Betrüger, Diebe und Verbrecher

Quito (29)Nach meiner Ankunft in der Vista Mar Marina und der herzlichen Begrüßung durch die Higgins-Crew, habe ich eigentlich nur zwei Bedürfnisse: eine Dusche und ein gepflegtes Abendessen nach diesem Alptraumtrip hierher. Die Sanitäranlagen sind sauber, das Wasser wie immer nur lauwarm, aber besser als gar nichts. Danach mache ich mich ins Restaurant auf. Als ich ankomme, hat dieses jedoch bereits geschlossen –  Mist. Also schlappe ich ins ca. 1 km entfernte Bistro, die Bogabar, in der ziemlich weitläufigen Marina. 15 Minuten später stehe ich erneut vor verschlossenen Türen. Schöne Scheiße! Ich habe Hunger, keinen Wein an Bord und Zigaretten sind auch alle. Ich frage einen Marinero, ob er mir ein Taxi in die Stadt, nach Coronado bestellen kann. No Problemo. Ich mache, was ich mittlerweile am besten kann, ich warte. 10 Minuten, 20 Minuten, eine halbe Stunde – okay heute ist nicht mein Tag und ich schlappe hungrig, nüchtern und ohne Zigaretten zum Boot zurück. Fängt ja alles schon wieder gut an, aber irgendwie passt es zu den Ereignissen der letzten Tage. Alles geht schief!

Am nächsten Tag werde ich im Marinabüro vorstellig, buche zwei Wochen und erkundige mich nach den Einklarierungsmodalitäten. Eigentlich sollten Immigration und Port Capitaneria vor Ort sein, is´ aber nicht so. Cesar, der Marina Manager, verspricht die Offiziellen in den nächsten Tagen zu organisieren. Jaja, mach mal, is´ mir völlig wurscht, wo kann man sich schon besser illegal aufhalten als in Panama? Ich habe wesentlich schwerwiegendere Probleme: Wein und Zigaretten sind aus und der Marina-Supermarkt macht erst in zwei Stunden auf! So schaut´s nämlich aus! Immerhin organisiert Cesar ein Auto, das mich in die Stadt zum Einkaufen bringt. Wir sind ungefähr fünf Minuten unterwegs bis wir den Kontrollpunkt des Vista Mar Beach & Golf und Marina-Komplex erreichen. Ich befinde mich also in einem Luxusgefängnis irgendwo an der panamaischen Pazifikküste. Na super! 10 Minuten später werde ich an der Coronado-Mall abgeladen. Ich finde einen El Rey und einen Super99 Supermarkt, sowie den üblichen Shopping-Mall-Müll. Ich habe das Gefühl wieder in Colon zu sein, schon wieder! Immerhin ist der El Rey besser bestückt, als der in Colon und ich decke mich mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln ein.

Ich schaffe es gerade noch meine Auriga vom gröbsten Müll der letzten zwei Wochen zu befreien und dann bin ich völlig erschöpft, am Ende, Schluss und aus! Ich fühle mich völlig ausgesaugt, alle Batterien sind leer. Zufällig treffe ich die Crew der SY Itchy Foot, die ebenfalls an der Odyssee teilgenommen haben, im Hafen wieder und erzähle die Ereignisse der letzten beiden Wochen. Ich werde ausgiebig bemitleidet, dass tut gut. Von John bekomme ich die Visitenkarte eines deutschen Elektroingenieurs in Panama City, der mein Stromproblem beheben könnte – sehr schön. Danach genehmige ich mir noch ein Glas Wein und schlafe bis zum nächsten Tag durch. In den nächsten fünf Tagen kriege ich praktisch nichts auf die Reihe. Alles ist zu viel, jeder Handgriff ist eine Überwindung, ich bin nach kürzester Zeit erschöpft und einfach unfähig irgendetwas zu erledigen. Ich sollte eigentlich aufräumen, abwaschen, Wäsche waschen, aber das ist alles ganz, ganz weit weg. Immerhin schaffe ich es mit Tom, dem Elektriker, Kontakt aufzunehmen. Nach einem langen Gespräch, in dem ich praktisch meine Seele verkaufe, ist er bereit am Sonntag von Panama City in die 90 km entfernte Marina zu kommen und mir zu helfen – Hurra! Nick von der SY Higgins geht es nicht anders und mein Freund und ich sind mal wieder Leidensgenossen. Ende der Woche ist klar, dass die Behörden nicht in die Marina kommen werden, sondern wir nach Panama City zum Einklarieren müssen. Die Hiobsbotschaften wollen einfach kein Ende nehmen.

Am Sonntag kommt Tom und nimmt sich meiner elektrischen Probleme an. Pünktlich um 9 Uhr steht er auf der Matte. Nach drei Stunden Suche ist klar, es ist natürlich nur ein Wackelkontakt. Die Sache ist in einer halben Stunde erledigt und ich habe wieder Strom an Bord. Danach wird Svens Magicschalter, der den Motor kurzschließt, erneuert, schließlich ist die Wegfahrsperre ein wichtiges Verkaufsargument. Tom repariert noch die Ankerwinsch und die Positionslampen und dann ist in Sachen Elektrik eigentlich alles gegessen. Nun geht es um die Bezahlung. Ich habe am Telefon versprochen ihm einen ganzen Tagessatz für sein Kommen zu bezahlen und daran halte ich mich auch. Seine Dienste sind zwar kein Schnäppchen, aber Qualität hat nun mal seinen Preis und Tom ist wahrlich sein Geld wert! Ich mache ihm ein alternatives Angebot. Seit unserer Abreise in Italien haben wir eine 1 kg Silbermünze als letzte Geldreserve im Tresor. Ich biete im die Münze plus 300 US für seine Dienste an. Zuerst ist er ein wenig irritiert, ich zeige ihm die Münze, er googlet deren aktuellen Wert und dann sind wir uns einig. Danach gehen wir noch essen, verabschieden uns herzlich und ich bin für seine Hilfe unglaublich dankbar! Hey, Tom, war ein sehr lustiger und lehrreicher Tag mit Dir!

Am Montag geht es zusammen mit der Higgins-Crew nach Panama-City zum Einklarieren. Unglaublicherweise ist diesmal alles kostenlos. Während ich im Oktober letzten Jahres noch über 500 US auf den Tisch bzw. Schalter legen musste, um die panamaischen Gewässer bereisen zu dürfen, ist diesmal alles für umme, da die panamaische Regierung inzwischen die Gesetze für einreisende Segelboote geändert hat. Ich habe allerdings keine Lust am Nachmittag schon wieder zwei Stunden im Bus zu verbringen und beschließe kurzer Hand in Panama-City zu übernachten. Das Kingsizebett ist eine wahre Freude, die heiße Dusche eine Wohltat. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt ohne dieses elende Dauergeschaukle geschlafen habe.

Einziger Lichtblick neben den täglichen Gesprächen mit Nick in diesen Tagen sind die Nachrichten von Antje. Seitdem unser Boot zum Verkauf steht, haben wir insgesamt drei Interessenten für unsere Auriga. Ein Schweizer bietet 25.000 Euro für unser Boot. Seit unserem Zwischenstopp in Kolumbien, stehen wir mit ihm Kontakt und er scheint echte Kaufabsichten zu hegen. Er will das Boot zuerst nach Bordeaux bringen und danach an die Elfenbeinküste, wo er arbeitet. Okay, warum nicht, es gibt viele seltsame Typen auf der Welt. Wir markieren unsere Auriga im Internet als reserviert und kommunizieren weiter mit A.N. Nach meiner Ankunft in Panama wird es richtig konkret, der Schweizer hat zugesagt und Antje schickt ihm einen Vertrag und unsere Kontodaten zu. Ein paar Tage passiert nichts und dann bekommen wir folgende Email:

Dear Mrs Antje Martin

 I came back from my bank and had different information about our transaction.
 You will find a file attached in PDF.

 My manager has told me that he will have a mandatory government bond
 to pay between you and me so that the validation is effective at your
banklevel.

Then the paid bails will be refunded to the account at the end of the
transaction. An African Commission applying for the transfer and the beneficiary of
the transfer must give their agreements for the payment of the
refundable deposit. Since the sum is important for the validation of the transfer (I
remind you that these are not fees but rather refundable sureties
after the cashing in the account). The cost of the transfer is in my charge.

For me this is not a problem, I give my OK for the payment of my share of bail.
I hope that on your side neither and therefore depending on the amount
of the deposit which will be of €880 to transfer I would make you a
transfer of the amount of the sale of €25000 completed by a sum of
€3000 on the transaction or a total transferred from €28000 to your
account Pou R that you are not in deficit when cashing the price of my
oat in your account. And so once the transfer is made and after
receipt of the notices and attestations of transfer, the transferring
control COMMISSION will contact you so that you can pay your share of
bail of €880 before the transfer is validated, this is obligatory so
that The account is credited. You will have to follow the instructions
of the Transfer Control Board for the settlement of the deposit so
that the bank transaction takes place in good condition so that the
transfer can be forwarded to your bank and therefore your account Be
credited with the sum 2 to 3 days after payment of the deposit of the
transfer and that we can program my freight forwarder.
 
And the remaining amount of €3000 will be given to the transport
company so that it can begin the boat pickup procedure.

Kind regards

A.N.

PS: If the settlement of the deposit is not established then the
Transfer Control Commission will order a notice of final cancellation
of the transfer for the purchase of arms and drugs and the financing
of terrorism.

Hört sich ja alles sehr seltsam an. Ich zeige Nick, der seit Jahren im Banksektor arbeitet, die Email. Er ist sofort skeptisch. Er kennt keinen Fall, bei dem der Verkäufer ein Deposit hinterlegen muss. Mein schlechtes Gefühl verdreifacht sich sofort. Der angebliche Schweizer ist doch kein Betrüger, oder? Ich recherchiere im Internet und finde heraus, dass es die im Anhang erwähnte Westafrikanische Zentralbank zwar wirklich gibt, die aber ein völlig anderes Logo verwendet. Der unterzeichnende Minister war zwar mal Finanzminister in Mali, aber nur von 1992 bis 2000! Parallel findet Antje heraus, dass es sich um die neueste Finte von Trickbetrügern auf dem Bootsmarkt handelt, um Verkäufer zu linken. Sie findet im Archiv der Zeitschrift „Yacht“ einen entsprechenden Artikel (http://www.yacht.de/aktuell/panorama/verkaeufer-aufgepasst-neue-miese-etrugsmasche/a112095-page1.html#start) und damit ist alles klar.

Das blöde Arschloch wollte uns um 880 Euro und mehr erleichtern. Ich wünsche ihm die Pest, Cholera, Krebs und besonders widerliche Geschlechtskrankheiten an den Hals und stehe wieder am Anfang. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, Mitte Mai das Boot zu übergeben und danach sofort nach Deutschland zu meiner Familie zurück zu kehren. Tja, war wohl nix! Inzwischen hat die Crew der SY Itchy Foot mein Boot geplündert. Im Glauben, es sei bereits verkauft, habe ich alles Equipment verscheuert, das im Internet nicht gelistet war. Die medizinische Ausrüstung, der Zauberstab, das Multitool, der Gute-Laune-Elefant, Törnführer, alle Karten für die Südsee, ein paar Werkzeuge und reichlich Nahrungsvorräte sind genauso wie die SY Itchy Foot mittlerweile weg – Mist!

Ein Wochenende lang grüble ich, was ich jetzt machen soll. Wir haben noch einen in Panama lebenden Amerikaner an der Hand, der ebenfalls an unserer Auriga interessiert ist. Allerdings pilgert der gerade auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela und kommt erst Anfang Juni nach Panama zurück. Wenn ich allerdings weitere vier Wochen in der Marina warte, drehe ich wahrscheinlich endgültig durch. Außerdem will Nick mit seiner Familie in den nächsten Tagen nach Mexiko aufbrechen und dann bin ich auch noch alleine hier. Ich brauche dringend eine Klimaveränderung. Kurzerhand beschließe ich für drei Wochen nach Deutschland zurückzukehren. Zuerst suche ich nach Flügen von Panama City nach München. Kein Problem, der Preis ist allerdings ernüchternd: 1350 US für einen Hinflug. Okay, ich google nach Flügen von Panama City nach München und zurück und siehe da, ich kann für 1028 US hin und zurück fliegen und spare auch noch über 300 US. Die Preispolitik der Fluggesellschaften ist wahrlich schwer nachvollziehbar. Am Mittwochabend geht es direkt nach Frankfurt und am Donnerstagnachmittag bin ich in München. Der Abschied von Nick und seiner Familie fällt mir ziemlich schwer. Vor allem, weil ich in Nick mittlerweile einen echten Freund gefunden haben. Thank you very much, my friend! Fair winds und wir werden uns ganz sicher in Europa wiedersehen. Andererseits freue ich mich unglaublich auf meine beiden Süßen, Luna, die Katze und mein neues Zuhause….

Fair winds und bis bald

euer Pechvogel von der Auriga

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We will stay with you … Echte Helden und wahre Katastrophen!

Auf nach Ecuador (1)

Nachdem ich die Bucht von Puerto Ayora verlassen habe, wird erstmal der elektrische Autopilot in Stellung gebracht und das Großsegel gesetzt. Bisher klappt eigentlich alles ganz gut. Ich umschiffe noch ein vorgelagertes Riff, bringe die Windfahnensteuerung in Position und gleite mit halbem Wind unter voller Besegelung Richtung Nordosten. Die Sonne scheint, ich genieße eine der letzten Zigaretten und segeln kann eigentlich doch ganz schön sein. Nachdem ich Santa Cruz in meinem Kielwasser gelassen habe, dreht der Wind zwar, aber natürlich nicht wie angesagt! Eigentlich sollte er mit 12- 15 kn aus Süden blasen. is´aber nicht, sondern er kommt direkt aus Osten. Also bleibt mir nichts anderes übrig als nach Norden zu segeln. Die SY Higgins schafft es dann auch schon gegen 17 Uhr auszulaufen. Allerdings sind die Engländer bereits in der Nacht, kurz nach der Äquatorüberquerung auf gleicher Höhe mit mir. Während ich mich mit 3,5 kn nach Norden quäle, macht ein 46 ft großer Katamaran bei den gleichen Bedingungen halt einfach immer noch 6-7 Knoten Geschwindigkeit.

Die erste Nacht ist ziemlich anstrengend, aber auch aufregend. Gegen 23 Uhr werde ich langsam müde. Ich lege mich hin, schlafe eine halbe Stunde, der Wecker geht, ich stehe auf kontrolliere die Instrumente, sehe mich nach anderen Schiffen um und lege mich wieder für 30 Minuten auf´s Ohr. Das Spiel wiederholt sich bis zur Morgendämmerung etwa ein Dutzend Mal und dann bin ich zu meiner Überraschung eigentlich verhältnismäßig ausgeschlafen. Um 04 Uhr habe ich den Äquator zum zweiten Mal überquert, sah auch nicht anders aus als beim letzten Mal. Typischerweise ist die Wettervorhersage mal wieder voll für´n Arsch. Nick und ich haben mehrere Tage lang Wind- und Strömungsatlanten, Cornells „Törnplanung weltweit“ sowie unzählige Wettervorhersagen studiert. Unser Plan war eigentlich ganz einfach. Den angesagten Südwind nutzen und sich mit der südlich des Äquators nach Osten ziehenden Strömung bis zur ecuadorisch-kolumbischen Küste mitnehmen lassen. Danach den in Küstennähe nach Norden ziehenden Humboldtstrom gemeinsam mit den weiterhin angesagten Südwinden nutzen und damit den Golf von Panama erreichen. Die letzten 100 bis 200 Seemeilen müssten wir dann halt zur Not zur brandneuen Viasta Mar Marina motoren. Ich für meinen Teil muss auf alle Fälle mindestens 500 Seemeilen unter Segeln zurücklegen, dann reichen meine 360 Liter Diesel für die restlichen 700 Seemeilen der 1200 Meilen langen Strecke von den Galapagos-Inseln bis nach Panama City.

In den nächsten fünf Tagen geht das Spiel weiter, der Wind kommt aus NE und bläst uns direkt auf die Nase. Die SY Higgins hat mittlerweile einen Abstand von gut 70 Seemeilen zu mir, aber wir telefonieren und emailen täglich und sind somit ständig in Kontakt. Bisher ist alles easy. Ich genieße das Einhandsegeln und fühle mich wirklich frei. Das große Abenteuer, usw … Vielleicht sollte ich meine Aurgia doch nach Europa zurückbringen…. aber wie es halt so ist im Leben, auf ein Hoch folgt immer ein Tief. Wir sind etwa 400 nm von Galapagos entfernt, als mein guter, alter Farryman sich plötzlich lautstark meldet, der Überhitzungsalarm dröhnt unüberhörbar im ganzen Boot! Was für eine Scheiße geht jetzt schon wieder ab? Ich stoppe die Maschine und treibe bei 3 kn Wind mitten im Nirgendwo herum. Ich checke die Maschine, kein Blut oder andere ungewöhnliche Ausscheidungen sind zu sehen. Ich kontrolliere dies und das, kann aber nichts finden. Okay, meine Möglichkeiten sind erstmal erschöpft! Ich emaile der SY Higgins meine Situation und warte ab. Zwei Stunden später bekomme ich via SSB eine Antwort von den Engländern – Okay, kein Problem, sie drehen um und schleppen mich bis zur kolumbianischen Küste ab… „ We will meet you in six hours, at position…!

Fünf Stunden später kann ich die Umrisse der SY Higgins am Horizont langsam erkennen und fühle mich deutlich besser. Eine Stunde später hänge ich am Heck des riesigen Katamarans, werde mit einer Schachtel Marlboro versorgt, ich übergebe meine restlichen vollen Dieselkanister und lasse mich abschleppen. Umdrehen kommt nicht in Frage, weil unser gemeinsamer Dieselvorrat nur noch bis zur kolumbianischen Küste reicht und wir „nur“ noch 300 nm entfernt sind. Während die Nacht ruhig verläuft, zeigt uns der Pazifik am nächsten Morgen, dass es auch anders geht. Am frühen Vormittag nimmt der Wind auf beinahe 20 Knoten zu, wir haben zwar nur 1,5 m hohe Wellen, aber die sind kurz und kommen im 2 Sekundentakt angerollt. Nick und ich sind ständig via UKW in Kontakt, nach zwei Stunden meint er, wenn die Wellen noch höher werden muss er mich abhängen. Sorry! Die Wellen nehmen zwar noch ein bisschen zu, aber ich klebe weiter wie Kaugummi an der SY Higgins und Nick lässt mich nicht im Stich!! Wenn es so weiter geht, werde ich mich freiwillig abhängen, weil sich mein Vorschiff langsam auflöst. In der Abenddämmerung als der Wind endlich nachlässt, robbe ich mit Schrauben und Werkzeug bewaffnet auf dem schaukelnden Boot nach vorne und wechsle ein paar ausgerissene Schrauben aus.

Die nächsten zwei Tage haben wir Glück, es ist beinahe windstill, wir wollen nach einigen Diskussionen die nördlich gelegene Bahia Solano an der kolumbianischen Küste ansteuern. Nachts müssen wir noch ein paar Gewittern ausweichen, aber alles kein Problem. Ich kann die Unwetter auf dem Radar sehen und der SY Higgins entsprechende Kurswechsel ansagen. Wir sehen zwar reichlich Wetterleuchten, werden aber von Regen und Wind verschont. Ich nutze die Zeit und widme mich wieder meinem Farryman. Okay, Überhitzung! Was läuft schief? Vielleicht ist die Seewasserzufuhr schuld. Ich schraube die Impellerpumpe auseinander und siehe da, ein Flügel des Impellers ist abgerissen. Ich wechsle das gute Stück und pule den abgerissenen Flügel aus der Leitung zum Wärmetauscher. Problem erkannt, Problem gebannt! Hurra, ich bin der Held des Tages. Oder auch nicht! Ich lasse den Motor an und …. der Überhitzungsalarm ertönt in gewohnter Lautstärke. Meine Euphorie ist augenblicklich auf dem Nullpunkt. Was zur Hölle ist nur mit diesem Motor nicht in Ordnung!

24 Stunden später, ich denke viel über den Farryman nach, vielleicht ist ja der Wärmesensor kaputt. Ich durchsuche meine Tasche mit Ersatzteilen und finde doch tatsächlich zwei Temperaturfühler. Kurzer Blick in mein Workshopmanual, okay der Wärmesensor ist gut zugänglich an der Vorderseite angebracht. Nach einer halben Stunde ist er ausgetauscht, Testlauf, alles funktioniert! Ein kaputter Sensor, da muss man erstmal drauf kommen! Ein wahres Hochgefühl überkommt mich. Mittlerweile haben wir die kolumbianische Küste erreicht, ich berichte der SY Higgins von meinem Erfolg und wir treiben getrennt in der Nacht etwa 10 Seemeilen vor unserem Ziel. Bis zum nächsten Morgen ist die SY Higgins beinahe vier Seemeilen von meiner Position entfernt. Wir besprechen uns kurz und vereinbaren, dass die Engländer mich bis zum Erreichen der Bucht von Solano einholen werden. Ich starte die Maschine, alles läuft und ich tuckere mit vier Knoten voraus.

Eine Stunde später, die SY Higgins ist bereits in meinem Kielwasser, geht der Überhitzungsalarm wieder los. Was für eine Scheiße läuft hier überhaupt! Ich checke die Pumpe, die Kühlwassertemperatur, alles okay! Ich werde doch keinen defeken Sensor eingebaut haben, oder? Ist mir jetzt aber auch egal. Kurzerhand kappe ich die elektrische Verbindung zum Sensor, die Maschine läuft und der Lärm hört augenblicklich auf. Was für eine Wohltat! Soll der Motor doch explodieren, wenn er will! Da die SY Higgins ohne Tiefenmesser unterwegs ist, fahre ich voraus in die Bucht und checke die Tiefe. Die ist aber eher kein Problem, da wir selbst 200 Meter vom Ufer entfernt noch beinahe 100 Meter Wasser unter dem Kiel haben. Das eigentliche Thema ist, einen geeigneten Ankerplatz zu finden. Letztendlich schmeißen wir unsere Anker in 15 Meter Tiefe bei Niedrigwasser, Tidenhub vier Meter, 20 Meter vom Ufer entfernt. Warum auch nicht! Is´ ja nur für eine Nacht.

