San Blas Inseln – Hin und wieder zurück …

Hin (24)

Nach meiner 24-stündigen Odyssee in Panama City ziehe ich alle Register und beginne vorsichtshalber eine duale Antibiotikatherapie mit „Alles tot“ und „Hau drauf“, dazu ein Kübel Fiebersenker und natürlich was für den Magen und schon ist Besserung in Sicht. Nach drei Tagen ist das Fieber weg und ich fühle mich deutlich besser. Da die Antibiotika anschlagen, fallen wenigstens einige für Panama typische Tropenerkrankungen, wie Dengue-Fieber und die Chagas-Krankheit als Ursache aus. Gegen Tollwut und Gelbfieber bin ich geimpft, Malaria spricht auf die verabreichte Giftmischung nicht an und somit bleibt nur ein bakterieller Infekt als Ursache übrig! Bei der von mir gewählten Antibiotikakombination haben die ungebetenen Einzeller allerdings keine Chance mehr und ich bin nach einer Woche wieder auf dem Damm. Was letzlich die Ursache war bleibt zwar im Dunkel, aber egal, nur das Ergebnis zählt und wer heilt hat Recht – in diesem Fall also ich!

Bevor wir Nomolulu verlassen, werden wir noch Zeuge von Müllentsorgung auf Kuna-Art. In den nahegelegenen Mangroven legen zwei Kanus an und werfen ca. 20 große Mülltüten mitten in die ufernahe Vegetation – Shocking! Als überzeugte Mülltrenner können nur mühsam unser Entsetzen über das Schauspiel unterdrücken. Andererseits haben die hier lebenden Kunas mit Sicherheit andere Sorgen als eine umweltverträgliche Müllentsorgung nach westlichem Stil! Jetzt verstehen wir auch, warum im morgendlichen Funknetz (Panama-Net auf SSB 8137 Hz) die neu ankommenden Segler davor gewarnt werden, den Einheimischen den anfallenden Müll zu überlassen. Das Funknetz wird von einigen amerikanischen Dauerliegern betrieben und bietet immer wieder ganz gute Informationen rundum das Archipel. In der täglichen Funkrunde kann sich jeder melden, Fragen stellen oder Aufrufe tätigen. Häufig geht es um Reparaturen jeder Art, aber auch absolute Notfälle, wie die nicht mehr funktionierende Eiswürfelmaschine! werden thematisiert.

Die zwei Seemeilen bis Carti Sugdup motoren wir auf einer Backe. Eine dreiviertel Stunde später ankern wir direkt vor der bewohnten Insel. Da uns der Wind mit fast fünf Beaufort um die Nase weht und eine ziemlich unruhige See verursacht, verschieben wir unseren Ausflug auf die Insel erstmal auf den nächsten Tag – wir wollen ja trockenen Hinterns auf die Insel kommen. Am Nachmittag ist wie fast jeden Tag der obligate Regenschauer angesagt. Also verbringen wir einen gemütlichen Tag an Bord und schmeißen das Bordkino an. Nach einer gut durchgeschüttelten Nacht, hat sich das Meer am nächsten Morgen beruhigt und gibt sich mal wieder total unschuldig, das alte Miststück. Wir satteln unser Mixeddinghi (Zweitaktmotor von der Samantha und unser Beiboot), motoren ein paar Meter und können direkt am „Tante Emma Laden Deluxe“ anlegen. Das Angebot ist überraschend vielfältig. Neben den typischen Konserven, trockenen Bohnen und Reis finden wir auch reichlich frisches Obst und Gemüse sowie haufenweise Eier. Bevor wir allerdings zuschlagen, wollen wir erst noch das Dorf erkunden.

Alle bewohnten Kunadörfer sind praktisch bis auf den letzten Quadratzentimeter mit unterschiedlichen Hütten bebaut, aber hier auf Carti Sugdup ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Platz mehr. Die Wege zwischen den Behausungen sind schmal, jede zweite Hütte bietet entweder Lebesmittel, Molas oder Kinderspielzeug an, was sicher daran liegt, dass in der Hauptsaison – also in der Nicht-Regenzeit – hin und wieder Kreuzfahrtschiffe in der Nähe ankern und die Insel dann mit Touristen geflutet wird. Allerdings verkraftet die kleine Insel keine 3000 Menschen gleichzeitig, also werden die Kreuzfahrer laut unserem Guide in mehreren Schichten auf die Insel befördert. Aus diesem Grund gehören die Carti Islands auch zu den „buisiest parts of the San Blas Islands“ und sind nebenbei noch Zentrum der Molaproduktion. Molas sind typische Nähkunstwerke der Kuna-Indianer. Sie bestehen aus Stoffresten, die in zwei bis sieben Lagen miteinander vernäht werden und durch Heraustrennen und Umnähen von einzelnen Flächen ein Motiv ergeben. Die Qualität der Molas ist abhängig von der Anzahl der verwendeten Stofflagen, der Feinheit der Nähstiche und der Gleichmäßigkeit der Nähte. Die Nähkunstwerke werden auf Vorder- und Rückseite von Blusen genäht und sind Teil der typischen Tracht der Kunafrauen. Die klassischen Molas sind vor allem durch geometrische Muster gekennzeichnet, aber auch moderne dem Geschmack der Touristen angepasste Motive sind erhältlich.

Hin (7)

Am Ende der Insel kündigt eine große Tafel überschwänglich ein Museum an. Selbstverständlich wollen wir da rein! Nach ein paar Minuten haben wir die windschiefe Hütte gefunden. Im Fenster sehen wir einige Seewasserschneckenhäuser liegen, durch die offene Tür können wir im Inneren ausgestellte Molas ausmachen. Bei einem Eintrittspreis von 5 US pro Person, entschließen wir uns spontan gegen einen Besuch des ca. 10 qm großen Museums und machen uns auf den Rückweg. Obwohl ein Drittel der Insel aus Läden besteht, ist es leider nicht möglich, frisches Backwerk zu organisieren – manana! Zurück im Supermarkt wird erstmal kräftig frische Ware eingekauft. Wir haben allerdings so viele Lebensmittel erstanden, dass Felix uns in zwei Etappen auf die Boote bringen muss! Gegen Mittag ist alles verstaut und wir können zu den Lemon Cays aufbrechen.

Die Lemon Cays bestehen aus mehreren Inseln und gehören zu den am besten touristisch erschlossenen Inselgruppen der San Blas Inseln, was bedeutet, es gibt hier ein Hotel mit Restaurant. Die einzelnen Lodges stehen auf Stelzen im Wasser und sehen wirklich hübsch aus. Allerdings wird nur der Teil der kleinen Insel gepflegt der auch benützt wird, der Rest vegetiert mehr oder weniger als Müllhalde vor sich hin. Die Einfahrt in das Archipel nicht ganz ohne! Obwohl die flachste Stelle laut Karte immerhin drei Meter beträgt, fahren wir mit äußerster Vorsicht zwischen den einzelnen Untiefen hindurch, aber alles geht gut und wir erreichen heil unseren Ankerplatz, zwischen den Inseln Tiadup, Miriadup und Nagurchirdup. Diese Inselgruppen können trotz Karte nur am Nachmittag angelaufen werden, weil man dann die Sonne im Rücken hat und dadurch bis auf den Grund sehen kann. Wenn vormittags das Licht von vorne kommt, reflektiert das Wasser so stark, dass man den Meeresboden nicht sehen kann – kleiner Tipp, falls es mal einen unserer Leser hierher verschlägt.

Da es ausnahmsweise am Nachmittag mal nicht regnet, motoren die anderen mit dem Dinghi zum Außenriff und schnorcheln ein bisschen. Ich bin immer noch auf Antibiose und bleibe deshalb mit Felix an Bord. Die Unterwasserwelt ist durchaus sehenswert und noch halbwegs intakt. Antje, Alex und Birger treffen die üblichen Bekannten unter der Oberfläche, sehen einige große Rochen durchs Wasser schweben und genießen das Bad im warmen Meer. Am späten Nachmittag bekommen wir dann noch von einer alten Kuna-Indianerin Besuch. Soweit wir verstehen, ist sie drei Stunden lang mit dem Kanu von Carti bis hierher gepaddelt, um ihre Molas an den Segler zu bringen. Wir bitten die Dame an Bord und lassen uns die Nähkunstwerke präsentieren. Die arme Frau hat vor einem Monat ihren Mann verloren und muss nun ganz alleine die 18-köpfige Familie ernähren! Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Verkaufsstrategien auf der ganzen Welt die gleichen sind! Mitleid, Armut und Not ziehen immer! Okay, wir entschließen uns zwei, wirklich schöne Molas zu kaufen, aber die Alte hat noch einen ganz anderen Trick auf Lager – Sie will einfach nicht gehen! Offensichtlich nehmen wir ihr nicht genung Ware ab und sie bleibt in den Himmel starrend einfach sitzen. Sitzstreik als Verkaufsargument, damit sind wir absolut überfordert. In Anbetracht der ausgeklügelten Verkaufsstrategie des alten Miststücks, nehmen wir ihr noch eine weitere Mola ab. Allerdings wird es bei den Preisverhandlungen jetzt echt schwierig. Die Gute kann absolut nicht rechnen. Eigentlich will sie für jede Mola 25 US haben. Wir geben ihr drei 20 US-Noten, einen Zehner und einen Fünfer. Sie legt daraufhin 20 US plus den Fünfer auf die erste Mola, danach wird es aber äußerst diffizil, weil man die restlichen Geldscheine nicht gleichmäßig auf die zwei verbleibenden Molas verteilen kann. Also beschließt die Dame einfach den Preis zu erhöhen und verlangt nun 30 US pro Mola, weil sie gesehen hat, dass wir jeweils drei Zehner und drei Zwanziger haben. Die Situation ist so absurd, dass ich schließlich aufgebe und der armen Frau – schließlich eine alleinerziehende Mutter von 18 Kindern! – insgesamt 90 US in die Hand drücke, damit sie endlich unser Boot verlässt und in ihrem Kanu abzieht, was für eine abgezockte Sozialterroristin. Immerhin kann ich sie noch zwingen, sich fotografieren zu lassen, wenigstens ein Teilerfolg für uns!

Mittlerweile sind auch Chris und Elayne von der SY Nemo, die wir in Santa Marta kennengelernt haben, auf den San Blas Inseln angekommen und liegen nur einige Seemeilen entfernt in den Eastern Hollandes Cays. Da mein Geburtstag in zwei Tagen ansteht, wollen wir uns mit den Australiern in den Central Hollandes Cays treffen und gemeinsam feiern. Allerdings macht uns das Wetter mal wieder einen Strich durch die Rechnung! Es regnet zwei Tage lang in Strömen und an eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. Aber was soll´s, warum sich die gute Laune verderben lassen! Während einer Regenpause entern wir gemeinsam mit unseren Freunden Alex und Birger an meinem Geburtstag das Restaurant und lassen uns Oktopussalat mit Knoblauch schmecken. Danach geht’s auf die SY Samantha und wir verbringen nach Kaffee und Kuchen einen fröhlichen Nachmittag mit Kartenspielen. Übrigens vielen Dank für den schönen Tag und die vielen Geschenke meine Lieben!

Was uns allerdings die Laune auf den Lemon Cays gründlich verdirbt sind die Sandfliegen. Während nach jedem Regenschauer der Strand und die Hotellodges ausgeräuchert werden, haben wir mit den restlichen Sandfliegen zu kämpfen. Die kleinen Mistviecher werden vom Wind auf unser Boot getragen und scheinen vor allem in den frühen Morgenstunden reichlich Appetit zu haben. Die nur ein bis zwei Millimeter großen, schwarzen Fliegen sind kaum zu sehen, passen durch jedes Moskitonetz und scheinen über T-Rex-artige Beißwerkzeuge zu verfügen. Jeder Biss ist eine echte Höllenqual! Wir müssen unbedingt weg und die Flucht ergreifen…

Am nächsten Tag hört es endlich auf zu regnen und wir verlagern uns in die Central Hollandes Cays. Kaum haben wir unseren Anker geworfen, kommt schon Chris als Begrüßungskomitee von der SY Nemo im Dinghi angerauscht. Ich bekomme eine Zigarre als nachträgliches Geburtstagsgeschenk und wir tauschen die neusten Informationen bei ein, zwei Bierchen aus. Die nächsten Tage statten wir uns gemeinsam mit der Samanthacrew gegenseitig Besuche hab, sofern es nicht regnet. Während wir bei unserem ersten Aufenthalt auf den San Blas Inseln wirklich Glück mit dem Wetter hatten, scheint unser zweiter Besuch unter keinem guten Stern zu stehen. Im Urlaub macht mir schlechtes Wetter ja nichts aus, aber wenn man auf einem Boot lebt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Die normlerweise in Panama vorherrschende Luftfeuchtigkeit von 85% führt dazu, dass nach spätestens zwei Wochen praktisch alles im Boot irgendwie feucht und klamm ist. Egal was man anfasst, alles ist von einer feinen Feuchtigkeitsschicht überzogen. Wenn es auch noch mehr oder weniger ständig regnet wird es schlicht und ergreifend nass im Boot. Es ist ein bisschen wie im Regen zelten und geht uns allen langsam tierisch auf die Nerven. Vor allem haben wir mittlerweile ein echtes Schimmelproblem! Wir kommen mit dem Putzen kaum noch hinterher …! Außerdem wird uns langsam langweilig, weil man bei schlechtem Wetter ziemlich wenig auf dem Boot unternehmen kann und ständig im Salon rumhängen ist auch nicht so wahnsinnig toll!

Wir verbringen drei Tage im Regen auf den Central Hollandes Cays und dann haben wir die Schnauze voll und wollen weiter – Scheiß Wetter. Also verlegen wir uns nach Yansaladup in die Nähe von Chichime. Während die SY Samantha und wir am nördlichen Rand des Archipels ankern, bleibt die SY Nemo im südlichen Teil des Archipels, da sie dort alte Bekannte getroffen haben. Während der nächsten Tage haben wir vor allem nachts immer wieder Wind bis 25 Knoten. Für die SY Samantha uns uns ist das überhaupt kein Problem, weil wir an unserem Ankerplatz ausreichend Platz zum Schwojen haben. Bei der SY Nemo sieht es allerdings ganz anders aus. Hier liegen die Boote ziemlich dicht aufeinander und so haben die beiden kaum eine ruhige Nacht, weil sie ständig gefahrlaufen, von anderen Booten gerammt zu werden – arme Tröpfe! Größtest Highlight vor Yansaladup ist unser Treffen mit Lisa. Lisa ist eigentlich ein Mann, aber wenn es in den Kunafamilien zu wenig Mädchen gibt, wird einfach ein Junge als Mädchen erzogen! Bemerkenswert daran ist allerdings, dass Lisa in unserem Cruising Guide mehrfach erwähnt wird. Irgendwie ist es schon komisch, wenn man Menschen trifft, über die in Büchern berichtet wird, zumal das in gewöhnlichen Reiseführern nicht so oft der Fall ist. Ein bestimmtes Gebäude oder Restaurant, okay, aber echte lebende Menschen – das ist doch irgendwie unheimlich!

Lisa kommt mit dem Kanu, was sonst, sie/er fährt natürlich selbst und sieht älter aus, als auf den Fotographien im Buch. Im Schlepptau hat sie natürlich die unvermeidlichen Molas! Wir bitten sie an Bord und bieten ihr eine Cola an. Wir unterhalten uns ein bisschen und nach einem gepflegten Rülpser – nicht so wahnsinnig ladylike – bekommen wir eine Auswahl ihrer Kollektion präsentiert. Natürlich können wir nicht ablehnen und nehmen ihr zwei weitere Molas ab. Damit haben wir im Laufe der Zeit insgesamt elf Molas erstanden, genug um eine kleine Ausstellung damit zu organisieren, allerdings sind wir jetzt pleite – aber was soll´s! Am Abend beschließt unsere mittlerweile aus drei Booten bestehende Flottille am nächsten Tag Richtung Shelter Bay Marina aufzubrechen. Erster Zwischenstop auf dem Weg nach Colon soll die Green Turtel Bay sein, wo eine richtige Marina und ein Restaurant uns anlocken. Am nächsten Tag legen wir einen echten Frühstart hin und verlassen gegen 07 Uhr unsere Ankerplätze und segeln gen Westen. Mit durchschnittlich 15 Knoten im Rücken erreichen wir unser Ziel am frühen Nachmittag. Leider haben wir auf der gesamten Strecke von 30 Seemeilen reichlich Schwell aus Norden und so schaukelt unsere Auriga mal wieder kräftig hin und her, was Antjes Magen gar nicht gut bekommt. Als wir nach sechs Stunden die Green Turtel Bay erreichen, drückt so viel Schwell in die Bucht, dass wir mit einer ziemlich ungemütlichen Nacht rechnen müssen. Also beschließen wir via UKW-Konferenz die wesentlich geschütztere Linton Bay anzulaufen. Okay, mal wieder Linton Bay. Wir kommen gerade noch vor Einsetzen des üblichen nachmittäglichen Regenschauers an, können uns just in time unter der Sprayhood verkriechen und Antje erholt sich langsam wieder.

Das Wetter spielt die nächsten drei Tage wieder nicht mit und wir vertreiben uns die Zeit damit, das Cockpit trocken zu starren. Um etwas Abwechslung in unseren trüben Alltag zu bringen, verabreden wir uns mit der Samantha- und der Nemocrew zum Mittagessen im Restaurant Casa X am Ufer. Kurz bevor wir aufbrechen wollen beginnt es natürlich wieder zu regnen. 90 Minuten später können wir dann mit knurrenden Mägen endlich los und lassen uns kurz darauf Snapperfilet und gegrillte Hühnchenteile schmecken. Während des Essens diskutieren wir über die weitere Wetterentwicklung. Die letzten Prognosen sind allerdings nicht so richtig prickelnd. Anscheinend zieht ein Sturm an der Küste Costa Ricas nach Süden und könnte uns in drei bis vier Tagen erwischen. Aus diesem Grund wollen wir am nächsten Tag weiter nach Portobello. Die Stadt liegt am Ende einer tief ins Festland ziehenden Bucht und war während der spanischen Kolonialherrschaft der wichigste atlantische Hafen der Spanier in Mittelamerika. Von hier wurden Gold und andere Güter nach Europa verschifft. Glücklicherweise ist die Bahia de Portobello nur ca. zehn Seemeilen entfernt, so dass wir am nächsten Tag eine Regenpause nutzen können, um uns dorthin zu verlegen. Bei Sonnenschein und brütender Hitze gehen wir anderntags um 10 Uhr Anker auf. Natürlich bekommen wir Wind und Welle auf die Nase, aber nach knapp drei Stunden entern wir den natürlichen Hafen. 30 Minuten später beginnt es wieder zu regnen, was sonst!

