden. Ich interveniere, wir wären erst im Mai in Panama gewesen und sowohl unsere Fotos als auch unsere Fingerabdrücke müssten im System abgespeichert sein. Jaja, kann schon sein, aber der Internetanschluss der Behörde ist kaputt und damit können unsere Angaben nicht überprüft werden!!!! Obwohl langsam ernsthafte Gewalt- und Mordphantasien in mir aufsteigen, kann ich mich beherrschen, setze ein nettes Gesicht auf und denke: Immer lächeln und winken!

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Nach der biometrischen Erfassung, sehe ich durch die gläserne Trennscheibe, wie die benötigten Visa in unsere Reisepässe eingestempelt werden. Natürlich verschwenden die panamaischen Behörden ganze zwei Seiten unseres kostbaren, 32-seitigen Reisepasses, wir sind ja schließlich in Panama eingereist! Aber wir haben es geschafft – oder? Nein, eher nicht! Jetzt müssen wir erstmal zur Kasse und die Visagebühren blechen. Wir bezahlen insgesamt 315 US für die drei 3-Monatsvisa! Was für eine Abzocke! Elende Gurkentruppe! Danach bekommen wir unsere Pässe ausgehändigt und um kurz vor 15 Uhr verlassen wir die Einwanderungsbehörde, schnappen uns das nächste Taxi und erreichen glücklicherweise noch unseren Bus in die Marina. Nach einer beinahe zweistündigen Rückfahrt, laufen wir direkt ins Resturant ein, schließlich wollen Antje und ich noch unseren 14. Hochzeitstag feiern! Nach dem Essen ist aber Ende Gelände und wir sinken erschöpft in unsere Kojen. Was für ein Scheißtag, aber wir haben immerhin die Hälfte der benötigten Unterlagen bekommen. Am Mittwoch müssen sich erstmal alle von den Strapazen der letzen beiden Tage erholen ….

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Donnerstag: Ich bin ja gespannt, ob heute alles klappt. Wir nehmen wie immer den Bus. Unser erstes Ziel ist aber nicht die Capitaneria sondern die Postzentrale in Colon. Wir haben uns aus Deutschland zwei Pakete schicken lassen und wollen zum Auftakt des Tages mal eine andere Behörde testen. Mit dem Taxi geht’s zur Post, die in einem eher dubiosen Viertel liegt, aber mittlerweile kann uns auch der Penner, der in einer Straßenpfütze nach Eßbarem sucht, nicht mehr erschrecken. Punkt neun Uhr betreten wir die völlig heruntergekommene Zentralpost Colon. Die Schalter sind durchnummeriert und wir beginnen bei Nummer 1! Dank Antje versteht die Beamtin unser Begehr, begutachtet unsere Pässe und beginnt in einem Stapel Zustellpapieren zu wühlen. Glücklicherweise können wir durch die Glasscheibe die Namen auf den Formularen erkennen. Ich entdecke das Zustellpapier für Felix Schulunterlagen – Treffer! Aber mein Paket mit der neuen Impellerpumpe fehlt irgendwie. Also alles nochmal von vorne. Bei der zweiten Durchsicht taucht mein Zustellschein aber doch noch auf – Glück gehabt. Danach geht es zum Schalter Nr. 2. Wir müssen für beide Pakete eine Lagerbegühr von 0,50 US bezahlen. Anschließend ist der Schalter gegenüber für uns zuständig. Wir übergeben Daniel unsere Lieferscheine, er geht ins Lager, die Pakete sind da, aber wir müssen nochmals 4 US Lagergebühr bezahlen. Neuer Zettel, wieder zur Kasse und zurück. Bisher lief es ja ausgsprochen gut, aber danach wird es richtig schwierig!

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Das Paket mit den Schulunterlagen ist an Felix adressiert. Daniel erklärt mir daraufhin, dass nur Felix das Paket abholen darf, wegen der erforderlichen Unterschriften. Ich erkläre ihm daraufhin, das Felix mein Sohn ist, 13 Jahre alt und deshalb auf keinen Fall geschäftsfähig, weshalb ich als Erziehungsberechtiger das Schulmaterial entgegennehmen werde. Jaja, aber … und die Unterschrift? Grande problemo! Mucho complicado! Insgesamt sind drei Unterschriften auf vier verschiedenen Formularen notwendig! Da Felix nicht unterschreiben kann, muss jedesmal sein Name, die zugehörige Passnummer sowie mein Name, meine Passnummer und meine Unterschrift auf das entsprechende Schriftstück. Mittlerweile ist es beinahe 10 Uhr und Daniel schleppt endlich die beiden Pakete an. Uns trennt nur noch eine Glasscheibe von unserem Eigentum, aber jetzt ist erst noch der Zoll dran! Die zwei gelangweilten Beamten sitzen direkt nebenan. Wieder müssen Anträge und Formulare ausgefüllt werden! Danach müssen wir die Pakete öffnen und der Wert der Sendungen wird ermittelt. Postsendungen bis 100 US sind zollfrei, alles darüber wird besteuert. Die beiden Zollschriftstücke aus Deutschland weisen einen Gesamtwert der Sendungen von 168 Euro aus. Aber wie viel ist das in US Dollar? Natürlich gibt es kein Internet und deshalb kann der Wert in US Dollar nicht ermittelt werden. Einer der beiden beginnt trotzdem fieberhaft auf dem Handy zu rechnen und erklärt uns stolz, das insgesamt über 50 US Doller an Gebühren anfallen. NO, NO, NO! Jetzt reicht’s! Schluss mit lächeln und winken!