Eine halbe Stunde später treffen sich Nick und ich an Land und wir besprechen das weitere Vorgehen. Wir brauchen Zigaretten und 400 Liter Diesel. Zufällig treffen wir einen gut englisch sprechenden Aussiedler und erklären unser Problem. No problemo. Zigaretten und Diesel sind kein Problem, ob wir kolumbianisches Pesos haben? Nein. Nicht so gut. Im Ort gibt es Matilda, die kann unsere US Dollar zu einem schlechten Kurs in Pesos wechseln. Okay, wir haben ja keine andere Wahl. Also let´s go! Nick und ich werden auf die Ladefläche eines Pickups verfrachtet und schon geht die Fahrt los. Bei Matilda wechsle ich 500 US in 1.250.000 Pesos. Damit sollten wir durchkommen. Wir organisieren ein paar frische Lebensmittel und Zigaretten. An der Tankstelle werden uns zwei 200 Liter Fässer Diesel angeboten – vielleicht ein bisschen viel zum Tragen, oder? Wir beschließen unsere Kanister zur Tankstelle zu bringen und auffüllen zu lassen. Auf dem Pickup geht es zurück zum Ankerplatz und wir holen unsere Kanister. Mit dem Boot und 20 Kanistern geht es zurück an Land. Während Nick den Diesel besorgt, ankere ich um, um näher bei der SY Higgins zu sein. 80 Liter Diesel später ist mein Tank wieder voll und ich bereit für die letzten 250 Seemeilen bis zur Vista Mar Marina in Panama.

Am Abend kommt die kolumbianische Armada noch vorbei und wir erklären unser Problem. Überhitzungsalarm, kein Diesel mehr, also mal wieder ein Notfallstopp. Die Behörden haben Verständnis und wir versprechen am nächsten Morgen wieder abzudampfen. Zwei Stunden später kommt ein Vertreter der Capitaneria vorbei und erklärt mir, ich solle über Nacht alle Luken und Türen verschließen. Wir machen einen Funk-Test auf der Notfallfrequenz. Wenn irgendetwas sein sollte, soll ich mich auf Kanal 16 melden. Sie wollen am nächsten Morgen um 08 Uhr nochmal kommen und das Boot kontrollieren. Ist zwar nicht so wirklich vertrauenerweckend, aber gut was soll´s. Ich mache die Luken dicht und habe drei Minuten später 35° unter Deck, Okay, bei aller Liebe, dann lieber ausgeraubt werden, als an Überhitzung sterben. Die Nacht verläuft natürlich ohne Zwischenfälle und um 06 Uhr bin ich wieder auf den Beinen, schließlich wollen die Offiziellen um 08 Uhr kommen und wir danach abdampfen.

Um 07 Uhr konferiere ich mit der SY Higgins, sie wollen erst noch ans Dock zum Wasser auffüllen , dann kommen die Inspektoren und wir können los. Ich beobachte die Vorbereitungen auf der SY Higgins bei einem gepflegten Kaffee und warte erstmal ab. Es wird 08 Uhr, 09 Uhr, mittlerweile tummeln sich zahlreiche Uniformierte am Steg neben der SY Higgins. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Eine halbe Stunde später funkt mich Nick an. Wir müssen ganz offiziell mit einem Agenten ein- und ausklarieren, in fünf Minuten werden fünf Offizielle auf mein Boot kommen. Ich habe die morgendlichen Stunden genutzt um meine Auriga vorzeigefein zu machen, erwarte die Behörden und den üblichen Einreisequatsch! Okay, die letzte Zarpe von den Galapagos-Inseln, mein Pass und die Bootspapiere sind zur Hand. Ich erkläre warum die SY Higgins und ich hier sind , blablabla…..! Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Ich soll dem Port Captain einen Brief schreiben warum und wieso, ein Agent an Land wird sich via Email melden und die Behörden versprechen sich zu beeilen. Nachdem mein Brief erfolgreich versandt ist, widme ich mich wieder dem Farryman. Ich starte die Maschine und sofort ertönt der Überhitzungsalarm. Alles klar, der frisch eingebaute Sensor muss schuld sein. Zum Glück habe ich ja noch einen an Bord. Eine viertel Stunde später ist der eingebaut, die Maschine läuft zwei Stunden ohne Probleme – Alles gut, ich bin bereit zum Ablegen.

Mittlerweile ist es Mittag, ich habe immer noch keine Nachricht von den Behörden und sitze gelangweilt auf dem Boot herum. Dann, um 14 Uhr, meldet sich der Port Captain. Es ist alles klar, unsere neue ZARPE kann ausgestellt werden, in ein paar Minuten meldet sich der Agent, wegen dringend benötigter Info´s übers Boot und Besatzung. Alles klar, die letzten vier Stunden ist also nichts passiert! Ich bekomme die Mail vom Agenten, schicke ihm alle benötigten Angaben zurück und erfahre, dass wir gegen 16:30 Uhr mit den notwendigen Papieren rechnen können! Pünktlich trifft ein Vertreter der Capitaneria und der Agent auf der SY Higgins ein. Aus der Entfernung kann ich sehen, dass eine lebhafte Diskussion im Gange ist. Wahrscheinlich geht es um´s Honorar für den Agenten. 30 Minuten später legt das Dinghi von der SY Higgins ab und kommt zu mir. Nick erklärt mir über Funk, dass der Agent doch glatt 280 US für seinen Service wollte! Letztendlich haben sich die beiden auf 100 US geeinigt. Auch noch happig, aber besser als beinahe das Dreifache hinzulegen. Bei mir geht es ganz schnell, ich bekomme meine ZARPE, der Agent will 100 US und fünf Minuten später sind beide wieder verschwunden. Was für eine elende Abzocke. Eigentlich hätten wir nach internationalem Seerecht, 72 Stunden ohne ein- und auszuklarieren bleiben dürfen, da wir ja einen begründeten Notfall hatten ….

Egal, wir wollen nur noch weg. Kurz darauf gehe ich Anker auf und die SY Higgins folgt mir ein paar Minuten später und wir dampfen in der beginnenden Abenddämmerung ab. Natürlich haben wir nur ein bisschen Wind und der kommt selbstverständlich aus der falschen Richtung. In der Nacht umfahren wir ein paar Unwetter, die Engländer sind bereits wieder außer Sichtweite, aber wir haben guten Funk- und Emailkontakt. Am Samstag Vormittag ist Badetag. Ich habe Wasser ohne Ende an Bord und entschließe mich zu einer kompletten Renovierung meiner selbst. 15 Liter Wasser, Shampoo, das letzte frische Handtuch liegen bereit und mein Beautyday kann beginnen. Ich sitze gerade entspannt, völlig eingeseift im Cockpit, als meine komplette Bordelektronik ausfällt! Wie jetzt! Alles tot, nichts funktioniert mehr! Ich bin fassungslos und schäume in jedem Sinne des Wortes. Die nächste Krise liegt an. Schnell das ganze Shampoo abwaschen und in den Salon. Ich drücke Knöpfe, Sicherungen, aber es passiert nichts. Drei Minuten später habe ich wieder Strom und alles funktioniert wie gewohnt! Okay, kann ja mal passieren! Um Nick nicht zu beunruhigen, behalte ich den Vorfall erstmal für mich.

Am späten Nachmittag haben wir die Las Perlas Inseln im Golf von Panama erreicht. Via Email diskutieren wir unsere Route durch das Archipel. Bei mir läuft eigentlich alles gut, nur der Diesel könnte knapp werden, aber zur Not kann ich nach Contadora fahren und dort nachtanken. Da die SY Higgins schon wieder 10 Seemeilen vor mir ist, schreibe ich ihnen, dass sie doch einfach vorfahren sollen und wir uns morgen in der Marina treffen. Daraufhin bekomme ich folgendes E-Mail zurück:

Hi
I could not hear you very well on VHF.
I think you said everything was ok and that you had no problems.
I have had a look at the weather too.
I agree that it looks like we will have about 10 knots of wind against us tonight. I think it is probably worth staying about 15 miles from the Colombian coast and we should stay out of the worst of the weather.
We will also have the current pushing us up towards Panama mainland.
We can then cut across to Contadora depending on conditions.
I can give you your diesel Cannes back in Las Perlas so you should not have to stop for diesel.
We are at position 7* 28.7 N and 78* 20.9 W
We will stay on this course until tonight when we will keep about 15 miles off the coast until Punta Garachine and then decide best course to Las Perlas.
We will stay with you all of the way to the Marina.
Nick

Als ich den letzten Satz lese, habe ich Tränen in den Augen! Das ist echte Seemannschaft! Wir vereinbaren einen Treffpunkt nördlich der Isla del Rey und wenn alles nach Plan läuft, werden wir uns dort gegen Mitternacht treffen. Mittlerweile ist es dunkel und Zeit für die nächste Krise. Ich bin ungefähr 10 Seemeilen von unserem Meetingpoint entfernt, funke gerade mit Nick, als zuerst der Überhitzungsalarm losgeht und praktisch eine halbe Minute später wieder die komplette Elektronik ausfällt. Ich sitze in meinem stockdunklen Salon und bin völlig fassungslos! Ich hasse dieses Boot! Ich habe keine Lust mehr auf diesen Dreck! Okay, erstmal die Maschine abschalten. Wo habe ich die verdammte Taschenlampe hingelegt? Gefunden, nah immerhin etwas! Auf alle Fälle muss jetzt erstmal Strom her. Ich lege die Hauptsicherung um, schalte ein und habe wieder Strom. Diesmal ist meine Lage allerdings deutlich schlechter. Ich habe zu wenig Wind zum Segeln und treibe mit 2 Knoten auf die 3 Seemeilen entfernte Südküste von Isla del Rey zu. Das ist nun wirklich mal Scheiße! Glücklicherweise kann ich Nick via UKW erreichen, er verspricht auf der Stelle umzudrehen und mich schon wieder abzuschleppen – Ich liebe diesen Engländer! Falls er in einer Stunde nicht da ist, werde ich einen Maydayruf absetzen, bevor ich auf der Küste aufschlage.

Die nächsten drei Zigaretten sitze ich wie gelähmt im Cockpit. Was ist zu tun? Ich bereite das Boot zum Abschleppen vor, mache meine 50 Meter lange Schleppleine auf dem Vorschiff klar. Gut, was jetzt? Ach ja, der Motor. Ich kontrolliere alles und stelle fest, dass ich praktisch kein Kühlwasser mehr im Motor habe? Warum, weiß wahrscheinlich nur der Teufel. 1,5 Liter Kühlwasser später, läuft die Maschine wieder ohne Probleme, ich drehe um, informiere Nick und bin wieder am Start. Der Arme muss mich inzwischen für völlig unfähig und verrückt halten. Wir treffen uns auf halber Strecke, die SY Higgins geht auf Schleichfahrt und ich folge ihr mit 4 Knoten Geschwindigkeit durch das Archipel. Bei Sonnenaufgang sind wir beinahe an den letzten Inseln vorbei und haben nur noch 50 Seemeilen bis zur Marina vor uns. Ist knapp, aber könnte klappen, dass wir noch bei Tageslicht ankommen. Als wir die Inselgruppe verlassen, können wir nach Westen abdrehen und sogar den Nordwind nutzen um die Maschine zu unterstützen. Ich habe alle Segel gesetzt, mache 5 Knoten und werde als nächstes erstmal von einer Biene in den Unterarm gestochen. Der Tag geht ja schon wieder super los!

Nach zwei Stunden schläft der Wind komplett ein, ich mache gerade noch 3,5 Knoten über Grund und begrabe geistig bereits jede Option die Marina jemals bei Tageslicht zu erreichen. Bis Mittag tuckere ich so vor mich hin, als plötzlich der Wind wieder kommt. Nach einer halben Stunde habe ich 15 Knoten stabilen Wind aus der richtigen Richtung, mache ohne Maschine beinahe 6 Knoten, bin nur noch 35 Seemeilen von der Marina entfernt und habe noch sieben Stunden Zeit bis Sonnenuntergang. Go, Auriga go! Die nächsten vier Stunden verbringe ich mit Segeln vom Feinsten. Ich lege meine Salonpolster ins Cockpit, liege im Schatten des Vorsegels, eine kühle Brise weht mir um die Nase, es ist … einfach nur herrlich, grandios, spitze! Die Higgins ist trotz Schleichfahrt bereits wieder 10 Seemeilen vor mir. Wir vereinbaren, dass sie auf alle Fälle in die Marina einlaufen sollen, die örtlichen Gegebenheiten erkunden und ggf. jemanden schicken der mich nachts in die Marina lotsen kann.

15:30 Uhr, ich bin noch knapp 10 Seemeilen von der Marina entfernt. Der Wind lässt langsam nach, ich mache nur noch 4,5 Knoten über Grund. Okay, ich hole das Vorsegel ein, starte die Maschine und bin wieder mit 5,5 Knoten unterwegs. In zwei Stunden sollte ich bei Tageslicht die Marina erreichen. Die SY Higgins ist mittlerweile angekommen und Nick und ich stehen permanent via UKW in Kontakt. 45 Minuten später, noch sieben Meilen bis zum Ziel, der Überhitzungsalarm geht wieder mal los und die Bordelektronik gibt jetzt endgültig auf. NEIN, NEIN, NEIN! Ich habe keinen Bock mehr. Was tun? Erstmal das Vorsegel wieder raus und weiter Richtung Küste segeln. Ich kontrolliere den Motor, das Kühlwasser kocht, also eher nicht so gut! Strom gibt es im Minutentakt, on, off, alles Scheiße. Während der Strom-on-Phasen funke ich Nick in der Marina an und erkläre meine Situation. „I am under sails, engine is not working, complete electric shut down!“ Ich brauche jemanden, der mich abschleppt! Nick bietet sich sofort an, er kann auf der Stelle auslaufen, aber das möchte ich nicht. Die Marina soll ein Boot schicken. Die haben aber nur ein größeres Dinghi! Okay, Option zwei, wir informieren die amerikanische Küstenwache und die sollen mich in die Marina bringen. Ist mir jetzt auch schon egal. Nick organisiert alles an Land. „The Navy is coming and will bring you into the Marina.“

In der Zwischenzeit hole ich in der Abenddämmerung alle Segel ein und treibe fröhlich Richtung Küste. Allerdings ist von der Küstenwache irgendwie nichts zu sehen. Eine Stunde später, starte ich die Maschine erneut und alles funktioniert wieder ohne Probleme. Ohne Navigation geht es weiter Richtung Küste, ich bin noch 6 Seemeilen oder 1,5 Stunden von der Marina entfernt. Mein Funkgerät hat mittlerweile komplett aufgegeben. Die Handfunke reicht nicht bis zum Festland und ich versuche immer wieder die bevorstehende Rettung durch die Navy abzublasen, allerdings eher ohne Erfolg. Mit 4 Knoten geht es weiter Richtung Küste. Die ist inzwischen hell erleuchtet, aber ich habe nur eine ungefähre Ahnung wo ich hin soll. Zwischendurch versuche ich Nick via Satellitentelefon zu erreichen. 20 erfolglose Telefonate später sitze ich im Dunkeln an der Pinne, steuere die vermeintliche Position der Marina an, bis endlich die Reichweite meiner Handfunke reicht um Nick zu erreichen. Wir haben nur kurz Kontakt und ich schreie ins Mikrophon: „Use the Satellitephone!“ Zwei Minuten später habe ich ihn an der Strippe. Die Maschine läuft, meine Position ist …, in einer Stunde habe ich die Marina erreicht. Bitte ruf die Navy zurück! Okay, no problem, you can come in with no problems. Call me every half hour and give me your position. When you are one meile away from the marina waypoint, they send a dinghi to pick you up.

Eine Meile entfernt ist ja kein Problem, aber ohne Plotter! In der Dunkelheit schätze ich die Entfernung und melde mich nach einer Stunde bei der Marina auf Kanal 71 an. Nach zehn Funksprüchen bekomme ich endlich Antwort. „Hallo Captain, we copy you“! Großartig, aber wo ist jetzt das versprochene Dinghi? Ich schalte einen Gang runter und tuckere langsam auf die näher kommende Küste zu. Dann, endlich ein weißes Blinklicht in der Ferne. You are the flashing light? Yes, please follow me. Ich bin gerettet! Vier Marineros plus Nick helfen mir beim Anlegen und dann ist es wirklich geschafft. Ich bin angekommen! Echt da! Nick und ich liegen uns kurz darauf in den Armen, ohne seine Hilfe hätte ich es nicht bis nach Panama geschafft. Vielen, vielen, vielen, vielen, vielen Dank mein Freund!

Fair winds und bis bald,

Big hugs from the Auriga

Flasche leer! Habe fertig … Südsee ade!

Erste Schritte (22)

Es ist Dienstag, der 10. April, ich habe meine erste Nacht als Einhandsegler hinter mir, den Äquator schon wieder überquert und bin auf dem Weg zurück nach Panama. Was ist passiert? Gute Frage! Ich würde mal sagen, so einiges …..

Montag, zwei Wochen zuvor. Nach einer erholsamen Nacht vor Anker, beginnt der Tag mit einem grandiosen Sonnenaufgang. In der Morgendämmerung tummeln sich Meeresschildkröten, Seelöwen, Pelikane, einige kleine Haie, Fregattvögel und die berühmten Bobbies (Blaufusstölpel?) in der Bucht vor Puerto Ayora. Zusammen mit einem frischen Kaffee ist es ein herrliches Schauspiel die Tiere beim Jagen zu beobachten. Balu macht sich am Morgen auf in die Stadt um Telefonkarten, Internet, Wasser etc. zu organisieren, während ich mich am Vormittag mit Martin, einem Hamburger, der schon seit seiner Kindheit auf den Galapagos-Inseln lebt, auf dem Boot treffe und die Probleme mit dem Wassermacher erörtere. Er kommt am späten Vormittag vorbei, begutachtet das gute Stück und meint sofort – alles kein Problem, die Reparatur dauert höchstens einen halben Tag. Ich soll die Pumpe ausbauen und wir treffen uns am nächsten Tag am Pier und fahren gemeinsam in seine Werkstatt – Sehr schön, damit wäre das Hauptproblem schon mal gelöst. Anschließend rufe ich unseren Agenten an und bestelle 200 Liter Diesel für die Weiterfahrt. Er verspricht sich um das notwendige Permit zu kümmern und meldet sich wieder.

Damit ist mein Tagespensum eigentlich schon erledigt, ich nehme ein Wassertaxi und fahre nach Puerto Ayora, um die Stadt zu besichtigen und etwas zu essen. Zufällig treffe ich Balu, wir tauschen uns kurz über die jüngsten Entwicklungen aus und ich mache mich auf den Weg zu einer Restaurantempfehlung von Martin. Anschließend lasse mich mit dem Wassertaxi kurz bei der SY Higgins vorbei bringen, wir vereinbaren ein Treffen für den nächsten Abend, danach geht´s zurück auf´s Boot um die Pumpe auszubauen und für den Transport am nächsten Tag vorzubereiten. Am späten Nachmittag kommt Balu mit ernster Mine auf´s Boot zurück. Bei einem Bier erklärt er mir, dass er sich nicht mehr sicher ist, ob er noch in die Südsee mitkommen will! Der verspätete Start in Salinas, die Sache mit dem Wassermacher, der Stopp auf den Galapagos-Inseln, unser nächtlicher Disput haben ihn offensichtlich nachhaltiger verunsichert als gedacht und er denkt darüber nach, in Santa Cruz auszusteigen, ist allerdings noch nicht wirklich entschlossen. Autsch, das kommt ein bisschen überraschend. Wir vereinbaren, dass er sich bis Freitag entscheiden soll, weil ich eigentlich am Montag weiter Richtung Südsee möchte. Während er anschließend nochmal in die Stadt geht, bleibe ich an Bord und bin ein wenig irritiert.

Am nächsten Morgen beim Kaffeetrinken ist die Entscheidung bereits gefallen, er hat am Abend nochmal nachgedacht und beschlossen auszusteigen! Er verspricht, sich um die Ausklarierungsmodalitäten zu kümmern und eine halbe Stunde später ist er weg. Vielen Dank auch! Ich verdränge die Situation erstmal, packe die Pumpe ein und treffe mich eine Stunde später mit Martin. Auf der Fahrt zur Werkstatt erzähle ich ihm von den morgendlichen Ereignissen. Was hast Du jetzt vor? Tja, gute Frage, erstmal keine Ahnung. Eigentlich wollte ich das Boot ja in der Südsee verkaufen, aber jetzt? Während Martins Angestellte sich der Pumpe annehmen sitze ich mit dem Hamburger in seinem Büro und er bietet an zu helfen, wo er kann. Vielleicht lässt sich die Auriga ja in Santa Cruz verkaufen oder es findet sich jemand der mich doch noch in die Südsee begleitet. Martin verspricht sich umzuhören und wir verabreden uns für den nächsten Tag bei seiner Schwester, die ebenfalls Gott und die Welt auf den einzelnen Inseln kennt. Vielleicht geht ja was! Nach zwei Stunden ist die Pumpe repariert, Martin bringt mich zum Pier zurück, dabei hätten wir fast eine Riesenschildkröte überfahren! Das blöde Vieh bleibt einfach auf der Straße stehen und zieht sich in seinen Panzer zurück! Würde ich eigentlich gerade auch gerne machen. Am Nachmittag baue ich die Pumpe wieder ein und der Wassermacher macht wofür er konstruiert wurde – gutes, sauberes Trinkwasser. Immerhin dieses Problem ist gelöst.