Als wir in die Bahia de Portobello einschwenken, wird uns sofort klar, warum die Spanier seinerzeit diese Bucht zu ihrem wichtigsten Hafen erklärten. Wie ein Trichter verjüngt sich der Einschnitt ins Festland. Insgesamt drei Verteidigungsanlagen sicherten damals die spanische Armada vor feindlichen Überfällen. Einige traurige Reste der Festungsanlagen können wir noch am Ufer erkennen. Heute bietet sowohl der natürliche Hafen als auch die Stadt einen eher bemitleidenswerten Anblick. In der Bucht befinden sich bestimmt über zehn auf Grund gelaufene Schiffe, die hier langsam vor sich hin gammeln. Wenigstens dienen sie uns beim Einlaufen als Kennzeichnung der Flachwasserzone. Als der Regen endlich etwas nachlässt, machen sich Antje, Birger und ich in die Stadt auf, um unsere langsam zur Neige gehenden Nahrungsmittel aufzustocken. Die ehemals florierende Hafenstadt ist mittlerweile dem Verfall preisgegeben. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die sengende Hitze hinterlassen deutliche Spuren an den ziemlich baufällig wirkenden Gebäuden. Es ist so feucht, dass sogar die Dächer und Wände der Häuser nur so vor Vegetation strotzen. Im Zentrum von Portobello besuchen wir die Kirche mit dem berühmten schwarzen Christus. Nett, aber nicht wahnsinnig beeindruckend. Deutlich größeres Interesse erzeugt der Chinesenmarkt gegenüber. Wir kaufen ein paar Dinge für´s Abendessen ein und beschließen auf der Rückfahrt am nächsten Tag in die Shelter Bay Marina bei Colon aufzubrechen. Jaja, mal wieder in die Shelter Bay Marina. Interessanterweise ist sie die einzige Marina, in die wir seit unserem Start in Italien vor über zwei Jahren zum zweiten Mal einlaufen!

Am Freitagmorgen um 10 Uhr geht es los. Felix ist überglücklich, nach beinhe fünf Wochen wieder in eine richtige Marina zu kommen. Die Aussicht auf unbegrenzten Strom und Internet lassen ihn bereits am Morgen frohlocken. Auf der Fahrt zur 20 Seemeilen entfertnen Shelter Bay haben wir sogar Glück! Es regnet ausnahmsweise nicht und die normalerweise vorherrschende 1 – 1,5 Knoten starke Gegenströmung hat sich heute auf einen halben Knoten abgeschwächt. Nach vier Stunden erreichen wir die Marina, mittlerweile haben sich über uns schon wieder dunkle Gewitterwolken gebildet, aber wir schaffen es noch gerade rechtzeitig bevor sich die Himmelsschleusen öffnen. Wir checken noch schnell ein, besorgen drei Internetzugänge, das Kind ist glücklich und wir haben unsere Ruhe. Nach einer ausgiebigen Dusche geht’s mit Chris und Elanye noch ins Restaurant und danach sind wir so platt, dass alle nur noch ins Bett wollen …!

DCIM100MEDIA

Fair winds und bis bald,

eure Wetterfrösche von der Auriga

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Regen, Regen, nix als Regen …. oder neulich in Panama City

Montagmorgen ist der Himmel zwar bedeckt, aber wir wollen trotzdem von Linton Bay aus weiter. Kaum eine Stunde unterwegs, befinden wir uns mal wieder in einem “isolated thunderstorm“ mit viel, wahnsinnig viel Regen, aber nur wenig Wind – war ja klar, es ist schließlich auch der 13. und keiner hat´s gemerkt. Und weil der 13. einfach Unglück bringt, verfolgt uns die Schlechtwetterfront die nächsten 30 nm bis nach Chichime. In strömendem Regen laufen wir den völlig überfüllten Ankerplatz an. Wir zählen inklusive der SY Samantha und der SY Auriga über 20 Boote. Trotzdem finden wir noch eine einigermaßen große Lücke und lassen unseren Anker in 12 Meter Tiefe fallen. Obwohl es bereits später Nachmittag ist, laufen noch zwei weitere Schiffe den gut geschützten Ankerplatz vor Chichime an und jetzt wird es wirklich langsam eng! Eine der beiden Jachten legt ein echt sportliches Ankermanöver hin. Bei voller Fahrt und Rückenwind wird der Anker einfach ins Wasser geschmissen. Die Ankerkette kratzt am Rumpf, die Winsch ächzt und die Mannschaft wartet bis sich das Boot langsam in den Wind dreht – sehr interessant, aber es scheint zu funktionieren.

Die nächsten beiden Tage und Nächte zieht ein gewaltiges Unwetter über die San Blas Inseln. Es regnet fast die ganze Zeit. Wir spannen eine Abdeckplane über unser Boot und können so wenigstens eine Decksluke fast die ganze Zeit auflassen, ohne dass unser Boot volll läuft und haben so immer eine frische Brise im Salon. Nach der ersten Nacht erwache ich zufällig im Morgengrauen und entdecke zu meinem Entsetzen, dass die benachbarte Yacht langsam aber sicher auf Tuchfühlung mit unserem Heck geht. Ich klettere auf die Badeplattform und gebe dem anderen Boot einen beherzten Schubs. Kurz darauf erscheint die italienische Besatzung, schmeißt den Motor an und bringt das Schiff wieder in Position. Im Laufe des Tages nimmt der Wind auf etwas über 20 Knoten zu und es kommt Bewegung in die Ankergemeinde. Mehrere Anker brechen aus, Boote gehen auf Kollisionskurs, Motoren werden hektisch gestartet und neue Ankerplätze gesucht. Das nachmittägliche Treiben ist auf alle Fälle sehr spannend und kurzweilig, vor allem weil auch unsere italienischen Nachbarn wieder auf Kuschelkurs mit uns gehen. Als der Wind etwas nachlässt beschließt der Nachbar-Skipper glücklicherweise einen neuen Ankerplatz für sein Boot zu suchen. Natürlich hat sich seine Kette um unsere gewickelt, aber mit vielen Fendern und einem wirklich gekonnten Manöver kann er sich befreien und liegt nach einigen Ankerversuchen in ausreichendem Abstand zu uns!

Am dritten Tag vor Chichime lässt sich endlich die Sonne wieder blicken und die Gewitterfront ist nach Osten abgezogen. Antje und ich lassen uns von Felix auf die Insel bringen und machen einen kleinen Spaziergang. Auf der Insel befinden sich mehrere mietbare Hütten und ein kleiner Kiosk. Auf gut angelegten Wegen kann man die kleine Insel erkunden. Zu unserer Überraschnung ist weit und breit kein Müll zu sehen. Überall sind Mülleimer aufgestellt, die ganze Insel ist wirklich sehr gepflegt – wir sind echt positiv überrascht! Am nächsten Tag wollen wir nochmal zusammen mit der SY Samantha die Insel besuchen, allerdings kommen uns mehrere gut genährte Langusten am Vormittag in die Quere. Während Alex, Antje und Birger die Insel besuchen, widmen sich Felix und ich den Langusten. Die fangfrischen Krustentiere werden in kochendem Wasser getötet und anschließend fachgerecht zerlegt. Am Abend werden die Leckerbissen gratiniert und mit Salat und frischem Brot verspeist – ein echtes Festmahl! Obwohl wir beim anschließenden Kartenspielen von Birger regelrecht abgezockt werden, ist es doch ein sehr kurzweiliger Abend.

Eigentlich war ja geplant am nächsten Tag auf die Lemon Cays weiter zu fahren, aber daraus wird leider nichts, weil ich seit vier Tagen unklares Fieber habe und in Panama City ein Krankenhaus aufsuchen möchte. Wir beschließen deshalb uns nach Süden auf die Carti Islands zu verlegen, weil hier die einzige Straße, die in die autonomen Kunagebiete führt, endet. Nach einer gemütlichen zweistündigen Motorfahrt sehen wir einen langen Strand mit mehreren Stegen. Von hier aus werden die San Blas Inseln mit Lebensmitteln, Treibstoff, Medizin und anderen Gütern versorgt. Wir ankern um die Ecke vor Nomolulu und machen uns am Nachmittag zu den Anlegern auf. Hier können wir ein Taxi nach Panama City für den nächsten Tag organisieren und nach gebratenem Reis mit Hühnchen im örtlichen Restaurant geht es zurück auf´s Boot. Die SY Samantha konnte sich noch nicht von Chichime losreißen und wird am nächsten Tag zu uns stoßen.

Montagmorgen bringen mich Felix und Antje um 08:00 Uhr morgens an Land und ich mache mich nach Panama City auf. Eine Stunde später sitze ich im Taxi und lasse mich ins „Centro Medical Piatilla“ in die Stadt fahren. Die Fahrt ist ein echtes Erlebnis! Zunächst geht es ca. zwei Stunden durch die unberührte Regenwaldlandschaft der San Blas Hills. Links und rechts der Straße befindet sich undurchdringlicher Dschungel. Hier sagen sich Faultier und Jaguar gute Nacht! Nach ca. 30 km erreichen wir das Ende des autonomen Kunagebietes „Kuna Yala“. Hier befindet sich mitten im Nirgendwo eine Grenzstation (Sandsackstellung) des panamaischen Militärs, die Soldaten sind schwer bewaffnet und alle werden kontrolliert. Anschließend wird die Straße langsam besser und in der Ferne ist die Skyline von Panama City langsam zu erkennen. Kurz vor Mittag setzt mich der Fahrer vor dem Krankenhaus ab. Eine Rückfahrmöglichkeit gibt es heute nicht mehr, ich soll mich bis 18 Uhr bei der Taxiagentur melden und mich am nächsten Tag vom Hotel aus abholen lassen – Okay, kein Problem. Erstmal ins Krankenhaus, danach ein Hotel organisieren und vielleicht noch ein bischen Sightseeing im Bankenviertel, so ist jedenfalls mein Plan.

Mit meinem Wörterbuch „Spanish for Cruisers“ bewaffnet betrete ich das Centro Medical und frage micht zur Notaufnahme durch. An der Rezeption stößt meine auf englisch vorgebrachte Bitte nach Behandlung nur auf Achselzucken. Aus der Ambulanz wird eine englisch sprechende Krankenschwester herausgezerrt und ich erkläre mein Anliegen. Alles kein Problem, aber erstmal zur Anmeldung. Drei Schalter später, ich habe ein Kreditkartendeposit von 300 US hinterlegt, kann ich in den Wartesaal. Glücklicherweise ist nicht gerade die Hölle los. Ein junger Mann, der kurz vor mir „eincheckte“, wird nach 20 Minuten aufgerufen – super dann ist ja vielleicht alles schnell erledigt. Zwei Stunden später, ich warte immer noch, werde ich langsam ungeduldig. Mittlerweile ist im Wartesaal ein fröhliches Kommen und Gehen, allerdings werde ich das Gefühl nicht los vergessen worden zu sein. Ich passe eine Verwaltungsangestellte ab und gebe ihr zu verstehen, dass ich bereits seit zwei Stunden auf einen Arzt warte. Sie schlappt in die Ambulanz, ein Pfleger kommt auf mich zu – No Problemo, you are the next one!

Weitere zwei Stunden später, es ist bereits 16 Uhr, kommt der junge Mann, der gleichzeitig mit mir eingetroffen ist, aus der Notaufnahme! Jetzt bin ich echt sauer, ich koche förmlich – Scheiß Laden! Kurzentschlossen entere ich die Notaufnahme und texte die erste Angestellte, die ich sehe, auf english zu und äußere deutlich meinen Unmut über die mittlerweile vierstündige Wartezeit. Die versteht natürlich nix, aber eine Kollegin kommt angesprungen und möchte den Grund meines Besuchs erfahren. Ich erkläre mein Anliegen zum achten Mal an diesem Tag. Wie denn mein Name sei. Ich sage ihn ihr – allerdings erntet sie auf Nachfrage beim Personal nur Kopfschütteln – Höppler, nie gehört! Mir entgleisen jetzt ganz offensichtlich die Gesichtszüge und ich strafe die anwesenden Ärzte und Schwestern mit dem maximal möglichen bösen Blick! Nach einer kurzen Diskussion lasse ich mich erneut vertrösten. Oh, sorry, no problemo, you are the next one!

Um 17:30 Uhr, ich warte immer noch, bin aber mittlerweile im Zugzwang. Ich brauche ein Hotel, sonst komme ich am nächsten Tag nicht zurück nach Carti. Völlig entnervt verlasse ich die Klinik ohne Behandlung – vielen Dank liebes Centro Medical Piatilla für deine professionelle Hilfe, dann mach ich´s halt doch selber – und checke im Hotel gegenüber ein. Der Rezeptionist ist so freundlich, für mich die Taxiagentur anzurufen und meine Abholung am nächsten Tag um 05 Uhr in der Früh klar zu machen. Wenigstens etwas! Völlig untypisch für mich habe ich mich intuitiv in einen richtigen Luxusschuppen eingemietet. Auf meinem Zimmer lese ich im Hotelprospekt, dass ich mich im erst 2016 eröffneten “Las Americas Golden Tower Hotel“, 5 Sterne, direkt gegenüber des sehr renommierten „Centro Medical Piatilla“ befinde. Als ich das lese, möchte ich am liebsten auf den Boden kotzen! Nach einer heißen Dusche, im Wartesaal hatte es ca. 18° C., gehe ich noch etwas essen und danach ziemlich schnell ins Bett – Was für ein Scheißtag!

Dienstagmorgen, 5 Uhr, das im Übernachtungspreis inbegriffene Frühstücksbuffet startet natürlich erst um 06 Uhr – ich warte vor dem Hotel auf mein Taxi. Eine dreiviertel Stunde später sitze ich im Auto und mache bei Sonnenaufgang eine kleine Stadtrundfahrt durch Panama City. Der Fahrer liest noch sechs weitere Passagiere auf und dann sind wir komplett. „Haben Sie ihren Reisepass dabei?“ Als ich die Frage verneine ist der Fahrer etwas irritiert. Wie? Was? Warum? Ich erkläre ihm, dass ich auf einem Boot lebe, seit ca. acht Wochen in Panama bin und bereits in Colon alle Formalitäten erledigt wurden. No, no, no, si, si, si! Er führt mehrere Telefonate und scheint anschließend zufrieden zu sein. Wir machen noch eine Frühstückspause im Supermarkt und dann geht es zurück nach Kuna Yala. Nach ca. zwei Stunden erreichen wir wieder den Grenzposten und jetzt wird es richtig schwierig, weil ich nur meinen Personalausweis, Adresse – aktuell kein Wohnort in Deutschland – dabei habe. Die Grenzsoldaten sind offensichtlich überfordert. Wo denn mein Reisepass sei? Der liegt auf dem Boot! Welches Boot? Ich erkläre die Situation so einfach wie möglich. Un Barco, Immigration Colon – Aha!? Nach einer zehnminütigen Diskussion darf ich schließlich nach Kuna Yala in Panama einreisen! Weitere 90 Minuten später bin ich in Carti und meine beiden Süßen erwarten mich bereits. Nachdem ich die Ereignisse der letzten 24 Stunden zum besten gebe, völlig sinnlos 200 US ausgegeben habe, konferieren wir mit der SY Samantha und verlegen uns kurz darauf nach Carti Sugdup, da wir uns hier noch mit frischen Lebensmitteln eindecken wollen, bevor es auf die Lemon Cays weiter geht …

Fair Winds und bis bald,

eure Regenmacher von der Auriga

Zurück zu den Pelikanen

Sonntag ist es dann so weit, wir brechen auf, haha – Natürlich nicht! Wir haben zwar stets einen guten Plan, aber häufig scheitert es an der Umsetzung. Irgendwie kommt immer irgendwas dazwischen. Am Freitag oder einem 13. auslaufen bringt Unglück, das Wetter passt nicht, Kapitän oder Crew haben ein schlechtes Gefühl, die Wellen sind zu hoch, das Marinabüro ist geschlossen, es regnet, über Nacht ist das Klo übergelaufen, schlechtes „Chuchu“ und, und, und! Unter Berücksichtung all dieser harten Fakten, die ein mögliches Auslaufen verhindern können, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir es in „nur“ zwei Jahren bis nach Panama geschafft haben.

In der Nacht auf Sonntag meldet sich mein Zahn, oder besser gesagt was davon übrig ist, wieder. Da montags unglücklicherweise auch noch Feiertag ist, kann ich erst am Dienstag wieder bei meinem Kollegen vorstellig werden. Die nächsten beiden Tage ist also wieder aggressive Schonung angesagt und am Dienstag breche ich mal wieder Richtung Caribian Dental Clinic auf. Irgendwie komme ich mir vor, wie bei „Dinner for One“, same procedure as every Tuesday captain …! Allerdings hat sich der Besuch gelohnt, da Dr. Juan mir zwei kleine Wurzelreste aus dem Kiefer entfernen kann. In der anschließenden Röntgenkontrolle sieht alles gut aus und ich darf nach einer kostenlosen Behandlung wieder abdampfen. Diesmal habe ich ein gutes Gefühl, die Schmerzen sind sofort deutlich weniger. Wir verbringen noch einen ruhigen Nachmittag und verlassen planmäßig nach beinahe vier Wochen – eigentlich wollten wir nur eine Woche bleiben – am Mittwochvormittag die Shelter Bay Marina bei Sonnenschein und leichtem Segelwind, also optimalen Bedingungen.

Nach einer fünfstündigen, ereignislosen Überfahrt, erreichen wir am Nachmittag die Linton Bay. Ein unspektakuläres Ankermanöver später ist es geschafft und die ersten dreißig Seemeilen liegen hinter uns. Zu unserer großen Freunde werden wir hier sofort von unseren geliebten Pelikanen begrüßt. Seit den ABC-Inseln begleiten die stattlichen Wasservögel unsere Reise und haben die sonst allgegegenwärtigen Möven abgelöst. Obwohl sie mit ihren langen Schnäbeln und dem nach hinten gezogenen Kopf immer etwas beleidigt aussehen, sind sie uns doch an Herz gewachsen. Immer wieder beobachte ich mit Begeisterung ihre waghalsigen Sturzflüge beim Jagen oder ihre beinahe schon militärisch wirkenden Formationsflüge. Außerdem sehen sie einfach super witzig aus!

Mittlerweile haben wir auch den Höhepunkt der Regenzeit in Mittelamerika erreicht. Kaum eine Nacht vergeht ohne Gewitter oder heftige Regenschauer. Immerhin ist es zumindest tagsüber relativ trocken, dafür aber wahnsinnig schwül. Während der ersten Nacht in der Linton Bay geht es dann auch gleich richtig ab. Sintflutartige Schauer halten uns die halbe Nacht auf Trab. Unglücklicherweise müssen wir dann alle Luken dichtmachen und schon nach kurzer Zeit wird es ziemlich warm und muffig in unserem Salon, ich vermisse die Klimaanlage schon jetzt. Allerdings sorgt nicht nur das Wetter für eine abwechslungsreiche Nacht. Zwischen den einzelnen Schauern bekommen wir tierischen Besuch. Fledermäuse entern über den Niedergang unseren Salon und machen sich an einer herumhängenden Papaya zu schaffen. So geht’s natürlich nicht, da könnte ja jeder kommen und sich an unserem Frischobstvorrat vergreifen. Ich montiere mitten in der Nacht das Fliegengitter, die Fledermäuse knallen noch ein, zwei Mal dagegen und dann ist Ruhe. Das Schmuddelwetter – mittlerweile Dauerregen – hält den ganzen Tag an und so ist an eine Weiterfahrt natürlich nicht zu denken, dafür wird unsere Auriga aber mal wieder richtig geduscht und der allgegenwärtige Salzbelag gründlich von Deck und aus den Segeln gewaschen.