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Ich will wissen wie die Gebühren zustande kommen! Die Dame erklärt mir alles auf spanisch, ich antworte auf deutsch und bestehe darauf, dass 168 Euro = 142 US Dollar sind (Stimmt zwar nicht, aber egal!). Wir stehen uns High-Noon-mäßig mit gezückten Taschenrechnern bewaffnet gegenüber und tippen wie wild Zahlen ins Handy. Sie quatscht mich auf spanisch voll, ich sie auf deutsch …. Schließlich einigen wir uns auf 30 US Dollar. Ich habe Recht! SPIEL, SATZ UND SIEG AURIGA! Ein wahres Hochgefühl überkommt mich, wir haben erfolgreich Widerstand geleistet! Eine Quittung können wir natürlich nicht bekommen, weil es ja gerade mal wieder kein Internet gibt! Aber wenn wir wollen, können wir nächste Woche wiederkommen und die Quittung abholen – hahaha! Ich hätte natürlich auch darauf bestehen können, dass die beiden Sendungen unterschiedliche Empfänger haben, somit also an zwei verschiedene juristische Personen gehen und deshalb isoliert zu versteuern sind, aber dann hätten wir wahrscheinlich ein Zelt in der Post aufschlagen können. Um 10:45 Uhr verlassen wir die Post gemeinsam mit unseren Paketen. Während Antje zur Mall zurückfährt, um den 11 Uhr Bus in die Marina zu erwischen, schlendere ich Richtung Capitaneria Cristobal um das Crusing Permit abzuholen. Der Erfolg in der Post gibt mir deutlich Auftrieb!

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Eine Viertelstunde später betrete ich mit breiter Brust die Capitaneria, mich kann jetzt nichts mehr aufhalten und ich verlasse dieses Büro nicht ohne mein bereits bezahltes Cruising Permit. Ines ist nirgends zu sehen – Scheiße! Eine offensichtlich motivierte und arbeitswillige Auszubildende (erkennbar am lindgrünen Hemd und der schwarzen Hose) möchte sich meiner annehmen, wird aber von ihrem Ausbilder sofort zurückgepfiffen! In der nächsten halbe Stunde spielt sich folgende Szene in der Capitaneria ab: Fünf absolute übergewichtige Beamte sitzen vor ihren Schreibtischen, es wird kein Wort gesprochen, keiner bewegt sich … es passiert einfach nichts! Irgendwie habe ich den Eindruck, alle, mich eingeschlossen, warten auf Ines, damit sie sich meines laufenden Verfahrens annimmt, aber sie erscheint nicht auf der Bühne! Die Anspannung im Büro kann man schon knistern hören und ist beinahe nicht mehr auszuhalten, als endlich eine Beamtin zum Telefon greift, in Panama City anruft und ich höre wie sie sagt: … Auriga … Permiso de Navegacion para actividad de placer ….!!?? Alles klar, seit Dienstag hat sich also nichts getan! Ich starre die Beamtin, die wie Ines mit meinem Vorgang vertraut ist, einfach solange an, bis sie zu mir kommt und mir mittelt: Un momento! El permiso de navegacion esta listo in algunos minutos. (Das Permit ist gleich fertig!). Immer lächeln und winken!

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45 Minuten später, ein Aufschrei, das Cruising Permit ist da! Sechs Ausdrucke, diverse Unterschriften und Stempel später bekomme ich das ersehnte Dokument feierlich überreicht. Alle sind glücklich und ich verabschiede mich lächelnd und winkend von den Beamten. Auf dem Flur treffe ich Ines. Everything okay? Daumen nach oben, ein lautes Lachen und die Capitaneria hat mich gesehen. Nach vier Tagen Behördenmarathon ist alles geschafft. Wir sind legal in Panama und dürfen ein Jahr lang die Gewässer Panamas benützen. In den nächsten beiden Tagen organisieren wir unsere Rückfahrt zu den San Blas Inseln. Am Sonntag geht´s wieder los …

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Fair winds und bis bald,

eure Widerstandskämpfer von der Auriga