Am Abend treffe ich mich mit Nick von der SY Higgins, bin ja gespannt was der zu erzählen hat. Offensichtlich war der Versuch von Colon nach Florida zukommen, so aussichtslos, dass die Engländer nach drei Tagen umkehrten, anschließend doch noch die Kanalpassage gemacht haben und danach auf die Galapagos-Inseln gesegelt sind. Jetzt wollen sie versuchen, dass Boot in Mexiko zu verkaufen. Allerdings benötigen sie vor der über 2000 sm langen Reise erst noch ein paar Ersatzteile und die gibt es natürlich nur in Panama. Während der Fahrt nach Isla della Isabella sind seine gesamten Navigationsinstrumente ausgefallen und hier ist keine Reparatur in Sicht. Danach bin ich dran und erzähle die Ereignisse der letzten Wochen, speziell der letzten beiden Tage. Jaja, schöne Scheiße. Was hast Du jetzt vor? Ich habe immer noch keine Ahnung, aber dafür noch über zwei Wochen Zeit mir etwas einfallen zu lassen. In den nächsten drei Tagen wird mir meine verzwickte Lage immer bewusster. Alleine in die Südsee – Nein. Das Boot verkaufen – Ja, aber wo? Panama, Kolumbien, ABC-Inseln oder Martinique. Dann muss ich aber wieder in den Atlantik zurück. In Mittelamerika kann ich es auf keinen Fall lassen, weil es bei der herrschenden Luftfeuchtigkeit innerhalb kürzester Zeit verrottet und es auf der Pazifikseite keine vernünftigen Häfen gibt, wo ich es lagern könnte.

Die nächsten Tage sind eine emotionale Achterbahnfahrt. Es geht auf und ab, häufiger steil bergab als nach oben. Ich bin sauer, frustriert, erschöpft und einfach nur noch reisemüde – Flasche leer, habe fertig! Nach drei Tagen Gefühlschaos ist klar, ich will nicht mehr weiter, habe die Schnauze voll. Die Südsee kann von mir aus machen was sie will. Zwischendurch regt mich die ganze Geschichte so auf, dass ich Brustschmerzen und Atemnot bekomme. Ich ziehe ernsthaft in Erwägung gerade einen akuten Herzinfarkt mitzuerleben und statte deshalb dem örtlichen Krankenhaus einen Besuch ab. Glücklicherweise ist das EKG okay und ich habe nur eine kleine Blutdruckentgleisung. Während in mir das Chaos weiter tobt, ist in der Bucht jeden Tag etwas anderes geboten. Einmal treibt ein schwimmendes Bootswrack direkt auf meine Auriga zu. Ich informiere die Capitaneria via Funk, bekomme aber keine Antwort – nah, super! Ich bitte die vorbeikommenden Dinghiboote der Ausflugsschiffe um Hilfe, aber die lehnen freundlich ab. Vielen Dank, äußerst hilfsreich! Als das Wrack nur noch ein paar Meter entfernt ist, schmeiße ich den Motor an und umfahre an der Ankerkette hängend das schwimmende Ungetüm. Glücklicherweise treibt es danach an mir vorbei, aber auf eines der einheimischen Motorboote zu. Der arme Tropf an Bord versucht vergebens das immer wieder gegen den Rumpf schlagende Treibgut wegzustoßen, aber das hat sich mittlerweile in seiner Ankerkette verfangen. Interessanterweise sind nach einem schnellen Hilferuf via Funk genau die Dinghis innerhalb von ein paar Minuten zur Stelle, die mir vorher nicht helfen wollten. Was soll man davon halten! In der Nacht darauf beginnt ein riesiges Motorboot neben mir zu driften usw, usw …

Nach einer Woche komme ich langsam wieder runter und gehe direkt in den Krisenbewältigungsmodus über. Eine Entscheidung muss getroffen werden. Ich beschließe gemeinsam mit der SY Higgins nach Panama zurückzukehren, danach geht es durch den Kanal in den Atlantik und weiter bis nach Martinique. Von hier aus kann das Boot, via Transportschiff nach Rotterdam oder Southampton gebracht werden. Plan C wäre, ich finde das Einhandsegeln gar nicht schlecht, treffe mich Anfang Juni mit Alex und Birger auf den Bermudas und bringe die Auriga selbst nach Europa zurück. Auf der Fahrt versuche ich vor Ort und Antje von Deutschland aus unsere Auriga an den Mann oder die Frau zu bringen. Matthias von der SY Jasina versorgt uns mit vielen guten Tipps, Joachim will sich in der Shelter Bay und Linton umhören und wir bekommen einen Kontakt zu einem Bootsagenten in Panama City. Übrigens, vielen Dank ihr Lieben für die Anteilnahme und die großartige Unterstützung. Sollte der Verkauf unterwegs nicht klappen, werde ich unsere Auriga in Europa ausschlachten und die in den letzten Jahren erworbene Ausrüstung einzeln verkaufen und danach das Boot günstig abgeben oder verschenken. Jedenfalls ist damit die Aktion Rückkehr und Bootsverkauf eingeleitet.

Während dieser stressigen Tage ist vor allem Martin ein echter Lichtblick. Er lädt mich zu einem Ausflug über die Insel ein. Ich bekomme ein paar Riesenschildkröten in ihrem natürlichen Habitat zu sehen, wir besuchen den Nationalpark und er erzählt viel über die Inseln. Außerdem schickt er noch einen seiner Angestellten vorbei, der meinen Ferrymann wieder auf Vordermann bringt. Der Wasserabscheider und der Dieselfilter müssen gewechselt werden, das Standgas neu eingestellt werden usw …! Von Bezahlung will der Gute aber nichts wissen! Dann möchte ich ihn wenigstens am Samstag Mittag noch zum Essen einladen. Wir treffen uns wie immer am Pier und er lädt mich zu sich nach Hause ein. Seine Frau ist gerade in Quito und das Dienstmädchen hat bereits ein Mittagessen vorbereitet. Was soll man da sagen, außer vielen, vielen Dank. Wir verbringen einen sehr kurzweiligen und ausgesprochen schönen Nachmittag zusammen. Lieber Martin, Du wirst mir auf jeden Fall in guter Erinnerung bleiben und nochmal vielen Dank für deine Hilfe. Sonntags treffe ich mich am Nachmittag mit der Higgins-Crew, wir besprechen die geplante Route und wir vereinbaren am Montag Vormittag Richtung Panama City aufzubrechen.

Wie immer schlafe ich in der Nacht vor dem Ablegen schlecht, aber diesmal ist es anders, ich bin echt nervös, aufgeregt und sogar ein wenig ängstlich. Ich war noch nie als Einhandsegler unterwegs. Okay, ich bin nicht der erste, der sowas macht, aber muss die Premiere gleich über den offenen Pazifik und über eine Distanz von 900 sm gehen? Naja, was soll´s, es geht halt nicht anders, da muss ich jetzt wohl durch. Morgens besorge ich noch frisches Brot, danach wird meine Auriga aufgeklart und um 10:30 Uhr bin ich startklar. Ich verabschiede mich telefonisch noch von Martin, gebe Antje Bescheid und dann kann´s eigentlich losgehen. Allerdings drückt der Wind mittlerweile mit 15 Knoten in den engen und schwelligen Ankerplatz. Ich funke die SY Higgins an und bitte Nick um Hilfe. Der ist kurz darauf an Bord und wir können sicher den Anker lichten. Ich liefere ihn auf seinem Katamaran ab und tuckere gemütlich aus der Bucht und meiner ersten Einhanderfahrung entgegen. Bin ja gespannt wie es wird. Wenn alles gut geht, sollte ich in 10 Tagen in Panama City erreichen ….

Fair winds und bis bald,

euer Solist von der Auriga

Nuku Hiva – we are coming, as soon as possible

In der Nacht vor der Abfahrt schlafe ich wie immer äußerst unruhig, wache alle zwei Stunden auf, denke nach, grüble. Hab ich an alles gedacht, sind wir, bin ich wirklich für die knapp 4000 nm lange Überfahrt bereit? Mindestens 30 Tage auf See! Während mich die üblichen Zweifel plagen, steht Balu der Wille zum Aufbruch seit zwei Tagen förmlich ins Gesicht geschrieben. Er will los und er hat Recht. In den frühen Morgenstunden bin ich auch entschlossen. Endlich wirklich entschlossen zum Aufbruch! Der Südpazifik, das war von Beginn an mein großer Traum. Exotische Inselgruppen, deren Namen ich am Anfang nicht mal richtig aussprechen konnte, gehen nach vielen Gesprächen mit anderen Seglern nun leicht von der Zunge. Die Marquesas, die gefährlichen Ringatolle der Tuamotos, die Gesellschaftsinseln, die Australs, die Marshall- und Cookinseln. Alle diese exotischen Ziele liegen jetzt zum Greifen nah! Es gibt kein Zurück mehr, die Richtung ist wieder klar – immer nach Westen. Als ich aufstehe, bin ich deutlich entspannter! Ein weiterer Aufschub ist nicht akzeptabel, ich will und ich muss los … Die Südseeparty kann beginnen.

19.03.2018 (Tag 1), Position 03° 10´ S / 082° 44´ W, Etmal 127 nm
Am Sonntagmorgen stehen wir um 5:30 Uhr auf der Matte. Ein schneller Kaffee – Alles klar, wir brechen in spätestens zwei Stunden auf. Das Abenteuer wartet schließlich nicht ewig auf uns. zwar ist der Himmel bedeckt und es weht kein Lüftchen, aber was soll’s. Irgendwo werden wir ihn schon finden, den Südost-Passat, der uns möglichst schnell nach Nuku Hiva bringen soll. Ich telefoniere noch mit Antje und gebe Bescheid! Wir holen die letzten Kabel ein, machen die Leinen klar und jeder geht nochmal schnell duschen. Ist schließlich die letzte für die nächsten zwei Monate. Kurz nach 7 Uhr kappt Balu unsere Mooringleinen, die waren dermaßen mit Öel und Diesel getränkt, dass wir sie zurücklassen mussten. Sorry Birger, aber 15 Meter sind noch übrig und die werde ich nicht so leichtfertig opfern! Jon von Hecla hilft mit den Heckleinen, wir sind los, ein kurzer Pusch nach vorn und wir schwimmen aus unserer Box in die Hafengasse – endlich wieder frei. Chris und Elayne winken von der Nemo, Jon filmt die Szenerie und dann verschwinden unsere Freunde hinter dem Wellenbrecher und wir setzen Kurs. Laut unseren Pilotcharts und den aktuellen Gripfiles, befindet sich der ersehnte Südostpassat etwa 4 Breitengrade südlicher und 6 Längengrade westlicher von uns. Da wir uns in einem echten Windloch befinden, werden wir wahrscheinlich zwei bis drei Tage Motorsegeln, bis wir die Passatzone erreichen werden. Sobald wird die Bucht von Salinas verlassen, setzen wir das Großsegel und motoren mit 5 Knoten Wind Richtung SW. Der Pazifik ist beinahe spiegelglatt. Wir können ein paar Maih-Maihs beim Jagen beobachten, fliegende Fische gleiten übers Wasser, sehen einige kleine Fischerboote und gewöhnen uns langsam ein. Gegen Abend haben wir die Küstenzone und den nach Norden drückenden Humboldtstrom verlassen. Später frischt der Wind noch etwas auf und wir legen über Nacht sogar noch ein bisschen Geschwindigkeit zu. Nachts entdecken wir in der Nähe ein kleines Fischerboot, das wir nach einigem Herumspielen mit dem Radar auch auf den Bildschirm bekommen – schöne Übung für uns! Wenn wir in dem Tempo weiterkommen, könnten wir die Tradewinds am Dienstagvormittag erreichen …

20.03.2018 (Tag 2), Position 04° 05´ S / 084° 32´ W, Etmal 126 nm, Total: 253 nm
Im Morgengrauen frischt der Wind jetzt deutlich auf, so dass wir wieder mal ziemlich kränken. Wir machen bestimmt zwischen 25-30° Lage nach Steuerbord, dafür werden wir immer schneller. zwischenzeitlich erreichen wir mehrfach 6 Knoten. Da wir immer noch nur mit Großsegel unterwegs sind, wollen wir beim Wachwechsel in der Früh zunächst Diesel nachtanken und danach die Besegelung um unsere Genua erweitern. Bevor es losgeht, bekommt Balu noch einen Kaffee serviert, wir besprechen, was zu tun ist, als sich mein guter Ferryman mit ein paar gluckernden Lauten verabschiedet.! Blob, blob,blob …. und stop! Aus ferndiagnostischer Sicht, würde ich sagen, dass der Motor durch die permanente, einseitige Schräglage Luft, statt Diesel angesaugt hat und anschließend mangels brennbarem Material den Dienst verweigerte. Ich checke den Motorraum – Okay, im Wasserabscheider steht Luft. Wir holen drei 20 Liter Kanister vom Deck und hieven sie ins Cockpit. Nacheinander schütten wir den Inhalt in unseren Tank, bis dieser wieder randvoll ist. Damit ist der erste Teil geschafft, dass die Auriga bei dieser Aktion immer noch 20 Grad rollt, macht die Sache natürlich nicht wesentlich einfacher. Jetzt muss im Cockpit eine der beiden Backskisten ausgeräumt werden, damit ich an die Dieselentlüftung am Vorfilter komme. Nachdem der Stauraum geleert ist, gleicht das Cockpit einer Müllhalde. Aber, egal ich klettere in die Kisten und zum Motor, während Balu von oben assistiert. Zuerst die Entlüftungsschraube lösen und dann mittels der Handpumpe an der Dieselpumpe, die gesamt Luft aus dem System drücken. Ich kann beobachten, wie sich die Luft im Wasserabscheider langsam verabschiedet und über das Entlüftungsventil entweicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit in dem winzigen, stinkenden und über 40° Grad heißen Motorraum, tritt endlich der ersehnte Kraftstoff aus und ich kann mich wieder aus meinem Gefängnis entfernen. Wir warten kurz und starten die Maschine. Beim zweiten Mal springt der Ferryman auch problemlos an und der anschließende zehnminütige Probelauf verläuft ohne Komplikationen. Hurra, Problem gelöst – Patient lebt.

Eine halbe Stunde später ist alles wieder verstaut, ich habe bestimmt einen halben Liter Schweiß verloren, aber die Maschine läuft. Meine beiden Techniklehrer Birger und Sven, wären bestimmt stolz auf mich gewesen. Mittlerweile hat der Wind auf 17 Knoten aufgefrischt und wir setzen das Vorsegel. Das riesige Tuch drückt uns zwar mächtig auf die Seite (> 30° Kränkung), aber wir beschleunigen dafür unsere Auriga auf über 6 Knoten und der Kurs stimmt auch einigermaßen! Wir bringen den Förthmann in Stellung und justieren ihn, während der elektrische Autopilot den Kurs hält. Als alles psst, wird der elektrische Steuerfreund ausgekoppelt und die Windfahne übernimmt die Steuerung. Noch etwas Feintuning und alles psst. Wir schalten die Maschine ab und gleiten in Ruhe Richtung SWW. Nach soviel Aufregung am Vormittag sind meine Zigarettenvorräte auf eine letzte Schachtel geschrumpft. Eigentlich wollte ich erst in zwei Tagen aufhören, wenn Balu und ich unseren eigenen Bordalltag entwickelt haben, aber daraus wird jetzt leider nichts mehr. Spätestens bis zum Sonnenuntergang dürfte ich wieder mal Nichtraucher sein.

Gegen Mittag der nächste Aufreger, eine überkommende Welle spült etwas Wasser in den Salon, als ich gerade schlafe! Ich bin not amused und habe voll vergessen die Luke richtig zuzudrehen. Missmutig beseitige ich die Meerwassersauerei und informiere Balu über den Wassereinbruch. Dessen Luke befindet sich zwar unter dem Dinghi, war aber trotzdem offen und …. naja, naja, war ja klar – alles nass! Richtig schön mit Salzwasser getränkt. Vielen Dank, lieber Pazifik, das kann ja, ne schwierige Nummer zwischen uns werden!!! Gemeinsam legen wir die Matratzen im Cockpit zum Trocknen aus, die Bezüge sind durch, seinen Rucksack hat es erwischt und einige persönliche Dinge. Während Balu sein Eigentum trocknet und sichert, übernehme ich die Wache und spiele ein bisschen mit dem Förthmann herum. Nach diesem ereignisreichen Tag gönnen wir uns zum Sundowner ein Dose Bier, ich rauche meine letzte Zigarette und hoffe bei eigentlich guten Sichtverhältnissen noch einen “green Flash” zu sehen. Tja, man kann nicht immer alles haben. Die Nacht verläuft ruhig und entspannt, wir kommen mit durchschnittlich 6 kn voran und werden den Südostpassat wahrscheinlich innerhalb der nächsten 24 bis 36 Stunden erreichen.

21.03.2018 (Tag 3), Position 04° 45´ S / 086° 13´ W, Etmal 111 nm, Total: 364 nm
Die letzte Nacht war ziemlich kalt. Also nicht kalt im herkömmlichen Sinne, aber trotzdem Fleecejackenpflichtig. Tagsüber herrscht das für diese Breiten typische Badehosenwetter. Am Morgen sind wir zum ersten Mal auf leichte achterliche Winde gestosßn. Beim Einholen des Großsegels, ist mir das Großfall aus der Hand gerutscht. Wir haben bestimmt eine Stunde gebraucht, dass blöde Ding wieder einzufangen. Danach konnten wir das Vorsegel und die Windsteueranlage in Einklag bringen und waren mit durchschnittlich 5 kn dabei. Für den eigentlichen Südwest-Passat sind die aktuellen achterlichen Winde zu inkonstant und mit bis zu 10 Knoten einfach zu schwach. Aber! Aber wir kommen ihnen näher! Wir können weiter Kurs Südwest halten, aber die ständig häufigen Wechsel der Windstärke haben uns ein schlechteres Etmal beschert. Dafür schickt uns der Pazifik aus dem Süden einen zwei Meter hohen alten Seegang (Schwell), der unsere Auriga mal wieder richtig zum Rollen bringt. Herrlich, mein Freund!

Der bereits bekannte Muskelkater der gesamten Haltemuskulatur sowie die ersten “blauen Flecken” wecken lebhafte Erinnerungen in mir. Trotzdem, bisher halten alle meine Befestigungen. Das Geschirr schlägt nicht, die Essig- und Ölflaschen verhalten sich ruhig, Obst und Gemüse fliegt nicht durch die Gegend und in den Schränken herrscht Zucht und Ordnung! Alles so wie ich es mir vorgestellt habe. Mein Nikotinentzug hält sich in Grenzen. Laut Balu bin ich wieder ruhiger und nicht mehr so hektisch. Trotzdem verschwende ich den ein oder anderen Gedanken an die kleinen, weißen Glimmstängel. In den nächsten Tagen will ich versuchen, alte Gewohnheiten zu vergessen und durch neue zu ersetzen, mal sehen ob´s klappt. Den ganzen Tag haben wir versucht zu angeln, hatten aber kein Glück, obwohl wir in der Ferne immer wieder Thunfische und Makrelen aus dem Wasser springen sehen. Ist wahrscheinlich eh besser so, weil Teile unseres Gemüses bereits zu verfaulen zu beginnen. Deshalb gab es heute Gemüsenudeln, nicht schlecht.

Die Stimmung an Bord ist gut und wir hoffen weiterhin Nuku Hiva in 30 Tagen zu erreichen… Ich glaube in der Morgendämmerung des 22.03. haben wir die Passatwinde erreicht! Der Wind frischt auf 13-15 Knoten aus SE auf und wirkt ganz stabil. So kann es weitergehen…Ach,ja, lieber Pazifik ein paar Tiersichtungen wären ganz nett!

22.03.2018 (Tag 4), Position 04° 26´ S / 087° 12´ W, Etmal 123 nm, Total: 491 nm
Der neue Tag fängt gut an. Im Laufe des Vormittags frischt der Südostwind weiter auf und wir segeln zum ersten Mal downwind Richtung SW und kommen mit über 5 Knoten voran. Ich habe vor zwei Tagen Uwe von Intermar kontaktiert und er empfiehlt uns noch weiter nach Süden bis zum 08° südlichen Breitengrad zu gehen, um den Südostpassat voll ausnutzen zu können. Die Empfehlung, deckt sich 100 % mit meinen Rückschlüssen aus den täglichen Gripdaten. Bei unserer jetzigen Geschwindigkeit und einer kleinen Kurskorrektur nach Süden, könnten wir den 06° Breitengrad in zwei Tagen erreichen und danach die restlichen 3000 nm langsam auf 10° südlicher Breite in den konstanten 15-20 Knoten starken Südostpassat absinken. Schöne Vorstellung, bis ich den Wassermacher anschmeiße! Alle Ventile sind offen, aber das blöde Ding will kein Wasser produzieren! Wie jetzt? Okay, nochmal alles kontrollieren! Ventile passen, Schalterstellung passt, Stromstärke ist ausreichend und Aktion … aber da ist keine Aktion. Die Pumpe schnauft und läuft, aber aus der Membran kommen nur ein paar Wasserbläschen – was zum Teufel, ist jetzt schon wieder im Arsch. Auf der Fahrt von Panama City nach Ecuador hat alles noch einwandfrei funktioniert. Ich hasse Segeln! Definitiv! Offensichtlich kann die Pumpe nicht genug Wasser ansaugen. Wir wechseln den Bug, aber der Erfolg bleibt eher aus. Okay, ohne Wassermacher können wir nicht auf die Marquesas, also ändern wir unseren Kurs und wollen die 500 km nördlich gelegenen Galapogos-Inseln für Reparaturzwecke anlaufen. Ich spiele weiter mit dem Wassermacher und plötzlich läuft er wieder, produziert 15 Liter bestes Trinkwasser und tut so als sei nichts gewesen! Anschließend lege ich mich erstmal ab und schlafe eine Runde. Als ich aufwache schmeiße ich den Wassermacher an und alles funktioniert, wie gehabt. Okay, während Balu schläft, wechsle ich unseren Kurs wieder Richtung Marquesas, das kommt beim Schichtwechsel aber nicht wirklich gut an …. Wir tauschen ganz kultiviert unsere Argumente aus und reden uns zwei Stunden lang den Frust von der Seele. Die erste Meuterei konnte unblutig beendet werden. Nachts ist wieder guter Wind und wir kommen weiter Richtung SW voran …..