Am Tag darauf sieht das Wetter deutlich besser aus. Nach dem morgendlichen Regenschauer klart es zügig auf. Wir beraten uns kurz mit der SY Samantha und klaren unsere Boote auf. Als wir den Motor anlassen wollen, macht es Klack und nichts passiert! Wie jetzt? Zweiter Versuch – Klack und wieder nichts. Ich kontrolliere alle Kontakte, nichts ist locker. Vielleicht sind ja die Batterien zu leer. Kein Problem, jetzt kommt unser mobiler 900 Watt Generator zum Einsatz. Kurz mal die Backskiste ausgeräumt, Generator raus, wie war das nochmal? Jaja, ich erinnere mich: Entlüftung auf, Shock rein, Zündung ein und Motor mittels Seilzug starten. Alles passt, aber nichts passiert. 10 Startversuche später, ich schwitze schon wieder wie ein Schwein, aber der Generator läuft immer noch nicht! Hmmm, erstmal eine rauchen und nachdenken! Haha, kein Benzin drin – der Klassiker, ich werde rot und schäme mich. Der Generator wird betankt und springt danach sofort an. Über unseren Landstromanschluss laden wir die Batterien. Nach einer Stunde nächster Versuch. Vorglühen, Schlüssel umdrehen … Klack – Mist! Ich funke die SY Samantha an und bitte Birger um Hilfe. Allerdings hat Antje mittlerweile das Problem erkannt! Der Anlasser ist kaputt! Birger kommt nach einer kurzen Inspektion zum gleichen Ergebnis.

Wir bauen gemeinsam den Anlasser aus, testen ihn und dann ist es klar: Der Elektromotor des Anlassers streikt – Scheiße! Jetzt ist guter Rat teuer. Am Nachmittag packe ich das Teil ein und wir motoren zur nahegelegenen Marina. Der einzige Elektriker ist allerdings nicht da und wir keinen Schritt weiter. Also beschließen Birger und ich am Samstag mit dem Bus nach Colon zu fahren, um einen neuen Anlasser zu besorgen. Übrigens vielen Dank für deine Hilfe und Anteilnahme, mein Freund! Pünktlich um kurz vor acht stehen wir hoch motiviert an der Straße und warten und warten … 90 Minuten später besteigen wir einen der typischen panamaischen Busse, einen alten ausgemusterten amerikanischen Schulbus. Beinfreiheit wie im Touristenbomber! Ist halt einfach doch für Kinder gebaut worden. Im Inneren dröhnt die Musik so laut, dass mir die Ohren schmerzen, aber wir sind unterwegs! Allerdings erstmal in die falsche Richtung! Okay, auch schon Wurst, Hauptsache wir können sitzen und müssen nicht mehr in der Sonne rumstehen. Nach einer durchaus abwechslungsreichen Fahrt durch Dschungel- und Agrarlandschaften erreichen wir zwei Stunden später, gut durchgeschüttelt, die „Quatro Alto Mall“ in Colon – wieder mal!

Guten Mutes betreten wir den ersten LKW-Shop. Nee, sowas haben wir nicht, sorry! Aber ein Stück weiter gibt’s noch einen anderen Laden, da vielleicht. Okay, nächster Versuch. Nein, bei uns leider auch nicht, aber der Inhaber kennt einen Kolumbianer der sowas reparieren könnte, vielleicht jedenfalls oder so. Einfach die Straße lang bis zur nächsten Tankstelle, da steht ein Container mit dem Kolumbianer drin. Okay, hört sich allerdings nicht so vielversprechend an. Wir beschließen zum Millenium Plaza zu fahren, weil es da auch noch einen Ersatzteilladen gibt. Zehn Minuten später, wir stehen vor dem Shop – Samstags geschlossen! Mist! Meine Laune geht langsam gegen Null! Ich sehe uns schon wochenlang vor Anker in der Linton Bay liegen und auf einen neuen Anlasser warten. Sollte ich jemals ein anderes Boot besitzen, werde ich es „Looking for parts“ oder „Waiting for something“ nennen. Birger und ich beraten uns kurz. Was wir jetzt brauchen ist ein Taxifahrer, der englisch spricht. Kurze Zeit später finden wir einen, wir erläutern unser Problem und unser Fahrer meint einen weiteren Ersatzteilladen zu kennen. Wir fahren an der Mall vorbei, sehen die besagte Tankstelle und den Container mit der Aufschrift: Electromecanica! Spontan beschließen wir auszusteigen und es doch hier zu probieren. In der „La Casa del Arranque“, treffen wir auf unseren Helden des Tages. Mit gebrochenem Spanisch, Händen und Füßen erklären wir das Problem und ernten verständnisvolles Nicken. 10 Minuten später ist der Elektromotor zerlegt und das Problem erkannt, ein Kurzschluss! Natürlich ist alles kein Problem, Kostenpunkt 70 US, wir sollen in einer Stunde wiederkommen, dann ist alles fertig. Ich kann mein Glück schier nicht fassen! Keine weitere Suche, keine lange Wartezeit, kein manana! In einer Stunde ist alles fertig, einfach so – der Hammer!

Entspannt schlendern wir zur Mall zurück und vertreiben uns die Zeit mit einer Pizza. Dann geht’s zurück, nach einer kurzen Demonstration der Funktionsfähigkeit schließe ich den Anlasser glücklich in die Arme. Ich bezahle und bedanke mich überschwenglich. Muchas, muchas gracias und verspreche, seine Visitenkarte in der Shelter Bay Marina auszuhängen. Manchmal kann es auch einfach gut laufen. Wir kaufen noch ein und lassen uns mit dem Taxi in die 60 km entfernte Linton Bay zurückfahren. Um 17 Uhr sind wir wieder auf unseren Booten und ich berichte der Crew bei einem entspannten Sundowner von den Ereignisse des Tages. Am nächsten Tag baut Birger mit meiner Hilfe den Anlasser wieder ein, wir machen eine kurze meditative Pause und … unser Ferryman springt widerstandslos an und läuft! Nach so viel Stress haben wir uns eine Belohnung verdient und gehen deshalb am Abend zum Essen an Land. In der Abenddämmerung lassen wir uns in der Casa X Fisch und Gulasch schmecken und verbringen einen kurzweiligen Abend zusammen mit der SY Samantha. Damit steht der Weiterfahrt am Montag nichts mehr im Weg, außer natürlich wenn ….

Fair winds und bis bald,

eure Electromecanicos von der Auriga

Schmerzhafte Zwangspause

 

Nach unserem Behördenmarathon wird am Samstag nochmal kräftig eingekauft, schließlich soll es am Sonntag wieder auf die San Blas Inseln zurückgehen. Allerdings hat am Sonntagmorgen keiner so richtig Bock, wir fühlen uns immer noch zu ausgelaugt. Die Ereignisse der letzten Tage waren einfach zu viel! Wir beraten uns mit der SY Samantha und beschließen, am Montag Nachmittag abzulegen und die 70 Seemeilen bis zu den Lemon Cays in einer entspannten Nachtfahrt zurückzulegen. Beide Crews genießen einen lazy Sunday. Am Abend checken wir nochmal das Wetter. Allerdings sind die Vorhersagen ziemlich unsympathisch: Für Dienstag und Mittwoch ist mal wieder Sturm angesagt – Okay. Wir konferieren erneut mit Birger und Alex, dann geht es halt am Freitag los, ist auch recht. Mir persönlich kommt der Aufschub eigentlich sogar ganz gelegen, weil sich im Laufe des Sonntags langsam aber sicher Zahnschmerzen bei mir einstellen – Autsch! Montagmorgen beginne ich nach Zahnärzten zu recherchieren und finde die Caribian Dental Clinic in Colon. Die Kollegin, Dra. Ida Herrera, soll fließend englisch sprechen und ist deshalb meine Favoritin! Im Laufe des Vormittags organisiere ich ein Taxi und werde in der Praxis vorstellig. Ohne wesentliche Wartezeit komme ich sofort dran. Nach dem Röntgen ist klar, der bereits wurzelbehandelte Backenzahn möchte nicht mehr bei mir wohnen und muss raus. Eine Stunde später verlasse ich mit dicker Backe die Praxis und bin um einen Zahn erleichtert – er war wie ein Haustier für mich, schniff!

 

Bis zum Freitag haben wir dadurch ausreichend Zeit, um den Dschungel zu erforschen. Die Marina liegt praktisch direkt im Regenwald. Sobald man das Gelände nur ein paar Schritte verlässt, steht man vor einer undurchdringlichen Wand aus Farnen, Elefantengras, Bananenstauden, unterschiedlichen Palmen und tropischen Bäumen. In diesem Dickicht ist absolut kein Durchkommen möglich! Glücklicherweise gibt es zwei, drei Trampelpfade, auf denen sich der Dschungel erkunden lässt. Sobald man nur ein paar Meter gelaufen ist, befindet man sich in der Wildnis! Obwohl man die Geräusche der nahen Marinawerft hören kann, ist diese bereits hinter einem Vorhang aus unterschiedlichen Grüntönen verschwunden. Licht fällt nur spärlich durch das dichte Blätterdach. Die modrig-moosige Luft, das feuchtwarme Klima, das laute Geschrei der Brüllaffen und der Halbschatten runden die Szenerie perfekt ab – so habe ich mir den Dschungel immer vorgestellt! Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis und das alles gleich um die Ecke und für umme.

 

Jetzt muss man nur noch ruhig sein und warten, bis irgendetwas im Gebüsch oder in den Bäumen raschelt. Am einfachsten sind die Panama-Kapuzineräffchen in den riesigen Wedeln der Dattelpalmen zu entdecken. In kleinen Gruppen hüpfen sie auf der Suche nach Essbarem von einem Baum zum nächsten oder hängen träge auf einem Ast herum und lausen sich. In den nächsten Tagen laufen uns immer wieder Nasenbären über den Weg. Die kleinen, braunen Bodenbewohner sind allerdings sehr scheu und sobald sie uns entdecken sind sie auch schon wieder weg. Wir können die beeindruckenden Tukane und viele andere tropische Vögel beobachten. Riesige Kolonien von Blattschneideameisen wuseln am Boden herum. Auf einer unserer letzten Dschungeltouren bekommen wir endlich auch die omnipräsenten Brüllaffen zu sehen. Wir können sie zwar jeden Tag mehrmals hören, aber gesehen haben wir sie bisher nicht. Obwohl wir zwar immer mit Kamera bewaffnet unterwegs sind, ist es ganz schön schwierig, die Tiere auch zu fotografieren. Vor allem die bunte Färbung der Vögel vor den unterschiedlichen Grüntönen der Pflanzen überfordert den Autofokus doch hin und wieder, aber Antje sind trotz aller Schwierigkeiten viele schöne Aufnahmen gelungen, oder? Eben!

 

Am Freitag machen wir uns langsam für´s Auslaufen klar. Allerdings zeigen sich am frühen Nachmittag bereits wieder große dunkle Gewitterwolken über uns. In einem spontanen Meeting beschließen wir, nicht ins anstehende Unwetter zu segeln und wollen bis zum nächsten Tag warten. Ich bin mal wieder nicht richtig unglücklich, weil bei mir die Schmerzen an der Extraktionsstelle wieder deutlich zunehmen. Alex, ihres Zeichens gelernte Zahntechnikerin, begutachtet die Wunde, kann aber bis auf eine Gaumenschwellung nichts Ungewöhnliches feststellen – Vielen Dank für deine Hilfe Alex! Samstag und Sonntag brauche ich so viel Schmerzmittel, dass meine Erinnerung ans Wochenende eher lückenhaft sind – Autsch! Ich bin mir allerdings ganz sicher, dass wir Alex Geburtstag am Sonntag richtig wild gefeiert haben – hoffentlich! Vorsichtshalber nochmal nachträglich alles Gute zum Geburtstag, liebe Alex! Damit steht am Montag der nächste Zahnarztbesuch an. Mittlerweile habe ich auch einen Leidensgenossen bekommen. Bei einem benachbarten Segler hat sich eine Zahnfüllung verabschiedet und er will mich deshalb begleiten. Wir nehmen den Bus nach Colon, schnappen uns anschließend ein Taxi und stehen um zehn Uhr vor der Praxis – Die ist allerdings geschlossen!?! Ach, nee, wirklich! Der Wachmann vom Casa Torre Esmeralda, in dem sich die Praxis befindet, erklärt uns, dass die Praxis erst wieder am Dienstag geöffnet ist. Okay, immerhin etwas.

 

Dienstag kurz vor acht Uhr, wir sitzen wieder im Bus und erfahren, dass die Zahnärztin im Urlaub und heute nur ein Vertreter anwesend ist, der allerdings nur nach Terminvereinbarung behandelt – wie? Echt jetzt! Wir verlassen etwas deprimiert den Bus, warten bis das Marinebüro um neun Uhr aufmacht und bitten einen der Angestellten einen Termin für uns auszumachen, weil die Sprechstundenhilfe an der Rezeption nur spanisch spricht. Alles klar, wir können gegen elf Uhr kommen! Punkt elf Uhr stehen wir wieder vor der Praxis. Weil bei Ken nur eine Füllung zu machen ist, lasse ich ihm den Vortritt. Knapp zwei Stunden und eine Wurzelbehandlung später – armer Tropf – bin ich dran. Mit gemischten Gefühlen lege ich mich auf den Behandlungstuhl. Die Extraktionsstelle wird untersucht, Oberkiefernekrose – Scheiße! Die anschließende Behandlung dauert dafür nur 10 Minuten und wir können wieder abdampfen. Glücklicherweise war die Behandlung erfolgreich und nach fünf Tagen aggressiver, körperlicher Schonung und guter Pflege, werden wir am Sonntag ablegen und Richtung San Blas Inseln aufbrechen…

 

Fair winds und bis bald,

eure Zahnfee von der Auriga

Behördenmarathon in Colon

Da es von Porvenir bis Colon über 60 Seemeilen sind, entschließen wir uns für einen Zwischenstopp vor der Isla Linton. Bereits kurz nach Sonnenaufgang verlassen wir unseren Ankerplatz und motoren bei trübem Wetter nach Westen – Die SY Samantha voraus und wir hinterher. Obwohl wir anfangs versuchen zu segeln, schläft der Wind nach etwa 20 Minuten mal wieder völlig ein. Zehn Seemeilen vor unserem Ziel wird die SY Samantha plötzlich merklich langsamer. Als wir aufschließen sehen wir, dass ihr Dinghi, das sie hinter sich herziehen, beinahe bis zum Rand voll Wasser ist. Wir informieren unsere Freunde und stehen ihnen in angemessenem Abstand bei, während sie ihr Beiboot ausschöpfen. Nach 30 Minuten kann es weitergehen und eine Stunde später erreichen wir die Linton Bay. Hier ist ganz schön was los! Mindestens 40 Boote liegen vor Anker. Wir suchen uns ein freies Plätzchen und lassen unseren Anker ebenfalls fallen. Die Isla Linton ist nur einen Steinwurf vom Festland entfernt, entsprechend ist die Luftfeuchtigkeit deutlich höher als im San Blas Archipel. Die Ankerbucht ist von tropischem Regenwald mit seinen herrlichen Grüntönen und Geräuschen umgeben. Nach einem gemeinsamen Abend gehen wir früh schlafen. Wir haben zwar nicht viel gemacht, aber das stundenlange Herumgemotore ist doch irgendwie nervig und anstrengend.

Wir erwachen am nächsten Morgen vom Geschrei der Brüllaffen. Offensichtlich regen sie sich – wie wir – über das Nieselprimelwetter auf. Da es beinahe den ganzen Vormittag regnet, beschließen wir noch eine Nacht hier zu verbringen. Felix ist darüber „not amused“, weil er einen weiteren Tag auf´s angekündigte Internet in der Shelter Bay Marina verzichten muss. Da sich nur unweit von unserem Ankerplatz eine neue Marina befindet, machen wir kurzerhand einen Ausflug, um das Kind abzulenken. Wir finden eine Tankstelle mit Shop und versorgen das Balg mit Cola, während wir uns mit Balboa Oktoberfestbier eindecken! Nachmittags wollen wir mit dem Dinghi in die nächste Bucht zur Panamarina, hier solle es exzellente Steaks geben. Zusammen mit Alex und Birger machen wir uns auf. Laut unserem Törnführer gibt es zwischen den beiden Buchten einen Kanal durch die Mangroven. Nach einigem Suchen finden wir die Einfahrt und erreichen durch einen Mangroventunnel die nächste Bucht. Auch unser Dinghikapitän ist völlig begeistert, als wir uns im Slalomkurs unter dem Dach der Mangroven der Panamarina nähern. Beim Anlanden rammen wir im trüben Wasser mehrere Korallenköpfe, aber dank unseres Aluminiumbodens ist alles kein Problem. Im beinahe völlig leeren Hotelrestaurant gibt es zwar keine Steaks, aber der Fisch mit Reis ist auch nicht schlecht!

Am Tag darauf ist das Wetter nur geringfügig besser, aber wir wollen auf alle Fälle weiter. Nach einer kurzen Konferenz mit der Samantha ist es beschlossene Sache und eine halbe Stunde später sind wir unterwegs. Nächstes Ziel ist die Shelter Bay Marina in Colon. Hier befindet sich der atlantikseitige Zugang zum Panamakanal. Etwa zehn Seemeilen vor der Einfahrt in den Puerto de Cristobal mit seinen riesigen Wellenbrechern sehen wir die ersten Ozeanriesen auf Reede liegen. Wir melden uns bei Cristobal Portcontroll, der Hafenbehörde an und dürfen in die gewaltige Hafenanlage einfahren. Ich glaube nur hier oder in Panama City auf der Pazifikseite kann man so viele Schiffe der Panamax- und Postpanamaxklasse auf einmal sehen. Der Schiffsverkehr ist ziemlich unübersichtlich und auf unserem AIS ist ganz schön was los! Wir müssen gut aufpassen, damit uns die riesigen Fracht- und Containerschiffe nicht als Fender missbrauchen! Aber alles geht gut und wir erreichen die Marina unbeschadet. Nach einem unspektakulären Anlegemanöver können wir gerade noch vor Büroschluss im Marinaoffice einchecken und für Felix den ersehnten Internetzugang organisieren. Wir bekommen noch eine Informationsbroschüre über die Einklarierungsmodalitäten in Panama in die Hand gedrückt und dann verabschieden sich die Marinaangestellten ins Wochenende. Auf dem Rückweg zum Boot treffen wir noch Nick und Isabell von der SY Mango, die wir bereits in Santa Marta kennengelernt haben, tauschen Nachrichten über die letzten drei Monate aus und lassen uns über die Aktivitäten der hiesigen Seglercommunity informieren. Sehr nettes Wiedersehen mit den Thüringern! Zurück an Bord wird als nächstes unsere Klimaanlage installiert und in Betrieb genohmen – Gott, wie habe ich sie vermisst!