23.03.2018 (Tag 5), Position 03° 48´ S / 089° 02´ W, Etmal 121 nm, Total: 612 nm
Nach einer ereignislosen Nacht ist um 08 Uhr Schichtwechsel. Die Stimmung ist okay, die nächtliche Auseinandersetzung hat viel aufgestautes Konfliktpotential gelöst. Ich lege mich ab und Balu übernimmt die Wache bis Mittag. Nach ein paar Stunden wache ich auf und muss natürlich nochmal den Wassermacher testen. Alles vorbereiten, Strom los und kein Wasser!!!! Wie jetzt, nicht schon wieder! Ich probiere alle Tricks vom Vortag aber nichts funktioniert! Okay, wieder Besprechung mit Balu. Was sollen wir tun? Ich würde gerne die Pumpe zerlegen, wenn das nichts hilf, müssen wir die Galapagos-Inseln anlaufen und ich werde bis dahin den Wassermacher nicht mehr anlangen und ihn auch keines Blickes mehr würdigen – Deal! Fünf Stunden, etliche Schweißausbrüche sowie reichlich gewechselte Dichtungen später, ist es soweit. Die Pumpe ist wieder am Netz, Balu legt den Schalter, zisch und die Sicherung ist durch???? Neue Sicherung rein, diesmal aber gleich 20 A satt 15 A, gleiches Spiel, gleiches Ergebnis??? Scheiße, Mist, Dreck …..! Okay, ich klare unter Deck auf, Balu holt die Segel ein und montiert den Autopiloten, wir schmeißen die Maschine an, neuer Kurs 328° … Next Exit – Bahia Academy, Isla Santa Cruz, Galapagos Inseln, Entfernung 500 km oder zwei Tage unter Motor. Na, viel Spaß!

24.03.2018 (Tag 6), Position 02° 02´ S / 089° 40´ W, Etmal 129 nm, Total: 741 nm
Seit wir unseren Kurs gewechselt haben weht kein Wind mehr bzw. nur noch sporadisch. Wir motoren seit 36 Stunden ununterbrochen Richtung Galapagos-Inseln und es sind noch 200 nm. Wir werden also noch zwei Nächte brauchen und voraussichtlich am Sonntag auf Ilsa de la Cruz ankommen. Antje hat für uns im Internet recherchiert und einen deutschsprachigen Mechaniker in Santa Cruz ausfindig gemacht. Ich werde einen Tag bevor wir ankommen mit ihm Kontakt aufnehmen. Zunächst müssen wir unseren Aufenthalt auf den Inseln jedoch als Notfall deklarieren, weil ich auf keinen Fall richtig einklarieren will und laut internationalem Seerecht bei technischen oder medizinischen Problemen 72 Stunden in jedem Land der Welt bleiben darf. Mal sehen, ob der defekte Wassermacher als technischer Notfall durchgeht. Der Harbourmaster hat in diesem Fall das Sagen und gibt an, wie lange die Reparatur dauern darf. Mir liegen die Behörden mal wieder gehörig im Magen.

Ansonsten war es heute sehr, sehr heiß und eher langweilig. Den halben Tag hatten wir von einem blaugesichtigen Seevogel (Tölpel oder so?) Gesellschaft. Am frühen Vormittag hat er sich nach mehreren Anflugversuchen auf dem Bugkorb niedergelassen und sich anschließend ein Stück Richtung Galapagos mitnehmen lassen. Durch unseren neuen Kurs Richtung Galapagos nähern wir uns wieder dem Äquator und entfernen uns von den schönen, stabilen südlicheren Tradewinds. Was für eine Schande. Ich hoffe, wir können das Wassermacherproblem schnell lösen und in ein paar Tagen schon wieder Richtung Marquesas aufbrechen. Nach einer ereignislosen Nacht ohne Tier- oder Schiffssichtungen, befinden wir uns bei Sonnenaufgang noch 87 nm von Santa Cruz entfernt…

25.03.2018, Landfall: Bahia Academy, Santa Cruz, Galapagos-inseln, Total: 835 nm

Heute war wieder volles Programm. Nach dem Frühstück versuche ich als erstes den empfohlenen Mechaniker auf Santa Cruz zu erreichen. Kurz darauf habe ich Martin an der Strippe. Jaja, alles kein Problem, wir sollen uns melden, wenn wir angekommen sind. Das hört sich ja alles schon mal sehr gut an. Danach schreibe ich dem Agenten eine Email und erkläre unseren Notfallstopp auf den Galapagos-Inseln. Ich bekomme ein paar Infos bezüglich des spezielleren Einklarierungsmodus und ein paar Emails später habe ich für den nächsten Morgen ein Date mit Javier, unserem neuen Agenten, vereinbart. Das sieht doch schon mal ganz gut aus. Bin ja gespannt, ob es auch in der Praxis so klappt.

Am frühen Nachmittag lässt sich noch eine kleine Delphinschule blicken und wir quälen uns weiter durch den elend heißen Nachmittag. Etwa drei Stunden nach Einbruch der Nacht sind wir nur noch 15 nm von Santa Cruz entfernt, da ich die Bucht nicht in der Nacht anlaufen will, schalten wir die Maschine ab und lassen uns bis zum Morgengrauen vor der Insel treiben. Nach einem gepflegtem Kaffee geht es in der Morgendämmerung weiter. Eine Stunde später können wir im Dunst die ersten Umrisse von Santa Cruz erkennen. Wie vereinbart melde ich mich kurz vor der Bucht bei unserem Agenten, der geht aber vorsichtshalber nicht ans Telefon – fängt ja schon wieder gut an! 10 Versuche späte erreiche ich ihn endlich. Wir sollen in der Bucht ankern und er kommt in einer Stunde vorbei. Immerhin werden wir von ein paar Meeresschildkröten begrüßt.

Langsam tuckern wir in den gut gefüllten Ankerplatz und halten nach einem schönen Plätzchen für meine Auriga Ausschau. Balu und ich sind voll konzentriert, als plötzlich ein lautes “Hey, Auriga” neben uns ertönt? Ich drehe mich um und sehe Nick, meinen Leidensgenossen (siehe “Schmerzhafte Zwangspause” vom Oktober 2017) aus der Shelter Bay mit seinem Katamaran in der Bucht liegen! Was für eine positive Überraschung! Wollten die Engländer nicht nach Florida und dort ihr Boot verkaufen? Ich werde es sicher in den nächsten Tagen erfahren. Jetzt brauchen wir in der schwelligen Bucht aber erstmal einen vernünftigen Ankerplatz. Kurz darauf lassen wir unseren Anker im türkisfarbenen Wasser der Bahia Academy fallen – der erste Teil ist geschafft! Javier, unser Agent, erscheint anschließend und informiert uns über die Sachlage. Notfallstopp ist okay, aber wir dürfen nicht länger als 3 Tage bleiben, sollte die Reparatur länger dauern, benötigen wir doch die nur 20 Tage gültige normale Aufenthaltsgenehmigung (One Port Stopover). Diesel ist kein Problem, aber nur nach Anmeldung und nur mit besagter Aufenthaltsgenehmigung erhältlich. Ich kriege schon wieder Kopfschmerzen! Was für eine elende Abzocke! Wir haben also keine andere Wahl und bezahlen unglaubliche 1050 US für die erforderliche Genehmigung. 350 US gehen an den Agenten, der Rest geht für die Behörden und Eintrittspreise drauf. Wir dürfen in den 20 Tagen die Bucht nicht verlassen, keine andere Insel anlaufen und sonst auch nur wenig, außer natürlich reichlich Geld ausgeben! Da bleibt mir doch erstmal die Spucke weg!

Nachdem ich den ersten Schock verdaut habe, geht es gleich weiter – Die Einklarierungsmodalitäten müssen besprochen werden. Ob wir ein “Fumigationcertifikat” haben? Logisch, ganz frisch aus Salinas und die nehmen es dort ganz genau mit dem Ausräuchern! Sehr gründliche Arbeit, was die Jungs da am Festland machen! Okay! Wie sieht das Unterwasserschiff aus? Sauber und glatt wie ein Babypopo! Noch besser, weil mit den Behörden nämlich ein Taucher anrückt und das Unterwasserschiff auf Muschelbefall untersucht. Sollten wir welche am Boot kleben haben, müssten wir die Bucht verlassen und in zwei Seemeilen Entfernung das Boot vom Befall befreien und es – natürlich gegen Aufpreis – nochmal kontrollieren lassen. Bis zu diesen Punkten sehe ich eigentlich noch keine Probleme.

Jetzt steht das Thema Mülltrennung auf dem Programm. Wir benötigen im Schiff drei unterschiedliche Müllbehälter. Einen für Plastik, einen für organischen Müll und einen für den Rest. Okay, haben wir nicht, ist aber kein Problem. Wir sollen drei Müllsäcke, gut sichtbar beschriftet, im Boot aufhängen. Außerdem muss sowohl im als auch am Boot ein gut lesbares Schild mit der Aufschrift “ Do not throw garbage overboard” angebracht werden!!!! Boh hey, hier ist aber auch gar nichts erlaubt. Was für ein Schwachsinn! Einen Fäkalientank benötigen wir allerdings nicht! Ich hoffe natürlich schwer, dass das empfindliche Ökosystem in der Bucht unsere Ausscheidungen verkraftet und nicht umkippt! Ich will ja schließlich nicht am Untergang der einzigartigen Tierwelt auf den Galapagos-Inseln schuld sein. Und es geht fröhlich weiter. Wenn ihr Diesel braucht, müsst ihr für einen Tankunfall ausgerüstet sein. Aha, was genau muss ich mir darunter vorstellen? Gibt es Seife und Spülmittel an Bord? Ja! Dann ist doch alles Supi! Danach geht es um die Einfuhr von Lebensmitteln in das Archipel. Frisches Fleisch, frischer Käse und Orangen gehen gar nicht. Kaffeebohnen und Beeren jeder Art sind natürlich auch tabu. Gut, dass unser Kühlschrank mit T-steaks, Hühnchen, Hartwurst, Schinken und Käse randvoll ist! Außerdem haben wir ungefähr 30 Kilo Orangen und eine nicht unerhebliche Menge Limonen an Bord. Wohin damit? Javier empfiehlt uns die Orangen und Limonen auszupressen, weil Saft nicht verboten ist. Fleisch und Käse müssen in die Tüte mit dem organischen Müll. Na, Super!

Gib´s sonst noch was? Ach, ja, ob wir ein Zertifikat für die Unterwasserfarbe haben und welches Unternehmen hat zuletzt die Bilge gesäubert? Nein und keine Ahnung! Ist aber laut unserem Agenten auch nicht so wichtig. Gibt´s sonst noch was? Stuhlprobe oder Nachweis der letzten Körperenthaarung vielleicht? Nein! Zu meiner Überraschung war’s das im Großen und Ganzen auch schon! Javier telefoniert noch ein bisschen und teilt uns danach mit, dass die Behörden um 15 Uhr an Bord kommen werden. Inzwischen können wir aber an Land gehen, sollen aber vor 15 Uhr wieder an Bord sein. Wir können zwar mit dem eigenen Dinghi fahren, dieses aber leider nirgends anlanden und sollen deshalb eines der vielen Wassertaxis benützen! Natürlich, was sonst, die Einheimischen müssen ja auch von was leben! Wir fahren mit Javier an Land und ich werde sofort landkrank. Alles wackelt und schaukelt fürchterlich. Ich muss sofort in die nächste Kneipe! Ein Glas Wein später ist das Gröbste überstanden, wir gehen etwas essen und kaufen noch ein bisschen ein. Immerhin ist das Preisniveau für Lebensmittel einigermaßen erträglich.

Um 13 Uhr sind wir wieder an Bord und warten auf die Behörden. Wir haben noch zwei Stunden Zeit um das Boot zu präparieren. Als erstes werden die verlangten Mülltüten mit Ducktape beklebt und beschriftet. Danach die beiden Schilder “Do not throw garbage overboard” gebastelt und gut sichtbar angebracht. Anschließend verarbeitet Balu unsere Zitrusfrüchte zu Saft, während ich den Kühlschrank sichte, Fleisch und Käse aussortiere und gut verpackt im Boot verstecke. Ich bin doch nicht blöd und schmeiße Lebensmittel für 50 Euro über Bord bzw. in die entsprechend gekennzeichnete Mülltüte!. Wir werden ja sehen ob´s gut geht! Unglaublicherweise sind die Behördenvertreter plus Taucher pünktlich um 15 Uhr zur Stelle. Zwei Damen und zwei Herren entern meine Auriga und nehmen im Cockpit Platz. Kurze Vorstellung und dann geht es auch schon los. Die Offiziellen sind unheimlich freundlich, es wird viel gelacht. Das Fumigationcertificat ist in Ordnung! Jaja, die können das im Puerto Lucia Yachtclub! Wir füllen die üblichen Einreisedokumente aus, nach zehn Minuten sind unsere Pässe gestempelt, der Taucher ist mit unserem Unterwasserschiff zufrieden und bis jetzt läuft alles ausgezeichnet. Die Dame vom Gesundheitsamt erhebt sich und möchte unsere Lebensmittelvorräte inspizieren. Jetzt wird´s spannend! Ich helfe der beleibten Dame unter Deck, präsentiere unsere Obst- und Gemüsevorräte. Kartoffeln, Zwiebeln und Kohl sind okay. Die Avocados sind kein Problem, Paprika und Tomaten ebenfalls erlaubt. Ob wir Fleisch und Käse an Bord haben? Liebe Frau, wir sind überzeugte Veganer! Natürlich nicht! Na dann ist ja alles okay. Unsere Mülltrennung entspricht den Vorschriften und die erforderlichen Hinweisschilder sind gut sichtbar angebracht. Mit einem anerkennenden Nicken verlässt die Dame den Salon wieder, kehrt zur ihren Kollegen ins Cockpit zurück, wir plauschen noch zehn Minuten, dann dampfen die Behörden wieder ab und wir sind offiziell in Santa Cruz angekommen. Das war ja ganz einfach, wie langweilig!

Entspannt lehnen wir uns erstmal im Salon zurück. Danach packen wir Handys und Tablets ein und wollen an Land bei einem Drink gemütlich etwas im Internet surfen. Wer spazieren ein bisschen durch die Stadt und ich finde mich in einer Touristenfalle erster Güte wieder. Jeder zweite Laden ist ein Reisebüro, Tauchshop oder ein Restaurant. Dazwischen die obligaten Souvenirläden und Hostals. Die Besucher sind ein internationales Potpourri aus der ganzen Welt. Internet dagegen ist allerdings schwieriger als gedacht. In jedem Restaurant oder jeder Bar gibt es zwar “Free WiFi”, das funktioniert aber leider nicht oder nur schlecht. “Sorry, everything is working with satellite”. Drei Bars, zwei Restaurants und ein paar Drinks später finden wir einen halbwegs guten Hotspot und bringen uns auf den neuesten Stand. Was gibt es Neues in der Welt! Nichts! Wie überraschend. Wir gehen noch was essen, lassen uns im Dunkeln zur Auriga zurückbringen und gehen früh schlafen. Die letzten sieben Tage auf See und der Einklarierungsstress am heutigen Tag fordern einfach ihren Tribut! Gute Nacht!

Fair winds und bis bald,

eure Veganer von der Auriga

Next Exit – Südpazifik

Langustendöner (52)

Nach meiner Rückkehr aus Quito gibt es erstmal ein herzliches Wiedersehen mit der Panacea-Crew. Die Finnen bringen mich auf den neuesten Stand in Sachen Marina-Tratsch. Ein amerikanisches Boot ist angekommen, ein paar Franzosen haben abgelegt, ansonsten gibt es keine wesentlichen Veränderungen in der Seglercommunity. Die Leinen haben gehalten und Sturm gab es auch keinen, sehr schön. Nach einem lazy Sunday geht es am Montag richtig los. Als ich in Kolumbien das Cockpit renovierte, habe ich alle Nieten der Backskistenbefestigung ausgetauscht, allerdings rosten mir die Aluminiumnieten made in Germany bereits nach 9 Monaten wieder unter dem Arsch weg – Schöner Mist. Erfreulicherweise zeigen die Nieten aus Columbia, mit denen wir die Solarpanels befestigt haben, keine Ermüdungserscheinungen und davon habe ich noch 100 Stück in Reserve. Der Austausch der Nieten sollte also nur Formsache sein, schließlich habe ich exakt dafür in Guaynquil einen Satz Cobaldbohrer für knapp 150 US erstanden – Haha!

Bereits beim Durchbohren der ersten Niete brechen drei Bohrer ab – nah, super. Ich lege eine Denkpause ein und brauche dringend eine neue Strategie um die Schäden im Cockpit so gering wie möglich zu halten. Da mir nichts wirklich Intelligentes einfällt, spüle ich erstmal ab – typisches Übersprungsverhalten! Wenn ich die Nieten nicht durchbohren kann, dann lassen sich vielleicht die Nietenköpfe mit einem deutlich größeren Bohrer lösen und der verbleibende Rest kann einfach nach unten durchgeschlagen werden? An sich eine gute Idee, aber klappt es auch? Drei Zigaretten später bin ich entschlossen einen Versuch zu wagen und es klappt! Während ich mit der ersten Niete eine Stunde gekämpft habe, sind die restlichen 35 in 90 Minuten erlegt. Die losen Backskistendeckel werden mit reichlich Chemie gereinigt, getrocknet und wieder fachgerecht eingenietet und weil mich gerade sowieso der Putzwahn ergriffen hat, wird das gesamte Cockpit von Staub, Asche und anderen Ablagerungen gesäubert. Am Abend sitze ich mit einem Glas Wein im Cockpit, genieße den Sonnenuntergang und mein Tagwerk. Ich hab´s geschafft, aber natürlich viermal soviel Zeit benötigt wie geplant …

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Die nächsten Tage läuft es nicht besser! Alles dauert viel, viel länger als geplant und die Durchschnittstemperaturen von 32°C, machen die Geschichte auch nicht besser. Am Ende der Woche ist vor allem eins klar: Den geplanten Ausflug nach Guaynquil kann ich knicken! Ich hoffe nur noch, dass das Gröbste bis zu Balu´s Ankunft erledigt ist. Dafür sind die intermittierenden Sundowner mit den Finnen eine schöne Abwechslung und eine wirkliche Bereicherung. Unglaublich, wie einem manchmal die Zeit durch die Finger gleiten kann. Parallel zu meinem täglichen Arbeitspensum wollen natürlich noch andere Dinge organisiert werden. Ich brauche unbedingt Seewasser-resistente Schrauben, ein oder zwei Reiseführer von der Südsee, Cruisingguides, aktuelle nautische Tabellen für die Astronavigation, Sikaflex, und, und, und … Via Email sende ich Antje meine Wünsche, die organisiert die Sachen in Deutschland und schickt am Montag schließlich ein 8 Kg Paket zu Balu nach Meran. Laut DHL ist das Paket spätestes drei Tage später in Italien, was auch stimmt, aber leider ist der Standort der Sendung trotz Trackingnummer bis zum Wochenende nicht eruierbar. Unglücklicherweise muss Balu vor seinem Abflug nach Ecuador noch nach Ungarn und muss spätestens am Montag aufbrechen!

Ohne eine Chance auf Intervention sitze ich in Ecuador auf glühenden Kohlen! Das 300 Euro Paket wird es doch noch bis zu mir schaffen? Am Montagmorgen bekomme ich dann die ersehnte Email: „Paket ist angekommen, bin auf dem Weg nach Ungarn, alles gut!“ Puh, Schwein gehabt! Deutlich entspannter widme ich mich wieder meiner To-Do-Liste. Drei Tage später geht es allerdings Schlag auf Schlag, am Freitag bricht die SY Panacea zu den Marquesas auf. Am Mittwochabend bekomme ich eine Email von der SY Nemo, dass sie zusammen mit Jon von der SY Hecla am Donnerstag um 8 Uhr in die Marina einlaufen wollen. Ich freue mich riesig Chris und Elayne doch noch wiederzusehen. Donnerstag Punkt 8 Uhr sitze ich vor dem Restaurant und beobachte den Horizont. Mit zwei Stunden Verspätung treffen die Australier ein. Ich winke vom Pier und hüpfe aufgeregt herum. Die beiden dürfen aber leider erst nach dem Einklarieren an Land und müssen vorerst noch vor der Marina ankern. Wir konferieren mehrfach via UKW-Funk, um 17 Uhr haben die beiden zwar offiziell eingecheckt, aber jetzt haben die Marineros Feierabend. Eine Stunde später ist klar, dass der geplante Sundowner auf den nächsten Tag verschoben werden muss …

Am nächsten Morgen helfe ich beim Anlegen der SY Nemo und kurze Zeit später gibt es ein herzliches Wiedersehen mit Chris und Elayne. Anschließend helfen wir noch Jon von der SY Hecla und die neue Sundownertruppe ist komplett. Allerdings ist auch der ganze Vormittag mittlerweile vorüber! Aber es bleibt keine Zeit zum Durchatmen, denn bei der SY Panacea laufen die Vorbereitungen für´s Auslaufen auch schon auf Hochtouren. Wir verabschieden uns herzlich und dann sind die äußerst sympathischen Finnen auch schon unterwegs Richtung Marquesas. Fair winds und bis bald! Ich hoffe, Euch irgendwo im Südpazifik wiederzutreffen…

Soviel Action gab es in der Marina noch nie, heute war wirklich mal was los. Ich treffe mich am Nachmittag mit Chris, Elayne und Jon und es gibt einiges zu berichten. Wir quatschen bis uns in der Abenddämmerung die Moskitos in die Boote zurücktreiben. Ein wirklich netter Abend mit den Neuankömmlingen. Samstag bin ich wieder ganz mit den Vorbereitungen für Balu´s Ankunft beschäftigt. Wenn alles klappt, wird er um 23 Uhr in Guaynquil ankommen und am nächsten Tag in der Marina eintreffen. Ich schlappe am Vormittag ins Marinabüro und gebe Diana Balus Daten, damit er am nächsten Tag ohne Probleme an den Securityleuten vorbeikommt. Nach einem arbeitsreichen Tag gehe ich früh schlafen, wache um 3 Uhr morgens auf und bin wach. Ich checke meine Emails und bekomme eine Nachricht von Balu. Er ist gut in Guaynquil angekommen und gerade auf dem Weg zum Busbahnhof, um nach Puerto Lucia zu fahren? Das war vor einer Stunde! Okay, keine Panik! Ich habe noch mindestens drei Stunden Zeit um seine Kabine herzurichten. Eigentlich hatte ich erst am frühen Nachmittag mit ihm gerechnet und wollte alles am Vormittag erledigen, aber in diesem Fall…

Um 05:45 bin ich fertig und Felix ehemalige Kabine ist für meinen Gast bereit. Ich will mich gerade hinlegen und ein bisschen dösen, da steht der Ungar nach seiner 39stündigen Reise auch schon vor der Auriga. Wir freuen uns beide riesig über das Wiedersehen und das bevorstehende Abenteuer. Obwohl mein Freund etwas blass um die Nase ist, gibt es erstmal einen Kaffee. Wir verstauen sein Gepäck an Bord, ich bekomme mein Paket und wir quatschen bis es im Restaurant Frühstück gibt. Danach erkunden wir ein bisschen die Umgebung, gehen in der El Paso Shopping Mall etwas einkaufen und sind gegen Mittag so am Ende, dass wir den halben Nachmittag inklusive des täglichen Sundowners verschlafen – naja, nicht so schlimm. Die nächsten Tage ist mal wieder der übliche Vorbereitungsstress angesagt. Es gilt die letzten Arbeiten am Schiff zu erledigen, das heißt alles muss seegangsfest verstaut werden. Bei dieser Ozeanüberquerung gehe ich auf Nummer sicher und schraube gleich alles fest! Der Motor muss noch gecheckt werden, ich will nochmal in den Mast und wir müssen uns verproviantieren. Es gibt also genug zu tun! Dazwischen sundownern mit der Nemo-Crew und Jon.

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Die nächsten drei Tage vergehen wie im Flug. Wir sichten die kompletten Nahrungsvorräte der Auriga und machen unseren ersten Großeinkauf. Nachdem wir ca. 300 kg Lebensmittel verstaut haben, hat meine Auriga allerdings etwas Schlagseite. Okay, wir müssen definitiv die 120 Liter Wasser besser verteilen. Einen Nachmittag später steht das Boot wieder im Lot, wir sind schweißgebadet und freuen uns auf unsere Kojen. Vor allem ich freue mich auf meine neue Matratze. Ich weiß gar nicht, wie Antje es über zwei Jahre auf der komplett durchgelegenen Liegefläche ausgehalten hat. Aber sie wollte es ja nicht anders. Ich habe ihr mehrfach angeboten eine neue zu besorgen, aber die Gute hat immer abgelehnt. Ich konnte auf dem Ding aber nicht wirklich gut schlafen und so habe ich mir für 200 US beim hiesigen Yachtservice eine neue anfertigen lassen. Nach der ersten Nacht ist klar, die Neuanschaffung hat sich gelohnt, auch wenn ich zwei Wochen darauf warten musste!

Nach mehreren Diskussionen beschließen wir am Freitag auszulaufen. Mittwoch war der 13., Donnerstag noch nicht alles fertig, Balu will unbedingt los – Okay, sein Rückflug von Tahiti geht am 12.05. – aber muss es unbedingt ein Freitag sein! Freitage bringen doch Unglück und dann noch auf einer Strecke von über 5000 Km. Ich lasse mich breitschlagen, fühle mich aber nicht richtig wohl bei der Sache und wir bereiten alles für den 15. März vor. Mittlerweile ist allerdings Carlo, italienischer Einhandsegler, in der Marina eingetroffen. Er war bereits vor 4 Wochen Richtung Marquesas aufgebrochen, musste umkehren, weil sein Unterwasserschiff so mit Entenmuscheln bewachsen war, dass er nur noch mit einem Knoten vorangekommen ist. So was habe ich noch nie gesehen. Alles voll mit Muscheln! Das Unterwasserschiff sah aus wie eine lebendige Aquariumrückwand im Zoo! Wahnsinn! Unglaublich!

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Carlo rät uns allerdings unbedingt davon ab am Nachmittag aufzubrechen, weil wir uns dann in der ersten Nacht zwischen unzähligen, unbeleuchteten Fischerbooten vor der ecuadorischen Küste befinden würden, was nicht ungefährlich ist. Daraufhin beschließen wir erst am Samstagmorgen auszulaufen, was ganz in meinem Sinne ist. Nochmal Glück gehabt! Ich kläre mit dem Marinabüro, dass wir am Donnerstag ausklarieren wollen. Okay, kein Problem, die Offiziellen sollen irgendwann im Laufe des Tages kommen. Während ich auf dem Schiff bleibe und warte, geht Balu auf den Markt nach La Libertad und besorgt Obst und Gemüse. Nach zwei Stunden ist er zurück und liefert die ersten Vorräte ab. Während er zu einer zweiten Tour startet, wasche ich am Steg Unmengen Früchte und Gemüse. Ich habe gerade alles verstaut, als Balu wieder auf der Matte steht. Diesmal hat er noch mehr dabei! Jetzt wird es langsam eng. Gegen 17 Uhr ist auch der Rest verstaut. Die Behörden haben sich allerdings nicht blicken lassen. Ich frage im Büro nach und erfahre, dass sie am nächsten Tag um 08 Uhr am Schiff sein werden.

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Am Freitag kommt gegen 10 Uhr der Zoll vorbei und inspiziert das Boot nochmal. Warum? Keine Ahnung. Im Büro erhalte ich unsere gestempelten Pässe, bezahle bis Samstag – wir sind ready to go. Am Nachmittag geht es nochmal in den Supermarkt und bis zum Sundowner ist auch der Kühlschrank und die letzte Backskiste voll. Wir sind danach allerdings so erschöpft, dass wir unsere Abfahrt zum zweiten Mal verschieben. Sonntag bei Sonnenaufgang soll es losgehen. Am Samstag geht es zum Friseur, danach wird noch ausgiebig im Internet gesurft, die letzten Emails werden geschrieben, wir können noch ein bisschen entspannen, am Abend Verabschiedung von Chris, Elayne und Jon, das obligate Abschiedsessen und dann geht es los. Next Exit – Taiohae Bay, Nuku Hiva, Ile de Marquesas, Französisch Polynesien ….

Fair winds und bis bald,

euer H. Cook von der Auriga

Dünne Luft in Quito

Quito (19)

Montagabend geht mein Bus um 19:45 Uhr vom Terminal Terrestre Santa Elena nach Quito. Ich bin schon eine Stunde vorher am Busbahnhof und will mich noch ein wenig stärken. Leider haben die Fressstände mit typischem ecuadorischem Essen vor dem Bahnhof schon Schluss gemacht, nur noch KFC in der Bahnhofshalle hat geöffnet. Okay, es gibt Hühnchen oder Hühnchen. Nach einem langen Entscheidungsprozess entscheide ich mich für Hühnchen – Alles schmeckt nach Hühnchen, nur Hühnchen schmeckt nach Tofu! Ich wähle Menü Nr. 4, bekomme nach 10 Minuten drei Brocken frittiertes Geflügel mit Pommes serviert und bin eigentlich bei dessen Anblick schon satt. Aber was soll´s, ich habe Hunger, also rein damit. Nach zwei Stücken gebe ich allerdings auf, mehr geht beim besten Willen nicht! Das sieht mein Nachbar allerdings nicht so. Als ich meinen Tisch verlasse, setzt er sich an meine Tafel und lässt sich das restliche Hühnchen und ein paar kalte Pommes schmecken. Naja, immer noch besser als das Essen wegzuschmeißen …

Quito (9)

Kurz darauf mache ich es mir im klimatisierten Bus bequem. Die Sitze sind echt breit und sehr komfortabel, allerdings für kleine Südamerikaner ausgelegt. Wo soll ich nur mit meinen Beinen hin? Ich versuche verschiedene Positionen, aber irgendwie finde ich keine vernünftige Stellung, das kann ja heiter werden, die Fahrt dauert schließlich 12 Stunden. Okay, dann widme ich mich halt erstmal dem Bordkino. Der gezeigte Actionfilm trifft zwar meinen Geschmack, aber trotzdem hätte ich gerne die spärlichen Dialoge mitverfolgt. Der Gute im Film ist leicht auszumachen, weil die Bösen alle tätowiert sind! Auf alle Fälle sind die drei Kids zwischen acht und zehn Jahren in der Nebenreihe bei dem nicht ganz altersgerechten Unterhaltungsprogramm voll dabei. Drei Stunden später erreichen wir Guaynquil – Rauchpause. Ich decke mich noch mit Getränken ein und dann geht es auch schon weiter. Obwohl ich weiterhin mit unterschiedlichen Schlafstellungen experimentiere, ist kein Land in Sicht. Eintrag ins Notizbuch: Beim nächsten Mal Valium und ein Kissen mitnehmen! Irgendwann schlafe ich doch tatsächlich ein und ruhe bis es langsam deutlich kälter wird. Als ich aufwache dröhnt die Klimaanlage nicht mehr, ich habe kalte Füße, mein Rücken ist die Hölle und ich friere! Die allgegenwärtige Kälte ist mir bereits in Mark und Bein gekrochen. Was für ein Mist! Offensichtlich haben wir die küstennahnen Landstriche verlassen und befinden uns jetzt in den Zentralanden. Ich blicke mich um, alle anderen Mitreisenden haben sich mittlerweile in ihre mitgebrachten Wolldecken eingerollt und schlafen friedlich – nächster Eintrag ins Notizbuch!

Die restliche Nacht bekomme ich kein Auge mehr zu! Nach vier Stunden geht langsam die Sonne auf, allerdings sind die Scheiben so mit Kondenswasser beschlagen, dass ich nicht wirklich etwas von meiner Umgebung erkennen kann. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir endlich den Busbahnhof Carselen in Quito. Völlig gerädert steige ich aus. Erstmal den dicken Norwegerpulli aus dem Gepäck hollen! Kaum bin ich ausgestiegen, werde ich auch schon angequatscht: Taxi? Taxi! Jaja, schon gut, aber ich brauche noch ein bisschen, kein Stress, Bitte! Danke! Drei Minuten später werde ich in ein eher fragwürdiges Transportmittel verfrachtet und befinde mich auf dem Weg ins historische Zentrum. Ich bin so erschöpft, dass es mir völlig egal ist! Eine halbe Stunde später habe ich mein Ziel, das Hostal La Ronda erreicht. Sehr gut, die Türen sind verschlossen, eher nicht so gut! Ich klopfe und tatsächlich kommt jemand und öffnet die Tür. Hallo, I am Gloria! Sehr schön, ich checke ein, mein Zimmer, die Suite des Hauses – weil es eine Küchenzeile im Zimmer gibt – ist bereits vorbereitet und bezugsbereit! A dream comes true! Nach einem schnellen Frühstück schleppe ich mich in meine Suite und hole ein bisschen Schlaf nach, aber ich bin in Quito angekommen.

Quito ist die Hauptstadt Ecuadors und liegt im Guayllabamba-Becken in den Zentralanden. Das Hochplateau erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung etwa 50 Kilometer und ist in Nord-Ost-Richtung nur 4 Kilometer breit. Die luftige Lage in 2850 m Höhe machen Quito zur höchstgelegenen Hauptstadt der Welt. Die Stadt befindet sich nur 22 km südlich des Äquators und beherbergt etwa 2,2 Millionen Menschen. Umgeben wird Quito von mehreren erloschenen Vulkanen, die teilweise deutlich über 4000 m hoch sind. Bei gutem Wetter soll man von Quito aus eine spektakuläre Aussicht auf den Vulkan Cotopaxi (5.897 m) haben. In der weiteren Umgebung befinden sich außerdem die aktiven Vulkane Cayambe (5.790 m) und Antisana (5.753 m) sowie der erloschene Illiniza (5.263 m). Kleiner Exkurs für unsere geographisch interessierten Leser …

Drei Stunden später klingelt der Wecker, ich muss aus den Federn, schließlich habe ich mich am Nachmittag zur Freewalking Tour angemeldet. Um 14:30 Uhr bin ich bei Community Adventures und es geht auch gleich los! Die nächsten drei Stunden geht es per Pedes durch das histroische Zentrum der Stadt, selbstverständlich UNESCO-Weltkulturerbe. Nach der üblichen Einführung starten wir am Mercado Central. Erster Stopp in dem Vorzeigemarkt ist ein Kräuterstand, die Apotheke der kleinen Leute. Danach geht es in die Obst- und Gemüseabteilung und zu den Blumenständen. Ich erfahre, dass in Ecuador etwa 60% der besten Kakaobohnen erzeugt werden und die hier gezüchteten Rosen alle kerzengerade Stengel haben, weil die Sonneneinstrahlung in Äquatornähe fast senkrecht ist. Danach geht es zum Plaza Sucre, benannt nach “dem” Helden des ecuadorischen Unabhängigkeitskampfes. Hier befindet sich das Teatro Bolivar, das wichtigste Schauspilehaus Quitos. Die Ausführungen über den anscheinend sehr speziellen Humor der Einheimischen erschließen sich mir nicht, aber offensichtlich stehen die Leute hier vor allem auf Situationskomik. “Sometimes you need only one word and the others start laughing”!??

Danach geht es zum “Herz” der historischen Altstadt, der Plaza de la Independencia. Die in der Mitte plätschernden Springbrunnen werden von typisch spanischer Protz-Kolonialarchitektur umschlossen. Der Präsidentenpalast, eine Basílica und das Luxushotel Plaza Grande können auf dem wirklich schön gestaltetem Platz bewundert werden, auch wenn das postmoderne Rathaus ein bisschen die koloniale Athmospäre stört. Passenderweise geht es jetzt um Politik. Warum, welcher Präsident, wie ermordet wurde, warum das eigentlich wirtschaftlich gut aufgestellte Ecuador nicht auf die Beine kommt und so weiter und so fort. Der zwanzig Minuten dauerne Streifzug durch die letzten 200 Jahre poltischer Entwicklung in Ecuador ermüden mich allerdings ein wenig. Natürlich ist alles sehr informativ, aber ich bin nach der letzten Nacht eher für leichte Kost!

Anschließend geht es zur ehemaligen Börse, heute Sitz der Münzsammlung und unsere Führerin versorgt mich weiter mit harten Fakten. Seit ein paar Jahren ist der US Dollar, die offizielle Währung des Landes. Davor konnte man mit dem Sucre bezahlen, der kam allerdings während der Bankenkrise vor zehn Jahren mächtig unter die Räder – ganz großes Kino! Der damalige Präsident, Wirtschaftswissenschaftler mit Havardabschluss, hat es in nur zwei Jahren geschafft, trotz sprudelnder Ölquellen im Amazonasgebiet, die Wirtschaft des Landes komplett an die Wand zu fahren. Danach wurde der Sucre abgeschaft und der mittlerweile in der Öffentlichkeit eher unbeliebte Präsident hat sich vorsichtshalber nach Panama abgesetzt! Während des äußerst ausführlichen Vortrages habe ich ernsthafte Schwierigkeiten wach zu bleiben. Danach wird es religös! Direkt neben der Börse befindet sich eine der 15 Kirchen innerhalb des histroischen Zentrums! Den Namen habe ich irgendwie vergessen. Auf alle Fälle sind die Ecuadorianer ziemlich römisch-katholisch, das Verhältnis zum Papst war mal schlecht, ist heute aber wieder besser und im Inneren der Kirchen ist fotografieren verboten – Schade eigentlich. Nächster Stop ist Sao Francisco, auch die goldene Kirche genannt. Im Inneren des Sakralbaues ist fast alles vergoldet, wer hätte es gedacht! Da gerade eine Messe gelesen wird, verziehe ich mich nach einem kurzen Blick wieder nach draußen, man will ja schließlich nicht stören.

Quito (29)

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir La Ronda, wo sich auch mein gleichnamiges Hostal befindet. La Ronda ist ein kleines Viertel, eigentlich nur eine Straße, die das Quito der spanischen Kolonialzeit widerspiegelt. Die Häuschen sind schön renoviert, das Kopfsteinpflaster noch weitgehend orginal – Touristenklassiker, aber sehr nett. In jedem Haus befindet sich entweder ein handwerklicher Betrieb, ein Restaurant oder ein Hostal. Bewohnt werden nur die Herbergen und um 23:00 Uhr wird der Bordstein hochgeklappt. Damit ist meine Nachtruhe für die nächsten drei Tage gesichert. Wir schlendern noch um die Ecke, betrachten noch die Iglesia de Santo Domingo und ich verabschiede mich nach einer 10 US Spende von unserer Führerin. Wie alle Freewalking Touren, die ich bisher mitgemacht habe, hat sich auch diese gelohnt, in meinen Augen war sie, wie sagen es die Engländer immer: “Not so many details”. Trotzdem kann ich jedem die Tour nur empfehlen!

Anschließend mache ich mich in meiner Suite etwas frisch, möchte noch zum Essen gehen und danach ab ins Bett. Leider finde ich auf die Schnelle im Internet nichts vernünftiges. Also schlende ich gemütlich durch die Altstadt, irgendwas wird sich schon finden. Nach einem kleinen Spaziergang bin ich wieder an der Plaza de la Independencia. War hier nicht das erste Hotel am Platze? Natürlich! Die Speisekarte ist übersichtlich, das Preisniveau nicht übertrieben, der Service erstklassig und so lasse ich mir kurze Zeit später in ruhiger Athmospäre ein landestypisches “Goat Stew” schmecken – sehr lecker!

Am nächsten Tag bin ich um 10 Uhr verabredet. Mein Date heißt Moshen, ist Elektroingenieur aus Syrien, hat zehn Jahre in Bremen gelebt und angeboten mich einen Tag in Quito zu begleiten. Eine Woche bevor ich in die Hauptstadt aufgebrochen bin, habe in der Facebookgruppe “Deutsche in Ecuador” mein Eintreffen angekündigt und nachgefragt, ob jemand Lust hat mir die Stadt zu zeigen. Mosham hat sich gemeldet und heute treffen wir uns. Treffpunkt ist die “Ecation Marin Central” unweit von meinem Hostal. Wir sind beide pünktlich, kurzes kennenlernen, passt und dann geht es auch schon los. Erster Programmpunkt ist die Besteigung des Rucu Pichincha Vulkans. Haha, natürlich schleppe ich mich nicht die knapp 1300 Höhenmeter auf den über 4000 m hohen Gipfel, sondern wir benützen die “TelefériQo”, genannte Seilbahn. Mit dem Taxi geht es zur Talstation und nach einer atemberaubenden 15 minütigen Seilbahnfahrt befinden wir uns auf 4050 m. Der Ausblick ist überwältigend! Unter mir quetscht sich die Stadt in das schmale Guayllabamba-Becken! Wohin das Auge blickt, Häuser, Häuser, Häuser … Während der gegenüber liegende Vulkankegel die Ausbreitung der Stadt nach Osten begrenzt, ist in Nord-Süd-Richtung kein Ende des Häusermeers zu erkennen. Wir machen eine kleine Rundwanderung und erklimmen verschiedene Aussichtspunkte. Leider ist es heute bewölkt und so bleibt mir der Anblick des schneebedeckten Gipfels des Cotopaxi Vulkans verwehrt. Macht aber nichts, weil die Aussicht auch so schon spektakulär genug ist! Nach einer Stunde ist es aber mit der schönen Aussicht vorbei, mittlerweile schieben sich dicke Wolken langsam über die Hänge der Vulkane nach oben – auch ziemlich cool!

Wir machen uns zur Seilbahn auf und eine halbe Stunde später wird die Luft wieder dicker. Mittlerweile ist es Mittag und die kurze Wanderung hat uns hungrig gemacht. Mit dem Bus geht es in die Altstadt zurück und danach mit dem Taxi nach La Mariscal. Kurze Zeit später befinden wir uns am Plaza Foch, dem Zentrum des bei europäischen Backpackern so sehr beliebten Partyviertels. Wahrscheinlich nennen die Einheimischen die Lokation nicht umsonst „Gringolandia“. Es gibt ungezählte Bars, Restaurants und Hostels, aber in diesem Fall genau das, was wir brauchen. Ich möchte mal wieder indisch Essen und deshalb sind wir hier genau richtig. Einen kleinen Spaziergang vom Plaza Foch entfernt finden wir ein kleines indisches Restaurant, allerdings bin ich der einzige Tourist. Vor allem Einheimische tummeln sich in dem Laden, das kann kein schlechtes Zeichen sein. Nach einem reichhaltigen Mittagessen mit Chicken Tandoori, Tikka Masala, Nanbrot und reichlich Reis rollen wir wieder auf die Straße. Zum Verdauen schlendern wir über den Mercado Artesanal, wo allerlei Kunsthandwerk aus Ecuador verkauft wird. Natürlich ist die Geschichte der übliche Touristennepp, aber ich kann mein obligates Souvenir – ein T-Shirt – erstehen. Mittlerweile ist es Nachmittag, ich bin erschöpft und so trennen sich unsere Wege wieder. Hey, Moshen, vielen Dank für deine Begleitung, die vielen Infos und den ausgesprochen kurzweiligen Tag! Fettes Like! Hat echt Spaß gemacht!

Ich fahre mit dem Taxi in die Altstadt zurück, habe allerdings noch eine Mission. Ich brauche immer noch eine Nationalfahne von Ecuador. Im Viertel neben der Altstadt, gibt es zahlreiche kleine Läden, da werde ich es mal versuchen. Ich schlappe ein bisschen ziellos durch die ziemlich steil abfallenden Straßen bis ich endlich vor einem Stoffgeschäft mit Nationalfahnen im Schaufenster stehe. Also nix wie rein und Volltreffer. Es gibt zwar keine richtigen Fahnen, aber dafür die Nationalflagge von der Rolle. Ich nehme einen halben Meter Ecuador und erkundige mich, ob sie die Ränder einsäumen können. Nee, eher nicht, aber zwei Blocks weiter soll´s einer können. Okay. Guten Mutes mache ich mich wieder auf. Und tatsächlich zwei Straßen weiter, entdecke ich die “Casa de Banderoles”. Im Schaufenster hängen unterschiedlichste Fahnen, sogar eine deutsche – hier bin ich bestimmt richtig. Der Fahnenhersteller spricht englisch und so besprechen wir mein Anliegen. Einsäumen ist kein Problem, zusätzlich kommen noch zwei Ösen an den Rand und die Seite wird noch mit einem stabilen Band verstärkt – Super. Ich soll am nächsten Morgen wieder kommen und dann ist alles fertig! Wir unterhalten uns noch ein bisschen und dann geht´s zurück ins Hostal.