Da die Capitaneria in der Marina am Wochenende nicht besetzt ist, müssen wir am nächsten Tag zur Capitaneria Cristobal in Colon – Okay, kein Problem, schließlich gibt es zweimal täglich einen kostenlosen Bus, der uns in die Stadt bringt. Am Samstag geht’s um kurz vor acht Uhr los. Während Antje in der schwül-warmen Morgenluft (90% Luftfeuchtigkeit, 28° C.) ein luftiges Outfit zum Shoppen tragen kann, gibt es für Birger und mich eine ganz klare Kleiderordnung. Hemd, lange Hose und geschlossene Schuhe sind ein absolutes „Muss“, um als Mann in eine panamaische Behörde eingelassen zu werden. Alleine der Weg bis zum Bus treibt mir schon den Schweiß auf die Stirn und in die Schuhe. Glücklicherweise ist der Bus klimatisiert. Die Fahrt nach Colon ist zwar nicht weit, aber dafür muss jedes Mal der Panamakanal überquert werden. Mit einer Brücke kein Problem, aber die wird gerade noch gebaut und voraussichtlich erst 2019 eröffnet! Vor neun Uhr kann der Bus direkt über die Schleusenanlage fahren, später nur noch via Fähre ans andere Ufer. Für die gerade mal 20 km lange Fahrt benötigen wir eine knappe Stunde. Antje steigt an der „Quatro Alto Shopping Mall“ vor den Toren Colons aus, während wir zwei Stationen weiter in die Stadt fahren. Colon präsentiert sich bereits hier von seiner einzigen Seite: schlechte Straßen, vergammelte Häuser, dunkle Seitenstraßen, Dreck und Müll wohin das Auge blickt. Wir sehen auf der ganzen Fahrt kein einziges schönes oder intaktes Gebäude. Grünflächen – völlige Fehlanzeige! Colon ist bestimmt die versiffteste Stadt in ganz Lateinamerika, ein einziges widerliches, baufälliges Dreckloch!

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Die Capitaneria Cristobal macht auch keinen besseren Eindruck, übrigens liebe Panamaer, da ändern auch die zig Nationalflaggen an der Fassade nichts dran. Da wir der Kleiderordnung entsprechen, erhalten wir Einlass in die Behörde. Wir sollen in den zweiten Stock. Hier finden wir allerdings nur menschenleere Flure. Wir stehen ein bisschen ratlos herum, als sich doch plötzlich eine Bürotüre öffnet und wir unser Anliegen erklären können. Wir dürfen eintreten und nach mehreren Telefonaten mit seinem Chef erklärt uns der Mitarbeiter der Capitaneria, dass wir uns hier anmelden können, aber für den normalerweise kostenlosen Vorgang 20 US bezahlen müssem, da er die Arbeit des Mitarbeiters in der Shelter Bay übernehmen muss und außerdem Wochenende ist. Okay, 20 US geht ja noch. Nach 90 Minuten haben wir es geschafft! Das ungelogen 60 cm lange Formular mit insgesamt sechs Durchschlägen ist ausgefüllt, gestempelt und die jeweils 20 US werden vor unseren Augen gemeinsam mit unseren mitgebrachten Kopien (Ausweise der Crew, Crewliste, Bootspapiere, ZARPE aus Kolumbien) an den Durchschlag für den Port Capitan geheftet. Ein Quittung bekommen wir natürlich nicht, weil der Quittungsblock nicht zugänglich ist, aber nach dem Wochenende könnten wir eine bekommen – hahaha, sehr interessante Geschichte! So weit, so gut. Wir erkundigen uns noch nach der Einwanderungsbehörde und der wirklich freundliche Mitarbeiter der Capitaneria erklärt uns den Weg – ist nur ein paar Blocks weiter im Industriehafen.

038_Behördenmarathon (39)

Zehn Minuten später am Kontrollpunkt tragen wir unser Einreisebegehr vor, die Beamten sprechen natürlich alle nur spanisch, aber scheinen unser Anliegen richtig zu interpretieren. Mehrere Telefonate werden geführt und ein Beamter der Immigration erscheint am Tor. Wir erklären in gebrochenem Spanisch unseren Wunsch nach legaler Einreise, ernten aber nur Kopfschütteln. Offensichtlich ist der Beamte nicht für uns zuständig. Wir sollen zum Immigrationsbüro in der Shoppingmall „Colon 2000“ am Kreuzfahrtterminal. Okay mit dem Taxi geht es ans andere Ende der Stadt. Der erste Eindruck von Colon hat uns nicht getäuscht. Bei dem, was wir jetzt zu sehen bekommen, ist gegenüber dem ersten Eindruck noch Luft nach oben. Der Verkehr ist ein einziges Chaos, die ganze Stadt eine einzige Müllhalde! In der Mall fragen wir einen der überall präsenten, schwer bewaffneten Securitymenschen nach der Immigrationsbehörde. In immerhin gebrochenem Englisch, meinem Spanisch vergleichbar, erfahren wir, dass diese am Wochenende natürlich geschlossen ist und wir am Montag wiederkommen sollen. Alles klar! Im Taxi geht es zu Antje zurück, wir sondieren noch den Supermarkt und fahren anschließend mit dem Bus zurück in die Marina. Hier treffen wir Nick und Isabell wieder, quatschen ein bisschen und erfahren, dass am Sonntagabend immer ein Segler-BBQ in der Marina stattfindet.

038_Behördenmarathon (34)

Den Sonntag nutzen wir um endlich die fehlenden Bilder für die letzten Blogbeiträge auszusuchen, zu bearbeiten und in die Beiträge einzufügen. Wer schon mal 800 Fotos gesichtet, bearbeitet, formatiert und anschließend upgeloaded hat, weiß wieviel Zeit dafür drauf geht! Immerhin funktioniert das Internet vernünftig. Überhaupt bietet die Marina einiges für die Segler. Das Restaurant ist wirklich gut. Die Captainslounge ist klimatisiert, die Angestellten freundlich und sehr hilfsbereit. Außerdem können wir seit über vier Wochen zum ersten Mal wieder waschen, die 8 kg fassenden Maschinen sind echt preiswert und erstklassig! Das abendliche BBQ ist ausgesprochen kurzweilig und nett. Wir lassen uns von der SY Mango viele Infos über Colon und deren am Dienstag anstehende Kanalpassage geben. Schade, dass wir nicht mehr Zeit zusammen verbringen können. Treffen Joachim, den wir im Mai schon kennengelernt haben wieder. Er klärt uns über die Baufortschritte der Schrägseilhängebrücke über den Kanal auf und wir verbringen einen feucht fröhlichen Abend zusammen. Natürlich drehen sich trotzdem fast alle Gespräche um die Kanalpassage – Alles allein organiseren oder einen Agenten beauftragen? Nur das Geschwätz der vielen Amerikaner nervt ziemlich, zeigt aber mal wieder deutlich, warum sie in den meisten Ländern der Welt unbeliebt sind!

038_Behördenmarathon (39)

Montag: Heute ist unser großer Tag. Laut Infobroschüre muss die gesamte Crew bei der Einwanderungsbehörde erscheinen. Also sind beide Crews um kurz vor acht im Bus und wir lassen uns nach Colon chauffieren. Diesmal müssen wir allerdings am Kanal eine halbe Stunde warten und sind erst um 09:30 Uhr da. Wir steigen an der Quatro Alto Mall aus uns nehmen uns ein Taxi nach Colon 2000. Nach einer zehnminütigen Suche finden wir hier das Officina de Immigracion, das interessanterweise neben einer Diskothek beheimatet ist. Wir stapfen voller Hoffnung in den ersten Stock und konfrontieren einen der Beatmen mit unserem Anliegen. Glücklicherweise ist diesmal Antje dabei und übersetzt! Der Beamte nickt verständnisvoll, ist aber nur indirekt für uns zuständig. Wir müssen zuerst zum „Home Port“ am Kreuzschifffahrtsterminal. Hier bekommen wir eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für 48 Stunden, um anschließend in der Capitaneria Cristobal ein Crusing Permit beantragen zu können. Wenn wir dieses haben, sollen wir zurückkommen und erhalten ein Visum für drei Monate! Okay, wir verziehen nach den Infos keine Miene – immer lächeln und winken – und verabschieden uns freundlich. Der Home Port ist nur einen Steinwurf entfernt und besteht aus mehreren heruntergekommenen Wellblechhallen. Nach weiteren zehn Minuten Fußmarsch stehen wir vor einer Containerbaracke am Home Port und sind zum ersten Mal wirklich richtig! Allerdings sind die drei Warteplätze besetzt und wir müssen eine gute halbe Stunde in der permaneneten schwülwarmen Hitze warten bis uns Einlass gewährt wird.

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Die Damen der Immigrationsbehörde rufen uns schließlich in ihren klimatisierten Container. Artig lächelnd tragen wir unser Anliegen vor. Okay, hier können wir die angestrebte Kurzzeit-Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Ich überreiche die Kopie unserer Pässe, Crewliste und Bootspapiere sowie die ZARPE (Ausreisebestätigung) aus Kolumbien. Natürlich darf ein Durchschlag des Monsterformulars aus der Capitaneria Cristobal nicht fehlen. Die Dokumente werden begutachtet! Auf der ZARPE steht, dass die Auriga aus einem Kapitän und zwei Crewmitgliedern besteht. Wir sind aber zu Dritt! Die Frage, die sich nun stellt ist, ob der Kapitän isoliert zu bewerten ist oder zur Crew gehört! Alles sehr schwierig, sehr schwierig! Nach eine 15 minütigen Diskussion zwischen den Beamten wird entschieden, dass ein Kapitän plus zwei Crewmitgleider insgesamt drei Personen an Bord der Auriga ergibt, ergeben muss. Zum Glück war keine höhere Mathematik, wie der Dreisatz für diese Feststellung nötig! Einige Kopien unserer Unterlagen später erhalten wir die benötigte befristete Aufenthalsgenehmigung für 48 Stunden. Da wir den Anfang gemacht haben, geht es bei der SY Samantha deutlich schneller! Ein Kapitän plus ein Crewmitglied sind insgesamt zwei Menschen, da die mathematische Ausgabenstellung deutlich einfacher als bei uns ist, klappt es auch mit den Papieren deutlich schneller.

038_Behördenmarathon (39)

Obwohl wir kein Crusing Permit haben, werden wir nochmals bei der Immigrationsbehörde in Colon 2000 vorstellig. Nach einer halben Stunde Wartezeit, kein Mensch ist im Wartebereich, ist ja auch Lunchtime, werden wir natürlich abgewiesen. Kein Cruising Permit, kein Visum – War doch klar ihr ausländischen Vollpfosten, aber einen Versuch war es trotzdem wert! Danach trennen sich unsere Wege. Felix und die Mädels fahren schon mal zur „Quatro Alto Mall“ zum Einkaufen, während Birger und ich uns zur Capitaneria Cristobal aufmachen, um ein Crusing Permit klar zu machen. Wir fragen uns zum richtigen Büro durch und treffen auf Ines. Nach einer kurzen halbstündigen Wartezeit werden wir von Ines wahrgenohmen, wahrscheinlich auch nur, weil wir direkt vor ihrem Schreibtisch sitzen!. Wir erklären unser Begehr. Alles kein Problem, ihr müsst nur den 50 cm langen Antrag ausfüllen. Okay, wir sind voll motiviert, widmen uns dem ausschließlich spanischen Formular und füllen es aus. Ines kontrolliert unsere Angaben anhand der Bootsscheine und scheint vorerst zufrieden zu sein. Ob wir Kopien von unseren Ausweisen, den Bootspapieren und der Zarpe sowie eine Crewliste hätten! Nein, dann kostet jede Kopie 25 Cent, Okay. Jaja, no problemo! Immer lächeln und winken! Als alles erledigt ist, schauen wir Ines erwartungsschwanger an, Bekommen wir jetzt unser Cruising Permit? Natürlich nicht! Wir sollen morgen wiederkommen, aber nicht vor 11 Uhr …

038_Behördenmarathon (39)

Dienstag, 07:45 wir sitzen wieder alle akkurat gedresst im Bus nach Colon. Da wir erst um 11 Uhr in der Capitaneria erscheinen müssen, wollen wir die Millenium Plaza und ihre Geschäfte erkunden. Wir finden einen Hardwarestore, ein paar Ferreterias, aber nichts wirklich Interessantes. Immerhin können wir frühstücken. Um kurz vor elf machen sich Birger und ich zur Capitaneria auf und wollen uns anschließend mit den anderen beim Officina de Immigracion in der Colon 2000 Mall treffen. Wir betreten das bereits bekannte Büro, sehen Ines, ein Aufschrei, offensichtlich erinnert sie sich an uns – sehr gut. Trotzdem sitzen wir erst einmal eine halbe Stunde nutzlos herum! Danach kommt sie zu uns. Das Cruising Permit für die Samantha ist fertig, aber unseres nicht. Wie jetzt? Warum? Ines benötigt nochmals unsere Bootspapiere. Offensichtlich war die Kopie (schwarze Schrift auf dunkelgrauem Hintergrund) nicht lesbar! Das Dokument wird diesmal eingescannt und an die Schwesterbehörde in Panama City gemailt. Laut Ines sollte unser Crusing Permit in einer Stunde fertig sein – Okay, das hört sich ja ganz gut an. Birger und ich schlappen in ein Cafe um die Ecke und vertreiben uns die Zeit mit Männergesprächen. Um kurz nach 12 Uhr stehen wir wieder auf der Matte. Allerdings finden wir zunächst keine Beachtung! 20 Minuten später gesellt sich Ines zu uns und erklärt, dass die Dokumente aus Panama City immer noch nicht da sind. Okay, wir warten …! 10 Minuten später kommt ein Pizzabote ins Büro, er spricht sehr gut englisch und erkundigt sich nach unserem Anliegen. Wir erklären unser Problem und er teilt uns mit, dass die Behörde in Panama City von 12 bis 14 Uhr Mittagspause hat, weshalb unser Permit niemals vor 15 Uhr fertig sein wird! Langsam entgleisen mir die Gesichtszüge – Bananenrepublik!

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Ich erkläre ihm, dass ich das Permit aber für die Einwanderungsbehörde brauche und unser 48-Stundenvisum am nächsten Morgen abläuft! Er klärt die Angelegenheit mit den sechs anwesenden Beamten und ich bekomme nach Zahlung von 95 US für das Crusing Permit eine amtliche, gestempelte Bestätigung, dass das Dokument praktisch irgendwie da ist, aber halt nicht physisch verfügbar. Wegen eventueller Schwierigkeiten im Immigrationoffice schreibt Ines noch ihre Telefonnummer auf das Dokument – vielen Dank! Ich vereinbare mit ihr am Donnerstag wieder zu kommen und wir machen einen Abflug. Wir treffen uns mit den anderen und sind gegen 13 Uhr im Büro der Einwanderungsbehörde. Der Wartebereich ist leer, eine halbe Stunde später werden wir bedient – Visum, okay no problemo, aber bitte alle erstmal das vierseitige Formular ausfüllen. Wir beantworten alle Fragen nach Hautfarbe, leiblichen Eltern, Grund unseres Besuchs in Panama, woher, wohin und tragen natürlich die unvermeidlichen Reisepassnumern ein! Haben sie Kopien von den Reisepässen und den Bootspapieren dabei? Nein, die sind uns mittlerweile ausgegangen! No problemo, we made a copy und das ausnahmsweise mal kostenlos. Nachdem alles ausgefüllt ist, stehe ich mit einem Stapel Papieren (Anträge, Kopien und Orginalen) vor der Beamtin. Sie nimmt mir die Dokumente ab und drückt mir das nächste Formular in die Hand???? Alle einreisenden Personen müssen mit Namen, Geburtstag und -ort sowie Passnummer eingetragen werden. Für was habe ich eigentlich eine Crewliste mit den gleichen Angaben abgegeben? Mittlerweile ist es 14:15 Uhr was eigentlich kein Problem ist, aber unser Bus fährt in einer Stunde von der Quatro Alto Mall ab und wir sind ein bisschen in Zeitdruck, weil ein Taxi von Colon zur Shelter Bay mit 50 US zu Buche schlägt! Wieder zücke ich den Kugelschreiben und fülle das Formular aus. Danach müssen wir noch biometrisch erfasst werden. Ich interveniere, wir wären erst im Mai in Panama gewesen und sowohl unsere Fotos als auch unsere Fingerabdrücke müssten im System abgespeichert sein. Jaja, kann schon sein, aber der Internetanschluss der Behörde ist kaputt und damit können unsere Angaben nicht überprüft werden!!!! Obwohl langsam ernsthafte Gewalt- und Mordphantasien in mir aufsteigen, kann ich mich beherrschen, setze ein nettes Gesicht auf und denke: Immer lächeln und winken!

038_Behördenmarathon (39)

Nach der biometrischen Erfassung, sehe ich durch die gläserne Trennscheibe, wie die benötigten Visa in unsere Reisepässe eingestempelt werden. Natürlich verschwenden die panamaischen Behörden ganze zwei Seiten unseres kostbaren, 32-seitigen Reisepasses, wir sind ja schließlich in Panama eingereist! Aber wir haben es geschafft – oder? Nein, eher nicht! Jetzt müssen wir erstmal zur Kasse und die Visagebühren blechen. Wir bezahlen insgesamt 315 US für die drei 3-Monatsvisa! Was für eine Abzocke! Elende Gurkentruppe! Danach bekommen wir unsere Pässe ausgehändigt und um kurz vor 15 Uhr verlassen wir die Einwanderungsbehörde, schnappen uns das nächste Taxi und erreichen glücklicherweise noch unseren Bus in die Marina. Nach einer beinahe zweistündigen Rückfahrt, laufen wir direkt ins Resturant ein, schließlich wollen Antje und ich noch unseren 14. Hochzeitstag feiern! Nach dem Essen ist aber Ende Gelände und wir sinken erschöpft in unsere Kojen. Was für ein Scheißtag, aber wir haben immerhin die Hälfte der benötigten Unterlagen bekommen. Am Mittwoch müssen sich erstmal alle von den Strapazen der letzen beiden Tage erholen ….

038_Behördenmarathon (39)

Donnerstag: Ich bin ja gespannt, ob heute alles klappt. Wir nehmen wie immer den Bus. Unser erstes Ziel ist aber nicht die Capitaneria sondern die Postzentrale in Colon. Wir haben uns aus Deutschland zwei Pakete schicken lassen und wollen zum Auftakt des Tages mal eine andere Behörde testen. Mit dem Taxi geht’s zur Post, die in einem eher dubiosen Viertel liegt, aber mittlerweile kann uns auch der Penner, der in einer Straßenpfütze nach Eßbarem sucht, nicht mehr erschrecken. Punkt neun Uhr betreten wir die völlig heruntergekommene Zentralpost Colon. Die Schalter sind durchnummeriert und wir beginnen bei Nummer 1! Dank Antje versteht die Beamtin unser Begehr, begutachtet unsere Pässe und beginnt in einem Stapel Zustellpapieren zu wühlen. Glücklicherweise können wir durch die Glasscheibe die Namen auf den Formularen erkennen. Ich entdecke das Zustellpapier für Felix Schulunterlagen – Treffer! Aber mein Paket mit der neuen Impellerpumpe fehlt irgendwie. Also alles nochmal von vorne. Bei der zweiten Durchsicht taucht mein Zustellschein aber doch noch auf – Glück gehabt. Danach geht es zum Schalter Nr. 2. Wir müssen für beide Pakete eine Lagerbegühr von 0,50 US bezahlen. Anschließend ist der Schalter gegenüber für uns zuständig. Wir übergeben Daniel unsere Lieferscheine, er geht ins Lager, die Pakete sind da, aber wir müssen nochmals 4 US Lagergebühr bezahlen. Neuer Zettel, wieder zur Kasse und zurück. Bisher lief es ja ausgsprochen gut, aber danach wird es richtig schwierig!