Am nächsten Tag ist wieder volles Program angesagt. Zuerst die Fahne abholen, um 11 Uhr startet die Hoppon, Hoppoff Bustour und abends steht ein ausgewählter Restaurantbesuch an. Hört sich nach einem guten Tag an. Um 10 Uhr stehe ich wieder vor der Casa de Banderoles und wie versprochen ist meine Fahne fertig. Ich bezahle 3 US und bringe das gute Stück zurück ins Hostal. Um kurz vor 11 Uhr bin ich an der Bushaltestelle und komme mit zwei Beamten der Policia Touristica ins Gespräch. Mehrmals wir mir versichert, dass hier alles sicher ist, nur da und dort sollte man nicht hin gehen. Okay, alles klar, hatte ich eh nicht vor. Pünktlich steht der typische Doppeldeckerbus auf der Matte und es kann losgehen. Nächster Halt Plaza Grande, hier können sie dies und das sehen, außerdem befindet sich auf der Rückseite von XY das Innenministerium. Aha, das Innenministerium! Sehr interessant! Bei meiner Einreise hat der Beamte von der Einwanderungsbehörde behauptet, ich dürfte nur 30 Tage in Ecuador bleiben und müsste danach meinen Aufenthalt verlängern. Allerdings bin ich mir sicher, als EU-Bürger 90 Tage bleiben zu können. Da der Bus einmal in der Stunde vorbei kommt, beschließe ich auszusteigen und die Geschichte mit den Fachleuten aus der Hauptstadt zu klären. Glücklicherweise ist das Ministerium leicht zu kennen. Vor dem imposanten Kolonialgebäude patroullieren zwei Uniformierte. Ich werde durchgelassen und zur Information geschickt. Die Dame am Schalter spricht besser englisch als ich. Ich erkläre mein Problem, sie nickt verständnisvoll und verweist mich ans Außenministerium. Das ist nur ein paar Minuten von hier entfernt, ich bekomme einen Zettel mit der Adresse, schnappe mir das nächste Taxi und werde kurz darauf im Außenministerium vorstellig. Hier wieder das gleiche Spiel. Ich erkläre das Problem, gebe der Dame meinen Pass, kurze Kontrolle und danach Entwarnung. Selbstverständlich kann ich mich problemlos 90 Tage in Ecuador aufhalten – Sehr schön, wieder ein Problem gelöst …

Da schon wieder Mittag ist, genehmige ich mir einen kleinen Snack und sitze zwei Stunden später wieder im Bus. Die Rundfahrt dauert insgesamt drei Stunden und wieder geht es an Kirchen, Denkmälern und geschichtsträchtigen Plätzen vorbei. Höhepunkt ist allerdings die Fahrt auf den El Panecillo (deutsch “das Brötchen”) einem 200 Meter hohen Hügel mitten in der Stadt. “Hier befindet sich die Virgen de Quito, eine 45 m hohe Aluminium-Madonna. Die Jungfrau steht auf der Oberseite einer Kugel und tritt auf eine Schlange, was ein klassisches Madonnenbildnis darstellt. Der bronzenen Plakette auf dem Monument zufolge ist die Frau, welche von der Statue dargestellt wird, die Frau der Apokalypse, wie sie im Buch der Offenbarung beschrieben wird (Offenbarung 12: 1-18)“, aus Wikipedia. Außerdem hat man von hier oben, einen schönen Blick über die Altstadt.

Am späten Nachmittag bin ich wieder im Hostal, kurz die Frisur auffrischen und ab zum absoluten Highlight des Tages: Ich habe einen Tisch im Restaurant ZaZu reserviert und freue mich schon den ganzen Tag auf ecuadorische Fusionsküche. Hier wird landestypische Küche auf hohem Niveau, also in sehr lecker, mit internationalen Einschlägen kredenzt. Nach dem dreitägigem Touristress eine schöne Belohnung. Der Laden ist geschmackvoll eingerichtet, die Anzahl der Tische übersichtlich, sehr schön. Ich studiere das achtgängige Tastingmenü und Jackpot, es gibt Meerschweinchen, damit ist die Geschichte schon entschieden. Die nächsten drei Stunden stehen absolut im Zeichen des Genusses. Ich will euch nicht mit der Menüfolge langweilen, aber das Cuy war schön zart und durchaus delikat … Im Laufe des Abends komme ich mit dem Sommelier ins Gespräch, lerne einen Lokalpolitiker aus Guaynquil beim Rauchen kennen und verbringe einen schönen, letzten Abend in Quito.

Anderntags klingelt der Wecker um 5 Uhr, ich muss packen, weil ich um 6 Uhr am Terminal Terrestre Quitumbe sein will, um ins 10 Stunden entfernte Guaynquil zu fahren und diesmal möchte ich auch etwas von den Anden sehen. Anders als im Bahnhof Carselen, ist Quitumbe echt riesig. Vor hier aus kann man das ganze Land, sowie die Anrainerstaaten mit dem Bus bereisen. Ich habe Glück und sitze um kurz vor acht im richtigen Bus! Zwei Stunden lang quält sich der Reisebus durch den Verkehr der Stadt, bis es endlich etwas zügiger vorangeht. Wir lassen die letzten Häuser Quitos hinter uns und es geht durch die Anden Richtung Meer. Das Gebirge ist deutlich grüner als ich es mir vorgestellt hatte. Obwohl wir uns immer noch auf über 2500 m befinden, sind die Vulkanhänge voller Bäume und Sträucher. Alles ist grün, grüner, am grünsten! Vier Stunden lang geht es in mehr oder weniger engen Serpentinen nach San Domingo am Rande der Anden. Von hier sind es nochmal fünf Stunden bis Guaynquil. Wir durchqueren üppige Agralandschaften mit riesigen Mais- und Reisfeldern und ausgedehnten Palmen- und Bananenplantagen. Die Busfahrt ist echt toll, aber insgesamt ziemlich lang. Nach 12 Stunden steige ich am Terminal Terrestre aus und bin am Ende.

Glücklichweise dauert die Fahrt zum Hotel Central nur fünf Minuten, da es bereits stockdunkel ist fällt die geplante Stadtbesichtung erstmal aus. Ich checke schnell ein, kurze Besichtung meines Zimmers – es gibt eine Badewanne! Eine echte, richtige Badewanne, ich kann´s kaum glauben! Die letzte Badewanne habe ich vor drei Jahren gesehen! Damit ist das Abendprogramm klar. Ich gehe im Hotelrestaurant noch was essen und danach ab in die Badewanne, ein bisschen im Internet surfen – herrlich! In der Morgendämmerung wache ich auf, bis zur Eröffnung des Frühstüksbuffets dauert es noch eine Stunde, also erstmal ab in die Wanne und im warmen Wasser richtig aufwachen. Sehr guter Start in den Tag! Ich genehmige mir eine Morgenzigarette vor dem Hotel und stelle fest, dass ich mich direkt gegenüber der durchaus imposanten Kathedrale von Guaynquil befinde. Nicht schlecht! Um die Ecke befinden sich einige Museen, ein paar Regierungsgebäude und andere Sakralbauten. Echt nett! Ich würde mich ja nach dem Frühstück gerne nochmal ein bisschen in der Umgebung umsehen, geht aber leider nicht, weil ich am Vormittag dem örtlichen Mega-Kywi (Baumarkt, Tipp von Moshen) einen Besuch abstatten will. Ich brauche überlange Expander für die Solarpanels, ein paar neue Bohrer, Ersatzwantenspanner für den Notfall usw…! Außerdem soll sich um die Ecke das „Naval Hydrographica Institute“ befinden und da soll es Seekarten geben. Also mal wieder volles Programm bis Mittag!

Nachdem Frühstück geht es ab in den Baumarkt. Der ist riesig und ein wahrer Seglerhimmel. Ich bekomme alles was ich brauche und sogar einen Satz Cobaldbohrer. Ich bin glücklich und zufrieden und verlasse 100 US später den Laden wieder. Zurück zum Hotel und die Beute erstmal im Rucksack verstauen. Danach mach ich mich auf die Suche nach dem hydrographischem Institut. Das ist allerdings „mucho complicado“. Ich habe keine exakte Adresse, sondern weiß nur das sich das Geschäft im „Goveners Palace“ befinden soll. Okay, ich frage mich zum Rathaus durch oder war der Regierungssitz gemeint? Keine Ahnung! Meine Suche nach dem Laden bleibt zwar erfolglos, aber ich bekomme doch noch einiges von Guaynquil zu sehen, auch nicht schlecht. Die Stadt gefällt mir, ich hoffe die Vorbereitung für die Pazifiküberquerung lassen nochmal einen Besuch zu. Es würde sich allein schon wegen der Badewanne rentieren!

Quito (50)

Gegen Mittag mache ich mich zum Terminal Terrestre auf und organisiere ein Ticket nach Libertad. Das Busterminal ist noch größer als in Quito und wahnsinnig unübersichtlich. Es gibt drei Etagen! Nach 20 Minuten finde ich die Ebene mit den Ticketschaltern – Super! Allerdings gibt es insgesamt 120 verschiedene Schalter! Jeder Schalter hat nur ein bestimmtes Ziel. Unglücklicherweise sind diese nicht regional geordnet, sondern bunt gemischt. Nach mehreren Nachfragen bin ich am Schalter 78 richtig und drei Stunden später wieder in der Marina! Die fünftägige Exkursion war spannend, hat mir Spaß gemacht und die Reiselust in mir wieder geweckt. In zwei Wochen kommt Balu und dann geht es weiter.

Fair winds und bis bald,

eure Badenixe von der Auriga

Endlich wieder Ruhe …

Hin (48)

Nach der anstrengenden Überfahrt, dem Einklarierungsstress und dem zweiten Abgang vom Kleinen bin ich doch erschöpfter als gedacht. Konsequenterweise verordne ich mir die nächsten drei Tage erstmal absolute körperliche Schonung. Die Ruhe tut mir ausgesprochen gut, ich genieße das Alleinsein und ich beginne wieder neue Kräfte zu sammeln, schließlich bin ich nicht nur zum Vergnügen in Puerto Lucia. Am Freitag raffe ich mich auf und werfe einen ersten Blick auf meine to-do-Liste – ups! Mehr als zwei Seiten Arbeit warten auf mich. Vieles sind nur Kleinigkeiten, die in einer Stunde erledigt werden können, aber es finden sich auch ein paar echt harte Brocken auf meiner Liste …

Zum Warm werden beginne ich erstmal mit den einfachen Sachen: Deck aufklaren, ein paar lockere Schrauben hier und da ersetzen, über dem Klo wird eine neue Lampe installiert usw… Danach geht es aber ans Eingemachte. Die eigentlich rostfreien V4A-Schrauben der Rettungsinselhalterung sind völlig durchgerostet, geradezu verrottet und müssen bereits nach 3 Jahren ausgetauscht werden. Liebe Hersteller von Plastimo, echt super Material was ihr da verwendet! Die Demontage der Haltervorrichtung ist kein Problem, nach einer Stunde halte ich sie in den Händen und beginne erstmal mit der Entrostung. Eine weitere Stunde später strahlt sie wieder im Sonnenlicht. Danach noch schnell die Bohrlöcher im Deck reinigen und dann kann alles wieder eingeklebt werden, falls ich noch entsprechende Schrauben habe – Natürlich nicht, wie kann es auch anders sein. Ich hatte zwar von Birger vor der Abfahrt noch welche geschnorrt, aber die sind unglücklicherweise zu kurz!

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Ich erkundige mich an der Hotelrezeption nach einer Ferreteria und werde an den lokalen Markt in La Libertad verwiesen. Alles klar, ein paar Minuten später mache ich mich auf und bin eine halbe Stunde später vor Ort. Mein Herz beginnt sofort vor Freude zu hüpfen, ich fühle mich wie in Santa Marta´s Eisenwarenviertel. Wohin, das Auge blickt Ferreterias, also nichts wie los! Ich brauche „Tornillos inoxidables” mit der Kennzeichnung 316 (316 entspricht auf dem amerikanischen Kontinent, dem europäischen V4A-Stahl). Oh, mucho complicado! Versuch´s mal da drüben, auch nicht, dann halt gegenüber, nein, vielleicht in der nächsten Straße … Ich kämpfe mich langsam in die Innereien des riesigen Marktes vor und werde letztendlich doch noch fündig. In der Seitenstraße, einer Seitenstraße finde ich einen ganz kleinen Laden mit der Aufschrift “Inoxidable” – Volltreffer. Ich ziehe meine Referenzschraube aus der Tasche, schaue in verständnisvoll nickende Gesichter und kann die begehrte Edelstahlware kurze Zeit später in meinem Rucksack verstauen.

Ich liebe diese Orte und damit meine ich nicht nur lokale Märkte sondern auch abgelegene Viertel in einer Stadt, wo sich das echte Leben der Einheimischen abspielt. Die großen Shopping Malls oder Einkaufsstraßen in den Innenstädten sind doch irgendwie alle gleich. Die auf Hochglanz polierten Konsumtempel sind doch ohne Seele und meistens ausgesprochen langweilig. Immer nur Klamotten, Schuhe, moderne Telekommunikation, immer die gleichen Marken und die immer gleichen Fastfoodketten. Okay, hin und wieder findet sich mal ein Baumarkt oder was Ausgefallenes, aber sonst …! Wer allerdings schon mal versucht hat Epoxidharz oder Aceton in Südamerika zu besorgen, weiß was ich meine. Man wird von A nach B geschickt, viele Tipps sind eine Sackgasse, aber es ist immer spannend und man sieht die ungewöhnlichsten Orte und trifft auf unglaubliche Menschen. Jeder neue Laden ist wie ein Überraschungsei. Manchmal hat man Glück und manchmal klappt es halt einfach nicht. Obwohl manche Ecken für europäische Verhältnisse teilweise echt gruselig sind, halte ich mich immer an die Devise: Wo Kinder auf der Straße spielen, kann es nicht gefährlich sein. Seit ich unterwegs bin, habe ich vor allem auf der Suche nach Ersatzteilen, so manchen schrägen Läden abseits der ausgetrampelten Touristenpfade kennen- und schätzen gelernt. Wahrscheinlich ist das die wesentliche Erfahrung und der eigentliche Gewinn auf dieser Reise. Vielleicht könnte es auch eine neue Geschäftsidee sein! Besuchen sie XY und versuchen sie eine Seewassertoilettendichtung zu besorgen! So lernen Sie Land und Leute wirklich kennen – Abenteuer inklusive!

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Weil ich sowieso schon da bin, schaue ich mir natürlich gleich den restlichen Markt an. Obwohl die meisten Straße ziemlich verschlammt sind, weil nur die Hauptstraßen geteert sind und es gerade jeden zweiten Tag regnet, ist es doch unglaublich sauber hier. Der sonst allgegenwärtige Plastikmüll ist nur sporadisch zu sehen, hier kann Ecuador zum ersten Mal richtig punkten. In der Fischhalle werden Riesenscampis für 5 US/Kilo angeboten. Der Thunfisch ist fangfrisch, die Goldmakrelen sehen echt lecker aus. Ich muss hier raus, bevor ich in einen Kaufrausch verfalle, schließlich ist mein Kühlschrank noch gut bestückt. Danach geht es zu den Metzgern und anschließend zu den Obst- und Gemüsehändlern. Das Preisniveau liegt noch unter dem von Kolumbien, was allerdings am niedrigen Wechselkurs zum US-Dollar liegt. Ich genieße die Atmosphäre in vollen Zügen! Obwohl ich wahrscheinlich der einzige Tourist bin, falle ich nicht weiter auf. Überall stehen am Straßenrand Garküchen herum. Ich genehmige mir noch einen Spanferkeldöner mit Bratensoße – sehr, sehr lecker und mache mich wieder auf den Weg. Der Markt hat mich bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen! Zurück an Bord kann die Halterung wieder eingeklebt werden und mein Tagwerk ist erfüllt.

Am nächsten Tag ist der Deckenstauraum in Felix ehemaliger Kabine dran. Während der 40 Knoten Wind vor Anker auf den San Blas Inseln hat sich das Vorschiff so verformt, dass sich der Stauraum um über 5 cm abgesenkt hat. Nachdem die Kabine von den Hinterlassenschaften des Kleinen gereinigt ist, kann es los gehen. Natürlich ist der Einbau nicht nur verschraubt sondern auch verklebt. Unter wüsten Verwünschungen und Flüchen gelingt es mir, das blöde Ding in nur drei Stunden mit Hammer, Meisel und Schraubenzieher in seine Einzelteile zu zerlegen. Kurze Pause und der Zusammenbau beginnt! Zuerst werden die Halteleisten an der Decke wieder in Position gebracht und danach ist der Rest eigentlich relativ schnell erledigt, ich habe den restlichen Sonntagnachmittag frei und kann mich meinen vier verletzten Fingern widmen. Ich sonne mich gerade in meinem eigenen Erfolg, als plötzlich Toumo von der SY Panacea vor mir am Steg steht. Was für eine schöne Überraschung! Wir haben den Finnen mit seiner Familie in Santa Marta kennengelernt und danach irgendwie aus den Augen verloren. Er will am Sonntag mit seiner Swan 57 in die Marina einlaufen, ich verspreche natürlich zu helfen und wir verabschieden uns sehr herzlich. Am nächsten Tag bin ich Gewehr bei Fuß und nach einer Stunde ist die SY Panacea mit reichlich Tauwerk festgemacht. Wir verabreden uns zum Sundowner und mein Sozialleben ist gerettet. Obwohl meine kanadischen Nachbarn sehr nett sind, liegt die fünfköpfige Wikingerfamilie doch deutlich mehr auf meiner Linie. Liegt wahrscheinlich daran, dass wir im gleichen Alter sind. Allerdings ist Sohnemann nach der anfänglichen Freunde ein wenig betrübt, als er erfährt, dass Felix nicht mehr an Bord ist. Die beiden Jungs haben in Santa Marta hin und wieder zusammen Minecraft gespielt und offensichtlich hat der Kleine das noch gut in Erinnerung! Sorry, ich hätte meine beiden Süßen auch gerne an Bord …

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Die nächsten Tage vergehen wie im Flug, ich arbeite bis zum Nachmittag am Boot, abends treffe ich mich mit der Panacea-Crew, dazwischen einkaufen, den lokalen Markt besuchen, Kleinkram besorgen, Kontakt mit Familie und Freunden usw! Die Finnen und ich tauschen reichlich Daten aus, Festplatten wandern mal wieder über den Steg. Interessant wird es aber beim Abgleich der Seekarten für den Südpazifik. Beim Aufräumen meiner Auriga habe ich in den Backskisten doch glatt noch ein paar brauchbare Seekarten entdeckt! Glücklicherweise haben wir jeweils unterschiedliche Karten von den Marquesas, dem Touamoto-Archipel, Tahiti, Fidschi, den Gesellschaftsinseln, den Marshall- und Cookinsel, sowie von Neukaledonien. Okay, die mir fehlenden will ich natürlich haben. Laut meines Guides für La Libertad soll es hier einen Copyshop geben, der A0 und A1-Formate kopieren kann. Ich nehme an einem Vormittag die Sache in die Hand und latsche zur 2 km entfernten Adresse. Allerdings ist kein Kopierladen in Sicht, sondern nur ein PC-Shop. Ich entere das Geschäft und mache mein Begehr verständlich. Nee, kopieren kann er nicht, aber er weiß wo das möglich sein sollte! Während er die Adresse aufschreibt, kommt ein Taxler ins Geschäft – perfekte Fügung – er erklärt ihm auf spanisch wo der Shop ist und schon geht es los.

Unser Ziel ist Sankt Elena, das etwa 15 Km entfernt ist, wir finden nach mehrmaligem Nachfragen den Laden, ich bezahle 5 US für die Fahrt und eine Stunde später halte ich 15 kopierte Seekarten in den Händen – Super! Höchstzufrieden fahre ich in die Marina zurück, die Finnen sind genauso begeistert wie ich. Jetzt heißt es aber zunächst von meinen neuen Freunden Abschied nehmen, weil ich nach dem ganzen Renovierungsstress ein wenig Urlaub verdient habe. Die Wikinger versprechen auf meine Auriga aufzupassen und am Abend nehme ich den Nachtbus nach Quito, um die Hauptstadt Ecuadors für ein paar Tage zu erkunden …

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Fair winds und bis bald,

euer Heimwerker von der Auriga

02° 13´S / 080° 55´W – Puerto Lucia Yacht Club, Ecuador

Salinas (9)

Nachdem ich in der Marina eingecheckt habe, erklärt mir Diana vom Marinaoffice, dass einklarieren heute nicht mehr is, weil Samstag und vor Montag läuft gar nix. Okay, mir auch egal! Wir dürfen nachher in der Marina festmachen, müssen aber am Montagmorgen diese wieder verlassen und vor der Einfahrt ankern, wenn die Offiziellen kommen, weil wir keinen Fuß auf ecudorianisches Festland setzen dürfen, solange wir nicht einklariert haben! Wir sollen uns doch bitte bis dahin in der Marina aufhalten. Was für ein Unfug! Eine halbe Stunde später legen wir römisch-katholisch am Schwimmsteg an und können uns erstmal 36 Stunden erholen. Alles erstes wird die Klimanlage in Betrieb genommen. Was für ein Luxus! Danach ist erstmal eine Dusche fällig. Da die Marina an eine Hotelanlage angschlossen ist, sind die Duschen echt klasse. Was für eine Wohltat für Körper und Seele. Als nächstes ab ins Restaurant! Ein komplettes Menü und eine Flasche Wein später bin ich glücklich und zufrieden. Ich bin in Ecuador angekommen – nicht offiziell, aber physisch!! Danach wird erstmal die an die Marina angschlossene Hotelanlage inspiziert. Ich entdecke zwei Polllandschaften, drei unterschiedliche Duschmöglichkeiten, einen Fitnessraum – nicht schlecht, jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.