038_Behördenmarathon (39)

Das Paket mit den Schulunterlagen ist an Felix adressiert. Daniel erklärt mir daraufhin, dass nur Felix das Paket abholen darf, wegen der erforderlichen Unterschriften. Ich erkläre ihm daraufhin, das Felix mein Sohn ist, 13 Jahre alt und deshalb auf keinen Fall geschäftsfähig, weshalb ich als Erziehungsberechtiger das Schulmaterial entgegennehmen werde. Jaja, aber … und die Unterschrift? Grande problemo! Mucho complicado! Insgesamt sind drei Unterschriften auf vier verschiedenen Formularen notwendig! Da Felix nicht unterschreiben kann, muss jedesmal sein Name, die zugehörige Passnummer sowie mein Name, meine Passnummer und meine Unterschrift auf das entsprechende Schriftstück. Mittlerweile ist es beinahe 10 Uhr und Daniel schleppt endlich die beiden Pakete an. Uns trennt nur noch eine Glasscheibe von unserem Eigentum, aber jetzt ist erst noch der Zoll dran! Die zwei gelangweilten Beamten sitzen direkt nebenan. Wieder müssen Anträge und Formulare ausgefüllt werden! Danach müssen wir die Pakete öffnen und der Wert der Sendungen wird ermittelt. Postsendungen bis 100 US sind zollfrei, alles darüber wird besteuert. Die beiden Zollschriftstücke aus Deutschland weisen einen Gesamtwert der Sendungen von 168 Euro aus. Aber wie viel ist das in US Dollar? Natürlich gibt es kein Internet und deshalb kann der Wert in US Dollar nicht ermittelt werden. Einer der beiden beginnt trotzdem fieberhaft auf dem Handy zu rechnen und erklärt uns stolz, das insgesamt über 50 US Doller an Gebühren anfallen. NO, NO, NO! Jetzt reicht’s! Schluss mit lächeln und winken!

038_Behördenmarathon (39)

Ich will wissen wie die Gebühren zustande kommen! Die Dame erklärt mir alles auf spanisch, ich antworte auf deutsch und bestehe darauf, dass 168 Euro = 142 US Dollar sind (Stimmt zwar nicht, aber egal!). Wir stehen uns High-Noon-mäßig mit gezückten Taschenrechnern bewaffnet gegenüber und tippen wie wild Zahlen ins Handy. Sie quatscht mich auf spanisch voll, ich sie auf deutsch …. Schließlich einigen wir uns auf 30 US Dollar. Ich habe Recht! SPIEL, SATZ UND SIEG AURIGA! Ein wahres Hochgefühl überkommt mich, wir haben erfolgreich Widerstand geleistet! Eine Quittung können wir natürlich nicht bekommen, weil es ja gerade mal wieder kein Internet gibt! Aber wenn wir wollen, können wir nächste Woche wiederkommen und die Quittung abholen – hahaha! Ich hätte natürlich auch darauf bestehen können, dass die beiden Sendungen unterschiedliche Empfänger haben, somit also an zwei verschiedene juristische Personen gehen und deshalb isoliert zu versteuern sind, aber dann hätten wir wahrscheinlich ein Zelt in der Post aufschlagen können. Um 10:45 Uhr verlassen wir die Post gemeinsam mit unseren Paketen. Während Antje zur Mall zurückfährt, um den 11 Uhr Bus in die Marina zu erwischen, schlendere ich Richtung Capitaneria Cristobal um das Crusing Permit abzuholen. Der Erfolg in der Post gibt mir deutlich Auftrieb!

038_Behördenmarathon (39)

Eine Viertelstunde später betrete ich mit breiter Brust die Capitaneria, mich kann jetzt nichts mehr aufhalten und ich verlasse dieses Büro nicht ohne mein bereits bezahltes Cruising Permit. Ines ist nirgends zu sehen – Scheiße! Eine offensichtlich motivierte und arbeitswillige Auszubildende (erkennbar am lindgrünen Hemd und der schwarzen Hose) möchte sich meiner annehmen, wird aber von ihrem Ausbilder sofort zurückgepfiffen! In der nächsten halbe Stunde spielt sich folgende Szene in der Capitaneria ab: Fünf absolute übergewichtige Beamte sitzen vor ihren Schreibtischen, es wird kein Wort gesprochen, keiner bewegt sich … es passiert einfach nichts! Irgendwie habe ich den Eindruck, alle, mich eingeschlossen, warten auf Ines, damit sie sich meines laufenden Verfahrens annimmt, aber sie erscheint nicht auf der Bühne! Die Anspannung im Büro kann man schon knistern hören und ist beinahe nicht mehr auszuhalten, als endlich eine Beamtin zum Telefon greift, in Panama City anruft und ich höre wie sie sagt: … Auriga … Permiso de Navegacion para actividad de placer ….!!?? Alles klar, seit Dienstag hat sich also nichts getan! Ich starre die Beamtin, die wie Ines mit meinem Vorgang vertraut ist, einfach solange an, bis sie zu mir kommt und mir mittelt: Un momento! El permiso de navegacion esta listo in algunos minutos. (Das Permit ist gleich fertig!). Immer lächeln und winken!

038_Behördenmarathon (39)

45 Minuten später, ein Aufschrei, das Cruising Permit ist da! Sechs Ausdrucke, diverse Unterschriften und Stempel später bekomme ich das ersehnte Dokument feierlich überreicht. Alle sind glücklich und ich verabschiede mich lächelnd und winkend von den Beamten. Auf dem Flur treffe ich Ines. Everything okay? Daumen nach oben, ein lautes Lachen und die Capitaneria hat mich gesehen. Nach vier Tagen Behördenmarathon ist alles geschafft. Wir sind legal in Panama und dürfen ein Jahr lang die Gewässer Panamas benützen. In den nächsten beiden Tagen organisieren wir unsere Rückfahrt zu den San Blas Inseln. Am Sonntag geht´s wieder los …

038_Behördenmarathon (28)

Fair winds und bis bald,

eure Widerstandskämpfer von der Auriga

Alte Männer in Unterhosen

37_Männer (23)

Nach unserem ersten Sturm vor Anker verspüren wir keine Lust mehr, auf den Coco Bandero Cays zu bleiben und verabschieden uns frühzeitig am nächsten Morgen. Wahrscheinlich ein natürlicher Reflex! Der Ort war böse zu uns, also nix wie weg. Leider vergesse ich vor dem Aufbruch nochmal nach unserem Anker zu tauchen, um zu sehen wie tief er sich im Laufe der Nacht eingegraben hat – schlechte Seemannschaft, Herr Kapitän, aber alle wollen nur weg. Nächster Treffpunkt sind die Eastern Holandes Cays, die nur eine gute Stunde Motorfahrt entfernt sind. Die Holandes Cays sind ein ca. sieben Seemeilen großes Riff mit insgesamt 21 mehrheitlich unbewohnten Inseln. Kein Miniarchipel der San Blas Inseln ist weiter vom Festland entfernt. Deshalb soll das Wasser hier das ganze Jahr über besonders klar und sauber sein. Uns erwarten die typischen Aktivitäten: Schwimmen, Schnorcheln und Fischen. Erstes Ziel innerhalb der Holandes Cays ist der sogenannte „Swimming pool anchorage“ vor BBQ-Island. Allein die Namesgebung macht uns schon neugierig. Da die Ankerplätze im östlichen Teil der Inselgruppe leicht anzusteuern sind, sind sie bei vielen Wassersportfreunden sehr beliebt. Als wir ankommen, liegen natürlich schon drei Boote im Swimming Pool und wir suchen uns einen etwas entfernteren Liegeplatz. Wie versprochen. ist das Wasser hier beinahe glasklar. Wir werfen unseren Anker in sieben Metern Tiefe und können ihn beim Eingraben in den Sandboden beobachten. Obwohl von oben alles gut aussieht, tauchen Felix und ich ihn kurze Zeit später ab, aber der Eindruck von Deck hat uns nicht getäuscht – Alles tipptopp!

Da unser Ankerplatz nur 50 Meter neben einem kleinen Binnenriff liegt, machen wir sofort einen Schnorchelausflug und genießen das maritime Schauspiel entlang der Riffkante. Am Nachmittag bekommen wir vom hiesigen Chief der Kunas Besuch und bezahlen die obligaten 10 US für unseren Liegeplatz. Obwohl wir uns schon über drei Wochen in panamaischen Gewässern aufhalten, haben wir immer noch nicht offiziell einklariert. Dem Chief ist es offensichtlich egal und uns soll`s nur recht sein. Bei der Gelegenheit ordern wir auch gleich noch ein paar Langusten, schließlich sind wir schon drei Tage auf Entzug. Allerdings sind unsere Ansprüche mittlerweile gestiegen. Wir geben die Mindestgröße vor und verweigern die Abnahme von trächtigen weiblichen Tieren!

Am frühen Nachmittag lädt die SY Samantha zu indischem Curry, Kartenspielen und Sundowner ein. Nach der anstrengenden Sturmnacht sind allerdings nach Sonnenuntergang alle ziemlich schnell bettreif. Der nächste Tag kündigt sich mit einem spektakulären Morgenrot an. Die schwarze Silhouette BBQ-Islands schält sich langsam aus dem Nachthimmel und scheint kurz darauf im Feuer der aufgehenden Sonne zu verbrennen. Nicht dass ich auf so etwas stehen würde, aber es war echt geil! Uns steht ausnahmsweise mal ein schöner, sonniger Tag bevor. Allerdings steigen die Temperaturen dann auch sofort weit über 30° C. an, was mich zum Titel der Geschichte führt!

Während die Damen unserer Seglergemeinschaft und vor allem Felix noch die Contenance wahren, sind Birger und ich zur Fellreduktion übergegangen. Auf dem Boot wird konsequent Unterhose, im Wasser Badehose getragen! Alles andere wird nur unnötig vollgeschwitzt und Punkt! Aus Wikipedia: Der Vorläufer der heutigen Unterhose ist die mittelalterliche Brouche, eine Art sehr weite, lange Unterhose, an deren Gürtel die Beinlinge angenestelt waren. Im Laufe der Zeit wurden die Beinlinge länger und entwickelten sich zur enganliegenden Hose, zeitweise mit Schamkapsel, die weite und lange Brouche wurde dabei enger und kürzer. Caterina de’ Medici (1519–1589) gilt als eine der ersten Frauen, die die italienische Mode des Tragens von Unterhosen an den französischen Hof brachte. Frauen trugen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts generell keine Unterhose; – sehr vernünftig! Hier könnte es jedoch Überlieferungslücken geben! Etwa 1805 gab es die ersten „Beinkleider“ für Damen, die bis unters Knie oder bis an die Knöchel reichten und weit geschnitten waren. Sie waren aus Leinen oder Baumwolle und im Schritt offen (in Süddeutschland auch Stehbrunzhose genannt). Im 20. Jahrhundert war (bis in die 1980er Jahre) die Entwicklung der Unterhose von einem Trend zu immer knapperen Modellen gekennzeichnet, sowohl in der Herren- als auch in der Damenunterbekleidung. Slips beherrschten das Geschehen. Immer knappere Kreationen brachten Minislips, Rio-Slips, Tangas, String-Tangas etc. hervor. Seit den 1980er Jahren begannen dann auch wieder Unterhosen mit mehr Stoff-Fülle aufzutauchen: Boxershorts, Bodies, Retropants etc.

37_Männer (4)

Wahrscheinlich sind wir für die Kunas manchmal ein sehr seltsamer, vielleicht sogar erschreckender Anblick, aber es ist schön luftig und der Tragekomfort rechtfertigt die Maßnahme. Außerdem verhindert eine gut anliegende Unterhose die Verletzungsgefahr auf einem Segelschiff ganz erheblich. Man kann nirgends hängenbleiben, verheddert sich nicht in den Leinen, Baumwolle färbt nicht auf dem Deck ab usw…! Und die wechselnden Modelle sorgen immer wieder für Heiterkeit! Ich für meinen Teil genieße die neue Unterhosenfreiheit auf alle Fälle in vollen Zügen. Fotos und andere Peinlichkeiten werden unseren Lesern aus Pietätsgründen natürlich vorenthalten. Schließlich kann schon Felix den Anblick seines Vaters in Unterhosen nur schwer ertragen, aber da muss das Pubertier halt einfach durch …!

Am Tag darauf werden die bestellten Langusten wie versprochen angeliefert und artgerecht am Abend zubereitet und verspeist (Bandnudeln mit Lagustensoße). Tagsüber machen wir Schnorchelausflüge und erkunden die umliegenden Inseln. Nach der müllfreien Atmosphäre der Coco Banderos, sind hier die Inseln mit Ausnahme von BBQ-Island wieder mit Unrat übersät! Wenigstens sind die Riffe noch halbwegs intakt. Im Laufe des Tages bekommen wir von Venancio, einem „Master Mola Maker“ Besuch. Im Kanu präsentiert er unterschiedliche Molas. Neben typischen geometrischen Mustern, zeigt er uns auch eher auf den modernen Touristen zugeschnittene Exemplare. Nach einer mindestens halbstündigen Präsentation gehen drei Molas in unseren Besitz über – ein wirklich schönes Andenken an die San Blas Inseln. Nachmittags wird die weitere Reiseroute besprochen. Da wir uns nun doch schon einige Wochen illegal in Panama aufhalten, würde ich gerne nach Porvenir segeln, um doch endlich die offziellen Formalitäten zu erledigen. Wir beschließen am nächsten Tag nach Porvenir aufzubrechen, uns bestmöglich zu verproviantieren und anschließend in die Central Holandes Cays zurückzukehren.

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen geht es nach einem gemütlichen Frühstück los. Wir legen die 20 Seemeilen in knapp vier Stunden zurück. Der Anker fällt direkt vor der Start- und Landebahn ins türkisfarbene Wasser. Wir werden sofort von mehreren Kuna-Kanus umringt und bekommen allerhand Waren angeboten. Ich lehne mehrfach ab, aber die drei angebotenen Monsterlangusten können wir unmöglich in einen panamesischen Kochtopf wandern lassen. Allerdings sind die Krustentieren so groß und agil, dass sie unmöglich in unseren Schnellkochtopf passen. Ich will euch Einzelheiten der anschließenden Hinrichtung ersparen, aber es war ein echtes Gemetzel und ich hatte bestimmt eine halbe Stunde lang ein schlechtes Gewissen – arme Kreaturen! Am Nachmittag besuchen wir mit unserem Guide die Einwanderungsbehörde. Die sieht sich allerdings außerstande uns die benötigten Einreisestempel zu geben. Wir erfahren, dass wir für die obligate Einreiseprozedur nach Colon müssen – Okay, dann geht es morgen eben weiter …

Fair winds und bis bald,

eure Unterhosenmodels von der Auriga

Langustendöner

„Die Entdeckung eines neuen Gerichtes ist bedeutender für das Glück der Menschheit als die Entdeckung eines neuen Sterns“ Aus Physiologie du Gout von A. Brillant-Savarin.

Seit wir Sabuduporedup angelaufen haben befinden wir uns in den Eastern Naguargandup Cays. Zu diesem Miniarchipel gehören mehrere Inseln, ein zerklüftetes Riff und ein Krokodil. Obwohl es zwischen Sabuduporedup und unserem nächsten Ziel – Waisaladup – Luftlinie nur ca. 2 Seemeilen sind, benötigen wir 1,5 Stunden bis wir unseren neuen Ankerplatz erreichen, da wir das gesamte Riff umfahren müssen. Nach einer ereignislosen Fahrt lassen wir unseren Anker, wie langweilig, wieder mal ins klare, blaue Wasser fallen. Allerdings sind wir nicht alleine, die Miniinsel (acht Palmen) wird von zwei Ausflugsbooten belagert. Ungefähr 25 Backpacker verstopfen den Strand – also sowas! Allerdings haben wir zunächst andere Sorgen. Unser Anker hat sich zwar sofort eingegraben, aber die 45 Meter lange Ankerkette hat sich um ungefähr ein Dutzend Korallen herumgewickelt. Im zehn Meter tiefen Wasser tauchen Felix und ich, also mehr Felix als ich, mehrmals an unserer Kette entlang und entwirren diese wieder. Nach einer Stunde ist alles geschafft und wir können die Fototapetenatmosphäre vor Waisaladup genießen. Als am frühen Nachmittag die Ausflugsboote abdampfen, entern wir das Inselchen. Unter den Palmen befindet sich eine kleine Hütte, die geradezu prädestiniert ist für ein abendliches BBQ.

Wir verabreden uns für den nächsten Abend und laden auch das in der Nähe ankernde amerikanische Pärchen der SY Blessed ein. Am nächsten Vormittag kommt, wie auf Bestellung, ein Kunakanu vorbei und hat einen ansehnlichen Haufen Langusten im Boot versteckt – das muss Vorsehung sein! Wir erstehen sechs stattliche Exemplare, verbringen den Tag mit Schule, Schwimmen, Schnorcheln und freuen uns auf den Abend. Vor Sonnenuntergang treffen wir uns in der offenen Hütte und bereiten das BBQ vor. Alex hat Fladenbrotteig vorbereitet und bald breitet sich der verlockende Duft frischen Brotes auf der Insel aus. Als ich mir die mitgebrachten Speisen so ansehe, habe ich plötzlich eine kulinarische Vision, sehe es ganz deutlich vor mir! Langusten + Knoblauchbutter + Fladenbrot = Langustendöner! Wie soll ich´s beschreiben, es war einfach unglaublich lecker und ein neues Rezept ward geboren. Wer Lust hat kann es ja mal ausprobieren.

Der Langustendöner ist ein einfach zuzubereitendes, leicht verdauliches, schmackhaftes Gericht und so nahrhaft wie zwei Dosen Bier. Er enthält die wichtigsten Vitamine, Mineralien und Spurenelemente und ist kalorientechnisch praktisch vernachlässigbar.