Die Anstrengungen der letzten Tage fordern ihren Tribut und wir gehen früh schlafen. Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, hält mich natürlich nichts in der Marina, ich will die Umgebung erkunden. Die Jungs vom Sicherheitsdienst am Eingang in die Ferienanlage machen keine Probleme und so schlappe ich in die Stadt. Nur einen Kilometer entfernt soll sich eine Shopping Mall befinden. Obwohl wir uns etwas außerhalb des Zentrums befinden, ist es überall unglaublich sauber. Vieles erinnert mich hier irgendwie an Kolumbien. Nicht der allgegenwärtige Dreck wie in Panama. Ich glaube, hier werde ich mich die nächsten vier Wochen wohlfühlen. Nach einer viertel Stunde erreiche ich die El Paso Shopping Mall. Hier befinden sich die üblichen Täter. Der SuperU ist eine Mischung aus Ferreteria, Spielzeugladen und Supermarkt. Ich gehe die Sache systematisch an und kämpfe mich mäanderförmig durch die Regalwände. Unerfreulicherweise ist das Sortiment äußerst US-lastig, aber die wichtigsten Lebensmittel sind vorhanden. Leider ist kein vernünftiges Brot in Sicht, nur die lapprigen, überzuckerten US-Toasts werden angeboten. Mein Gott, wie ich richtiges, gutes Brot mittlerweile vermisse! Ein Königreich für eine deutsche Bäckerei.

Salinas (7)

Ich kaufe ein bisschen frisches Obst und Gemüse ein und natürlich Bier, schließlich ist heute Abend der Superbowl angesagt. Ja is denn schon wieder Superbowl? Ich erinnere mich noch genau, vor einem Jahr waren wir in der Marigot Bay, St. Lucia und haben unser erstes Footballendspiel live miterlebt! Leider wird’s nichts mit einem bierseeliegen Abend, weil der Alkoholverkauf am Sonntag in Ecuador verboten ist. Okay, dann genießen wir den Abend eben mit naturtrübem Apfelsaft. Das Spiel ist abwechslungsreich, am Ende versaut es aber der Quaterback der New England Patriots und die Eagles gewinnen den Superbowl. Insgesamt ein netter Abend mit dem Kleinen, der als echter Footballfan voll dabei ist. Am nächsten Morgen stehen wir um 07 Uhr auf der Matte. Ich latsche um 08 Uhr ins Marinabüro, aber das ist noch geschlossen. Ein Marinero erklärt mir, dass das Büro am Montag erst um 08:30 Uhr öffnet. Okay, eine halbe Stunde später das gleiche Spiel. Das Office hat zwar mittlerweile geöffnet, aber Diana kommt erst um 9 Uhr! Ich bekomme schon wieder Kopfschmerzen!

Salinas (10)

9:10 Uhr, ich stehe wieder im Büro, Diana ist auch da und wir klären den Einklarierungsprozess. Um 10 Uhr kommen die Marineros und helfen uns beim Ablegen, danach sollen wir vor der Marina ankern und auf die Behörden warten. Die sollen laut Diana zwischen 11 und 15 Uhr kommen. Das heißt mal wieder warten, warten, warten… Ist ja an sich kein Problem, aber mir gehen gegen 11 Uhr die Zigaretten aus – gar nicht gut! 15 Uhr keine Behördenvertreter in Sicht, 16 Uhr mein Nikotinentzug nähert sich dem Höhepunkt. 17 Uhr ich winke einem Marinero und lasse mich zum Marinabüro schippern. Diana holt gerade die Offiziellen ab und ist in einer viertel Stunde wieder zurück. Okay, ich lasse mich zurück zum Boot bringen und warte weiter. Keine 5 Minuten später klopft es am Boot und die Behörden sind da. Insgesamt vier Leute entern unsere Auriga – please do not touch the Windpilot, when you come on Bord! Danke! Natürlich grapscht jeder nach der Windfahnensteuerung. Ich werde ein Piktogramm – Vorsicht Explosiv oder atomare Strahlung – anbringen um das in Zukunft zu verhindern, schließlich ist der Autopilot ein empfindliches Instrument und keine Einstiegshilfe!

Salinas (8)

Danach machen sich jeweil ein Vertreter vom Zoll, der Hafenverwaltung, der Einwanderungs- und Gesundheitsbehörde im Salon breit. Außerdem ist Diana zum Dolmetschen an Bord. Unzählige Formulare müssen ausgefüllt werden. Insgesamt ist alles jedoch weniger kompliziert als in Panama. Nur der Vertreter der Gesundheitsbehörde macht Probleme, weil ich kein Gesundheitszertifikat für meine Auriga habe. Nein, das Schiff wurde noch nie ausgeräuchert! Warum auch? Ich habe außer Herbert, meinem Gecko keine Tiere an Bord. Mich interessiert aber in erster Linie der Einreisestempel. Bereits zum 17-ten mal blättert der Typ von der Einwanderungsbehörde meinen Pass durch. Der ersehnte Stempel ist zum Greifen nahe, durchgeladen ruht er auf einer leeren Passseite. Alles klar Baby, du musst nur noch abdrücken! Erneut stört der Gesundheitsvertreter, mein Pass wird wieder zugeklappt. Nein, Nein, Nein! Okay, was muss ich tun, um das Scheiß-Gesundheitszertifikat zu bekommen? Alles kein Problem, 100 US später ist die Sache geritzt! Ich bekomme ein Gesundheitszertifikat mit einer Gültigkeit von 6 Monaten und der ersehnte Einreisestempel landet in meinem Pass! Hurra, ich bin legal in Ecuador und die Behördenvertreter waren korrekt und echt freundlich.

Ein Marinero holt die Behördenbande ab und wir gehen ein paar Minuten später Anker auf. Unglücklicherweise haben wir beim Anlegen an unseren alten Liegeplatz 20 Knoten Seitenwind! Vorwärts ist das ja kein Problem, aber rückwärts einparken unter diesen Bedingungen kann ziemlich difficil werden. Und es wird äußerst schwierig, bzw. ein echtes Desaster. Während ich mit viel Speed noch problemlos rückwärts in die Boxengasse komme, verweigert meine Auriga danach jedes weitere Manöver. Ich lege das Ruder maximal nach Backbord, fahre aber weiter gerade aus! Scheiße! Die Wellenbrecher kommen bedrohlich nahe, also Vorwärtsgang rein und die Dicke nach Steuerbord drehen …. Was soll ich sagen, wir schlagen zwei mal quer, kommen dann aber mit vielen helfenden Händen doch noch heil am Steg an. Glücklicherweise hat meine Auriga keine Schäden davon getragen. Ich bin schweißgebadet und mit den Nerven fertig. Jetzt erstmal eine rauchen! Geht aber nicht, weil keine Zigaretten mehr an Bord sind. Okay, ich mache das Boot fest und bin zwei Minuten später unterwegs Richtung Tabakladen!

Salinas (4)

20 Minuten später habe ich ein „Producto Toxico“ zwischen den Lippen, lasse das ersehnte Nikotin durch meine Lungen strömen und komme langsam wieder runter! Ich kaufe noch ein bisschen ein und schlappe deutlich entspannter zum Boot zurück. Der Kleine hat inzwischen gepackt und ist Abreise bereit. Er will mit dem Bus am Abend zuerst nach Quito und danach weiter nach Kolumbien. Wir verabschieden uns und dann kehrt Ruhe im Boot ein. Ein Chili con Carne später mache ich es mir vor dem Computer gemütlich und schaue mir einen Film an. Der letzte Teil der „Hungergames“ steht auf dem Programm, sie laufen gerade eine knappe Stunde als jemand meinen Namen ruft. Helmut, Helmut … Ich schäle mich aus dem Sofa und der junge Mann steht wieder vor dem Boot. Der Bus nach Quito war leider schon voll. Immerhin hat er Wein und Bier mitgebracht und ein Ticket für den Bus am nächsten Abend. Ich kann ihn ja schlecht nachts am Steg stehen lassen – obwohl die Liegen am Pool in der Marina auch sehr gemütlich aussehen – und selbstverständlich kann er noch eine Nacht bleiben.

Am nächsten Morgen mache mich ich mich nach Salinas auf, schließlich muss das Boot in den nächsten Wochen für die Pazifiküberquerung fit gemacht werden und da ist noch einiges zu erledigen. Am Nachmittag bricht der Kleine erneut auf. Ich wünsche Dir viel Glück, viel Spaß und weitere wertvolle Erfahrungen auf deiner Reise durch Südamerika! Er ist zwar manchmal während seiner Wachen eingeschlafen – hat sich insgesamt gut an Bord geschlagen und wurde vor allem nicht seekrank! Kompliment junger Mann! Die Stimmung an Bord war gut und ich werde nach dieser positiven Erfahrung in Zukunft wahrscheinlich wieder Fremde mitnehmen, wenn ich längere Strecken alleine segeln muss. Allerdings keine Jungspunde oder Segelanfänger mehr, sondern lieber Menschen mit ein bisschen mehr Lebens- und Segelerfahrung. Tja, wieder was gelernt …

Salinas (3)

Fair winds und bis bald,

vom Hostal Auriga

Erste Schritte im Pazifik

Erste Schritte (18)

Wenn man den wirklich erfahrenen Langfahrtenseglern glauben darf, dann hat jedes Meer und jeder Ozean seine Eigenheiten und jeder will auf seine ganz eigene Weise besegelt werden. Da bin ich ja mal gespannt, was der Pazifik für ein Typ ist. Der erste Ausflug auf die Las Perlas Inseln war nichts Besonderes und reicht nicht mal für einen ersten Eindruck. Aber das wird sich jetzt ändern! Nach einer erholsamen Nacht ohne Schwell vor Contadora, klaren wir am nächsten Morgen auf. Auf nach Ecuador … Bis zu unserem Ziel Salinas liegen knapp 700 Seemeilen vor uns. Ich plane die Strecke in drei Etappen zurückzulegen. Erster Stopp ist die Isla Gorgona, 20 Seemeilen westlich der kolumbianischen Küste. Kurs Süd-West, Entfernung 370 Seemeilen, ETA in drei Tagen. Da für die nächsten Tage Nordwind mit 15 – 20 Knoten im Golf von Panama angesagt sind, hoffe ich, die ganze Strecke unter Segeln zurücklegen zu können.

Erste Schritte (20)

Kaum haben wir unseren Ankerplatz verlassen, sind aus der Landabdeckung von Contadora heraus, wird die Windfahnensteuerung in Position gebracht und wir können Segel setzen. Der angesagte Nordwind bläst uns gleich mit Windstärke 5 um die Ohren und wir nehmen zügig Fahrt auf. Allerdings lässt er uns nach sechs Stunden bereits wieder im Stich und wir benötigen Motorunterstützung – fängt ja schon mal gut an! Gegen Abend lassen wir die Isla del Rey, die letzte und größte Insel des Las Perlas Archipels, in unserem Kielwasser und können jetzt direkt Kurs auf Gorgona setzen. Mit Einbruch der Dunkelheit kommt auch der Wind zurück und wir segeln mit 3 – 4 Bft. gemütlich unserer ersten Nacht entgegen. Die wird dann allerdings unruhiger als erwartet! Ich muss immer wieder aufstehen, den Föhrtmann korrigieren, weil Wind und Welle kontinuierlich zunehmen. In den früher Morgenstunden ist der Höhepunkt erreicht, wir haben mittlerweile Windstärke 6 und eine drei Meter hohe Welle vor und hinter uns. Allerdings schaukeln wir bei diesen Bedingungen mit über 6 Knoten durch den Pazifik, erreichen nach 24 Stunden doch noch ein Etmal von 120 Seemeilen und haben fast den 6. nördlichen Breitgrad erreicht. Bisher der Magen des Kleinen gut durchgehalten – Hoffentlich bleibt das auch so!

Mit dem Sonnenaufgang lässt der Wind nach und bei moderaten 12 Knoten können wir gemütlich auf Kurs bleiben, es schaukelt zwar noch ein bisschen, aber ansonsten steht einem schönen Segeltag nichts im Weg. Wenn es so weitergeht, werden wir Gorgona am Sonntag im Laufe des Tages erreichen. Bis zum Nachmittag flaut der Wind allerdings schon wieder ab und ich schmeiße die Maschine an, es soll ja schließlich vorwärts gehen. Was ist bloß wieder mit den Wetter los? Hallo, die Vorhersage nicht gelesen? Oder was!

East Panama and Colombia including the Gulf of Panama-
109 PM PST Thu Jan 25 2018

TONIGHT…N winds 20 to 25 kt Gulf of Panama, and N 10 to 15 kt Elsewhere. Seas 5 to 8 ft in SW to W swell. Period 15 seconds. Scattered showers and isolated thunderstorms.
FRI…Gulf of Panama, N winds 15 to 20 kt. Elsewhere, NE winds 10 to 15 kt, shifting to W to NW in the late morning and afternoon. Seas 5 to 8 ft in W swell. Period 14 seconds.
Scattered showers and isolated thunderstorms.
FRI NIGHT…N winds 15 to 20 kt Gulf of Panama, and W 5 to 10 kt Elsewhere. Seas 5 to 8 ft in SW swell. Period 14 seconds. Scattered showers and isolated thunderstorms.
SAT…N winds 15 to 20 kt Gulf of Panama, and W 5 to 10 kt Elsewhere. Seas 4 to 7 ft in SW to W swell. Period 14 seconds.
SAT NIGHT…W to NW winds 10 to 15 kt. Seas 3 to 6 ft. Period 20 seconds.
SUN…NW winds 10 to 15 kt. Seas 3 to 6 ft. Period 20 seconds.

Von dem angesagten 15 bis 20 Knoten Nordwind ist nirgends was zu sehen und shiften tut hier schon gar nix. Ich check nochmal unsere Position, aber wir sind so was von im Golf von Panama, noch mehr geht gar nicht! Bis jetzt präsentiert sich der Pazifik eher als unzuverlässiger Kerl! Allerdings nehmen die Wellen deutlich schneller ab, als ich das aus dem Atlantik kenne. Zwei Stunden nachdem wir unter Motor fahren, ist der Ozean zwar nicht spiegelglatt, aber nur noch leicht bewegt und wir können abwechselnd einigermaßen gut schlafen. Die Nacht verläuf ruhig und ereignislos. Weit und breit sind keine anderen Schiffe zu sehen. Um 4 Uhr geht wieder was mit Wind! Zunächst motorsegeln wir ein bisschen, dann kann ich die Maschine ganz abschalten und wir segeln mit 5 Knoten weiter Richtung kolumbianische Küste. Die Freude hält aber nicht lange an und sechs Stunden später ist unser Ferryman wieder gefragt. Mittlerweile trennen uns nur noch 140 Seemeilen oder 2 Breitengrade von unserem Zwischenstopp auf Gorgona.

Und die Maschine bleibt auch weiterhin gefragt, weil sie die nächsten 26 Stunden durchmachen muss. Zwischendurch können wir bei zunehmendem Wind mal das Vorsegel zur Verstärkung setzen, aber die meiste Arbeit bleibt doch am Motor hängen und der lässt mich glücklicherweise nicht hängen, der läuft und läuft und läuft… Einige Schauer später kommt Gorgona in Sicht. Bevor wir unseren Ankerplatz anlaufen, möchte ich nochmal frisches Wetter herunterladen. Ich schalte die SSB-Anlage ein und nichts passiert, der Display bleibt schwarz. Wie jetzt? Ich versuchs nochmal, keine Reaktion. Nein, Nein, Nein! Ich starre das Funkgerät fassungslos an. Vor vier Stunden hat noch alles funktioniert. Okay, erstmal die Anschlüsse kontrollieren, nichts ist locker – Mist. Ich rauche eine und denke nach. Offensichtlich bekommt die Anlage keinen Strom. Ich ziehe den Stecker, Kontaktspray drauf, wieder rein, einschalten und die Anzeige leuchtet im gewohnten orange-gelb! Puh, ich bin sowas von erleichtert! Was für ein Schreck am Nachmittag!

Erste Schritte (1)

Drei Stunden später lassen wir bei Nieselprimelwetter unseren Anker nach 76 Stunden Fahrt und über 600 zurückgelegenten Kilometern erschöpft fallen. Hoffentlich machen die Behörden keinen Stress! Eine halbe Stunde nachdem alles fest ist, meldet sich eine Seniorita auf spanisch über Funk. Velero, Velero? Meint die uns? Ich melde mich mal vorsichtshalber auf englisch. Schweigen am Funk! Danach wieder Velero, Velero! Ich teile ihr mit, dass ich leider nur englisch spreche und sie nicht verstehe, worauf sie sich mit einem freundlichen „Thanks“ verabschiedet. Eine Stunde später werden wir auf englisch angefunkt und nach unserem Begehr gefragt. Ich erkläre, dass wir auf der Durchreise nach Ecuador sind und zwei Nächte hier bleiben wollen, da die nächsten beiden Tage mehrere Unwetter erwartet werden. Alles klar, kein Problem! Allerdings befinden wir uns in einem Nationalpark und der Besuch ist nicht umsonst – wie überraschend. Wir werden über die anfallenden Kosten informiert, 40 US für zwei Tage ist zwar kein Schnäppchen, aber wenn´s der Natur hilft!

Erste Schritte (8)

Obwohl wir keine Lust haben, sollen wir doch bitte an Land kommen, um die Gebühren zu zahlen und uns bei der Polizei melden. Also gut, wenn es unbedingt sein muss. Wir lassen das Dinghi zu Wasser und paddeln die paar Meter zum Strand, wo wir bereits erwartet werden. Hier treffen wir einen schwedischen Backpacker, der als Dolmetscher fungiert, sowie eine Angestellte des Nationalparks. Zuerst geht es zur Polizeistation, die eigentlich mehr eine halb offene Hütte mit Schreibtisch ist. Wir werden mit Handschlag begrüßt, der Beamte ist ausgesprochen freundlich – ich liebe Kolumbien – und will unsere Ausweise sehen. Ich gebe ihm meinen Personalausweis! Jetzt wird´s spannend! Er schreibt meinen Namen und die Ausweisnummer auf und … Okay, Sir, thank you. Der Kleine hat seine Papiere auf dem Boot vergessen, ist aber kein Problem, er soll einfach morgen nochmal vorbeikommen. Sehr schön! Ob wir in Kolumbien einklariert haben oder nicht interessiert ihn nicht die Bohne, na mir soll´s mehr als Recht sein. Danach sehen wir uns ein bisschen in der Hotelanlage um – ganz nett. Da wir auf dem Boot Internetempfang hatten, besorgen wir uns natürlich sofort zwei Zugänge. Vom Schweden erfährt der Kleine, dass hier im Nationalpark eines der besten Tauchreviere Kolumbiens sein soll. Daraufhin schlappen die beiden zur Tauchbasis und er organisiert für den nächsten Vormittag einen Tauchgang. Danach paddeln wir gemütlich zur Auriga zurück, Abendessen, ein bisschen Internet und Bordkino, ab ins Bett und richtig ausschlafen …

Am nächsten Morgen verschlafe ich tatsächlich die tägliche Funkrunde mit der SY Nemo – ups. Der Kleine wird um kurz vor 9 Uhr abgeholt und geht zum Tauchen. Ich habe einen Vormittag frei, worüber ich nicht richtig unglücklich bin und genieße die Ruhe an Bord. Der junge Mann ist wirklich ein netter Kerl, aber das Zusammenleben auf so engem Raum ist mit der eigenen Familie schon nicht leicht, aber mit einem Fremden ist es echt anstrengend. Obwohl wir mittlerweile seit 10 Tagen unterwegs sind, ist der Törn bisher gut gelaufen und es gab bis auf ein paar Kleinigkeiten keine wesentlichen Reibereien. Am Nachmittag paddelt der Kleine nochmal auf die Insel um seinen Tauchgang zu bezahlen. Außerdem holt er Wasser und Cola für die nächste Etappe und ich habe nochmal ein paar Stunden meine Ruhe.

Erste Schritte (3)

Am nächsten Tag wollen wir um 16 Uhr wieder aufbrechen. Unser nächstes Ziel ist der Stella Maris Yacht Club südlich von Esmeraldas in Ecudaor, ca. 60 Seemeilen südlich der kolumbianischen Grenze. Wir gehen den Tag gemütlich an, surfen noch ein bisschen im Internet, paddeln gegen Mittag nochmal zur Insel und gehen im Restaurant essen. Da es bereits den ganzen Vormittag geregnet hat und es am frühen Nachmittag schon wieder anfängt, bin ich bezüglich der Abreise etwas unschlüssig. Ablegen bei Regen macht einfach keinen Spaß. Im weiteren Verlauf klart das Wetter jedoch noch auf und wir könnn doch wie geplant aufbrechen. Von Anfang an bekommen wir den Wind auf die Nase, der ist zwar mit 5- 7 Knoten nicht stark, aber segeln is´ nicht. Also muss der Ferryman wieder ran. Fast die gesamten 170 Seemeilen bis nach Esmeraldas läuft die Maschine, hin und wieder mit ein bisschen Segelunterstützung. Wir brauchen knappe 40 Stunden, bis das erste Mal die Küste Ecuadors vor uns auftaucht. 2 Seemeilen vor der Küste bereite ich das Boot zum Anlegen vor. Bug-, Heck und Spingleinen werden vorbereitet, die Fender auf jeder Seite ausgebracht, wir sind klar zum Anlegen. Am späten Vormittag erreichen wir unseren Wegpunkt. Angeblich soll der direkt den Eingang in die Marina markieren. Wir schauen uns um, suchen die Bucht mit dem Fernglas ab, aber können einfach keine Marina entdecken. Wir sehen zwar einen Wellenbrecher, aber keine Einfahrt! Ein Stunde dümpeln wir mit großen Fragezeichen in den Augen in der Bucht herum. Okay, dann halt nicht! Wir sind beide wahnsinnig enttäuscht. Hatten uns schon so auf den Landfall gefreut! In meiner Fantasie saß ich bereits im Restaurant, vor mir eine große Portion „Cuy“ (gegrilltes Meerscheinchen) und ein Glas Wein in der Hand! Mit langen Gesichtern machen wir uns wieder auf den Weg.

Erste Schritte (11)

Nächstes Ziel und Endstation ist der Puerto Lucia Yacht Club in Salinas. Entfernung 190 Seemeilen oder anders gesagt nochmal zwei Tage auf See. Seit wir Isla Gorgona verlassen haben, hat sich die Sonne nicht mehr blicken lassen. Der Himmel ist schon seit Tagen mit dunklen Wolken verhangen und es regnet viel. Nicht stark, aber ziemlich oft. Erinnert mich an einen typischen Herbst in Deutschland, nur dass es hier wärmer ist. Glücklicherweise hat die Luftfeuchtigkeit aber deutlich abgenommen. Außerdem ist es kühler als in Panama, dadurch haben wir für diese Breiten eigentlich angenehme Reisebedingungen. Ich habe schon zwei Tage lang nicht mehr richtig geschwitzt – auch mal schön!