Knoblauchbutter
125 Gramm Butter
4-5 Knoblaubzehen, zerstampft
2 Löffel Petersillie kleingehakt
Salz und Pfeffer

Butter mit der Gabel zerdrücken und langsam Knoblauch und Petersilie untermischen, mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Langusten
1 mittelgroßer Langustenschwanz, pro Portion
½ Zitrone

Fangfrische Langusten für ca. 90 Sekunden im kochenden Wasser töten. Langustenschwanz auslösen und in der Mitte teilen. Darm entfernen und mit kaltem Wasser abspülen. Abtropfen lassen. In der Schale für ca. 3 Minuten auf den Grill. Schalen entfernen und mit Zitronensaft betreufeln

Fladenbrot
5 Tassen Mehl
5 TL Trockenhefe
1 TL Zucker
ca. 2 Tassen Wasser
5 TL Olivenöl
Salz, Pfeffer, Kräuter der Provence

Das frisch gebackene oder gegrillte Fladenbrot mittig einschneiden, beide Schnittflächen mit Knoblauchbutter bestreichen, das Brotinnere mit den gegrillten Langusten auffüllen und reinbeißen – mhhh! Als Begleitet bietet sich ein klassischer trockener Weißwein (Riesling vom Mittelrhein, Chablis ect.), ein Glas Champagner und ein kitschiger Sonnenuntergang oder die liebe Frau an. Kann das Leben schöner sein?

Langustendöner (34)

Lange nach Sonnenuntergang verlassen wir nach einem netten Abend die Insel und lassen uns vom leichten Wellengang in den Schlaf schaukeln. Nach drei herrlichen Tagen wollen wir die Eastern Naguargandup Cays wieder verlassen. Da wir in der Nacht umlaufende Winde hatten und sich unser Schiff ein oder zweimal um die eigene Achse gedreht hat, prüfe ich vor dem Ablegen die Ankerkette nochmal. Aha – wir hängen wieder an drei Korallenköpfen fest. Ich beauftrage unseren Taucher, er möge sich des Problems annehmen. Eine halbe Stunde lang taucht Felix am Meeresgrund herum, dann sind wir wieder frei und es heißt kurz darauf: Anker auf! Jaja, unsere Routine, was das Ankern betriff, wird langsam besser.

Nächstes Ziel sind die nur einen Steinwurf entfernten Coco Bandero Cays. Die Inselgruppe wird von einem vier Seemeilen langen Außenriff gegen das offene Meer geschützt und zählt zu den schönsten Plätzen auf den San Blas Inseln. Wir ankern in der Mitte zwischen vier Inseln und drei kleineren Riffen. Direkt gegenüber unserem Liegeplatz, auf der Insel Tiadup, befindet sich ein Hotel und ein Restaurant. Täglich macht eine kleine Gruppe Backpacker auf dem Seeweg nach Kolumbien hier Halt, um zu übernachten. Selbstverständlich müssen Hotel und Restaurant am Nachmittag inspiziert werden, wir sind ja schon wochenlang nicht mehr ausgegangen. Wer sich jetzt allerdings einen modernen Hotelkomplex westeuropäischer Art mit Annehmlichkeiten jeder Art vorstellt, liegt völlig falsch! Das Hotel besteht aus zwei traditionellen Kunahütten mit jeweils zehn Hängematten im Inneren. Das Restaurant ist nicht zu identifizieren. Auf unsere Nachfrage ist ein Abendessen allerdings kein Problem und wir sollen um 19 Uhr einfach wiederkommen – Okay, dann bleibt die Küche heute kalt. Den restlichen Tag verbringen wir mit Schnorcheln und Inselerkundungen. Am späten Nachmittag gesellt sich noch ein ehemaliger neuseeländischer Fischkutter unter deutscher Flagge zu uns. Die 38 m lange „Stahlratte“, das Boot heißt wirklich so, ankert direkt vor uns und geht ganz schön auf Tuchfühlung mit unserer winzigen Auriga. Felix ergreift die Initiative und stattet unseren neuen Nachbarn einen Besuch ab. Die 25 deutschen Gäste machen eine neuntägigie Rundreise durch das San Blas Archipel. Dass wir schon über zwei Jahre unterwegs sind und mit dem kleinen Boot den Atlantik überquert haben, beeindruckt seine Gesprächspartner ganz offensichtlich.

Pünktlich um 19 Uhr landen wir auf Tiadup an, werden wie immer äußerst freundlich von den Kunas begrüßt und zu unserem Tisch am Meer geleitet. Das Essen, gegrillter Fisch mit Reis und Salat, steht schon auf dem Tisch und wir brauchen uns nicht mit langen Bestellungen herumzuschlagen. Die Fische schmecken köstlich und wir genießen den Abend. Die Tage auf den Coco Bandero Cays vergehen wie im Flug. Leider haben wir Pech mit dem Wetter. Der Himmel ist fast ständig bewölkt, es nieselt jeden Tag mehrere Stunden, dafür sind die Temeraturen mit 27°C verhältnismäßig kühl und wer sich aufwärmen will, springt einfach ins Wasser! Durch die wenigen Sonnenstunden am Tag, leiden wir ein wenig unter Strommangel und so sind wir gezwungen, alle zwei bis drei Tage den Motor für zwei Stunden laufen zu lassen, um unsere Stromversorgung zu gewährleisten. Am Donnerstag wollten wir eigentlich zu den Holandes Cays aufbrechen. Da der Wetterbericht jedoch für den ganzen Tag und die Nacht 20 bis 25 Knoten Wind ansagt, beschließen wir noch eine Nacht zu bleiben, weil umankern bei Windstärke 5 einfach keinen Spaß macht.

Offshore Waters Forecast for the SW and Tropical N Atlantic and Caribbean Sea
NWS National Hurricane Center Miami, FL, 1127 AM EDT Wed Oct 4 2017
SW Caribbean S of 11N including Approaches to Panama Canal-1127 AM EDT Wed Oct 4 2017

THU…S to SW winds 20 to 25 kt. Seas 3 to 5 ft. Scattered
showers and isolated thunderstorms.
THU NIGHT…S winds 15 to 20 kt. Seas 3 to 5 ft.

Am frühen Nachmittag sehen wir die ersten dunklen Wolken über die küstennahen Berge des Festlandes in unsere Richtung ziehen. Der Wind nimmt zunächst wie angesagt auf moderate 20 Knoten zu. Obwohl ich noch versuche, die unheilvollen Wolkenberge wegzustarren, lässt sich der anschließende zwölfstündige Sturm nicht aufhalten. Der Himmel verdunkelt sich immer mehr und die ersten Böen mit mehr als 25 Knoten rollen auf uns zu. Das ist allerdings erst der Auftakt. Nach und nach nimmt der Wind zu. Erst 25, dann 30, dann 32 Knoten! Noch haben wir nur Windstärke 8. Der Nieselregen fliegt mittlerweile waagerecht durch die Luft, der Wind pfeift in ohrenbetäubender Lautstärke durch die Wanten. Wir schwojen wie verrückt hin und her. Meine größte Sorge ist allerdings, ob unser Anker hält. Ich mache mich zum Bug auf und kontrolliere das Ankergeschirr. Die Kette steht straff gespannt in ziemlich spitzem Winkel aus dem Wasser, aber noch hält alles! In Windeseile klaren wir unsere Auriga auf und bereiten uns auf den Notfall vor. Unser Liegeplatz schützt uns zwar vor größeren Wellen, aber weder die umgebenden Inseln noch die drei Unterwasserriffe sind mehr als 100 Meter entfernt. Wenn der Anker ausbricht und zu slippen anfängt, werden wir bei S-/SW-Wind mit aller Kraft auf eines der Unterwasserriffe gedrückt und dann müssen wir sehen, dass wir hier einen schnellen Abflug machen. Wie gebannt starre ich auf unsere Instrumente. Die ständig wechselnden Anzeigen von Windmesser, Tiefenmesser und Schiffsposition sind spannender als jeder Krimi.

Langustendöner (40)

Der Sturm dauert jetzt schon über zwei Stunden und keine Besserung ist in Sicht. Bei 33 Knoten Wind mischt sich plötzlich ein völlig neues Geräusch in den uns umgebenden Lärm. Unser Windgenerator vibriert besorgniserregend auf dem Geräteständer und gibt bisher unbekannte hochfrequente Töne von sich. Wir kontrollieren den Regler, aber der Generator erzeugt keinen Strom mehr. Alle müssen unter Deck, weil ich die ernsthafte Befürchtung habe, dass er gleich explodiert und die drei Rotorblätter wie Geschosse durchs Cockpit fliegen. Nach fünf Minuten ist das Spektakel vorbei. Offensichtlich hat der Windgenerator zuviel Strom erzeugt und sich deshalb selbstständig ausgekoppelt. Puh – wieder eine neue Erfahrung gemacht! Dafür produzieren wir jetzt teilweise über 18 Ah Strom. Nach vier Stunden Starkwind gewöhnen wir uns langsam an die Umstände. Trotzdem lasse ich die Instrumentenanzeigen keine Sekunde aus den Augen. Die Windstärke pendelt mittlerweile nur noch zwischen 20 und 28 Knoten. Glücklichweise haben wir durch die umgebenden Inseln und Riffe nur eine maximale Wellenhöhe von knapp einem Meter und schwanken und rollen nur wenig hin und her. Als die Böenspitzen auf 25 Knoten zurückgehen, keimt bei mir die Hoffnung, dass das Schlimmste vorbei sein könnte.

Langustendöner (37)

Tja, klassischer Fall von zu früh gefreut! Der schöne Gedanke hat meine letzten Hirnwindungen noch nicht verlassen, da kränkt unsere Auriga 30° nach Backbord. Die Kaffeemaschine fliegt aus der Pantry und ein Liter Kaffee samt Kaffeesatz verteilt sich auf dem Boden. Sehe ich da den Grim im Kaffeesatz? Der Windmesser schlägt Alarm! Piep, Piep – 35 Knoten, 37 Knoteg, 38 Knoten! Wir beginnen nach hinten zu treiben, die Wassertiefe nimmt überraschend schnell von 9 auf 7 Meter ab. NEIN, NEIN, NEIN! Nicht jetzt, du bleibst schön im Sand stecken mein lieber Anker und bewegst dich keinen Zentimeter – verstanden! Ich stecke den Kopf über die Sprayhood, dabei fliegt mir fast die Sonnenbräune aus dem Gesicht, um einen Blick auf die Ankerketter zu werfen. Keine Vibrationen, sieht immer noch alles gut aus. Trotzdem starte ich den Motor und nehme Fahrt auf, um das Ankergeschirr zu entlasten. Die nächste Böe kommt mit 42 Knoten (Windstärke 9, ca 80 Km/h Windgeschwindigkeit, die Palmen biegen sich jetzt ziemlich beeindruckend) angerauscht, wir legen uns wieder auf die Seite, aber unsere Position ist unverändert, der Anker hält wie ein Fels in der Brandung! Ich denke ernsthaft darüber nach, unserem Anker einen Antrag zu machen. Wir könnten zusammen im Wasser rumhängen, Fische beobachten … Mit Beginn der Abenddämmerung werden die Verhältnisse langsam besser, dafür die Sicht und damit die Orientierung schlechter. Ich sitze jetzt fast sechs Stunden ununterbrochen im Cockpit und stelle mich auf eine lange Nacht ein. Unsere erste Ankerwache steht an.

Langustendöner (5)

Mittlerweile hat der Wind auf lächerliche 4 Knoten nachgelassen. In meinen Augen der richtige Zeitpunkt um die noch die verbliebenen 15 Meter Ankerkette auf dem Meeresboden zu versenken. Wir haben jetzt insgesamt 60 Meter Kette draußen! Hoffentlich ist das nicht die berüchtige Ruhe vor dem Sturm. Bis 02 Uhr in der Nacht wechseln sich Antje und ich bei der Ankerwache ab. Wir haben diesmal jedoch das Glück auf unserer Seite, bis auf ein paar Böen mit 30 Knoten passiert in dieser Nacht nicht mehr viel und wir sind wieder um eine Ankererfahrung reicher. Andererseits wissen wir jetzt aber auch, was unser immer wieder belächelter alter Bügelanker alles aushalten kann! Vielleicht haben wir auch nur Glück gehabt …

Fair winds und bis bald,

eure Glückspilze von der Auriga

Paradise is lost?

Paradise (60)

Von Niadup geht es Richtung Westen weiter. Unser nächster Stop ist die Isla Puyadas. Hier soll sich ein schöner Ankerplatz und ein gutes Schnorchelrevier befinden. Die vier Seemeilen zur Insel sind schnell zurückgelegt und bereits zwei Stunden nach unserer Abfahrt fällt der Anker wieder ins klare Wasser. Zusammen mit der SY Samnatha liegen wir vor einem großen Unterwasserriff inklusive Lagune, die von zwei kleineren Inseln eingerahmt wird. Nachdem unsere Auriga aufgeklart ist, springe ich wie immer ins Wasser und kontrolliere den Sitz unseres Ankers. Alles sieht gut aus und so geht’s schnorchelnder Weise gleich weiter zum nahegelegenen Riff. Die Unterwasserwelt ist weitgehend intakt, aber richtig viele Fische bekomme ich nicht zu sehen. Ich beschließe mit Felix die Lagune zu erkunden. Wir satteln das Dinghi und schippern zum Riff. In einem worldcupreifen Slalomkurs schlängeln wir uns zwischen den oberflächennahen Korallenköpfen durchs Wasser. Ich navigiere, Felix sitzt am Außenborder und steuert. Trotz einiger Kommunikationsprobleme erreichen wir die Lagune ohne einen Zusammenstoß, auch wenn Felix bei der ganzen Aktion nicht sehr wohl ist, schließlich könnte sein geliebtes Dinghi bzw. unser Chinese einen Schaden davon tragen. Innerhalb der Lagune ist das Wasser türkisfarben, aber noch wärmer als am Riff. Ich schnorchle durch einen riesigen Schwarm kleiner Fische und entdecke einen großen Stachelrochen am Meeresboden.

Natürlich legen wir an einer der beiden Inselchen an und vertreten uns ein wenig die Füße im weißen Sand. So paradiesisch schön die vielen Inseln aus der Ferne auch sind, aus der Nähe betrachtet zeigt sich leider immer das gleiche Bild – Müll, Müll, Müll. Der weiße Sandstrand ist von Zivilisationsunrat übersät, das ufernahe Unterholz eine einzige Müllhalde. Kunststoffflaschen, Plastikschuhe, Getränkedosen, Kosmetikartikel und Verpackungen jeder Art werden vom Meer angespült und lagern sich zwischen der bodenbedeckenden Vegetation ab. Natürlich haben wir auf unserer Reise immer wieder dreckige Strände und Uferzonen gesehen, aber hier ist das ganze Ausmaß der Meeresverschmutzung schlicht und ergreifend offensichtlich! Der Anblick ist nicht nur schockierend sondern auch deprimierend und macht einen doch nachdenklich. Das Paradies der San Blas Inseln versinkt im Müll!

Einige Meter entfernt sehen wir einen der Inselbewohner bei der Sichtung des Strandgutes, er ignoriert uns und flüchtet ins nahe Gebüsch. Fast alle der über 360 San Blas Inseln sind von Kunas bewohnt und werden bewirtschaftet. Vor allem Kokosnüsse spielen in der Ökonomie der Indianer eine große Rolle. Aus diesem Grund ist es auch verboten die hartschaligen Früchte einzusammeln, egal ob sie am Baum hängen, auf dem Boden liegen oder im Wasser treiben. „Every coconut has an owner“! Nach einer halben Stunde machen wir uns wieder auf den Rückweg. Diesmal versagt der Navigator allerdings und wir rammen doch noch einen Korallenkopf. Glücklicherweise bleibt unser Chinese unverletzt, aber Felix regt sich fürchterlich auf und ich werde dazu verdonnert die restliche Passage durchs Riff zu paddeln. Offensichtlich muss der Kapitän die Eyeball-Navigation noch üben!

Während Felix und die Mädels am Nachmittag die größere der beiden Inseln erkunden, machen sich Birger und ich zum Fischen auf. Wir tuckern zum Außenriff und probieren meine nach Kunavorbild selbstgebauten Köder (zwei Haken in einem Plastikstrohhalm) aus. Obwohl wir zur richtigen Zeit am Riff sind, wir mehrere Pelikane bei der Jagd beobachten können, will einfach kein Fisch beißen! Wahrscheinlich wissen die schmackhaften Meeresbewohner nicht, dass sie sich am späten Nachmittag am Außenriff einzufinden haben, um gefangen zu werden. Blödes Fischpack! Nach einer Stunde geben wir auf! Dann gibt es halt doch Toast Hawaii zum Abendessen. Am nächsten Morgen wollen wir uns zur Isla Tigre verlegen. Durch eine schmale Riffpassage erreichen wir den Ankerplatz vor der Insel. Die Platzverhältnisse sind allerdings ziemlich beengend und einige in der Karte nicht eingezeichnete Riffausläufer sowie die nahe Küste wenig vertrauenerweckend. Wir kreisen ein wenig unschlüssig herum und entscheiden uns weiter zu fahren. Einerseits erscheint uns der Ankerplatz zu unsicher und anderseits haben sich über uns mittlerweile ein paar mächtige, dunkle Gewitterwolken gebildet. Kaum haben wir das Riff in unserem Kielwasser, geht es auch schon los! Bei 23 Knoten Wind, unruhiger See und einsetzendem Regen flüchten wir Richtung offenes Meer, um das Unwetter in sicherem Abstand zu den gefährlichen Korallenbänken abzuwettern! Eine Stunde lang segeln wir ziellos vor dem Wind, bis das Wetter sich wieder beruhigt. Wir konferieren mit der SY Samantha und beschließen Nargana Town an der Mündung des Rio Diablo anzulaufen, da wir hier gut geschützt in einer weiten Bucht ankern können und dem Kapitän langsam die Zigaretten ausgehen!

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Bucht und liegen wie in Abrahams Schoß. Nargana Town erstreckt sich über zwei Inseln, Nargana und Corazon de Jesus, die durch eine Brücke miteinander verbunden sind. Laut unserem Törnführer (The Panama Cruising Guide von Eric Bauhaus) soll es hier ganz gute Versorgungsmöglichkeiten geben. Nach den Anstregungen des Tages hat allerdings keiner mehr Lust auf eine Besichtigung und die letzte Schachtel ist noch beinahe voll. Wir lassen uns lieber auf die Samantha zu Kaffee und Apfelpfannkuchen einladen! Während wir gerade das Abendprogramm planen – Kartenspielen oder Kartenspielen – bekommen wir Besuch von einem Kanu. Die beiden Kunas präsentieren uns drei wirklich fette, ausgesprochen appetitlich aussehende Langusten. Bei einem Gesamtpreis von 15 US, werden die Essenspläne sofort über Bord geschmissen und wir schlagen zu. Die anschließende Debatte über die Zubereitung (Nudeln mit Langustensoße, mit Koksbrösel panieren, mit Limonensaft gegrillt, Sushi etc …) wird hitzig, aber fair geführt und nach Abwägung aller Pros und Contras fällt die Entscheidung: Es gibt Langustenrisotto zum Abendessen! Wir verteilen die Aufgaben und ein paar Stunden später lassen wir uns das äußerst delikate Reisgericht mit Weißwein schmecken. Der leichte Weißweingeschmack des weichen Reis korrespondiert hervorragend mit den glasig gebratenen Langustenstückchen – ein wahres kulinarisches Gedicht. Weiter so Alex!

Am nächsten Tag wollen wir Nargana Town erkunden. Da unser Chinese mal wieder den Dienst verweigert (Four stroke engines always make trouble!), werden wir kurzerhand vom Tender der Samantha abgeschleppt und zum Dinghidock gebracht. Die Einheimischen staunen nicht schlecht über unseren seltsamen Dinghikonvoi. Als erstes stolpern wir natürlich über die unvermeidlichen Telefonzellen der Panama Cable and Wireless Company und hier gibt es sogar vier der unförmigen Kästen. Der sich danach direkt voraus befindliche Supermarkt/ Tante Emma Laden ist unser nächstes Ziel. Das Sortiment kann sich durchaus sehen lassen. Wir erstehen Coca Cola, Baked Beans with Pork und einige Früchte. Zigaretten gibt es leider nicht, aber ein paar Hütten weiter soll´s welche geben. Der Kapitän ergreift die Initiative und stürmt voraus. Einen Block weiter trage ich mein Begehr mit Händen und Füßen vor, werde in einen Hinterhof geleitet und erstehe drei Schachteln Mentholzigaretten – Pfui Spinne! Aber was soll´s, in der Not frisst der Teufel Fliegen – Hauptsache es qualmt! Deutlich entspannter kann die Besichtigungstour weitergehen. Am Ende der Straße lernen wir Frederico kennen. Er ist offizieller Kunaguide, betreibt eine Wäscherei, organisiert die Müllbeseitigung und kümmert sich um insgesamt 20 behinderte Kinder auf der Insel. Frederico erzählt uns ein bisschen von seinem Alltag, wir nehmen seine Dienste natürlich gerne in Anspruch und vereinbaren, am nächsten Tag unsere Wäsche vorbei zu bringen.

Nargana Town ist anders als Niadup eine modernere, eher unkonventionelle Kuna-Stadt. Die typischen Kunahütten sind mit Eternit- oder Wellblechdächern aufgemöbelt. Dazwischen finden sich immer wieder gemauerte Häuser und sogar einige Hostals. Ein unentwegt dröhnender Dieselgenerator sorgt für die Stromversorgung der Einwohner. Zwei Mobilfunktürme zieren die Südspitze der Insel. Jede zweite Hütte hat eine Satellitenschüssel und Internet gibt es selbstverständlich auch. Im Ort befindet sich ein Krankenhaus mit Landungssteg zur Krankenanlieferung via Wasserweg! Eine Grundschule und ein College dürfen natürlich auch nicht fehlen. Außerdem befindet sich einen Steinwurf entfernt auf der übernächsten Insel ein Flughafen oder besser gesagt ein Flughäfelchen! Nach zwei Stunden Sightseeing in brütender Hitze lassen wir uns wieder zu unserer Auriga zurückschleppen und wollen den restlichen Sonntagnachmittag mit gepflegtem Herumhängen abschließen. Daraus wird aber nichts! Zwei Stunden später ist in unserer Bucht Krokodilalarm. Birger informiert uns via Funk, dass zwischen unserem Liegeplatz und Nargana ein Krokodil im Wasser schwimmt. Mit unseren Ferngläsern bewaffnet stürmen wir an Deck und tatsächlich, eine große Panzerechse schlängelt sich gemütlich durchs Wasser. Allerdings haben nicht nur wir das Reptil entdeckt, sondern auch die vor Ort stationierten Soldaten. Die fackeln nicht lange und versuchen das Krokodil abzuknallen. Der erste Schuss geht daneben und das Krokodil flüchtet zu den nahegelegenen Mangrovenwäldern. Die Soldaten nehmen im Kanu die Verfolgung auf und stellen das Reptil vor den Mangroven zum zweiten Mal. Ein lauter Knall, Rauchschwaden hängen in der Luft und das Krokodil ward nicht mehr gesehen! Schade um die arme Kreatur!

Am nächsten Vormittag steht Frederico um 10 Uhr auf der Matte und holt Wäsche und Müll mit seinem Kanu ab. Birger und ich fahren später nochmal in den Ort um Diesel zu besorgen. An einem kleinen Steg werden wir fündig. Wir bestellen 50 Gallonen und kommen kurz darauf mit unseren Kanistern zurück. Der kostbare Kraftstoff wird durch ein altes T-Shirt gefiltert und in die Kanister abgefüllt. Allerdings ist das Umfüllen eine einzige Sauerei, respektive ein echtes Umweltdesaster. Zurück auf dem Schiff lasse ich die Kanister zum Ablüften erstmal auf dem Deck stehen. Weil heute Montag ist, beginnen wir nach zwei Monaten wieder mit dem Unterricht. Felix ist darüber allerdings nicht wirklich unglücklich, da ihm ohne Internet doch hin und wieder ziemlich langweilig ist.

Über Langeweile kann ich mich nicht beklagen, denn am Boot gibt es immer etwas zu tun. Die Hitze und die salzige Luft fordern eben ihren Tribut. Aktuell zickt die Ankerwinsch herum. Da ich auf ein Kontaktproblem tippe, baue ich den Schalter der Winsch auseinander und entdecke dabei mehrere lockere Drahtverbindungen. Das Bedienelement wird frisch verdrahtet und funktioniert prompt – hurra! Und weil es so schön war, ist am nächsten Tag der stotternde Chinese dran. Der kann allerdings nur an Bord repariert werden und dazu muss erst eine stabile Halterung innerhalb des Cockpits ersonnen werden. Die Lösung des Problems fällt mir über Nacht ein und so können Felix und ich am nächsten Morgen mit den Reparatur- und Wartungsarbeiten des Außenborders beginnen. Zuerst wird der Vergaser ausgebaut und alle vorhandenen Ventile gereinigt. Danach ist die Zündkerze dran und zum Schluss wechseln wir noch das Getriebeöl. Zwei Stunden später hängt der Motor wieder am Dinghi, springt prompt an und Felix kann die erste Probefahrt machen – Wieder ein Problem weniger. Beim nachmittäglichen Ausflug nach Nargana zickt er allerdings schon wieder herum! Ich denke das Problem sind Verunreinigungen im Sprit. Wir müssen in Colon unbedingt einen kleinen Kraftstofffilter besorgen.

Am nächsten Tag werden wir noch mit Frischwasser versorgt und unsere Wäsche wird angeliefert. Wir laden Ferderico auf eine Cola ein und er erzählt uns von seiner Sozialarbeit mit den behinderten Kindern. Selbstverständlich lassen wir uns zu einer Spende für sein Projekt überreden. Wir tragen uns in sein Spendenbuch ein und müssen damit rechnen, am Ende des Jahres namentlich im panamanesischen Fernsehen erwähnt zu werden – Schöne Geschichte! Danach heißt es Anker auf. Unser nächstes Ziel ist Sabuduporedup. Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir das Atoll. Die Ansteuerung ist kein Kinderspiel! Riff reiht sich an Riff, dazwischen immer wieder flache Sandbänke! Hier ist volle Konzentration gefragt. Die Passage zu unserem Ankerplatz treiben mir teilweise den Angstschweiß auf die Stirn. In diesen tückischen Gewässern ist die Navigation nach Sicht unerlässlich. Während ich im Bugkorb stehe und nach Untiefen oder großen Korallenblöcken Ausschau halte, steuert uns Antje mit Hilfe der Bauhauskarten souverän durch das Riff zu unserem Ankerplatz vor Sabuduporedup. Wir lassen den Anker fallen, aber diesmal will er sich nicht so richtig eingraben. Plötzlich ein harter Ruck und wir sind fest. Felix und ich hüpfen ins Wasser und kontrollieren den Anker. In zehn Meter Wassertiefe hat er sich zwischen zwei kleinen Korallenköpfen verkeilt – Mist! Felix taucht nach unten, bricht den Anker aus und steckt ihn in den Sand. Wir schwimmen zurück an Bord und fahren den Anker erneut ein. Ein kurzer Ruck und wir sind fest. Danach das gleiche Spiel, aber jetzt sieht alles gut aus.

Unser neuer Liegeplatz hat absolutes Postkartenniveau, Blauwasserfeeling pur! Türkisfarbenes Wasser, weißer Sandstrand, einzelne Palmen hängen über dem Meer, alles ist herrlich grün und im Hintergrund die bergige Küste Panamas – Wahnsinn! In den nächsten beiden Tagen machen wir mehrere Ausflüge auf die beiden Inseln. Im flachen Uferwasser umrunden wir die Inseln und machen an einem Strandabschnitt das erste Mal Bekanntschaft mit Sandfliegen. Für die kleinen, kaum sichtbaren Mistviecher sind wir eine willkommene Abwechslung im Speiseplan. Innerhalb weniger Minuten sind unsere Knöchel verstochen, da hilft nur die Flucht ins Wasser. Im klaren, flachen Wasser entdecken wir faszinierende Seesterne und Seeschnecken, die natürlich genauer untersucht werden wollen, aber anschließend wieder unbeschadet ins Wasser entlassen werden. Die Seeschnecke macht allerdings einen ziemlich pikierten Eindruck, als sie aus ihrem Haus kommt und uns sieht! Okay, sorry für die Störung.

Einziger Wermutstropfen in diesem Paradies ist mal wieder der allgegenwärtige Zivilisationsmüll. Wenn man das so sieht möchte man denken: Paradise is lost! Der Anblick regt auf alle Fälle zum Nachdenken an. Morgen geht’s weiter nach Waisaladup …

 

Fair winds und bis bald,

eure Inselhüpfer von der Auriga

San Blas – Von Aridup nach Niadup

34_Aridup (18)

Nach unserer aufregenden Überfahrt brauchen wir erst einmal etwas Erholung, den alle sind ziemlich geschafft. Trotzdem kontrolliere ich im Laufe des Tages im warmen Meerwasser mehrfach unseren Anker, aber alles passt! Unser Liegeplatz im Windschatten von Aridup und hinter den beiden Unterwasserriffen bietet uns hervorragenden Schutz vor Wind und Welle. Meine Befürchtung, dass der Anker nicht halten könnte sind also völlig unbegründet. Jetzt wird erstmal richtig ausgeschlafen. 12 Stunden später können wir zu ersten Mal die Umgebung entspannt geniessen. Im ruhigen Wasser liegen wir vor dem satten Grün Aridups. Die baumhohen Palmen wiegen sich in der Meeresbrise, die See streicht sanft über die menschenleeren Sandstrände. Neidisch? Zurecht! A dream comes true – Langsam stellt sich bei mir Blauwasserfeeling ein! Zum Glück verhindert die Wolkendecke an diesem Morgen einen romantischen Sonnenaufgang, sonst wäre es nicht zum Aushalten. Ja, so habe ich mir die Karibik immer vorgestellt! Ruhig und naturbelassen. Und nun finden wir sie hier im äußersten Südwesten des Atlantiks, weitab von Kreuzfahrt- und Backpackertourismus. Hierher gibt es keine organisierten Ausflüge, Aridup kann man nur mit dem Boot erreichen. Wir mussten viele Entbehrungen, Stürme und andere Widrigkeiten in Kauf nehmen um hierher zu gelangen, aber es hat sich gelohnt.

Am Nachmittag kommt der Chief der hiesigen Kuna-Indianergemeinde vorbei und teilt uns mit, dass wir vier Tage bleiben können, aber danach ein Crusing-Permit für Panama benötigen – Okay, das ist ein faires Angebot, schließlich haben wir noch nirgends einklariert und befinden uns illegal in Panama. Die San Blas Inseln und die angrenzende Küste sind eine autonome Region innerhalb Panamas, die von den Kunas verwaltet wird. Die hier lebenden Indianer gehen noch weitgehend ihrer traditionellen Lebensweise nach, auch wenn fast überall Fernsehen und Internet verfügbar sind. Tagsüber können wir beobachten wie sie mit ihren selbstgebauten Einbaumkanus vom nahegelegenen Festland nach Aridup zum Fischen paddeln oder segeln. Man grüßt sich freundlich, lässt sich aber sonst in Frieden. Später bekommen wir aber doch noch Kunabesuch und erstehen eine herrliche Makrele für´s Abendessen. Birger und Felix bekommen den Auftrag den 3-4 kg Fisch auszunehmen und grillfertig vorzubereiten. Nach einer Stunde harter Arbeit ist alles erledigt und dem abendlichen BBQ auf der Samantha steht nichts mehr im Weg.

Vor allem die nur einen Steinwurf entfernten Unterwasserriffe sind die nächsten Tage unser Ziel. Im kristallklaren Wasser können wir beinahe zehn Meter in die Tiefe sehen – unglaublich! Die Unterwasserwelt ist nicht der Brüller, aber absolut okay. Die Korallen bilden eine bizarre Unterwasserkulisse. Riesige Hirnkorallen wechseln sich mit gewaltigen Fächerkorallen und anderen kalkbasierten Lebewesen ab. Vor der Flachwasserzone befindet sich ein kleiner Abhang und hier finden wir allerlei Meeresgetier. Papageinfische, Doktorfische und andere bilden ein buntes Kaleidoskop der maritimen Unterwasserwelt. Unter einer großen Hirnkoralle entdecken Felix und ich die ersten Langusten. Ich merke mir ihre Adresse und werde später nochmal mit den besten Absichten meine Aufwartung machen! Während Antje und ich regelmäßig die Riffe abschnorcheln, hat Felix das Apnoetauchen für sich entdeckt, endlich macht das Kind mal was Nützliches. Vor allem als mir am nächsten Tag beim Wechseln der Zinkanode am Propeller selbige entgleitet und auf dem Meeresgrund verschwindet, zahlt sich Felix neue Leidenschaft aus. Die zehn Meter zum Grund taucht er mittlerweile locker hinab und bringt die Zinkanode wieder an die Oberfläche zurück. Beim zweiten Versuch hilft er mir und die Anode befindet sich wieder an Ort und Stelle.

Am nächsten Tag ist es dann soweit! Obwohl wir es niemals für möglich gehalten haben, geschieht es und es trifft uns völlig unvorbereitet – wir haben bedeckten Himmel und die Sonne scheint den ganzen Tag nicht! Seit über 730 Tagen haben wir sie jeden Tag gesehen und nun versteckt sie sich hinter einer geschlossenen Wolkendecke, also so was, unzuverlässiges Miststück! Wat is hier mit Barfußroute? Trotzdem fällt die Außentemperatur nicht unter 28° C, im Boot haben wir ziemlich konstante 30°C, aber der beinahe permanente Seewind und unsere diversen Ventilatoren sorgen immer für eine frische Brise in unserem Zuhause, auch wenn ich unsere geliebte Klimaanlage sehr vermisse. Überhaupt ist das Wetter irgendwie kaputt und nach meinem Geschmack zu wechselhaft. Wahrscheinlich liegt es an der beginnenden Regenzeit. Fast jeden Tag regnet es entweder am Vor- oder am Nachmittag. Allerdings nutzen wir die kurzen Schauer für eine gepflegte Süßwasserdusche auf dem Vordeck. Im lauwarmen Regen macht die tägliche Körperpflege gleich doppelt so viel Spaß und eine erfrischende Abkühlung ist es obendrein. Abends können wir regeläßig intensives Wetterleuchten über dem Festland Panamas beobachten und hin und wieder zeigt sich sogar die Milchstraße in ihrer vollen Pracht. Zwischendurch ziehen immer wieder kleiner Gewitterfronten über uns hinweg. Aber selbst bei Wind bis 25 Knoten bleibt unser Anker standhaft und bewegt sich im sandigen Untergrund keinen Zentimeter. Die neuen Ankererfahrungen verstärken mein Vertrauen in die für uns bisher noch unbekannte Liegetechnik ganz erheblich und lassen mich nachts ruhig schlafen, obwohl wir unsere Position natürlich ständig via GPS mit einer speziellen Anker-App kontrollieren.

Insgesamt bleiben wir sechs Tag vor Aridup. Die neuen Solarpanels produzieren bei Sonnenschein über 20 Ampere pro Stunde. Zusammen mit dem alten Panel und dem Windgenerator kommen wir auf fast 200 Ah pro Tag. Damit ist unsere Stromversorgung hundert Prozent gesichert und wir brauchen uns keine Sorgen machen. Während wir auf den kleinen Antillen noch den Kühlschrank ausgeschaltet und unsere elektrischen Spielzeuge nur bei Motorbetrieb geladen haben, können wir jetzt nach Lust und Laune Strom verschwenden! Muss noch jemand was aufladen? Nein, Schade! Selbstredend sind unsere Tage natürlich nicht nur mit Baden, Schnorcheln und Rumhängen ausgelastet. Täglich müssen 30 Liter Wasser produziert werden um unseren Frischwasserbedarf zu decken. Nach seiner Konservierung nimmt die Wasserentsalzungsanlage ihren Dienst ohne Probleme auf und produziert in zwei Stunden, die gewünschte Wassermenge. 10 Liter Trinkwasser, 10 Liter Brauchwasser und 10 Liter für unsere Außendusche. Solange alles funktioniert, sind wir jetzt offiziell völlig autark! Wenn es jetzt noch mit dem Fischen klappt ….

Unsere nächste Station auf den San Blas Inseln ist die Devil Cave vor Niadup. Die 15 nm bis Niadup motoren wir gemütlich und kommen am frühen Nachmittag vor der Insel an. Anders als Aridup ist Niadup bewohnt. Die ganze Insel und das benachbarte Sindup sind übersät mit den typischen Palmblätter gedeckten Kunahütten und -häusern. Dementsprechend ist hier richtig was los. Als wir einlaufen, sehen wir ca. 10 Kunakanus beim Fischen in der Bucht, Wassertaxis geben sich am kleinen Pier die Klinke in die Hand. Am Nachmittag kommt ein Fischer vorbei und wir dürfen seinen Fang begutachten. Mehrere gut gebaute Langusten verstecken sch in seinem Kanu. Wir fackeln nicht lange und erstehen drei sehr ansehnliche Exemplare der wohlschmeckenden Krustentiere. Für 2,9 kg Langusten löhnen wir 30 US – aus mitteleuropäischer Sicht ein echtes Schnäppchen! Alex und Birger haben sich ebenfalls mit Langusten eingedeckt und wir verspeisen die Leckerbissen am Abend mit Kartoffelpüree, Muskatnuss aus Grenada darf hier natürlich nicht fehlen, und einem gemischten Salat. Die ganze Geschichte spülen wir mit einem trockenen chilenischen Weißwein runter – hmmmm! So kann man´s aushalten!

Am nächsten Nachmittag bekommen wir vom Sectretario der Insel Besuch. Wir bezahlen die 10 US Cruising-Permit für die San Blas Inseln und bekommen die Erlaubnis Niadup später zu besuchen. Das können wir uns natürlich nicht entgehen lassen, schließlich befinden wir uns noch in den touristisch eher unerschlossenen Teilen des Archipels! Als Felix uns und Birger später zum Pier chauffiert sind wird ziemlich gespannt was uns erwartet. Nach dem Anlegen werden wir von Viktorian herzlich in Empfang genommen und durch die Siedlung geführt. Antje fungiert mit ihren Spanischkenntnissen als Übersetzer, der Rest wird mit Händen und Füßen erledigt. Obwohl die Insel von unserem Ankerplatz aus sehr klein aussieht, wird sie von knapp 2000 Kunas bewohnt. Wie in einer deutschen Kleinstadt befindet sich Hütte an Hütte, dazwischen verschiedene Begegnungsstätten. Überall sehen wir Solarpanels. Der absolute Kracher sind aber zwei Telefonzellen der Panama Cable and Wireless Company – unglaublich! Gebt den Wilden eine Telefonzelle und sie sind keine Wilden mehr! Eine der beiden Telefonzellen funktioniert zu unserer Überraschung sogar. Allerdings werden sie nicht benützt, weil natürlich viele mittlerweile ein Handy nutzen.