Erste Schritte (19)

Bevor wir die Bucht verlassen, kommt nach über einem Jahr mal wieder das Großsegel zum Einsatz. Ab jetzt ist nur noch mit süd-südwestlichen Winden zu rechnen, dass heißt wir müssen am Wind segeln und da ist das Großsegel einfach besser. Etwa 20 Seemeilen westlich unserer Position fällt die ecuadorianische Küste steil nach Süden ab. Als wir Punta Galera erreichen, wird es ganz schön kappelig. Durch den Kapeffekt nimmt der um die Ecke blasende SW-Wind auf beinahe 20 Knoten zu, die Windsee wird außerdem durch die ersten Ausläufer des aus Süden kommenden Humboldstroms verstärkt. Hier bekommt die bekannte Meeresströmung ein Gesicht und ist kein abstrakter Begriff aus dem Erdkundeunterricht mehr – Geographie live und hautnah! Wir müssen schleunigst von der Küste weg, brauchen mindestens 40 Seemeilen Abstand, bevor wir nach Süden abdrehen können. Die nächsten Stunden kämpft sich meine Auriga durch Wind und Wellen. Immer wieder schlagen wir mit dem Bug in die Wellenberge ein. Es schaukelt, es ist laut und regnet natürlich mal wieder. Wir kommen teilweise nur mit 2,5 Knoten voran! Acht Stunden später wird es langsam ruhiger. Wind und Welle lassen nach, wir werden schneller und können unbehelligt vom Südäquatorialstrom direkten Südkurs auf Salinas nehmen. Mittlerweile haben wir 160 Liter Diesel verbraucht, aber noch 200 für die letzten 200 Seemeilen übrig, das sollte reichen.

Am frühen Morgen ist es dann endlich soweit! Das absolute Highlight der Reise steht an – Die Äquatorüberquerung. Nach der Atlantiküberquerung mein zweiter großer Traum auf diesem Trip. Eine Seemeile vor dem Äquator schalte ich die Maschine aus und segle mit 5 Knoten Wind oder besser gesagt treibe langsam Richtung Südpazifik. 00° 00`50 N, 00°00´40 N, 00°00´30 N, 00°00´20 N, 00°00´10 N – 00°00´00 S! Ich habe die Südhalbkugel erreicht! Beinahe 9000 Seemeilen oder fast 17.000 Km habe ich mittlerweile hinter mir! Ich hab´s geschafft! Ole, Ole! Während ich gebannt vor dem Plotter sitze, die letzten Bogensekunden mitzähle, schlummert der Kleine in seiner Kajüte! Nur dabei, statt mittendrin! Die obligate Äquatortaufe lasse ich ausfallen. Soll ich mir etwa selbst einen Becher Seewasser über den Kopf schütten! Irgendwie blöd, oder? Dafür genieße ich den Augenblick mit einer Tasse frischem Kaffee. Schade, dass meine beiden Süßen nicht hier sind, wäre bestimmt ein Spaß gewesen. Trotz des tollen Momentes überkommt mich eine gewisse Wehmut …

Ich lasse meine Gedanken noch ein bisschen über´s Meer schweifen, starte ein paar Minuten später den Motor und es geht weiter. In 30 Stunden sollten wir unser Ziel erreicht haben. Die übliche Langfahrtenroutine ist wieder angesagt. Um 08 Uhr löst mich der Kleine ab und hat die nächsten vier Stunden Wache. Bei leichtem Westwind und nur mäßig bewegter See motorsegeln wir weiter Richtung Süden. Heute ist tagsüber ganz schön was los. Wir sehen im Laufe des Tages vier große Frachtschiffe, die uns in weitem Abstand passieren und ein paar Fischer. Hier geht’s ja zu wie am Stachus in München! Mit Einbruch der Nacht haben wir noch etwa 75 Seemeilen vor uns. Wenn wir unser Tempo von 5 Knoten halten können, werden wir am nächsten Morgen ankommen. Da wir uns mittlerweile 10 Breitengrade südlicher als bei unserer Abfahrt befinden, haben sich Sonnenauf und – untergang inzwischen um eine Stunde nach hinten verschoben.

15 Seemeilen vor unserem Ziel schält sich langsam die Silhouette Salinas aus dem Dunst. Wir können die ersten Hochhäuser in der langgezogenen Bucht erkennen. Erinnert mich ein bisschen an Santa Marta. Bereits vor zwei Tagen habe ich via Email mit dem Marinamanager Kontakt aufgenommen und einen Liegeplatz reserviert. Diesmal sollte also alles klappen. Vier Seemeilen vor der Stadt kontaktieren wir Port Control und melden uns an. Allerdings wollen die nicht mit uns sprechen, Okay was soll´s. Wir tuckern langsam in die Marina und müssen erstmal an einer vorgelagerten Boje festmachen. Ein Marinero holt mich ab, bringt mich zum Marinabüro und ich checke ein. Geschafft, wir sind nach 10 Tagen, 10 Breitengraden und 700 Seemeilen endlich angekommen! Buenos dias Ecuador …

Erste Schritte (22)

Fair winds und bis bald,

euer Reiseleiter von der Auriga

Auf nach Ecuador….

Auf nach Ecuador (3)

Während wir den ganzen Donnerstag bei gutem Internet vergammeln, wird die Nacht echt unruhig. Ich wache gegen 24 Uhr auf, weil der Wind deutlich zunimmt und meine Auriga wie wild rollt. Durch die Gezeitenströmung steht das Boot nicht im Wind, sondern im 90° Winkel dazu und das, obwohl wir Windstärke 4 haben! Dann sind auch schon die ersten Donner zu hören und Blitze zucken in der stockdunklen Nacht. Ach, nee! Bei ablaufendem Wasser beschließe ich lieber im Cockpit zu bleiben und die Sache im Auge zu behalten. Bis zum Sonnenaufgang ziehen insgesamt zwei Gewitter mit Böen bis 25 Knoten und Starkregen über uns hinweg. Glücklichweise ist das nächtliche Niedrigwasser nicht so ausgeprägt und wir haben bei den teilweise heftigen Bootsbewegungen genung Wasser unter dem Kiel. Während der Kleine die ganze Sache verschläft – erinnert mich sehr stark an Felix – hänge ich am Morgen ganz schön in den Seilen.

Auf nach Ecuador (1)

 

Eigentlich wollten wir ja heute weiter auf die Insel Contadora, aber der Kapitän muss erstmal ins Bett. Zwei Stunden später weckt mich mein Mitfahrer, weil wir mit dem Ruder einen Korallenblock touchieren. Das ist der Supergau! Wir haben zwar noch 60 Zentimeter unter dem Kiel, aber direkt hinter uns befindet sich ein großer Korallenblock. Ich schmeiße sofort die Maschine an und wir holen 20 Meter Kette ein. Okay, die akute Gefahr ist gebannt. Erstmal durchatmen und richtig aufwachen! Wir gehen Anker auf und suchen uns ein besseres Plätzchen. Gestern im Regen konnten wir den Grund nicht sehen, aber jetzt bei Sonnenschein und 2,3 Meter Wassertiefe kein Problem. Wir werfen, den Anker, fahren ihn ein und danach geht es erstmal ins Wasser zur Ruder- und Ankerkontrolle. Außer ein paar Kratzern im Antifouling ist jedoch nichts zu erkennen, unser alter Bügelanker hat sich vernünftig in den Sandboden eingegraben und ich kann mich wieder hinlegen.

Richtig schlafen kann ich aber nicht, weil sich mittlerweile eine ein Meter Welle aufgebaut hat und wir noch mehr als in der Nacht rollen – echt ätzend, lieber Pazifik, werden deine neuen Gäste immer so begrüßt? Wir schaukeln uns so durch den Tag, ich schlafe immer wieder ein Stündchen und nach einer zweiten unruhigen Nacht machen wir am nächsten Tag bei kräftigem Geschaukle und 15 Knoten Seitenwind einen Abflug. Hoffentlich ist es in Contadora etwas ruhiger. Da die Insel nur um die Ecke liegt, motoren wir bei strahlendem Sonnenschein die drei Seemeilen bis zum nächsten Ankerplatz. Wir rollen vielleicht um die zehn Grad, aber der Kleine ist trotzdem ein bisschen blass um die Nase. „Das Boot schaukelt ganz schön, oder?“ Eher nicht, aber nach ein paar Minuten hat sich sein Magen wieder beruhigt und wir erreichen hinter Isla Pacheca wieder ruhigeres Wasser. Nach einer guten Stunde haben wir die Rückseite von Contadora erreicht. Hier scheint allerdings strikte Bootstrennung zu herrschen. Während die Ankerplätze vor dem Playa Cacique fest in der Hand panamaischer Motoryachten ist, tummeln sich ein Stück weiter hinten einige Fahrtenboote. Okay, wir wollen die Ordnung nicht zerstören und begeben und uns zu unseresgleichen. Eine Stunde vor Niedrigwasser lassen wir unseren Anker im türkisfarbenen Wasser fallen, wir haben fünf Meter unter dem Kiel, klaren die Auriga schnell auf und nehmen das erstes Bad im herrlich kühlen Pazifikwasser …

Auf nach Ecuador (12)

Am Nachmittag habe ich allerdings einige Termine. Um 17 Uhr Funkrunde mit der Nemo via SSB. Vor zwei Tagen hat die Verbindung gut geklappt und ich bin bezüglich Außenborder und Kühlschrank auf den neusten Stand. Bin ja gespannt, ob es was Neues gibt. Pünktlich bin ich auf Sendung und rufe Chris, aber im Äther herrscht Schweigen. Nach fünf Minuten wechsle ich die Frequenz – wieder keine Antwort, Schade! Um 18 Uhr aktiviere ich das Satellitentelefon. Birger, der schon wieder als Linehandler im Panamakanal unterwegs ist, wollte sich vom Gatunsee melden. Ich warte eine Stunde, aber das Telefon bleibt stumm! Noch mehr schade … 19 Uhr eigentlich sollte jetzt das Panamafunknetz von Intermar starten, aber trotz aller Bemühungen hören ich nur schwaches Rauschen auf dem Kanal. Schade, aber nicht ganz so schlimm. Als ich später meine E-Mails abrufe, schreibt Chris, dass er unseren Termin verpasst hat, weil er einem anderen Boot bei Repararuten behilflich war. Wir werden es morgen wieder versuchen. Diesmal klappt alles und mit einem zügigen Nachkommen der beiden Australier ist wohl nicht zu rechnen. Das bestellte Ersatzteil für den Kühlschrank ist zwar in Panama angekommen, liegt aber noch beim Zoll. Wir werden in zwei Tagen wieder konferieren. Ich würde die beiden zwar gerne vor Ecuador nochmal wiedersehen, aber meine Hoffnung diesbezüglich nimmt deutlich ab.

Übringens bin ich von Kurzwellenfunk mal wieder richtig begeistert. Die Verbindung mit der SY Nemo ist -wenn es klappt! – klar und fast ohne Rauschen – echt Klasse. Dafür habe ich ein kleines Problem mit Sailmail, über die ich normalerweise meine Wetterberichte beziehe. Ausgerechnet der Wetterbericht für die Pazifikseite Zentralamerikas ist seit zwei Tagen nicht verfügbar. Seitdem spielt meine liebe Antje Wetterfee und versorgt mich mit dem aktuellen Wettergeschehen der Region. Vielen, vielen Dank meine Süße. Auf die Art und Weise tauschen wir uns auch täglich über die jeweils neuesten Entwicklungen aus. Diese Woche wird der Mietvertrag unterschrieben, Felix stellt sich in seiner neuen Schule vor, ist am Freitag sogar schon zur ersten Fete eingeladen, eine Wochen später stehen schon die Leistungsnachweise und der Umzug nach Stöttwang an. Die beiden sind zwar etwas im Stress, aber ich glaube, sie sind mittlerweile wirklich in Deutschland angekommen. Ich vermisse die zwei sehr und wünsche ihnen alles, alles Gute – ihr schafft das schon, oder? Und wenn´s nicht klappt, ihr habt ja meine Satellitentelefonnummer!

Nach einer sehr, sehr ruhigen Nacht, in der wir mal wieder richtig ausschlafen können, wollen wir am Vormittag Contadora einen Besuch abstatten. Gemeinsam heben wir das Beiboot vom Deck, Chinese hintendran, Müll einpacken und schon geht es los. Wir landen am gegenüber liegenden Strand an, ziehen das Dinghi etwa 20 Meter durch den Sand und machen es an einem Baum fest. Bei gefühlten 35°C läuft hört sich das leichter an als es in Wirklichkeit ist. Der Schweiß läuft uns nur so in Strömen herunter. Der weiße Sandstrand ist ausgesprochen sauber. Ich bin echt überrascht, nur in der Nähe der Vegetation kann ich ein bisschen Zivilisationsmüll ausmachen, aber absolut kein Vergleich zu den San Blas Inseln. Wir sind zwar an Land, aber wie kommen wir vom Strand weg? Nach einigem Suchen finden wir einen Weg und landen am Playa Larga. Wir schleppen uns durch eine verlassene Ferienanlage und entdecken endlich einen Pfad. Vorbei am Flughafen und schon laufen wir an paar sehr schönen Villen vorbei. Die Straßen sind geteert, alles sauber und nach einer halben Stunde haben wir die Tankstelle erreicht. Gegenüber gibt es einen kleinen Supermarkt mit dem üblichen Sortiment.

Auf nach Ecuador (19)

Wir erkundigen uns nach einem Restaurant oder einer Bar in der Nähe und müssen zum Glück nur ein paar Ecken weiter. Kurz darauf haben wir Downtown erreicht. Drei Resaturants, ein Hostal, ein Supermarkt und die Polizeistation bilden das Zentrum von Contadora! Im ersten Restaurant bei Mathilda haben wir Glück, es gibt WLAN! Wir lassen uns natürlich sofort nieder, genehmigen uns einen Happen und surfen ausgiebig im Internet. Während ich nach einer Stunde genug habe, möchte der Kleine noch etwas bleiben. Okay, dann hole ich ihn zwei Stunden später am Strand mit dem Dinghi ab. Während der Chinese auf meiner Rückfahrt nur zweimal aufgibt, steht die Abholung  des Kleinen unter keinem guten Stern. Der blöde Motor will mal wieder nicht anspringen. Ernsthafte Gewaltfantasien kommen in mir auf. Nach zehn Versuchen gebe ich auf und greife zum Paddel. Still vor mich hin fluchend rudere ich gegen die Strömung die 200 Meter bis zum Strand. Kann das Seglerleben schöner sein? Wohl kaum! Auf der Rückfahrt zum Boot, springt der Motor dann doch noch mal an und wir können wenigstens einen Teil der Strecke motoren. Trotzdem bin ich sauer. Dieser Scheißmotor treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich werde den Chinesen in Ecuador verkaufen, verschenken oder ins Meer schmeißen und mir einen zuverlässigen Zwei-Takt-Motor der Marke Birger anschaffen …. Lieber Birger, du glaubst nicht wie ich euch drei vermisse!

Auf nach Ecuador (12)

Anschließend müssen wir uns erstmal im Meer abkühlen. Das Wasser ist wirklich herrlich erfrischend. Abends greift der Kapitän zum Kochlöffel und zaubert ein schönes indisches Curry auf den Tisch. Nach einer ruhigen Nacht konferiere ich wieder mit Chris, aber die Ersatzteilbeschaffung scheint sich zu einer unendlichen Geschichte zu entwickel. Ein Treffen mit meinen beiden Freunden scheint in weite, weite Ferne zu rücken. Wir besuchen stattdessen im Laufe des Tages die Insel nochmal. Diesmal montieren wir den Motor gleich ab und legen uns in die Riemen. Unser erster Gang führt uns wieder zu Mathilda, danach noch ein bisschen einkaufen und zurück zum Boot. Später telefoniere ich mit Alex und Birger und wir tauschen Neuigkeiten aus. Es tut gut die beiden zu hören – Intelectual Rescue!. Am Abend ist Kinonight auf der Auriga. Wir veranstalten ein Doublefeature und dann ist schon wieder Ende Gelände. Am Dienstag wollen wir uns auf die Isla del Rey verlegen. Aus Sicherheitsgründen möchte ich bei Nierdigwasser unseren nächsten, 12 Seemeilen entfernten Ankerplatz erreichen. Da erst um 14:30 Uhr Niedrigwasser ist, können wir am nächsten Vormittag gemütlich unsere Auriga aufklaren, weil wir erst gegen Mittag los müssen.

Morgens bereiten wir uns gemütlich für die Überfahrt vor und gehen gegen Mittag Anker auf. Nach einer unspektakulären Motorfahrt bei Flaute erreichen wir San Miguel auf der Isla del Rey kurz vor Niedrigwasser. Wir drehen ein paar Runden und schmeißen den Anker bei 3,6 Meter. Am Nachmittag ist es abartig heiß! Kein Lüftchen weht, im Salon hat es 33°C und wir hecheln bis zum Anbruch der Dunkelheit durch! Kurz nach Sonnenuntergang kommt dann aber doch noch ein bisschen Wind auf. Der kommt allerdings aus der falschen Richtung und frischt auch noch deutlich auf. Laut Wetterbericht sollte er aus Süd-Westen kommen, hat es sich aber anders überlegt und bläst uns jetzt aus Norden direkt auf die Nase. Nach eine knappen Stunde steht in der nach Norden offenen Lagune eine zwei Meter Welle und wir werden schon wieder kräftig durchgeschüttelt. Boh eh, das macht einfach keinen Spaß! Meine Auriga stampft durch die Wellen, jeder Aufschlag ist wie ein Kanonenschlag und ich fühle mich wie in einer Achterbahn, damit ist eine ruhige Nacht definitv ausgeschlossen! Alle zwei Stunden wache ich auf, kontrolliere unsere Position, Wassertiefe und Windstärke – obwohl alles stabil aussieht, kann ich nicht richtig schlafen.

Am Morgen lade ich ein paar Grip-Daten via SSB herunter und siehe da, es zeigt sich ein 72-stündiges Wetterfenster mit stabilen Nordwinden, das Wetterfax aus Deutschland zeigt die gleichen Windverhältnisse, also genau das, was wir auf dem Weg nach Ecudaor brauchen. Der Kleine schafft es um 8:30 Uhr aus den Federn und ich erläutere ihm die Situation. Wir könnten am Donnerstag Richtung Ecuador aufbrechen, er ist einverstanden – Super! Auch schön, wenn die bereits getroffenen Entscheidungen des Kapitäns, rückwirkend noch verifiziert werden! Allerdings haben wir ein klitzekleines Problem. Seit wir in Panama City aufgebrochen sind, haben wir bereits 40 Liter Diesel verbraucht und die beiden leeren Kanister würde ich gerne vor dem Auslaufen noch auffüllen. In San Miguel soll es eine Tankstelle geben, aber wir liegen ungefähr 2 Seemeilen – gefühlte 100 Kilometer – vor der Stadt und der Chinese ist nicht einsatzbereit! Also was tun?

Es gibt zwei Optionen! Wir paddeln gegen die Strömung die Teufelsmeile nach San Miguel, suchen die Tanke, rudern anschließend wieder zurück und lassen uns in der Nacht nochmal richtig durchschaukeln oder wir verlegen uns wieder zurück nach Contadora, ankern in Strandnähe, machen schnell rüber, schlappen zuerst zu Mathilda, surfen ein bisschen im Internet, gehen Essen, besorgen danach Diesel und verbingen eine ruhige Nacht im Lee der Insel … Eine halbe Stunde später ist meine Auriga startklar und wir machen uns auf den Weg – War doch klar, oder? Zwei Stunden später ankern wir wieder vor Contadora und machen uns auf en Weg nach Downtown. Jeder hat einen Dieselkanister in der Hand. Wir erregen so viel Mitleid, dass uns ein vorbeifahrender Einheimischer bis zur Tankstelle mitnimmt – sehr nett und vielen Dank. Wir gehen um die Ecke zu Mathilda und surfen ein bisschen im Internet, dann ist dem Kapitän nach einem gepflegten Abschiedsessen, schließlich ist das eine gute, alte Tradition beim Verlassen eines Landes auf der Auriga. Der Kleine möchte allerdings noch im Internet surfen und kommt nicht mit – da muss einer wohl noch ein bisschen Sozialkompetenz üben – und so schlendere ich alleine ins „Piementa y Sale“ und lasse mir ein paar Meeresfrüchte ohne digitale Unterhaltung schmecken. Schade eigentlich!

Eine dreiviertel Stunde später bin ich wieder bei Mathilda, ich sehe den jungen Mann mit Ohrstöpsel am Tisch sitzen, er muss unbedingt noch die aktuelle Tageschau fertig streamen!? – Okay, ich kann warten, bin´s ja gewöhnt! Eigentlich bin ich ja ein Fan von jungen Backpackern, diesich trauen alleine in fremde Länder zu reisen, aber manchmal frage ich mich wirklich, warum reisen, wenn man die meiste Zeit vorm Handy sitzt und im Internet surft? Gibt es in Süddeutschland kein Internet? Naja, ich muss schließlich nicht alles verstehen! Das sind wahrscheinlich die Generationsunterschiede. Immerhin organisert der Kleine ein Mitfahrgelegenheit zum Strand und so müssen wir die mittlerweile aufgefüllten zwei 20 Liter Kanister wenigstens nicht schleppen – Nicht schlecht junger Mann! Am Nachmittag erledige ich noch ein paar Kleinigkeiten am Boot und morgen bei ablaufendem Wasser geht es weiter Richtung Ecuador. Wenn alles gut geht, haben wir die nächsten 72 Stunden Nordwind mit 4-5 Bft und können die Isla Gorgona vor der Küste Kolumbiens unter Segeln erreichen. Ich hoffe der Magen des Kleinen hält das aus …

Fair winds und bis bald,

euer Ex-Panamese von der Auriga