Die Tour durch das Dorf ist trotzdem sehr interessant. Kleine Gemüsegärten, Bananenstauden, Brotfruchtbäume und Kokspalmen wechseln sich fröhlich ab. Wir können einen Kanuschnitzer bei seiner Arbeit beobachten. Die typischen Kunakanus, Kayaku genannt, werden aus einem einzigen Stamm tropischen Hartholzes geschnitzt. Sowohl die Sitzbänke als auch die Halterungen für den Mast werden aus einem Stück gefertigt! Ca. zwei Wochen dauert es, bis ein sechs Meter langes Kanu fertig ist. Der Erbauer fordert uns auf, ein Fotos zu machen und posiert stolz vor seinem unvollendetem Werk. Wir besuchen Viktorians Familie und Antje darf sich sogar im Haus umsehen. Auf der Straße spielen die Kinder Volleyball und die ganz kleinen Pimpfe können schon auf den Händen laufen, was sie uns immer wieder gerne demonstrieren. Natürlich gibt es auf der Insel auch eine katholische Kirche, allerdings besteht die Gemeinde glaubenstechnisch aus Katholiken, Methodisten und Mormonen – wer hätte das gedacht! Im Zentrum der Insel befindet sich der „Congresso“ oder Gemeindehaus. Hier treffen sich die Einwohner, wenn wichtige Entscheidungen anstehen oder Neuigkeiten vom Chief bekannt gegeben werden. Wir sehen viele ältere Frauen in den für die Kunaindianerinnen typischen Molas gekleidet. Das hohe Lebensalter der Einheimischen und das Fehlen von typischen Zivilisationskrankheiten hat die Kunas in der Vergangenheit zum Studienobjekt der modernen medizinischen Forschung gemacht. Wir erstehen noch 15 Brötchen und werden wieder zum Pier geleitet. Am Ende der Tour geben wir Viktorian noch ein Bier aus und verlassen die Insel mit vielen Eindrücken im Gepäck.

34_Aridup (35)

Eine Stunde vor Dämmerungsbeginn machen Birger und ich noch einen Ausflug zum Festland. Wir können trocken in der brechenden Brandung anlanden und machen einen Spaziergang am Strand. Völlig unverhofft entdecken wir einen ins Meer mündenden Fluss. Süßwasser umspült unsere Füße! Es ist klar und vor allem deutlich kühler als das karibische Meer. Also nicht lange facklen und hinein. Die Abkühlung im Süßwasser ist fantastisch. Die erste Badewanne seit wir von den kanarischen Inseln aufgebrochen sind. Bevor die Dämmerung anbricht müssen wir allerdings zurück, weil die ersten Moskitos schon unterwegs sind. Als wir vom Strand ablegen können wir unzählige Schwalben über dem Strand entdecken – höchste Zeit zum Ablegen! Natürlich reiben wir den Zurückgeblieben die Freuden des Ausflugs sofort unter die Nase, aber es war wirklich ein sensationelles Badeerlebnis. Morgen geht es weiter zur Isla Puyadas, mal sehen was uns hier erwartet!

34_Aridup (45)

Fair winds und bis bald,

eure Wilden von der Auriga

Im Auge des Sturms

33_Überfahrt (3)

Am Mittwochmorgen geht es dann wirklich los. Laut Wettervorhersage sollte der Wind für mindestens 24 Stunden aus Nordost, also der richtigen Richtung kommen, so dass wir mehr als die Hälfte der 270 nm langen Strecke zu den San Blas Inseln angenehm segeln können. Bei angesagten 10 bis 15 Knoten Rückenwind und moderatem Wellengang freuen wir uns auf einen schönen Segeltag. Am Steg werden noch E-Mailadressen und gute Wünsche ausgetauscht, wir legen gemeinsam mit der SY Samantha ab und sind nach fünf Monaten wieder on the road! Sobald wir die Bucht von Santa Marta verlassen, stellt sich der angesagte Wind ein, wir setzen Segel und gleiten unserem ersten Etappenziel Barranquilla entgegen. Normalerweise starten wir ja bei mehrtägigen Überfahrten meistens am frühen Nachmittag, weil wir dann relativ schnell in die deutlich kühlere Nacht hineinsegeln können. Diesmal wollen wir das knapp 40 Seemeilen entfernte Barranquilla aber unbedingt bei Tageslicht passieren, da hier der aus den Zentralanden kommende Rio Magdalena in die karibische See einmündet und häufig größere Baumstämme oder andere Hindernisse (Kühlschränke! ect.) ins Meer entlässt.

33_Überfahrt (31)

Als die große Industriestadt nach knapp sechs Stunden in Sicht ist, beginnt unsere Windfahnensteuerung ein Eigenleben zu entwickeln. Wir können nur noch mühsam den Kurs halten, müssen immer wieder korrigierend eingreifen – irgendetwas stimmt nicht! Ein Blick in unser Kielwasser und das Problem ist erkannt. Offensichtlich hat sich ein dickes Bündel Wasserhyazinthen in unserem Ruder verheddert und behindert das Pendelruder der Windfahnensteuerung bei seiner Arbeit. Mit dem Bootshaken versuche ich die fingerdicken Halme von unserem Ruderblatt zu lösen, aber das Gestrüpp ist widerspenstiger als erwartet – Also muss der Kapitän ins Wasser! Wir holen das Vorsegel ein, um unsere Fahrt zu reduzieren, mit einer dicken Rettungsleine gesichert hüpfe ich ins badewannenwarme Wasser und befreie unsere Steueranlage von seinem störenden Anhängsel. Die ganze Aktion dauert eine halbe Stunde, aber danach funktioniert unser Förthmann wieder völlig normal und die Reise kann weiter gehen. Kurz darauf können wir die dreckig, braune Brühe des Rio Magdalena vor uns erkennen. Wie mit dem Lineal gezogen, zeigt sich die Grenze zwischen Meer- und Flusswasser. Für die Durchquerung des Mündungsdeltas benötigen wir etwa eine Stunde bis wir wieder das herrlich blaue Wasser der karibischen See erreichen. Glücklicherweise mussten wir keinen Baumstämmen oder ähnlich gefährlichen Hindernissen ausweichen und segeln entspannt der ersten Nacht entgegen.

33_Überfahrt (1)

Zwei Stunden später, es ist bereits stockdunkle Nacht, spinnt unsere Windfahnensteuerung schon wieder. Das gibt’s doch nicht! Ich kontrolliere das Heck – keine Hyazinthen zu sehen. Dafür baumelt eine der beiden Verbindungsleinen vom Förthmann zu unserer Pinne ziemlich lose herum. Ein Knoten hat sich beinahe gelöst – Okay, das ist ja mal ein überschaubares Problem und nach fünf Minuten hat alles wieder seine Ordnung. Während der Fahrt tauschen wir uns regelmäßig über Funk mit Alex und Birger aus. Bedingt durch unsere Probleme mit dem Förthmann sind die beiden schon ca. sechs Seemeilen vor uns. In der ersten Nacht haben wir auf der Auriga anders wie viele andere Crews keine festen Wachzeiten. Antje und ich wechseln uns nach Gusto und Fitness ab. Gegen 2 Uhr in der Nacht weckt mich Antje auf, weil die Windfahnensteuerung schon wieder nicht so richtig will! Geht´s eigentlich noch – drei Pannen an einem Tag, unglaublich. Ich kontrolliere wieder die komplette Anlage. Schon wieder das Pendelruder! Diesmal sind es aber keine Seepflanzen die stören, sondern das ganze Ruderblatt ist nach hinten gekippt. Wahrscheinlich ist ein Wal dagegen geschwommen, kennt man ja! Jetzt ist die ganze Crew gefordert. Wir holen die Segel ein, Antje steuert, Felix illuminiert die Szenerie im Cockpit mit der Taschenlampe und ich hieve das Ruder aus dem Wasser. Die Feststellschraube hat sich gelockert – Das war ja einfach. Ich bringe das Ruder in die richtige Position, zieh die Schraube an, alles fest! und lasse es wieder ins Wasser.

Da ich nun sowieso schon wach bin, übernehme ich gleich die Wache. Mit vier bis fünf Knoten geht es weiter Richtung San Blas Inseln, die Hälfte der Strecke ist beinahe geschafft. Obwohl wir Halbmond haben ist es bei bedecktem Himmel in der Nacht entsprechend dunkel. Landwärts kann ich immer wieder ein faszinierendes Wetterleuchten in der Nähe der Küste beobachten. Im Radar sind vor der Küste Cartagenas große Wassermengen in der Luft zu sehen. Ca. 30 km östlich von uns befindet sich eine Gewitterfront. Wir ändern unseren Kurs von SW auf WSW um den Abstand zu vergrößern und beobachten die Zugrichtung des Gewitters, da laut Wetterbericht „isolated thunderstorms“ zu erwarten sind. Um halb fünf ist Wachwechsel, die Bedingungen sind stabil, allerdings befindet sich das Gewitter nur noch 20 km östlich von uns. Sicherheitshalber reduzieren wir die Segelfläche und Antje übernimmt die Wache.

33_Überfahrt (21)

Ich liege noch keine Stunde auf dem Ohr, da werde ich von Antje geweckt. Das tropische Unwetter hat seine Zugrichtung geändert und befindet sich jetzt unmittelbar vor uns. In der Morgendämmerung können wir riesige dunkle Wolken erkennen, Wetterleuchten über uns, in einiger Entfernung schlagen mehrere Blitze ins Wasser ein. Wir packen noch schnell das Satellitentelefon, Handys und Tablets in den Backofen und dann geht es auch schon los. Die ersten Böen kommen mit 20 Knoten angerollt, die Wellen werden höher und Regen setzt ein. Zum Umziehen ist keine Zeit mehr also setze ich mich mit T-Shirt, Unterhose und Rettungsweste ins Cockpit und bin standby bei unserem Förthmann. Wie gewöhnlich drehen wir durch die Böen in den Wind, ich korrigiere den Kurs ein bisschen und die Windsteueranlage macht den Rest. Wie geplant können wir die nächsten Böen vor dem Wind absegeln. Inzwischen hat auch Starkregen eingesetzt! Die lauwarmen Wassermassen prasseln schräg von hinten in unser Cockpit und sind eine willkommene Morgendusche. Nach ca. 30 Minuten ist alles vorbei, ich bis auf die Unterhose durchnässt und alles überstanden – glauben wir jedenfalls zunächst! Wind und Welle legen sich, es herrscht beinahe Flaute. Allerdings spielt unser Windmesser verrückt und dreht sich im Kreis – wir haben also umlaufende Winde. Beim Blick auf´s Radar sehen wir, dass sich unsere Auriga im Auge des Sturms befindet – irgendwie ein komisches Gefühl. Damit steht uns noch die Rückseite des Unwetters bevor!

33_Überfahrt (2)

Nach 20 Minuten geht es wieder los. Der Wind hat um 180° gedreht, kommt jetzt direkt von vorne und diesmal geht es richtig zur Sache. Innerhalb von 90 Sekunden haben wir Windstärke 7-8! mit Spitzengeschwindigkeiten von über 35 Knoten (bei Wind über 35 Knoten geht unser Windalarm an!), drei Meter hohe brechende Wellen vor uns und waagerechtem Platzregen, Sicht fast Null. Bei diesen Bedingungen haben wir immer noch zu viel Tuch draußen und der Förthmann kann den Kurs nicht ändern. Die Segel knattern bedrohlich und wir drohen komplett in den Wind zu drehen. Somit tritt der Katastrophenfall ein: Der Kapitän greift selbst zum Ruder. Verdammt, ist der Druck aufs Ruder groß. Nur mit ganzer Kraft kann ich die Pinne halten, langsam bekomme ich den dicken Hintern unserer Auriga vor den Wind gedreht und kann sie vom erneuten Anluven abhalten. Mit einem lauten Knall fliegen die Umlenkrollen der Rollgenua aus der Verankerung. Ich zucke ganz schön zusammen! Boa eh, was für eine Scheiße und das alles vor dem ersten Kaffee! Wir legen uns ganz schön auf die Seite und surfen mit sieben Knoten wie die Weltmeister in die Wellentäler. Blitze über uns erleuchten den Himmel, ohrenbetäubende Donnerschläge und die brodelnde See machen diesen Hexenkessel aus. Mit „Thunderstroke“ von AC/DC im Hintergrund wäre die Szene absolut perfekt! Unsere Auriga ächzt, stöhnt und muss ganz schön kämpfen, aber wir lassen uns nicht unterkriegen! Glücklicherweise ist das Gröbste nach einer viertel Stunde vorbei und ich kann die Steuerarbeit wieder an den Förthmann übergeben, bin aber trotzdem ziemlich außer Atem und schon wieder durchnässt! Der Wind geht nach einer halben Stunde auf 20 Knoten zurück, der Regen lässt nach, die Schaumkronen auf den Wellen verschwinden und wir können wieder auf Kurs gehen. Damit haben wir erfolgreich unseren ersten tropischen Sturm abgewettert! Ganz schön hartes Programm für den ersten Segeltag nach fünf Monaten im Hafen, oder? Haben wir das verdient?

Fazit: Wir haben den Sturm ohne Schäden überstanden. Das Material (Rigg und Segel) wurde nicht überbeansprucht. Unter Deck blieb alles an seinem Platz, weder Mannschaft noch Ladung flogen durch die Gegend – Alles war gut verstaut. Wir haben das Unwetter frühzeitig auf dem Radar erkannt, waren zwar nicht richtig gekleidet aber dennoch vorbereitet. Allerdings werde ich das nächsten Mal, wenn wir uns wieder im Auge eines Sturms befinden, die Segel zur Sicherheit noch weiter reffen, man kann ja nie wissen!

33_Überfahrt (19)

Im Radar löst sich das Unwetter bis auf zwei Gewitterzellen langsam auf. Wir erwischen noch etwas Regen und ein paar schwächere Böen, aber dann ist endgültig alles vorbei. Wir kontaktieren die Samantha, die ebenfalls schwer zu kämpfen hatte, aber auch hier ist alles gut gegangen. Allerdings hat der Wind inzwischen auf SW gedreht und bläst uns jetzt direkt auf die Nase. Wir versuchen ein, zwei Stunden am Wind zu segeln, kommen unserem Ziel aber keinen Schritt näher. Am frühen Nachmittag lässt der Wind etwas nach, wir schmeißen die Maschine an und motoren gegen Wind und Welle nach SW. Einige Stunden später ist der Wind fast ganz weg, das Meer beruhig sich und wir kommen mit knapp vier Knoten Richtung San Blas Inseln voran. In der Nacht können Antje und ich zum ersten Mal richtig tief schlafen. Bis auf einen fluoreszierenden Streifen in unserem Kielwasser ist nachts nicht viel zu sehen. Am nächsten Tag spiegelt sich das Morgenrot der aufgehenden Sonne in der fast spiegelglatten See. Nur ein laues Lüftchen weht und unsere Auriga zieht majestätisch ihre Spur durchs blaue Wasser, Schnitt und Abspann – im Kino könnte es nicht kitschiger sein, aber der Anblick entschädigt doch für die Strapazen des Vortages und ich habe ein gutes Gefühl.

Gegen Mittag bekommen wir unerwarteten Besuch – Delphine! Ein Schule mit ca. 10 Delphinen kommt zielstrebig von Osten auf uns zu. Im glasklaren Wasser spielen die Meeressäuger vor unserem Bug, tauchen unter dem Schiff hindurch, springen aus dem Wasser. Manche scheinen sich auf die Seite zu legen um uns zu beobachten. Sie sind so nahe, dass Felix vom Blas der Tiere getroffen wird, aber der Delphin-Rotz hinterlässt zum Glück keine Flecken auf seinem T-Shirt. Nach 20 Minuten haben die Meeressäuger genug, drehen ab und gehen wieder ihren Delphingeschäften nach. Das Schauspiel hat die ganze Familie begeistert und wir motoren mit gemütlichen drei Knoten unserem Ziel Aridup entgegen. Bei einem gepflegten Sundowner genießen wir am Abend noch den Sonnenuntergang und sind auf eine ruhige Nacht eingestellt.

Gegen Mitternacht zeigen sich in einer Entfernung von acht Seemeilen schon wieder Gewitterzellen voraus. Ich habe nicht schon wieder Bock auf Schwerwettersegeln und beschließe nach Nordwesten auszuweichen. Völlig gebannt beobachte ich die nächsten zwei Stunden das Radarbild. Nach einer Stunde ist es allerdings eindeutig – das Unwetter, mittlerweile eine einzige gewaltige Gewitterzelle – zieht nach Südwesten ab und wir sind dem ersten Sturm erfolgreich ausgewichen. Da wir zu schnell sind und nicht im Dunkeln auf den San Blas Inseln ankommen wollen, stoppen wir die Maschine und lassen uns für zwei Stunden treiben. Während sich über uns ein fantastischer Sternenhimmel zeigt, ist in der Ferne ein Wetterleuchten vom Feinsten zu beobachten. Zwei Stunden später hat sich das Gewitter aufgelöst, wir starten den Ferrymann und motoren in der beginnenden Dämmerung auf die Insel Aridup zu.

Im Morgengrauen zeichnen sich nach und nach die einzelnen kleinen, palmenbewachsenen Inseln des San Blas Archipels vor der bergigen Küste Panamas ab. Die Anfahrt ist nicht ganz einfach und nur mit speziellen Karten möglich, da es überall gefährliche Unterwasserriffe gibt. Antje und ich sind bei der Einfahrt in das Archipel voll konzentriert, dabei steht uns der kniffligste Teil noch bevor – seit unserer Abfahrt haben wir erst einmal geankert! Die Anfahrt zur Insel ist allerdings weit weniger problematisch als gedacht. Viel schwieriger ist die Auswahl des richtigen Ankerplatzes. Eigenlich wollten wir der SY Samantha ja den Vortritt lassen, aber die haben wir ja auf den letzten Seemeilen echt versägt – sorry Birger! Wir kreisen ein bisschen unentschlossen vor zwei Unterwasserriffen herum und entschließen uns schließlich in 7,5 Meter Wassertiefe den Anker fallen zu lassen. Alles klappt ganz gut, der Anker hält und wir geben reichlich Kette. Sobald alles festgemacht ist, springe ich ins Wasser und kontrolliere den Anker. Der hat sich perfekt eingegraben, ich bin zufrieden und wir sind endgültig auf den San Blas Inseln angekommen! Nach drei Stunden lässt die SY Samantha den Anker neben uns fallen und wir sind wieder komplett.

Fair winds und bis bald,

eure Seebären von der Auriga